Wider die Klischees – Ein Lob der Süddeutschen Zeitung

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Zu den Vorurteilen über Blogger gehört, sie würden keine Zeitungen lesen – oder wenn, dann nur am Bildschirm. Blödsinn. Ich kann und will auf eine gute Zeitung nicht verzichten und bin stolz darauf, als Jugendlicher viele Jahre lang als Austräger gearbeitet zu haben – wie mein Vater vor mir. Was ich jedoch von einem kostenpflichtigen Medium erwarte, ist Qualität: Mehr als den Nachdruck von Nachrichtenagenturen und vor allem mehr als die Bestätigung von Klischees. Und bei schlechter Qualität wechsele ich eben. Seit einiger Zeit ist die Süddeutsche Zeitung mein (auch abonnierter) Favorit – und sie hat heute gezeigt, warum. Also schiebe ich einen anderen, geplanten Blogpost, um hier im Blog mal ein Printmedium ausdrücklich zu loben.

Heute Erwartungen übertroffen…

Eigentlich hatte ich mich vor allem auf den Abdruck der Antrittsrede von Bundespräsident Joachim Gauck gefreut: Dass die SZ diese im Wortlaut bringt, hatte ich (zu Recht) von ihr erwartet. Dann aber die Überraschung: Mitten in einer Zeit, in der Terroristen und Extremisten versuchen, unsere freiheitlichen Gesellschaften zu spalten, titelt die SZ mit spannenden Wortinterviews von neuen Mittelschichtfamilien in der Türkei, in Indien, China und Brasilien – “Die Aufsteiger”. Und bringt als Titelbild die Familie Gözütok aus Gaziantep vor ihrem VW.

Die Probleme der jeweiligen Gesellschaften werden dabei weder verschwiegen noch verniedlicht – aber gezeigt, dass sich Hunderte von Millionen auf den Weg gemacht haben, aufsteigen, Bildung suchen, auch immer kleinere Familien verzeichnen. Und im Feuilleton glänzt Navid Kermani mit einem packenden Bericht über die musikalische Sufi-Szene in Pakistan: “Wer hier tanzt, der tut es nicht zum Vergnügen” – und kaum ein Monat vergeht, in dem nicht Extremisten einen solchen Sufi-Schrein attackieren. (Sufis sind islamische Mystiker. Vielen Orthodoxen und Fundamentalisten gelten sie wegen ihrer Rituale, Lehren und Heiligenverehrungen als Häretiker.)

Die Vielfalt der Menschheit

Wie oft ist davon die Rede, dass “die Menschheit” vor Herausforderungen stünde? Und dann präsentieren manche Medien doch wieder nur Klischees – selbst über Minderheiten im eigenen Land. Aber um mir Vorurteile (die ich wie jeder andere Mensch auch habe) bestätigen zu lassen brauche ich keine Zeitung. Wenn ich eine lese, so möchte ich, dass sie meinen Blick weitet, vertieft, mich überrascht und zum Weiterdenken anregt. Dafür zahle ich auch gerne. Und empfehle sie – auch via Blog – dann auch weiter.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

27 Kommentare

  1. Vorurteile

    Aber um mir Vorurteile (die ich wie jeder andere Mensch auch habe) bestätigen zu lassen brauche ich keine Zeitung.

    Jeder Mensch (vs. Bär) hat Vorurteile. Vorurteile sind Zwischenurteile und basieren auf der Ausschnittartigkeit der Erfassung und der Begrenztheit des Denkens.

    Nur in tautologischen Systemen wie der Mathematik oder der Philosophie sind Urteile möglich, in der Welt dagegen muss sich das Erkenntnissubjekt mit Vorurteilen und der einzigen Urwahrheit und dem Ururteil zufrieden geben: ‘Etwas ist.’

    Werden Vorurteile unterstellt, um andere abzuwerten, es gibt sage und schreibe eine Vorurteilsforschung, findet nacktes Sozialverhalten statt.

    Wenn einer meint, der andere sei schlecht informiert und/oder dumm, soll er das stattdessen offen sagen, er soll sich offen erheben und argumentieren, nicht “drechseln”.

    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. Webbaer

  2. @Webbär: Vorurteile

    Ja, so sehe ich es wesentlich auch. Wo Menschen gibt wird – und muss – es immer Vorurteile geben. Auch Fremdenfeindlichkeit ist ja (leider) Teil unseres evolutionären Erbes:
    https://scilogs.spektrum.de/…volution-von-homo-sapiens

    Aber das alles heißt m.E. gerade nicht, dass wir es dabei bewenden lassen müssen. Wofür haben wir Menschen Kultur? Gerade wenn uns Suchmaschinen, soziale Netzwerke etc. zunehmend auf “Filter Bubbles” zutreiben – also auf Meldungen, die unseren bisherigen Annahmen und Präferenzen entsprechen – werden m.E. Medien noch wichtiger, die uns auch “über den Tellerrand hinaus” fordern. Bei den Berichten der Mittelschichtfamilien hatte ich zum Beispiel eine ganze Reihe von A-has…

  3. Kultur

    Wofür haben wir Menschen Kultur?

    Die Kultur der Europäischen Aufklärung, es gibt bekanntlich noch andere und nein!, der Sozialismus lässt sich zwar dem “französischen Zweig” der EA zuordnen, aber man sollte dies nicht tun, dient genau dazu Urteile (der Webbaer unterscheidet nicht zwischen Vorurteilen, die immer nur andere zu haben scheinen im politischen Diskurs, und Urteilen) auf einem verständigen Niveau gemeinsam zu bearbeiten. – Es stehen denn auch genau dafür politische Systeme bereit, um Meinungen gepflegt austauschen wie Machtwechsel ordentlich durchführen zu können. Systeme, die im Dreieck Demokratie, persönliche & unternehmerische Freiheit stehen (Demokratie alleine reicht natürlich nicht), führen demzufolge auch untereinander keine Kriege. [1]

    Vorsicht also bei der Unterscheidung zwischen angemessener Kritik und unangemessen erscheinender, solange die Kritik den oben beschriebenen Werten folgt, Vorsicht auch bei der Rhetorik, also was bspw. die Verwendung von Präfixen, Suffixen und Kampfbegriffen bekannter Bauart betrifft.

    BTW, Gauck finden Sie auch gut, oder?

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1] es gibt hier einige weinige Ausnahmen ungefestigte junge “westliche” Systeme betreffend – Chamberlains Preisgabe der seit 1918 demokratischen Tschechoslowakei bspw. oder der Falklandkrieg

  4. @Webbär: Gauck

    Ursprünglich war ich Gauck gegenüber eher reserviert, zumal ich ihn im persönlichen Umgang als sehr klug, aber ziemlich eitel erlebt hatte. Seine Antrittsrede empfand ich jedoch als sehr beeindruckend, vor allem seine Zurückweisung des Extremismus:

    “Anders als die Demokratie von Weimar verfügt unser Land über genügend Demokraten, die dem Ungeist von Fanatikern, Terroristen und Mordgesellen wehren. Sie alle bezeugen mit unterschiedlichen politischen oder religiösen Gründen: Wir lassen uns unsere Demokratie nicht wegnehmen, wir stehen zu diesem Land, nicht weil es so vollkommen ist, sondern weil wir nie zuvor ein besseres gesehen haben. Und speziell zu den rechtsextremen Verächtern unserer Demokratie sagen wir in aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.

    Die Extremisten anderer politischen Richtungen werden unserer Entschlossenheit in gleicher Weise begegnen. Und auch denjenigen, die unter dem Deckmantel der Religion Fanatismus und Terror ins Land tragen, und die hinter die europäische Aufklärung zurückfallen, werden wir Einhalt gebieten. Ihnen sagen wir: Die Völker ziehen in die Richtung der Freiheit. Ihr werdet ihren Zug vielleicht behindern, aber endgültig aufhalten könnt ihr ihn nicht.”

    Als jemand, der selbst über das Internet von Rechtsextremisten mit dem Tode bedroht wird, hat er mir da aus dem Herzen gesprochen!
    https://scilogs.spektrum.de/…-antwort-auf-n-rnberg-2.0

    Das wird wohl ein spannender Bundespräsident!

  5. Gaucks Antrittsrede

    Gerne ergänzend:

    Mir macht allerdings auch die Distanz vieler Bürgerinnen und Bürger zu den demokratischen Institutionen Angst, die geringe Wahlbeteiligung, auch die Geringschätzung oder gar Verachtung von politischem Engagement, von Politik und Politikern. Meine Bitte an Regierende wie Regierte: Findet euch nicht ab mit dieser zunehmenden Distanz.

    Für die politisch Handelnden heißt dies: Redet offen und klar, dann kann verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden.

    Das ist in der Tat ein ganz anderes Niveau als bei den drei Vorgängern. Roman Herzog war der Letzte, der dem Schreiber dieser Zeilen noch mit Inhalten im Gedächtnis geblieben ist.

    Hinter “Nürnberg 2.0” steht anscheinend Michael Mannheimer, ein Rechter, aber kein Sozialist, demzufolge auch den üblichen Definitionen folgend nicht rechtsextrem. Vorfreude auf ‘Verfahren’ und nachfolgende Bestrafung gibt es auch bei streng links Bemühten, war in den Siebzigern quasi Mode, es lagen Listen an den Unis offen aus, die “Antifa” ist heute noch dementsprechend unterwegs, eine reale Gefahr für Leib und Leben besteht hier wohl zum Glück nicht, mit Sachbeschädigung kann aber durchaus gerechnet werden.

    MFG
    Dr. Webbaer (der früher von Links, heute aus der Schia, der Salafiyya und was es da noch so gibt an islamischer Radikalität, auch schon so einiges zu lesen bekam)

  6. @Dr. Webbaer: Störung des Kaffeeklatschs

    Nur in tautologischen Systemen wie der Mathematik oder der Philosophie sind Urteile möglich, in der Welt dagegen muss sich das Erkenntnissubjekt mit Vorurteilen und der einzigen Urwahrheit und dem Ururteil zufrieden geben: ‘Etwas ist.’

    Soll ihr Satz, den ich gerade zitiert habe, eigentlich selbst ein Urteil sein? Oder handelt es sich bei diesem ihrem Satz nur um ein Vorurteil?

  7. Urteile in der Tautologie

    @Ano nym
    Dr. W arbeitet nur mit Urteilen, weil er Urteile nicht von Vorurteilen (anderer) unterscheiden mag.

    Die Mathematik ist doch recht einfach (vgl. mit der Welt) und lädt zu Urteilen oder Beweisen basierend auf ihrer Axiomatik ein.

    Sicherlich handelt es sich hier um ein Urteil, um ein Meta-Urteil in diesem Fall. Ein Urteil, das wahr sein kann. Auch wenn komplexe Axiomatiken bekanntlich hier Grenzen setzen.

    In der Welt sind alle Urteile “Vorurteile” oder “Zwischenurteile”, die Moderne Wissenschaftlichkeit arbeitet bezogen auf die Natur bewusst mit Provisorien.

    MFG
    Dr. Webbaer

  8. @Blume

    Wieso Hass,immer Ihre gleiche Methodik entweder Rechtsradikal oder Hass oder Islamophobie . Wie immer wieder beobachtet in Ihren Blogs sind sie unfähig gegenüber Kritik, auch wenn diese etwas derb ist.

  9. @Rosengold

    Wer andere so dümmlich auf der persönlichen Schiene angeht wie MIke beweist doch, dass es gar nicht um sachliche “Kritik” geht, sondern um persönlichen Frust und daraus abgeleiteten Hass. Sorry, aber für solche Ausfälle ist mir die Zeit wirklich zu schade – ich moderiere hier ja keine Therapie. Und finde es immer wieder faszinierend, wie Ihr Euch hier immer wieder plump selbst entlarvt – und meinen Blog mit Klicks und Kommentaren dazu auch noch stärkt. Sachlich und gerne auch intensiver diskutiere ich aber lieber mit jenen Kommentatorinnen und Kommentatoren, die dazu willens und fähig sind. Wenn Ihr hier ernst genommen werden wollt, versucht es doch einfach mal mit Stil und Inhalten – sollte selbstbewussten Angehörigen einer stolzen Kulturnation doch eigentlich nicht so schwer fallen, oder!? Und schaffen andere doch auch! Nur Mut! 🙂

  10. Realitätsverlust und Größenwahn

    @ Michael Blume schrieb:

    “Wer andere so dümmlich auf der persönlichen Schiene angeht wie MIke beweist doch, dass es gar nicht um sachliche “Kritik” geht, sondern um persönlichen Frust und daraus abgeleiteten Hass. Sorry, aber für solche Ausfälle ist mir die Zeit wirklich zu schade – ich moderiere hier ja keine Therapie.”

    Ich bin kürzlich versehentlich auf Ihren Blog (obwohl eigentlich gesperrt) geraten, weil ich auf einen Kommentar von Ihnen antworten wollte und gar nicht gemerkt habe, dass Sie der Autor des Beitrages sind.

    Aber dass Sie hier einen pointiert humorigen Kommentator Frust, Hass und Therapiebedürftigkeit unterstellen und sich selbst als Therapeut und an vorderster Front derer sehn, die unser neuer Bundespräsident ermunterte, Flagge gegen Rechtsextremismus zu zeigen, zeigt einmal mehr, dass Sie an Realtitätsverlust, Größen- und Verfolgungswahn leiden.

  11. @Geoman

    Himmel, ich hatte Sie freigeschalten, um Ihnen wieder eine Chance zu geben. Und das haben Sie echt nicht gemerkt??? Sie haben nicht mal gemerkt, wo Sie kommentieren??? Ooooo-kay, das spricht ja für sich, Herr Mentig! 😉

    BITTE noch ein paar von Euren Frust- und Hasskommentaren! Das ist ja echtes Kabarett hier, mit Sarrazins Kommentator-Elite auf selbst-entlarvenden Hochtouren! Und jede(r) kann es sehen und sich mit-amüsieren! Köstlich! 🙂

  12. Zeitungen

    Vielen Dank für das Teilen. Ich mag deine Artikel und ich mag auch Zeitungen, auch wenn ich meinem eigenen Blog und haben es aktiv ist und all die Dinge. Viel Glück für Sie!

  13. Was für eine Keilerei …

    … also, Herrn Geoman sollten Sie, @ Blume, vielleicht doch besser löschen. Da kommt ein Ton in die Diskussion, der hier einfach fehl am Platz ist.
    Realitätsverlust, nein, das ist es wirklich nicht.
    Die große Sympathie für allerlei Religion, die Sie hier soooo oft bekunden, ist für mich als Amateur-Wissenschaftler allerdings immer wieder merkwürdig.
    Da wir Menschen mittlerweile in der Lage sind, die Evolution selber zu steuern, wäre es langsam mal an der Zeit, den Ungläubigen und ethisch fundierten Menschen eine Chance zu geben. Ein Mangel an Religiosität kann ja nun wirklich nicht beklagt werden, das Gegenteil ist schlicht der Fall.
    Was an Herrn Gauck “spannend” ist, erschließt sich mit als Ungläubigen z.B. überhaupt nicht … und damit stehe ich nun wirklich nicht allein.
    Spannend fände ich einen Präsidenten, der den Mut hätte, den Parteipolitikern nahezulegen, endlich die vom Grundgesetz geforderte Trennung von Staat und Kirche zu vollziehen! Darum kümmert sich nämlich keine Partei.
    Auch wenn in Diskussionen mit Herrn Gauck “Die Deutschen” ausschließlich in Katholiken und Protestanten unterteil werden, hat er noch nie ein Wort über Atheisten verloren, die es einzubeziehen gälte. Nein, er freut sich darüber, mit den Katholiken gut klarzukommen, auch mit Muslimen usw… Ungläubige werden schlicht ignoriert … und dann beruft er sich auf Gott. Das ist nicht nett gegenüber einer so starken gesellschaftlichen Gruppe.
    “Spannend” vielleicht im Sinne von “anspannend”, und “ärgerlich machend” …

  14. @Detlef Piepke

    Vielen Dank! Und ja, an sich lösche ich bei persönlichen Attacken auch lieber, aber andererseits war es doch allzu entlarvend, was selbst ein Lob für eine Zeitung (!) bei einigen gleich wieder auslöst. Das ist wohl enthüllender als vieles, was man abstrakt schreiben könnte, deshalb habe ich es diesmal einfach stehen lassen.

    In Sachen “Sympathie für Religion(en)” und “Chance für Ungläubige und ethisch fundierte Menschen” kann ich Ihrem Kommentar sehr viel abgewinnen. Der Witz ist ja, dass ich selbst Religion(en) durchaus nicht unkritisch sehe und durchaus auch (auch aus eigener Erfahrung) um die Schattenseiten weiß. Aber das plumpe Religions- bzw. Minderheitenbashing in weiten Teilen des Netzes drängt mich halt immer wieder in die Ecke desjenigen, der wenigstens den gröbsten Vorurteilen widersprechen sollte. Religiöse Menschen – häufiger mit großen Familien, häufiger mit Ehrenämtern, weniger häufig mit akademischen Abschlüssen etc. – sind in der (deutschsprachigen) Blogosphäre einfach völlig unterrepräsentiert. Und so, wie ich antiatheistischen Vorurteilen inmitten von fundamental Glaubenden widerspreche, widerspreche ich also auch antireligiösen Klischees hier.

    In Sachen “Chance für die Ungläubigen” kann ich Ihnen nur Recht geben und wundere mich ja selber: Warum scheiterten z.B. in den USA seit Jahrhunderten nichtreligiöse Gemeinschaftsgründungen, obwohl Religionsfreiheit und die strikte Trennung von Kirche(n) und Staat durchgesetzt waren? Warum gingen die israelisch-atheistischen Kibbutzim ein, wogegen die religiösen wachsen? Und warum kennen wir – auch z.B. im mehrheitlich konfessionsfreien Ostdeutschland – noch immer keine nichtreligiöse und dennoch demografisch stabile Population – im Vergleich z.B. zu Freikirchen, jüdischen Gemeinden oder auch nationalistisch-neopaganen Gruppen wie den Artamanen? Wieso ging und geht gerade in den neuen Ländern ein so überproportionaler Anteil der auch politisch Gestaltenden aus kirchlichen Milieus hervor?

    Längst finde es ich es mühsam, immer wieder die gleichen, empirischen Befunde diskutieren zu müssen. Viel spannender wäre es doch, wenn auch Nichtglaubende die Chance der Freiheiten für die Gründung eigener, lebensfähiger Gemeinschafts- und Gesellschaftsentwürfe aufgreifen würden. Oder eben reflektieren, warum dies nicht gewollt wird bzw. nicht gelingt. Das fände ich um Längen kreativer und überzeugender als die Widerholung der immergleichen Vorurteile und Selbstüberhöhungen…

    Passend dazu, gerade erst am Wochenende gesehen die 2008er-TED-Rede von J. Haidt vor einem liberalen Publikum über liberale und konservative Moralpsychologie:
    http://youtu.be/vs41JrnGaxc

    Danke, dass Sie aus der Matrix ausbrechen! 😉

  15. @Michael Blume @Detlef Piepke

    “Und warum kennen wir – auch z.B. im mehrheitlich konfessionsfreien Ostdeutschland – noch immer keine nichtreligiöse und dennoch demografisch stabile Population …
    Längst finde es ich es mühsam, immer wieder die gleichen, empirischen Befunde diskutieren zu müssen.”

    Und warum ist das hochreligiöse Irland das vielleicht einzige Land der Erde, das heute weniger Einwohner hat als vor eineinhalb Jahrhunderten? Wie erklären Sie diesen empirischen Befund? Daß der Katholizismus die Leute dazu bringt, nur wenige Kinder zu zeugen? Die Bevölkerung Chinas ist, seit es “atheistisch” ist, gewaltig gewachsen. Sie wissen, warum das so ist, in beiden Fällen? Es hat nichts mit Religion zu tun? Eben.

  16. @Ludwig Trepl

    Lieber Herr Trepl,

    Irland verzeichnete über Jahrhunderte hinweg (und übrigens auch derzeit wieder) exorbitante Auswandererzahlen z.B. in die USA – und weist auch heute noch (obwohl die Säkularisierung dort massiv im Gange ist) eine der höchsten Geburtenraten in der EU auf. Umgekehrt altert die chinesische Bevölkerung rapide, es “fehlen” u.a. wegen der Ein-Kind-Politik bereits Millionen Mädchen und die “Vergreisung” bedroht das Wirtschafts- und Sozialgefüge, vgl. hier:
    http://www.spiegel.de/…and/0,1518,759457,00.html

    Und, nein, niemand behauptet, dass Religion der einzige, demografische Faktor wäre. Aber als ein wichtiger Faktor lässt er sich eben auch nicht mehr länger leugnen. Wie geschrieben: Hätte Religion keinerlei demografisches Potential, so müsste es auch über Generationen hinweg nichtreligiöse, kinderreiche Populationen wie die Old Order Amish, Haredim, Hutterer etc. geben. Das ist aber nach bisheriger Kenntnis nicht der Fall. Die statistischen Korrelationen kommen hinzu.

    Wenn Sie Lust haben, sich ein paar neuere Studien zum Thema Religion-Demografie anzuschauen, finden Sie eine Auflistung hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/….html

    Aber auch Vorträge und Bücher zum Thema sind (z.B. von Eric Kaufmann oder “Familie und Religion” von Wolfgang Mazal (Hrsg.)) überall erhältlich. Demografie ist ja keine Geheimwissenschaft.

    Mit freundlichen Grüßen, Michael Blume

  17. @ Michael Blume @Ludwig Trepl

    Eben, das sagte ich ja. die Iren sind in Amerika. Die geborenen Ostdeutschen (natürlich sind es prozentual weniger) sind in Westdeutschland. Daß die relativ niedrige Geburtenrate in Ostdeutschland, falls es sie geben sollte, insbesondere zur DDR-Zeit, auch nur das Geringste mit einer (möglicherweise) geringeren Religiosität zu tun hat und nicht mit schlechteren Lebensaussichten und anderen Faktoren, müßte erst einmal gezeigt werden. Ich kann da nichts erkennen. Den kinderreichen religiösen Hutterern usw. stehen die nicht weniger kinderreichen nicht-religiösen Proletarier früherer Zeiten zur Seite und die kinderlosen Nonnenklöster gegenüber.

    Das geht doch alles nicht auf, was Sie da sagen. Fast jeder Ihrer vermeintlichen empirischen Belege läßt sich auch anders und meist plausibler erklären, auch wenn es Einzelfälle gibt, in denen es einigermaßen einleuchtend ist, daß die (spezielle Art der) Religion mit-ursächlich für den Kinderreichtum ist. Ihre Hauptprobleme sind, daß es nicht-religiöse Gesellschaften (in Ihrem Sinn) erst seit einigen Jahrzehnten gibt, Sie also gar nichts zum Vergleichen haben, nicht-religiöse Bevölkerungsteile (die Proletarier und Teile der Oberschicht) schon länger, diese aber ausgesprochen nachkommenreich waren, und vor allem, daß Sie “Religion” in einem Sinn, der für Ihre Frage überhaupt von Bedeutung sein könnte, nicht zu fassen bekommen, es sich vielmehr um etwas extrem Heterogenes handelt.

  18. @Ludwig Trepl

    Und die Amischen, Hutterer etc. haben ihren Kinderreichtum – und sogar ihre deutschen Dialekte – aus Europa in die USA mitgenommen. Demografische Daten aus Europa, USA, Australien usw. finden Sie hier auf dem Blog und in den erwähnten Links. Über Israel, wo das Thema gerade besonders sichtbar ist, habe ich einen Artikel auf Spektrum.de geschrieben. Und über Zölibatäre und ihre potentielle Rolle als Helfer am Nest hatte ich sogar meinen Einstiegs-Gastpost bei Lars Fischer.

    Offenkundig haben Sie meine Arbeiten – und die zahlreicher Kolleginnen und Kollegen – gar nicht zur Kenntnis genommen. Sie könnten aber doch wenigstens annehmen, dass niemand in Religionswissenschaft promovieren kann, der sich der Vielschichtigkeit des Religionsbegriffes nicht auch bewusst ist.

  19. Nachtrag

    Entschieden a-theistische Lehren und Gemeinschaften sind übrigens seit der griechisch-römischen und indischen Antike gut belegt. Weder damals noch heute hatten sie jedoch gemeinschaftlichen und demografischen Bestand, im Gegensatz zu vielen Religionsgemeinschaften, die sich teilweise auch gegen massive Diskriminierungen und Verfolgungen behaupten konnten. So ist nun mal die Befundlage – die noch eindrücklicher wird, da auch weiterhin keine Gegenbeispiele bekannt sind.

  20. @ Blume

    Lieber Herr Blume,

    Manchmal scheint es mir so zu sein, daß sich nun der Kreis zu meinem an Sie gerichteten ersten Kommentar schließt. Sie beobachten und bewerten nicht -so sagen Sie. Und doch kann ich mich nicht immer des Gefühls erwehren, daß Sie doch eine Sympathie denen gegenüber empfinden, die sich erfolgreich fortpflanzten oder wenigstens ihre Kraft dafür einsetzten, das Nest der anderen zu pflegen. Ich weiß, Sie sehen sich als Empiriker. Wir wissen natürlich auch, daß jedes empirische Datum der Interpretation bedarf. Die Sonne geht nun mal nicht auf und unter -auch wenn es so scheint. Und ich kann der Fortpflanzung nichts abgewinnen. Ich will nicht an einen Gott glauben, der mich zum Sklaven seines Evolutionsspiels macht. Als Zuchtbulle für seine Weibchen stehe ich nicht zur Verfügung!

  21. @Dietmar Hilsebein

    Wie Sie schreiben: Jede(r) hat eine Haltung gegenüber den Phänomenen, die auch die Perspektive der Beobachtungen beeinflussen kann und wird. Deswegen finde ich es so unverzichtbar, dass in der Evolutionsforschung zur Religion Atheisten, Agnostiker und Theisten (verschiedener Traditionen) zusammenarbeiten. Nur so wird ein empirischer Schuh draus. Dass dieser Forschungsbereich in den letzten Jahrzehnten so stagnierte hat ja auch mit dem zunehmenden Individualismus, Materialismus und der Traditionsverachtung in weiten Teilen der Akademia zu tun – wir sind halt auch Teile unserer Gesellschaften und Modeströme und viele von uns glaubten ernsthaft, aus Säkularisierungsprozessen in Mitteleuropa auf ein weltweites Verschwinden “der” Religion(en) schließen zu können…

    Und ganz klar: Ja, ich stehe dem (wunderbar evolvierten) Leben im Grundsatz positiv und mit Sympathie gegenüber und betrachte mein Leben zum Beispiel nicht als das eines “Zuchtbullen” (um Ihr Wort zu verwenden), sondern als das eines glücklichen Vaters und Ehemannes. Mir ist zugleich aber eben auch bewusst, wie unser Planet aussehen würde, würden alle Menschen maximal Kinder bekommen. Insofern bin ich für die menschliche Vielfalt auch in dieser Frage durchaus dankbar – und weiterhin von Homo sapiens fasziniert. 😉

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