Von Glück und Motivation des Wissenschaftsbloggens – Danke Euch!

Das ist er nun also: Der 700te Blogpost auf dem religionswissenschaftlichen Scilog “Natur des Glaubens” seit dem ersten Blogpost vor recht genau zehn Jahren: “Evolution der Religiosität” vom 12.03.2008. Dazu gehören auch – Stand heute – 24.537 Kommentare, davon über 10.000 von mir.

Und es hat – fast immer – große Freude gemacht. Jedes Schreiben eines Blogposts war mit Lesen und Nachdenken verbunden, jede Diskussion veränderte und vertiefte die Wahrnehmungen, führte oft auch auf neue Pfade. Ihr – liebe Kommentierende – seid Teil dieser “Blog-Experience”.

Und wenn ich mir die Lektürequellen des heutigen Samstages anschaue, dann merke ich auch, dass das Thema über zehn Jahre getragen hat und weiterhin viel Freude macht. Hinzugekommen sind über die Grundlagenforschung hinaus viele Studien etwa zur Biografie von Charles Darwin oder – aktuell – der Krise des Islams.

Weiterhin Freude an den Themen, Foto vom 21.04.2018: Michael Blume

Im Gegensatz von vor zehn Jahren ist die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen jedoch keine Angelegenheit einzelner Forscherinnen und Forscher mehr – endlich gibt es sogar ganze Forschungsverbände wie THERE an der Ruhr-Universität-Bochum. Es wird spannend sein, was diese Projekte hervorbringen – und ob sie fair genug sind, auch die Vorarbeiten deutschsprachiger Kolleginnen und Kollegen anzuerkennen.

Vor allem aber will ich hoffen, dass gerade auch empirisch orientierte Religionswissenschaft digital noch stärker präsent wird und Interessierte also bei echten Informationen – beispielsweise über das zunehmende Schwinden des Kopftuches – statt bei Hass- und Verschwörungsmythen landen.

Denn gerade auch das Beispiel der islamischen Hochkultur – die durch das Verbot des Buchdrucks ab 1485 erst stagnierte, dann in die bis heute reichende Bildungs- und Identitätskrise schlitterte – unterstreicht ja auch, dass es auch in der kulturellen Evolution kein Gesetz des “linearen Fortschritts” gibt und dass auch bereits Erreichtes wieder verlorengehen kann. Reiste der englische Bader aus Noah Gordons “Medicus” noch nach Isfahan, um dort die hohen Künste der Medizin und Philosophie zu erlernen, so wird der heutige Iran von einem wankenden Öl-Rentiersregime regiert, dessen Theokratie auch die Religiosität und Demografie des Landes schwer beschädigt hat und seinen Niedergang durch die Vertreibung religiöser Minderheiten und gebildeter Schichten auch noch verschärft.

Fruchtbarkeitsrate (TFR) des Iran bis 2015. Quelle: Weltbank / Google

Ein tragikomischer Witz einer Iranerin (die sich inzwischen nicht mehr als Muslimin versteht) bringt die religiösen Folgen der autoritären Theokratie – die sich übrigens bereits auch in der Türkei zu zeigen beginnen – auf den Punkt: “Vor Khomeini feierten wir draußen und beteten daheim. Seit Khomeini beten wir draußen, aber feiern daheim.”

Welche religionswissenschaftlichen Themen würden Euch in den kommenden Monaten und ggf. Jahren interessieren?

Lasst es mich gerne wissen. Denn wenn es mir gestattet ist, möchte ich auch gerne die nächsten Jahre hier aktiv weiter bloggen und hoffe, mit Euch den 1.000 Blogpost und den 30.000 Kommentar zu erreichen. 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Blume,

    danke für Ihr unermüdliches Bloggen.

    Ich war bei Ihrem Vortrag in der Hauptstadt live dabei und habe da fröhlich den Altersdurchschnitt stark nach unten korrigiert. 🙂 (Wie auch hier im Blog!? 😉 ) Allerdings war der Vortrag gar nicht mal mehr soo informativ, wenn man das Buch schon vorher gelesen hatte bzw. hier im Blog liest.
    Und zu kurz war es sowieso, aber gut, das ist auch eine Art first world problem.

    Aufgrund des Andrangs hinterher war es mir leider nicht möglich, Sie auf den Themenkomplex anzusprechen, der mich in dem Zusammenhang interessiert:

    Warum kommt von den Universitäten in der Arabischen Welt bislang so wenig zum Thema der Modernisierung? Es gibt ja große und renommierte Unis wie z.B. die Ägyptischen.
    Die Probleme der islamischen Welt relativ zum Rest dürften ihnen nicht entgangen sein (Sie beziehen sich ja selbst auch auf eine derartige Rede), einige der Forscher dort sollten jung genug sein um auf gesellschaftlichen Fortschritt hinzudebattieren.

    Was ist also das Problem einer akademischen Debatte in der Arabischen Welt zum Zustand ebendieser?
    Gibt es die nicht (aus Gründen möglicher politischer Verfolgung)?
    Kommt sie nur nicht bei uns an (z.B. weil es uns arroganterweise nicht interessiert)?
    Sind akademische Debatten in der islamischen Welt zu sehr durch Konservativismus geprägt mit entsprechender Personalpolitik bei der Besetzung akademischer Stellen?
    Gibt es denn gar keine akademische Bearbeitungen z.B. des mythenbasierenden Antisemitismus?
    Ob und wie wirkt die akademische Welt in der islamischen Welt in die Gesellschaft hinein?

    Die Unis da sind doch nicht von der Welt abgekoppelt; einige trauen sich jetzt auch immer mehr in „westlichen“(*) wissenschaftlichen Verlagen zu publizieren (Ist mir auf mir nahestehenden Gebieten in den letzen Jahren aufgefallen)
    Die Globalisierung schlägt da doch mittlerweile voll zu, z.T. werden „westliche“ Unimitarbeiter gezielt geködert, auch dort zu lehren.

    Ansonsten wünsch ich Ihnen frohes Weiterbloggen und alles Gute.

    *das „westlich“ historisch gewachsen eine Konnotation von „richtig“ und „fortschrittlich“ hat, ist eigentlich zutiefst arrogant und mir zuwider. Und wird mit dem Aufstieg Chinas ja auch ad absurdum geführt. Fällt Ihnen eine Alternative ein?

    • Lieben Dank für die Rückmeldung, @Mein Name!

      Falls Sie „Islam in der Krise“ noch in Reichweite haben, finden Sie Ausführungen zum leider noch beklagenswerten Zustand der meisten Universitäten in der islamisch geprägten Welt auf S. 60 – 64.

      Wie dort geschrieben sehe ich als Grund für den leider noch bestehenden „Gap“ einmal den noch nicht überwundenen Traditionalismus in der Lehre sowie die Erwartungen der autoritären Staaten – beides behindert die konstruktiv-kritische Weiterentwicklung. Viele der besten Lehrenden und Forschenden ziehen auch deshalb in den Westen – wo sie ihre Beiträge und Erfolge erzielen und die Kluft damit aber auch wiederum vergrößern.

      Den Begriff von „Fortschritt“ verwende ich bewusst und reflektiert gegen einen erkenntnistheoretischen Relativismus. So sehe ich durch empirische Forschung einen realen (wenn auch nie absoluten) Erkenntnisfortschritt gegeben, zudem auch Kriterien für einen technologischen Fortschritt (wie die durchschnittliche Lebenserwartung).

      Dass ich jedoch Fortschritt keineswegs „westlich“ einenge, habe ich bewusst mit dem Beispiel Isfahan / Iran 🇮🇷 illustriert, das ja einst Spitzenpositionen markierte. Ebenso könnten zukünftig China 🇨🇳 oder Indien 🇮🇳 die Pole Position übernehmen. (Wobei ich China in demographischen Turbulenzen sehe, Indien in lähmenden Konflikten zwischen Kasten, Geschlechtern und teilweise Religionen.)

      Vielen Dank für das Mitdenken und ein schönes Wochenende!

  2. Ich gratulierte Ihnen natürlich auch von Herzen zum 700ten, lieber Herr Blume 🙂

    Melde mich noch mal wieder, aber hier sei erst einmal vermerkt, daß mir mein Exemplar von Islam in der Krise nicht mehr in Reichweite steht, weil ich es an meine Mutter weiterzuverschenken genötigt war. 🙁 Sie hat das hochinteressiert weggelesen. Und dabei hat sie nicht einmal Abitur, ist allerdings sehr interessiert, auch vielbereist.

    Will sagen, obwohl ja durchgehend wissenschaftlich, auch für Laien spannend und informativ geschrieben. 🙂

    Geführt zu Ihrem Buch hat mich tatsächlich Ihr Blog. Genauer: Ich entnahm irgendwem in irgendeiner Fernsehtalkshow, die islamische Kulturwelt sei gegenüber der westlichen in Rückstand geraten entscheident durch das Verbot des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im osmanischen Reich, und das erschien mir wie ein klassischer Hack: Eine verblüffend einfache Erklärung für ein zuvor für ein sehr schwierig und nicht ohne umfangreiche fachwissenschaftliche Studien klärbar gehaltenes Problem. (Ich muß Ihnen ja wohl nicht erklären, was ein Hack ist, als Internet-/Computeraffinen? Jedenfalls in diesem Zusammenhang kein Eindringen in ein fremdes Rechnersystem. „Hack“ hat wohl inzwischen zwei verschiedene Bedeutungen angenommen, die ich zugegeben beide je nach Zusammenhang benutze.) Und Google hat mich dann zu Ihnen geschickt.

    Insofern ist islamische / westliche Kulturwelt das Thema, das mich hier interessiert. Verschwörungstheorien … eher am Rande, meinen Nick nahm ich aus einem anderem Forum mit, aus dem ich hier mehr hereingestolpert war. Aber auch gerne.

    Biologie ist so gar nicht mein Ding. Aber Sie sollten Ihre Forschungen nicht abhängig machen von einer Internet-Fangemeinde. Wenn Sie wieder mehr auf Ihre ursprünglichen Begabungen/Themen kommen, Schnittstellen von Natur- und Religionswissenschaft: Dann verlieren Sie mich, aber Sie werden andere gute Kommentatoren finden. So doll und unverzichtenswert sind meine Kommentare hier nun auch nicht. 😉

    Hier. 😉

    A man has got to do what a man has bot to do. Ernest Hemingway, oder so.

    • Vielen lieben Dank, @Alubehüteter!

      Und, klar, meine Forschungs- und auch Debatteninteressen habe ich immer selbst gewählt. Allerdings finde ich es dabei auch schon wichtig, dass sich die (überwiegend steuerfinanzierte) Wissenschaft auch als „öffentlicher Dienst“ versteht und sich insbesondere auch Kultur- und Geisteswissenschaften auch an den Interessen der Allgemeinheit orientieren.

      Zudem verdanke ich klugen Kommentierenden – auch Sie sind gemeint 🙂 – sowie Besucherinnen und Besuchern bei Vorträgen und Lesungen vielerlei Anregungen, Ideen und auch Hinweise. Auch deswegen nehme ich die Rückmeldungen immer wieder gerne auf.

  3. Von mir ebenfalls ein herzliches Dankschön für Ihren Blog und Ihr Buch “Islam in der Krise”. Ich bin jetzt fast damit durch und finde es sehr erhellend. Das Datum 1485 hatte ich so nicht auf dem Schirm.

    Allerdings stellt sich mir die Frage, ob das Ereignis wirklich so singulär innerhalb der islamischen Welt war. Denn dass ein muslimischer Herrscher sich dem Votum konservativer Theologen beugt und der Wissenschaft, anders als seine Vorgänger, fortan kritisch gegenübersteht, geschieht nicht zum ersten Mal. Denken Sie nur an das Kalifat von Cordoba. Der erste Kalif, Abd ar-Rahman III, baute u.a. eine große Bibliothek in der Stadt auf und förderte Wissenschaft, Kunst und Kultur, so gut er nur konnte. Sein Sohn, al-Hakam II., tat es ihm nach. Danach war aber schon wieder Schluss. Unter der Herrschaft Hischams II. setzten sich die Fanatiker durch und die Bibliothek wurde großteils wieder vernichtet.

    Ein anderes Beispiel wäre Isfahan. Ihre Blütezeiten erreichte die Stadt immer dann, wenn sie unter schiitischer Herrschaft war. Oft waren diese Herrscher recht aufgeschlossen, sowohl gegenüber religiösen Minderheiten, als auch gegenüber Naturwissenschaft, Kunst und Philosophie. Einen muslimischer Herrscher, der prunkvolle nichtmuslimische Sakralbauten errichten lässt, wie Abbas I., es tat, sucht man heute wohl vergebens. Aber auch Isfahan geriet immer wieder unter die Herrschaft von Ultrakonservativen, was man in diesem besonderen Fall sogar an der Konfession festmachen kann. Schiitische Herrscher waren in der Regel aufgeklärter, sunnitische eher wissenschaftsskeptisch (das Schiiten auch extrem konservativ sein können, sieht man im heutigen Iran). Mit der Eroberung durch sunnitische Afghanen 1722 ist die Blüte Isfahans endgültig vorbei.

    Ich würde Ihre These also etwas modifizieren wollen: Es gab in der islamischen Geschichte immer wieder Herrscher, die sich der Wissenschaft und Philosophie ihrer Zeit zuwandten. Ihr Einfluss war aber letztlich nicht so groß, wie man denken könnte. Spätestens in der dritten Generation setzen sich die konservativen Gelehrten durch und es gibt einen Rollback ins Antimodernistische. Die Tragik von 1485 liegt darin, dass einer dieser Rollbacks just zu dem Zeitpunkt stattfand, als das Abendland, aufgrund des Buchdrucks, einen ungeheuren Entwicklungsschub erfuhr.

    Soviel zu 1485. Ich hätte noch weitere Anmerkungen, aber die hebe ich mir für ein andermal auf. Erstens ist’s schon spät und zweitens ist der Text mehr als lang genug :).

    Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen

    • Vielen Dank und, klar, @UJ – die reale Geschichte ist immer von vielen Faktoren abhängig und so erwähne ich ja beispielsweise auch die Niederwerfung der Mutaziliten oder die Zerstörung Bagdads durch die Mongolen usw…

      Das mit dem Wechsel von pro- und antiwissenschaftlichen Herrschern sehe ich ähnlich – m.E. galt es jedoch ebenfalls für das damalige Europa. So wendet sich ja auch Luther mit seinem Sendschreiben „an die gebildeten Ratsherren der Städte“, da er – wie er dort schreibt – dem Adel keine breite Förderung von Bildungseinrichtungen zutraut.

      Ihnen noch viel Freude bei der Lektüre und alles Gute!

  4. Hallo Herr Blume,
    vielen Dank für ihre interessanten und lesenwerten Blogposts. Weiterhin vielen Erfolg damit!

    Wie wäre es zur Abwechslung mal mit dem Thema Religion in der Scifi- und Fantasyliteratur und -film, falls nicht in der Vergangenheit schon geschehen (habe da keinen Überblick)? Wie gehen Autoren in ihren Werken mit dem Thema Religion um? Wie gut sind sie darin, fiktive Religionen zu entwerfen? (Beispiel: Man kennt ja die Jedi-Ritter, aber über sowas wie eine Art Gründungsmythos ist mir nichts bekannt 😉 )

  5. Analog zu den Verschwörungstheoretikern könnten Sie ja mal der Frage nachgehen, was mit gläubigen Menschen nicht stimmt. Also warum diese an übernatürliche Wesen und Phänomene glauben, auch wenn ihnen aufgeklärte Menschen erklären, dass es das alles gar nicht gibt.

    • Oh, das ist Bestandteil der Religionswissenschaft von Anfang an, @Peter Müller.

      Auch Sie glauben ganz sicher an eine ganze Menge überempirischer Entitäten wie „Rechte“, den „Sinn“ von „Wissenschaft“, die von Ihnen angeführte „Aufklärung“ oder – wobei ich mir da bei Ihnen nicht ganz sicher bin 😉 – die „Existenz“ der „Bundesrepublik Deutschland“. Klar, dass Existenz und Wert jeder dieser Entitäten von anderen bestritten wird.

      Religiöse Menschen glauben zusätzlich an überemprische Akteure wie Ahnen, Geister und Gottheiten – und erschaffen damit seit Jahrzehntausenden stärker kooperative, stärker sinnerfüllte und auch durchschnittlich kinderreichere Gemeinschaften. Evolutionär gesehen eröffnet Religiosität enormes motivatives, kooperatives und reproduktives Potential. Und all dies diese Effekte sind empirisch überprüfbar und zunehmend gut erforscht!

      Es liegt also bei Ihnen, ob Sie weiterhin aus den Schatten verbitterte Pfeile auf die Gegenwart & Zukunft schießen – oder ob Sie den Mut haben, wahrlich „aufgeklärt“ den Erkenntnissen der Wissenschaften nachzugehen! Mehr als Anbieten und Einladen kann ich für Sie leider nicht tun, mit Ihrer Freiheit beginnt eben auch Ihre Verantwortung… 🙂

      • @Michal Blume

        Verstehe. An den “Verschwörungstheoretikern” missfällt Ihnen eigentlich nur deren geringe Geburtenrate.

        • Oh nein, @Peter Müller – wie sähe unsere Welt aus, wenn alle die Geburtenraten z.B. der Amish hätten? Vielfalt scheint mir auch hier der bessere Weg.

          Zum Seufzen bringen mich gleichwohl jene, die auch nach wiederholten Anläufen die Unterschiede zwischen Theorien und Mythen nicht verstehen…

          Ihnen einen schönen Abend und eine gute Woche! 🙂

  6. Hallo, Herr Blume!

    Ich gratuliere zur Runden Zahl und bin dankbar für die Denkanregungen und Fakten die ich hier gefunden habe.

    Da Sie Anregungen vom Kommentariat begrüßen möchte ich eine beisteuern — wenn diese Eule nach Athen fliegt ist folgendes Buch vielleicht für andere Interessant.

    “The True Believer” von Eric Hoffer (deutsche Titel “Der Fanatiker [. Eine Pathologie des Parteigängers].

    Schon 1951 beschreibt Hoffer die individuell-psychische Disposition des Menschen in der Massenbewegung, deren System-Dynamiken, und Entwicklungsphasen, die Notwendigkeit von Faktenleugnung und eigener (Verschwörungs-) Wahrheit. Man denkt bei vielen Absätzen “Trump!”, “Erdogan!”, “Chinas zukünftige Entwicklung!”, “Niedergang der SPD!”, “AfD!”, “Truther!”, “Arabischer Frühling”, “Selbstmordattentäter und heilige Märtyrer”, …
    … und labert dann erstmal jeden halbwegs Hörwilligen mit den neuen Einsichten voll. 🙂

    Dieser autodidaktische Wander-, dann Hafenarbeiter hat ein Werk mit großer Erklärungskraft geschrieben. Eisenhower empfahl es (so oft, dass es als sein Lieblingsbuch galt): “[ … ] in a democracy debate is the breath of life. [ … ] The mental stress and burden which this form of government imposes has been particularly well recognized in a little book about which I have spoken on several occasions. It is ‘The True Believer,’ by Eric Hoffer [ … ]. In it, he points out that dictatorial systems make one contribution to their people which leads them to tend to support such systems – freedom from the necessity of informing themselves and making up their own minds concerning these tremendous complex and difficult questions.” (Das ist aber nur eine von vielen ausgeführten Ideen.)

    Hoffer muß auch menschlich eine herausragende Persönlichkeit gewesen sein: 1955 schrieb Hannah Arendt aus den USA an Karl Jaspers: “Die erste wirkliche Oase erschien in Gestalt eines Hafenarbeiters [ … ] der mein Buch gelesen hatte [ … ] und gerade alles las was es von Ihnen gibt. [ … ] Von ihm erzähle ich Ihnen, denn es ist eben doch das Beste, was es hier im Lande gibt.” Das während ihrer Professur in Berkeley!

    Es wird Ihnen vielleicht nicht auf Anhieb gefallen, dass Religionen, darunter das Christentum in seinen heißen Phasen (auch schon bei seinem Begründer), als “Massenbewegung” analysiert werden. Erst ganz am Ende kommt der Abschnitt über “Gute und schlechte Massenbewegungen” — das Durchhalten dürfte aber nicht schwer fallen. Die heutigen Erscheinungsformen des Christentums wären für Hoffer allerdings schon deren Folge: Institutionen.

    Um so neugieriger wäre ich auf ein Rezension Ihrerseits ( …da wird ein selbstsüchtiger Aspekt meiner Anregung sichtbar. >:-) … ) Schließlich erlaubt der kalte Blick von außen Begriffe und Einsichten (und damit neue Ansätze für Handlungen) die vom bloß Binnensichtigen (Sie sind nicht gemeint!) nicht gesehen werden. Und Hoffer bleibt fair: “The assumption that mass movements have many traits in common does not imply that all movements are equally beneficent or poisonous. The book passes no judgments, and expresses no preferences.”

    Die Übersetzung in der Reihe Die Andere Bibliothek (1999) bietet auch einen kurzen Lebenslauf. Das ergänzende “The Passionate State of Mind” ist leider nicht übersetzt worden.

    Der Blogpost “Without belief in a god, but never without belief in a devil.” von Lou Keep gibt eine kurze Einführung einiger wesentlicher Gedanken Hoffers, zwar USA-lastig in der Historie, aber mit gültigen Überlegungen zu aktuellen Entwicklungen weltweit.

    “The less justified a man is in claiming excellence for his own self, the more ready he is to claim all excellence for his nation, his religion, his race, or his holy cause.” (Hoffer) Man wird Sie niemals in einer Massenbewegung finden, dessen bin ich sicher.

    Vielen Dank für Ihr Bloggen!

  7. Herzlichen Glückwunsch. Allerdings bin ich eher ein Neuling und auch eher bei den Blogs von Herrn Pössel und Päs zu finden:

    Rudi Knoth

  8. Es sollte ein Beitrag über die Pfingstbewegung geschrieben werden. Diese hat in Amerika, Afrika und Asien sehr viel Einfluss. In Deutschland (noch) wenig. Es ist unsinnig, Gebete zu sprechen und Lieder zu singen zu Ehren Gottes. Wir brauchen mystische Erfahrungen und Wunderheilungen. Mehr dazu auf meiner Internetseite.

  9. Yup, Gratulation für Fleiß und Inhalt! – Weiterhin viel Erfolg, auch im neuen Amt.
    Als Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung bitte möglichst wenige Fehler machen, danke schon einmal.

    Themenwunsch :
    Die Säkularisierung / Verweltlichung der Evangelischen Kirchen

    MFG + schöne Woche,
    Dr. Webbaer

  10. Respekt und alles Gute.

    Ich kann übrigens den Widerstand von religiösen Menschen gegen die Evolution verstehen.

    Sollte ich Gott gegenüber treten werde ich in sicherlich Fragen, warum er keine weniger grausame Art der Schöpfung gewählt hat.

  11. Lieber Michael,
    das ist eine Wahnsinnsleistung. Ich habe es im gleichen Zeitraum gerade mal zu gut 60 Beiträgen und ca. 4.500 Kommentaren gebracht (wenn ich WordPress richtig verstehe). Herzlichen Glückwunsch also und alles Gute für die nächsten 700 Blogposts!

  12. Lieber Michael,
    auch ich möchte mich in die Schar der Gratulanten einreihen und mich gleichzeitig bei Dir für Deinen Lotsendienst in das Reich von SciLogs bedanken. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dir auch zu Deiner Ernennung als Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gratulieren. Diese Nachricht fiel mir beim FOCUS ins Auge, ansonsten denke ich gern an unsere erste literarische Begegnung „Sind wir allein im All“ zurück, womit ich auf die Anregungen von Tilmann Schneider anspielen möchte. In diesem Zusammenhang könnte ich mir eine Aktualisierung Deiner damaligen Forschungen über Engel, Ufos, Aliens vorstellen. Zu dieser Thematik würde mich eine / Deine religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Thesen des Autors Erich von Däniken reizen.
    Ansonsten wandle ich weiter begeistert auf Deinen literarischen Spuren – ob Amish, Blog-Beitrag oder Islam in der Krise – ich bin dabei.

    Alles Gute – weiter so.
    Matthias

  13. > Ein tragikomischer Witz einer Iranerin bringt die religiösen Folgen der autoritären Theokratie – die sich übrigens bereits auch in der Türkei zu zeigen beginnen – auf den Punkt: “Vor Khomeini feierten wir draußen und beteten daheim. Seit Khomeini beten wir draußen, aber feiern daheim.”

    Autoritäre Theokratie trifft es nicht, sondern Drohung mit massiver Gewalt:

    Auf dem Weg von Srinagar nach Leh übernachteten wir 1989 in Kargil. Es gab nichts zu trinken. Selbst Dollarnoten und Reiseschecks zeigten keine Wirkung. Der Wirt erklärte lapidar: No beer, no whiskey, Khomenei! 🙂

    Wer sich nicht an die Spielregeln hielt bezahlte unter anderem mit durchschossenen Knien.

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