Von Glanz und Tragik der interdisziplinären Evolutionsforschung

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Neben dem unverzichtbaren Spektrum der Wissenschaft und dem Innovationsmotor Gehirn & Geist gehört für mich auch die traditionsreiche Universitas zu den herausragenden Monatszeitschriften der Wissenschaften. Leise Musik, etwas zu trinken und eine aktuelle Ausgabe eines dieser Wissensmagazine – was braucht es mehr, um über dieses Universum zu staunen und “sich schlau zu machen”?

SpektrumundKindle

Aktuell beeindruckte mich z.B. in der Universitas-Ausgabe 01/2014, S. 4 – 12, der Artikel “Rekonstruktion der Vergangenheit” von Prof. Dr. Michael Wink. Der Biologe, Wirkstoff- und Evolutionsforscher schildert darin, wie sich durch die zunehmende Einbeziehung der Genetik die biologischen “Stammbäume” verändern, mit denen seit der Entdeckung der Evolutionstheorie durch (den studierten Theologen) Charles Darwin die Arten geordnet werden. Und zu ordnen gibt es mehr als genug: Laut Wink zum Beispiel über 10.000 namentlich benannte Bakterienarten, 250.000 Spezies von Algen, Schleimpilzen und Protozoen, knapp 300.000 sporenbildende bzw. Samenpflanzen, 1,2 Millionen Wirbellose und über 50.000 Wirbeltierarten…

Es wird deutlich, wie faszinierend schon die biologische Evolutionsforschung ist: Seitdem sich der deutsche Evolutionsbiologe Ernst Haeckel (1834 – 1919) an die Erstellung des ersten Stammbaumes wagte, kommt ständig – buchstäblich täglich, wöchentlich – neues Wissen hinzu!

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Credit: Universitas 01/2014, S. 4 & 5

In dieser beeindruckenden Dynamik liegt aber zugleich auch die große Tragik jeder Evolutionsforschung verborgen: Hart erarbeitetes “Wissen” veraltet unglaublich schnell. Wink schildert, wie durch neue und zunehmend günstige Methoden der Genforschung das Feld derzeit wieder einmal umgewälzt wird.

“In vielen Fällen haben DNA-Stammbäume die verwandtschaftlichen Beziehungen bestätigt, die früher “nur” mithilfe morphologischer Merkmale ermittelt werden konnten. Die neuen molekulargenetischen Verfahren haben aber auch gewaltige Unstimmigkeiten erkannt, die die Systematik vieler Organismen stark veränderten. Es ist davon auszugehen, dass weitere umfassende Revisionen folgen werden, denn die Forschungsarbeiten dazu sind noch lange nicht abgeschlossen.” (S. 8)

Auf Deutsch: Die wissenschaftlichen Arbeiten von Jahren, ja Jahrzehnten engagierter Forscher und zunehmend auch Forscherinnen werden durch neue Befunde überboten. Schon Stammbäume mit einem Alter von nur wenigen Jahren sind heute bereits wieder überholt. Hinzu treten Überraschungen, nach denen zum Beispiel Flamingos und Lappentaucher in eine Abstammungsgruppe gehören; Seetaucher mit Pinguinen und Sturmvögeln aber in eine andere. Damit hatte praktisch niemand gerechnet, ganze Lehrbücher veralten vor unseren Augen. Winks Begeisterung steckt an – und macht zugleich deutlich, dass selbst die aktivsten und besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder nur vorläufiges Wissen produzieren können, das schon durch die nächste Welle von Erkenntnissen wieder überlagert werden wird.

Evolutionsforschung kann Demut lehren (zumindest, wenn man zu sich selbst ehrlich ist): Richard Dawkins & die Junk-DNA

Selbstverständlich sind Evolutionsforschende nicht gegen Arroganz immun – insbesondere dann, wenn sie meinen, aus ihren Befunden weitreichende “Wahrheiten” gegen Philosophien und Theologien anführen zu können. Einen berühmten Schmunzler lieferte beispielsweise Richard Dawkins, der noch 2009 verkündete, die Existenz von 95 Prozent vermeintlich funktionsloser, so genannter “Junk-DNA” beweise die Zufälligkeit evolutionärer Entwicklung. Als ihn Oberrabbiner Jonathan Sacks jedoch 2012 in einer Diskussion darauf hinwies, dass nach neuesten Entdeckungen Teile dieses vermeintlichen DNA-“Mülls” nun doch überlebenswichtige Funktionen erfüllte, schwenkte Dawkins einfach um: “Das ist doch genau, worauf ein Darwinist hoffen würde – Nützlichkeit in der lebendigen Welt zu finden.”

Sie merken schon: Manche Leute haben einfach IMMER Recht und es auch schon immer gewusst!

🙂

Fazit: Im Strom des Wissens – und der Evolution

Sich auf neue Befunde einzustellen und sie – anstatt sie zu leugnen – ins eigene Weltbild zu integrieren, bleibt also eine Dauer-Herausforderung eben nicht nur für Geistes-, sondern auch für Kultur- und Naturwissenschaftler. Wer sich in der Evolutionsforschung bewegt, muss sich immer wieder auf Überraschungen gefasst machen – oft erfreuliche, manchmal aber auch persönlich unangenehme. Wenn man Jahre, sogar Jahrzehnte in diese Bereiche investiert hat, wird dies natürlich zunehmend schwerer, geht es doch immer auch ums eigene Lebenswerk, die eigene Biografie. Wir alle neigen dann zunehmend dazu, uns eisern an das zu klammern, was wir einst gelernt und worauf wir unsere Selbsterzählungen gegründet haben. Bereits der bedeutende Max Planck (1858 – 1947) bemerkte daher leicht resigniert, aber ehrlich und zutreffend im Rückblick auf sein Leben:

“Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen,
daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären,
sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben
und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.”

Wissenschaftliche Selbstbiographie, Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1948, S.22

Das eben ist zugleich Glanz und Tragik der (zunehmend interdisziplinären) Evolutionsforschung: Jeder Mensch wird erkennbar als einzigartig und unwiederholbar (Glanz) – und zugleich nur als kleines Glied in den milliardenfachen Ketten des Lebens (Tragik). Wir können teilnehmen an großen Entdeckungen – müssen zugleich aber wissen, dass diese schon in wenigen Jahren wieder veraltet und bald vergessen sein werden.

* Dies ist ein Blogpost zum Darwin-Tag zur Erinnerung an Darwin’s Geburtstag am 12. Februar 1809. Happy Birthday, Charles! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

31 Kommentare

  1. @Michael Blume
    Leider bist du nicht auf die Diskussion über ENCODE eingegangen, aus der die Intelligent Design-Bewegung so viel Nektar saugen möchte.

    Das scheint mir interessanter zu sein als die Frage, ob Dawkins als Ultradarwinist ein Problem damit haben könnte, ob nun 5 oder 95 Prozent der DNA ‘junk’ sind. Sehr interessant in diesem Kontext ist übrigens ‘junk’ von ‘garbage’ zu unterscheiden.

    Vielleicht nur ein Artikel zu diesem Thema:

    Graur, D.; Zheng, Y.; Price, N.; Azevedo, R.B.R.; Zufall, R.; Elhaik, E. (2013) ‘On the immortality of television sets: “function” in the human genome according to the evolution-free gospel of ENCODE’ URL: http://gbe.oxfordjournals.org/content/early/2013/02/20/gbe.evt028.long, letzter Zugriff: 19.05.2013

    • Hallo Thomas,

      vielen Dank. Aber mir ging es ja gerade darum, dass “jedes” empirische Wissen immer auch vorläufig ist – und also nicht nur die (gerne und manchmal zu Unrecht) belächelten Philosophen und Theologinnen, sondern auch vermeintliche (Ulra-)Darwinisten wie Dawkins entweder ihre Welterklärungen ständig anpassen oder neue Befunde leugnen müssen. Das vermeintlich sichere Wissen von heute kann morgen schon in wichtigen Aspekten überholt sein – und damit tun sich nach meiner Erfahrung Atheisten kaum leichter als Agnostiker und Theisten. Bei Evolution geht es halt immer auch um unser eigenes Selbstverständnis, da ist kaum jemand völlig un-emotional bei der Sache. 😉

  2. Im Beitrag, wird m.E. das menschliche Verhältnis von Wissen (konservierte Beschreibung von Leben) über das Leben und der lebendigen Wirklichkeit selbst (work in progress) auf den Punkt gebracht.

    Besonders der letzte Satz vom Glanz und Tragik (aller?) interdisziplärer Forschung (und ihrer Selbsterkenntnis) schlechthin fasst das gut zusammen.

    Wissenschaftler, welche die Fähigkeit zu Staunen (Glanz) über die “Wolke des Nichtwissens” verlieren, (welche mit der Wolke des Wissens zugleich wächst), verlieren damit auch die Fähigkeit, sich Selbst weiter zu entwickeln, mangels Demut (Tragik).

    Gott sei Dank, und zugleich erstaunlich, dass jede neue Generation gerade durch ihre Fähigkeit zu Staunen neues Wissen generiert – aufbauend auf dem Wissen der vorhergehenden Generation!

  3. Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.

    Mal abgesehen davon, dass dies eine triste Sicht ist und ‘Gegner’ nicht zwingend beleg-resistent sein müssen, nicht empirisch-inadäquate Theorien weiterpflegen müssen, wie nahegelegt, die Feststellung auch nicht konkret in braunem Kontext getroffen sein muss, stört hier schon “ein wenig” der genutzte wissenschaftliche Wahrheitsbegriff.
    MFG
    Dr. W

    • Man möge Max Planck etwas Resignation angesichts von Jahrzehnten auch bitterer Erfahrungen und weisheitlicher Selbsterkenntnis nachsehen. Natürlich gab und gibt es immer auch positive Beispiele – mich hatte entsprechend z.B. auch Susan Blackmore beeindruckt, die nach der Bristol-Konferenz 2010 öffentlich bekundete, nicht mehr an die “Religion=Virus”-Thesen zu glauben.
      http://www.theguardian.com/commentisfree/belief/2010/sep/16/why-no-longer-believe-religion-virus-mind

      Aber in der Tendenz gebe ich Planck doch Recht – gerade auch aufgrund der vielfältigen Erfahrungen als Blogger. In vielen Fällen sind die Haltungen von Leuten (die früher auch sicher mal offener waren) inzwischen so verfestigt, dass gelassenes Abwarten angeraten erscheint. Zudem hilft Plancks weises Zitat, sich auch selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Mir tut das hin und wieder gut…
      😉

      • Kollego, es ging weiter oben auch um den Wahrheitsbegriff, der in einer an Provisorien (“Theorien”) orientierten, primär um die Falsifikation besorgten, dementsprechenden Naturwissenschaft nicht so gepflegt werden sollte, wie er seinerzeit, in einschlägig politischer Umgebung, gepflegt worden ist.
        Dort wo es weicher wird, erst recht nicht.
        MFG
        Dr. W (der bei der Püschologie ohnehin eher an Terry Pratchett und Woody Allen denkt)

          • Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der vertraut gemacht ist.

            Ischt halt Rede, die kollektivistischen Maßgaben zu folgen scheint, so redet man nicht. Im Osten wurde so lange Zeit geredet. – Planck hat zur Wissenschaft zuvor anders vorgetragen, was bei Bedarf auch hervorgeholt werden kann.
            MFG
            Dr. W

          • Bislang hatte ich immer gedacht, Sie wären ziemlich kritisch gegenüber “political correctness”. Aber auch diese Annahme muss ich wohl korrigieren (denn “so redet man nicht”) – es hängt wohl wie stets von der jeweiligen Aussage ab… 😉

          • Das Zitat Plancks, das mit dem Konzept der wissenschaftlichen Wahrheit arbeitet, zudem auch an seinerzeitiger politischer Mode orientiert scheint, war halt “nicht so toll”.
            Zur wissenschaftlichen Wahrheit sei hier spaßeshalber [1] auf dieses Interview verwiesen:
            -> http://www.pik-potsdam.de/~stefan/mare-interview.html

            MFG
            Dr. W

            [1] ‘Spaßeshalber’, weil der Schreiber dieser Zeilen die allgemein-kommunikative Arbeit des Instituts für Klimafolgenforschung auch “nicht so toll” findet.

  4. @Michael Blume,
    > Einen berühmten Schmunzler lieferte beispielsweise Richard Dawkins, der noch 2009 verkündete, die Existenz von 95 Prozent vermeintlich funktionsloser, so genannter “Junk-DNA” beweise die Zufälligkeit evolutionärer Entwicklung.>”might as well not be there” was an embarrassment “for creationists”<>in the specific case of “pseudogenes,” “useful for. . . embarrassing creationists.”<>Junk DNA is just what a Darwinist would expect<>which had previously been written off as junk.<<
    Insgesamt liefert hier Klinghoffer ein ziemlich typisches IDler-Bild ab (samstags neige ich zu Vorurteilen und zum Pauschalisieren:-)): Unterstellungen und eigenwilliges Zitieren mit darauf aufbauenden verqueren Schlussfolgerungen.
    Falls aber in der englischen Originalausgabe von "Die Schoepfungsluege" alles ganz anders steht, behaupte ich fortan das Gegenteil:-)

    • @rectus

      Und das Beste dabei ist, dass uns Befunde zur sog. “Junk-DNA” auch noch in Zukunft überraschen werden (nicht nur Samstags 😉 ) – wie es ja gerade auch das boomende Feld der Epigenetik tut. Bei ID-lern finde ich es tragisch, dass sie sich selbst um die Faszination von Wissenschaft bringen, indem sie nur defensiv nach Erklärungslücken suchen, statt selber überprüfbare Hypothesen oder Befunde beizutragen. Und wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden uns auch weiterhin je persönlich in “unsere” formativen Thesen und Befunde verlieben – und uns immer wieder schwer tun, deren “Sterblichkeit” zu akzeptieren.

      Ob Dawkins ebenso schnell und gründlich vergessen werden wird wie Ernst Haeckel? Oder gar, wegen der immer höheren Informationsbeschleunigung, noch schneller? Ich hoffe es irgendwie nicht, zumal er ja doch sehr viel dazu beigetragen hat, Menschen an die Evolutionstheorie und -forschung heran zu führen… #Verdienst
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/richard-dawkins-mein-held-der-metapher/

  5. Sorry, mein Kommentar ist von boesen digitalen Kraeften voellig verhunzt worden.
    Werde ihn alsbald vollstaendig nachreichen

  6. So, jetzt klappt es hoffentlich besser.
    @Michael Blume,
    ” Einen berühmten Schmunzler lieferte beispielsweise Richard Dawkins, der noch 2009 verkündete, die Existenz von 95 Prozent vermeintlich funktionsloser, so genannter “Junk-DNA” beweise die Zufälligkeit evolutionärer Entwicklung.”
    Das kann ich nicht so recht nachvollziehen, der Discovery-Mann David Klinghoffer bezieht sich hierbei ja offensichtlich auf “The greatest show on Earth”. In dem betreffenden Kapitel (in der deutschsprachigen Ausgabe “Die Schoepfungsluege”, S. 372-380) kann ich das jedenfalls nicht finden. Hierin geht es u.a. um Pseudogene (aus denen “junk DNA” ja nicht ausschliesslich besteht), die molekulare Uhr, neutrale Theorie und tatsaechlich auch um “junk DNA” (ohne diesen Begriff zu nennen). Klinghoffer zitiert daraus: “Leaving pseudogenes aside, it is a remarkable fact that the greater part (…) of the genome might as well not be there,….”.
    Im folgenden wird (bleibt) Klinghoffer unlauter: “might as well not be there” was an embarrassment “for creationists” denkt Dawkins moeglicherweise, anhand der Quelle ist das nicht erkenntlich.
    Auch vorher im Artikel wurde Klinghoffer schon ein wenig kreativ beim Zitieren:
    “….in the specific case of “pseudogenes,” “useful for. . . embarrassing creationists.”
    In “Die Schoepfungsluege” findet sich:
    “Der Grund, warum Pseudogene nuetzlich sind, ist den Kreationisten ausgesprochen peinlich.”
    Den Satz “Junk DNA is just what a Darwinist would expect” traegt er in Dawkins Aussagen hinein. Das kann man machen, eine sachliche Auseinandersetzung sieht anders aus.
    Dass Dawkins sich hinsichtlich der Rolle der “junk DNA” getaeuscht hat, raeumt dieser doch im Gespraech mit dem Oberrabbiner selber ein:
    “…which had previously been written off as junk.”
    Bezueglich des anderen Problems (“junk DNA beweise die Zufaelligkeit evolutionaerer Entwicklung”) kann ich kein Umschwenken erkennen, dazu haette ja Dawkins diese Position urspruenglich vertreten muessen, aus der von Klinghoffer betrachteten Quelle laesst sich das aber imo nicht ableiten.
    Insgesamt liefert hier Klinghoffer ein ziemlich typisches IDler-Bild ab (samstags neige ich zu Vorurteilen und zum Pauschalisieren:-)): Unterstellungen und eigenwilliges Zitieren mit darauf aufbauenden verqueren Schlussfolgerungen.
    Falls aber in der englischen Originalausgabe von “Die Schoepfungsluege” alles ganz anders steht, behaupte ich fortan das Gegenteil:-)

    • Ah, jetzt @rectus! 🙂

      Ja, Interpretationen und Übersetzungen sind bei allen “Heiligen Schriften” problematisch. 😀 Aber ich sehe – bei aller berechtigten Skepsis gegenüber ID-Apologeten – schon die Aussage als stabil, dass Dawkins sowohl die Existenz von “Junk-DNA” wie auch deren (ebenfalls umstrittene) Funktionalität prompt als Argumente für sein Weltbild verwendete. Und damit befindet er sich ja in bester Gesellschaft. 😉

  7. @MichaelBlume,
    ” Ja, Interpretationen und Übersetzungen sind bei allen “Heiligen Schriften” problematisch. ”
    In meinem Inventar finden sich tatsaechlich einige Buecher, die andere als “heilig” bezeichnen. Ich persoenlich leide leider an transzendentaler Obdachlosigkeit:-). Der Punkt ist aber, dass Klinghoffer nicht problematisch interpretiert, sondern womoeglich sinnentstellend zitiert hat.
    “… dass Dawkins sowohl die Existenz von “Junk-DNA” wie auch deren (ebenfalls umstrittene) Funktionalität prompt als Argumente für sein Weltbild verwendete. ”
    Warum auch nicht? Hinsichtlich der Pseudogene fand ich seine Argumentation in “Die Schoepfungsluege” jedenfalls recht nachvollziehbar und stringent. Und auch hinsichtlich des Teiles der DNA, der immer noch als “junk” durchgeht -aber nicht zwangslaeufig zu den Pseudogenenen gehoert- gilt doch imo weiterhin die Kimura-Theorie (wie stark aendert sich die DNA in Abhaengigkeit von der Zeit, wenn keine andere Kraft wirkt), die doch wunderbar in die Evolutionsbiologie integriert ist. Ich kann nicht erkennen, dass die Revision “ein Teil der ehemals als junk bezeichneten DNA ist wohl doch funktionell, umso besser fuer eine Evolutionstheorie” hierzu einen Widerspruch darstellt. Darum sehe ich immer noch nicht, dass Dawkins umgeschwenkt sein soll, was in meinen Augen Klinghoffers “main target” ist. Drauf gezielt, aber wegen Nichtexistenz verfehlt!

    • Sie meinen also, Dawkins hat mit seinen verschiedenen Argumentationen bezüglich der sog. “Junk-DNA” Recht – ganz egal, was empirisch dazu heraus kam und kommt?

      Hmmm…

      Wie ist das mit den Religionen, die Dawkins ja versucht hat über sog. “Meme” zu erklären? Würden Sie da auch sagen, dass er Recht hatte – ganz egal, ob sich Meme als “existent” erweisen oder nicht, ob Religionen biologisch funktional sind oder nicht? Hat Dawkins irgendwie immer Recht? #Grübelt

  8. @Michael Blume,
    Mit dem Einwand hab ich gerechnet, er liegt ja auch nahe. Nichtsdestotrotz folgt er nicht zwingend aus meinem Beitrag. Und wo argumentiert denn Dawkins verschieden? Das, von dem er und andere frueher faelschlicherweise annahmen, es sei Muell, behandelt er anders als das, was noch immer als Muell gilt!
    Ich meine, dass aktuelle Evolutionstheorien die Ansammlungen von nicht-schaedlichem Muell mindestens “zulassen”, wenn nicht sogar “erwarten” (ob sie damit auch die “Zufaelligkeit evolutionaerer Entwicklung beweisen” und ob das irgendwer behauptet hat sind m. E. andere Fragen) und sogar behaupten, dass die Beibehaltung von Muell sogar “pfiffig” (mir faellt zu so spaeter Stunde kein weniger anthropomorpher Begriff ein) ist, da dieser Muell ein Reservoir fuer spaetere Umstaende darstellt. Sozusagen “garbage in, somewhen with modification function out”. Das klingt teleologischer als gemeint (da laesst sich doch eine Bruecke zu einigen anderen Blogartikeln schlagen!); wie gesagt, die spaete Stunde! Und ich lass mich da gern von Experten wie z. B. T. Waschke korrigieren.
    ” Wie ist das mit den Religionen, die Dawkins ja versucht hat über sog. “Meme” zu erklären? Würden Sie da auch sagen, dass er Recht hatte – ganz egal, ob sich Religionen als biologisch funktional erweisen oder nicht?”
    Das ist ja ein ganz neues Fass, schliesslich hab ich ja nirgendwo behauptet, dass alle, die in meinen Augen bei bestimmten Fragestellungen plausible Argumente vertreten auch sonst immer richtig liegen. Meine recht oberflaechlichen Kenntnisse zu Dawkins’ Memtheorie fluestern mir ein “Unfug” bzw. “angestrengt konstruiert” in’s Ohr -einhergehend mit der noetigen Offenheit fuer empirische Befunde, falls mich die Sache irgendwann einmal brennender interessiert. Bezueglich Religionen und ihrer Verknuepfung mit seiner Memtheorie mag ich mir mangels Beschaeftigung mit dem Thema aber nicht einmal ein Fluestern erlauben.

    • @rectus

      Ihre Interpretation respektiere ich. Mir fällt freilich auf, dass Dawkins-Anhänger inzwischen zu praktisch jedem Thema eine Exegese entwickelt haben, nach der man ihn “nur richtig verstehen“ müsse, damit es doch noch passe. Zur “Memetik“ erlebe ich das auch immer wieder. Entweder Dawkins ist also irgendwie doch unfehlbar – oder wir haben es mit einem faszinierenden, sozialpsychologischen Phänomen (analog zu religiösen Gurus?) zu tun…

  9. @ Michael Blume

    Sie können davon ausgehen, dass sie vermutlich in jedem Lebensbereich, religiös wie areligiös, Leute finden werden welche ihren Gurus folgen. Ob diese Richard, Charles oder Franziskus heissen ist dabei gänzlich belanglos. Vermutlich gibt es auch thematische Gurus, welchen gefolgt wird. Es will halt auch jeder was neues, exklusives bringen und schon wird längst bekanntes neu gelabelt und abermals verkauft 🙂

    • @Dr. Friesen

      Das stimmt wohl. Der o.g. Evolutionsbiologe Ernst Haeckel wurde von seinen Anhängern auf einem “Freidenkerkongress“ in Rom sogar zum “Gegenpapst“ ausgerufen… 😉

  10. Hallo Frau Dr. Friesen,

    ich wollte doch noch auf Ihren Hinweis bezüglich der EP Hinweis antworten.

    “Es geht schlicht darum, dass Evolutionäre Psychologie bisher nicht zeigen konnte, dass menschliche Psychologie wirklich darwinistisch konfiguriert wurde und eben nicht lamarckinisch. ”

    Muss sie das? Für mich bietet sie schlicht eine weitere Perspektive auf das Mysterium der menschlichen Psyche an.
    Dass Verhaltensweisen ein komplexes Gemenge von Umweltfaktoren und Veranlagung sind, darüber besteht sicherlich Einvernehmen. Gerade deshalb, finde ich, sollten Psychologen und sogar Soziologen den EP Ansatz als spannende Ergänzung mit Interesse verfolgen. Denn umgekehrt dürfte es schwierig sein, zu zeigen in welchem Masse die menschliche Psychologie “lamarckinisch” konfiguriert wurde, bzw im Einzelfall die Grenzen einer individuellen “Konfigurierbarkeit” realistisch einzuschätzen.

    Nach der Lektüre Wikipediartikels* würde ich mich demnach Edouard Machery anschließen:
    “Evolutionary psychology remains a very controversial approach in psychology, maybe because skeptics sometimes have little first-hand knowledge of this field, maybe because the research done by evolutionary psychologists is of uneven quality. However, there is little reason to endorse a principled skepticism toward evolutionary psychology: Although clearly fallible, the discovery heuristics and the strategies of confirmation used by evolutionary psychologists are on a firm grounding.”

    * “Es geht schlicht darum, dass Evolutionäre Psychologie bisher nicht zeigen konnte, dass menschliche Psychologie wirklich darwinistisch konfiguriert wurde und eben nicht lamarckinisch. ”

    Muss sie das? Für mich bietet sie schlicht eine weitere Perspektive auf das Mysterium der menschlichen Psyche an.
    Dass Verhaltensweisen ein komplexes Gemenge von Umweltfaktoren und Veranlagung sind, darüber besteht sicherlich Einvernehmen. Gerade deshalb, finde ich, sollten Psychologen und sogar Soziologen den EP Ansatz als spannende Ergänzung mit Interesse verfolgen. Denn umgekehrt dürfte es schwierig sein, zu zeigen in welchem Masse die menschliche Psychologie “lamarckinisch” konfiguriert wurde, bzw im Einzelfall die Grenzen einer “Konfigurierbarkeit” realistisch einzuschätzen.

    Nach der Lektüre des Wikipediartikels “Criticism of evolutionary psychology” würde ich mich demnach Edouard Machery anschließen:
    “Evolutionary psychology remains a very controversial approach in psychology, maybe because skeptics sometimes have little first-hand knowledge of this field, maybe because the research done by evolutionary psychologists is of uneven quality. However, there is little reason to endorse a principled skepticism toward evolutionary psychology: Although clearly fallible, the discovery heuristics and the strategies of confirmation used by evolutionary psychologists are on a firm grounding.”

    *

    • @Ralph & Dr. Friesen

      Da Sie beide sich offensichtlich auf hohem Niveau weiter über das Thema austauschen wollen, schalte ich die Kommentarfunktion im Lange-Blogpost hiermit wieder frei. @Ralph, Sie können Ihren sehr guten Kommentar einfach noch einmal dorthin übertragen.

      #AllesfürdieLeser 🙂

    • @Ralph

      “Es geht schlicht darum, dass Evolutionäre Psychologie bisher nicht zeigen konnte, dass menschliche Psychologie wirklich darwinistisch konfiguriert wurde und eben nicht lamarckinisch. ”

      Na ja, “müssen” ist immer ein großer Anspruch. Evolutionär ist ja nun kein geschütztes Adjektiv, Diese Richtung der Psychologie, darf sich selbstverständlich nennen wie sie möchte. Nur verstehen verschiedene Leute unter Evolution bzw. evolutionär eben verschiedene Dinge. Dies kann zu Missverständnissen führen.

      Wenn ich die Vertreter dieser Richtung richtig verstehe, dann wollen sie mit der EP was neues bringen, was bisher nicht gedachtes. Denn nur an neuer Begrifflichkeit wird ihnen kaum gelegen sein. Wenn dem so ist, dann kann und wird das missverstanden werden. Hiermit wären wir dann beim Unterschied zwischen darwinistisch und lamarckinisch.
      Nun, dass die menschliche Psychologie “lamarckinisch” konfiguriert wurde und wird, zeigt ihnen jedes Kind welches eine Entwicklung und eine Erziehung durchmacht bzw. erfährt. Oder nehmen sie die Geschichte, die Beispiele hier sind Legion wie ganze Völker psychologisch “auf Linie” gebracht werden konnten.

      Was denken sie Ralph? Denken sie unsere Psychologie wurde darwinistisch konfiguriert, also durch zufällige Mutation und danach erfolgte Selektion der “fitten” Konfiguration?

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  12. Offenbar hat hier noch niemand darauf hingewiesen: Das äußerst spannende Thema dieses Blogbeitrages hat Richard Dawkins schon 2004 in seinem superspannend zu lesenden Buch “The Ancestors Tale” (dt. “Geschichten vom Ursprung des Lebens”) breit ausgeführt. Es ist die vielen Kapiteln dieses Buches zugrunde liegende Idee. Daß nämlich eine Fülle von Detailerkenntnissen über Stammbäume umgeschrieben werden müssen. Dawkins bringt dafür tolle, erstaunliche Beispiele.

    In dem letzten Kapitel desselben Buches geht Richard Dawkins dann auch sehr aufgeschlossen, positiv und ergebnisoffen auf die Thesen von Simon Conway Morris ein (“Life’s Solution – Inevitable Humans in a Lonely Universe”). Nach diesen ist der Ablauf der Evolution eben NICHT vom Zufall bestimmt, sondern weist Zielstrebigkeit auf, ablesbar, so Conway Morris, an den vielen evolutionären Konvergenzen, die überall im Artenstammbaum auftreten.

    Aber schön, daß zehn Jahre später auch andere auf diese Themen stoßen. 🙂

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