Verschwörungsfragen 8 – Das Coronavirus zwischen Wissenschaft und Ärzteverschwörung

Schon seit Januar wurde auch auf deutschsprachigen, antisemitischen Digitalkanälen verkündet, das Coronavirus Covid19 sei eine “Biowaffe”, die im Auftrag des jüdischen Holocaust-Überlebenden George Soros in einem Biolabor in Wuhan, China, entwickelt worden war. Die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung geht dagegen von einer natürlichen Mutation aus, wie sie auch schon bei vielen Viren zuvor beobachtet worden war. Aber auch die These einer unfreiwilligen Freisetzung des Virus in Wuhan wird inzwischen seriös diskutiert.

Diese – sicherlich nicht leichte – Folge des Podcasts “Verschwörungsfragen” erkundet, wo wissenschaftliche Theorien enden und gefährliche Verschwörungsmythen beginnen. Sie fragt, ob es eine Schwäche von Wissenschaften ist, dass sie Zweifel immer zulassen müssen, wogegen Verschwörungsgläubige immer schon “sicher” sind, wer zu beschuldigen sei. Und sie verweist darauf, warum es trotzdem Grund zum Optimismus gibt, dass Wissenschaft über Dualismus gewinnen kann.

Zumal viele deutschsprachige Antisemiten wie Ivo Sasek von der Schweiz aus agieren, habe ich dazu auch gerne mit Olivia Röllin und Martina King in der “Sternstunde Religion” des Schweizer Fernsehens über “Corona: Verschwörungsmythen und andere Seuchen” diskutiert.

Die Podcast-Folge 8 vom 17.04.2020 auch hier wieder auf podigee sowie auf Spotify, Deezer, iTunes und Youtube:

Den Text auch dieser Podcast-Folge finden Sie auch hier wieder als pdf sowie im Folgenden als Fließtext:

Herzlich willkommen zur 8. Podcast-Folge von „Verschwörungsfragen“.

Seit gestern liegen internationale Daten einer großen Online-Umfrage des Reuters Institute for the Study of Journalism zur Covid19-Krise vor, die vom 31. März bis zum 7. April 2020 in sechs Demokratien durchgeführt wurden, darunter in Deutschland und den USA.

Dabei meinte eine knappe Mehrheit von 55% der deutschen Befragten, dass Covid19 nicht im Labor gezüchtet worden wäre. 29% waren sich nicht sicher, aber immerhin 15% meinten, der Virus wäre tatsächlich von Menschen gefertigt.

In den USA war sogar nur eine Minderheit von 45% sicher, dass der Virus nicht im Labor entstanden war, 23% gingen von einer Herstellung durch Menschen aus. In Spanien und Argentinien sahen die Zahlenverhältnisse noch gleichmäßiger verteilt aus.

Und nur ein Teil dieser Antworten ging auf fehlendes Faktenwissen zurück: 68% der befragten Deutschen und 55% der Befragten aus den USA wussten, dass Antibiotika gegen das Virus nicht hilft, deutlich unter zehn Prozent glaubten an die Wirksamkeit von Knoblauch.

Bedeutet dies nun also, wie es das Reuters Institut einteilt, dass umgerechnet alleine in Deutschland mehr als zehn Millionen Erwachsene „falsch“ liegen würden?

Ich denke, so einfach können wir es uns nicht machen.

Ja, es gibt so etwas wie eine offizielle Version der Ereignisse – brillant und interessant beschrieben in der aktuellen Mai-Ausgabe von „Spektrum der Wissenschaft“.

Demnach klingelte am 30. Dezember 2019, um kurz nach 19 Uhr, das Handy von Shi Zhengli in Shanghai. Die Virologin hatte gemeinsam mit Kollegen von 2004 an neun Jahre lang den Ursprung des Sars-Virus erforscht und sich dabei den Spitznamen „Batwomen“, Feldermausfrau, erworben. 2013 waren sie dann in einer Höhle nahe von Kunming fündig geworden: Das Virus war über eine Fledermauspopulation auf Zibetkatzen und von dort auf den Menschen übergesprungen.

Und Sars war nicht das erste und wird auch nicht das letzte Virus gewesen sein, dass diesen Weg genommen hat. Bereits 1994 war das Hendra-Virus von Fledermäusen über Pferde auf Menschen übergesprungen. 1998 kam das Nipah-Virus in Malaysia von Fledermäusen über Schweine auf Menschen. Auch Mers 2012 und Ebola 2014 nahmen den Weg von der Fledermaus über Zwischenwirte zum Menschen.

Als Shi Zenghli also an jenem Abend von einem neuen Erreger hörte, unterbrach sie sofort eine Konferenz in Shanghai und fuhr zurück an ihren Arbeitsplatz – das Institut für Virologie in Wuhan. Schon am 7. Januar wussten sie, dass das Sars-Coronavirus-2 zu 96 Prozent mit einem Erreger übereinstimmte, den sie bereits von anderen Fledermäusen kannte.

Ausgabe Mai 2020 von Spektrum der Wissenschaft mit Covid19-SchwerpunktWissenschaftlich seriöse und spannende Informationen zur Covid19-Pandemie auf dem je aktuellen Stand des Wissens bietet in Deutschland zum Beispiel “Spektrum der Wissenschaft” 05/2020. Auch deswegen blogge ich seit vielen Jahren hier. Quelle: Spektrum.de

Diese Schilderung ist nachvollziehbar und entstammt der aktuellen Mai-Ausgabe von „Spektrum der Wissenschaft“, die ich seit meiner Jugend lese. Und ich vertraue ihr auch deswegen, weil das Thema immer wieder behandelt wurde und entsprechende Studien und Warnungen bereits jahrealt sind. Schon 2011 gab es mit „Contagion“ sogar einen entsprechenden Film und Bill Gates warnte unter anderem 2015 in einem TED-Talk davor.

Im gleichen Jahr kabelten mein Team und ich eine Warnung aus dem Irak nach Deutschland, weil uns die Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen in Flüchtlingslagern große Sorgen bereitete. Niemand konnte damals genau sagen, wann und wo die nächste Pandemie auftreten würde – aber „dass“ es irgendwann wieder geschehen würde, war kein Geheimnis. Und es ist auch kein Geheimnis, dass es wieder passieren wird – vor allem dann, wenn wir die Zerstörung von tierischen Lebensräumen, die Massentierhaltung und die schlechte Versorgung Hunderttausender Menschen nicht endlich beenden.

Nur: Trotz alledem kann ich mir nicht ganz sicher sein, dass die obige Version der Realität entspricht; ebenso wenig wie eine Redakteurin oder ein Redakteur von „Spektrum der Wissenschaft“.

Eine Schwäche dieser Version ist, dass sie verlangt, dass wir den Ausbruch des Virus wenige Hundert Meter vom Labor entfernt für Zufall halten. Shi Zenghli wird mit der Aussage zitiert, sie habe einen Unfall im Labor gleich überprüft und ausschließen können. Auch die kommunistische Partei von China bestreitet ein Entweichen des Virus entschieden – lässt aber auch keine unabhängigen Überprüfungen zu und unterdrückt Kritik und Nachfragen.

Und so bleibt durchaus denkbar und wird auch in seriösen Medien wie der Washington Post diskutiert, dass der Virus aus dem Labor stammen und entwichen sein könnte.

Es ist diese paradoxe Situation, die jede und jeder kennt, der sich mit Wissenschaft befasst: Wissen ist wertvoll, aber es bleibt immer vorläufig. Eine neue Erkenntnis könnte die bisherigen Gewissheiten verändern oder sogar umstürzen. Selbst Grundpfeiler unseres wissenschaftlichen Weltbildes wie die Evolutionstheorie oder die physikalischen Relativitätstheorien könnten einmal durch bessere Theorien übertroffen werden. Es gibt in der Wissenschaft begründetes Vertrauen in ihre weitere Haltbarkeit, aber keine absolute Sicherheit. Ob der Virus außerhalb des Labors entstanden ist, lässt sich derzeit nicht sicher überprüfen und also auch nicht sicher wissen.

Doch Unsicherheit ist schwer auszuhalten und im Internet sammelte sich schnell eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich ganz sicher waren und sind, wer dahinterstecken müsse. Schon im Januar kursierten auch die ersten Verschwörungserzählungen, nach der das neue Covid19-Virus weder durch Tiere noch durch einen Unfall freigesetzt, sondern als Biowaffe gezüchtet worden sei.

Schnell wurde ein antisemitischer Verschwörungsmythos zusammengebaut, den dann vor allem digitale Medien wie „klagemauer.tv“ des Schweizer Sektengründers Ivo Sasek propagierten. Demnach sei das Virus von dem jüdischen Holocaust-Überlebenden George Soros in Auftrag gegeben worden, um gemeinsam mit Hillary Clinton, Melinda und Bill Gates und anderen, demokratischen Mitverschwörern die Welt zu erobern, die Menschheit zu dezimieren oder einfach noch reicher zu werden. Eine bisher vor allem in Großbritannien und den Niederlanden verbreitete Variante dieses Vernichtungs-Verschwörungsmythos behauptet, die Todesfälle gingen nicht auf das Virus, sondern auf die Strahlung durch 5G-Sendemasten zurück. Auch hier diene die vorgebliche Pandemie also einer brutalen Machtübernahme unter Inkaufnahme der Ermordung vieler Menschen.

In diesen Verschwörungserzählungen steht also gerade nicht der Zweifel im Hintergrund, sondern die sofortige und gezielte Suche nach den „üblichen Verdächtigen“.

Eine Gruppe von sogenannten „Reichsbürgern“, die die Existenz der Bundesrepublik bestreiten, hat entsprechend zum 1. Mai einen Tag des „koordinierten Widerstandes“ gegen den vermeintlichen „Vernichtungskrieg gegen die europäischen Völker und besonders gegen uns Deutsche“ angekündigt. Sie fordert, Zitat: „Alle führenden Vertreter des Robert-Koch-Instituts, der Virologie- und Impfstoff-Lobbies sind für immer hinter Gitter zu bringen!“ – Zitat Ende

Das klingt bereits bizarr? Es geht noch weiter. Eine noch radikalere Variante des Verschwörungsmythos geht davon aus, dass das Covid19-Virus Teil eines Planes von Donald Trump sei, um seinerseits eine teuflische Weltverschwörung aufzudecken und die Verbrecher zu verhaften. Nach einem anonymen Internet-Account wird diese auch in Deutschland schnell wachsende Digitalbewegung QAnon genannt. Die Verschwörungsmythologie reichert die Vorwürfe an George Soros, Hillary Clinton & weitere noch mit weiteren Aspekten an: So würden die Weltverschwörer unter anderem Kinder foltern, um aus ihrem Blut das Adrenalin-Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu gewinnen. Wissenschaftlich macht auch das gar keinen Sinn – Adrenochrom hat nicht die beschriebenen Wirkungen und kann längst synthetisch hergestellt werden.

Doch Widerlegungen fechten die Verschwörungsgläubigen nicht an: In digitalen Flugblättern, die unter anderem psiram veröffentlicht hat, wird eine weltweite „Befreiungsaktion“ der entführten Kinder durch Donald Trump bis zum 20. April – Hitlers Geburtstag und in diesem Jahr auch der Holocaust-Gedenktag Yom Haschoah – angekündigt. Demnach wären wir nur noch wenige Tage von der großen Enthüllung der Endzeit, der Apokalypse, entfernt.

In Folge 5 dieses Podcasts und in einem Gespräch mit Patrick Stegemann und Jonas Junack bei Detektor.fm gibt es zu den QAnon-Verschwörungsmythen und den Gefahren der Radikalisierung mehr.

Wir sehen aber hier, dass aus der vermeintlich einfachen Gegenüberstellung von „wahr“ und „falsch“ schon vier feinere Varianten geworden sind.

Neben der vorherrschenden, auch in Spektrum der Wissenschaft zu lesenden Deutung entstand das Covid19-Virus nicht im Labor, sondern sprang im Rahmen üblicher Mutationen von einer Fledermaus über ein Zwischentier auf den Menschen über. Für das Reuters Institute ist nur diese Aussage „wahr“.

Dem steht freilich eine Minderheit gegenüber, die eine unfreiwillige Freisetzung des Virus in Wuhan sowie eine folgende Vertuschungs- und Ablenkungspolitik der Kommunistischen Partei Chinas vermutet. Weil dazu klärende Untersuchungen derzeit nicht möglich sind, bleibt es bei Indizien und einer theoretischen, noch ungeklärten Möglichkeit. Es wäre also erkenntnistheoretisch unfair, entsprechende, grundsätzlich überprüfbare Thesen vorab abzutun und in die gleiche Ecke zu schieben wie entschiedenen Verschwörungsglauben.

Dieser beginnt stattdessen erst auf Stufe 3, in der ohne unabhängig überprüfbare Belege eine weltweite, jüdisch mitbestimmte und auf Vernichtung von Menschenleben abzielende Superverschwörung angenommen wird. Diese Verschwörungsmythen eskalieren weiter auf Stufe 4, in denen ein endzeitlicher Donald Trump schon in den nächsten Tagen wegen Adrenochrom-Hexensalbe entführte Kinder befreien und nicht weniger als eine die Weltverschwörer besiegende Apokalypse einleiten werde.

Aber woher kommt eigentlich das Interesse an der Frage? Warum finden es absolute Mehrheiten der Menschen in allen sechs Befragten Ländern überhaupt wichtig zu klären, ob und wem der Virus zuzurechnen sei? Warum war es uns wichtig, dass die Geschichte am Ende von „Contagion“ aufgelöst wird?

Wir Menschen werden mit unterschiedlichen Fähigkeiten der Mustererkennung geboren. Nicht erst wir, sondern auch unsere Säugetier-Verwandten werden dabei mit einer Tendenz geboren, hinter Ereignissen im Zweifelsfall Wesenheiten zu vermuten. Nicht nur Katzen und Hunde werden von unbekannten, beweglichen Objekten geradezu gefesselt. Denn bewegliche Objekte haben für das Überleben und die mögliche Fortpflanzung eine im Durchschnitt höhere Relevanz als unbewegte Objekte.

Ein schöner Merksatz der Kognitions- und Evolutionspsychologie dafür lautet: „Es ist erfolgreicher, zwanzig Mal einen Busch für einen Bären zu halten als ein einziges Mal einen Bären für einen Busch.“ Der Fachbegriff für diese Wahrnehmungstendenz lautet Hyper-Agency-Detection (HAD), auf Deutsch: Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit.

Im Rahmen dieser Kognition ist es also durchaus möglich, in der ersten Schrecksekunde den Busch als belebt anzunehmen, um dies bei genauerer Betrachtung zu revidieren. Was jedoch tatsächlich unangenehm, ja bedrohlich erschiene wäre bleibende Unklarheit.

Wie stark diese unbewusste Prägung ist, merken wir keineswegs nur bei religiösen Fundamentalisten. So wird auch die eingangs erwähnte Virologin Shi Zhengli im wissenschaftlichen Spektrum-Artikel mit der Aussage zitiert: „Der Ausbruch von Wuhan ist ein Weckruf.“

Aber selbstverständlich rufen und erwecken Viren niemanden. Hier handelt es sich um eine Metapher, eine mythologische Verdichtung. Wenn wir sagen, dass der Zufall zu- oder die Realität zurückschlägt, dass die Wissenschaft beweist und die Medien berichten, dass die Natur uns etwas sagen will oder die Erde fiebert, dann personalisieren wir Prozesse, um sie begreifbar und relevant zu machen. Und das ist auch produktiv und gar nicht vermeidbar.

Oder wie es der Kognitionswissenschaftler Robert McCauley zuspitzte: „Religion ist natürlich, Wissenschaft muss kulturell gelernt werden.“

Und hier wird nun tatsächlich deutlich, wie grundlegend sich die Weltanschauungen der Betreffenden unterscheiden. Befürworter einer natürlichen oder durch menschliche Fehler im Labor ausgelösten Freisetzung des Virus betrachten die Welt monistisch: Es gibt eine Realität, der wir uns durch Austausch und Forschung niemals ganz, aber doch immer besser annähern können. Für spektakuläre Erweiterungen dieser Wahrnehmung wären daher auch entsprechend starke Belege nötig.

Die Verschwörungsgläubigen gehen dagegen schon bei der Betrachtung der Situation von einer dualistischen Welt aus: Jemand absolut Böses bedrohe sie, die Guten. Entsprechend ist auch die dargebotene Realität Teil der Täuschung, hinter der sich die eigentliche, bedrohliche Hinterwelt verberge.

Forschung und Überprüfung sind nach diesem Verständnis nur dann anzuerkennen, wenn sie die behauptete Verschwörung bereits voraussetzen. Ansonsten sind sie Teil der Verschwörung und also Teil der Lüge. Damit ist auch der Weg für immer weitere Eskalationen und Varianten des ursprünglichen Verschwörungsmythen frei.

Diese Unterscheidungen helfen uns, die Daten der Reuters-Studie nicht so zu verstehen, als gäbe es in Deutschland mehr als zehn Millionen Verschwörungsgläubige. So einfach ist es nicht, die vorherrschende Theorie darf selbstverständlich hinterfragt und bezweifelt werden. Die wissenschaftlich Aufgeklärten müssen sogar bereit sein, auch für tiefe Überzeugungen ein gewisses Maß an Skepsis und Unsicherheit einzuräumen.

Ganz im Gegensatz dazu bezweifeln gerade die Verschwörungsgläubigen „nur“ die offiziellen Theorien und Versionen, nicht aber die eigenen, dualistischen Vorannahmen. Die eigenen Verschwörungserzählungen können jederzeit ausgebaut, aber kaum widerlegt werden.

Und warum werden ausgerechnet Ärzte für Verschwörer gehalten, und warum im Dienst von Juden?

Schauen wir in die Steinzeit oder auch noch in heutige Wildbeutergesellschaften, dann vereinigen religiöse Spezialisten – heute meist aus dem Russischen als Schamanen bezeichnet – Mythologie und Heilkunde.

Denn es war besser, überlieferte Rituale zu vollziehen, als sich nur der Verzweiflung hinzugeben.

An dieses einfache Prinzip knüpfen auch noch heutige Präsidenten wie Bolsonaro oder Trump an, wenn sie ihren Anhängern noch gar nicht ausreichend getestete Medikamente wie Chloroquin empfehlen: Die Leute wollen an Schutz und Heilung glauben, also gib ihnen irgendetwas.

Doch schon in den frühen, sesshaften Kulturen begannen die Leute immer genauer zu beobachten, wer was besser konnte. Es begann sich eine Arbeitsteilung zu entwickeln: Heilkundige für das Leben, Priester für die Beerdigung.

Das Judentum prägte und beschleunigte diese Entwicklung, weil es die erste Religion war, die auf dem genialen Medium der Alphabetschrift basierte: Wenige Schriftzeichen, leicht zu lernen.

Da dieses Thema in den Folgen 2 und 4 ausführlich behandelt war, kann ich es hier bei wenigen Stichpunkten belassen: Sem gilt nicht als Begründer einer „Rasse“, sondern als erster Lehrer in Alphabetschrift – daher Semitismus.

Moses wurden gleich fünf Bücher zugeschrieben, die fortan jedes Kind lernen sollte. Unsere globale Zeitrechnung richtet sich heute nach Jesus, sozusagen einem jüdischen Supernerd. Seine Eltern finden den Sohn eines Zimmermanns mit zwölf Jahren im Jerusalemer Tempel, wo er drei Tage mit Schriftgelehrten disputiert hat. Das zumindest berichtet voller Stolz das Lukasevangelium, das einem mehrsprachig alphabetisierten Arzt und Paulusbegleiter zugeschrieben wird.

Und es geht weiter mit einem der größten Schriftgelehrten des Mittelalters, dem Moses ben Maimon, Maimonides, dem Rambam. Dieser wird, ja, als Arzt in Fustat, dem heutigen Kairo, anerkannt und wohlhabend. Und es ist offensichtlich, dass der muslimische Hof die Dienste des Juden vor allem deswegen in Anspruch nahm, weil der Arzt Resultate brachte. Aber auch das neidische Verschwörungsgeflüster der weniger Erfolgreichen gehörte dazu – Ärzte, die Minderheiten angehörten, lebten auch im Risiko.

Auch Noah Gordon lässt in seinem großen „Medicus“ den Christen Rob Cole die höheren Weihen der Medizin lernen, indem dieser sich als Jude verkleidet und zu dem Muslim Ibn Sina – Avicenna – nach Isfahan, heute Iran, reist.
Denn medizinische, empirische Erkenntnis übersteigt die Grenzen der einzelnen Religionen. Erst mit dem Verbot des Buchdrucks arabischer Lettern ab 1485 wird die islamische Welt ihre semitische Blüte vorerst beenden.

Die Öffnung der Bildungssysteme und Universitäten auch für religiöse Minderheiten setzt ab dem 19. Jahrhundert eine Wissensexplosion in Gang. Rund 20 Prozent aller seit 1905 verliehenen Nobelpreise werden an Jüdinnen und Juden gehen – und das hat mit ihrer lebendigen Tradition von mehrsprachiger Alphabetisierung in religiöser und wissenschaftlicher Bildung zu tun.

Klar auch, dass die Superhelden des 20. Jahrhunderts wie Superman vor allem von jüdischen Nerds in den USA entworfen und gezeichnet werden, die Mehrsprachigkeit, biblische Mythologie und Wissenschaften kombinieren. So verdanken wir „Bat Man“ ab 1938 Bill Finger & Bob Kane.

Auch der wohl bedeutendste, deutschsprachige Philosoph des 20. Jahrhunderts, Karl Jaspers, war zunächst Arzt und Psychologe. Lange Zeit stand er im Schatten des antisemitischen Rauners Martin Heidegger, dem sogar die junge Hannah Arendt verfiel. Doch Jaspers überlebte mit seiner jüdischen Ehefrau das NS-Regime knapp und wurde mit Entdeckungen wie der „Achsenzeit“, Reflexionen über den „Arzt im technischen Zeitalter“ sowie mit Schülerinnen wie Jeanne Hersch buchstäblich zum Philosophen der Zukunft.

Umgekehrt ging das dualistische, antisemitische Denken auch mit dem Untergang des NS-Regimes nicht unter. So vermutete Stalin, Opfer einer jüdischen „Ärzteverschwörung“ zu sein und ließ Beschuldigte verhaften. Wie wir gehört haben, träumen auch heutige Reichsbürger wieder von der Verhaftung von Virologen und Impfärzten – und zwar lebenslang, „für immer“.

Medizinerinnen und Mediziner repräsentierten lange vor anderen Forschenden die monistische Suche nach Erkenntnissen, die beobachtbar funktionieren – und dies ganz unabhängig von der jeweiligen Religion oder Herkunft. Der Jude Maimonides konnte an einem muslimischen Hof zu hohen Ehren kommen, der literarische Christ Rob Cole in Isfahan bei einem Muslim lernen. Das breite und lagerübergreifende Interesse und Vertrauen gegenüber dem deutschen Virologen Christian Drosden oder dem US-amerikanischen Immunologen Anthony Fauci steht daher in einer ebenso alten wie zukunftsweisenden Tradition.

Für rechtslibertäre Dualisten, die im Staat und dessen Eliten „das absolute Böse“ sehen ebenso wie für religiöse Fundamentalisten, die keine andere Erkenntnisquelle als ihre jeweilige Religion anerkennen wollen, sind Ärztinnen und Ärzte damit ein echtes Ärgernis. Krankheiten und Pandemien sind daher für ihre Weltbilder und für das Beieinanderhalten ihrer Gefolgschaft eine besonders schwere Gefahr. Der Vorwurf der „Ärzteverschwörung“ liegt für sie dagegen nahe. Indem US-Präsident Trump der Weltgesundheitsorganisation WHO Loyalität zu China vorwirft und die Beitragszahlungen aussetzt, lenkt er gekonnt vom eigenen Versagen ab.

Bisweilen können sich Verschwörungsgläubige auch auf isolierte Mediziner wie Wolfgang Wodarg oder Wolfgang Gedeon verweisen, die ihren Verschwörungsvorwürfen scheinbar Gewicht verleihen. Aber auch dies kostet den Preis, den größten Teil der medizinischen Kolleginnen und Kollegen der Mit-Verschwörung zu beschuldigen.

Daher nehme ich an, dass libertäre Dualisten wie auch rechte, linke und religiöse Antisemiten in den kommenden Monaten eher Anhängerschaft verlieren werden. Gleichzeitig fürchte ich, dass es unter den verbleibenden Dualisten zu weiteren Radikalisierungen kommen kann. Sie müssen auch das Covid19-Virus und die Ärzteschaft in ihre Verschwörungsmythen integrieren, um nicht ihrerseits Zweifel zuzulassen. Im Einzelfall werden sich dabei psychische und soziale Probleme verschärfen und kann es auch zu weiteren Gewalttaten kommen.

Und doch bin ich insgesamt hoffnungsvoll: Denn zu den guten Nachrichten aus der Reuters-Studie gehört auch, dass formale Bildung eine eingeschränkt positive und die starke Nutzung des Internets keine generell negative Wirkung hat. Wenn wir seriöse Zeitungen, Zeitschriften, Bücher nutzen, dann werden wir auch monistischer und resistenter gegenüber digitalen Falschnachrichten und dualistischen Verschwörungsmythen – und können das Netz positiv nutzen.

Es besteht sogar die Chance für Sputnik-Momente, wie sie John F. Kennedy nach dem technologischen Schock eines sowjetischen Satellitenstartes zündete: Eine breite Begeisterung für Wissenschaft und Technologie, verbunden mit einem starken Investment in Bildung und Forschung.

Schließlich gelang das vorher Undenkbare: Die erste Landung von Menschen auf dem Mond! Dass Verschwörungsgläubige diese bis heute leugnen müssen, unterstreicht, wie wichtig dieser Schritt war.

Ein ganz konkreter Ansatz, den ich mir für Deutschland wünschen würde, wäre daher nicht nur eine Steigerung der Studien- und Forschungsplätze. Ich wünsche mir auch eine bundesweite Ausweitung von Angeboten des Freiwilligen Wissenschaftlichen Jahres (FWJ), das bereits jetzt jungen Menschen die Möglichkeit gibt, ein Jahr im Bereich der Wissenschaften mitzuarbeiten und die eigenen Stärken und Interessen zu entdecken.

Und so schließe ich auch diese Folge wieder mit der herzlichen Ermutigung, auch selbst nach Kräften am Abenteuer Wissenschaft teilzunehmen!

So ist die reichhaltige Befragungsstudie des Reutersinstitute for the Study of Journalism mit dem schönen Namen „Navigating the Infodemic“ – Die Infodemie durchfahren – online kostenlos abrufbar.

Wenn Sie sich für die Evolutions- und Kognitionspsychologie, die Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit und deren enorme Folgen interessieren, so darf ich Ihnen die Jahrbücher 01/2013 und 03/2015 „Interdisziplinäre Anthropologie“, herausgegeben von Gerald Hartung und Matthias Herrgen, empfehlen. Mit Freude habe ich gesehen, dass der große Jürgen Habermas in seinem gewichtigen „Auch eine Geschichte der Philosophie“ zu Glaube & Wissen diese Bände besprochen hat.

International darf ich „Religion and Science as Forms of Life“ von den Herausgebern Carles Salazar und Joan Bestard empfehlen. Es enthält Beiträge zu einer Konferenz in Barcelona von den USA bis Vietnam und wurde so stark aufgegriffen, dass es inzwischen noch einmal als Taschenbuchausgabe veröffentlicht wurde.

Von dem Nordrhein-Westfalen Aladin al-Mafaalani liegt nach dem wegweisenden „Integrationsparadox“ das neue „Mythos Bildung“ vor. Einen starken, jüdischen Beitrag bietet das Schulbuch „Lehre mich, Ewiger, deinen Weg – Ethik im Judentum“ bei Hentrich & Hentrich.

Eine sehr verständliche Einführung in Erkenntnistheorie und Entlarvung von Dualismus und Verschwörungsideologien liefert Jan Skudlarek in „Wahrheit und Verschwörung“.

Einen starken, tiefen, interdisziplinären Sammelband gab Carsten Könneker heraus unter dem Titel: „Fake oder Fakt? Wissenschaft, Wahrheit und Vertrauen“.

Zur Konstruktion und Funktion eines vermeintlich freiheitlichen, tatsächlich aber zunehmend rassistischen Verschwörungsglaubens empfehle ich abschließend die Studie „Die ‚Juden in der AfD‘ und der Antisemitismus“ von Gideon Botsch, im Netz abrufbar unter den Mitteilungen der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle im Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien.

Generell meine ich, dass mindestens eine seriöse und interdisziplinäre Wissenszeitung in jeden Haushalt gehört, der Bildung, Wissen und Fortschritt wertschätzt. Die sogenannten sozialen Medien können uns nur dann radikalisieren, wenn wir uns dualistisch einfangen und verdummen ließen. Und wenn Sie bis hierhin gehört oder gelesen haben – dann sind Sie doch bereits auf dem wissenschaftlichen, dem medizinischen, dem monistischen Weg! 😊

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Bitte bleiben Sie gesund!

Erwähnt und empfohlen in dieser Episode:

Nielsen, Rasmus Kleis; Fletcher, Richard; Newman, Nic; Brennen, J. Scott; Howard, Philip N. (2020): Navigating the ‘Infodemic’: How People in Six Countries Access and Rate News and Information about Coronavirus, online abrufbar unter: https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/2020-04/Navigating%20the%20Coronavirus%20Infodemic%20FINAL.pdf

Hartung, Gerald; Herrgen, Matthias (2013): Interdisziplinäre Anthropologie, 01/2013

Hartung, Gerald; Herrgen, Matthias (2015): Interdisziplinäre Anthropologie, 03/2015

Habermas, Jürgen (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen, Suhrkamp

Salazar, Carles; Bestard, Joan (2019): Religion and Science as Forms of Life. Anthropological Insights into Reason and Unreason, Berghahn Books

El-Mafaalani, Aladin (2018): Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, Kiepenheuer & Witsch

El-Mafaalani, Aladin (2020): Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft, Kiepenheuer & Witsch

Zentralrat der Juden in Deutschland; Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (2015): ,Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg‘ – Ethik im Judentum, Hentrich und Hentrich

Skudlarek, Jan (2019): Wahrheit und Verschwörung: Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist, Reclam

Könneker, Carsten (2018): Fake oder Fakt?: Wissenschaft, Wahrheit und Vertrauen, Springer

Botsch, Gideon (2020); Die ‚Juden in der AfD‘ und der Antisemitismus, in: Mitteilungen der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, 07/2020, online abrufbar unter: https://www.mmz-potsdam.de/files/MMZ-Potsdam/Download-Dokumente/EJG_Mitteilungen_2020_01.pdf

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

121 Kommentare

  1. Dabei meinte eine knappe Mehrheit von 55% der deutschen Befragten, dass Covid19 im Labor gezüchtet worden wäre. 29% waren sich nicht sicher, aber immerhin 15% meinten, der Virus wäre tatsächlich von Menschen gefertigt.

    Ich hoffe das fehlt ein “nicht” im ersten Satz? Mir hat’s zuerst die Sprache verschlagen…

    • Vielen Dank, @cliff – Sie haben klasse aufgepasst und völlig Recht!

      Da ist ein “nicht” im Text verschluckt worden, richtig und korrigiert heißt es: “Dabei meinte eine knappe Mehrheit von 55% der deutschen Befragten, dass Covid19 nicht im Labor gezüchtet worden wäre.”

      Vielen Dank, so aufmerksame Hörende und Lesende kann man sich nur wünschen! Und es zeigt, dass erfreulicherweise auch tatsächlich nicht alles geglaubt, sondern hinterfragt wird. So soll es sein! 🙂

      Dankbare Grüße, bleiben Sie gesund!

  2. Danke Herr Blume, schöner Beitrag, bei dem meisten kann ich nur beipflichten.

    Generell meine ich, dass mindestens eine seriöse und interdisziplinäre Wissenszeitung in jeden Haushalt gehört, der Bildung, Wissen und Fortschritt wertschätzt.

    Das geht mir allerdings nicht weit genug. Ich denke heutzutage braucht es ein Fach für Medienkompetenz/Wissenschaftsgeschichte/Erkenntnistheorie, in der Schule, dass den Großteil der heranwachsenden Bevölkerung zumindest die Werkzeuge in die Hand gibt selbstständig kritisch hinterfragen7recherchieren zu können. Und das die Angst nimmt sich auch selbst mal mit Wissenschaft auseinanderzusetzen, auch wenn man vielleicht nicht studiert hat.

    • Ja, @Cliff – Bildung in einem umfassenden Sinne scheint auch mir der Schlüssel zur Überwindung von Dualismus, Verschwörungsglauben, Antisemitismus und Rassismus zu sein. Allerdings meine ich, dass sich dies durch alle Fächer ziehen muss – denken wir an Deutsch, Biologie, Religion, Ethik, Physik, Chemie, Geschichte usw. Deswegen bat ich Landtag und Landesregierung im Antisemitismusbericht, neue Schulmaterialen zu entwickeln und entsprechende Fortbildungen und Beratungen für Lehrerinnen und Lehrer anzubieten.

      Es ist noch ein sehr weiter Weg, aber ich bin für jede Unterstützung dankbar! Sprechen Sie gerade auch im Hinblick auf Bildungsfragen vs. Antisemitismus gerne Ihre Landtags-Abgeordneten an!

      Ihnen noch einmal Dank für das konstruktive Interesse!

    • @ Cliff

      Das geht mir allerdings nicht weit genug. Ich denke heutzutage braucht es ein Fach für Medienkompetenz/Wissenschaftsgeschichte/Erkenntnistheorie, in der Schule, dass den Großteil der heranwachsenden Bevölkerung zumindest die Werkzeuge in die Hand gibt selbstständig kritisch hinterfragen7recherchieren zu können.

      Wenn sie das wirklich ernst nehmen und durchführen würden, dann könnte das auch ganz anders ausgehen, als sie vielleicht erhoffen. Wer genau hinsieht, der muß sich eingestehen, das die WIssenschaft letztlich wenig über die Wirklichkeiten zu beweisen weiß. Es sind viele Handlungsmöglichkeiten aus der Wissenschaft hervorgegangen, die die Moderne uns heute so lebbar machten. Aber das sagt nichts über den Wirklichkeitsgehalt aus, was im Sinne der monistischen Weltsicht als “Wahrheit” angenommen wird.

      Dabei tut diese monistische Weltsicht nur einen komplexen Sachverhalt/Begebenheit auf einen Mindest-Detailzusammenhang zu reduzieren, damit daraus keine größeren Zusammenhänge geschlossen werden können.
      Beispiel:
      Gen = Eigenschaft.
      Dabei ist das Zusammenwirken der Gene eines Lebewesens viel relevanter für die Eignschaften des Lebewesens, als das einzelne Gen. Ganz zu schweigen davon, das der Genpool, aus dem sich viele Arten der Tierwelt und Pflanzenwelt ihren Genanteil entnehmen, nur in der Zudammenwirkung situative “Eigenschaften” hervorbringt.

      Kein Gen ist ausdrücklich und immer mit “Intelligenz” kontextiert, sondern das ein Lebewesen in seiner speziellen Konstitution mit den Genen eben im Zusammenspiel mit dem Rest des Biotopes diese “Intelligenz” entwickelt haben konnte, die man heute misst.

      Der “Monismus” funktioniert in solchen Zusammenhöngen absolut nicht. Weil dabei nichts auf eine einzelne, konkrete Begebenheit zu reduzieren ist.

      Was nicht heisst, das man im Einzelnen aus der Forschung mit dieser monistischen Philosophie natürlich auch Nutzen ziehen kann. Praktische Produkte und Technologien aus der Grundlagenforschung kennen wir alle.
      Insofern wöäre der moderne Mensch, wenn er ausschliesslich derart “monistisch” dächte, auch nur ein weiterer “Gläubiger” im Sinne des Glaubens der Theologie und … vielleicht überrasschend: der Idee des protestantischen Positivismus, worin sich die moderne, seriöse Forschung und Ethik von der traditionellen religiösen Doktrin kaum unterscheidet, weil sie das “Gute” in den Dingen sehen will (und das Schlechte lieber nicht).

      Aber vielleicht – ich lass mich ja belehren – trifft das nur die Wissenschaftskommunikation, damit die Wissenschaft eben “attraktiv” bleibt…und nicht abstößt.

  3. Epidemien gab es immer schon.

    Das sollte den Leuten, aber auch klar sein. Der Mensch scheint dem Zufall einfach nicht glauben zu wollen. Selbst im christlichen Abendland scheint das Konzept von Karma beliebt zu sein.

    Wäre doch religionswissenschaftlich interessant, warum wir Menschen scheinbar mit dem Zufall nicht leben wollen/können und immer Gründe für dies und das brauchen.

    • Danke, @Zoran Jovic – “warum wir Menschen scheinbar mit dem Zufall nicht leben wollen/können und immer Gründe für dies und das brauchen” versuche ich ja in obiger Podcast-Folge zu erklären.

      So haben wir einerseits – wie alle Säugetiere – die kognitive HAD, die Hyper-Agency Detection, Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit.

      Und wir ertragen leichter eine falsche als keine Einschätzung.

      Wissenschaftliche Theorien, die immer vorläufig, überprüfbar, hinterfragbar sind, haben es daher kognitiv schwerer als Verschwörungsmythen, bei denen immer schon klar sei, wer Schuld an allem Übel sei. Zack – fertig ist die geschlossene Weltsicht.

      Wie geschrieben: Es ist oben alles zu hören oder zu lesen…

      • Wissenschaftliche Theorien, die immer vorläufig, überprüfbar, hinterfragbar sind, haben es daher kognitiv schwerer als Verschwörungsmythen, bei denen immer schon klar sei, wer Schuld an allem Übel sei. Zack – fertig ist die geschlossene Weltsicht.

        Aber diese “zack” – fertig ist die Verschwöhrungsweltsicht sind doch auch aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen herraus entsprungen. Es ist kaum denkbar, das jemand davon ausgeht, das ein Virus aus einem Labor kommen könnte, wenn es diese Labors nicht tatsächlich auch geben würde und damit die Forschung an diesem Spezialfall der Wirklichkeit. Natürlich wird an Viren und an Bakterien geforscht – hoffentlich im Ansinnen, das man mit der Forschung medizinische Wirkmechanismen füpr Krankheiten findet und entwickeln kann.

        Ein Schelm, der dabei denkt, das auch mal ein Unfall passieren (eben Zufall) oder ein Vorsatz daraus hervorgeht, wenn der Zufall es will, das man unerhofft einen gefährlichen Virus “baute”, weil man eigendlich ein abgeschwächten Virus für Impfungen wollte.

        Das sind praktisch Grundlagen der logischen Schlußfolgerungen. Diese sind allein für sich aber keine hinreichende Notwendigkeit, um gleich das “böseste” zu denken. Erst der noch größere Zusammenhang kann und wird Hinweise und Indizien dafür liefern können, wieso irgendwas ist oder auch nicht sein kann.

        Aber da ist die Wissenschaft in eher schlechter Position: Weil sie nur “Wissenschaft” betreibt, und keinen Einblick in Politik und Wirklichkeit über das Menschliche hinaus hat, kann sie nur sicher benennen, was sie anhand der Forschung herrausfindet.

        Und naja, ich habs ja schon öfter erwähnt, das “Hypothetisierungskompetenz” eine der Grundlagen der Intelligenz ist…zumindest in der Intelligenzforschung. Das die Religionen solche Details nicht so recht “wissend” haben wollen (da sie ja Ewigkeiten die Wahrheit geradezu “wortwörtlich” in den Büchern deuteten), könnte schonmal e̶i̶n̶e̶n̶ ̶R̶e̶l̶i̶g̶i̶o̶n̶s̶w̶i̶s̶e̶r̶n̶s̶c̶h̶a̶f̶t̶l̶t̶e̶r̶ ̶s̶c̶h̶o̶n̶ ̶m̶a̶l̶ ̶a̶u̶f̶ ̶d̶i̶e̶ ̶f̶a̶l̶s̶c̶h̶e̶ ̶F̶ä̶h̶r̶t̶e̶ ̶l̶o̶c̶k̶e̶n̶ ….äh, vewirren.

        Würden sie ihrem kleinen Sohn übel nehmen, wenn er mit seinem Intellekt auf einmal dazu imstande ist, zu abstrah- und Kombinieren und sie damit zu durchschauen droht?
        Aber sie nehmen allen, die nicht dieser “monistischen” Weltsicht sind, genau das übel und werden nicht müde, dies zu diskreditieren.

    • Der Mensch scheint dem Zufall einfach nicht glauben zu wollen.

      -> Seit der Zeitrechnung vielleicht gilt “immerschon” vielleicht. Aber vorher…also weit vorher… gabs nicht genug Bevölkerungsdichte und Kontakte, um solche Epidemien ausbrechen zu lassen.

      Ansonsten ist der Zufall rein Wissenschaftlich überhaupt nicht exstent. An den “Zufall” zu glauben, ist nur eine andere Verhaltensweise, wie an Gott zu glauben. Nur, das dabei keine (über)empirische Akteure eine Rolle spielen sollen.

      Inssofern ist das “religionswissenschaftlich” tatsächlich interessant. Nur würde nicht herrauskommen können, was sie vielleicht erhoffen.

      • Boah, Sie sind aber ein kluger Mann.. Sie wissen soo viel..
        Das ist ja total bewundernswert..

        Sie sind soo cool..

        🙂

        (psst.. er soll das nicht hören, aber ich glaub, der hört sich selbst gern reden, oder liest sich selbst gern Schreiben)

    • Anders herum, @Wolfgang: “Weil” es zwischen Menschen auch immer illegale Absprachen – Verschwörungen – gab, haben Demokratien eine Gewaltenteilung mit Exekutive, Legislative, Judikative und Publikative entwickelt, um die Konzentration von Macht zu begrenzen. Antisemiten aber erklären genau diese Errungenschaften wiederum zum Teil der Verschwörung – und attackieren damit neben Jüdinnen und Juden immer auch demokratische Politikerinnen, Wissenschaften, seriöse Medien, ethnische und religiöse Minderheiten.

      Sie “wollen” glauben, dass auch hinter 9/11 eine bösartige Weltverschwörung steckt. Und wer Ihnen in diesem Verschwörungsglauben nicht folgt, gilt Ihnen als entweder naiv oder als Teil der Verschwörung.

      So reduziert der Dualismus die Komplexität der Welt und führt auch Sie in eine Weltsicht des Hasses, der Angst und des Antisemitismus.

      Ich hoffe für Sie, dass Sie da einmal herausfinden mögen. Ihnen von Herzen alles Gute.

      • “… haben Demokratien eine Gewaltenteilung mit Exekutive, Legislative, Judikative und Publikative entwickelt, um die Konzentration von Macht zu begrenzen.”

        Die Gewaltenteilung hat nichts mit Demokratie zu tun. Mit der Aussage suggerieren Sie, dass Demokratien nicht ebenso totalitaer sein koennen wie ein absolutistischer Monarch. Wenn man das Steuerrecht Deutschlands mit dem des absolutistischen Dubai vergleicht …

        • Doch, @Lars, ohne die Gewaltenteilung enden Demokratien in einer Tyrannei der Mehrheit. Das wissen Sie natürlich, aber wir können es gerne noch ein paar Mal gemeinsam durchdeklinieren… 🙂

          • Das ist klar. Worauf ich hinaus wollte ist, dass Demokratien die Gewaltenteilung nicht “entwickelt” haben. Die Demokratien entwickelten sich aus den alten Aristokratien / Monarchien, in denen die Gewaltenteilung schon bestand.

          • Okay, @Lars – mir ging es um Geltung, Ihnen um Genese.

            Können wir uns denn darauf einigen, dass eine Demokratie ohne Gewaltenteilung in der Tyrannei der Mehrheit endet? 🤔🌍

          • Definitiv. Ich wollte natuerlich Ihren Thread nicht hijacken. Hier soll es ja um Verschwoerungsmythen gehen, nicht um Montesquieu. 😉

          • Das sehen wir ja bei den „gelenkten Demokratien“, die zwar keine Diktaturen sind. Aber ein Putin, ein Orban demnächst, ein Erdogan können ganz anders „durchregieren“ als Trump und Johnson.

          • Wobei auch festzuhalten ist, daß unsere Gewaltenteilung nicht mehr gänzlich funktioniert bei den Geheimdiensten. NSA wie Verfassungsschutzämter haben sich jeder demokratischen Kontrolle entzogen.

          • Noch nie und nirgendwo hat Gewaltenteilung perfekt funktioniert, @Alubehüteter. Deswegen muss man immer wieder für Verbesserungen streiten – und gerade keine Aluhüte aufziehen…

          • Also wirklich:
            Die Frage ist hierbei, wieso es funktioniert (die sogenannte “gelenkte Demokratie”). Und ab wann das der Fall ist.

            An Putin/erdogan allein kann es kaum liegen. Also ist Putogan auch nicht der Ursprung, aus dem alles hervorgeht und funktioniert.
            Ich meine ja, das es etwas mit “Ungleichheit” zu tun hat – aber nicht auf monetärer ebene, sondern auf biologischer Ebene. Wo bestimmte Einflüsse dazu führen, das ein Teil der Bevölkerung plötzlich geradezu zu willenlosen Anhängern werden, die zu allem ja und Ahmen sagen. Und dann hätte man natürlich eine “Mehrheitsdiktatur”..tyrannei. In der Zustimmung der Mehrheit wird gerechtfertigt.
            Was übrigens auch auf die dafür “unverdächtigen” Demokratien zutrifft. Allerdings auch auf einer subtilen Weise, die nie genau den individuellen Willen entspricht.

            Und das Rechtssysteme in einer unverdächtigen “Gewaltenteilung” nicht trotzdem auch tyrannisch sein können, ist damit auch nicht gesagt. Man muß der Population nur viel genug einreden, das die gesetze gerecht sind, und dann hinterfreagt niemand mehr etwas. Ganz davon abgesheen,d as die darunter/hinter stehenden Strukturen auch dazu geeignet sein müssen, das gesetzlich feststehende Rechte auch einforderbar oder beklagbar sind. Und das kann man als “Normalmensch” nicht immer leicht feststellen und durchschauen, ob sich da sowas, wie “strukturelle Gewalt” eingeschlichen hat, oder ob alles nach Recht und Gesetz im Sinne von Gerechtigkeit abläuft.

          • @Andromed

            Dieses Verschwörungsgeraune („bestimmte (biologische?!) Einflüsse“), („man“ hätte eine Stastsform etc.) führt halt nirgendwohin. Es gab und gibt keine Gruppe(n), die mit Gewaltenteilung funktionierende Demokratien steuern kann. Vgl. die Proteste selbst in Hongkong und Moskau.

      • Guter Beitrag mit Informationen aus vielen Gebieten. Nur einen Einwand: Massentierhaltung ist meiner Meinung keine Ursache für Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Mensch überspringen (für Antibiotikaresiszenzen dagegen ist Massentierhaltung eine Ursache). Wenn schon sind das Wildtiermärkte, von denen es in China sehr viele gibt/gab (sollen jetzt verboten werden). Auch auf dem Fischmarkt von Wuhan, wo die Epidemie ihren Ausgang nahm wurden Wildtiere verkauft. Die Chinesen essen übrigens alle denkbaren Kreaturen, selbst Fledermäuse würde ich nicht ausschliessen – und man weiss, dass Fledermäuse 🦇 die Heimstatt sehr vieler Viren 🦠 sind, von denen einige direkt auf den Menschen überspringen können.

        • (Nur) an dieser Stelle sind wir tatsächlich unterschiedlicher Meinung, @Martin Holzherr: Ganz abgesehen von der direkten Übertragung über Zwischenwirte in Massentierhaltung wie Schweine (“Schweinegrippe”) dringen wir durch die Vergeudung von Futtermitteln, Energie, Wasser und Landflächen natürlich auch viel mehr als notwendig in Wildtier-Lebenswelten ein. Hinzu kommt auch noch der Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika in der Massentierhaltung, die wiederum die Evolution resistenter Erreger befördern.

          Mit einer deutlichen Reduzierung unseres Fleichskonsums würden wir also sowohl einen Beitrag zum Klima-, Tier- und Menschenschutz leisten.

        • Fledermausviren brauchen immer einen Zwischenwirt, um auf den Menschen überzuspringen. Christian Drosten, einer der führenden Experten für SARS Viren, schliesst auch Zuchtfarmen für Racoon Dogs einerseits und Verkauf von Schuppentieren auf Wildtiermärkten nicht aus. Hinzu kommt, dass solches Fleisch Luxus ist und viel Profit bringt. Hinzu kommt noch die TCM als Abnehmer für Tierbestandteile. Man sieht, es ist ein äusserst breitgefasstes Gebiet und dies ist nicht die erste Epidemie, die mit aus Profitgier, Ignoranz und Aberglauben befeuert wird. Da brauchts gar kein Labor als Narrativ. Aufklärung und Bildung sind hier als Antikörper gefordert. 😉

          Für den Artenschutz und die Diversität der Arten wäre ein Vorbot und eine strikte Kontrolle solcher Farmen und Märkte wirklich gut. Auch TCM braucht in der Form niemand.

          • Vielen Dank, @Anne Güntert. Angesichts der vielen Verschwörungsgläubigen hier freue ich mich über jeden konstruktiven Kommentar. 🙂

            Herzliche Grüße und bitte gesund bleiben! 🙂

  4. Nein, Michael: mir fehlen Infos z.B. bei 9/11 warum waren an dem Morgen so viele TV Kameras auf die Türme gerichtet, es gibt nur Bilder von TV sendungen, WARUM?

    • Ja, @Wolfgang – trotz massiver Medienberichterstattung über die islamistischen Terrorangriffe des 11. September 2001 in New York fehlen Ihnen jene Bilder, die Ihre Verschwörungsmythen bestätigen. Sie “wollen” glauben, dass auch hinter diesen Anschlägen eine weltweite, jüdisch-amerikanische Weltverschwörung stecke. Und sind entsprechend frustiert, dass alle seriösen medialen, wissenschaftlichen und parlamentarischen Untersuchungen die offizielle Version bestätigen.

      Was Ihrer vorgefassten Verschwörungsmeinung widerspricht wird von Ihnen von vornherein als Teil der Verschwörung gewertet. Und das ist für Sie auch leichter denn je, da Sie im Netz immer mehr Mit-Verschwörungsgläubige treffen, die Sie in Ihrer Ablösung aus der Realität bestätigen.

      Dies tut mir wirklich Leid, auch für Sie persönlich. Hoffentlich finden Sie aus diesem Abwärtsdrift doch noch heraus.

      • Hallo Michael

        ich bin gerade erst auf diesen Podcast/Blog gestoßen und habe in dieser Folge zum aktuellen Thema nur so ein bisschen “herumgestöbert”.
        Dabei bin ich über diese Reaktion von Ihnen auf Wolfgang gestolpert. Denn Sie stellen dabei kategorische Behauptungen über ihn auf, mit denen Sie ihn sofort in die “Verschwörer-Ecke” stellen.
        Ich überblicke noch nicht, wie lange Wolfgang schon dabei ist und ob eventuelle frühere Äußerungen von ihm diese Einschätzung rechtfertigen. Allein aufgrund seiner obigen Frage wären es jedenfalls einfach nur Unterstellungen.

        Wolfgang wundert sich lediglich darüber, dass beim Anschlag aufs WTC so viele TV-Kameras offenbar schon bereit standen. War dem tatsächlich so? Und wenn ja, war es Zufall?
        Eine Antwort darauf haben Sie auch nicht, aber Sie bügeln die Frage gleich ab auf eine für meinen Geschmack ziemlich herablassende Weise. Und diese Herablassung gipfelt dann in Ihren letzten beiden Sätzen:
        “Dies tut mir wirklich Leid, auch für Sie persönlich. Hoffentlich finden Sie aus diesem Abwärtsdrift doch noch heraus.”

        Es geht mir hier übrigens nicht so sehr darum, speziell für Wolfgang in die Bresche zu springen, den ich ja gar nicht kenne, sondern einfach ums Prinzip. Denn im Grunde tun Sie hier genau das, was Sie ansonsten den Verschwörern zuschreiben: aus einem dualistischen Weltbild heraus reagieren (Sie selbst als “Wissender” und Wolfang als “armes verirrtes Schäfchen”).

        • Ja, @Agneta, tatsächlich tauchen hier immer wieder Accounts (oft mit identischer IP) auf, die „unschuldig“ versuchen, Verschwörungsgeschwurbel auf Augenhöhe mit empirischen Erkenntnissen zu bringen. Nicht selten erfolgt auch eine Abstimmung in geschlossenen Foren und Chats.

          Dagegen sehe ich meine Aufgabe klar darin, Grenzen zu benennen und aufzuklären. Wer sein Auto auch lieber von einer ausgebildeten Werkmeisterin repariert haben oder für die Operation einen Chirurgen mit echtem Doktortitel haben möchte, versteht ggf. was ich meine. Gerade auch bei Accounts mit Pseudonym werde ich die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Geschwurbel auch weiterhin sehr klar ziehen. Anders geht es nach meiner Erfahrung gerade auch digital nicht, sonst wird der Blog von Trollen geflutet.

          Mit Dualismus hat dies schon deshalb nichts zu tun, weil ich umgekehrt die Kompetenzen von „Wolfgang“ in seiner Ausbildung und seinem Beruf ebenso anerkennen würde. Die Kritik richtet sich gegen Behauptungen, nicht gegen Personen (auch deswegen werden Pseudonyme hier respektiert).

          Ihnen herzliche Grüße, bleiben Sie gesund!

        • Ohne konkret etwas zu Wolfgang zu sagen: Bedenken Sie, wie sorgsam wir Kommentatoren an unseren Beiträgen drechseln. Wozu wir auch nicht jeden Tag Zeit finden (wollen). Und dann schauen Sie darauf, wie viel Herr Blume hier antworten muß, und das ja in seiner auch nicht reichlichen Freizeit mit Familie. Da mag ab und an mal ein Schnellschuß dabei sein, ein Fehlurteil, das ist nur menschlich, dachte ich auch so manchmal. Sehr selten allerdings, Herr Blume kennt die gängigen Argumentationen und diagnostiziert meist sehr präzise, wo ich am Anfang auch noch denke Hä?

          Das kann man Herrn Blume aber auch nachsehen und muß dann nur beharrlich dranbleiben.

        • Wobei ich mich hier gar nicht wegducken will.

          In einem Beitrag zu Hitler als Agenten des Weltzionismus 9/11 zu thematisieren ist schon sehr OT und zeugt von einer möglichen Besessenheit zu dem Thema. Und was wird hier eigentlich unterstellt? Fernsehanstalten seien vorabinformiert gewesen: Fahrt mal zum WTC, da wird irgendwas Spektakuläres heute passieren? Da gleich mal in die Vollen zu gehen muß da nicht falsch sein, und Wolfgang kann dann ja Stellung dazu nehmen, wenn wir ihn wirklich überinterpretieren.

          • Oh. Schade. Die Software scheint einige meiner Antworten verschluckt zu haben 🙁

            Kann mir nicht vorstellen, daß mein anderer Beitrag hierzu sperrwürdig gewesen wäre, und weiter unten schon mal gar nicht.

          • Inzwischen auch gemerkt 🙂

            Der Browser zeigt manchmal auch nicht an, wie er sollte.

    • Wieso TV Kameras? Auch 2001 gab es schon sehr viele Leute, die handliche Foto- und Film- bzw- Video-Kameras hatten. Kurz vor 9:00 Uhr Ortszeit am 11.09. waren bestimmt viele in New York und auch rund ums WTC unterwegs, privat oder beruflich, und haben “einfach so” gefilmt und fotografiert und dabei auch den ersten Anschlag aufgenommen. “Das TV” (wie viele große und kleine TV-Sender gab es auch damals schon in New York?) musste nicht extra Kamera-Teams zum WTC schicken, um von Anfang an auch mit Filmbeiträgen zu berichten.
      Die vielen Aufnahmen des WTC von den Tagen davor haben später keinen interessiert.

      • Das habe ich subjektiv auch so in Erinnerung. Die meisten Videos vom ersten Einschlag waren Amateurbilder. Als der Turm dann rauchte, rauschte natürlich jeder Sender an.

  5. Bei diesem Beitrag hätte ich leider eine Menge zu benörgeln.

    Ich nenne mal die Schamanen: In den indoeuropäischen Kulturen jedenfalls waren sie die Vorfahren der Heilkundigen, nicht der Priester. Priesterliche Funktionen hatte der Hausvater, der Clanchef inne. Er ist es, der seine Tochter dem Bräutigam zuführt und die Ehe stiftet, ein Schamane hat da nichts zu suchen.

    Bei aller Hochachtung vor und Verehrung für Karl Jaspers: Aber er hat die Achsenzeit nicht entdeckt, er hat sie nur populär gemacht. Er selber referiert auf Alfred Weber, wie Jan Assmann immer wieder aufgezeigt hat. Und Ludwig Wittgenstein, Edmund Husserl wie Martin Heidegger haben weitaus tiefere Spuren hinterlassen als er.

    • Ach, @Alubehüteter – da ließe sich nun jede Menge “zurücknörgeln”, aber diese sehr fachlichen Debatten haben wir hier auf dem Blog ja schon bis zur Erschöpfung geführt. Dass jeder große Philosoph – auch Karl Jaspers – auf Vorgängern aufbaut setze ich als bekannt voraus. Mir bleibt nur, Sie zu ermutigen, das großartige “Schwellenzeiten” von David Atwood einmal in Ruhe zu lesen. Auch das Werk der Jaspers-Schülerin Jeanne Hersch begeistert immer wieder neu.

      Ihnen alles Gute!

      • Ich habe doch überhaupt nichts gegen Karl Jaspers, nur sind Superlative bei ihm nicht angebracht. Erst Recht nicht, wenn der weitaus bedeutendere und wirkmächtigere Martin Heidegger in einer launigen Nebenbemerkung abqualifiziert wird. Wer von beiden sympathischer ist, ist ja keine Frage, aber darum geht es nicht.

        Ich sollte vielleicht erwähnen, daß ich in Wuppertal unter anderem Philosophie studiert habe, auch bei Peter Trawny.

        • Dann nutze ich doch gerne mal die Chance zur Nachfrage, @Alubehüteter: Welche Schülerin oder welcher Schüler von Heidegger vom Rang einer Jeanne Hersch wäre denn lesenswert? 🤔📚

          • Das gibt eine Liste. .. Karl Rahner zuerst natürlich. Hannah Arendt haben Sie selber erwähnt. Ernst Tugendhat, Karl Löwith. Rudolf Bultmann .. naja. Sartre muß ich nicht erwähnen?

          • Wow, Moment mal. Hannah Arendt in der Tradition von Heidegger? Really, @Alubehüteter? Welcher Film läuft da bei Ihnen? 😬😳

            Okay, ich möchte wirklich versuchen, Sie zu verstehen…

            Was genau sagt Ihnen an der Philosophie von Heidegger so besonders zu, @Alubehüteter?

            #EhrlichesInteresse

          • Was die bedeutenderen Schüler Heideggers alle berichten: Heidegger hat uns das Denken beigebracht; er war ein „Mystagoge des Denkens“ (Karl Rahner). Von daher sind selbst unter den Heideggerianern die unorthodoxen, querdenkerischen die Interessanteren.

            Wollte viel schreiben, habe stattdessen seit langem mal wieder einen interessanten, hm, sagt man Podcast? gehört. Vielleicht finden auch Sie die Zeit, sich zumindest mal einzuhören und zu erkunden, daß Heidegger zwar auch, vor allem aber weitaus mehr war als ein antisemitischer Rauner und Schwurbler.

            Link zum Podcast

          • PS: Bei diesem Podcast werden Sie eine interessante Erfahrung machen: Daß Sie irgendwann nicht mehr mitkommen. Obwohl das Vorgetragene eigentlich im einfachen, verständlichen Deutsch vorgetragen ist. Keine Fremdwörter, keine Fachterminologie verwendet wird, nix mit „Existenzialien“ oder „Ontologie“ oder sowas. Das ergeht jedem so, der noch nicht in das Denken Heideggers eingedrungen ist.

            Irgendwann fällt einmal ein Groschen, und ab da wird alles klar und einfach und verständlich und durchsichtig. (Für längere Zeit.)

          • Es ist genau diese “mystagogische” Abgeschlossenheit seines Denkens in Verbindung mit dem Antisemitismus, die mich von Heidegger abgestoßen hat, @Alubehüteter. Insofern überrascht mich auch Ihre Abneigung gegen Jaspers nicht.

            Dennoch folge ich dankend Ihrem Hinweis – und bin ehrlich gespannt, ob sich meine Befürchtungen bestätigen oder mich Heidegger doch noch positiv überrascht…

            Etwas Zeit wird das aber brauchen.

          • O.k., dann spoilere ich mal. Sie werden überrascht sein.

            Dazu passend heute nachmittag im Netz gefunden:

            Hannah Arendt schreibt Martin Heidegger 1960, als sie ihm „Vita activa“ schickte:

            „Wäre es zwischen uns je mit rechten Dingen zugegangen – ich meine zwischen, also weder Dich noch mich –, so hätte ich dich gefragt, ob ich es Dir widmen darf, es ist unmittelbar aus den ersten Freiburger Tagen entstanden und schuldet Dir in jeder Hinsicht so ziemlich alles.“

            1960.

            Das ist der Film, der bei mir abläuft, und demnächst auch in Ihrem Kino! 🙂

            Link

            Wo Sie bei mir eine Abneigung finden gegenüber Karl Jaspers, bleibt mir schleierhaft. Weil ich ihn nicht für den bedeutendsten deutschsprachigen Denker halte des vergangenen Jahrhunderts?

        • Ich bin übrigens froh, daß Sie mich nach Martin Heidegger fragen. Ludwig Wittgenstein kenne ich mich nämlich überhaupt nicht mit aus. So aber darf ich schweigen und Philosoph bleiben. … 😁

          • Nun, da teilen wir eine Interesse, @Alubehüteter – wenn auch von unterschiedlicher Seite. 🙂

            Ich stehe da, zugespitzt, ganz klar beim Team Semitismus – Jaspers – Hersch im Gegensatz zum Team Antisemitismus – Heidegger – NSDAP.

            Aber, klar, erkenntnisoffen und lernbereit.

            Der m.E. tiefste Text von Arendt zu Heidegger entstammt ihrem Tagebuch. In „Heidegger, der Fuchs“ dekonstruierte sie seine antisemitischen Zirkelschlüsse im Denken und Leben. Er sei ein großartiger Fallensteller gewesen, denn: „Niemand kennt das Fallenwesen besser, als wer zeitlebens in einer Falle sitzt.“ Auch sie war – nicht nur kognitiv – in seine Falle gegangen.

            M.E. zu Recht entzogen die Alliierten dem NS-Verbündeten Heidegger die Lehrerlaubnis. Es gelang ihm auch nach dem Untergang des 3. Reiches und trotz der liebevollen Versöhnungsangebote durch Jaspers und Arendt leider nicht, dem Antisemitismus zu entkommen. 😥

            Das Buch dazu, das ich – falls Sie es noch nicht kennen – sehr empfehlen kann: Mark Lilla, „Der hemmungslose Geist. Die Tyrannophilie der Intellektuellen“, Kösel 2015. 👍📚✅

          • M.E. zu Recht entzogen die Alliierten dem NS-Verbündeten Heidegger die Lehrerlaubnis.

            Wobei ja maßgeblich das Gutachten war von Karl Jaspers. Das anzufertigen er sich mit Händen und Füßen gesträubt hat. Das er dann doch geschrieben hat, weil er fortwährend dazu genötigt wurde von Heidegger. Der sich wohl ein Freundschafts-, Gefälligkeitsgutachten erwartet hatte. Dem war dann nicht so.

            Ich habe das lange nicht mehr gelesen, habe es aber in Erinnerung als das Beste, was es zum Thema Heidegger und der Nationalsozialismus zu lesen gab, bis uns Peter Trawny anläßlich der Heidegger-Nachlaß-Edition (#SchwarzeHefte) eines Besseren belehrte.

            Das Beste, was ich vor Trawny zum Thema gehört habe, war allerdings ein Prof, der in die wöchentliche Vorlesung kam und gleich zu Beginn – durchaus im Sinne dieses Gutachtens – pointiert zusammengefaßt hatte (kriege ich natürlich nur noch sinngemäß hin):

            Also. Ich habe das jetzt alles noch einmal gesichtet und durchgelesen in der vergangenen Woche. Zum Thema „Martin Heidegger und der Nationalsozialismus“. Alles, was es dazu gibt an relevanter Literatur. Glauben Sie denen kein Wort. Das ist alles Humbug. Das stimmt alles gar nicht. Martin Heidegger war gar kein Nazi. Heidegger war nur ein Faschist.

          • Danke, @Alubehüteter. Ob nun “Nazi” oder “Faschist”: Für mich sieht die bisherige Heidegger-Lektüre nach gehobenem Antisemitismus aus, ja. Deswegen fällt es mir schwer, Ihre Begeisterung für ihn nachzuvollziehen. Auf den Podcast lasse ich mich gerne ein, doch war die Frage ernstgemeint: Was genau bindet Sie an diesen – historisch und menschlich doch zweifellos gescheiterten – Philosophen? Was hätte er dem 21. Jahrhundert noch zu sagen?

            (Und wenn ich das einen studierten Philosophen nicht fragen darf, wenn dann?) 🙂

        • Martin Heidegger, was ich von ihm gelernt habe. … Lange her, daß ich zusammenhängende Texte von ihm gelesen habe. Mußte ich erst einmal drüber nachdenken und finde gerade nicht die Zeit, das zu verschriftlichen. Aber der läuft uns ja nicht weg, und in einem Thread kriegen wir das eh nicht erschöpfend diskutiert.

          Noch einmal: Ich habe überhaupt nichts gegen Karl Jaspers. Politisch stand er ohnehin auf der richtigen Seite. Aber Heidegger spielt nun mal in einer anderen Liga.

          Gibt es Ihnen denn nicht zu denken, daß auch die französischen Existenzialisten aus dem antifaschistischen Widerstand mit dem Nazi Heidegger mehr anfangen konnten als mit Jaspers? – Ich will Sie ja auch gar nicht zu Heidegger konvertieren, der ist absolut nicht Ihr Ding. Aber Respekt abnötigen vor einem, der halt nicht auf Ihrem Bildungsweg lag, das möchte ich dann doch. Und einen vorsichtigeren Umgang mit Superlativen.

          Ach, und übrigens: Mit Sympathie kommen Sie in der Philosophie nicht weit als Demokrat. Spinoza, Marx, Jaspers, Arendt, das war’s dann auch schon bald. Kant war zwar kein Demokrat, immerhin aber Republikaner. Aber hätten Heine und Marx sich dem Diktum Ludwig Börnes angeschlossen, Goethe sei halt der gereimte und Hegel der ungereimte Knecht Preußens, sie wären nicht geworden, die sie wurden.

          • Vielen Dank, @Alubehüteter!

            Mir geht es auch weniger um persönliche Sympathie (da kann ich z.B. auch bei Hannah Arendt viel Anstößiges finden, z.B. in bösen Abwertungen orientalischer Juden), sondern immer darum, welche Emotionen und Gefühle die jeweilige Philosophin, der jeweilige Philosoph angesprochen haben und heute noch ansprechen. An ein völlig emotionsloses, objektives Herangehen an Texte und Lehren glaube ich beim Menschen nicht – nie und nirgendwo.

            Ihnen aber Dank und bei Gelegenheit dann gerne mehr und intensiver auch zu Heidegger! (Derzeit vertiefe ich mich aber weiter in Habermas.)

  6. Ist es normal, das sich morgens mehrere Kamerateams um die WTC positionieren, die haben doch auf etwas gewartet.
    Eine neue unabhängige Untersuchung ist notwendig, um so viele Ungereimtheiten aus der Welt zu schaffen. Es ist doch noch nie ein Hochhaus (Stahl) durch ein Feuer eingestürzt u. s. w.

    • @Wolfgang: Dass auch ein Hochhaus aus Stahl durch ein Feuer zum Einsturz gebracht werden kann, wurde schon früher in den Scilogs erläutert. Siehe bei
      Mente et Malleo – Der Schmied, der Stahl und das Feuer – 12. Dez 2018
      Stahl muss nicht schmelzen, um seine Stabilität zu verlieren. Im metallverarbeitenden Handwerk (Schmieden usw.) ist das schon seit mehr als 2000 Jahren bekannt.

  7. Bei Verschwörung geht es im Hintergrund um die öffentliche Meinung und die Medien.
    Wer kontrolliert die ? Hier wurde der Begriff “Gewaltenteilung ” gebraucht und die Medien kann man als vierte Gewalt ansehen.

    Verschwörungsmythen gehören also in den Bereich der Berichterstattung. Als Beweise werden Umfragen herangezogen und die als “Wahrheit” verkündet. so wie eingangs die 55 % die angeblich an die Laborzüchtung der Viren glauben sollen.

    Schon das ist wieder ein Mythos, nein eigentlich kein Mythos, weil so einer Meldung mehr geglaubt wird , als dem Umstand , dass eben nicht 55 % daran glauben.

    Was fehlt, woran hapert es, es hapert an einer “Medienkultur” die einen Ethos zur Grundlage hat, den Ethos der Wahrheit.

    • Volle Zustimmung, @H.Wied! Danke!

      Finde persönlich Pörksen mit der Idee der „redaktionellen Gesellschaft“ hoffnungsvoll, aber wegweisend.

      Ganz aktuell bestreitet ja wiederum China, dass der Covid19-Virus aus dem Wuhan-Labor stamme. Klingt schon glaubwürdig, aber ein offener und transparenter Umgang mit der Pandemie sowie die Möglichkeit unabhängiger Untersuchungen wären hilfreich. Die KP hat nicht nur im Inland viel Vertrauen verspielt:
      https://www.tagesschau.de/ausland/corona-china-labor-101.html

  8. Sars-CoV-2 muss nicht über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen werden, es könnte auch direkt von der Fledermaus 🦇 auf den Menschen übertragen worden sein. Der Artikel New Research: Bats Harbor Hundreds Of Coronaviruses, And Spillovers Aren’t Rare deutet darauf hin, wird dort von einem Forscherteam berichtet, dass Menschen, die in engem Kontakt zu Fledermäusen leben, Antikörper für einige Fledermausviren besitzen, sie also eine entsprechende Infektion durchgemacht haben. Zudem konnte sie mit SARS-ähnlichen Viren direkt Humanzellen infizieren (Zitat):

    “Wir haben gezeigt, dass SARS-assoziierte Viren in diesen Fledermauspopulationen das Potenzial haben, direkt in menschliche Zellen einzudringen und diesen zusätzlichen Mutationsschritt, einen anderen Wirt zu infizieren, nicht benötigen.

    Mit anderen Worten, der Weg zur Auslösung neuer Ausbrüche ist potenziell viel direkter.

    So war zum Beispiel eines der Coronaviren, das die Forscher fanden, eine sehr enge genetische Übereinstimmung mit dem SARS-Virus. Also legten sie es in eine Petrischale mit menschlichen Zellen. Es gelang dem Virus, die Zellen zu infizieren.

    • Das ist schon richtig, aber es ist dabei zu beachten, dass Laborbedingungen oftmals zu “ideal ” sind, um dann auch in der Natur immer zu gelingen. Man sollte immer Laborbedingungen und Naturbedingungen (also draussen) gut separieren in so einer Studie.

  9. Und nur ein Teil dieser Antworten ging auf fehlendes Faktenwissen zurück: 68% der befragten Deutschen und 55% der Befragten aus den USA wussten, dass Antibiotika gegen das Virus nicht hilft, deutlich unter zehn Prozent glaubten an die Wirksamkeit von Knoblauch.

    … dass Antibiotika gegen das Virus nicht helfen, …. (Antibiotikum = Singular, Antibiotika = Plural)

    • Danke, @HDittmar – wäre tatsächlich sprachlich feiner gewesen. Ich habe “Antibiotika” sozusagen singularisiert, anstatt “kein Antibiotikum” oder wie Sie zu formulieren.

      Hinweis angekommen, kommt nicht wieder vor – Danke! 🙂

      #BesteLesende bzw. #Hörende 🙂

    • Knoblauch soll immerhin antivirale Eigenschaften haben, ob die bei Covid-19 einen Unterschied machen, weiß ich allerdings nicht.

      Siehe
      https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/rechtsmedizin/pdf/Addenda/2016/SchwarzerKnoblauch.pdf
      “Die starke antibakterielle und antivirale Wirkung kann bei Erkältungskrankheiten genutzt werden.”
      Prof. Dr. Sigrun Chrubasik-Hausmann Fachärztin für Allgemeinmedizin

      Ich habe das Paper oder die Autorin allerdings auch nicht weiter überprüft 😉

      • Knoblauch hilft in jedem Fall. Drei frische Zehen mindestens, über den Tag verteilt, wird geraten.

        Es hilft vielleicht nicht unmittelbar gegen den Virus. Aber es hilft den Mitmenschen, den geforderten Mindestabstand einzuhalten.

        • Es hilft vielleicht nicht unmittelbar gegen den Virus. Aber es hilft den Mitmenschen, den geforderten Mindestabstand einzuhalten.

          Meine Zustimmung. Daran ist sicher was dran. Aber nach diesem Text aus der Konkurrenzzeitschrift mögen manche Bakterien Knoblach nicht so gerne. Nur sind Viren mal was ganz Anderes als Bakterien, sodaß man von Bakterien nicht auf Viren schliessen kann.

          Gruß
          Rudi Knoth

          PS: In der heutigen Telepolis gibt Herr Brökers sein VM zu Corona zum Besten.

  10. Vermutlich haben Sie das schon vorher behandelt, trotzdem frage ich hier.

    Sehen Sie einen Unterschied zwischen Religionen und Verschwörungstheorien?

    Gerade auch Dualismus und unendliches Vertrauen in die einzige (richtige) nicht hinterfragbare Wahrheit uvm. sind doch Dinge, die wir von Religionen – und gerade auch dem Christentum – kennen.

    Wer annimmt, dass eine intelligente Macht hiner Allem steht, macht doch eigentlich nichts anderes als die anderen Verschwörer – die womöglich sogar der gleichen Religion angehören.

    • Ja, @einer – seit Jahren vertrete ich doch die These, dass Verschwörungsglauben eine dualistische Variante des religiösen Glaubens ist und wie eine umgekehrte Religion funktioniert. Kurzform: Die einen lehren die Weltherrschaft einer guten Macht, die anderen die Weltherrschaft einer bösen Macht. Logisch, dass sich das dann auch psychologisch völlig unterschiedlich auswirkt – vgl. zum Beispiel in der christlichen Theologie die Unterscheidung von “Frohbotschaft” und “Drohbotschaft”.

      Hier dazu die Eingangsfolge dieses Podcasts zur Frage, warum Verschwörungsglauben sich anders auswirkt als ein monistischer Glauben:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/neuer-podcast-verschwoerungsfragen-was-ist-das-problem-mit-verschwoerungsglauben/

      Oder hier ein spektrum-Artikel von 2016, inklusive Einleitung: “Geheime Wahrheiten und Komplotte üben auf manche Menschen eine unerklärliche Faszination aus. Der Glaube an Verschwörungen fußt dabei auf ähnlichen psychologischen Mechanismen wie der Glaube an Götter, kommentiert der Religionswissenschaftler Michael Blume.”

      https://www.spektrum.de/kolumne/meinung-verschwoerungsglaube-ist-ein-religioeses-problem/1418857

      Auf Twitter zitierte gestern ein Kollege der Politikwissenschaft Aachen: “Verschwörungsglauben funktioniert wie eine umgekehrte Religion, die Dich nicht nach oben hebt, sondern nach unten zieht” – Besser kann man es nicht beschreiben @BlumeEvolution

      Habe mich gefreut, klar.

      Ihnen einen guten Start in die Woche.

  11. einer
    (als Ergänzung zu Herrn Blume)
    Verschwörungstheorie als die dunkle Seite der Religion zu betrachten, das scheint mir mittelalterliches Denken.
    Psychologisch betrachtet, da hat Herr Blume Recht, vertraut der Christ auf die Güte Gottes und fürchtet die bösen Absichten der Anderen.

    Dabei vergessen wir aber, dass Gott weder ein Mensch, eine Sache , noch ein Objekt unserer Anschauung ist. Gott hat die Welt erschaffen. Wenn wir das infrage stellen, dann sind wir Atheisten.

    Man muss also unterscheiden zwischen dem tranzendenten Gott, und der Vorstellung des Menschen über diesen Gott. Und dann , und erst dann wird klar, warum es verschiedene Religionen auf dieser Erde gibt.

    Bei aller berechtigten Vorgehensweise gegenüber Verschwörungen, den Gott darf man dabei nicht opfern.

    • Lieber @H.Wied, können wir uns darauf einigen, dass auf diesem Blog nicht länger “Verschwörungstheorie”, sondern richtigerweise “Verschwörungsmythos” geschrieben wird? Sie sind jetzt schon so lange dabei, dass ich das bei Ihnen als bekannt und verstanden voraussetzen darf. 🙂

      Ihnen vielen Dank und alles Gute, bitte bleiben Sie gesund!

    • Ich denke nicht, dass man zwischen einer Vorstellung von Gott und “dem” Gott unterscheiden muß, für mich sind das die selben – ich bin Atheist.

      Das ein Verschwörungsmythos die dunkle Seite von Religion wäre oder quasi das Gegenteil, sehe ich nicht so – es sind beides erstmal Mythen für mich.
      Mir war aber die Meinung von Herrn Blume dazu wichtig.

      Im Namen von Religionen sind sicher nicht weniger schlimme Dinge gemacht worden, als im Namen anderen Mythen .. daher würde ich einen Verschwörungsmythos eher als quasi-Religion sehen.

      “Das Böse” in Form des chrstlichen Satans kenn viele Christen ja auch.
      (das mag nicht in allen christlichen Strömungen so sein – die Katholische Kirche hat das aber so ähnlich noch in ihrer “Lehre”)

      • @H.Wied & @einer

        Klasse – Sie beide haben den (zugegeben komplexen) religionswissenschaftlichen Sachverhalt schon fasst erfasst! Sie „beweisen“: Dialog & Lesen wirkt! 🤗👍📚✅

        Mit Dank und herzlichen Grüßen Ihnen beiden!

  12. Michael Blume,
    sprachliche Correctness ist die Grundlage um Mißverständnisse zu vermeiden. Da bin ich ganz Ihrer Meinung.

    einer,
    wie kommen wir jetzt wieder zum Virus zurück ?
    Ganz einfach, den Virus gibt es, aber die Vorstellungen darüber woher er kommt, die sind verschieden. Trump beschuldigt ja schon mal die Chinesen der fahrlässigen Handhabung.

    Um jetzt wieder auf Gott zurückzukommen, den gibt es auch, aber wir haben verschiedene Vorstellungen über ihn.

    • Und da haben wir schon wieder einen rassistischen Verschwörungsmythos mit langer Tradition, der in der Gegenwart mit dem “chinesischen Virus” wieder auflebt: Die “gelbe Gefahr”.
      Ähnlich wie die Juden wurde in der Geschichte auch der gefährliche “gelbe Drachen” für eine Vielzahl von Miseren und Katastrophen verantwortlich gemacht. Genannt sei nur das Massaker von Batavia, bei dem Tausende von chinesischen Menschen hingerichtet wurden, weil sie angeblich für den Verfall des Zuckerpreises verantwortlich waren. In Amerika wurde den “yellow filthy hords from Asia” die Schuld an der Großen Depression 1870 untergejubelt. Und ähnlich wie beim Antisemitismus spielten und spielen noch und gerade heute Missgunst und Neid hinsichtlich ökonomischer, kultureller und wissenschaftlicher Potenziale eine große Rolle für das Schüren antiasiatischer Ressentiments.
      Gerade hat die WHO klargestellt, dass es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass das Coronavirus im Labor entstanden ist, dass es weder manipuliert noch konstruiert wurde, sondern rein natürlichen (tierischen) Ursprungs ist. Und trotzdem werden nicht mehr nur in den USA, sondern auch europaweit und hierzulande Menschen mit asiatischem Aussehen beschimpft, bespukt, gemieden und letztlich auch Opfer körperlicher Gewalt. Widerlich zu beobachten, wie in Zeiten, die eigentlich Menschlichkeit und Solidarität in besonderem Maße erforderten, der Mensch sein aggressives Wesen und seine unzulängliche Moral scheinbar zwanglos ausleben darf – dies alles befeuert von hässlichen und wahnwitzigen Verschwörungslegenden, die (egal ob richtig oder falsch) einfache Antworten auf komplizierte Fragen liefern, einen anderen Schuldigen stigmatisieren und von eigener Verantwortung und eigenem Versagen komfortabel ablenken.

  13. @Michael 20.04. 09:21 Dualismus

    „…,dass Verschwörungsglauben eine dualistische Variante des religiösen Glaubens ist und wie eine umgekehrte Religion funktioniert. Kurzform: Die einen lehren die Weltherrschaft einer guten Macht, die anderen die Weltherrschaft einer bösen Macht.“

    Na ja, ein bisschen sehr in Kurzform. Es gibt auch Varianten des dualistischen Glaubens, wo ein Unentschieden zwischen den Guten und den Bösen Mächten derzeitige Realität sein soll. Demnach ist der Ausgang des Kampfes der Mächte noch offen.

    Und hier hält dann jeder den Anderen für den eigentlichen Bösen. Der Teufel der Abrahamsreligionen, der mithilfe seiner Heerscharen von bösen Engeln und auch mithilfe von menschlichen Anhängern und Unterstützern auf der bösen Seite steht. Aber es gibt auch die andere Sichtweise, wo dieser Teufel in Wirklichkeit der Gute ist, und auf der bösen Seite der biblische Gott der Juden, Christen und Moslems steht, der in Wirklichkeit der wahre böse Spieler in diesem Spiel ist, und gar nicht der Schöpfer dieser Welt ist, sondern dieses nur vorgibt zu sein. Und die Kämpfen eben mitten auf der Weltbühne gegeneinander – wer jetzt gewinnen wird, muss überhaupt nicht klar sein, wer jetzt gerade seine Leute an den Hebeln welcher Staatsmächte hat, ist gar nicht so eindeutig. Das Prinzip funktioniert mit beiden möglichen Varianten.

    Ich halte von diesem Unsinn auch nicht viel, aber das kursiert doch durch so manche Köpfe.

    Man denke hier z.B. an das „Reich des Bösen“, das US-Präsidenten Ronald Reagen 1983 ausgerufen hat. Zufällig sogar mit realer Apokalypsen-Option.

    Oder an die Nationalsozialisten, die am Ende ihre Niederlage auch eingestanden haben – aber doch den Kampf dabei nicht aufgegeben hatten. So erklärt sich, dass sie sich beeilt haben, die europäischen Juden noch alle umzubringen, als sich abzeichnete, dass der Krieg wohl verloren gehen wird.

    Ich bevorzuge auch eindeutig eine gute Geisteswelt, und das Böse im wesentlichen als die Folge von der Kombination von Rücksichtslosigkeit mit einer gewissen Portion Wahnsinn bei den realen Menschen.

    Aber dualistische Religionsvarianten sind doch recht vielfältig. Gerade bei den sogenannten Naturreligionen gibt es eine bunte Vielfalt an Göttern und Dämonen, und dementsprechend auch ganz viele verschiedene Kulturvarianten. Die meisten davon sind verschwunden, bevor sie überhaupt erforscht werden konnten.

    Der Glaube, dass hier grundsätzlich das Gute und die Guten im Sinne einer Weltgemeinschaft aller Menschen der geistige Hintergrund ist, ist aber unterm Strich wesentlich. Auch angesichts aller Verirrungen des Menschen und seiner Fantasiewelten, die gefährlich waren und immer noch gefährlich sind.

    • Ja, @Tobias Jeckenburger – der Dualismus ist kognitiv leicht zugänglich und kann jede Religion oder Weltanschauung “befallen” und damit zur Menschenverachtung, zum “pathologischen Dualismus” nach Jonathan Sacks führen.

      Ein leider aktuelles Beispiel, dass Sie sich nur mit guten Nerven anhören oder durchlesen sollten, ist der derzeit digital dominierende libertäre Antisemitismus, der sogar Adolf Hitler selbst als Teil der vermeintlichen, jüdisch-satanistischen Weltverschwörung ausgibt…
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-9-adolf-hitler-als-rothschild-verschwoerer-der-libertaere-antisemitismus/

      Damit sind wir schon fast ganz am Boden des Wahnsinns angekommen. Folge 10 wird dann eine Folge der Hoffnung werden – zugesagt! 🙂

      Ihnen Dank für Ihr großartiges und engagiertes Interesse, bitte bleiben Sie gesund! 🙂

    • Danke, @Tobias Jeckenburger, insbesondere für die Zuversicht des letzten Absatzes, welche in Zeiten wie diesen – nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen all der unerfreulichen inhumanen Tendenzen, die in diesem Podcast zur Sprache kommen – wichtig ist.
      Ich selbst bin in der DDR atheistisch, heidnisch oder (soweit man das Fass der Begriffsstreitigkeiten öffnen möchte) zumindest nicht religiös aufgewachsen/ sozialisiert worden. Und irgendwie glaube ich nach wie vor daran, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und angesichts der wissenschaftlichen-technischen und historischen Erkenntnisse hat mich noch keiner vom Gegenteil überzeugen können. Bis heute respektiere ich aber alle Religionen (von den monotheistischen bis hin zum Buddhismus), bin fasziniert von all den kulturellen Errungenschaften, die diese hervorbrachten, und so lange alle Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaften autonom zu ihrem Glauben finden durften und diesen ebenso freiwillig und auch andere Glaubensrichtungen tolerierend ausüben, empfinde ich dies als Bereicherung unserer komplexen geistigen Welt. Ich selbst habe in der Literatur einen entsprechenden Halt gefunden, speziell in Franz Kafka, der mir aus der Seele (immerhin🤔😉) spricht, wenn er sagt:
      “Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgenbleibens ist der Glaube an einen persönlichen Gott.”
      Franz Kafka, Die Zürauer Aphorismen, veröffentlicht (posthum) von Max Brod unter dem Titel “Betrachtungen über Sinn, Hoffnung, Leid und den wahren Weg”, hrsg. von Robert Calasso, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.
      Möge sich das Gute, oder mit weniger Pathos formuliert, doch das Humanistische im Menschen durchsetzen!

      • @Sandy 22.04. 15:10 Vertrauen in das Leben

        „Und irgendwie glaube ich nach wie vor daran, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und angesichts der wissenschaftlichen-technischen und historischen Erkenntnisse hat mich noch keiner vom Gegenteil überzeugen können.“

        „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgenbleibens ist der Glaube an einen persönlichen Gott. Franz Kafka,”

        Ich persönlich vermute, dass das lokale menschliche Bewusstsein eine Synthese des lokalen Gehirns mit dem allgemeinen kosmischem Geist ist. Von daher stimmt für mich Beides: Das Sein bestimmt zur Hälfte das Bewusstsein, weil das Bewusstsein auch zur Hälfte aus dem lokalen Gehirn gebildet wird. Und wir haben einen unzerstörbaren Kern, der unsere zweiten Hälfte ausmacht. Vertrauen kann sich besonders gut entwickeln, wenn man selber aktiv das Gute sucht, aber auch wenn man nur ein Gefühl für die ganze eigene Existenz besitzt, und sich generell der eigenen Wirksamkeit bewusst ist.

  14. Hallo Herr Blume, vielen Dank auch für diesen Beitrag zu Verschwörungsfragen.
    Und “upps” – hier geht es vor allem um Verschwörungsmythen rund um das Corona-Virus und COVID-19 und nicht um Verschwörungsmythen rund um 9/11. So gesehen habe ich zweimal “Off Topic” kommentiert und hoffe auf Nachsicht des Moderators.
    Allgemein zu dieser Reihe: Das ist schon ein ziemlich dickes Brett, an dem Sie da bohren. Aber selbst wenn Verschwörungsgläubige dadurch nicht überzeugt werden, so hilft es doch allen anderen, solche Mythen besser zu erkennen und damit umzugehen.

    • Vielen Dank, @Harald Andresen! Tatsächlich hoffe ich, dass dieser Podcast noch viele Folgen vor sich hat und also auch historische Themen wie 9/11 aufgreifen kann. Dann würde es hier kesseln, klar…

  15. Andromed
    21.04.2020, 22:46 Uhr

    @ Alubehüteter
    19.04.2020, 14:23 Uhr

    Link zum Podcast

    -> Also, die deutsche Nachkriegsphilosophie hat für mich kaum was wirklich substanzielles. Das meine ich wirklich so. Sie kreisst um sich selbst und wirkt singulär und selbstredend. Pseudo-komplex und Intellektuel.
    Mein Eindruck von Hannah Arendt ist, dass sie sich nach dem Krieg auch redlich bemühte, sich von ihren “Jugendsünden” freizusprechen. Das kann auch nur ein Randeindruck sein. Aber weil diese “Philosophie” mir kaum etwas sagt, kann ich es anders nicht erklären.

    Was aber tatsächlich auch auf das “Einzigartige” dieser Philosophie hinweisst…die es auch aus historischen Gründen ist: Was, wenn nach der Vernichtung von Millionen Menschen nur eine Sinn und seelenentlehrte “Innenwelt” der überlebenden Menschen nur zu solcher “Philosophie” hinreichte?

    Wenn man aus Gründen der unfassbarkeit sich nichts weiter zu sagen hat, als etwa “Meine Damen und Herren ….das Vollendete heim fällt zum Ureigen”…?

    Was, wenn solche “Ausweich-Denkungsweisen” nur deswegen stattfinden, weil man aus der Erfahrung des Krieges und der absoluten Vernichtung nur noch das zu denken in der Lage sei? Das Denken um die eigenen Gedanken herum und immer wieder auf es selbst zurück geführt? Sozusagen “im Kreise Denken” und das Denken als Hauptargument nehmen? Heidegger soll es ja scheinbar praktisch zu einer Perfektion getrieben haben, dieses seltsame Denken, was viele gar nicht verstehen wollen (oder können, wie ich scheinbar). Was ist am Denken übers Denken und Sein selbst so relevant, anstatt den Sinn im Gedanken den Wert beizumessen, den es hat?

    Ist man intrinsisch Einsam (was nur eine andere version von “entwurzelt” sei) zu besserem Denken fähig? Die Nachkriegsphilosophie würde das eindeutig widerlegen, wenn es nach meinen Eindrücken ging.
    (Auch, wenn es hier nicht nur um die Nachkriegsphilosophie geht, sondern auch schon davor)

    Die Psychiatrie kennt heute pathologische Denkzustände. Und ein Heidegger (und auch die Arendt in dem Vortrag) würde grenzwertig darunter fallen können. Man glaubt manchmal, das es nur von der Tagesform (und Stimmung) des Psychiaters abhinge.
    Ist dann also die heutige Psychiatrie schuld oder das konkrete Denken der Zeit? Und was wäre daran schuld?

    • Danke, @Andromed. Tatsächlich halte ich es für keinen Zufall, dass Heideggers Verfall in den Antisemitismus um die Fragen von Sein, Zeit und Zukunftsangst kreiste:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-4-zeit-und-kalender-zwischen-hoffnung-und-antisemitismus/

      Und ich lese derzeit Habermas und bin sehr angetan. Einen Stillstand der deutschen Philosophie gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus sehe und erlebe ich ganz und gar nicht…

      • Kunststück. Sein und Zeit setzt sich noch sehr auseinander mit der Existenzphilosophie, das heißt, mit Kierkegaard, und also mit dem Christentum, dem Heidegger ja entstammt, und mit dem Protestantismus, dem er zu dieser Zeit zuneigte, enttäuscht von der Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche.

        Sein Schüler Ernst Tugendhat hat sich ja gefreut, wie schön er mit dem Werkzeugkasten seines Meisters die Gnosis durchdenken und analysieren konnte. Erst Jahre später ist ihm im Rückblick aufgefallen, daß das auch daran liegt, daß Sein und Zeit selber tiefgnostische Züge trägt: Die Schlafschafe der Vielen, die der Uneigentlichkeit des Man verfallen sind, dem Gerede, und die wenigen aus der Angst Erwachten, die um ihre Existenz wissen und ihrem Dasein-zum-Tode. Den Erlöser glaubte Heidegger dann zwischenzeitlich, gefunden zu haben im. …

        ———

        Trawnys Buch zum Skandal hatte den Arbeitstitel „Martin Heideggers seinsgeschichtlicher Antisemitismus“. Damit markiert er, daß der Antisemitismus eben keine Privatmarotte ist, wie wir etwa bei Kant sehr eigenartige Äußerungen finden zu den „Negern“, die uns befremden, aber doch nicht weiter beachten, wenn wir uns den Kritken zuwenden. Antisemitismus ist Heideggers seinsgeschichtlicher Philosophie systemimmanent, da gibt es nichts mehr zu verharmlosen. Dennoch handelt es sich nicht um eine antisemitische Seinsgeschichte. Heidegger zu reduzieren auf den Nationalsozialismus und den Antisemitismus ist mir zu kurz wie das Gegenteil. Diese Stimmen gab es ja auch schon sehr früh: Hach Gott, Kant und Hegel waren auch für den totalitären preußischen Staat, Kinder ihrer Zeit, wer will denn das heute noch wissen (1936).

        • Das will ich Ihnen gerne glauben, @Alubehüteter. Deswegen frage ich bei Ihnen als philosophischem Kenner ja auch immer wieder nach: Was genau dürfte ich mir denn von Heidegger über seinen Antisemitismus hinaus erwarten? Welche Einsichten haben Sie durch ihn gewonnen?

      • @ Blume

        Stillstand

        -> Das habe ich auch nicht gesagt. Eher schon, das es einen Rückfall gab, im Zuge der Ereignisse des ersten Teils des 20, Jahrhunderts.
        Wenn man so will, kann man die Philosophie über das eigene Sein als Anzeichen dafür sehen.
        Und wir werden womöglich in Kürze wieder so eine Phase erleben, wo die Philosophie seltsamerweise wieder viel enger um sich selbst kreist, als dass sie große Blicke über die Welt verarbeitet.

        Das man inzwischen das “Globale” aus anderen Gründen (Umwelt- und Klimaschutz) etabliert hat, hat mit der Eigenart der Philosophie der jeweiligen Gegenwart nichts konkretes zu tun. Es gibt die großen Themen und es gibt die Metavision. Wenn aber die kommende Philosophie keine Metavision zum Klimawandel etwa hat, dann gab es erneut diesen “Rückfall” ins Entwurzelte, der den Menschen von der Welt entkoppelt.

      • Auch wichtig zu erwähnen, das Antisemitismus nicht die einzige Ursache von Unheil war.

        Eigendlich war er nur Folge von ganz fundamentalen Bedingungen, die sich 1908 ereigneten: der Tunguska-Vorfall. Und die aus dieser begebenheit zu konstatierende “Massenpsychose”.

        Aber auch davon wollen sie nichts wissen. Sie nehmen die Welt, wie sie ist, und ignorieren damit aber eben fundamentale Begebenheiten, aus denen sich erst die wirklich großen Fragen beantworten lassen. Gewalt ist falsch. Aber Ignoranz ist um so falscher, als nur die pure, brutale Gewalt. Und aus Ignoranz geht sogar aktive und hilflose Gewalt hervor.

        • Das ist interessant, @Andromed.

          Wollen Sie uns den Unterschied zwischen „der Welt, wie sie ist“ und den nach Ihrer Auffassung zu berücksichtigenden „fundamentalen Begebenheiten, aus denen sich erst die großen Fragen beantworten lassen“ erläutern? Diese „fundamentalen Begebenheiten“ würden mich wirklich interessieren. Legen Sie los! 👍

          • @ Michael Blume
            22.04.2020, 18:10 Uhr

            Diese „fundamentalen Begebenheiten“ würden mich wirklich interessieren. Legen Sie los!

            -> Sie interessieren sie nicht. Was sie mehrmals bewiesen haben.

          • Jetzt kneifen Sie, @Andromed. 😏

            War klar, wäre auch zu offensichtlich. 🤷‍♂️

            Ihnen alles Gute und einen Ausweg aus dem Verschwörungsglauben.

        • Das mit dem Tunguska-Vorfall habe ich jetzt nicht verstanden, wieso der eine Rolle spielt. Der Weltkrieg war doch viel verheerender?

          • @ Alubehüteter
            23.04.2020, 12:10 Uhr

            Tunguska-Vorfall

            -> Er hat radioaktiven Fallout oder/und atomaren Fallout (Partikel in einzelnen Atomen vorliegend und zuweilen ionisiert) über die gesamte Nordhalbkugel verteilt. Und vor allem war Europa davon erheblich betroffen – aus mehreren Gründen. Der wesendlichste aber war der, das Europa angesichts der Drehrichtung der Erde eben nach Sibirien kommt und der Fallout dort am höchsten war. Die Überlieferungen sind Legendär: farbig leuchtender Himmel in der Nacht.

            Solch kleine Partikel (einzelne Atome) sind effizient Gehirngängig und manipulieren unser Bewusstsein.
            Natürlich waren die Kriege verheerend(er), als die direkte Folge aus dem Fallout. Aber ich argumentiere ja, das die Kriege ohne diesen Fallout nie hätten stattgefunden. Was natürlich auch nicht haltbar ist, denn “was wäre wenn” hat noch nie wirklich funktioniert.
            Aber eine Dramatisierung der Situationen kann man problemlos daraus schlußfolgern.
            Es wären andere Kriege entstanden. Eine andere Geschichte. Womöglich auch ohne Hitler und ohne den Kommunismus, wie er dann stattfand.

            Sie müssen dazu zur Kenntnis nehmen, das es eine christliche Hauptstrategie ist, das sie jahrhunderte lang Hostien (Leib Christie) an die Gläubigen verteilte, die mti Metallsalzen verbacken waren. In Metallsalzen sind die Metalle auch in einzelnen Atomen ins Kristallgitter eingeschlossen, welches sich auflösst und die Metalle freisetzt, wenn man es zu sich nimmt.

            Eine kleine Hostie ist nahezu nichts. Aber wenn man das ganze leben in die Kirche geht und tausende davon essen tut, dann ergibt das eine große menge.
            Ebenso ist es mit den Mineralien und Metallen in unserer Nahrung: Da ist in der Nahrung natürlicherweise immer wenig enthalten. Aber über das ganze Leben summiert sich das.

            Und wenn nun aber solche Katastrophen, wie der Tunguska-Vorfall oder Tschernobyl geschehen, dann ist das eine schlagartige, gleichzeitige Kontamination einer ganzen Population, die unmittelbare Folgen hat – für den einzelnen jeweils ein bischen, aber weil alle betroffen sind, wird die Wirkung dynamisch selbstverstärkend und es tendiert dann, je nach Menge, zu psychischen Störungen bis hin zu einer Massenpsychose.

            Metalle ins Gehirn integriert stabilisieren die bestehenden Vernetzungen und verstärken diese.
            Durch Tschernobyl wird wohl jeder mensch nur wenig abbekommen haben. Aber da es alle westlich von Tschernobyl waren, die kontaminiert wurden, ergab sich daraus eben ein fulminantes Problem.
            Und so, soweit ich das weiß, gab es wenige Tage nach dem Unfall in Tschernobyl, bei der 1. Mai-Domonstration in Berlin die erste Demonstration mit erheblichen Ausschreitungen und demonstrativer Destruktivität, die dann zur Tradition in Berlin wurden. –

            Wäre Tschernobyl nicht geschehen, dann hätte es diese stabile “Tradition” wohl nie gegeben.

            Der Anstieg der psychischen Diagnosen und der ausgegebenen verschreibungspflichtigen Psychopharmaka ist auch in dieser Pespektive zu sehen.
            Davon abgesehen, das man diese neuroenhanceten Menschen nur wieder “unwirksam” machen kann, indem man die Situation des Neuroenahcnemends eskalieren lässt: was heisst, noch mehr davcon, damit das gehirn daran degeneriert, sodass die enhanceten vernetzungen dann destabilisiert und unwirksam werden.
            Mit Nervengiften die Bereitschaftspotenziale im Gehirn stark erhöhen und gleichzeitig Metallsalze verabreichen: Eskalationsstrategie /Akzelerationsstrategie, um die Wirkungen der Metalle im Gehirn zu reduzieren, indem das Gehirn degeneriert.

            Auch dazu geeignet: Mit Metallen verunreinigte kristalline Drogen, wie Crystal Meth. Dabei erstetzt die eigendliche Droge das Nervengift, weil sie ähnliche Aktivitätszustände im Gehirn erzeugt, wie ein Nervengift.
            Damit geschieht auch gleichzeitig eine soziale Selektion, weil Drogen nehmen ja nur desintegrierte Menschen. Eben weil sie die Gesellschaft nicht aushalten (was auch daran liegt, weil die gesamte Gesellschaft eben auch neuroenhanced ist, was den psychischen Druck auf jeden Einzelnen erhöht…und einer erheblichen Freiheitseinschränkung gleichkommt. (Das, weil Gehirne in ihrer Grundfunktion Informationen aus anderen Gehirnen “empfängt” – Verschränkungsprinzip, in dem eine Information an mehr, als einem Ort zugleich bereitgestellt wird. Jede Nervenzelle, die eine gleiche Grundlage besitzt und in vielen Gehirnen existiert, könnte hier eine eigene Information tragen und somit in vielen Gehirnen präsent sein.

            Das ist das Prinzip, das die neurowissenschaften derzeit als “Informatiosnspeicherung” im Gehirn propagieren. Aber es ist keine Speicherung, es ist eine “Aufrechterhaltung” der Information aufgrund des Lebenswillens des Organismus. Wenn der Organismus schlafen geht, den man auch als “kleinen Tot” bezeichnet, bricht zwar nicht die Verbindung ab/die Informationsbereitstellung ab, aber das Bewusstsein fährt runter und ist somit kein Teil der Aufrechterhakltungsstruktur mehr. Am Morgen beim Aufwachen und Wachwerden, “klinken” wir uns in diese ständig bestehenden Informationen wieder ein und erinnern wir uns wieder, wer wir sind.

            Es ist mutmaßlich nur eine Frage, wie sehr die neuronalen vernetzungen durch Neuroenhancemend stabilisiert sind, sodass eine dauerhafte Verbindung mit immer den gleichen Vernetzungen bestehen bleibt – woraus sich dann die “Identität” des Menschen ergibt.

            Wenn sie ein sozusagen “jungfräuliches” Gehirn haben, dann sind alle Nervenbahnen und Zellen überwiegend gleich wenig bevorzugt im Nervensystem angeschlossen. Aber wenn sie ein sehr weit ausgebildetes Gehirn haben, das sind feste Verarbeitungsvernetzungen enstanden, die dann primär zur Bewusstseinbildung verwendet werden. “Identität” entsteht dann, wenn die Vernetzungen bevorzugt stabilisiert wurden. Eine weiter Folge dieser Prozesse ist, das sie vorher noch ein “default-mode-Netzwerk im Gehirn haben, das ihnen die Pseudo-Abwesenheit ihrer Identität ermöglich, aber nach den “Bildungsmaßnahmen”, die feste und präferierte Netzwerke erzeugen, wird es immer unwahrscheinlicher, das sie noch zwischen den Wachbewusstein und dem “default-mode-Netzwerk” wechseln können. Das default-mode-netzwerk ist dann unzugänglich und eigendlich nicht mehr da, weil gegen über den etablierten vernetzungen vollkommen unrelevant und ihr Bewusstein verläft zwangsweise an diesen womöglich noch bestehenden Netzwerken vorbei, weil es ausgebildete Netzwerke gibt, die bevorzugt verwendet werden.

            Das “jungfräuliche Gehirn” ist sozusagen … quantenphysikalisch erklärt…. das “unbestimmte Gehirn…ist in einem unbestimmten Zustand, weil es alle möglichen Netzwerke aktivieren und zur bewusstseinserzeugung verwenden kann. Das “bestimmte” Gehirn ist dazu nicht mehr in der Lage. Es ist auf seinen Vernetzungszustand festgelegt.

            Und diese “Bestimmungen” der Vernetzung, die man auch “Bildung” nennen kann, wird durch Nervengifte und gleichzeitig Metallsalzen erzwungen. Ebenso, wie es durch eine Populationsweite Kontamination mit Metallionen eine Wirkung gibt, gibt es eine Wirkung, wenn man mit Nervengiftenund Metallsalzen oder oder mit Metallen verunreinigte kristalline Drogen vergiftet wird.

            Und der Tunguska-Vorfall hat eben eine solche Populationsweite Kontamination erzeugt, die für unsere Bewusstseinsbildung relevant war.

    • Mein Eindruck von Hannah Arendt ist, dass sie sich nach dem Krieg auch redlich bemühte, sich von ihren “Jugendsünden” freizusprechen.

      Den Eindruck habe ich nach dieser Festrede nun ganz und gar nicht. Das ist zutiefst aus Heidegger gedacht. Und in der privaten nichtöffentlichen Widmung eines ihrer Hauptwerke bekennt sie sich 1960 ja ausdrücklich zu dem, was sie Heidegger immer noch, und bleibend theoretisch verdankt.

      • Andromann, Sie haben definitiv Aufputschmittel intus.. Jede Wette.. 😉
        Na, bisschen flottes geschnuppert? 😛

  16. @ Michael Blume
    21.04.2020, 22:11 Uhr

    @Andromed

    Dieses Verschwörungsgeraune („bestimmte (biologische?!) Einflüsse“), („man“ hätte eine Stastsform etc.) führt halt nirgendwohin. Es gab und gibt keine Gruppe(n), die mit Gewaltenteilung funktionierende Demokratien steuern kann. Vgl. die Proteste selbst in Hongkong und Moskau.

    -> Nana, sie werfen jetzt aber Dinge durcheinander, die gar nicht zusammen gehören.
    Demonstrierende sind nicht die Institutionen, aus denen sich gleich, wie in einer Blase, deutliche Verhaltens- und Handlungsstrukturen etablieren.. Sie könnten zuweilen zur Institution werden. Aber das ist immer auch damit verbunden, dass sich die Bewegung in Strukturen einfügt, und somit gerade dann Gefahr läuft, von ihrem Weg/Ziel abzukommen, weil sie sich dem “Kanon” oder den Verhältnissen angleicht in der Institutionalisierung.

    Ausserdem muß man auch fragen, was diese Demonstrationen bringen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass sie nur eine Verlangsamung des eh zielgesetzten Prozesses bewirken können (in der Demokratie) und in sogenannten autoritäreren Verhältnissen wohl nur noch Spaltung und Verlust der Heimat oder der Wurzeln.

    Aus meiner Sicht sind deutsche Medien voller Schlagzeilen, die nur im Spezialfall und konkret eine Thematik behandeln. Aber wirklich große Zusammenhänge gibt es nicht. Also besteht eine Blase, die irgendwie “selbstreferenziel” aussieht, aber das Problem des Einzelnen gar nicht behandelt.
    Und wenn also solche Zustände bestehen, was sagt es dann über die “Gewaltenteilung” aus, wenn die Medien als 5. Säule gelten würde?

    Und den Teil, in dem ich andeutete, das die unteren Strukturen unterhalb der Judikative und Exekutive nicht dem Ideal entsprechen, wie die Gewaltenteilung es vorsieht, haben sie wieder einfach übersehen/ignoriert.

    Die Gewaltenteilung funktioniert nicht (ideal), wenn die darunter stehenden Ebenen der Systeme anders funktionieren, als eine rechtschaffende Gewaltenteilung suggeriert. Kein Gericht verhandelt Unrecht, das von Polizei und anderen Exekutiven nicht anerkannt wird. Oder wenn Rechtsanwälte keinen Beistand leisten.

    Ein Mensch, der mit einem “Beratungsschein” zum Rechtsanwalt kommt, wird beraten, aber es kommt fast nie zu einer Eröffnung eines Verfahrens, weil…. die erwartete Hilfe zur Beweisanführung ausbleibt.
    Solange das der Fall ist, solange ist diese Gewaltenteilung nicht das, was es scheint und als was es angepriesen wird.

    Ein Kläger, der psychiatrisch Diagnostiziert wurde, wird man nicht so zuhören und glauben, wie einem Kläger, der ein im Ideal unauffälliges Leben in Gesellschaft führt.

    Nehmen wir an, ein Jude oder ein Moslem geht zur Polizei. Und beklagt, das er vergiftet worden sei.
    Was meinen sie, würde daraufhin geschehen?

    • Nur zwei kurze Nachfragen, @Andromed:

      Ich kenne die Medien als die vierte Gewalt, die Publikative. Bei Ihnen sind sie die fünfte. Nur ein Schreibfehler, oder haben Sie eine andere vierte?

      Und haben Sie konkrete Belege dafür, dass die Polizei Anzeigen von Juden oder Muslimen nicht aufnehmen würden? Wie wäre dann der aktuelle Anstieg der Hassverbrechen in der polizeilichen Kriminalstatistik auch von Baden-Württemberg zu erklären?

    • Ich frage mich, welche Alternative diejenigen, die die Gewaltenteilung ablehnen, dann ernsthaft vorschlagen möchten. Vor einer Antwort graut es mir zugegebenermaßen angesichts der Erfahrungen der Geschichte😱. Denn nach eben diesen hat sich die Gewaltenteilung als das beste verfassungsrechtliche Prinzip erwiesen, Demokratie durchzusetzen und unkontrollierten Machtmissbrauch zu verhindern. – Soweit Sie, @Andromed, meinen Berufsstand angreifen, so ist mir keine Kollegin/ Kollege bekannt, die/der im Rahmen einer Mandatierung “keinen Beistand ” leistet. Und kommt ein Mandant mit einem “Beratungsschein” zu einem Anwalt, ist dies gerade die Folge eines gut und gerecht funktionierenden Rechts- und Sozialstaats, da in diesen Fällen die Mandantin/der Mandant nach seinen persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen nicht in der Lage ist, die Kosten alleine zu tragen, und ihm hierbei der Staat unter die Arme greift. Und möchte sie/er nach der Beratung einen nicht mutwilligen Prozess führen, der auch nur ansatzweise Aussicht auf Erfolg hat, so bekommt er anschließend Prozesskostenhilfe für das gerichtliche Verfahren, die selbstverständlich auch etwaige Kosten einer etwa notwenig werdenden Beweisaufnahme umfasst. Bevor man also bewährte Regelungen kritisiert, sollte man sich mit deren Inhalt erst einmal wenigstens in groben Zügen befasst haben. – Und jetzt, lieber Michael Blume, bin ich gespannt, wie wir wieder zum Corona-Virus zurückkommen.😉

  17. Also zu Heidegger. Es dauert eine Weile, einen Text dazu so kurz zu schreiben.

    zu Heidegger:

    Was mir an Heidegger zuerst wichtig ist, ist, daß er das uralte Thema des Seins wieder aktuell gemacht hat.

    Die Wissenschaft vom Sein, die Ontologie, war ja das Kerngeschäft der klassischen Metaphysik. Die Metaphysik aber bröselt seit Jahrhunderten vor sich hin, und mit ihr erschien aus das Sein als falsche Fährte. Heidegger macht das wieder brandaktuell: Tatsächlich ist das Sein der perspektivische Fluchtpunkt, der unsere, also die je meine Interpretation der Welt bestimmt. Leben ist Seinsauslegung, ob das bewußt reflektiert wird oder nicht.

    Dann war der überfällige Coup, die Phänomenologie, bis dahin Endergebnis einer langen philosophischen Entwicklung, endlich anzuwenden auf diese philosophische Entwicklung selber, also die Phänomenologie anzuwenden auf die Geschichte der Philosophie.

    Philosophie, so die Überlieferung, entstand irgendwann einmal mit der Vorsokratik, mit der ionischen Naturphilosophie. Sokrates nun, nach ihm Platon und Aristoteles, haben Philosophie noch einmal von Grund auf völlig neu gedacht, die Fragen der Vorsokratik neu beantwortet, ihre wesentlichen Erkenntnisse aufgenommen und integriert. Und damit Antworten geschaffen, die eine Halbwertzeit hatten immerhin von bald zweieinhalb Jahrtausenden, das muß man ja auch erst einmal bringen. Aber jetzt eben bröselt das so vor sich hin, und man versucht in der Neuzeit, für die Philosophie (also auch Erkenntnistheorie und damit Leitwissenschaft der erst durch sie begründeten Wissenschaften überhaupt, so zumindest war es in der Metaphysik) einen neuen Grund zu finden.

    Durchgesetzt hat sich dabei Descartes. Ich vergesse mal alles, die ganze Tradition. Ich versuche, voraussetzungslos radikal an den Anfang zu gehen und alles zu bezweifeln. Gott, Materie, alles. Was aber ich nicht bezweifeln kann, das ist das Zweifeln selber, und so komme ich zum berühmten cogito ergo sum. Ein Ansatz, den nach vielen Zwischenschritten Kant dann weiter entwickelt, gültig bislang zumindest für die Naturwissenschaften.

    Husserl setzt dann in seinen Cartesianischen Meditationen noch einmal unmittelbar an Descartes an und begründet mit der Phänomenologie den Anspruch, Ähnliches zu leisten für die Geisteswissenschaften.

    Wenn Heidegger nun die Phänomenologie zurückbindet an die Geschichte der Philosophie, dann zeigt sich, daß Descartes‘ Ansatz alles andere ist als voraussetzungslos. „Ich“, „denken“, „sein“, alles von der Metaphysik entwickelte Begriffe. Am Deutlichsten kann man sich das machen, wenn man feststellt, daß es im Chinesischen überhaupt kein „sein“ gibt. Es gibt gar kein Wort dafür! Das ist ein Spezifikum zuerst einmal des Indogermanischen. Also auch die scheinbare neuzeitliche Neubegründung der Philosophie gehört als Abriss immer noch in die Geschichte der Metaphysik.

    Darum geht Heidegger einen für mich wichtigen weiteren Schritt: Nämlich ganz zurück in den Anfang der Philosophie. (Mit diesem Grundmotiv fängt Arendts Festrede ja auch an.) Frei nach Douglas Adams‘ „42“: Sokrates, Platon, Aristoteles haben uns Antworten gegeben, die über zwei Jahrtausende gehalten haben. Aber auf welche Fragen überhaupt? Verstehen wir die Antworten überhaupt noch, wenn wir die Fragen schon nicht mehr verstehen? Des weiteren: Durch diese Troika also ist uns überliefert worden von der Vorsokratik, was ihnen erhaltenswert erschien; es wurde mit Hegel „aufgehoben“. Was aber haben sie liegen gelassen? Welche Alternativantworten auf die Vorsokratik hätten gefunden werden können, sind sie heute vielleicht Möglichkeiten? Diese Frage nach der Vorsokratik hatte vor Heidegger so eindringlich nur Nietzsche gestellt.

    Seine Antworten muß ich ja nicht für mich übernehmen. Aber diese beiden Fragen vor allem habe ich für mich von Heidegger mitgenommen: Die Frage nach dem Sinn vom Sein, und die Frage nach dem Anfang der Philosophie. Mit letzterer war ich dann nach Irrwegen schließlich gelandet – Bei der Frage nach der Achsenzeit von Karl Jaspers. Die war mir sein Schulzeiten bekannt. Dringlich wurde sie mir erst durch Heidegger.

    Keine antisemitische Seinsgeschichte. Heidegger ventiliert nicht eine Theorie, nach der die arischen Griechen einen unheimlich tollen Anfang gesetzt hätten, und jahrtausendewährende jüdisch-christliche Wühlarbeit hätten die Fundamente untergraben und das Ganze inzwischen zum Einsturz gebracht. Heidegger hätte Intellekt und Material genug gehabt, eine solche Theorie zu untermauern. Heidegger stützt nicht einmal die These Nietzsches: Es gab das Goldene Zeitalter der inzwischen wesentlich verschütteten Vorsokratik; mit Sokrates und zeitgleich Euripides beginnt die Dekadenz des glücklichen, aber verweichlichten post-perikleischen Zeitalters. Nein, Heidegger sagt: In der Philosophie war von Anfang an der Wurm drin. In der Sache. Und was da schiefgelaufen ist, das herauszufinden bleibt als Aufgabe.

      • Von allen “Einführungen” in Heidegger hat meine Generation überzeugt Safranskis “Meister aus Deutschland”. Irgendwie hat Safranski nach meiner Kenntnis diese Klasse nicht mehr erreicht.

        Link zu Amazon

        Mehr möchte ich gar nicht nennen. Ein Buch zu Heidegger, seine Zeit und seine Philosophie.

        Etwas ganz Anderes, streng genommen OT: Klaus Held Treffpunkt Platon

        Link zu Amazon (auch als Taschenbuch). Eine Einführung in die klassische Philosophie, sehr ungewöhnlich: Anstatt zu versuchen, das gesamte Wirken eines Philosophen darzustellen, geht der Autor stets einem mit ihm verbundenen Problem, einer Diskussion nach, auch mal durch die Jahrhunderte. Sehr schön: Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen. Man kann also überall einsteigen vom Inhaltsverzeichnis aus. Und das Buch auch monatelang liegen lassen.

        Klaus Held ist einer der ausgewiesenen Meisterschüler Heideggers. (Später insbesondere zu Heraklit und Aristoteles, Husserl und Arendt geforscht; auch Student beim Husserl-Schüler Ludwig Landgrebe.) Da können Sie mal schmökern, wie solche Heidegger-Schüler auch ticken können. Zu Helds Unruhestand (und Ansehen) finden Sie hier Information.

        • Vielen Dank, @Alubehüteter! Werde das Thema gerne weiterverfolgen und habe u.a. schon das erscheinende “Die Zeitlichkeit des Seins” von Helmut Dietz ins Auge gefasst.
          https://www.beck-shop.de/dietz-zeitlichkeit/product/31126100

          Und Folge 10 dürfte Sie eigentlich freuen – außer, Sie würden nicht nur mit Jaspers, sondern auch mit Popper fremdeln… 😉
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-regiert-die-cia-ueber-den-vorwurf-des-verschwoerungstheoretikers-die-deutschen-medien/

          Ihnen Dank und alles Gute – schön, dass Sie sich so konstruktiv auf diesem Blog einbringen!

          • Popper …

            “Ich appelliere an die Philosophen aller Länder, sich zusammenzutun und nie wieder Heidegger zu erwähnen, oder mit einem anderen Philosophen zu sprechen, der Heidegger verteidigt.”

            Karl Raimund Popper (1902-1994) zu Martin Heideggers 90. Geburtstag

            Link

            Ich bin froh, Popper gelesen und gelehrt bekommen zu haben in einem früheren Leben, als mir der Name Heideggers noch nichts sagte. Mit Adorno hatte ich nicht dieses Glück. Ich finde so etwas unangebracht. An meiner Universität hat nie jemand Heideggers Einsatz für den Nationalsozialismus relativiert oder bagatellisiert, geschweige denn, verteidigt. Aber erwähnt haben sie eben doch.

            Ja gut. Bei Popper/Heidegger verstehe ich’s noch. Wenn Adorno Karl Jaspers zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an die Gurgel geht, hört es bei mir ganz auf. Wie schon gesagt. Die französischen antifaschistischen Existenzialisten sind nicht alle doof, wenn sie Heidegger lesen.

          • Solange auch die “französischen antifaschistischen Existenzialisten” ihren Popper gelesen und verstanden haben, soll es mir Recht sein… 😉

    • @ Alubehüteter
      24.04.2020, 14:34 Uhr

      Also zu Heidegger. Es dauert eine Weile, einen Text dazu so kurz zu schreiben.

      -> Alles unbestritten und gut so. Im Grunde hat jeder hirneichend durchschaute Gedanke seinen Sinn und Recht.

      Was ich meine, ist die in der Zeit durchaus weit verbreitete Problematik, das man aufgrund der Zerstörung und der Brutalität der Zeit eigendlich nichts mehr dneken konnte, ohne auch nur im Ansatz an das Scheitern von Gesellschaften und Politik zu denken und sogleich davon auszugehen, das alles Sein sinnlos ist – weil… wenns hart kommt, ist es sowieso alles egal.

      Angesichts der Seuche ist Albert Camus überall empfohlen. “Die Pest”… wenig originel angesichts der Aktualität.
      Aber Camus war auch einer, der jeden Sinn des Lebens verleugnen musste, weil er keinen fand. (Siehe Absurdismus)

      100 Jahre zurück hätte etwa Humboldt ganz anders darüber gesprochen.

      Wenn eine ganze Population aller Idee und Sinn durch katastrophen und Brutalität entzogen werden, dann … so habe ich angemerkt, braucht man sich über die seltsame “Philosophie” der Zeit nicht zu wundern.

      Das “Sein” ist letztlich unhinterfragt am gesündesten, wenns gut läuft. Jede Aufforderung, sich selbst zu hinterfragen ist nicht nur unbequem, sondern zuweilen auch gefährlich. Man kann Menschen damit ins Verderben stürzen.
      Wozu soll man auch hinterfragen, wenn man glücklich ist. Psychiater und Psychologen fordern psychisch gestörte auf, gerade nicht so viel nachzudenken. Nach theologischer Sichtweise wäre das ´ja auch Sünde. Niemand hinterfragt sich selbst, weil das auch die Infragestellung von Gott bedeutete.

      Aber in der ersten Hälfte des 20, Jahrhunderts wurde Gott eben getötet. Danach bleibt nichts, als die Suche nach dem eigenen Sein und Sinn. Oder “Wiederaufbau”….oder beides. Freiheit kostet die Seeligkeit.

      Es ist eine Ironie der Geschichte, das man auf dem Kreuzug zuweilen auch seine theologischen Väter tötet und ins Unglück stürzt.

      Insofern kann man Heidegger auch pathoilogisch sehen. Camus auch. Wer den Sinn, der vorbewusst oder bewusst sein kann, leugnet, ist praktisch pathologisch, weil kein Lebewesen/kein Tier sich hinterfragt.

      “Philosophieren” ist also zu einem gewissen Maße selbst eine pathologisch zu erkennede Verhaltensweise.

      Das Leben ist nämlich, anders, als uns die Moderne so erklären will, eigendlich nur Kampf und Konkurenz. Mit gerede und Gedenke lässt sich wenig gewinnen. Beweis dafür? Meine Kommentare und die Reaktionen darauf.

      Aber wer dann die falsche Weise Kampf anstrebt, er geht dabei drauf. Siehe Hitler, Siehe allerhand islamische Terroristen, siehe Islamischer Staat, und allerhand linksfeministisch Bewegte, die irgendwann einfach aus der Bewegung verschwinden, weil sie geschlagen wurden, da sie den Existenzkampf falsch führten.

      Die demokratische Nachkriegsmoderne ist, anders, als meist gedacht, sicher kein aus Freiheitskampf und Menschenrechtsforderung evolvierter Zustand der politischen Staatsführung. Er ist schlichte Notwendigkeit, wenn man eine zerfetzte Population zusammenhalten wollte.

      Mit Trump etwa können sie sehen, wenn die Hoheit über Gott und die Menschen wiedererlangt wurde: Es folgt automatisch die Restauration der Meritokratie oder Aristokratie…der feudalen Verhältnisse. Das ist auch der Grund, wieso man sagt, das die Demokratie die Bedingungen, auf denen sie aufgebaut ist, nicht selbst herstellen kann. Dazu braucht es entweder einen göttlichen Führer (jetzt nicht an Hitler denken), oder eben eine unvergleichliche Katastrophe, sodass die Population zerfetzt wird.
      Die in der Nachkriegszeit unterlegenen Zivilisationen brauchten die Demokratie als Lockruf für das Volk gegen die externen Vasalen, die im Lande herrschen, vorzugehen. Ohne Töten also keine Demokratie. Wenn also jeman dsagt, die Demokratie sei die beste aller Politikformen, der leugnet den Massenmord (theologisch und physisch) und verkennt auch, was es heisst, frei zu sein. Meine Erfahrung ist, das man entweder frei und krank, oder gesund, aber unfrei ist. Moderner Konstruktivismus will uns aber einreden, das man alles haben kann.

      Dabei ist es nur eine politische Strategie, um Oppositionelle Bewegungen nieder zu ringen. Profitieren tut immer das auf Restauration hoffende Establishmend. Kaum die “Demokratie”.

      Diese “Freiheit” weniger wird durch die schindenden Freiheitskämpfe des Volkes erreicht, von dem das Volk später nichts hat, als wieder nur Volk zu sein und damit als Rangiermasse für vernetzte Verhaltensökonomen Spielzeug oder Mittel zum Zweck zu sein.

  18. @ Blume

    vierte oder fünfte Gewalt…?

    -> Wohl mein Fehler. irgendeine dieser Gewalten halt.

    Aufnehmen tut diese Exekutive das natürlich. Aber daraus ergeben sich oft nie irgendwelche ermittlungserfolge oder überhaupt irgendwas. Dazu sei darauf hingewiesen, das nicht nur die Polizei eine Instanz ist, die damit gemeint ist. das gesamte Gesundheitssystem ist ja ein weiteres, wichtiges Rädchen in der Struktur.

    Wenn ich sie fragte, wie die unglaubliche Folgenlosigkeit meiner Versuche, mein Recht in diesen Gewaltenstrukturen zu erstreiten, gewesen war, dann weiß ich jetzt schon, wie sie darauf antworten. Also frage ich nicht. Aber ich könnte durchaus eine dritte Identität neben Juden und Moslems sein, die das Problem haben kann, das ihnen ihr Schaden nicht anerkannt wird.
    Ganz zu schweigen davon, das es aus meienr Sicht gar nicht um Juden, Moslems oder Christen geht, sondern um politische und soziale Diskrimminierungen, die man an der Religionszugehörigkeit gar nicht dingfest machen kann. Sie mögen in ihrer Institutionalisierung gerne konkret werden wollen. Aber das ist überhaupt nicht mein Problem.

    Oder würden sie sagen, das ich, weil ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre, keine Rechte hätte? Sicher nicht.

    @ Sandy
    23.04.2020, 08:57 Uhr

    -> Na, ich habe nicht gesagt, das man die Gewaltenteilung abschaffen soll. Vorwürfe dieser Art sind eher davon gezeichnet, das man als ins System integrierter selbst aus eienr Blase herrausschaut. Und die probleme der menschen nicht sehen kann, sondern alles in Rechtsnorm betrachtet. Ausserdem ist es ja auch wohl so, das diese Menschen davon ausgehen müssen, dass dieses System genau so einwandfrei und gerecht funktioniert, wie man sich das erhofft, wenn man daran beteiligt ist.

    Sich gegen Kritik zu wehren, bedeutet dann nur, dass man den Status Quo, in dem man selbst festsitzt, verteidigt. Allein dazu, sein eigenes Handeln zu rechtfertigen.

    Apropos “mutwillige Prozesse”:
    Das ist natürlich eine Frechheit und gefährliche Vorverurteilung.
    Ebenso kann ich dann völlig gerechtfertigt erklären, das tausende Verfahren wegen Cannabisbesitz und Missbrauch “mutwillig” geführt werden, obwohl viel dafür spricht, das man genau das nicht mehr macht, sondern legalisiert und reguliert. Und einiges fundamentales gegen eine Prohibition und Kriminalisierung.

    Stattdessen unken sogenannte Konservative und Rechtschaffende gegen ander Menschen, weil sie die Wirklichkeit nicht aushalten (und Drogen nehmen), und riskieren damit erst recht erhebkliche Folgeschäden wegen verunreinigter Drogen.

    Das ist subtil in die menschliche, moderne Zivilisation eingebaute evolutionäre Selektion, an der ein teil der Herranwachsenden strukturell bedingt Schaden nimmt und ausscheidet (oder gar stirbt).

    Das der Staat hinreichend Rechtsbeistand und verfolgung von kriminellen Handlungen ermöglicht, ist aus meiner Sicht ein sutbiles, heuchlerisches Gerücht, das in der Wirklichkeit nicht eingelösst wird.
    Und selbst wenn die Sachlage sich so darstellt, sodass ein Prozess als mutwillig” … also mit wenig Erfolgschancen also besser nicht geführt werden soll, dann liegt es sicher nicht ausschliesslich daran, das auch kein kriminelles Handeln vorliegt.

    Ihr Weltbild in allen Ehren… es funktioniert nicht für alle.

    • Sehr geehrter @Andromed, der Begriff “mutwillig ” ist weder eine “Frechheit” meinerseits, noch bezieht er sich irgendwie persönlich auf Sie oder Ihre mir unbekannten Auseinandersetzungen rechtlicher oder sonstiger Natur. “Nicht mutwillig” ist lediglich eine tatbestandliche Voraussetzung für die Bewilligung von Prozesskostenhilfe im Zivilrecht. Staatliche Mittel für eine solche Rechtsverfolgung wird verständlicherweise nur dann gewährt, wenn eine verständige oder (mit anderen Worten) vernünftige Prozesspartei (zivilprozessualer Kläger oder Beklagter) den Prozess auch ohne die finanzielle Unterstützung durch den Staat ihr Recht in gleicher Weise verfolgen würde. So wäre bspw. eine familienrechtliche Klage auf Unterhalt dann “mutwillig”, wenn der Unterhaltsschuldner ebenso pünktlich wie freiwillig und vorbehaltlos bezahlt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass etwa ein Schadensersatzprozess gegen Jugendliche, die sich im Rahmen der Fridays-for-future-Bewegung um ihre Zukunft sorgen, wegen “satanistischer Untriebe” als “mutwillig” , weil irrational eingestuft würde. Gleiches würde wohl für einen Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland gelten, um etwa feststellen lassen zu wollen, dass die Regierung das Coronavirus nur erfunden habe, um die alten Menschen in unserem Land umzubringen. Leider sind die letztgenannten, eigentlich unglaublichen Fallbeispiele keine Fiktion, sondern beruhen auf tatsächlich geäußertem Verschwörungsunsinn eines offensichtlich mehr und mehr in rechtsextremes Gedankengut abdriftenden Sängers, mit dem sich die lesenswerte fünfte Podcast-Folge von Michael Blume auseinandersetzt. – Im Strafrecht übrigens, welches Sie hier mit dem Zivillrecht vermengen, gibt es das Prinzip der “notwenigen” oder Pflicht- Verteidigung.
      In jedem Falle ist aber der Zugang zur Rechtsstaatlichkeit jedermann – unabhängig von seinen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen gewährleistet. Die von Ihnen kritisierte gesetzliche Situation ist daher per se im Wesentlichen gerecht. Dass es bei der Umsetzung von Gesetzen in der Praxis durchaus auch den einen oder anderen Stolperstein gibt, weiß ich aus eigener Erfahrung sehr gut. Kein Mensch, auch kein Entscheidungsträger ist unfehlbar. Wäre dies so, würde sich mein Berufsstand erübrigen. Wenn Sie also die eine oder andere persönliche Niederlage erfahren haben, kann das durchaus auch auf unzutreffender und rechtswidriger, ja sogar (auch ich habe das in meiner langjährigen Praxis schon erlebt) willkürlicher Gesetzesanwendung beruhen. Dann aber gibt es Überprüfungs- und Korrekturmöglichkeiten auf dem Instanzenweg. Auch hierfür gibt es wieder die Möglichkeit der Prozesskostenhilfe.
      Es wäre daher wohl auch bei einer schlechten Erfahrung im Einzelfall unangemessen, das gesamte System in Frage zu stellen. Ihnen alles Gute!👍🍀

      • @ Sandy
        25.04.2020, 17:55 Uhr

        Sie wechseln zwischen der Richtigkeit der formalen Struktur und Gesetzgebung und gewissen Abdriftungen bei Anmaßungen von Individuen, die ein kompliziertes Rechtsanliegen haben.

        Das sie auf meine Anregungen mit dem Vorwurf der “mutwilligen Prozesse” reagieren, ist eine solche affektive, unbedachte Reaktion, die mir verrät, dsas sie zwar das System formal beführworten, aber im Einzelnen durchaus bereit sind, auf die formal korrekte Durchsetzung dieser Gesetzgebungsstruktur und Bedingungen zu verzichten.

        In der Sache hat eine solche Szenerie nämlich nichts mit meinem Inhalt zu tun – es ist sozusagen eine “freudsche Affektinterpretation” (in Anlehnung auf den “freudschen Versprecher”), die mir genau eines aufzeigt: die Niedertracht der “Rechtschaffenden” gegen desintegrierte Menschen (oder Menschen, die man nicht in Gesellschaft haben wollte).

        Das ist so normal, wie gewohnt. Und es ist der Ursürung dessen,w as iuch eigendlich kritisiere: Das ein gut konstruiertes System eben auch Fehler macht… Fehlleistungen zulässt, die dann nicht rechtlich verhandelt werden, weil eine etablierte Judikativ- und Exekutivstruktur kategorisch dagegen aggiert. Und dieses katregorische Aggieren ist nur im Ansatz formal durch das Rechts- und Organisationssystem gerechtfertigt. Sei es aus der Befürchtung, das grenzwertige Rechtsfragen zur “Verstopfung” der Rechtsstruktur führen, oder weil man automatisch die Idee hat, manche Menschen würden “mutwillig” die Gerichte beschäftigen.

        Es findet eine Vorauswahl statt, die mit den heeren Idealen des Systems nichts mehr gemein hat und es Hohn spricht.

        Und nebenbei:
        Kein Rechtsanwalt oder Richter darf jemals von “Verschwöhrungstheorien” sprechen. Denn das Rechtssystem kennt sowas nicht. Es gibt keine Vorverurteilung im Ideal des modernen Rechtssystems – auch in ihrem Ideal…hoffentlich. Denn alles ist anhand der Sachlage zu entscheiden.

        Wenn nun aber solche dennoch daherkommen, und vollen Mundes von “Verschwöhrungs-Ideotie” sprechen, dann ist der Apfel längst faul und das System selektiert auch tatsächlich unerwünschte Rechtsanfragen aus. Gegen diese Anschuldigung können sie absolut nichts einwenden. Es ist immer dann tatsächliche Wirklichkeit.

        Noch ein Zitat:
        In jedem Falle ist aber der Zugang zur Rechtsstaatlichkeit jedermann – unabhängig von seinen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen gewährleistet.

        -> Es ist formal ermöglicht, aber nicht gewährleistet. Kleiner Unterschied. Formal ist vieles möglich, aber daraus ergibt sich nicht zwingend, das ein tatsächlicher Rechtsbruch an jedem Menschen auch juristisch verhandelt wird. Ich erwähnte es: Die darunter stehende, zuarbeitende Struktur weiß es zu verhindern – bewusst oder unbewusst (aka affektiv).

        Zitat:
        Es wäre daher wohl auch bei einer schlechten Erfahrung im Einzelfall unangemessen, das gesamte System in Frage zu stellen.

        -> Tja, ich habe nicht das System infrage gestellt, sondern die Menschen, die dem System zuarbeiten (müssten). Ich kann kein Recht vor einem Richter einklagen (oder Unrecht verhandeln), wenn die Menschen, die dazu da wären, die Beweise zu erbringen, eben das nicht tun. Und dann steht man da, wie der Hauptmann von Köpenick, der ohne Arbeit keine Wohnung bekommt und ohne Wohnung keine Arbeit.
        Ohne den Beweis für das Unrecht/Delikt, gibt es keine Anzeige bei Polizei oder vor Gericht. Aber die Beweis-Erbringenden Instanzen verweisen auf die Polizei, die doch bitte die Beweiserbringung anfordern sollen – vorher will man keinen Aufwand auf die beweiserbringung aufwenden.

        Und für manche Menschen machen die etablierten Strukturen aus unoffensichtlichen Gründen keinen Finger krumm oder riskieren ihre etablierte Position, indem sie unklare Sachlagen trotzdem verhandeln wollen. Und dann kommen auch solche Absurditäten, wie “mutwillige Prozesse” herraus, die man als Rechtfertigung für Nichtverhandlung/verfolgung vorgeben.

        Wenn das der normale Verfahrensweg im “System” ist, dann ist das System eben doch fehlerhaft oder unzureichend. Und dann ist es eben auch “Systemkritik”. Aber das müssen sie für sich entscheiden, was es ist. Ein Jurist wird es wohl hinreichend erfassen können.

        “Bedürftige” Menschen, die selbst nicht in der Lage sind – weder kognitiv, noch mental – sich gegen an ihnen geschehendes Unrecht zu wehren, sind hier zwar formal abgesichert, aber real wird ihnen nicht das Mindeste zugestanden, weil es als Anmaßung und unnütze Inanspruchnahme angesehen wird, wenn ein derart “minderbemittelter” Mensch einen Rechtsanspruch geltend machen wollte.

        Es ist die Ursache des in jeder Generation stattfindenden Rechtrucks. Die Radikalisierung als Folge von solcher Ignoranz. Und das diese Menschen, die sich später radikalisieren, nicht wissen, das sie keine Chance in dieser Szenerie haben, und vollkommen erfolglos für ihr Recht streiten und Demonstrieren (in allen möglichen Formen), ist eine weitere Anmaßung an die ihnen formal zugestandenen Rechte und an die Menschen selbst.

        Sie, als Juristin, können sich hier sicher nicht anhand der formalen Gesetzgebung und der vorgeblich zugestandenen Möglichkeiten freisprechen. Mit keiner noch so schlüssigen Logik oder Rechtsansprüchen. Dies ist ein ethisches Problem, kein Formalrechtliches. Als Hitler und die Nationalsozialisten neues Recht erschufen, gab es formalrechtlich auch haufenweise Rechtfertigung das System zu loben.

        Das System und deren Akteure, wie es derzeit noch immer besteht, setzt darauf, das ein Teil der Menschen keinen Rechtsanspruch geltend machen wird (oder dazu gezwungen wird, es zu unterlassen).
        Ihre Erwiederung der “mutwilligkeit” von Prozessen auf meinen Einwand ist hierfür ein hinreichender Beweis. Sie versuchen eine Taktik zu verteidigen, damit sie sich nicht mit den unsichtbaren Rechtsbrüchen befassen müssen.

        • Sie möchten mich nicht verstehen. Lesen Sie einfach Paragraph 114 der Zivilprozessordnung und beziehen Sie nicht alles auf sich selbst. Das ist wohl eine grundlegende Eigenschaft aller sich von Verschwörung verfolgt Glaubenden und auf Dauer jedenfalls nicht gesund. Warum und v.a. wie sollte ich mich mit kryptischen, wie Sie sagen “unsichtbaren”, m.a.W. nicht existenten Rechtsbrüchen beschäftigen? Mein Berufsalltag besteht aus Fakten und der Realität, damit bin ich durchaus auch ausgelastet. Trotz der unverdienten Beschimpfungen wünsche ich Ihnen alles Gute!

  19. @ Sandy
    27.04.2020, 20:42 Uhr

    Und sie wollen mich nicht verstehen. Und so geht das Unglück seinen Lauf, wie ich oben schon erwähnt habe.

    Und was soll denn der Paragraf 114 hier in der Sache?

    Und selbstverständlich beziehe ich mich auf mich selbst und meinen Erfahrungen. Was denn sonst? Von was kann ich überhaupt berichten, wenn nicht von meinen Erfahrungen?

    Aber wenn diese nicht ernst genug genommen werden, wie es das Gesetz vorsieht, dann ist eben was faul.

    Was bedeutet, das ihr gelobtes System nicht funktioniert, wenn man Menschen allerhand Schaden und Manipulationen antun kann, das Rechtssystem davon aber nichts als Rechtsgegenstand anerkennt.

    Aber man kann das auch anders szenieren:
    Weil ich mutmaßlich nicht das bin, was man in Gesellschaft haben wollte, und mein Karma und Ausstrahlung auf meine Mitmenschen wirkt (oder die Informationen in der digitalen Datenverarbeitung der Institutionen enthalten sind), wird mit mir a priori anders umgegangen, als mit anderen Menschen.

    Was etwa auch an meinen Genen liegen kann: Ich bin mutmaßlich nicht Träger der Gene, die in der Region überwiegend ansässig ist.

    Oder einfach: Die Traumatisierungen und Demütigungen, die mir angetan wurden, führen dazu, das ich permanent unangenehme Ausstrahlung auf meine Mitmenschen bewirke.

    Und sie sind dabei natürlich ebenso mit inbegriffen, wie der Rest der Menschen, mit denen man in Kontakt kommt, wenn man Hilfe sucht.

    Unsichtbare Rechtsbrüche sind solche, die nie vor einem Gericht verhandelt werden. Solche tauchen dann auch in keiner Statistik auf. Also “unsichtbar”.. sozusagen. Das sie sich das so nicht vorstellen wollen können, und also eine Art Ignoranz und Abwehrreaktion besteht, weil sie sich in nichts meiner Erfahrungen und Aussagen hineinversetzen wollen, ist tüpisches Symptom. Und ist die Ursache, das dieses Rechtssystem vieles ermöglicht, aber nichts garantiert.

    Einer der Rechtsanwälte, die ich wegen der Probleme aufsuchte, hat “sein” Problem mit mir einfach so gelösst – Zitat:
    …bedauere ihnen mitteilen zu müssen, das ich sie aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter vertreten kann und von meinem Mandat zurück trete….

    Kann passieren. Aber andere Rechtanwälte fanden andere Wege, mich nicht zum Mandanten werden zu lassen. Und nochmal erwähnt: Die BEweiserbringung als wichtiges Detail jedes rechtsrelevanten verfahrens aus den dazu zuständigen Institutionen wurde nie erbracht. Ärzte verweigerten hinreichende Dokumentationen der Anamnese und Behandlungen und notwendige Labortests. Polizei tat auch weiter nichts, als ich mich an ihr wendete.

    Wenn diese Institutionen/Exekutiven nur dazu da sind, die Einhaltung der Gesetze gegenüber den Bürgern durchzusetzen, aber nicht, Verstöße dieser Art zu verfolgen, dann steht dem Bürger (oder Menschen) in diesem System kein hinreichender Schutz vor Schaden und Diskrimminierung zu.

    Und was im Rechtssystem ankommt, wird dann auch nur Banale Verhandlungsgegenstände sein, die eher dazu da sind, den Menschen ein gutes Gefühl und einen beweis dafür zu geben, das dieses Rechtssystem funktioniert. Und sie also sicher sein können, das auch ihr Schaden im Zweifelsfall verhandelt wird.

    Es gibt in der jüngsten Justizgeschichte Deutschlands einige massenmediale Prozesse, die viel mehr nach Schauprozess, als nach wirklicher Strafjustiz aussehen: NSU-Prozess, Loveparade-Prozess, das Mollath-Martyrium, … usw.

    Wenn sie bei Gericht 5 Jahre verhandlungszeit dazu aufwenden, um eine strafrechtlich relevante Beteiligung der Angeklagten an den Morden der NSU-Zelle nachzuweisen/zu erstreiten versuchen, dann ist da was faul. Ich sehe das ebenso als “mutwillige” Prozessführung an. Denn die Idee des rechtssystems ist ja die: Erst, wenn hinreichende beweise für Schuld vorliegen, kann ein Gerichtsverfahren überhaupt erst begonnen werden. Und wenn das so wäre, dann würde eine Verurteilung kaum 5 Jahre dauern müssen.

    Bei mir jedenfalls kam es eben deswegen nicht zu einer Gerichtsverhandlung, weil die Beweislage unklar war.
    Und das heisst nicht, das auch kein tatsächlicher Rechtsverstoß existierte, da ja auch kein verfahren aufgenommen wurde.

    Das aber ist ihre Haltung und Ansicht der Szenerie, wenn sie davon schwafeln, das es möglicherweise zu viele “mutwillige” Prozesse gäbe/geben könnte, wenn man da nicht irgendwie aufpassen würde.

    • @Andromed
      Sie schreiben, dass Sie “permanent eine unangenehme Ausstrahlung” auf Ihre Mitmenschen haben. Dann wird natürlich in selbstviktimisierender Manier die Schuld für dieses Dilemma ausschließlich bei den Mitmenschen gesucht. Vielleicht versuchen Sie es einfach einmal mit einer anderen Herangehensweise: Gehen Sie offen und freundlich auf Ihre Mitmenschen zu, trauen Sie sich ein Lächeln und ein gesundes Vertrauen darauf, dass es eine Menge dieser Mitmenschen gibt, die Ihnen gerne helfen möchten. Mit einem aggressiven und beleidigenden Tonfall, der Ihre Kommentare häufig begleitet, kann man allerdings nur schwer die Gunst seiner Mitmenschen gewinnen. Aus Ihren Ausführungen schließe ich, dass Sie ein sehr verletzlicher Mensch sind. Dies macht Hoffnung, dass Sie auch zu Mitgefühl anderen Menschen gegenüber fähig sein können. Also, wagen Sie etwas Empathie und Sie werden sehen, dass – wenn sich die Welt nicht nur um das eigene Ego dreht – das Leben viel erfüllter und erfreulicher sein kann.
      Beginnen könnten Sie beispielsweise damit, sich in die Angehörigen der überwiegend türkisch- und griechischstämmigen Opfer des neonazistischen Terrors der NSU hineinzuversetzen, anstatt “eine relevante Beteiligung” der Angeklagten des NSU-Prozesses an den grausamen Morden in Frage zu stellen. Und hier bin ich – entgegen Ihres Vorwurfes einer übertriebenen Systemanpassung – durchaus kritisch hinsichtlich der Umsetzung unvoreingenommener Rechtsstaatlichkeit. Denn über Jahre wurden seitens der Ermittlungsorgane rechtsextreme Hintergründe dieser Verbrechen schlichtweg negiert, stattdessen akribisch und vorurteilsbehaftet die Täter im Umfeld der Opfer gesucht und damit die Angehörigen in noch größeres Unglück gestürzt. Zwielichtige V-Leute wurden mit sechsstelligen Beträgen aus Steuermitteln finanziert, relevante Akten der Geheimdienste geschreddert.
      Wenn Sie den NSU-Prozess als “Schauprozess” bezeichnen, nur weil er fünf Jahre gedauert hat, so ist dies ebenso widersprüchlich wie zynisch. Es ist doch gerade ein Verdienst der Rechtsstaatlichkeit, dass in einem so komplexen Verfahren jedes Beweismittel ausgeschöpft, jeder Zeuge, der die Angeklagten auch entlasten könnte, angehört wird. Dies braucht Sorgfalt und Zeit. Wesentlicher Grund der langen Dauer war übrigens, dass von den insgesamt 14 Verteidigern der Angeklagten viele Anträge gestellt wurden, so dass das Verfahren sehr häufig – teilweise über Tage – allein zur Formulierung eines solchen Antrages unterbrochen werden musste. Dies gehört zu einem rechtsstaatlichem Verfahren, dient aber gerade – entgegen Ihrer Unterstellungen – der Möglichkeit einer effektiven Verteidigung der Angeklagten. So musste sich das Gericht in diesem Rahmen sogar mit ebenso sachfremden wie widerlichen Beweisanträgen zum angeblichen Mord an Rudolf Heß und zur demografischen Feststellung eines “drohenden Volkstodes” der Deutschen durch “Überfremdung” auseinandersetzen… .
      Vielleicht machen Sie sich erst einmal mit dem Begriff “Schauprozess” vertraut, bevor Sie ihn hier leichtfertig verwenden. In derartigen, meist “kurzen” Prozessen wurden oftmals bloße Meinungsäußerungen oder leichte Vergehen zu “staats- oder volkszersetzenden” Verbrechen wie “Hochverrat” stilisiert, den Angeklagten praktisch keine Verteidigungsmöglichkeit eingeräumt, Geständnisse erpresst bzw. im Vorfeld mittels Folter erzwungen. Hierzu nur folgende Buchempfehlung an Sie: Helmut Ordner: Der Hinrichter. Roland Freisler, Mörder im Dienste Hitlers. Verlag Steidl, Göttingen 1995. –

      An Michael Blume noch einmal vielen Dank für den aufschlussreichen und interessanten Podcast. Auch aus den zahlreichen Kommentierungen der anderen Folgen konnte ich viele Denkansätze mitnehmen und (allerdings nicht nur erfreuliche) Einblicke in den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft erhalten.
      Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass man unterscheiden muss zwischen jenen, die Verschwörungsideologien kreieren und verbreiten und deren Adressaten, die zu Verschwörungsgläubigen werden. (Nur) für Letztere bietet m. E. der Dualismus, m.a.W. die Abspaltung des Bösen von sich selbst, dessen Übertragung ausschließlich auf Andere und die vereinfachte Schwarz-Weiß-Sicht mittels Unterteilung in Gut und Böse, eine Erklärung. Diese Menschen können und wollen mit schwierigen Lebenssituationen (wie derzeit die Corona-Krise) nicht umgehen; sie sind es müde und möchten in ihre bequeme, vom eigenen Tellerrand begrenzte Normalität schnell wieder zurück. Da braucht es einfache Antworten, andere Schuldige und die Leugnung schwieriger Lebenslagen, deren Überwindung womöglich eigener Anstrengung bedarf. Da passt ein hochgefährliches Virus nichts ins Weltbild, weil es Angst macht und die Erbringung eigener Opfer in Form einer Einschränkung der gewohnten Lebensweise, ein Verlassen der Komfortzone erfordert. Bei den Verschwörungsgläubigen spielen Naivität und/ oder Bildungsdefizite eine entscheidende Rolle. Anders verhält es sich bei jenen, die Verschwörungsmythen in die Welt setzen und verbreiten. Diese Menschen sind ebenso schlau wie kreativ, ebenso populistisch wie demagogisch, um ihre Ziele – die Ausgrenzung und letztlich den Hass auf andere Menschen, seien es Jüdinnen und Juden, ausländische Menschen, Demokratinnen und Demokraten oder Angehörige anderer Religionen – zu erreichen. Sie schrecken nicht davor zurück (so z.B. aktuell auch die Initiatoren des “Widerstand 2020”), die Gesundheit und das Leben anderer auf`s Spiel zu setzen, rufen gar zu “bewaffneten Aufständen” auf. Diese Leute sind alles andere als naiv oder gutgläubig, sie passen mit ihrem arroganten, wissenschaftsfeindlichen, inhumanen, empathielosen und rattenfängergleichen Auftreten in das Bild des malignen Narzissmus.
      In der Hoffnung, dass Humanität und Vernunft sich in diesen schwierigen Zeiten durchsetzen, wünsche ich uns allen einen besinnlichen 8. Mai (dem 75. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus), der für mich ein Feiertag ist. Dass er für Menschen wie Alexander Gauland ein “Tag der absoluten Niederlage” (O-Ton) bedeutet, ist für mich ein Grund mehr, diesen Tag zu feiern.

  20. @ Sandy
    08.05.2020, 11:26 Uhr

    @Andromed

    -> Nein nein, verdrehen sie die Wirklichkeiten mal nicht und vor allem bleiben sie sachlich und emotionalisieren nicht.
    Wenn dies ein Rechtsstaat sei, ich Staatsbürger bin, Rechte habe, wieso bekomme ich sie nicht?

    So, wie ich meine Problematik geschildert habe, ist es fast genauso abgelaufen, wie sie mir als Beispiel einer schlechten Ermittlungsmotivation und Unwilliger Schlußfolgerung (anerkennen der Rechtsradikalen motivation – wobei es unerheblich sei, das Rechtssystem und Ermittlungsisntanzen müssen ja trotz aller Ideologie sachlichdienlich ermitteln – egal, welche Motivation der Straftat vorranging) vorschieben. So ist es, wenn ein Rechtssystem offenbar nicht funktioniert. Wieso sie mir absprechen, was bei Opfern rechtsradikaler Motivation um so schlimmer sei, ist unklar. Hinterfragen sie sich mal.

    Und natürlich dürften die Morde gar nicht erst geschehen sein. Aber Wiegen sie nicht Leid gegen Leid auf. Das ist unsensibel. Wo wir wieder bei der Emphatie wären, die sie mir abverlangen, aber an sich selbst vermissen lassen.

    Sie wollen dich nur Diskreditieren. Ich darf das sagen, nachdem die Diskussion so gelaufen ist, wie sie gelaufen ist.

  21. @ Sandy
    08.05.2020, 11:26 Uhr

    Und übrigens:
    Nahestehende Menschen, die Sterben, hinterlassen eine Leerstelle in einem selbst. Ich weiß das. Leider zu gut.
    Falls sie Probleme damit haben, das diese “Kultur” sich demgegenüber falsch verhält/aufstellt, dann müssen sie nicht mich anmotzen, sondern mal direkt in die DSM xy schauen, wo man Trauer zur Pathologie macht – nach zwei Wochen (oder so). Wer Emphatie abverlangt, muß eben emphatisch und gerecht bleiben, auch wenn es gerade nicht in den Kram passt.

    • Sehr geehrter @Andromed, bitte überprüfen Sie Ihren Tonfall.
      Ich weiß nicht, worunter Sie leiden. Dass Sie dies massiv tun, ist mir bewusst und es tut mir auch von Herzen leid. Nun ist dieses Forum aber nicht der geeignete Platz, Ihre persönlichen/ rechtlichen oder wie auch immer gearteten Probleme in der geboteten Sorgfalt zu be- und eine Lösung zu erarbeiten. Bitte wenden Sie sich mit der empfohlenen Offenheit, dem notwendigen Vertrauen, aber auch dem gebotenen Respekt an Vertreterinnen/ Vertreter der Berufsgruppen in Ihrem Umfeld, die Ihnen helfen können und dies – bei entsprechendem Auftreten Ihrerseits – mit Sicherheit auch sehr gerne tun werden.

      Ich wünsche Ihnen jedenfalls alles erdenklich Gute, dass Sie vor allem bald wieder zuversichtlich in die Zukunft sehen können und Freude am Leben verspüren.
      Dies ist in der jetzigen Pandemie-Situation für uns alle nicht leicht, aber gemeinsam – und nur gemeinsam – gut zu schaffen.

      Nochmals alles Gute für Sie!

      • Ich bitte sie: Mein “Ton” ist nicht anmaßend, sondern (an)klagend. Das mag das einzige Problem sein. Und wie sie mir empfehlen, ist das auch nur schlüssig: ich solle mir woanders Hilfe suchen – nicht im Kommentarbereich.

        Solche Reaktion ist typisch für ignoranzbedingte Ablehnung. “Probleme”? Bitte woanders lösen. Wenn das aber alle so tun, dann geht ihre Idee von gerechter und menschenwürdiger Welt natürlich nicht auf. Und es sieht sehr danach aus, das es überall so ist – weil die Arbeitsteilung zwar Vorteile bringt, aber auch abstumpft. Ausserdem institutionalisierte Gesellschaften den Hang dazu haben, Dienst nach Vorschrift zu tun – und die sind in den vergangenen Jahren erheblich gestrafft worden…die Vorschriften. Und alle suchen immerzu, wenns mal unbequem wird, nach Auswegen aus der Dienstpflicht oder den eigenen Idealvorstellungen von Welt (deren Imperativen), um Rechtfertigung dazu zu haben, nicht handeln zu müssen.

        Faulheit existiert auch auf akademischer Ebene. Oder sollte man es anders nennen? Etwa Selektion nach Gefühl und Symphatie? Woraufhin es auf diesen einen Punkt hinausläuft, der hier im Sinne gegen den Antisemitismus auch angesprochen wird: Menschenhass (oder die weniger starke Version davon: Ignoranz und Desinteresse anderer Schicksale gegenüber).

  22. Hallo,

    mann mann mann… wieviel Mühe sich manche mit ihren Kommentaren geben..
    Ellenlange Texte, felsenfeste Überzeugungen…

    Was ich meine Bekannten frage, wenn sie mir mit Verschwörungstheorieen kommen, ist:

    “WARUM MACHT IHR EUCH SO EINEN KOPF DARUM?”

    Ich kenne halt auch Leute, die an Verschwörungen glauben. Und ständig ist es Thema; Soros hat dies getan, Gates macht das, .. und wie obsessiv die dabei sind..

    OK, du hast also deine Meinung zu dem Thema. Aber warum diese Vehemenz?
    Ihr müsstet mal sehen, falls Ihr das nicht schon selbst erlebt habt, wie hitzköpfig darüber gefachsimpelt wird.. Die reden sich so in Rage..

    Der Hammer ist ein Pärchen, das ich kenne. Die gehen so ab da drauf..
    Die Frau postet ständig WhatsApp Stati, in denen Sie vom Universum usw. erzählt, dass ihr schon vor laanger, laanger Zeit geweissagt habe, dass diese Tage der Corona Pandemie kommen werden.. Manche Menschen würden das halt spüren, bla bla..

    (Ich würde ihr am liebsten sagen: “Geh mal zum Arzt, Mädchen. Der soll deine Schrauben wieder festziehen)

    Hömma, die fühlen sich sogar in ihrem Verschwurbelungsding bestätigt und sind froh, dass das eingetreten ist, als wenn das jetzt ein Beweis dafür ist, dass sie Recht hatten, mit was auch immer..

    Und wenn ich dann, ich weiss es ist vergebens, versuche im Gespräch die vorhandenen Fakten zusammenzutragen um abzuwägen und sich einen Überblick über Behauptungen, Lügen und Erkenntnisse zu verschaffen, dann reagieren die meisten Verschwurbelungstheoretiker gleich, denn..

    ..dann heisst es:

    “DU GLAUBST DOCH NICHT ETWA, WAS DIE REGIERUNG UND DIE MEDIEN SAGEN? WACH AUF !!!”

    Ja, ne is klar..
    Aber ihr glaubt lieber an das was ihr aufs Handy als geteilten Post gesendet bekommt.. Die ist ja auch soo zuverlässig, diese Informationsquelle
    WhatsApp – “NACHRICHTEN”..

    Ich sehe das so: Das Virus ist real. Ich weiss nicht ob es durch einen Unfall, mit Absicht oder auf natürlichem Wege entstanden ist und seinen Weg zum Menschen fand, mache mir aber auch keinen Kopf darum.

    Und selbst wenn “DIE ELITEN” uns tatsächlich unterdrücken, ausnutzen und aus unserem Dasein, unserer Gesundheit und unserem Wirken Kapital schlagen und mehr Macht erlangen wollen, und wenn es eine mächtige, weit vernetzte und geheime Struktur gibt, die Ziele verfolgt, …

    Leute, da braucht sich niemand drüber so den Kopf und die Nerven zu zerbrechen..

    Geheime Absprachen gibt es unter Staaten, Unternehmen, Institutionen, usw.
    Das ist doch keine Sensation. Und die Wohlhabenden, die Grossunternehmer, die Grosserben, kurzum, jeder der einen gehobenen Lebensstandard erreicht hat, möchte diesen Zustand beibehalten, und sogar das Wohl noch mehren.

    Da ist jeder Mensch, okay die allermeisten, gleich gestrickt..
    Wer zur Elite gehört, wird versuchen Elite zu bleiben, normal.
    Und wenn wir uns jetzt hitzige Debatten liefern und uns den Mund fusselig reden, über die Gier dieser Blut saugenden Bänker, Manager, Wirtschaftsbosse, bla bla..

    So, dass es unseren Blutdruck in die Höhe schiessen lässt und wir anfangen zu schwitzen.. das ist auch nicht gesund..

    ALSO: macht Euch keinen Kopf, haltet Euch an die Regeln, seid geduldig..

    So, keine Lust mehr zu schreiben. Tschüss..

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