Wienerisch-jüdisch & wostdeutsch-christlich. Ein Dialog-Briefbuch von Barbara Traub & mir

Vor Jahrzehnten habe ich mir als Religionswissenschaftler eine Dialog-Regel hinter die Ohren geschrieben: “Kein zweites Mal alleine.” Denn ich meine, dass lebendige Religionsgemeinschaften sehr gut für sich selber sprechen können – ja sollen. Und das bedeutet, dass ich als Religionswissenschaftler zwar Brücken bauen soll, aber mich nicht als Vor-Sprecher etablieren darf: Ich hielt zum Beispiel pro Stadt einen Vortrag zum Thema “Islam”, verwies aber bei einer zweiten Anfrage auf eine muslimische Kollegin oder einen Kollegen.

Als seitens der Jüdischen Verlagsanstalt (JVB) angeregt wurde, ob ich nicht ein Buch zum Begriff der “Bildung” und 1700 Jahren jüdischen Lebens in deutschen Landen schreiben wolle, zögerte ich aus dem gleichen Grund: Ich hatte in “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” (2019) bereits viel und mit guter Resonanz zum Judentum geschrieben und wollte keinesfalls einer dieser Religionsgelehrten werden, die ständig nur “über” andere Religionen schreiben – und damit auch urteilen. Also sprach ich Professorin Barbara Traub an, ob wir dieses Buch gemeinsam schreiben könnten – und zu meiner Freude sagte sie zu.

Barbara ist die (von der Gemeinde gewählte) Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und seit 2013 auch Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Beruflich arbeitet sie als Psychotherapeutin und lehrt als (Honorar-)Professorin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg je gemeinsam mit einer christlichen und muslimischen Kollegin. Sie entstammt einer jüdisch-sozialdemokratischen Familie aus Wien, die von den Verfolgungen des Austrofaschismus schwer getroffen wurde, aber das Engagement für Bildung und soziale Gerechtigkeit nie aufgegeben hat. Wir und dann auch unsere Familien lernten uns im Jahr 2000 beim christlich-islamisch-jüdischen Abrahamsfest in Filderstadt kennen, woraus über die Jahre eine tiefe Freundschaft erwuchs. Gerade aber weil das große, ehrenamtliche wie auch psychologische und künstlerische Engagement der Traubs vor allem in die jüdische Gemeinde mit Hauptsitz in Stuttgart hinein wahrgenommen wurde, obwohl die Familie den Dialog lebte, hatte ich schon auch das Gefühl, dass die breitere Öffentlichkeit endlich mehr davon erfahren sollte. Immerhin hat die Bundesrepublik Deutschland Barbara Traub bereits das Verdienstkreuz am Bande verliehen, das Land Baden-Württemberg ihr den Landes-Verdienstorden für ihren Einsatz gegen Rassismus, Antisemitismus und religiösen Fanatismus.

Dankenswerterweise sagte Barbara Traub meinem Vorschlag für das gemeinsame Buch nicht nur zu, sondern schlug auch die Briefform und einen Titel aus der jüdischen Pirke Awot-Tradition vor, die die Verantwortung jedes einzelnen Menschen für das Miteinander unterstreicht: “Wer nicht wir, wer dann? Ein Gespräch nach 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland“. Dahinter steckt die sowohl biblische wie wissenschaftlich haltbare Idee, dass jeder Mensch – auch völlig unabhängig von der ethnischen, geschlechtlichen, religiösen Identität – einzigartig geschaffen ist und also ihre und seine einzigartige Verantwortung übernehmen (oder daran scheitern) kann. Die guten Taten und Gespräche, die Ihnen und uns je möglich sind, sind in genau dieser Form niemandem sonst möglich. Die Umsetzung des Dialog-Buchprojektes gelang mithilfe des ebenso präzisen und freundlichen wie geduldigen und hartnäckigen Verlagslektors Ulrich Sander. Unser Briefdialog endet daher, soviel seit verraten, mit dem gemeinsamen Aufruf auch an die Leserinnen und Leser: “Denn wenn nicht Sie – wer dann? Und wenn nicht jetzt – wann?”

Wir haben unser Dialogbuch “Wer nicht wir, wer dann?” (August 2022) in Briefform geschrieben. Cover mfG: Patmos

Aus meiner Sicht hat sich das Format eines Brief-Dialogbuches ausdrücklich bewährt: Ich konnte beispielsweise über die Rolle von Alphabetisierung und Bildung im und aus dem Judentum schreiben, Jeanne Hersch und Karl Popper würdigen – doch es wäre mir völlig unmöglich gewesen, so dicht und packend vom Aufwachsen in einer österreichisch-jüdischen Familie zu berichten wie Barbara aus Wien. Klar hätte ich über Fragen jüdischer Religionszugehörigkeit reflektieren können – doch Barbaras Schilderungen über den Giur (Religionsübertritt) ihres Mannes, des sog. “Vaterjuden” und bildenden Künstlers Herbert Traub – seligen Andenkens – und den entsprechenden Anforderungen an die ganze Familie vermittelt viel mehr.

Wussten Sie etwa, dass es bis vor einigen Jahren in Deutschland gar keinen jüdisch-orthodoxen Beth Din (rabbinischen Gerichtshof) für einen Übertritt gab – und es nach Auffassung vieler nichtdeutscher Jüdinnen und Juden auch gar nicht mehr hätte geben sollen? Auch die Erfahrungen etwa mit der Zuwanderung aschkenasischer Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich gerade nicht als Opfer, sondern als Besieger des deutschen Nationalsozialismus empfanden, habe ich noch nirgendwo so prägnant wie in einer Briefantwort Barbaras gelesen. Ob Sie also völlig neu im Thema oder aber bereits seit Jahren involviert sind – ich darf Ihnen viele Aha-Erlebnisse vorhersagen.

Und: Unsere Freundschaft und Dialogbereitschaft hat sich nicht nur in der Theorie bewährt. Als auch in meiner Heimatstadt Filderstadt eine Gruppe von Verschwörungsgläubigen über das ZDF als “Zionistisches Desinformations Fernsehen” herzog, sagte Barbara Traub als IRGW-Vorstandssprecherin zu und wir sprachen gemeinsam auf einer “Demonstration gegen Verschwörungsmythen, Hetze & Antisemitismus” in der Fußgängerzone in Filderstadt-Bernhausen.

Ich denke, hier bietet die jüdische Tradition wirklich einen Ausblick: Noch nie in der Geschichte gab es solche Möglichkeiten, demokratisch und wissenschaftlich, auch religions- und parteiübergreifend für eine bessere, gemeinsame Zukunft zu wirken. Wir wünschen uns, dass Sie sich anregen lassen – und auch selbst als Teil dieser Chance erkennen. Denn wenn nicht auch Sie – wer dann? Und wenn nicht jetzt – wann?

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

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