Vertikale und laterale Verbreitungen von Religionen – Ein Gastbeitrag von Eric Djebe

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Hinter dem aktiven Blog-Kommentator Eric Djebe verbirgt sich ein promovierter Logiker und Wissenschaftstheoretiker, der sich seit 40 Jahren mit Theologie beschäftigt und seine Ergebnisse demnächst in einem Blog und einem Buch veröffentlichen wird. Für "Natur des Glaubens" hat er einen Gastbeitrag inklusiver konkreter Vorschläge für Arbeitsdefinitionen verfasst, den ich gerne veröffentliche und zur Diskussion stelle.

Wissenschaftliche Modelle zur Beurteilung von Religionen

Die Betrachtung der Religionen vom Standpunkt der Evolution hat ihren eigenen Wert, der inzwischen den sicheren Status der Wissenschaftlichkeit erreicht hat. Für mich persönlich ist dabei ein Nebeneffekt der wichtigste: Hier entsteht eine Diskussionskultur zum Thema "Religion", die zunehmend der ideologischen Konfrontation entwächst und sich an ein anderswo übliches Niveau von Objektivität und Rationalität annähert.

Den Rahmen dafür liefert die Genetik und die Soziologie. Beide operieren mit Gruppen oder Populationen. Glaubensgemeinschaften rekrutieren sich aus Individuen, die innerhalb der Gemeinschaft die kulturelle Tradition des jeweiligen Glaubens an die nächste Generation weiter geben, verstärkt durch die Weitergabe der genetischen Disposition zur Religiosität. Dieser Ansatz kann jedoch nur einen Aspekt der Weitergabe religiöser Überzeugungen beleuchten, den der Überlieferung von Generation zu Generation an die jeweils nachfolgenden Populationen. Ich möchte dies in diesem Zusammenhang als die vertikale Verbreitung einer Religion bezeichnen.

Das Rätsel der Missionare

Es gibt jedoch Glaubensformen, und zu ihnen zähle ich das Christentum, bei denen zumindest im Selbstbild eine andere Form der Verbreitung im Vordergrund steht, jene heroischen Anfangszeiten, in denen sie sich aus einem kleinen Kern der Urgemeinde durch die stürmische Bekehrung ihrer Umwelt ausgebreitet haben. Im Vordergrund steht diese Erinnerung nicht nur deshalb, weil sie dem Gründungsmythos angehört. Vielmehr dient sie als Bestätigung für die Überzeugung, dass das eigene religiöse Bekenntnis eben nicht ausschließlich dem Zufall der Geburt in die eine oder andere Religionsgemeinschaft zu verdanken ist. Vielmehr ist der Anfangserfolg Beweis für die objektive Stichhaltigkeit der eigenen Religion.

Der Apostel Paulus predigt in Athen

Diese Form der Ausbreitung durch Bekehrung, die ich die laterale nennen möchte, weist gleich von Anfang weg die Besonderheit auf, dass sie sozusagen gegen den üblichen Trend der Religiosität erfolgt. Wie umfangreiche Studien beweisen, ist Religiosität zumindest in unserer Zeit üblicherweise zusammen gekoppelt mit Autoritarismus (der starken Betonung etablierter Autorität) und Konservatismus. Alle drei zusammen ergeben die sogenannte Traditional Moral Values Triad. Ein Glaube, der sich durch Bekehrung ausbreitet, muss aber bei den Konvertiten zuvor eben diese Geisteshaltung aufbrechen, sie müssen sich gegen die etablierte Autorität entscheiden, z.B. die ihrer eigenen Priester oder sogar, wie während der Christenverfolgungen, gegen den Kaiser und seine Behörden. Und erst recht müssen sie sich gegen die eigenen Traditionen entscheiden.

Interessanterweise muss also die neue Religion bei der lateralen Ausbreitung zuerst eben diejenigen Dispositionen überwinden, die ihr später bei der vertikalen Weitergabe an die nächsten Generationen von Nutzen sind. Sie muss aber imstande sein, später auch die vertikale Weitergabe zu bedienen, entweder, indem sie die Fähigkeit dazu von vorne herein mitbringt oder, wie im Falle des Buddhismus, indem sie solche religiösen Merkmale übernimmt wie z.B. die de facto Vergöttlichung des Gründers.

Genetik und Soziologie haben bereits gute Fortschritte erzielt bei der Erforschung der vertikalen Weitergabe, also der Sozialisation von Individuen in Gruppen, besonders während ihrer Kindheit, fallweise unterstützt durch genetische Prädispositionen. Für die laterale Ausbreitung dagegen gibt es noch keine befriedigenden Modelle: Warum ist gerade diese oder jene Religion so erfolgreich und andere nicht?

Typen von Religionen

Vielleicht beginne ich am besten mit einer informellen Sortierung der großen Religionen in solche vom eher lateralen und solche vom eher vertikalen Typ, also in solche, die das größere Potenzial zur Bekehrung und solche, die eher ein Potenzial zur Weitergabe an folgende Generationen haben. Buddhismus, Christentum und Islam würde ich eher dem lateralen, Judentum, Konfuzianismus und Hinduismus dem vertikalen Typ zuordnen.

Das schließt natürlich nicht aus, dass sie jeweils auch auf dem anderen Feld Erfolge aufweisen können. Erfolgreiche laterale Religionen sind auf die vertikale Weitergabe verwiesen, sobald sie eine Kultur einmal erst vollständig übernommen habe, sobald also z.B. Europa flächendeckend christianisiert ist und vertikale Religionen können ein ungeahntes Potenzial zur Bekehrung entwickeln. Beispiele für das letztere ist die Wiedergewinnung eines weitgehend bereits buddhistischen Indiens durch den Hinduismus oder die recht erfolgreiche Missionstätigkeit des pharisäischen Judentums im römischen Reich, bis es letztendlich doch dem Christentum unterlag.

 

Der Reformator Melanchton weiht eine christliche Schule ein

 

Die vertikal orientierten Religionen haben ein leicht zu identifizierendes gemeinsames Merkmal: Die Zugehörigkeit zur Religion ist untrennbar verbunden mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur und/oder einem bestimmten Volk. Der Konfuzianismus befasst sich ausdrücklich mit existierenden staatlichen Organisationen, Jude wird in erster Linie, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde und der Hinduismus ist einfach das Gesamt der Volksreligion und Philosopie des indischen Subkontinents (es gab noch nicht einmal das Wort "Hindu" vor der Eroberung durch die Moguln und die nachfolgende bürokratische Notwendigkeit, Muslime von denjenigen zu unterscheiden, die nach wie vor der alten Volksreligion anhingen).

Warum sind die einen Religionen so anders?

Was aber zeichnet die lateral orientierten Religonen aus, also diejenigen mit einem großen Bekehrungspotenzial und auch einem Selbstverständnis, für das dieses Potenzial sehr wichtig ist (siehe Christentum oder Islam)? Es ist meist wenig fruchtbar, diese Religionen selbst zu befragen, weil sie dann normalerweise erklären werden, dass sie einfach die (nur bei ihnen zu findende) Wahrheit verkündigen. Und auch die atheistische Gegenposition hilft da nicht weiter, weil sie keinen Unterschied formulieren kann zwischen den erfolgreichen lateralen Religionen und den weniger erfolgreichen Religionen, die durch sie verdrängt wurden:

Platte Vorstellungen wie die von einer gerissenen Priesterkaste, die das dumme Volk beschwatzt oder von Höllenstrafen, mit denen man es einschüchtert, greifen hier nicht. Beide Seiten hatten ihre Priester und ihre Strafen im Jenseits: In der altägyptischen Hölle wurden einzelne Bösewichter als Türpfosten eingesetzt, wobei ihre Augenhöhlen als Angeln für die Torzapfen dienten. Gegen diesen Einfallsreichtum kommt der christliche Feuersee einigermaßen blutleer daher.

In diese Kategorie gehört auch die Idee, dass die Machthaber die neuen Religionen förderten, um die Untertanen folgsam zu halten. Die Göttlichkeit des Kaisers im alten Rom war dazu sicher mindestens genau so nützlich zu diesem Zweck und wurde ja dann auch brutal verteidigt, brutal und trotzdem erfolglos.

Etwas weniger platt ist die Erklärung, dass Religion in einer Zeit mangelnder Wissenschaftlichkeit eben dazu verhalf, die Welt zu erklären. Aber auch hier ist der Unterschied nicht recht greifbar zwischen dem allmächtigen Gott der Christen und dem Blitzeschleuderer Jupiter.

Zuletzt geistern noch Vorstellungen umher, die etwa so lauten: Die alten polytheistischen Religionen waren einfach zu tolerant, während z.B. die Christen jeden andersartigen Glauben fanatisch unterdrückten. Das würde immer noch nicht die anfängliche Ausbreitung erklären, ist aber auch insgesamt einfach falsch. Die Christenverfolgung war doch eher intolerant, während auch nach der christlichen Machtergreifung der alte heidnische Glaube keineswegs gewaltsam ausgetilgt wurde. Um 530 gab es am Monte Cassino noch einen Apollo-Tempel, der von einer ländlichen Gemeinde unterhalten wurde und um 580 lebten in der syrischen Bekaa-Ebene rund um das große Heiligtum von Baalbek Heiden, zu denen die neue Lehre überhaupt noch nicht vorgedrungen war.

Tempel von Baalbeck

Der begriffliche Kern von lateralen Religionen

Mit solchen Denkmodellen ist also der Überlegenheit bestimmter Religionen bei der lateralen Verbreitung nicht beizukommen. Woraus rekrutiert sich dann die relative Stärke der einen und die relative Schwäche der anderen Religion? Eine überzeugende Antwort wird ganz sicher nicht im Rahmen eines Blogposts erfolgen und auch nicht in diesem. Was ich hier vorstellen kann, ist der Anfang einer Stoffsammlung zum Thema, aufgrund derer eine vernünftige Theoriebildung erst einmal möglich wird.

Lateral erfolgreiche Religionen weisen einen begrifflichen Kern auf, etwas, was in die Richtung einer zentralen Theorie geht. Im Buddhismus sind das die vier edlen Wahrheiten, im Islam das "La illah il allah" und im Christentum das "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Weder Hinduismus noch Konfuzianismus noch die alten polytheistischen Religionen weisen eines solche zentrale Formel auf (vom Judentum wird noch einmal gesondert zu sprechen  sein).

Diese zentralen Formeln dienen als Fassade oder als Kürzel für einen dahinter stehenden Glaubenskern, der eine jeweils unterschiedliche Beschaffenheit aufweisen kann. Diese reicht von der theoretischen Ausformuliertheit des Buddhismus bis hin zu einem Theoriedefizit beim Christentum auf der anderen Seite, ersichtlich z.B. an dem immer noch nicht gelösten Problemen der Rechtfertigungslehre (Glauben vs. gute Werke) oder der Dreifaltigkeit, trotz den auf den frühen Konzilien gefundenen Einheitsformeln.

 

Konzil von Nicaea

Natürlich gibt es dabei Überschneidungen zwischen vertikalen und lateralen Religionen. So gibt es im eigentlich universellen muslimischen Glauben eine starke Bindung an eine spezielle Kulturform, die des Arabischen. Und das Judentum enthält in seinem Zentrum die abstrakte und kulturübergreifende Vorstellung des einen Gottes.

Die Existenz eines begrifflichen Kerns, einer Art Theorie in den lateralen Religionen zeigt sich auch in ihren reformatorischen Bewegungen. Immer wieder absorbieren solche Glaubenssysteme im Laufe der Generationen Vorstellungen der Umwelt, passen sich an die Bedürfnisse der Gläubigen an und immer wieder gibt es Bestrebungen, diese Zusätze auszumerzen und zu dem Kern, dem einfachen, klaren, ursprünglichen Bekenntnis zurück zu finden. Hierbei werden diesem Kern Eigenschaften zugeschrieben, die z.B. auch erfolgreichen wissenschaftlichen Theorien zu eigen sind: Einfachheit, Folgerichtigkeit, Erklärungsmächtigkeit.

Hierbei ist allerdings Vorsicht angebracht: Die Sehnsuch nach dem Alten, Guten ist natürlich auch anderswo anzutreffen, in der Beschwörung der prisca virtus (der Tugend der Vorväter) bei den Römern, in dem merkwürdigen Rückgriff auf ein imaginäres Germanentum im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts usw. Trotzdem hat z.B. der theoretische Neuansatz Luthers bei den ursprünglichen Glaubensschriften der Bibel eine eigene systematische Qualität. Es ist der Versuch, die Grundlagen noch einmal zu durchdenken und aus ihnen noch einmal die ursprüngliche Form des christlichen Glaubens zu rekonstruieren. Das ist ein Vorgehen, das mit der wissenschaftlichen Methodik nicht identisch ist, aber doch deutliche Ähnlichkeiten dazu aufweist.

Laterale Religionen werden von inhaltlichen Zwängen bestimmt

Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die wissenschaftliche Beschreibung solcher lateral bestimmten Religionen? Meines Erachtens ist es an der Zeit, eine Komponente zur Kenntnis zu nehmen, die nicht mit dem Werkzeug des Soziologie und naturgemäß auch nicht mit dem der Genetik zu erfassen ist. Form und Entwicklung dieser Glaubensformen wird nicht nur oder vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie von äußeren Zwängen bestimmt, sondern im hohen Maße von der innneren Logik ihres begrifflichen Kerns. Sichtbar wird dies an den quälenden Auseinandersetzungen, wenn in diesem Kern Anomalien auftauchen, also nicht wegerklärbare Schwierigkeiten. Polytheistische Religionen haben kein Problem mit der Zusammenführung von Göttern (siehe Ammun-Ra in alten Ägypten, der Verschmelzung der Gottheiten Ammun und Ra). Die Frage aber, wie der eine Gott mit den drei Entiäten Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist zusammenpasst, führte innerhalb des Christentums zu jahrhundertelangen erbitterten Auseinandersetzungen und auch historisch bedeutsamen Spaltungen, ohne dass hierfür soziologische, geschweige denn genetische Begründungen dafür sichtbar wären.

Die Doppelgottheit Ammun-Ra

 

Wissenschaftstheorie als neues begriffliches Werkzeug

Wenn man nach Kategorien sucht, um solche Vorgänge zu beschreiben und zu erklären, sollte man die Wissenschaftstheorie nicht übersehen und darin insbesondere den Ansatz von Thomas Kuhn zur Beschreibung wissenschaftlicher Revolutionen, etwa dem Wechsel von der aristotelischen zur Newtonschen Physik und weiter zu den Theorien Einsteins. Im Umfeld dieser Überlegungen wird immer wieder auch auf die Ähnlichkeit solcher Umwälzungen mit religiösen Konversionen hingewiesen, ein Vergleich, den man vielleicht auch einmal umgekehrt nutzen sollte: Wenn die Annahme einer grundlegend neuen wissenschaftlichen Theorie ähnlich ist der Annahme einer neuen Religion, sollte man genau so fragen, inwieweit die Konversion zu einem neuen Glauben vergleichbar ist mit der Übernahme einer neuen Theorie in der Wissenschaft.

Interessant wären dabei offensichtliche Übereinstimmungen zwischen diesen Vorgängen, vielleicht noch mehr aber die Unterschiede. Vor allem aber würde dabei die wissen­schaftliche Betrachtung der Religionen über Genetik und Soziologie hinaus um eine weitere Disziplin ergänzt werden, die der Wissenschaftstheorie, in deren Rahmen eine rationale Diskussion jenseits des üblichen Lagerdenkens möglich wäre.

P.S.: Das Gesetz der Serie …

… hat sich auch hier bewährt. Auf dem englischen Scilog von Michael Blume namens Biology of Religion ist dieser thematisch ähnliche Beitrag erschienen.

Die dort vorgestellte Studie zeigt im Ergebnis eine klare langfristige Überlegenheit von – in meinem Sinne – vertikalen gegenüber lateralen Religionen, was die Anzahl der Mitglieder angeht. Ich möchte hier nur kurz einige Besonderheiten der Studie antippen, insbesondere im Vergleich zu meinem Beitrag:

Es handelt sich dort zum großen Teil um Glaubensformen, die Variationen der allgemeinen religiösen (in diesem Fall christlichen) Prägung der Gesamtkultur darstellen. Begrifflich ist das Gefälle zwischen ihnen und der Umwelt nicht vergleichbar dem zwischen den großen Religionen oder zwischen ihnen und der polytheistischen Umwelt, in der sie entstanden sind. Wohl auch deshalb fehlen in der missionarischen Geschichte der untersuchten Religionen auch die ganz großen "Coups", wie etwa im Christentum die Bekehrung Konstantins oder die der Franken mit ihren historischen Führern Chlodwig und Karl dem Großen.

Ich habe die Studie nicht zur Hand, deshalb weiß ich nicht, ob die Autoren auf die Tatsache eingegangen sind, dass die so überaus erfolgreichen orthodoxen Juden immer noch nur einen verschwindenden Bruchteil der religiösen Weltbevölkerung ausmachen, obwohl sie ihre überlegene Gewinnstrategie bereits seit Jahrtausenden verfolgen. Ich würde daraus den Schluss ziehen, dass für eine wirklich erfolgreiche Religion eine starke laterale Komponente unabdingbar ist.

Interessant und erwägenswert finde ich, dass die Untersuchung auch die Aussteiger mit erfasst. Dazu ergeben sich interessante Fragen, z.B.: Sind die Dynamiken von jeweils Bekehrung zum und Abfall vom Glauben ähnlich oder handelt es sich um ganz unterschiedliche Vorgänge?

Abschließend wäre zu sagen: Meine eigenen Überlegungen sehe ich im Resumee dieser Studie an folgender Stelle verortet: "Religious messages have to appeal to human sociopsychological needs to survive cultural evolution …" Von welcher Art sind diese "soziopsychologischen Bedürfnisse"? Meine Behauptung hier war die, dass dazu auch Klarheit und Stringenz der angebotenen Antwort gehören, eben der begriffliche Kern der großen lateralen Religionen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

16 Kommentare

  1. Herrn Djebe

    Guter Text, wenn auch etwas lang. Danke, Herr Djebe! ^_^

    Eine Nachfrage möchte ich jedoch loswerden: Müsste es nicht vertikal und horizontal heißen? Warum lateral?

  2. Fehler und so

    Bei der Übermittlung des Textes sind ein paar Probleme aufgetreten. Ein Fehler ist stehen geblieben. Es muss natürlich heißen:

    “Die drei Entitäten Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist”

    @Kasslerin
    Ja, der Beitrag ist lang. Erstens sind die Bilder ziemlich groß geraten (da muss ich noch üben). Und zweitens hätte man aus dem angehängten Querverweis mit Diskussion vielleicht einen Kommentar machen sollen. (Da muss ich vielleicht auch noch üben).
    “Lateral” heißt “seitlich”, ist also nicht falsch. Ich habe diese Nomenklatur eher instinktiv gewählt, weil “vertikal – horizontal” bereits stark besetzt ist, z.B. in theologischen Essays.

  3. Was Autoritarismus und Konservativismus angeht frage ich mich, ob lateral erfolgreiche Religionen hier wirklich anders gestrickt sind as Vertikale. Sicher ändern sich die Autoritäten, aber die Wichtigkeit oder Ausrichtung auf eine solche muß IMHO nicht abnehmen. Auch werden nun andere Werte “konserviert”, aber daß ganz neu eingesetzt würde ohne Rückbindung an Bekanntes, da würde ich erst einmal ein Fragezeichen setzen.
    Mir ist ein Gastvortrag, den ich vor Jahren an der KiHo Bethel gehört habe, noch im Ohr: Der Dozent legte dar, daß die Verbreitung des Christentums in den ersten Jahren vor allem über persönliche Kontakte geschah, die langwieriger Natur waren. So konnte man Vertrauen zueinander gewinnen. Ich halte es für denkbar, daß auf diesem Weg alte Autoritäten abgelöst werden können. Der Dozent sagte, gleiches könne man auch bei neueren christlichen Gruppen in den USA bemerken: Die Verbreitung laufe zwischen den Hausfrauen über den Gartenzaun.

    Jedenfalls ist das Thema der lateralen Verbreitung durchaus interessant und ih bin gespannt, in Zukunft mehr dazu zu lesen.

  4. @Bundesbedenkenträger

    Ein interessanter Gesichtspunkt. Was den Konservatismus angeht, kann ich Ihnen nicht folgen, das heißt eben, dass am Alten festgehalten und Neues abgelehnt wird.

    In puncto Autorität hingegen kann man z.B. anführen, dass von Jesus erzählt wurde “er sprach wie jemand, der Vollmacht hat” und dass Buddha, um seine ersten Anhänger zu überzeugen, sie darauf hingewiesen hat, dass er nun ganz anders spreche wie früher, eben wie jemand, der grundlegende Erkenntnisse gewonnen hat und damit den Anspruch, dass sie auch gewürdigt werden.

    Allerdings fehlt dort eine entscheidende Komponente des Autoritarismus, nämlich der Grundsatz “ich bin Chef, deshalb habe ich recht”. Wenn eine Tendenz zum “Chef” bestand (und die war z.B. bei Buddha durchaus vorhanden), dann nach dem Motto “ich habe recht, und deshalb bin ich der Chef”. Eben dieser Standpunkt oder diese Ausstrahlung lässt sich aber leichter realisieren bei Glaubensformen mit einem klaren und überzeugenden begrifflichen Kern, also bei “lateralen” Religionen. Der altrömische Polytheismus z.B. konnte sich für seine Autorität nur auf bestehende Strukturen, altes Herkommen usw. stützen, diese Autorität war also autoritär und sonst gar nichts.

    Und auch die Nachbarin überm Gartenzaun tut sich mit ihrer Überzeugungsarbeit natürlich umso leichter, je klarer und schlagender die Thematik ist, die sie herüberbringen will. Dass sie damit zu einer Autorität im Sinne des Autoritarismus wird, würde ich nicht so sehen, das wird wohl eher der jeweilige Prediger, Papst usw. sein.

    Trotzdem finde ich Ihre Erwägungen vor allem deshalb interessant, weil sie Wege öffnen, um den Übergang zur vertikalen Weitergabe besser zu verstehen, eben weil diese beiden Formen der Verbreitung vielleicht doch nicht so weit auseinander liegen. Vielen Dank also!

  5. Ein wesentlicher Aspekt der horizontalen Verbreitung wurde überhaupt nicht angesprochen. Politik. Die Rolle der Religionen in zwischengemeinschaftlichen, zwischenstaatlichen Beziehungen. So wie früher die zwischenstaatlichen Beziehungen durch Heirat befestigt wurden, die späteren staatlichen Strukturen ihre Allianzen, ihre strategische Positionen in zwischenstaatlichem W-W-Netz durch eine Religion sicherten. Andere Form der horizontalen Verbreitung ist mit der Kolonisierung zu tun. Wobei hier zwei Wege zu unterscheiden sind. Eine – die Religion der kolonisierenden Völker einfach in eigenes Pantheon aufnehmen. Dadurch wird eigene Religion quantitativ bereichert. Oder das einheimische Volk unter Druck gesetzt wird. Nach außen her zeigt sich die neue Religion, aber in Hintergrund wirken die alten Vorstellungen, Sitten. Ich wundere mich immer aufs Neue, wie unterschiedlich die gleiche Religion in verschiedenen Regionen sich äußert. Übrigens ist es ein Fehler zu denken, dass die ursprünglichen Religionen ohne Spur verschwunden seien. Sie ließen sich assimilieren, „köpfen“, aber sie sind nicht ganz verschwunden. Die Analogie mit der Endosymbiose des einzelligen Lebens, in dem Eukaryote mit anderen Einzellern „verschmolzen“ hat, meines Erachten am besten gibt das Geschehen auf Religionsebene über.
    Die Verbreitung mit der Macht ist keine platte Vorstellung. Es kann durchaus eine Religion ohne Gewalt sich ausbreiten, aufgrund der Überzeugung, Missionierung. Die großen Umwälzungen müssten aber einen Druck auf Bevölkerung ausüben. Wenn man sich auch nicht gewaltsam entgegen wehrte, heißt es nicht, dass keine Macht zur Religionsverbreitung ausgeübt wurde.
    Und zuletzt, was eigentlich ganz vorne stehen sollte. Die Religionen mit dem Merkmal lateral oder vertikal zu unterscheiden ist verwirrend, weil gibt es keine reine Religionen. Es wäre hilfreiche bezeichnen einige als Volksreligionen. Die haben ihren expansiven Druck bis zur Volksgemeinschaftsgrenze ausgeübt – und nicht weiter. Dagegen andere wurden „blind“ für diese Grenzen und breiteten sich weiter. Aber auch hier mit der Globalisierung sind die Grenzen gesetzt. Bezeichnend ist, dass alle Volksreligionen, obwohl sie ihre Volksgrenze nicht überschritten, haben sich s. z. fortgepflanzt in der internationalen Ausführung: Hinduismus hat Buddhismus hervorgebracht, Judentum – das Christentum und den Islam. Chinesischen Konfuzianismus würde ich eher zur Philosophie zählen. Wie die antike Philosophie das Abendland geprägt hat, hat der Konfuzianismus den ostasiatischen Raum sehr stark beeinflusst.
    Auch die Religionen durch Stärke zu vergleichen finde ich fehl am Platz. Die Diskussion ähnelt der immer wieder auftauchenden Diskussion über das Leben. Was ist fortschrittlicher, angepasster: das Lebewesen, der folgte der Evolution (also sich ständig änderte), oder der, der seine Nische gefunden hat und fast unverändert Millionen von Jahren überdauert hat?! Es geht hier meiner tiefen Überzeugung nach nicht um das einzelne Wahre. Es geht um die Variation, die als Indikator der Zivilisationsgesundheit dient.
    Ich hoffe mein schlechtes Deutsch wird nicht der Verständigung in Wege stehen.

  6. @Irena Pottel

    Sie haben natürlich recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass nicht jede Ausbreitung einer Religion durch missionarische Überzeugungsarbeit geschieht, sondern oft durch Druck: mlitärischen, politischen usw. Ein Musterbeispiel ist sicher die Politik Karls des Großen, der das Christentum als staatsbildenden Faktor bedingungslos förderte und auch selbst formte und der die Unterwerfung der Sachsen immer mit ihrer Bekehrung parallelisierte.
    Ich habe bei der lateralen Religionen ausdrücklich von ihrer heroischen Anfangsphase gesprochen, die beim Christentum immerhin drei Jahrhunderte andauerte (das ist eine sehr lange Zeit). Den großen Schub, da stimme ich Ihnen zu, bekam sie durch die Bekehrung Konstantin des Großen. Ab da wurde “Macht ausgeübt”. Die sah im Wesentlichen so aus, dass den “heidnischen” Religionen die Staatsgelder entzogen und den Kirchen zugeleitet wurden und dass eine Karriere am Kaiserhof, also im Zentrum der Macht, ohne das christliche Bekenntnis nicht mögich war. Trotzdem ist es bezeichnend, dass diese Religion den Zusammenbruch des staatlichen Systems überlebte und die eindringenden Barbaren assimilieren konnte. Insofern würde ich dem Christentum auf jeden Fall eine sehr starke laterale Komponente zusprechen.
    Sie haben ferner Recht, wenn Sie anmerken, dass die alten Religionen oft nicht einfach verschwanden, sondern, z.B. in der katholischen Heiligenverehrung, mit der neuen verschmolzen.
    Ich habe auch angemerkt, dass es, wie sie darlegen, Überschneidungen gibt zwischen der vertikalen und der lateralen Ausformung einer Religion. Insbesonders müssen die lateralen Religionen relativ bald auch vertikale Stärken ausbilden, weil sie sonst in der nächsten Generation verschwinden würden. Und, wie bemerkt, hatte das Judentum mit seinem Monotheismus eine starkes laterales Potenzial, das dann in seinen Nachfolgereligionen realisiert wurde.
    Und, wie ich sagte, vertikale Religionen sind tendenziell “Volksreligionen”, wie Sie es formulieren. Ich weiß allerdings nicht, ob es sinnvoll ist, hier einen ähnlichen “expansiven Druck” anzunehmen wie bei den lateralen Religionen, nur dass dieser hier eben an der Außengrenze der Kultur endet. Der Hinduismus zum Beispiel war wohl eher ein Konglomerat aus den kultischen und philosphischen Vorgaben des indischen Subkontinents.
    Und nein, ich halte die verschiedenen Religionen nicht für “Variationen” in einem kulturellen Kontinuum, wie Sie es anzudeuten scheinen. Buddhismus, Konfuzianismus und Christentum haben in ihren Grundlagen ein jeweils fundamental verschiedenes Menschenbild und dementsprechend ein fundamental verschiedenes Angebot an den so verstandenen Menschen.

  7. @ Eric Djebe

    Die Religionen sind die kulturellen Variationen der zivilisatorischen Evolution. Es ist eine Schlussfolgerung meiner Forschung. Da es noch nicht veröffentlicht ist, möchte ich hier nicht mich weiter äußern. Außer vielleicht Ihre Erlaubnis bitten, Sie auf meine Homepage einzuladen, wenn es so weit ist.
    Ich finde es außerordentlich wichtig, die Religionen erst in ihrer Entwicklung/Evolution, zweitens in dem Zusammenhang mit staatlicher Entwicklung/Evolution untersuchen.

  8. Buch und Familie

    Bei den obigen Überlegungen fehlen zwei wichtige Punkte: Buch und Familie.

    Buch: Viele Kultformen sind ausgestorben weil ihr Wissen nur mündlich überliefert wurde. Mit dem Tod des Wissensträgers war die Kontinuität gestört.
    Familie: Bei manchen Kulten gab/gibt es streng nach Alter und Geschlecht getrennte Riten – wogegen die erfolgreichen Religionen für die ganze Familie zugänglich sind. Durch Förderung von Gemeinschaft erhöht sich die Attraktivität.

  9. @Irena Potte, KRichard

    @Irene Pottel
    Sehr gut, ich bin gespannt!

    @KRichard
    Sie haben natürlich recht und eine umfassende theoretische Beschreibung sollte die Punkte “Buch” und “Familie” auf jeden Fall beinhalten. Aber (Sie haben es schon geahnt, dass da jetzt ein “aber” folgt) im Zusammenhang meines Posts habe ich sie aus mehreren Gründen nicht berücksichtigt: (1) Der Post wäre sonst noch länger geworden. (Deshalb bin ich auf konstruktive Kommentatoren wie Sie angewiesen, die das Fehlende ergänzen. Vielen Dank!) (2) Bei der vertikalen Weitergabe steht selbstredend die Familie ganz weit im Vordergrund, außer bei den wenigen Formen, bei denen die Familie überhaupt abgeschafft oder stark zuückgedrängt ist (Shaker, religiöse Kibbuzim) (3) Das Buch wiederum scheint mir kein markantes Unterscheidungsmerkmal zwischen vertikal und lateral zu sein. Laterale Formen haben zwar (immer?) zentrale schriftliche Überlieferungen, in denen der begriffliche Kern mehr oder weniger genau formuliert ist. Aber auch Formen mit dem vertikalen Schwerpunkt haben ihre “heiligen Bücher”, siehe das Judentum und die hinduistischen Veden.

  10. So…

    Lieber Eric,

    danke für den sehr guten Gastbeitrag, der ja schon zu einer munteren Diskussion geführt hat.

    Den o.g. Übermittlungsfehler habe ich bereits korrigiert.

    Zu den Thesen möchte ich noch hinzufügen, dass die “Nachfragenden” nach Religion(en) eine mindestens ebenso große Rolle wie die “Qualität” der Religion(en) selbst zu spielen scheinen. Vornehmer formuliert: Insbesondere sich lateral ausbreitende Religionen müssen offenkundig auf verschiedenste Bedürfnisse einzugehen in der Lage sein.

    So hat mich z.B. bei den Forschungen zu den Eipo beeindruckt, dass hier ein ganzer Stamm geschlossen und aus wohl abgewogenen und diskutierten Gründen übertrat, den Glauben aber danach auch lebte. Die entsprechenden Beobachtungen Schiefenhövels habe ich hier zusammen gefasst und aus der Perspektive (evolutionärer) Religionswissenschaft gedeutet:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/…e.pdf

    Das ist ja geradezu ein Paradefall, in dem ein Volk aus einer nur vertikalen zu einer auch lateralen, religiösen Tradition und Vergemeinschaftung wechselte.

  11. Theoretisch

    “[…]in promovierter Logiker und Wissenschaftstheoretiker”

    Ein interessantes Feld. Schade, das es dazu hier keinen Blog gibt.

    “Diese reicht von der theoretischen Ausformuliertheit des Buddhismus bis hin zu einem Theoriedefizit beim Christentum auf der anderen Seite, ersichtlich z.B. an dem immer noch nicht gelösten Problemen der Rechtfertigungslehre (Glauben vs. gute Werke) oder der Dreifaltigkeit, trotz den auf den frühen Konzilien gefundenen Einheitsformeln.”

    Der Vergleich ist nicht ganz gerecht. Während die Christlichen Theologen durchaus verschiedene Lehren bezüglich der Dreifaligkeit entwickelt haben (Scholastik; manchmal wurden sie zur Häresie erklärt), kam davon beim “Volksglauben” und nahen Bewegungen weniger an. Beim Buddhismus dagegen wird die Religion mehr oder weniger von missionarischen Mönchen getragen (im “kleinen Fahrzeug”). Kein Wunder, das sie sich intensiver mit ihrer Lehre befassen können.

    “Die Frage aber, wie der eine Gott mit den drei Entiäten Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist zusammenpasst, führte innerhalb des Christentums zu jahrhundertelangen erbitterten Auseinandersetzungen und auch historisch bedeutsamen Spaltungen, ohne dass hierfür soziologische, geschweige denn genetische Begründungen dafür sichtbar wären.”

    Aus evolutionärer Sicht lässt sich auch nicht ableiten, warum es zu einer speziellen Mutation kommt, nur ob sie bei gegebenen Umweltbedingungen ihre Gene weitergibt.

    P.S.: Gab es hier nicht schon so einen Artikel über die Seeker?

  12. 1:24 am Morgen …

    Lieber Michael,

    danke für das Lob. Ich möchte Dir zustimmen: Aus der Bekehrungsgeschichte indigener Völker lässt sich sicher viel lernen. Bei den Maori (das einzige solche Volk, das ich aus erster Hand studiert habe) gibt es eine glaubhafte Geschichte, dass sich ein Stamm 50 / 50 zur katholischen und zum protestantischen Konfession bekehrt hat, um beide Seiten zufrieden zu stellen. Aus solchen Studien könnte man auch Rückschlüsse ziehen z.B. über den historisch entscheidenden geschlossenen Übertritt der Franken zum Christentum nach der Bekehrung ihres Fürsten Chlodwig.

    @IchDenke
    Der Unterschied zwischen dem Christentum und dem Buddhismus (übrigens auch zum Islam und zum Konfuzianismus) , ist der, dass bei den letzteren eine einzige geniale Stifterfigur eine zusammenhängende “Theorie” entwickelt hat. Das Christentum aber ist in einem mehrstufigen Prozess entstanden: Judentum – Predigt Jesu – Frühchristentum mit der Lehre von der Erlösung durch Tod und Auferstehung (die meisten Exegeten sind sich heute einig, dass Paulus keine neue Religion erfunden hat, sondern versucht hat, den bereits existierenden Glauben der Urgemeinde auf den Punkt zu bringen). Und dieses Frühchristentum schuf die Formel “Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes”, ohne die “Theorie” dazu zu liefern. Die Reflexion, wie das mit dem gleichzeitig verkündeten Monotheismus in Einklang zu bringen sei, kam erst später und eine wirklich gelungene Formel, wie z.B. die vier edlen Wahrheiten des Buddha, ist dabei nicht gefunden worden. Eben die jahrhunderte lange Diskussion mit der Häretisierung dieser oder jener Lösung ist ja ein starkes Anzeichen dafür.

  13. @Eric Djebe:
    Vielleicht bringt der Begriff des Vertrauens statt der des Autritarismus eine Ergänzung. Erst vertraut man der alten Autorität, dann auch den Nachbarn, dann stehen beide gegeneinander und man ist auf der Sete der neuen Religion? Vielliecht muß Vertrauen auch als ein Aspekt von Autorität gesehen werden.
    Beim Konservativismus ist mein Gedanke, daß die neuen Religionen ja auch Altes weiterführen. Bei Buddha kenn ich mich nicht sonderlich aus, denke aber, daß er hinduistische Gedanken (Wiedergeburt,…) aufgenommen hat. Jesus bezog sich auf die alte Überlieferung. Mohammed bezog sich auf die Überlieferungen der Christen.
    Jeder hat umgedeutet, aber jeder hatte IMHO auch ein konservierendes Element, das von den Anhängern womöglich als zentral verstanden wurde (vgl. auch Luthers Rechtfertigungslehre, die er aus den gleichen Quellen zog, die auch seine Gegner anerkannten).

  14. @Bundesbedenkenträger

    Das Verhältnis zwischen Konservatismus und Autoritarismus, gerade im Bereich der Religon, ist sehr komplex. Dafür wäre fast ein eigener Post fällig 😉

    Z.B.: Warum wurde die Einführung der päpstlichen Unfehlbarkeit 1870 nur von einer Minderheit der Katholiken als revolutionär empfunden (die sich dann als die Altkatholiken abspalteten)? Was bedeutete es, wenn Jesus von Nazareth sagte, dass er kein Jota am überlieferten Gesetz ändern würde?

    Hier nur so viel: Die Umgebung, in der sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten ausbreitete, war größtenteils polytheistisch. Hier musste die Predigt Jesu als Verstoß gegen das Alte wirken, wie auch aus der antichristlichen Polemik ersichtlich.

  15. Danke! @ Djebe

    Zu einem glänzenden Artikel – danke! – nur ein paar einzelne Gesichtspunkte – eher ergänzend als kritisierend.

    Zu Ihrem letzten Kommentar vorneweg:
    Mich erinnert das daran, dass viele umwälzende Gedanken – also revolutionäre, wenn man das nicht zu plakativ politisch versteht – oft begleitet waren von einem tatsächlichen oder vorgeblichen Rückgriff auf das, was „früher einmal“ oder „als die Welt noch in Ordnung war“ galt. Deutlich in der Reformation: Angriffsziel waren die im 16. Jahrhundert gegenwärtigen Erfahrungen, die Reformatoren beriefen sich auf die Quellen: Bibel und urchristliches Verständnis – ad fontes war ja ein damals gängiges Schlagwort.
    Trotz Kritik von Jesus an einigen Frömmigkeitstraditionen gibt es auch bei ihm immer wieder Rückgriffe darauf, wie es ursprünglich gemeint sein könnte.
    Öfters wird bei solchen Rückgriffen die Vergangenheit auch unangemessen verklärt.

    Den Gedanken mit dem gedanklichen Kern finde ich genial.
    Ich würde den Kern bei den Christen dabei nicht unbedingt in dieser trinitarischen Formel sehen “Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes”. Eher in solchen Sätzen wie „Herr ist Jesus, der (Messias=der Christus)“ Oder Jesus ist der Christus, der Retter. Oder: Ihm, dem Jesus Christus, hat Gott den Namen gegeben, der über alle Namen ist.
    Vielleicht dazu als zweiter Brennpunkt einer Ellipse dazu:
    Sind wir „in Christus“, dann haben wir Anteil an der neuen Schöpfung (– seine Geschwister und also eine Gottesfamilie).
    Bei den Moslems würden neben das Grundbekenntnis ziemlich schnell die „5 Säulen“ gehören: Ganz schnell kann man sich merken, was einen Moslem=Gottesverehrer ausmacht.
    Aber das sind „Feinheiten“. Ja, jedenfalls darf der Kerngedanke nicht zu gedanklich blutleer gedacht werden.

    Bei Ihren Gedanken über die Urchristen dachte ich sofort auch an den Artikel von
    Greg Carey, Imagining the First Christians in der Huffington Post. So konkret liest man es selten. Und da wird eben auch Gründen des Erfolgs nachgespürt. Läuft ein bisschen anders: mehr soziologiegeschichtlich, aber nicht unbedingt als Widerspruch zu Ihren Gesichtspunkten

    Ja, und gerade an der Trinitätslehre haben sich auch schon Bischöfe und ihr Gefolge auf unerträgliche Weise gegenseitig zerfleischt – kam wohl öfters drauf an, wer bessere finanzielle Ressourcen hatte, Söldner u.ä. aufzubieten. Da wurden Reviere abgesteckt. Machtspiele mithilfe hochtheologischer Begriffe, die wie Giftpfeile eingesetzt wurden. Muss man ja nicht schildern.
    Mehr witzig finde ich dabei das Bild zum Konzil zu Nicäa: Wenn ich es richtig interpretiere, steht doch der Kaiser in der Mitte. Und er hält (deutend? verdeckend!) seine rechte Hand über das Wort „Gott“ und stemmt seinen linken Ellbogen über das Wort Pantokrator=Allmächtiger. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Ja, noch eines: Unterdrückung gegenüber nichtchristlichen Religionen, das gab es sicher. Aber – Ihre Gegenbeispiele zeigen es: Regional so unterschiedlich konsequent wie vorher die Verfolgungen gegen Christen auch regional sehr unterschiedlich durchgeführt wurden.

  16. @Hermann Aichele – Danke zurück!

    Ihr Lob freut mich umso mehr, als wir beide doch deutlich verschiedener Meinung sind. Ich halte die Formel “Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes” tatsächlich für die zentrale Formel des begrifflichen Kerns im Christentum.

    Ich kann Ihre Zurückhaltung in diesem Punkt verstehen. Gerade dieser Gedanke wird im Neuen Testament so gut wie gar nicht ausgeführt. Trotzdem ist die Evidenz für mich unabweislich: Das ist die Formel, mit der getauft wurde, also mit der der Übertritt in die christliche Gemeinde dokumentiert und besiegelt wurde. Und das ist die Formel, um deren Verständnis Jahrhunderte lang erbittert gerungen wurde, in den Reflexionen der Theologen und in den Auseinandersetzungen zwischen ihnen. In eine zweitrangige Sache würde man nicht diese Energie und diese existenzbedrohlichen Auseinandersetzungen investieren.

    Dass wir diese Auseinandersetzungen heute nicht so recht nachvollziehen können, ist unser eigenes Problem. Es ist meine persönliche Überzeugung, dass die trinitarische Formel tatsächlich den Gipfelpunkt, ein Kürzel für den begrifflichen Kern des Christentums darstellt (Ich kann mich an diesem Punkt doch nicht der Werbung in eigener Sache erhalten, also:) Siehe das Buch, das ich in wenigen Tagen herausbringen werde!

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