Von rundlichen Nashörnern zu lieblichen Einhörnern – Ein vergnügliches Detail der Religions- und Kunstgeschichte

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Selbstverständlich kann man als Religionswissenschaftler den ganzen Tag düstere Themen wie Extremismus, den sich ausbreitenden Verschwörungsglauben oder die Öl- und Glaubenskriege erforschen und beschreiben. Aber geistig wäre eine solche Einseitigkeit wohl nicht gesund (und würde im Übrigen genau den Falschen in die Hände spielen). Auch deswegen gönne ich mir hin und wieder auch mal Arbeiten zu “leichteren” Themen der Alltagskultur und Fantasie, zum Beispiel zum Glauben an Engel – oder an Einhörner.

Und so musste ich doch sehr schmunzeln, als ich auf instagram eine Kalligrafie der Künstlerin Julia von www.farbcafe.de fand, die schrieb:

Ich liebe Nashörner!

Sie sind wie Einhörner

nur dicker

NashoernerEinhoernerfarbcafedeCredit: Julia von www.farbcafe.de

Da konnte ich einfach nicht widerstehen – und mir einen religionswissenschaftlichen #Nerdalarm nicht verkneifen… 😉

Denn unser “westliches” Einhorn geht tatsächlich auf das Nashorn zurück! Von diesem mächtigen und wilden Tier, dem sich laut der Sagen nur ein paarungsbereites Weibchen ungefährdet nähern durfte, hörten auch die Menschen im Mittelmeerraum. Und so fand es Eingang in der Bibel, genauer im Buch Hiob 39,9 mit der hebräischen Bezeichnung “Rem”. (Manche neuzeitlichen Übersetzungen vermuten inzwischen, dass mit “rem” eigentlich ein anderes Tier gemeint war, aber an der historischen Rezeption ändert dies natürlich nichts mehr.) Die frühen griechischen und lateinischen Bibelübersetzungen übertrugen es als “Monoceros” und “Unicornus”. Und auch bei Martin Luther und seiner sprachprägenden Lutherbibel wurde es zum “Einhorn”:

Meinst du das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe?
Kannst du ihm dein Seil anknüpfen, die Furchen zu machen, daß es hinter dir brache in Tälern?

Nashorn + Jesus Christus = Einhorn

Nicht zuletzt wegen dem Verweis auf die “Krippe” wurde das biblische Einhorn schon früh mit Jesus Christus identifiziert – und wandelte sich in der Vorstellungs- und Kunstwelt entsprechend im Laufe der Jahrhunderte: Es blieb wild und unzähmbar (außer durch eine Jungfrau, wie ja auch die Jungfrau Maria Jesus in die Welt brachte), es lebte in der Wildnis, wurde jedoch zunehmend als weiß, lieblich und unsterblich geglaubt. Sein Horn konnte heilen, zugleich wurde es von den bösen Mächten verfolgt und getötet (wie Jesus), bevor es dann doch wiederauferstand, den Sieg des Lebens über den Tod symbolisierte (wie… you got it). In der mittelalterlichen Minne wurde es zunehmend zu einem Symbol der Liebe allgemein und konnte so auch weiblich dargestellt werden. Nur Glaubende konnten es von einer normalen, weißen Stute unterscheiden, wie ja auch Jesus den Nichtglaubenden nur als normaler Mensch erschien. (Diese in der Minne wurzelnde Version ist die Handlung auch von “The Last Unicorn”!).

Im Zuge der Reformation und Gegenreformation wurde das Einhorn aus der kirchlichen Kunst weitgehend verbannt – es überlebte als quasi-religiöses Symbol in Wappen und auf Apotheken sowie in der Fantasy. Derzeit wird das Rem bzw. Unicornus durch das Internet neu populär und zu einem Symbol ironisierter (von Frauenfeinden auch erbittert verhöhnter), weiblicher Emotionalität. Es hat sich sogar eine kleine Einhorn-Glaubensgemeinschaft vor allem über das Internet gebildet.

Wenn Ihnen also irgendwer erzählen wollte, die moderne, westliche Kultur sei kaum (mehr) religiös und christlich geprägt, so erzählen Sie doch vom Nashorn und vom Einhorn…

Hier ein Sachartikel zur Religions- und Kulturgeschichte des Einhorns aus einem Sammelband (“Warum Religion?”) als kostenfreier Download:

Blume, M. (2015): Die Wiederkehr der Einhörner. Eine pragmatistische Analyse einer neureligiösen Glaubensbewegung.
in: Rathers, M.-L. (Hrsg.): Warum Religion? Pragmatische und pragmatistische Überlegungen zur Funktion von Religion im Leben. Verlag Karl Alber 2015, S. 50 – 70

Für Hörwillige hier vorgelesen, als Audioblog-Folge:

Mit liebem Dank für das kleine Kunstwerk und die Genehmigung zum Einbetten an Julia von www.farbcafe.de!

Hier auch ein eBook-Reader zum menschlichen Durst auf Fantasie, einst geschrieben für ein Seminar an der Universität Jena:

PsycheFantasiedesMenschenBlumesciebook

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

14 Kommentare

  1. Die typischen Einhornhörner sind allerdings Narwaalhörner.

    Hier eines von mehreren Beispielen im Kunsthistorischen Museum, wo die Bezeichnung “Einhorn” (Ainkhürn) gesichert ist.
    http://bilddatenbank.khm.at/viewArtefact?id=100590

    Seit Dürer war der Unterschied zwischen Einhorn und Nashorn im Prinzip bekannt, wie sein Rhinozeros-Holzschnitt zeigt:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Rhinocerus

    Aber auch die älteren Darstellungen zeigen das Einhorn immer mit Narwaalhorn.

  2. Unser täglich Scilogs gib uns heute …

    Mit diesem leicht abgewandelten Vater-unser-Zitat möchte ich mich bei Dir und bei all den anderen Sci-Logs-Autoren für die tagtäglich aktualisierten Sci-News bedanken. Die bunten und verständlich servierten wissenschaftlichen Beiträge aus aller Welt sind ein wahrhaft intellektueller Leckerbissen im Alltags-Mau der Massen-Medien. Dabei weisen die meisten Kommentare ein ähnlich hohes Niveau auf, was den Genuss / Besuch bei Sci-Logs angenehm abrundet.

    Das “Narwal-Einhorn” ist mir schon in einem Deiner Sciebooks begegnet. Deine vergleichenden Ver- und Beweise zu Kunst; Wissenschaft und Religion / Bibel inspirieren mich immer wieder zum Nachdenken und vielleicht auch einmal zu einer literarischen Umsetzung …

    Der begeisterte Scilogs-Sciebooks-Fan
    Frank

  3. Moin Michael,

    danke für den schönen Beitrag. 🙂 Mir ist noch ein weiteres Detail aufgefallen: Moderne Einhörner werden ja oft mit Regenbögen dargestellt, die mir in der sakralen Kunst auch schon aufgefallen sind. Und siehe da…

    Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.

    (Dass Regenbögen in religiösen Texten auftauchen, ist nicht überraschend, aber das ist dann doch ziemlich prominent…)

  4. Kennen Sie den sechsteiligen Wandteppichzyklus im Musée de Cluny in Paris? La Dame à la licorne. Beginn 16 Jh. Dargestellt sind die fünf Sinne. Der sechste Teppich trägt den Namen “A mon seul désir” und bleibt für die Forschung ein Rätsel. Vielleicht ist der sechste Sinn das Herz. Ich sah ihn vor zwei Jahren und war tief berührt.

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