Warum und wie verweigerten sich die Old Order Amish dem Sozialstaat?

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
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Gerade auch in den Auseinandersetzungen des Kalten Krieges mit dem Sozialismus setzte sich auch in den USA die Forderung durch, Mindeststandards der Gesundheits- und Altersversorgung zu etablieren. So wurden (und werden) Steuer- und Versicherungssysteme aufgebaut, in die Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder auch alle Steuerzahler einzahlen und die umgekehrt Lebensrisiken absichern sollen.

Für die Old Order Amish ergab sich dabei ein Problem, wie es in den gängigen Homo oeconomicus-Büchern der Wirtschaftswissenschaften eigentlich nicht vorgesehen ist: Sie waren und sind bereit, Steuern und Abgaben zu zahlen, lehnen es aber entschieden ab, Leistungen zu erhalten.

Auflösung der Gemeinschaft durch Ansprüch an anonyme Behörden?

Was nach unserer gängigen, individualistischen Methodik völlig widersinnig erscheint, die annimmt, dass jede(r) möglichst wenig leisten und dafür möglichst viel erhalten möchte, stellt sich aus der gemeinschaftlichen Perspektive der Amish geradezu umgekehrt dar: Wenn sich unter ihnen die Ansicht durchsetzen würde, dass für Krankheits- und Notfälle nicht mehr die Familie und Kirchengemeinde, sondern eine anonyme Regierungsbehörde einzustehen habe – dann würden sich die gegenseitige Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl unweigerlich auflösen!

Und so kam es zu der seltsamen Situation, dass Amish-Delegationen etwa bei der US-Steuerbehörde IRS vorstellig wurden und betonten, dass sie durchaus zahlen würden, wenn sie dafür nur ja keine Gegenleistungen erhielten – wogegen die Staatsbeamten konsterniert vermerkten, dafür gebe es leider keine gesetzliche Grundlage, die Amish hätten als Zahler und Empfänger mitzuspielen. Die Amish verwiesen darauf, dass sie seit Jahrhunderten eine gegenseitige Sozialversicherung betrieben und keine staatlichen Programme dafür bedurften, die Behörde berief sich auf die Gesetze, die ausnahmslos für alle zu gelten hätten. Die Konflikte eskalierten und es kam wiederum zu Verfahren, Pfändungen und Verhaftungen.

Die US-Steuerbehörde überreizt ihr Blatt…

Doch am 18. April 1961 überzog die IRS. Drei ihrer Beamten lauerten dem Amish-Bauer Valentine Byler auf seinem Acker auf. Als dieser mit seinem Gespann die Frühjahrssaat ausbringen wollte, beschlagnahmten sie seine drei Pferde vom Pflug weg, versteigerten sie auf einer öffentlichen Auktion, beglichen daraus Bylers Sozialversicherungsbeiträge und erstatteten ihm die restlichen 37,89 Dollar zurück.

Die Folge war ein Aufschrei.

Die New York Herald Tribune fragte: „Was ist das für eine ‚Wohlfahrt‘, die einem Bauern seine Pferde vor der Aussaat wegnimmt, um eine ganze Gemeinschaft in ein ‚Sozial‘-system zu zwingen, das sie weder braucht noch möchte, und das ihre tiefen, religiösen Skrupel beleidigt?“

Wie sich die öffentliche Meinung zu den Amish zu wandeln begann verdeutlicht auch ein Leitartikel von William Fitzpatrick am 2. Mai 1961 im Ledger-Star von Virginia:

„Unsere Gesellschaft ist heute kaum noch weniger durchregiert als jene, denen die Amish und andere ihrer Art aus Europa entkommen wollten. Jeder hat nun eine Nummer, und das Land der Freien und die Heimat der Tapferen ist zum Land der Angepasstheit geworden, wo sich alle Menschen einordnen müssen oder Gefahr laufen, vom Vormarsch des Fortschritts zertrampelt zu werden.

Aber wenn der letzte Amish Buggy von den staubigen Seitenstraßen verschwunden ist – oder verkauft wurde wie Valentine Byler’s drei Pflugpferde – wird das mehr als das Sterben einer Sekte bezeichnen, die von Zeit und Wandel überwältigt wurde. Es wird einen Meilenstein im Sterben einer Freiheit bezeichnen – der Freiheit von Menschen, ihr Leben ungestört von ihrer Regierung leben zu dürfen, so lange sie ihrerseits leben, ohne andere zu stören. Es war eine Freiheit, die dem Land einmal wichtig war.“

Die noch vor wenigen Jahrzehnten als Hinterwäldler und dumme Deutsche geschmähten Amish waren zu Symbolen von US-Freiheits- und Bürgerrechtsbewegungen geworden!

Blume, M. "Die Amish", sciebooks 2012. Erhältlich als eBook und Taschenbuch
Credit: sciebooks.de Blume, M. “Die Amish”, sciebooks 2012. Erhältlich als eBook und Taschenbuch

Und was die Sache für die IRS noch unangenehmer machte: Heute würde man von einem medialen „Shitstorm“ sprechen: Die Berichterstattung und Kommentierung griff schnell über die USA hinaus aus und schadete dem Ansehen der Nation. Kaum eine kommunistische oder sonstwie amerikakritische Zeitung außer- und innerhalb des Ostblocks ließ sich die Story entgehen, wie im angeblich doch so freiheitlichen Kapitalismus drei Steuerbeamte einem armen Bauern die Pferde vom Pflug pfändeten…

Die Amish lernen Politik…

Auch Politiker waren empört. Die IRS empfing nun schnell eine Amish-Delegation und bot ein Memorandum bis zu einer höchstrichterlichen Klärung an. Dummerweise war den Amish ein Klagen vor weltlichen Gerichten aber religiös unmöglich – ihre Urteile kamen meist zustande, weil sie selbst verklagt wurden und sich selbst bzw. mit nichtamisher Unterstützung verteidigten.

Was ihnen jedoch möglich war, war die Bitte an Abgeordnete und den Präsidenten – und das taten sie auch. Briefe, Petitionen und Delegationen machten sich auf den Weg nach Washington – darunter achtzig Amish-Gesandte, die 1962 in Zweiergruppen die Büros von über vierhundert Senatoren aufsuchten.

Nach einigem Hin und Her wurde 1965 ein Zusatz an das US-Medicare-Gesetz angefügt, der es Freiberuflern (wie Landwirten) in gewachsenen Religionsgemeinschaften gestattete, unter bestimmten Voraussetzungen ihre gegenseitige Sozialabsicherung selbst zu organisieren. Und so ist es, bei allen bis heute tobenden Debatten und Gesetzgebungen rund um die Sozialfürsorge in den USA, seitdem geblieben.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem sciebook “Die Amish. Ihre Geschichte, ihr Leben und ihr Erfolg”, erhältlich als eBook und Taschenbuch.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Absurdes Theater durch Bürokratie.
    Wäre es für die Amish nicht einfacher gewesen die strittigen Beträge zu zahlen und die daraus resultierenden Leistungsansprüche zu ignorieren? Sie hätten doch schlecht gezwungen werden können Leistungen in Anspruch zu nehmen. Ich gehe davon aus, das in den USA, wie hier auch, solche beantragt werden mössen. Und ohne Antrag keine Leistung.

    P.S. es scheint sich ein leichter Zahlendreher eingeschlichen zu haben: 18. April 1861 ergibt aus dem Text wenig Sinn. Dann lägen 100 Jahre zwischen den Ereignissen und das ist selbst für Bürokraten eine etwas zu lange Bearbeitungszeit.

  2. @Wanderer

    Vielen Dank für den Hinweis, der Zahlendreher ist korrigiert! 🙂

    Bei den Schulen haben die Amish den o.g. Weg gewählt: Sie zahlen die kommunalen Schulsteuern und betreiben aber nebenher auf eigene Kosten ihre Einraumschulen. Bei der Sozialversicherung fürchteten sie aber ein Eingreifen des Staates in die Familien und Gemeinschaften. Wenn hohe Arztrechnungen anfallen – was in den USA eher Norm als Ausnahme ist – wäre ja jede Familie in Versuchung gekommen, leise staatliche Hilfe anzunehmen statt sich an die Gemeinde zu wenden. Diesen Effekt befürchteten die Amish wohl sehr.

  3. Die Old Order Amish schufen sich ein eigenes Wertesystem, das sich eng an die Bibel anlehnte, weil sie in ihrer alten Heimat oft in Unfreiheit leben mussten und/oder von einem ausbeuterischen System unterdrückt wurden, welches sie hinter sich lassen wollten. Soziale Sicherheit gab es für diese Menschen nur innerhalb ihrer neuen Kirchengemeinde, was natürlich auch Abhängigkeit beinhaltet. Staatliche Sozialsysteme wurden von den Old Order Amish sicherlich mit Misstrauen betrachtet, weil man nicht wusste, ob man dem Staat vertrauen konnte. Ein funktionierendes staatliches System hingegen war erst recht nicht willkommen, da es eine starke Konkurrenz zum eigenen System darstellte und es möglicherweise sogar überflüssig machte. Was wäre also die Alterative gewesen?

    Zum US-Medicare-Gesetz: Dieses regelt nicht nur die medizinische Betreuung, sondern es beinhaltet auch staatliche Rentenzahlungen. Die Old Order Amish sind fast alle Bauern und es wundert mich nicht, dass diese sich gegen ein staatliches Rentensystem aussprechen. In landwirtschaftlichen Betrieben, die von Großfamilien bewirtschaftet werden, war es auch bei uns früher ganz normal, dass alte und schwache Mitglieder mitversorgt wurden. In Deutschland führte man eine Alterssicherung für Landwirte erst im Jahre 1957 ein.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Alterssicherung_der_Landwirte

  4. @Mona

    Vielen Dank für Deine Ausführungen, denen ich gerne zustimme!

    Bei den Amish wird die Altersversorgung traditionellerweise auf dem Hof organisiert: Die Familie des Hoferben übernimmt auch die Verpflichtung für Unterkunft, Verpflegung und, ja, Pflege der Eltern in einem eigenen, sog. “Grossdaadi Häusl” auf dem Hof. Die dort Lebenden bringen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf dem Hof ein und werden dafür in einer reichen, sozialen Umgebung mit Kindern, Enkeln, Besuchern, Gottesdiensten (die ja nicht in Kirchen, sondern wechselnd den Höfen stattfinden) etc. umsorgt. Die Amish akzeptieren Zeiten in Krankenhäusern, aber unser Konzept von Altenheimen und bezahlter Pflege außerhalb der Familie erscheint ihnen fremd und kalt.

  5. @Michael Blume

    “Die Familie des Hoferben übernimmt auch die Verpflichtung für Unterkunft, Verpflegung und, ja, Pflege der Eltern in einem eigenen, sog. “Grossdaadi Häusl” auf dem Hof.”

    Dieses System hab es früher bei den bayrischen Bauern auch. Nur dass das “Grossdaadi Häusl” hier “Austragshäusl” hieß. Die Lebensweise der Old Order Amish kommt mir auch nicht sehr fremd vor, da ich vieles aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern kenne oder es als Kind z.T. noch selbst miterlebt habe. Heutzutage mag die Lebensweise der Amish sehr exotisch anmuten, aber früher lebten die Bauern alle so. Den Unterschied sehe ich allerdings darin, dass es in früherer Zeit keine “modernen” Alternativen gab. Als bei uns in den 1950er Jahren die Mechanisierung einsetzte veränderte sich die Landwirtschaft stark. Nur große Betriebe konnten sich die neuen Maschinen leisten und um sie besser ausnutzen zu können wurden die Felder zusammengelegt. Viele kleine Betriebe mussten aufgeben, und auch die vielen Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, wurden nicht mehr gebraucht. Die Großfamilien lösten sich auf. Inzwischen werden landwirtschaftliche Betriebe wie Industriebetriebe geführt. Mit all den Nachteilen wie “Massentierhaltung” usw. Der Mensch hat sich der Natur und ein bisschen auch sich selbst entfremdet. Von daher ist es gut sich auch mal über alternative Lebensformen Gedanken zu machen. Bei den Amish mag der religiöse Aspekt im Vordergrund stehen, aber anscheinend braucht es einen starken Kitt, um so eine Lebensweise auch heute noch durchzuziehen. 😉

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