Vom Katechon-Glauben zum Dritten Reich in Deutschland, Russland, USA – einfach erklärt

Als gelernter Finanzassistent muss ich immer wieder ein wenig schmunzeln, wenn mir Leute, mit einigem Recht, von ihrer Angst vor Palantir berichten – dieser Software von Peter Thiel, die Polizeidaten in die USA abfließen lassen könnte. Denn sehr viele von uns Deutschen nutzen eben immer noch Paypal. Und genau damit wurde Thiel reich – und seine Mit-Ausgezahlten nennen sich bis heute die “Paypal-Mafia”. Und mir kann niemand erzählen, dass die Millionen von Finanzdaten, die damit täglich in Deutschland erstellt werden, nicht auch in die USA abfließen würden.

Mastodon-Post von Dr. Michael Blume vom 29.08.2025, in dem er vor Palantir und PayPal warnt und auf den Podcast "Die Peter Thiel Story" hinweist.

Aus meiner Sicht auch religionswissenschaftlich sehr hörenswert ist der Deutschlandfunk-Podcast “Die Peter Thiel Story”. Screenshot meines Mastodon-Posts vom 29.08.2025: Michael Blume

Andere Länder wie die Niederlande oder die Schweiz haben schon längst eigene Finanzsoftware. Wir in Deutschland haben mal wieder den fossilen und bequemen Weg gewählt und sind derzeit, was IT angeht, noch weitgehend Vasallen der USA und von China.

“Michael, was hat es mit diesem Katechon auf sich, an den auch Peter Thiel glaubt?”

Aber nun ist es so, dass ich eben Religionswissenschaftler bin und deswegen die meisten Fragen bei mir zu religiösen Themen eingehen. Deswegen bin ich auch in den letzten Tagen immer wieder gefragt worden, was es denn mit dem Glauben an den Katechon auf sich habe.

Es ist tatsächlich eine ganz spannende Geschichte und deswegen möchte ich sie gerne so einfach und kompakt wie möglich erzählen.

Ihr findet den Katechon in der Bibel im zweiten Buch Thessaloniker 2,7. Dort heißt es:

“Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam, nur muss der, der es jetzt aufhält, erst hinweg getan werden.”

Der, der es jetzt aufhält, das ist altgriechisch “to katechon”, der Katechon. Aufhalten soll er den “Mensch des Frevels” (2. Thess 2,3). Damit wurde in der jüdischen Apokalyptik ein blutrünstiger Tyrann wie der Seleukidenkönig Antiochus IV. oder der römische General Pompeius bezeichnet, die jeweils auch Heilige Stätten schändeten.

Die christliche Tradition deutete diesen “Mensch des Frevels” zunehmend dualistisch als teuflischen “Antichrist” – und der Katechon sei der Sterbliche, der ihn noch aufhalte. Es war dabei nie klar, wer genau mit Katechon eigentlich gemeint war. Naheliegend wäre natürlich eine Person der Kirche gewesen. Aber in der damaligen Zeit waren die Kirchen durch Mission und Kinderreichtum aufstrebend und wuchsen stark. Die Vorstellung, Kirchen und Lehrende müssten erst “hinweg getan werden”, war den frühen Interpreten entsprechend fremd. Stattdessen setzte sich die Deutung durch, es sei das Römische Reich damit gemeint, dessen Institutionen der Tyrannei wehren sollten. Langsam floss so römische Zivilreligion ins Christentum ein: Wo das Cäsar-Kaiserreich ist, da halte es trotz allem Unrecht immerhin den Antichristen auf.

Schließlich ging das Römische Reich aber doch unter – und auch wegen dem Katechon-Glauben gab es eine Sehnsucht nach einer Fortsetzung. So wurden Ostrom, Byzanz als Konstantinopel, später auch Westrom, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation um Aachen mit Kaiser Karl dem Großen (747 – 814) in den Traditionen ab der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom um 800 zum neuen, “zweiten Reich”.

Coverbild des eBooklet "A wie Aachen. Das Alphabet und die Maiers machen Gesetze" von Dr. Michael Blume.

Im ersten eBooklet zur neuen Buchstabiertafel “A wie Aachen. Das Alphabet und die Maiers machen Gesetze” erzählte ich die Entstehung des weströmischen Kaiserreiches, später Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Bild: Michael Blume

Als dann aber 1806 auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – das weder heilig noch römisch noch deutscher Nation gewesen war – durch den französischen und selbsternannten Kaiser Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) beendet wurde und 1918 auch das kurzlebige, preußisch-deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg unterging, fühlten sich Katechon-Gläubige verlassen und von den demokratischen Republiken immer stärker bedroht. In Deutschland prominent wurde der Katechon-gläubige Jurist und bekennende Freund-Feind-Dualist Carl Schmitt (1888 – 1985), der Dialog und Demokratien verabscheute und wieder ein Reich forderte, bis hin zum tyrannophilen Ausspruch: “Der Führer schützt das Recht.”

Wir sehen hier, dass das Christentum durch den Katechon-Glauben gewissermaßen dualistisch auf den Kopf gestellt wird. Es geht also jetzt nicht mehr darum, den durch die Bibel und Rabbi Jehoschua / Jesus offenbarten Willen Gottes auch außerhalb und notfalls gegen die Politik zu tun – sondern stattdessen darum, mit Gewalt und Tyrannen imperiale Reiche zu errichten. Nicht mehr die überzeitliche Kirche, sondern das zeitliche Reich wird zum Bezugspunkt des post-christlichen Glaubens.

Genau das, wovor auch die jüdische Apokalyptik zur Zeit des frühen Christentums ausdrücklich gewarnt hatte, sollte jetzt vor einem außerweltlichen Antichristen “schützen”!

Und diesen antichristlichen und antijüdischen Dualismus haben wir dann leider auch nicht nur in Deutschland, sondern inzwischen auch in Russland. Dort ist dann die Rede davon, dass Moskau das Dritte Reich nach Rom und Byzanz sei. (Daher übrigens auch die Feindseligkeit des Moskauer Patriarchats gegen das immer noch bestehende Patriarchat von Konstantinopel / Istanbul.)

Rechtsdualisten wie Alexander Dugin, ein einflussreicher Ideologe des Putin-Imperialismus, dessen rechtsdualistische Denkfabrik sogar “Katehon” heißt, lehren entsprechend: Das Russische Reich muss wieder erstehen gegen die gefährliche Vorherrschaft des Antichristen in Form von demokratischen Republiken. Die Europäische Union ist Putin-Reichsideologen also nicht nur irgendein Feind, sondern tatsächlich eine endzeitliche Bedrohung! Und dass die Ukraine demokratisch wurde, kann in dieser Ideologie daher nur als Vormarsch des Antichristen gegen das dritte und letzte Reich von Moskau gedeutet werden. Wir müssen leider davon ausgehen, dass nicht wenige Russen bis tief in die orthodoxe Kirche hinein diesen antiliberalen Dualismus ernsthaft glauben.

Tja, und jetzt haben wir das mit Leuten wie Peter Thiel leider auch in den USA. Thiel glaubt an den Katechon und also, dass es nach dem britischen Empire nun unbedingt ein Drittes Reich der Weißen in Nordamerika bräuchte. Er erkennt die Republik, die Demokratie nicht an und äußerte sich konkret auch negativ zum Frauenwahlrecht. Ihm wäre es Recht, wenn Donald Trump die US-Republik vernichtet und dann sein langjähriger Zögling, der jetzige, katholische Vizepräsident J. D. Vance als Reichs-Monarch von seinen Gnaden auf den Thron eines nordamerikanischen Imperiums käme.

Ver-rückt? Ja, Freund-Feind-Dualismus führt in Verschwörungsglauben und Wahnsinn

Mir ist bewusst, wie verrückt dies für normale Leute – und gerade auch dialogisch-monistische Religiöse – klingt. Weil es das auch ist. Es ist purer Dualismus, der die Bibel, das Christentum und das Judentum und auch jede vernünftige Philosophie auf den Kopf stellt. Der Katechon-Glauben definiert sich von einem Feindbild her, dem Antichristen, und verehrt im Ergebnis Tyrannen, also die biblischen “Menschen des Frevels”. Genau das, wovor der ursprüngliche, biblische Text eigentlich warnte, wird von meist fossilen Katechon-Faschisten jetzt erstrebt.

“Okay, Michael – so weit die Religionsgeschichte. Aber was sagst Du denn persönlich als Christ dazu?”

Aus meiner persönlichen Sicht als evangelischer Christ sollten biblische Texte – auch der christlichen Traditionen – niemals ohne Berücksichtigung der jüdischen Wurzeln ausgelegt werden. Und demnach ist völlig klar, dass die zitierte Schrift vor tyrannischen und lügnerischen Menschen warnt, die schon damals Mitwelt und Menschheit ins Unglück stürzten.

Der Katechon verkörpert sich daher für mich in jenen Menschen, die der Tyrannei und Lüge wehren – für dialogischen Monismus und also Religionsfreiheit und Dialog, für Demokratie, Gewaltenteilung und Wissenschaft eintreten. Ich denke dabei an Menschen wie den mutigen NS-Gegner Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945).

Genau das sagt übrigens auch der Text, wenn man ein bisschen weiterliest. In 2. Thessaloniker 2, 9-12 heißt es:

“Der Frevler aber wird kommen durch das Wirken des Satans mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden.

Denn sie haben die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, dass sie gerettet würden.

Und darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, dass sie der Lüge glauben, auf dass gerichtet werden alle, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit.”

Wer nicht bereits dualistisch ist, erkennt hier die Warnung vor Tyrannen wie Adolf Hitler (1889 – 1945) und Josef Stalin (1878 – 1953), vor Lügnern und Faschisten, vor gierigen Fossilisten und skrupellosen Leugnern von Wahrheit und Wissenschaft. Wer seinen dialogisch-monistischen Glauben an Gott gegen einen dualistischen Katechon-Reichsglauben umgetauscht hat, hat nach meiner persönlichen Einschätzung auch charakterlich falsch und schlecht gewählt.

Und dass auch islamische Kalifats- und nichtreligiöse Reichslehren ganz ähnliche Irrwege eingeschlagen haben, scheint mir ebenfalls evident und religionspsychologisch nicht überraschend zu sein. Ich meine: Ob wir selbst nun religiös sind oder nicht – durch die historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem politisierten Katechon-Reichsglauben können wir den feindseligen Dualismus sehr vieler auch heutiger Menschen verstehen.

Quelle: Bibel-Zitate & Hinweise zur jüdischen Apokalyptik nach “Das  neue Testament – Jüdisch erklärt. Lutherübersetzung”, Deutsche Bibelgesellschaft 2021, S. 458 – 459

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

75 Kommentare

  1. Spannender Text! Mit dem Katechon bin ich nicht vertraut. Die langen Geschichtsfäden, die verschiedene Imperien und die Bibel miteinander verknüpfen, zeugen von Größenwahn. Realpolitik ist schon gefährlich genug, wenn mächtige Menschen ihre Macht verteidigen und mehren wollen. Wenn neben Machtgier auch noch religiöser Schicksalsglaube hinzukommt, wird es noch gefährlicher. Was zählt da schon ein Menschenleben? Was spricht dann noch gegen den Einsatz von Massenvernichtungswaffen und Genozid? Und diese Kategorien sind noch viel zu klein gedacht. Der Fossilismus steuert die menschliche Zivilisation ganz bewusst auf eine Apokalypse zu. Und Trump, König der Gaukler und Blender (bzw. Schattenspieler; Grüße gehen raus an Platon) ist sein wichtigster Agent.

    • Vielen Dank, @Hui Haunebuh – und ich kann da inhaltlich nur zustimmen! Neben der massiven Säkularisierung und Hyperindividualisierung samt Geburtenimplosion findet eben auch eine demografische und mediale Renaissance religiöser Bewegungen statt. Und es ist aus meiner Sicht überaus entscheidend, ob es sich dabei um dialogisch-monistische oder um feindselig-dualistische Strömungen handelt.

      Der dualistische Katechon-Glauben war schon mit dem Kohle-Fossilismus und Faschismus von “Eisen und Blut” immer wieder im Bunde. Mit dem jetzigen, fossilen “Blut für Öl”-Faschismus wird er noch gefährlicher. Europäische Elektroautos oder Threema statt WhatsApp sind kleine, aber wichtige Schritte in die post-fossile Energiedemokratie.

  2. Man merkt, dass das Christentum ursprünglich eine Endzeitreligion war. Letztlich ist der Katechon derjenige, welcher die Offenbarung des Frevlers und die Ankunft von Jesus Christus verhindert. Bemerkenswert, wie eine bestenfalls ambivalente Person zum Heilsbringer umgedeutet wurde.

    Aber auch die Tech-Milliardäre sind stark endzeitgläubig, wie man an den ganzen Berichten über Bunker und Privatinseln sieht. Das scheint mir stark eine Rechtfertigung zu sein, warum es legitim ist, aus der Zerstörung von Gesellschaften und Ökosystemen persönlichen Profit zu ziehen. Wenn ohnehin alles dem Untergang geweiht ist, dann darf man das.

    • Vielen Dank, @Bernd – und ich freue mich wirklich, Ihrem Kommentar hier mal Satz für Satz zustimmen zu dürfen.

      Die dualistische Struktur des Katechon-Reichsglaubens erlaubt es diesen Leuten wie Peter Thiel zudem, sich mit säkularen Langzeitisten wie Elon Musk zeitweise zu verbünden, die die Klimakrise als unausweichlich begrüßen, um nur noch einer Auswahl von Menschen das Überleben zu ermöglichen.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/langzeitismus-der-kommende-faschismus-feiert-die-klimakrise-fossiler-wahnsinn-3/

      Immerhin aber kommen die fossilen Geschäftsmodelle immer schneller an ihr Ende. So bricht durch die schnelle Entwicklung der Photovoltaik gerade auch die russische Kohleindustrie mangels Nachfrage zusammen:

      https://www.n-tv.de/wirtschaft/Putin-und-China-ruinieren-Russlands-Kohleindustrie-article25996892.html

      Ich finde es zwar bedauerlich, aber auch wenig überraschend, dass sich die derzeitige Bundesregierung noch immer an sterbende Industrien klammert, statt endlich erneuerbare Energien als Friedensenergien und Wohlstandsenergien zu begreifen. Dafür stellen nach Uruguay inzwischen auch schon ärmere Staaten wie Pakistan und Sierra Leone ihre Energieerzeugung auf dezentrale Solarenergie um. Der Trend ist nur noch unter hohen, volkswirtschaftlichen Kosten zu bremsen, aber global nicht mehr zu stoppen.

  3. @Blume

    Warum immernoch Zweifel? Warum immernoch Angst?

    Du kannst den Leuten doch ruhig erzählen wie Du ein Teil des Katechon / des Reinen Katechon bist – Es wird hier und überhaupt nichts Gegenteiliges mehr bewirken, trau Dich!
    👋😇

    • Aha, @hto – geht es Ihnen gut?

      Dass ich die Macht haben sollte, die Zeitläufe so zu beeinflussen, wäre mir neu. Mir reicht es eigentlich, Menschen nach Kräften zu helfen und hier den Dialog der Religionen und Wissenschaften zu pflegen.

      Was genau aber meinen Sie mit „Reinem Katechon“? Gibt es in Ihrem dualistischen Glauben auch einen „Unreinen“? Oder haben Sie wie so oft einfach wieder nur wild dahingetippt?

      • @Blume #was genau

        Im Reinen/systemrationalen Katechon, profitieren die opportunistisch-populistischen Surfer/Schmarotzer auf dem/im stumpf-, blöd- und wahnsinnigen Zeitgeist, von allen logischen/zeitgeistlich-reformistischen Schwächen der menschenUNwürdig wettbewerbsbedingt-konfusen Symptomatik von “Wer soll das bezahlen?” bis heuchlerisch-verlogener Schuld- und Sündenbocksuche im geistigen Stillstand seit Mensch erstem und bisher einzigen GEISTIGEN Evolutionssprung (die “Vertreibung aus dem Paradies”)!?
        👊😇🤚

        • Okay, @hto – schade. Doch wieder nur unverständliches Geschwurbel.

          Ich verordne Ihnen hier mal wieder einen Monat Pause. Probieren Sie es gerne im Oktober wieder, oder lassen Sie es. Für Ihre Hass- und Satzfetzen ist mir die eigene Zeit und jene der ehrlich interessierten Leserinnen und Leser zu schade.

          Ihnen alles Gute bei Ihrem “Evolutionssprung”! 🙄

  4. Bislang hat jeder, der das Geld hatte, riesige Datenbanken aufgebaut, doch bislang fehlte die Rechenpower, sie auszuwerten, die Kosten-Nutzen-Rechnung fiel so aus, dass sich der Aufwand nur in Einzelfällen lohnte. Ich gehe mal davon aus, dass alles, was ich je im Internet gemacht habe, auch irgendwo dokumentiert ist, und im KI-Zeitalter bin ich überglücklich über Verjährungsfristen, Finanzkrisen, Katastrophen und Kriege, die die Aufmerksamkeit und Ressourcen von so Niemanden wie mir ablenken. Nix Kriminelles, nur Peinlichkeiten, aber die zuhauf. [Wegen Überlänge und unangemessener Sprache gekürzt, M.B.]

    • Hier stimme ich Ihnen – mit einer wichtigen – Einschränkung zu, @Paul S.: Viele der Menschen, die zum Datenschutz bei staatlichen Volkszählungen erhebliche Bedenken anmeldeten, verschenken heute ihre intimsten Daten per WhatsApp und Paypal, per Facebook, Instagram und Tiktok.

      Zugleich wachsen aber auch die Chancen, sich im Fediversum selbst zu definieren. Die zahlreichen Hass-Attacken, die ich seit vielen Jahren erlebe, verpuffen ja auch deswegen, weil ich hier seit vielen Jahren meine Positionen transparent und dialogisch formuliere. Bizarre Behauptungen, Lügen und Vorwürfe prallen dann an der auch digitalen Realität ab.

  5. Und dann erzähle ihnen auch, warum Leute wie Du Paulus den Schwätzer so lieben – Der wäre heute sicher Mitglied der CDU/CSU.

    • Danke, @hto – aber Ihr linksdualistisches und gnostisches Geschwurbel ist für diesen Blog nicht interessant genug. Zum Dialog tragen Sie kaum etwas bei und die ständigen Angriffe gegen mich, weil ich mich in einer demokratischen Partei einbringe, sind abgestanden und langweilig.

      Mein Verständnis von Christdemokratie im Unterschied zum Konservativen hat neulich Volker Kauder sehr gut in diesem Interview auf den Punkt gebracht:

      https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei.4169a402-a6ce-4d95-b2ab-5140ee2a6ffa.html

      Vielleicht bekommen Sie ja noch eine verständliche Antwort zum „Reinen Katechon“ hin. Ansonsten dürfen Sie sich auch gerne wieder trollen. Die Mehrzahl der Kommentierenden hier ist nämlich nicht wegen der Selbstinszenierung verbitterter, dualistischer Männer hier, sondern wegen ernsthaftem Dialog.

      Ihnen eine gute Zeit! ☺️☕️

  6. @Hauptartikel

    Wirklich verstanden hab ich das nicht. Soll hier einfach religiöse Konfusion die Verantwortungslosigkeit stützen? Das wäre folgerichtig.

    Und wir sollten uns mehr China und den ärmeren Ländern zuwenden? Soweit man hier eben Verantwortung sieht und auch umsetzten will. Zumal das ja auch florierender produktiver Wirtschaft überhaupt nicht entgegenstehen muss.

    Kurzfristig Andere einfach schnell zu beklauen ist dann ja auch die Hauptaktivität unseliger Autokraten, der nachfolgende auch wirtschaftliche Absturz ist dann freilich meistens unausweichlich.

    • Danke auch für die Nachfrage, @Tobias

      Hier hat es @Bernd m.E. sehr gut geschafft, die zentralen Schlüsse des Katechon-Glaubens darzulegen:

      “Letztlich ist der Katechon derjenige, welcher die Offenbarung des Frevlers und die Ankunft von Jesus Christus verhindert. Bemerkenswert, wie eine bestenfalls ambivalente Person zum Heilsbringer umgedeutet wurde.”

      Noch mehr zugespitzt: Dualistische Katechon-Gläubige halten nicht mehr Rabbi Jehoschua / Jesus, sondern den jeweiligen Reichskaiser (“Cäsar”) für die rettende Heilsfigur.

      In Sachen China aber von mir ein klares Nein: Ich denke nicht, dass wir uns als Europäische Union gleichzeitig in US-amerikanischen und chinesischen Abhängigkeiten verstricken sollten. Vielmehr sollten wir, so meine ich, von der Energiewende über die Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit bis zu Rohstoff-Recycling und Software die europäische Unabhängigkeit stärken.

  7. Das ist schwer verdauliche Kost. Ganz verstanden habe ich es nicht.

    Interpretiere ich Ihre Ausführungen richtig, so lässt sich theoretisch alles, was irgendwann einmal geschrieben wurde, im jeweils eigenen Sinne auslegen. Das macht nicht vor Länder- oder Sprachgrenzen Halt.

    Texte dienen als Vorwand für Macht- und Hegemonialstreben. Entscheidend ist nur, ausreichend und die richtigen Leute dafür zu finden. Vor Jahren habe ich mal gelesen, dass die Psychogramme von Diktatoren ziemlich ähnlich sind.

    Was nun die amerikanische Vorrangstellung im IT Bereich angeht, so erwähnen Sie zwar Palantir und Paypal. Das Fehlen europäischer Alternativen macht sich schmerzlich bemerkbar. Erwähnen will ich noch den Deutschen Sparkassen- und Giroverband, der zu den aktuell gültigen EC-Karten noch eine VISA Kreditkarte hinzugefügt hat. Das ist aus meiner Sicht insbesondere deshalb nicht ungefährlich, weil Elon Musk gemeinsam mit VISA aus X eine Bezahlapp machen will oder wollte! Wie sicher sind da die Daten deutscher Sparkassenkunden?

    Falls die USA, Russland und China die Welt unter sich aufteilen wollen, gibt es keine Zukunft für die Demokratie in Europa. DT hat ja schon geäußert, dass sich viele Amerikaner einen Diktator wünschen würden. Schaut man sich die Umfragewerte in Deutschland an, gibt es zumindest bei uns tatsächlich viele Menschen, die eine Diktatur wollen.

    Wir leben in dunklen Zeiten, und es scheint mit jedem Tag weiter abwärts zu gehen. Da bleibt wenig Hoffnung.

    • Vielen herzlichen Dank, @Marie H. 🙏

      Und, ja, Sie haben das Katechon – Thema m.E. gut verstanden: An einem eher randständigen Begriff der Bibel haben Rechtsdualisten eine tyrannophile und demokratiefeindliche Variante des fossilen Faschismus entwickelt. Im Kern lehren sie, dass Demokratien den Antichristen bringen würden und nur imperiale Reiche das Ende verzögern könnten. Es war mir wichtig, das einmal aufzuklären.

      Und insgesamt bin ich gar nicht ohne Hoffnung. Während die Fossilisten bei uns noch die Energiewende blockieren und die Folgen der Demografie zu verleugnen versuchen, wachsen Solaranlagen und auch Batteriespeicher weltweit und zunehmend auch in ärmeren Ländern wie Pakistan und Sierra Leone. Wir müssen uns wohl einfach an den Gedanken gewöhnen, dass wohlhabende und mangels Kindern alternde Gesellschaften dazu tendieren, mehr zu konsumieren als zu investieren. Progressive Ideen, Personen, Parteien haben es dann schwerer, aber wir sollten auch nicht vergessen, auf welchem (noch) hohen Niveau wir schon angelangt sind.

      Ihnen vielen herzlichen Dank für die immer wieder starken und dialogischen Kommentare! Ich freue mich immer wieder, Sie zu lesen. 🙌📚🖖

      • Danke für Ihre Antwort.

        Passend zum Thema Putin und Russland habe ich gestern gelesen, dass Frankreich sein Gesundheitswesen auf einen Krieg vorbereitet.

        Was ich beim Gedanken an Krieg empfinde, ist Wut, Trauer und Entsetzen. In Ihrem Text haben Sie auch den Namen Dugin genannt. Der hat schon vor drei Jahren als “Kriegsziel” Berlin ausgegeben.

        • Vielen Dank meinerseits, @Marie H.

          Wir sehen die gleichen Gefahren, doch ich sehe auch den Niedergang des Fossilismus. Aus meiner Sicht ist Putin militärisch und auch wirtschaftlich schon viel schwächer als weithin angenommen – und kann es kaum mehr wagen, seinen Militärs, den Oligarchen und dem Volk einen nur kläglichen Frieden zu präsentieren. Er schlittert auf sein Ende zu.

          Und auch aus Deutschland habe ich sehr gute Nachrichten zu vermelden:

          Gute Nachrichten!

          #Deutschland hat genug vom #Fossilismus!

          Laut neuer #Umfrage befürworten 73 Prozent der Befragten die #Energiewende und wünschen sich mehr Investitionen in Erneuerbare Energien. 59 Prozent der Antwortenden lehnen neue #Gaskraftwerke grundsätzlich ab. Bei den Wählerinnen und Wählern der #Union liegt die Ablehnung sogar bei 61 Prozent! Zugleich fordern 71 Prozent der Befragten die Fortsetzung der Förderung von #Photovoltaik auf Hausdächern.

          https://sueden.social/@BlumeEvolution/115133651593753583

          Der Fossilismus wütet in seiner Abwehrschlacht und er kann leider immer noch töten. Aber er verliert an Anhängerschaft, Tag für Tag und an immer mehr Orten. Der Solarpunk setzt sich durch – zu spät für vieles, aber womöglich noch nicht zu spät für alles. Hoffe ich.

  8. @Michael 01.09. 18:09

    „Noch mehr zugespitzt: Dualistische Katechon-Gläubige halten nicht mehr Rabbi Jehoschua / Jesus, sondern den jeweiligen Reichskaiser (“Cäsar”) für die rettende Heilsfigur.“

    Ich halte gar nichts von Heilsfiguren, ob nun demokratisch oder anders legitimiert. Staatschefs sollten für ihr Land arbeiten, das vernünftig tun und auch Verantwortung für die restliche Welt und nachfolgenden Generationen übernehmen.

    Was soll man sonst Demokratien vorwerfen, als dass da geheime böse Mächte ans Ruder kommen?

    Ich finde aber die inhaltliche Auseinandersetzung auch mit Autokraten für nicht zwecklos. Die sind nicht alle nur destruktiv. Hier kann man dennoch Synergien finden. Und es gibt einerseits viele nicht so gut demokratische Länder wie hier in Mitteleuropa, mit denen man aber dennoch zusammenarbeiten kann.

    Ein Lichtblick wäre allerdings, dass wirklich üble Diktatoren am Ende unausweichlich aufeinander losgehen werden. Es kann davon nur Einen geben. So wie auch Hitler und Stalin.

    „In Sachen China aber von mir ein klares Nein: Ich denke nicht, dass wir uns als Europäische Union gleichzeitig in US-amerikanischen und chinesischen Abhängigkeiten verstricken sollten.“

    Ein wirtschaftlich florierender Sozialismus, der aktiv an dem Ende der fossilen Ära mitarbeitet, ist mir letztlich dennoch eher willkommen. Neben den demokratischen Freiheiten, die da zweifellos fehlen, läuft es wenigstens sonst ziemlich vernünftig. Keiner weis freilich, wie sich China weiterentwickelt. Was aus den USA oder Europa noch wird, weiß man allerdings jetzt auch nicht unbedingt.

    „Vielmehr sollten wir, so meine ich, von der Energiewende über die Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit bis zu Rohstoff-Recycling und Software die europäische Unabhängigkeit stärken.“

    Unbedingt. Ganz akut kann es aber ziemlich hilfreich sein, die derzeit günstigen PV-Module und Lithiumakkus in China reichlich einzukaufen. Wir sind jetzt sowieso bei vielen Produkten auch von China abhängig, und können das gerne auch wieder abbauen. Das braucht aber seine Zeit, und wenn wir wirklich die Weltmarktpreise für Öl und Gas ruinieren wollen, damit Putin das Geld ausgeht, dann sollte das nicht zu lange dauern.

    Letztlich dürfte auch China von uns wiederum abhängig sein, und wird seinerseits gucken, das abzubauen. Da wären wir uns dann sogar einig.

    Gemeinsam die Klimakrise entschärfen darf auf jeden Fall ein äußerst lohnendes Projekt bleiben. Einen Austausch von Knowhow zwischen Europa und China könnte sogar beide Seiten weiterbringen und unbedingt das Projekt Energiewende global beschleunigen. An Trump und Putin und den eigenen Fossillisten vorbei.

    Die größten Abhängigkeiten sehe ich hier aber in der Software von IT aller Art, die z.B. auch längst eingekaufte Produkte wie PV-Module oder Lithiumbatterien zum Risiko machen können. Das sollten wir als erstes alles auf offene Software umstellen. Wenn es um ganze Autos geht, wäre das wesentlich aufwändiger, aber m.E. dennoch auf die Dauer auch praktikabel.

    Und wie gesagt, das betrifft nicht nur die EU mit seinen gut 5% , sondern 80% der Weltbevölkerung. Und auch China und die USA selber können sich dann jede Menge Programmieraufwand sparen, und sich einfach selber freiwillig an der globalen offenen Software bedienen, bzw. daran mitarbeiten.

    • @Tobias

      Danke für Dein Glaubensplädoyer an die Vernunft. 🙏

      Gleichwohl kann ich diesen Glauben an Sachen leider nicht teilen, weil wir uns von Dingen nichts, von Personen aber viel sagen lassen.

      Hans Blumenberg (1920 – 1996) hat dies in seinem Werk “Höhlenausgänge“ (Suhrkamp 1989 / 2023) auf die bestürzend klare Formel gebracht, S. 372:

      “Die Vernunft schafft es nicht, sich aus sich selbst zu Handlungen zu motivieren.“

      So schreibst Du, rührend Vernunft-gläubig:

      “Ich halte gar nichts von Heilsfiguren, ob nun demokratisch oder anders legitimiert. Staatschefs sollten für ihr Land arbeiten, das vernünftig tun und auch Verantwortung für die restliche Welt und nachfolgenden Generationen übernehmen.“

      Doch warum „sollten“ sie das tun? Die menschliche Realität ist doch näher bei dem polnischen Millionär Piotr Szczerek, der spontan einem Kind die signierte Kappe 🧢 eines Tennisspielers wegschnappte. Was sollte der Kleine auch tun, wenn der Reiche zugreift?

      Tja, was den Zugreifenden „zur Vernunft“ brachte, war keine Philosophie, sondern schlicht der Umstand, dass der Diebstahl im Internetstream zu sehen war und so zu einem gnadenlosen Tribunal wurde.

      “Die Aufregung über die weggeschnappte Kappe ist auch in der Heimat des Unternehmers groß. Der Mann macht sich inzwischen ernsthaft Sorgen um den Ruf seiner Firma. Das Bewertungsportal Trustpilot musste die Kommentarfunktion unter dem Firmeneintrag zeitweise schließen. Auf dem polnischen Jobportal Gowork sammelten sich zudem mehr als 14.000 zumeist negative Meinungen. […] Um seine Glaubwürdigkeit zu untermauern, verweist der Pole auf sein soziales Engagement. Eigenen Angaben zufolge engagieren er und seine Frau sich seit Jahren für Kinder und junge Sportler. Die Situation habe ihm gezeigt, dass ein Moment der Unachtsamkeit jahrelange Arbeit zunichtemachen könne.“

      https://www.n-tv.de/panorama/Kappen-Dieb-bemueht-sich-um-Schadensbegrenzung-article26002387.html

      Selbstverständlich hat der Dieb inzwischen die Kappe an den Jungen zurückgegeben. Aber ob die Menschen im Internet zu Gnade und Vergebung bereit sind, wie es der so oft verlachte Jesus war?

      Ich möchte Dir Deinen Glauben an die Vernunft auch unter demokratischen und diktatorischem Politikern nicht nehmen. Doch ich kann ihn leider nicht teilen, da es nur sehr selten Menschen gibt, die es auf Dauer schaffen, Vernunft und Macht zu verbinden – wenn sie nicht glauben (!), bei ihren Taten beobachtet zu werden. Weil wir uns von Dingen nichts, von Personen aber viel sagen lassen.

      Wer das wirklich verstanden hat, hat die Macht nicht nur des Sozialen und der Medien, sondern auch der Religion erfasst.

  9. @Michael 02.09. 04:46

    „Die Vernunft schafft es nicht, sich aus sich selbst zu Handlungen zu motivieren.“

    Im Privatleben auf jeden Fall doch, will ich doch meinen. Wenn ich krank bin und es als vernünftig erachte, zum Arzt damit zu gehen, dann werde ich das meistens auch dann tun, wenn ich überhaupt keine Lust dazu habe.

    Auch im Wirtschaftsleben muss Mensch nicht die reine Gier sein, und kann zugunsten entspannterer Lebensumstände für alle Beteiligten diese Gier freiwillig reduzieren. Wenn Mensch das eben als vernünftig erachtet. In der Tat kann allerdings genau dieser Schritt vom Persönlichen zum allgemeinen Unpersönlichen viel leichter fallen, wenn man religiös ist.

    Aber auch, wenn man einfach ein Fan von florierenden ökologischen und ökonomischen Systemen ist?

    „Gleichwohl kann ich diesen Glauben an Sachen leider nicht teilen, weil wir uns von Dingen nichts, von Personen aber viel sagen lassen.“

    Man kann doch neben personifizierten Gottheiten auch an eine allgemein belebte Welt der Dinge glauben. Das kann genauso zur tätigen Verantwortung motivieren, scheint mir. Vielleicht sogar noch mehr, als wenn man einer Glaubensgemeinschaft anhängt, die nur für sich selber einsteht.

    „Doch ich kann ihn leider nicht teilen, da es nur sehr selten Menschen gibt, die es auf Dauer schaffen, Vernunft und Macht zu verbinden – wenn sie nicht glauben (!), bei ihren Taten beobachtet zu werden“

    Das kann einmal daran liegen, dass es vor allem Menschen nach oben schaffen, die da besonders scharf drauf sind. Vielleicht weil sie es lieben, sich in autokratischer Macht über Andere hinweg setzen zu können. Das ist nun aber auch eine Frage der konkreten politischen Kultur.

    Bei guten demokratischen Verhältnissen dürfte wahrhaftige Verantwortung gar nicht mal so selten sein. Ein Glauben an einen Gott, der einen beobachtet, kann dabei wohl nicht schaden, in der Tat. Aber eher Dingliches wie Kosmische Geisteswelten dürften es aber auch tun.

    Insbesondere wenn die konkrete Religion ziemlich veraltet ist, kann was Moderneres dann sogar mehr weiterhelfen? Putin wird ja auch von der russischen Kirche hoch gelobt. Ja hilft das denn jetzt irgendjemand? Noch nicht mal Russland selber, fürchte ich.

    Das nicht abrahamitische Universum existiert auch noch. China und Japan z.B. haben auch ihre Religion, ohne personifizierten Obergott. Und sind genauso zur Verantwortung fähig, schätze ich mal. Wenn nicht sogar mehr als wir im Westen. Und naturreligiöse Kleingemeinschaften halten die Bewahrung der natürlichen Kreisläufe nun sogar ganz hoch.

    „Wer das wirklich verstanden hat, hat die Macht nicht nur des Sozialen und der Medien, sondern auch der Religion erfasst.“

    Und doch bin ich eher auf der Suche nach neuen religiösen Ideen. Das Starwarsuniversum ist hier m.E. schon ganz gut unterwegs. Und da geht glaube ich noch viel mehr. Im Spannungsfeld zwischen dem persönlichem Leben und globaler Verantwortung wird es dann am Ende wirklich interessant.

    • Danke für Dein Plädoyer, @Tobias – auf das ich gerne eingehe.

      “Im Privatleben auf jeden Fall doch, will ich doch meinen. Wenn ich krank bin und es als vernünftig erachte, zum Arzt damit zu gehen, dann werde ich das meistens auch dann tun, wenn ich überhaupt keine Lust dazu habe.”

      Also motiviert Dich nicht die Vernunft, sondern Dein Eigeninteresse und Dein Wunsch, wieder gesund zu werden. Das geht über egozentrischen Relativismus noch nicht hinaus.

      Immerhin sind Mehrheiten der Menschen bereit, neue Technologien anzunehmen, wenn sie die Vorteile auch für sich selbst erkennen. Habe dazu vorhin gevloggt:

      “Eine repräsentative Studie des Beratungs- und Research-Dienstleisters Pollytix unter 3.101 wahlberechtigten wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern in der Zeit vom 21. Mai bis 2. Juni 2025 zeigt: Deutschland hat genug von den fossilen Gewaltenergien Erdöl und Erdgas.

      So befürworten 73 Prozent der Befragten die Energiewende und wünschen sich mehr Investitionen in Erneuerbare Energien. 59 Prozent der Antwortenden lehnen neue Gaskraftwerke grundsätzlich ab. Bei den Wählerinnen und Wählern der Union liegt die Ablehnung sogar bei 61 Prozent! Zugleich fordern 71 Prozent der Befragten die Fortsetzung der Förderung von Photovoltaik auf Hausdächern.

      https://www.youtube.com/shorts/uj3LGkk31kE

      Die Datenquelle:

      https://www.iwr.de/ticker/energiewende-bekenntnis-mehrheit-der-deutschen-setzt-auf-erneuerbare-statt-auf-neue-gaskraftwerke-artikel7742

      Danke für unsere Dialoge, lieber @Tobias ! Wie Du gesehen hast, bedeuten sie mir viel und ich nehme mir dafür auch mal nachts Zeit für das Recherchieren eines Zitates aus einem klassischen Papier-Buch. 🙂

  10. @Michael 02.09. 10:19

    „Also motiviert Dich nicht die Vernunft, sondern Dein Eigeninteresse und Dein Wunsch, wieder gesund zu werden. Das geht über egozentrischen Relativismus noch nicht hinaus.“

    Aber die Vernunft fängt doch damit an. Und mit weiteren Horizonten geht die Vernunft dann auch weiter. Über den zuweilen auch feindseligen Dualismus bis zum dialogischen Monismus.

    Im Prinzip immer dieselbe Vernunft, nur mit nicht nur sich ausweitenden Interessen, auch mit sich ausweitenden Einsichten. Die man dann am Ende nur gemeinsam aus verschiedenen Blickwinkeln heraus ausloten kann.

    Das sind dann eben Dialoge, die Substanz aller Kultur und Zivilisation. Und mit der aktuellen KI als Kulturwerkzeug scheinen sich hier die Einsichten sehr viel schneller und vollständiger erschließen zu lassen. Das dürfte dann auch gerade zur Ausweitung der Horizonte Einiges beitragen können.

    Gerade weil die LLMs an der ganzen Weltkultur trainiert werden, dürften sich die konkreten Antworten ganz von selber in Richtung erweiterter Horizonte bewegen.

    • Danke, @Tobias – was für ein Dialog! Und ich habe Dir hier auch inhaltlich gar nicht zu widersprechen, sondern möchte nur auf das Miteinander rationaler (“vernünftiger”) und emotionaler (“sozialer, dialogischer”) Erkenntnisse hinweisen.

      Aber die Vernunft fängt doch damit an. Und mit weiteren Horizonten geht die Vernunft dann auch weiter. Über den zuweilen auch feindseligen Dualismus bis zum dialogischen Monismus.

      Exakt so, ja. Und zugleich, schau: Im egozentrischen Relativismus geht es erstmal nur ums Ich – was mir gut tut, ist gut, was mir weh tut, ist schlecht. Die Welt ist noch ein Es (nach Paula & Martin Buber), zu dem keine Beziehung besteht.

      Im feindseligen Dualismus treten dann andere hinzu – wenn auch leider erst einmal negativ. Selbstverständlich würde ich gerne auf manchen Troll und Hater verzichten, aber zugleich signalisieren selbst diese doch: Deine Existenz und Arbeit sind in meinem Leben so wichtig, dass ich mich immer wieder – manchmal täglich – daran abarbeite. Leute im Katechon-Glauben verlieren sich genau hier: Der Glauben an einen drohenden Antichristen lässt sie von Jesus, von Menschenwürde und von Demokratien abrücken in die Sehnsucht nach einem Tyrannen-Reich, das den Antichristen “aufhalten” solle. Die Angst prägt dann ihre negative Identität auch im Sinne eines religiösen Dualismus.

      Erst im dialogischen Monismus ist dann das Ich – Du (nach Paula & Martin Buber) erreicht: Das eigene Ich bleibt wichtig, auch in seinen Ängsten und Schwächen, aber es ist nicht mehr alleine, sondern in einem Gewebe aus vertrauensvollen Beziehungen. Auch die Gottheit ist dann ein “Du” und nicht mehr Quelle der Angst, sondern der Liebe – und zwar quer durch die Weltreligionen und tiefen Philosophien. Christlich gesprochen: Es geht um die Liebe zu Jesus statt um die Sehnsucht nach einem Katechon-Tyrannen.

      Im Prinzip immer dieselbe Vernunft, nur mit nicht nur sich ausweitenden Interessen, auch mit sich ausweitenden Einsichten. Die man dann am Ende nur gemeinsam aus verschiedenen Blickwinkeln heraus ausloten kann.

      Ganz genau – und diese Perspektivwechsel, dieses Sich-Einfühlen in andere Dus – das kann die Vernunft alleine (!) nicht leisten. Eine Vernunftehe ist noch lange keine Liebesehe und eine Freundschaft nur aus Vernunft ist keine echte Freundschaft, sondern allenfalls ein Pakt.

      Das ist übrigens auch der Grund, warum ich den Film KPop Demon Hunters als “Hoffnungsfilm” gewürdigt habe.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-koreanisch-amerikanischer-musikfilm-der-hoffnung-kpop-demon-hunters/

      Dessen Erfolg übertrifft ja inzwischen alle Erwartungen! 🙂

      Für den Mut, auch in der Vernunft bis an die Grenzen zu gehen, werde ich Blumenberg immer bewundern.

      Das sind dann eben Dialoge, die Substanz aller Kultur und Zivilisation.

      Und aller Religionen, denn wenn wir die Vielfalt der Menschen, ihrer Traditionen und Erfahrungen einebnen wollen, dann mag dies vernünftig sein – aber dialogisch ist es nicht. Im Ich – Du akzeptiere ich das Anderssein und begreife, dass dies mein Sein nicht bedroht, sondern erweitert.

      Als sehr hilfreich für das Durchdringen dieser Zusammenhänge empfinde ich den Begriff des Denkraum nach Aby Warburg (1866 – 1929), hier kurz vorgestellt durch Felo.ai:

      Aby Warburgs Konzept des **Denkraums** ist ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen *Vernunft* und *Emotion*, das sich in seiner Analyse von Kunst und Kultur widerspiegelt. Der Denkraum wird als ein *kognitiver Raum* verstanden, der es ermöglicht, eine bewusste Distanz zwischen dem Individuum und der äußeren Welt zu schaffen. Diese Distanz ist entscheidend für die Reflexion und das kritische Denken, da sie dem Menschen erlaubt, seine Umgebung und die darin enthaltenen kulturellen Symbole zu betrachten, ohne von unmittelbaren Emotionen überwältigt zu werden[1][4].

      **Vernunft im Denkraum**

      In Warburgs Denken ist die Vernunft eng mit der Analyse von Bildern und deren Bedeutungen verbunden. Er betrachtete Kunstwerke als *Instrumente der Erkenntnis*, die es ermöglichen, die komplexen Beziehungen zwischen verschiedenen kulturellen und historischen Kontexten zu verstehen. Der Denkraum fungiert hier als ein Ort, an dem rationale Überlegungen angestellt werden können, um die symbolischen und emotionalen Dimensionen von Kunst zu entschlüsseln. Warburgs Ansatz war nicht positivistisch, sondern zielte darauf ab, die *irrationalen* Aspekte der Bilder zu erfassen, die oft tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt sind[2][3].

      **Emotion im Denkraum**

      Gleichzeitig spielt die Emotion eine zentrale Rolle in Warburgs Konzept. Er glaubte, dass Kunstwerke starke emotionale Reaktionen hervorrufen können, die mit tiefen menschlichen Erfahrungen verbunden sind. Diese Emotionen sind nicht nur individuelle Reaktionen, sondern auch kulturelle Ausdrucksformen, die in der Kunst verkörpert sind. Warburgs berühmte *Pathosformeln* sind Beispiele dafür, wie bestimmte emotionale Zustände in der Kunst dargestellt und über die Jahrhunderte hinweg wiederverwendet werden[3][5].

      **Das Zusammenspiel von Vernunft und Emotion**

      Der Denkraum ermöglicht es, diese beiden Dimensionen – Vernunft und Emotion – miteinander zu verbinden. Warburg sah die *Zwischenräume* zwischen den Bildern als entscheidend an, da sie den Raum für das Denken schaffen, in dem sowohl rationale als auch emotionale Aspekte zur Geltung kommen. Durch die juxtaposition von Bildern und deren emotionalen Resonanzen können Betrachter neue Einsichten gewinnen und die *Polaritäten* der menschlichen Erfahrung erkennen, die in der Kultur und der Kunst verwoben sind[4][6].

      Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Warburgs Denkraum ein dynamischer Ort ist, an dem Vernunft und Emotion in einem kreativen Dialog stehen. Dieser Dialog ermöglicht es, die komplexen Beziehungen zwischen Kunst, Mythologie und menschlicher Erfahrung zu erfassen und zu verstehen.

      [1] http://www.thirdtext.org/sulek-warburg
      [2] https://www.zonebooks.org/books/15-aby-warburg-and-the-image-in-motion
      [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Aby_Warburg
      [4] https://warburg.library.cornell.edu/about/
      [5] https://www.academia.edu/63249235/Warburgs_Denkraum
      [6] https://philarchive.org/archive/SAUWUD
      [7] https://www.engramma.it/eOS/index.php?id_articolo=3343
      [8] https://engelsbergideas.com/essays/an-endless-dialogue-between-past-and-present/
      [9] https://brill.com/downloadpdf/edcollbook/title/49799.pdf?srsltid=AfmBOooGeX5qk8Rb9GA183C6FTK2wM0NlAcMXZ24DV8OgC6qqSRQDF8P
      [10] https://press.princeton.edu/books/paperback/9781890951818/aby-warburg-and-the-image-in-motion?srsltid=AfmBOopg6fxC4Mt_VECvdXHTSdUUEP8w2wK5ytbv3VmfBC0Py9UsrxyK
      [11] https://artreview.com/how-art-historian-aby-warburg-changed-the-way-we-see/
      [12] https://intransition.openlibhums.org/article/id/11451/
      [13] https://www.engramma.it/eOS/index.php?id_articolo=1612
      [14] https://www.zfl-berlin.org/publikationen-detail/items/warburgs-denkraum.html
      [15] https://preo.ube.fr/interfaces/index.php?id=605

  11. Zu Paypal ist noch anzumerken, dass die EU mit der PSD2-Direktive die Markteintrittshürden für innovative Finanzdienste extrem hochgeschraubt hat. Ein europäisches Paypal wird es daher nicht geben.

    Das ist alles ziemlich ekelhaft. Und dann darf man sich auch nicht wundern, dass Leute ein Problem mit der EU haben, wenn das in anderen Bereichen genauso läuft.

    • Nun ja, @Bernd – auch in Sachen Paypal wird nach meiner Einschätzung gerne mal wieder Stimmung gegen die Europäische Union gemacht, um von eigenem Versagen abzulenken.

      Die Niederlande haben eigene Bezahlsysteme entwickelt und iDEAL ist weit verbreitet.

      https://praxistipps.chip.de/ideal-zahlungsmethode-das-muessen-sie-zum-bezahlsystem-wissen_168292

      Und auch die Niederlande sind Mitglied der EU. Ich denke also, da können wir Deutschen, Österreicher etc. uns nicht hinter EU-Direktiven verstecken. Wenn andere EU-Staaten Lösungen jenseits von Paypal gefunden haben, warum dann nicht auch wir?

      • iDEAL kann keine Peer-to-Peer-Zahlungen, was einer der Hauptgründe für die Attraktivität von Paypal ist. Mal eben jemandem die Auslage für ein gemeinsames Geschenk erstatten ist damit nicht drin.

        • @Bernd

          Ja, dafür haben wir in Deutschland Echtzeitüberweisungen, Wero startet und das schwedische Klarna wird zur Bank.

          https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/paypal-zahlungsdienstleiser-sofortueberweisung-alternative-100.html

          Was also die ärgerliche Verzögerung von Paypal-Alternativen angeht, sind wir wohl einer Meinung. Mich irritiert jedoch Ihr offensichtlich faktenwidriger Vorwurf gegenüber der Europäischen Union. Nach meiner Auffassung brauchen wir dringend mehr Europa und europäische Technologien, gerade auch um nicht länger zwischen den USA, Russland und China abhängig & zerspalten zu werden.

          • Dass die PSD2-Richtlinie die Entwicklung von Paypal-Alternativen erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht, ist nicht meine faktenfreie Erfindung, sondern ist einfach so. Hier können Sie selbst und mit eigenen Augen sehen, was das für Startups für Konsequenzen hat, weil sie im Gegensatz zu früher nicht mehr an Banking-Schnittstellen herankommen: https://lists.gnucash.org/pipermail/gnucash-devel/2023-April/046682.html

            Das erwähnte FinTS wird von den Banken inzwischen immer seltener angeboten und durch das von der EU eingeführte XS2A-Verfahren ersetzt. Und das ist eben nur für große Player verfügbar.

            Ich bin ein großer Befürworter der europäischen Idee, aber ich sehe durchaus die Gefahr, dass sich die EU mit lobbygesteuerter Gesetzgebung ihr eigenes Grab schaufelt. Aber das Problem hat die EU wahrlich nicht exklusiv, das existiert ja vor allem aktuell auf nationaler Ebene genauso.

          • Danke, @Bernd – so können wir uns ggf. einigen: Auch Beschlüsse der Europäischen Union 🇪🇺 leiden unter dem oft bürokratischen Lobbyismus fortschrittsfeindlicher Großkonzerne. Dies beschädigt die an sich großartige, europäische Idee.

            So einverstanden?

            Sie hatten, so meine ich mich zu erinnern, auch mal erwähnt, dass Sie bereits elektromobil unterwegs seien. Dann dürfte es Sie freuen zu hören, dass die Elektrotaxi-Pflicht in Hamburg ab 2025 funktioniert!

            Du kannst gerne theoretisch weiter schwadronieren, wie „man“ #Antisemitismus , #Kriege & #Klimakrise bekämpfen könnte. Du kannst aber auch wie z.B. #Hamburg neue Taxis 🚕 nur noch #Elektromobil zulassen. Schon jetzt fahren 700 (!) davon, die die #Mitwelt schonen, erneuerbare #Friedensenergien laden & keinen Cent mehr an #Putin , #Iran , #Katar und Terrorgruppen überweisen. Wer wirklich #Frieden will -> #Solarpunk statt #Fossilismus ! 🌞🔋🇩🇪🇪🇺🤔

            https://sueden.social/@BlumeEvolution/115140157780481781

            Ihnen Dank für das Interesse & die immer wieder anregenden Dialoge!

  12. @Michael 02.09. 18:19

    „Leute im Katechon-Glauben verlieren sich genau hier: Der Glauben an einen drohenden Antichristen lässt sie von Jesus, von Menschenwürde und von Demokratien abrücken in die Sehnsucht nach einem Tyrannen-Reich, das den Antichristen “aufhalten” solle. Die Angst prägt dann ihre negative Identität auch im Sinne eines religiösen Dualismus.“

    Insbesondere wer nur die eine eigene Religion anerkennt, dürfte hier anfällig sein? Wirkliche gelebte Religionsfreiheit dürfte derartigen Unsinn eigentlich ausschließen.

    „Und aller Religionen, denn wenn wir die Vielfalt der Menschen, ihrer Traditionen und Erfahrungen einebnen wollen, dann mag dies vernünftig sein – aber dialogisch ist es nicht.“

    Das ist auch keinesfalls vernünftig. Die Vielschichtigkeit der insbesondere menschlichen Welt macht doch den Menschen erst aus. Neben simpler Arbeitsteilung innerhalb von Gemeinschaften darf auch jede Gemeinschaft gerne mal alles ausprobieren, andere können sich das angucken, und ggf. draus lernen.

    „Im Ich – Du akzeptiere ich das Anderssein und begreife, dass dies mein Sein nicht bedroht, sondern erweitert.“

    So kann man eben gucken, was man woanders findet. Und das eine oder andere selber übernehmen. Und natürlich Aufgaben verteilen.

    @Felo.ai / Aby Warburg

    „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Warburgs Denkraum ein dynamischer Ort ist, an dem Vernunft und Emotion in einem kreativen Dialog stehen. Dieser Dialog ermöglicht es, die komplexen Beziehungen zwischen Kunst, Mythologie und menschlicher Erfahrung zu erfassen und zu verstehen.“

    Jetzt muss ich aber echt überlegen, was das konkret bedeutet. Meint Warburg hier das Individuum oder ganze Gemeinschaften? Gemeinschaften wären dann wiederum mehr als eine. Je nach medialer Verknüpfung viele Parallelkulturen, die dann aber auch noch Überschneidungen und Tendenzen zur Konvergenz von allgemeiner Vernunft beinhalten.

    Stabile Fakten breiten sich einerseits aus, wie Erkenntnisse der Wissenschaft oder Nachrichten aus zuverlässigen Quellen. Aber auch Desinformation wird medial gefördert, etwa durch asoziale Plattformen oder durch gleichgeschaltete Medien in Autokratien.

    Das Individuum selber wiederum hat nur begrenzt Zeit, überhaupt mediale Inhalte aufzunehmen. Und sie zu verarbeiten, das braucht auch Zeit, und u.U. auch entsprechende Bildung und Intelligenz.

    Der kreative Dialog von Vernunft und Emotion ist dann eher eine universale menschliche Eigenart, so wie wir eben funktionieren. Das findet man eigentlich überall wo Menschen sind. Und jeder Mensch hat wiederum seine eigene Art, sich zwischen Vernunft und Emotionen zu bewegen.

    • @Tobias fragte:

      „Insbesondere wer nur die eine eigene Religion anerkennt, dürfte hier anfällig sein?“

      Genau so ist es.

      Dem egozentrischen Relativismus entspricht der theologische Heilsrelativismus: Glauben und Verhalten hätten keinerlei Folgen in der kommenden Welt.

      Dem feindseligen Dualismus entspricht der theologische Heilsexklusivismus: Nur der eigene Glaubensweg führe zum Heil, alle Anders- und Nichtglaubenden seien verdammt. Logischerweise wendet sich dieser Freund-Feind-Dualismus dann sehr schnell auch gegen Andersdenkende der eigenen Religion und Konfession.

      Dem dialogischen Monismus entspricht schließlich der Heilsinklusivismus: Die eigene Hoffnung schließt die Hoffnung für Anders- und Nichtglaubende nicht aus, zumal im Dialog und gemeinsamer Friedensarbeit.

      Der religiöse Heilsinklusivismus fördert also Ökumene, interreligiösen Dialog, gemeinsames Tun und auch Wissenschaft.

      Danke auch für Deine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Aby Warburg und dessen Konzept der, ja, interkulturellen, interreligiösen und bewusst Zeit-übergreifenden Denkräume! 🙏📚💡

    • Einverstanden!

      Gerade für vorrangig im Stadtverkehr fahrende Taxis sind Elektrofahrzeuge mehr als sinnvoll. Einzig bei Fernfahrten, die bei Störungen im Bahnverkehr auch gehäuft auftreten, sehe ich zusätzliche Herausforderungen, für die sich sicher aber auch Lösungen finden.

      Mein Elektroauto leistet seit vielen Jahren treue Dienste.

  13. …vlt wäre ja als Neu notierbar, würden Aliens an künstlich intelligierten Dauerlutschern lutschen …

  14. Prof.in Maren Urner und gerade Prof.in Imke von Maur vertreten eine Verbindung zwischen Emotion und Vernunft. Insbesondere die Emotion.
    Ich vertrete die Meinung, Emotionen haben uns an die Kippunkte gebracht.
    Emotionen sind in den sozialen und massenmediealen Veröffentlichungen als Zielgruppe überrepräsentiert.
    Vernunft spielt in der Vernichtung biologischer ökologischer Bedingungen eine überragenden Rolle.
    Paradox.

  15. Passend zum Katechon-Dualismus äußerte sich heute der fossile Imperialist Wladimir Putin auch in China:

    Bei SCO-Gipfel in China: Wladimir Putin schiebt Westen Verantwortung für Ukraine-Krieg zu

    „Diese Krise entstand nicht als Ergebnis eines ‚Angriffs Russlands auf die Ukraine‘, sondern als Ergebnis eines Staatsstreichs in der Ukraine, der vom Westen unterstützt und provoziert wurde. Und dann durch Versuche, mit Hilfe der (ukrainischen, d. Red.) Streitkräfte den Widerstand jener Regionen der Ukraine und jener Menschen in der Ukraine zu unterdrücken, die diesen Putsch nicht akzeptierten und nicht unterstützten“, meinte Putin demnach in China.

    https://www.fr.de/politik/wladimir-putin-wirre-erklaerung-in-china-fuer-krise-in-der-ukraine-93914095.html

    Wir müssen leider davon ausgehen, dass Putin wirklich glaubt, dass dritte, nun russische Reich (nach Rom und Konstantinopel) stünde als Katechon gegen eine demokratisch-antichristliche Weltverschwörung…

  16. @Michael 03.09. 16:17

    „Der religiöse Heilsinklusivismus fördert also Ökumene, interreligiösen Dialog, gemeinsames Tun und auch Wissenschaft.“

    Unbedingt. Aber wo bleiben jetzt die, die keine kommende Welt erwarten? Es ist doch nicht jeder Relativist, der keine Fortexistenz im Jenseits vermutet. Ich selbst erwarte und erhoffe mir eine Auflösung im kosmischen Geist, und ich will auch überhaupt nicht mehr. Im Prinzip bleibt da was von mir übrig, habe ich den gefühlten Eindruck, aber ich werde da nicht weiter leben.

    „Danke auch für Deine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Aby Warburg und dessen Konzept der, ja, interkulturellen, interreligiösen und bewusst Zeit-übergreifenden Denkräume!“

    Denkräume im Plural dann wohl. Also mehrere, die aber wohl interagieren?

    Definieren könnte man einen allgemeinen Mikrokulturprozess, der die ganze Menschheit umfasst und sich Tag für Tag fortsetzt. In wie weit der jetzt noch in die nichtmenschliche Natur auf der einen Seite und in wirklichen Geisteswelten auf der andern Seite fortsetzt, wäre nochmal eine sehr interessante Frage, finde ich.

    Jedenfalls ist da jeder mit dabei. Und wirkt räumlich mit in jeglicher Handlung und jeglicher Kommunikation, und zeitlich, indem er die Vergangenheit aus dem Gedächtnis bearbeitet, wie auch die Zukunft, in dem, was er sich so überlegt und das vielleicht auch umsetzt werden kann.

    Wie man gleich sieht: Die KI als LLM wirkt hier längst als Verbindungsverstärker. Wenn mal KI mit Eigeninitiative und künstlichem Bewusstsein dazu kommt, weitet sich der ganze Mikrokulturprozess nochmal selbst deutlich aus. Und wenn die KI zu künstlichen Superexistenzen weiter entwickelt werden kann, was haben wir dann? Ein ganz anderes Spiel?

    Jedenfalls nicht mehr, als was der Kosmos grundsätzlich ermöglicht. Da vertraue ich einfach darauf, dass das auch vernünftig bleibt. Da können sich dann aber Vertreter des theologischen Heilsexklusivismus gut dran abarbeiten.

    • Vielen Dank auch nochmal für Deine Nachfrage, lieber @Tobias 🙏

      Ja, am Begriff „kommende Welt“ sagt mir doch gerade die dialogische Offenheit zu: Die einen verstehen darunter ein religiöses Paradies, andere eine Wiedergeburt, nicht wenige wie Du ein kosmisches Einswerden und viele zudem oder stattdessen das Weiterwirken ihrer Taten, Gedanken und Kinder. Dies alles gehört in den Bereich der Hoffnung, die auch religiös sein kann, aber nicht sein muss.

      Zumal Du ja auch bereits einen ganz wichtigen Aspekt ansprichst: Wir können noch kaum erahnen, wie sich KI auf unsere Zukunft als Menschheit und auch auf die Hoffnungen zur kommenden Welt auswirkt. Schon jetzt empfehle ich zu bedenken, dass Äußerungen im Netz von immer mehr KI-Anwendungen gefunden und ausgewertet werden. Damit geht, so meine ich, auch eine gewisse Verantwortung für Chancen wie auch Risiken einher.

      • Ich sehe die psychologische Verbindung zwischen Reflex, Trieb, Instinkt, Intuition, Emotion, Motiv, Verstand und Vernunft auch.
        Aber was ist handlungs- bzw. unterlassensleitend?
        Kant’s was soll ich tun ist auch, was soll ich unterlassen.
        Das Unterlassen ist unterrepräsentiert.
        Es ist vernünftig, mal nichts zu tun und das Leben mal Leben sein zu lassen. Es läuft eh.

  17. @Michael 03.09. 22:09

    „Wir müssen leider davon ausgehen, dass Putin wirklich glaubt, dass dritte, nun russische Reich (nach Rom und Konstantinopel) stünde als Katechon gegen eine demokratisch-antichristliche Weltverschwörung…“

    Ich denke mal, das ganze Katechonthema gibt es nur im abrahamitschen Kulturkreis, wenn nicht sogar eigentlich nur im Christentum. Was hat da China und Indien mit zu tun? Die freuen sich sicherlich über weniger Dominanz des Westens. Aber eine Russische Dominanz werden die nicht suchen.

    Brauchen sie auch nicht. Das kann nichts Vernünftiges werden, was Putin da versucht. Höchstens eine atomare Verzweiflungstat könnte da noch bei herauskommen. Dann aber kein drittes Reich, gar kein Reich mehr wäre die Folge.

    • Lieben Dank für die erneute Nachfrage, @Tobias

      „Ich denke mal, das ganze Katechonthema gibt es nur im abrahamitschen Kulturkreis, wenn nicht sogar eigentlich nur im Christentum. Was hat da China und Indien mit zu tun?“

      Tatsächlich haben erst und nur die semitisch und jafetitisch alphabetisierten Religionen die Vorstellung einer linearen Zeit mit einem Weltenende hervorgebracht – in China und auch Indien halten sich bis heute zyklische Zeit-Vorstellungen. Die Vorstellung eines Katechon, der die Apokalypse verzögere, ist insofern wirklich nur in „abrahamitischen (semitisch & jafetitisch alphabetisierten) Religionen“ denkbar.

      Allerdings verwies u.a. Julia Ching (1934 – 2001) in ihrem bedeutenden „Konfuzianismus und Christentum“ (Grünewald 1977 / 1989) auf das chinesische Konzept des „Mandat des Himmels“, das dem König zum Schutz der Menschheit und Mitwelt auferlegt sei:

      „Wenn Naturkatastrophen auftraten, als Zeichen göttlichen Mißfallens geltend, so durfte einzig er allein dem Allerhöchsten Gebet und Sühneopfer darbieten. […] Es ist hier interessant anzumerken, daß der chinesische Begriff für politischen Umsturz immer noch pien-t‘ien (den Himmel wechseln) ist.“ (S. 189)

      Wie der hebräische Moschiach (der zum König Gesalbte, griechisch Christos) erfülle auch der chinesische Herrscher durchaus eine zivilreligiös-schützende Rolle, wenn eben auch in einer zyklischen Zeit:

      „Der konfuzianische Messias ist ein Erwählter, nicht allein von Gott erwählt, sondern auch von den Menschen – das Volk bestätigt die göttliche Wahl. Und das Bewußtsein einer Goldenen Vergangenheit bleibt stets ein wesentlicher Bestandteil solchen Messianismus, wie es dem politischen Erlöser ziemt, einen Gnadenstand von ehedem wieder einzusetzen.“ (S. 191)

      Faszinierend ist dabei, dass aktuell ein Mikrofon irrtümlich ein Gespräch von Xi Jinping (China), Wladimir Putin (Russland) & Kim Jong-Un (Nordkorea) über biotechnologische Unsterblichkeit aufgezeichnet hat:

      „Die Mitschnitte sind so deutlich, dass sich Putin am Mittwoch vor Reportern dazu äußerte, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Er habe tatsächlich mit Xi über die Aussichten einer deutlich höheren Lebenserwartung gesprochen.“

      https://www.spiegel.de/ausland/wladimir-putin-und-xi-jinping-offenes-mikro-nimmt-gespraech-auf-a-e696cb6e-2a73-4a20-b805-101571c79173

      Die religionspsychologischen Grundfragen und -tendenzen verbinden Menschen über alle Kulturen hinweg, wenn auch die jeweiligen Medien (vor allem die Schriftformen) dabei Unterschiede ausprägen.

  18. @Michael 04.09. 07:53

    „Der konfuzianische Messias ist ein Erwählter, nicht allein von Gott erwählt, sondern auch von den Menschen – das Volk bestätigt die göttliche Wahl.“

    Direkt vom Volk gewählt ist Xi Jinping offenbar ja nicht. Er könnte sich aber ernsthaft um Zustimmung des eigenen Volkes bemühen.

    „Und das Bewußtsein einer Goldenen Vergangenheit bleibt stets ein wesentlicher Bestandteil solchen Messianismus, wie es dem politischen Erlöser ziemt, einen Gnadenstand von ehedem wieder einzusetzen.“

    Florierende Verhältnisse scheinen nun China tatsächlich zu gelingen. Bleibt dabei zu hoffen, dass sie nicht militärisch expandieren wollen, und sich überwiegend vor allem selbst genug sind.

    Immerhin ist China militärische Schwäche in den Opiumkriegen und der japanischen Invasion übel auf die Füße gefallen. Kein Wunder also, wenn sie jetzt, wo sie die wirtschaftlichen Möglichkeiten haben, auch massiv in Rüstung investieren.

    Verantwortung gegenüber globalen Herausforderungen wie der Klimakrise scheinen jedenfalls in China durchaus möglich zu sein. Und wenn man kein Öl und Gas mehr einkaufen muss, dann ist das auch in China zu begrüßen.

    Offenbar exportiert China inzwischen jede Menge alles Mögliche, ist aber auf Lebensmittelimporte angewiesen. Die auf dem Weltmarkt aber auch reichlich angeboten werden.

    Wie die chinesische Autokratie mit KI im eigenen Land umgeht, könnte eine spannende Frage werden. Mit Demokratie hatte man offenbar in China noch nie was zu tun, aber mehr freie Bildung und hier und da Bürgerbeteiligung könnte mal möglich werden?

    Dass TikTok im eigenen Land verboten ist, ist nachvollziehbar. Dass es bei uns nicht verboten ist, das ist nicht so leicht nachvollziehbar.

  19. Mussi
    03.09.2025, 19:05 Uhr

    Vernunft spielt in der Vernichtung biologischer ökologischer Bedingungen eine überragenden Rolle.

    Nicht wirklich. Eigentlich ist die Art und Weise wie argumentiert wird nicht vernünftig sondern unterliegen einer Art status quo bias.
    In sich sind die Argumentationen schlüssig. Damit sind sie ja erst mal nur schlüssig und nicht vernünftig.
    Vieleicht kann das hier jemand besser formulieren als ich.
    Ich habe meine Worte dazu jetzt dreimal gelöscht, nun ist gut 🙂 Ist halt früh 🙂 :
    Irgendwie konstruiere ich eine folgerichtige Argumentationskette rückwärts von den Verhältnissen aus die ich unverändert behalten möchte und nenne die bloße Folgerichtigkeit dann vernünftig. Ausklammern tue ich aber zB meine Prämissen indem ich behaupte die wären natürlich selbstmurmelnd richtig.

    • Lieben Dank, @Uli Schoppe

      Wenn ich Dich richtig verstehe, argumentierst Du: Vernunft ist grundsätzlich weder erlösend noch zerstörend, sondern wird meist angewandt, um den derzeitigen Status Quo als „vernünftig“ zu begründen.

      Dem würde ich so zustimmen: Vernunft für sich alleine hat noch keine Richtung. So konnten die antiken Philosophen nahezu ausnahmslos die Sklaverei und Unterdrückung von Frauen lehren, während die meisten von uns Heutigen die Gleichberechtigung von nationalen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern als vernünftig betrachten.

      Falls ich Dich richtig verstanden habe, sind wir (auch) hier einer Meinung! ☺️🙌

  20. @ Schoppe

    Man sollte ja nicht mit der Negation argumentieren, aber: ist es unvernünftig die Lebensgrundlagen zu zerstören?
    Was ist Unvernunft dann an der Vernunft?
    Logik, Sachverstand, Lebenswille, Bewusstsein, Verstehen?

    • @Mussi & @Schoppe

      Das Thema Vernunft & Status Quo spielen wir ja gerade auch in Deutschland (wieder) real durch:

      Karl-Rudolf #Korte , #Politikwissenschaft: Die vergleichende Parteienforschung in #Europa zeige klar, “dass #Parteien, die konservativ daherkommen, die Themen der autoritären, nationalen, der Radikalen, der Rechtsradikalen imitieren, am Ende nicht nur verlieren, sondern am Ende sich auflösen.”


      Sage das als Politikwissenschaftler & Mitglied seit 33 Jahren immer wieder so: 
„Der #Rechtsruck halbiert nicht die #AfD, sondern die #Union.“ (Seufzt.) #Wissenschaft #Psychologie

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115162001239625410

      Wenn doch sogar empirisch überprüfbare Argumente stärker gehört würden…

  21. @Michael 07.09. 06:45

    „Vernunft ist grundsätzlich weder erlösend noch zerstörend, sondern wird meist angewandt, um den derzeitigen Status Quo als „vernünftig“ zu begründen.“

    Argumentiert wird ja nun in jede denkbare Richtung. Aber Vernunft in Kombination mit Wahrhaftigkeit dürfte dennoch richtungsweisend sein? Insbesondere mit ehrlichem Dialog kann man dann ja sogar wirklich vorwärts kommen.

    „Vernunft für sich alleine hat noch keine Richtung.“

    Wenn die Grundmotivation passt, dann wird die Vernunft dennoch maßgeblich. Und ohne Vernunft wird gar nichts Vernünftiges möglich?

    @Michael 07.09. 11:12

    „Sage das als Politikwissenschaftler & Mitglied seit 33 Jahren immer wieder so: 
„Der #Rechtsruck halbiert nicht die #AfD, sondern die #Union.““

    Möglicherweise hast Du da Recht. Klar dürfte allerdings sein, dass nur über weniger Migranten reden, aber keine wirkliche Reduktion der Zuwanderung zu erzielen, dass das auf keinen Fall helfen kann. Insbesondere Zuwanderung von Zeitgenossen, die von Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Demokratie nichts halten.

    Wenn aber eine wirklich EU-weite Reduktion weiterer Zuwanderung gelingt, und gleichzeitig bis zu 2 Millionen Syrer und Ukrainer Deutschland wieder verlassen, dann kann ich mir vorstellen, dass das doch helfen würde. Auch gerade in Kombination mit einer entscheidend besseren Integration insbesondere der 2. Generation.

    Vielleicht nimmt das dann der AfD und entsprechend anderen vergleichbaren Kräften in der EU tatsächlich Wind aus den Segeln.

    Unabhängig davon würde ich aber aus verschiedenen Gründen einen solchen Erfolg selber begrüßen. Vor allem wenn gleichzeitig eine wirksame Förderung des eigenen Kinderreichtums gelingt. Was jetzt allerdings gar nicht so einfach sein dürfte. Aber das wäre eine wirkliche Lösung.

    • Danke, @Tobias

      In vielem stimme ich mit Dir überein, aber in diesem nicht:

      Möglicherweise hast Du da Recht. Klar dürfte allerdings sein, dass nur über weniger Migranten reden, aber keine wirkliche Reduktion der Zuwanderung zu erzielen, dass das auf keinen Fall helfen kann. Insbesondere Zuwanderung von Zeitgenossen, die von Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Demokratie nichts halten.

      Wenn aber eine wirklich EU-weite Reduktion weiterer Zuwanderung gelingt, und gleichzeitig bis zu 2 Millionen Syrer und Ukrainer Deutschland wieder verlassen, dann kann ich mir vorstellen, dass das doch helfen würde. Auch gerade in Kombination mit einer entscheidend besseren Integration insbesondere der 2. Generation.

      Vielleicht nimmt das dann der AfD und entsprechend anderen vergleichbaren Kräften in der EU tatsächlich Wind aus den Segeln.

      Denn Fakt ist, dass nicht die Zuwanderung unsere Entwicklung hemmt, sondern die schnelle Alterung. Arbeitslosigkeit, Rassismus und die Entwertung auch z.B. vom Immobilien schreiten dort überall auf der Welt (!) am schnellsten voran, wo die Zuwanderung am geringsten und die Abwanderung am höchsten ist.

      In Großbritannien versucht auch gerade die Labour-Regierung Starmer einen weiteren Rechtsruck gegen Zuwanderung. Das Ergebnis ist auch dort eine weitere Stärkung der rechtsdualistischen Reform UK, die sowohl die Tories wie Labour buchstäblich überflügelt:

      Da stolzierte Nigel Farage auf die Bühne in Birmingham wie ein Messias, begleitet von senkrecht abgefeuerter Pyrotechnik und ohrenbetäubender US-amerikanischer Wrestling-Musik. Die Labour-Partei sei „unfit zu regieren“, rief der Anführer der rechtspopulistischen Oppositionskraft „Reform UK“ vor seinem Parteitagsplenum; die Konservativen seien „tot“, und Reform UK sei die Partei der Zukunft: „Wir sind die patriotische Partei. Wir sind die Partei, die für ehrliche arbeitende Menschen einsteht. Und wir sind die Partei im Aufstieg!“

      https://taz.de/Politisches-Chaos-in-UK/!6112203/

      Die Macht der Demografie lässt sich auf Dauer ebenso wenig verleugnen wie die Wucht der Klimakrise.

  22. @Michael 07.09. 14:23

    „Denn Fakt ist, dass nicht die Zuwanderung unsere Entwicklung hemmt, sondern die schnelle Alterung. Arbeitslosigkeit, Rassismus und die Entwertung auch z.B. vom Immobilien schreiten dort überall auf der Welt (!) am schnellsten voran, wo die Zuwanderung am geringsten und die Abwanderung am höchsten ist.“

    Ursache sind hier neben mangelnden Geburten schlechte lokale Wirtschaftslagen, schätze ich mal. Und wo die Leute wegziehen, weil sie kaum Arbeitsangebote haben, da ziehen auch kaum Zuwanderer hin. Die sind ja nun meistens zum Geldverdienen unterwegs.

    In den florierenden Städten sieht es besser aus, da ziehen nicht nur Zuwanderer aus dem Ausland hin, sondern auch Leute aus umliegenden ländlichen Gegenden. Was dann gleichzeitig ein Problem für weniger solvente Einwohner werden kann, noch eine bezahlbare Wohnung zu bekommen.

    Am Ende müssen wir mit einer Konzentration auf florierende Städte und Regionen leben, und fest dazu gehört dann doch automatisch der Verfall mancher Landstriche. Wo sollen die Leute sonst herkommen. Eine entsprechende Verstädterung ist ja nun auch ein weltweiter Trend seit Generationen. Wenn der nicht zu schnell verläuft, muss das aber kein grundsätzliches Problem sein.

    Mehr und gezieltere lokale Wirtschaftsförderung insbesondere innerhalb der EU wäre jetzt nicht sinnlos, schätze ich mal. Es ist schlichtweg Werteverschwendung, wenn einerseits massenhaft Häuser leerstehen während man woanders mit dem Neubauen nicht hinterher kommt. Wieder mehr Kinder kriegen, dass wäre zusätzlich rundweg eine sinnvolle Maßnahme, allemal.

    Das hilft auf jeden Fall nachhaltig gegen Entwertung von Immobilien, und vermutlich tendenziell auch gegen Arbeitslosigkeit. Ob das dann auch wirklich gegen Rassismus hilft, ist keine so einfache Frage. Wenn der eher durch die asozialen Internetplattformen befeuert wird, sind die dann wohl das eigentliche Problem.

    • Danke, @Tobias – da finden wir gemeinsamen Boden.

      Du schriebst:

      “Ursache sind hier neben mangelnden Geburten schlechte lokale Wirtschaftslagen, schätze ich mal. Und wo die Leute wegziehen, weil sie kaum Arbeitsangebote haben, da ziehen auch kaum Zuwanderer hin. Die sind ja nun meistens zum Geldverdienen unterwegs.

      In den florierenden Städten sieht es besser aus, da ziehen nicht nur Zuwanderer aus dem Ausland hin, sondern auch Leute aus umliegenden ländlichen Gegenden. Was dann gleichzeitig ein Problem für weniger solvente Einwohner werden kann, noch eine bezahlbare Wohnung zu bekommen.”

      Das stimmt – und nimm noch einen weiteren Aspekt dazu: Investitionen. Wo werden Menschen eher Wohnungen bauen, Betriebe eröffnen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen?

      Doch klar in jenen Regionen, wo Menschen aus nah und fern hinziehen, wo es viele Kinder gibt! Kaum in jenen Regionen, wo die Menschen wegziehen, altern, die Umsätze abschlaffen.

      Im Irak sah ich mit eigenen Augen, wie in praktisch jedem Flüchtlingslager sehr schnell eine Mikrowirtschaft erstand: Leute eröffneten Friseursalons, kleine Läden, Transportunternehmen, private Schulen. Das Geld etwa von Hilfsorganisationen oder auch aus dem Ausland zirkulierte nicht nur für den Konsum, sondern immer auch für Investitionen.

      Klar wird es unter Fliehenden auch immer Überforderte geben, faule Patriarchen, Traumatisierte, Gewaltbereite. Ich behaupte nicht, dass irgendeine Menschengruppe nur aus besseren Menschen bestünde. Allerdings wird es unter Tausenden eben immer auch Hunderte Engagierte, Fleißige, Aufstiegs- und Bildungswillige geben. Als wir die Kinder im Irak nach ihren Wünschen in Deutschland fragten, lautete die Antwort fast immer: Schule! Schule!

      Nicht, weil die Kinder im Kriegsgebiet verzogene Träumer gewesen wären. Sondern im Gegenteil: Weil sie mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört und am eigenen Leib gespürt haben, wie brüchig jeder Besitz ist und dass das einzige, was Dir eine bessere Zukunft bieten kann, eine gute Bildung ist. Viele Mütter lebten vor allem noch für ihre Kinder – und viele Kinder wussten, dass das Beste, was sie für ihre Mutter tun konnten, eine gute Schulnote, eine Ausbildung, Arbeit, ein Auskommen war.

      Ist Integration leicht oder auch nur gefahrlos? Nein, absolut nicht! Aber eines ist sicher: Jede geburtenarme Region, die auf die Integration von Zuwandernden meint verzichten zu können, verurteilt sich selbst zum Abstieg. Rassismus führt in einen Teufelskreis, an dessen Boden Armut und Einsamkeit “warten”.

  23. @Michael 07.09. 14:23

    „Die Macht der Demografie lässt sich auf Dauer ebenso wenig verleugnen wie die Wucht der Klimakrise.“

    Gemeinsam ist beidem, dass sie sich über ähnlich lange Zeiträume auswirken. Die Treibhausgase sammeln sich über Jahrzehnte an, und kumulieren dann aber zu wirklich handfesten Auswirkungen.

    Während mehr eigene Kinder erstmal 20 oder 25 Jahre mehr Kosten und Arbeit machen, bevor sie selber produktiv werden. Derweil man sofort mehr konsumieren und Karriere machen kann, wenn man auf Kinder verzichtet.

    Noch findet man Zuwanderer, die das ausgleichen können. Ob die in 20 oder gar in 10 Jahren überhaupt noch zu bekommen sind, ist noch nicht mal klar. Und in den Abwanderungsregionen stirbt jetzt schon das Leben ab.

    • Vielen Dank, lieber @Tobias – genau so sehe ich das auch. Rassismus „argumentiert“ dualistisch & kurzfristig, ohne echte Antworten auf die Überalterung, die fehlende Dynamik, Arbeitslosigkeit und Wohnungsmangel zu geben. Und wer investiert dann noch in eine absterbende Region?

      Solarpunk-Archen werden auch nicht einfach offene Grenzen verkünden, aber gezielt in Integration und Fairness investieren. Denn schon jetzt zeichnet sich die große Knappheit des 21. Jahrhunderts ab: Jüngere Menschen.

      Auch z.B. in der Türkei bzw. Turkiye ist die Geburtenrate bereits auf 1,5 gekracht. So schnelle Bevölkerungsimplosionen waren noch vor wenigen Jahrzehnten nur krasse Ausnahmen und werden jetzt die Regel…

  24. Danke für die verständliche Konzept-Erklärung, Herr Blume. Sie fiel mir beim Schauen der Heute-Show wieder ein, bei der Herr Th. + seine Katechon-Inszenierung jüngst erwähnt wurden 😉
    Man fragt sich ja, wen soll der Bezug auf uralte Texte, die kaum jemand kennt, außerhalb eingefleischter Kenner-Bubbles beeindrucken? Der Schachspieler Th. und seine Puppe JDV, die, als die Förder-Millionen von Th. ihn in amtliche Funktion zu spülen begannen, sich urplötzlich ebenfalls taufen ließ und nun ständig medial als “Katholik hausieren geht, scheinen ja auf alle verfügbaren Glaubens-Richtungen aufzuschwimmen, die sie finden können?
    Technologieglaube, KI-Glaube, tatsächlicher religiöser Glaube bei anderen, etc pp. Und – es scheint zu funktionieren, die Millionen sprudeln, der Rubel rollt 😉 Was lernen wir daraus?

    • Herzlichen Dank, @MB 🙏

      Ich meine, Sie berühren hier etwas sehr Wichtiges:

      “Man fragt sich ja, wen soll der Bezug auf uralte Texte, die kaum jemand kennt, außerhalb eingefleischter Kenner-Bubbles beeindrucken?”

      Nun habe ich beispielsweise Hillbilly Elegy von J.D. Vance schon vor Jahren gelesen, als sich dieser noch scharf gegen Donald Trump abgrenzte. Aus meiner Sicht will Vance vor sich selbst (!) und seiner Familie durchaus als anständiger und ehrbarer Christ erscheinen. Und dann kann so eine obskurse Lehre wie der Katechon-Glaube seines Förderers Peter Thiel schon helfen, sich das Christentum so auszulegen, dass es zum eigenen Freund-Feind-Dualismus passt. Solche Sonderlehren können dann wie Türen wirken, durch die Menschen die Religion verzerren und umformen können – und sich dabei selbst täuschen.

      Etwas ähnliches erlebe ich ja gerade mit Leuten, die von sich selbst glauben, sie seien “gegen jeden Antisemitismus” – aber sich dann nicht trauen, für den Holocaust-Überlebenden und jüdischen Liberalen George Soros gegen Donald Trump das Wort zu erheben:

      https://www.youtube.com/shorts/GExfVdoeCKo

      Mir scheint, dass wir Menschen sehr leicht dazu neigen, uns selbst (!) zu belügen.

  25. @Michael 07.09. 19:06

    „Ist Integration leicht oder auch nur gefahrlos? Nein, absolut nicht!“

    Und auch in Dortmund nicht immer einfach. Hier im sozialen Brennpunk in der Dortmunder Nordstadt sind die Zuwandererkinder in den Schulen recht unter sich. Das macht es beiden Seiten nicht einfacher.

    „Aber eines ist sicher: Jede geburtenarme Region, die auf die Integration von Zuwandernden meint verzichten zu können, verurteilt sich selbst zum Abstieg.“

    Da könnte man ja fast froh sein, dass es woanders wirtschaftlich gar nicht läuft. Sonst würde keiner kommen, inzwischen ist der Kindermangel nun mal fast überall angekommen. Außer in Afrika allerdings, noch.

    Nein, klar läuft es hier und da gut, woanders schlechter und mancherorts gar nicht, und da herrscht sogar Bürgerkrieg. Warum dann nicht auch Leute zu uns einladen. Wenn sich Wirtschaft und Wachstum irgendwo konzentrieren, dann hat das auch seine Vorteile.

    Aber wenn es in Randgebieten insbesondere jetzt innerhalb der EU dann doch mal der weitere Abstieg moderat wird, und die verbliebenen Leute vor Ort dann doch genug Arbeit finden, dann ist es auch damit gut erstmal, dann zieht da keiner mehr weg. Eins ist aber klar: Damit es wirklich laufen soll, müssen wir wieder mehr Kinder bekommen.

    Auch das noch wachsende Afrika wird den weltweiten Bedarf an jungen Leuten bald nicht mehr decken können. Es ist ja nicht nur die EU, auch China und praktisch die ganze Welt außer Afrika ist mitten am Schrumpfen.

    „Rassismus führt in einen Teufelskreis, an dessen Boden Armut und Einsamkeit “warten”.“

    Wie gesagt, wenn nur noch die jungen Leute aus Afrika überhaupt kommen wollen, dann müssen wir auch eventuellen Rassismus zurückstellen. Jetzt in den nächsten 20 Jahren 10 Millionen weitere Afrikaner in Deutschland anzusiedeln kann ich mir nicht so recht vorstellen. Dann lieber selber für Nachwuchs sorgen.

    Oder es gibt doch noch eine realistische Möglichkeit, eine organisierte Schrumpfung der Wirtschaft mit moderat schrumpfender Gesamtbevökerung zu organisieren. Nur hat das jetzt noch niemand zufriedenstellend hinbekommen. Vorstellen könnte ich es mir eigentlich durchaus. Man müsste über eine gute Dosierung von Investitionen eine Balance zwischen Arbeitskräftemangel und Arbeitslosigkeit hinbekommen.

    Wie man wieder mehr Kinder hinbekommt, wäre auch Neuland. Versuchen sollten wir es jetzt. Warum nicht beides?

    Was jetzt Bürgerkriegsopfer wie die Palästinenser betrifft, die voraussichtlich demnächst aus ganz Israel/Palästina vertrieben werden, wäre jetzt zu überlegen. Ihnen eine neue Heimat z.B. auf dem Sinai zu organisieren, oder besser weiter weg z.B. in Tunesien, wäre eine Option. Oder eben alle in die EU einladen. Das könnte unseren Bedarf für ein paar Jahre decken.

    • Danke für unseren tiefen Dialog, @Tobias

      Du schriebst:

      „Hier im sozialen Brennpunk in der Dortmunder Nordstadt sind die Zuwandererkinder in den Schulen recht unter sich. Das macht es beiden Seiten nicht einfacher.“

      Hierzu möchte ich zum einen anmerken, dass die Rheinlande und Ruhrgebiete erst durch Zuwanderung aus dem damaligen Preußen und heutigen Polen florieren konnten. Und auch damals gab es Vorwürfe an die etwa katholischen Christinnen & Christen, sie seien „kulturfremd“, würden sich nicht integrieren usw. Doch die starken Wurzeln von Zentrum und Sozialdemokratie in dieser damals auch demografisch aufstrebenden und sich mischenden Regionen gehören zum Besten, was die deutsche Demokratiegeschichte zu bieten hat! In „B wie Berlin“ habe ich dies als Gegengewicht zum preußischen Zentralismus und Nationalismus ausdrücklich gewürdigt:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/

      Hinzu kommt, dass sich die meisten zugewanderten Familien sehr wohl deutsche Freundschaften und gemischte Schulen für ihre Kinder wünschen. Ich bin ja selbst Teil einer deutsch-türkischen und christlich-islamischen Familie und muss es leider immer wieder so deutlich sagen: Dass es so wenig Kinder in Deutschland gibt, ist nicht den Menschen anzulasten, die zu uns kommen! Hätten wir selbst höhere Geburtenraten, so fiele uns auch die Integration leichter.

      Wie erwähnt befinden sich auch die Geburtenraten im Nahen und Mittleren Osten im freien Fall – mit der bemerkenswerten Ausnahme des kinderreichen Israel:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/israel-thymotische-religionsdemografie-und-das-saekulare-verebben/

      Ich finde es sehr gut und ehrenwert, dass Du Dich dem Thema Demografie ebenso stellst wie der Klimakrise. Denn ich meine, diese beiden Themen und ihre enormen Auswirkungen werden in deutschen Debatten noch immer weitgehend verdrängt bzw. gegeneinander ausgespielt. Wer wirklich eine gute Zukunft auch für kommende Generationen wünscht, muss sich jedoch beiden stellen. Meine ich.

  26. @Michael 08.09. 07:35

    „Denn ich meine, diese beiden Themen und ihre enormen Auswirkungen werden in deutschen Debatten noch immer weitgehend verdrängt bzw. gegeneinander ausgespielt.“

    Einfach mal genügsamer Konsumieren könnte doch für beides förderlich sein. Die Energiewende klappt dann schneller, weil man gleich weniger Energie verbraucht, mehr Mittel für den Zubau von grüner Technik frei werden und am Ende die Ausbauziele auch kleiner ausfallen.

    Auch könnte man mit etwas weniger Arbeitsbelastung mehr Luft für mehr Kinder haben.

    Und die aktuellen Extraaufwendungen für Aufrüstung und Infrastruktur können so auch mit mehr freier Arbeitskraft umgesetzt werden.

    Wenn es dann in den Staatskassen knapp wird, könnte man es ja mal mit mehr Kapitalertrags-, Vermögens- und Erbschaftssteuern probieren.

    Möglicherweise reduziert sich so auch der Einwandererbedarf, insbesondere wenn es zu einer deutlichen Entspannung auf dem Wohnungsmarkt kommt, wenn sich so manch einer mit einer kleineren Wohnung begnügt. Da gibt es wohl schon Einige, die sich eigentlich verkleinern können, sich nur noch nicht dazu aufgerafft haben.

    Statt in Wohnungsneubau kann man dann wiederum mehr in anderen Feldern investieren, also z.B. PV, Energiespeicher, Fernheizungsnetze und energetische Sanierung der Bestandsgebäude.

    Irgendwie kann ich mir das so vorstellen. Wenn die Leute aber keine Lust haben, genügsamer zu leben, dann geht das dann wohl nicht. Wer aber Lust hat, der mag dann einfach mal für seinen eigenen Konsum weniger Geld ausgeben. Das geht dann auf jeden Fall in die richtige Richtung, scheint mir.

  27. Nachdem wir uns über den Pietismus und Preußen ausgetauscht hatten, kam mir der Gedanke, mal zu recherchieren, wie das Thema Antichrist und Pietismus zusammenhängen könnte.

    Sehr interessant, weil es zum Beispiel die Prophezeiung gab, dass 1836 die Wiederkunft Christi bevorstünde. Johann Albrecht Bengel, wichtiger Vertreter des württembergischen Pietismus.

    Dieser Glaube führte dazu, dass viele Pietisten noch mehr leisteten und durch gute Werke auffielen. Unermüdlich wurde daran auch nach 1836 festgehalten. Es ist interessant zu sehen, dass ganz besonders Orte wie Calw, Nagold, Haiterbach, Neuweiler etc von der genannten “Schaffigkeit” profitierten.

    Allerdings habe ich noch keine Antwort auf die Frage gefunden, ob diese rein theologische Sicht auf Themen wie Antichrist etc vor dem Missbrauch durch die Mächtigen eher schützt oder dafür anfälliger macht. Denn eigentlich müssten gerade die Pietisten aufgrund ihrer frühen Geschichte mE misstrauischer gegenüber der missbrauchenden “Obrigkeit” sein.

    • Haben Sie ganz herzlichen Dank fürs intensive Lesen, Mitdiskutieren und -wirken, @Marie H.! Ich glaube, wir treten hier gerade einen gemeinsamen “Beweis” an, dass historisches Interesse für das Verständnis der Gegenwart immer wieder relevant ist. Danke dafür, sehr! 🙏

      Auch aufgrund Ihrer Nachfragen zum Pietismus habe ich mir nun vorgenommen, das Thema in einem kommenden Buchstabiertafel-Band einmal gesondert aufzugreifen. Dabei denke ich beispielsweise an F wie Frankfurt, wo ja der von Straßburg bis Berlin tätige, lutherische Theologe Philipp Jacob Spener (1635 – 1705) seine Pia Desideria (1675) verfasste, die dem Pietismus den Namen gab.

      Meine bisherige, religionswissenschaftliche Einschätzung dazu lautet wie folgt: Der Pietismus war von Anfang an eine außerordentlich vielgestaltige Bewegung, die auf Basis vorwiegend protestantischer Lese- und Predigterfahrungen sowohl dialogisch-monistische wie auch egozentrisch-relativistische und feindselig-dualistische Deutungen von Kirchen, Judentum und Staat(en) umfasste. Im süddeutschen Sprachraum entfaltete sich dabei eine stärkere Obrigkeitskritik, wogegen in Preußen eine stärkere Förderung durch die Monarchie und also eine stärker obrigkeitstreue Traditionsbildung erfolgte.

      Aber bevor ich mir da sicher bin, möchte ich in den kommenden Jahren da noch sehr viel tiefer reinschauen.

      Ihnen noch einmal ganz herzlichen Dank, mir sind unsere interdisziplinären und intergenerationalen Dialoge sehr wichtig! 🙌

  28. Mir fällt in Ihrem Text auf, Herr Blume, dass Sie viel Gewicht auf religiöse Muster legen, doch im Alltag habe ich eher das Gefühl dass Menschen vor allem nach funktionierenden Lösungen suchen. Ein Fachbetrieb hat mir kürzlich beim Neuaufbau meiner Elektroinstallation gezeigt wie viel Vertrauen entsteht wenn jemand sauber arbeitet und Fragen ernst nimmt.
    Deshalb glaube ich dass manche politischen Extreme weniger mit Glaubenssystemen zusammenhängen als mit fehlendem Vertrauen in solche unmittelbaren Erfahrungen. Würden Sie sagen dass diese kleinen Begegnungen mehr Wirkung haben als jede Theoriestunde.

    • Ja, @Phillip – Ihren Beobachtungen kann ich durchaus zustimmen. Der Begriff der Säkularisierung bezieht sich ja auf den Jetztzeit-Begriff des lateinischen Saeculum = Jahrhundert. Nichtreligiöse, säkulare Personen orientieren sich oft in einer sehr erfreulichen Weise auf die pragmatische Lösung aktueller Probleme.

      Gleichzeitig geht mit dem Verlust des religiösen Glaubens an überempirische Akteure meist auch eine starke Individualisierung und eine schnell folgende, säkulare Geburtenimplosion einher. Deswegen beschleunigen Säkularisierungsschübe immer wieder auch die biokulturelle Evolution des Homo religiosus.

      https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255

      Dieser zeitlich so differenzierte, evolutionäre Prozess der „Muster“ interessiert mich wirklich sehr! Auch deswegen sprach ich in der neuesten Folge von „Blume & Ince“ die Tendenzen zum KI-Kokon und zur Hyperindividualisierung an:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-46-interaktiver-vodcast-zu-ki-kokons/

      Die Evolution des Menschen wird massiv durch Medien geprägt, sogar fast bestimmt.

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