Verschwörungsfragen 57 – In Erinnerung an Meinhard Tenne, Freund, Holocaust-Überlebender & Lehrhaus-Mitgründer

Bevor ich am 8. Mai 2025 zum 80ten Jahrestag des Kriegsendes eine Gedenkrede bewusst in meiner Heimatstadt Filderstadt redete, unternahm ich etwas für mich persönlich sehr Wichtiges. Gemeinsam mit seinen Söhnen Jan & Jacques nahm ich in Stuttgart die Erinnerungs-Folge 57 von “Verschwörungsfragen” für Meinhard Mordechai Tenné (1923 – 2015) auf.
Am 27. April 2014 durften wir mit Meinhard noch seine Autobiografie “Aus meinem Leben” im jüdisch-christlich-islamischen Lehrhaus, das er mitbegründet hatte, feiern. Der Holocaust-Überlende starb am 29. September 2015 in Stuttgart. Foto: Michael Blume
Für mein Leben hatte die Freundschaft mit Meinhard eine überragende Bedeutung gehabt. Als Mitgründer einer christlich-islamischen Gesellschaft (CIG) waren mein muslimischer Mitvorsitzender Murat und ich auch auf Antisemitismus unter jungen Christen und Muslimen gestoßen. Also rief ich, damals noch ein junger Bank-Azubi, bei der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) an und freute mich, dass der Vorstandssprecher “Herr Tenné” sich sofort Zeit für uns nahm.
Er war begeistert, dass sich endlich auch junge Menschen für das Miteinander interessierten, denen es nicht um eine Bearbeitung oder Abgeltung falscher Schuld, sondern um die Zukunft ging. So wurden wir Freunde und bald als “die drei Ms” (Meinhard, Murat & Michael) im interreligiösen Trialog bespöttelt, aber auch bekannt.
Erst nach und nach erzählte uns der in Berlin geborene Meinhard, dass er selbst mit seinem Vater den Nazis nur knapp in die Schweiz entkommen war, seine Mutter und Schwester aber auf der Flucht ergriffen und ermordet wurden.
Meinhard ging nach Israel, diente dort in der Armee und kehrte erst auf die ausdrückliche Bitte des damaligen, legendären Bürgermeisters von Jerusalem, Teddy Kollek (1911 – 2007) zunächst in die Schweiz zurück, um von dort aus den dringend benötigten Tourismus ins Heilige Land aufzubauen. Schließlich ließ er sich gemeinsam mit seiner Frau Inge Tenné (1935 – 2016) in Stuttgart nieder, wurde dort Vorstandssprecher der IRGW und arbeite bis zuletzt unermüdlich für den Dialog zwischen Deutschen und Israelis, aber auch generell zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Menschen. Hunderten, wenn nicht Tausenden Menschen nahm er Hass aus den Herzen und stiftete gemeinsam mit dem Ehepaar Blickle das “Stuttgarter Lehrhaus“, das bis heute den interreligiösen Dialog und die Friedensarbeit voranbringt.
Zumal ich auch im September 2015 im Irak-Einsatz war und daher in den letzten Tagen nicht bei ihm sein konnte, erinnere ich privat jedes Jahr an den lieben Freund, die große Seele, an Meinhard, der für immer zu den großen Vorbildern in meinem Leben gehören wird.
Und als also die Frage aufkam, was ich am 8. Mai 2025 – dem 80. Jahrestag des Kriegsendes – zum Gedenken tun wollte, besprach ich mit meinem Team 1. eine bewusst lokale Rede in meiner Heimatstadt und 2. eine Podcast-Folge mit Jacques & Jan Tenné, um gemeinsam ihres Vaters zu gedenken. Und – auch ich hörte dabei vieles zum ersten Mal und schäme mich nicht der feuchten Augen.
Danke allen, die mit uns dreien durch das Anhören von VF 57 an Meinhard Mordechai Tenné, einen großen Deutschen, Juden, Israeli, Brückenbauer erinnern.
Danke für diese starke und berührende Podcast-Folge. Ich hatte nicht die Ehre, Herrn Tenné zu kennen und bin sehr dankbar, in Ihrem Podcast so viel über ihn erfahren zu haben.
Vor vielen Jahren waren mein Mann und ich mit Freunden zu Gast in der Stuttgarter Synagoge. Daran hat mich Ihr Gespräch erinnert.
Vielen Dank & ja, @Marie H. – einen Besuch der Stuttgarter Synagoge kann ich wirklich allen nur empfehlen. Folge 48 mit Jenny Havemann haben wir sogar direkt dort aufgenommen:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-48-im-dialog-mit-jenny-havemann/
Jennys jüdischer und deutsch-israelischer Ehemann Eliyah Havemann – ein Sohn von Wolf Biermann und Enkel von Robert Havemann – wird teilweise von den gleichen Rechtsextremisten getrollt, die auch mich immer wieder angreifen. Es war mir eine Ehre, ein Vorwort für das Buch “Frag uns doch! Eine Jüdin und ein Jude erzählen aus ihrem Leben” beizutragen, dass Eliyah mit Marina Weisband verfasst hat.
https://www.fischerverlage.de/buch/marina-weisband-eliyah-havemann-frag-uns-doch-9783103974911
In gewisser Hinsicht hat mir der erst christlich-islamische, dann aber seit Meinhard auch darüber hinaus interreligiöse Dialog das Kennenlernen wunderbarer Menschen eröffnet, die es quer durch alle Religionen, Völker und Staaten gibt. Ein Zusammenleben in Frieden, Freiheit, Sicherheit und gegenseitigem Respekt ist möglich, wenn wir alle etwas dafür tun.
Ich danke Ihnen daher sehr für Ihre dialogischen Beiträge und auch für Ihr Interesse an dieser Gedenkfolge des Podcasts. 🙏🖖
Während die Intro-Musik spielte, habe ich schon mal in den Spektrum-Artikel über Löb Strauss und die Entstehung der Jeans hineingelesen und bin über den Begriff „das bayerische Judenedikt“ gestolpert. Vor den Antisemiten geflohen, um von der Sklaverei zu profitieren. Tja, hier die Theorie, dort die Praxis.
Es gibt Dinge, bei denen entscheidet allein der Kontext, ob sie richtig oder falsch sind. Sie können exakt das gleiche Leben leben, in dem Sie exakt die gleichen Dinge tun, exakt den gleichen Menschen begegnen, exakt die gleichen Worte sagen – in einer Welt wird es wichtig und wertvoll gewesen sein, in der anderen Zeitverschwendung, in einer dritten gar schädlich.
Und auch ein Dialog zwischen den Religionen ist immens wichtig, wenn andere Leute andere Dinge tun. Wenn irgendwo jemand ist, der den Dialog zwischen Arm und Reich vorantreibt, den Akademikern und den Arbeitern, dem In- und Ausland, den Menschen und der physischen Realität, den Dummen und den Bösen, die doch beide so gern die Guten wären.
Ohne diese Dinge haben Sie nur eine weitere Blase, in der sich Traumtänzer vor der Welt verstecken, bis sie den Kontakt zu ihr verlieren. Dann empören Sie sich irgendwann, dass die Magie der Welt Ihre Blase nicht mehr durchfüttert, oder dass die Welt Ihre Tür eintritt, um Sie nach Auschwitz zu holen.
Zum Teil kann man den Kontext nachrüsten – dann entscheidet erst die Nachwelt, ob ein Leben den Sinn hatte, den der Mensch, der es lebte, ihm verleihen wollte. Was auch immer zu seiner Zeit richtig lief, kann die Nachwelt zerstören, was auch immer schief lief, kann sie immer noch korrigieren. Zum Teil.
Wenn Sie im Geiste Ihres Freundes weiter wirken wollen, vergessen Sie bei allen Dialogen nicht, dass alle Beteiligten Hosen – oder analoge Kleidungsstücke – an haben. Die Guten, die Bösen, die Christen, Juden, Muslime, Antisemiten, Rassisten, Monisten und Dualisten. Und dass diese Hosen nicht durch Magie auf Ihre Hintern gekrochen sind. Sondern über den Kontext, der über den Sinn und Unsinn all Ihrer Handlungen richtet.
Es gibt ein paar Leute, die beim deutsch-jüdischen Dialog bislang kaum mitreden dürfen, weil sie die traute Zweisamkeit zwischen Reue der bösen Täter und Vergebung der unschuldigen Opfer stören würden. Die Welt besteht nun mal aus Hierarchien der Ausbeutung, jedes Opfer musste sich genug Speck anfressen, um für den Täter zum Leckerbissen zu werden, und auch das Opfer des Opfers musste es. Und keine noch so schöne Vereinfachung einer hässlichen, komplizierten Wirklichkeit kann die Wirklichkeit ersetzen. Nur an einer Bruchstelle von vielen kitten.
Oha, @Paul S – hier möchte ich doch an einigen Stellen widersprechen:
Ohne diese Dinge haben Sie nur eine weitere Blase, in der sich Traumtänzer vor der Welt verstecken, bis sie den Kontakt zu ihr verlieren. Dann empören Sie sich irgendwann, dass die Magie der Welt Ihre Blase nicht mehr durchfüttert, oder dass die Welt Ihre Tür eintritt, um Sie nach Auschwitz zu holen.
Ein “Traumtänzer” ist per Definition ein egozentrischer Relativist, der sich in den je eigenen Träumen verliert. Dialogische Menschen tun genau das Gegenteil davon – sie stellen sich der Realität anderer Menschen. Der Zusammenbruch der Weimarer Konkurrenzdemokratie – wie auch der Sieg des italienischen Faschismus und des Austrofaschismus – wurden möglich, weil es an Dialog und Konsens gefehlt hatte. Bitte verwechseln Sie nicht Ihre eigenen (!) Träume und Textfluten mit der wissenschaftlich überprüfbaren Realität.
Zum Teil kann man den Kontext nachrüsten – dann entscheidet erst die Nachwelt, ob ein Leben den Sinn hatte, den der Mensch, der es lebte, ihm verleihen wollte. Was auch immer zu seiner Zeit richtig lief, kann die Nachwelt zerstören, was auch immer schief lief, kann sie immer noch korrigieren. Zum Teil.
Ja, @Paul S – deswegen gibt es nicht nur gemeinsame, rituelle Bestattungen, sondern eben auch Erinnerungskultur. Jan, Jacques und ich haben gemeinsam einem besonderen Menschen gedacht – und unter anderem erreicht, dass auch Sie sich mit ihm befasst haben.
Wenn Sie im Geiste Ihres Freundes weiter wirken wollen, vergessen Sie bei allen Dialogen nicht, dass alle Beteiligten Hosen – oder analoge Kleidungsstücke – an haben. Die Guten, die Bösen, die Christen, Juden, Muslime, Antisemiten, Rassisten, Monisten und Dualisten. Und dass diese Hosen nicht durch Magie auf Ihre Hintern gekrochen sind. Sondern über den Kontext, der über den Sinn und Unsinn all Ihrer Handlungen richtet.
Niemand von uns hat den Lebenskontext von Meinhard vergessen, sondern wir haben ihn ausdrücklich in seiner Lebens- und Wirkenszeit gewürdigt. Mir scheint, dass dies ja genau das ist, womit Sie ringen…
Es gibt ein paar Leute, die beim deutsch-jüdischen Dialog bislang kaum mitreden dürfen, weil sie die traute Zweisamkeit zwischen Reue der bösen Täter und Vergebung der unschuldigen Opfer stören würden. Die Welt besteht nun mal aus Hierarchien der Ausbeutung, jedes Opfer musste sich genug Speck anfressen, um für den Täter zum Leckerbissen zu werden, und auch das Opfer des Opfers musste es. Und keine noch so schöne Vereinfachung einer hässlichen, komplizierten Wirklichkeit kann die Wirklichkeit ersetzen. Nur an einer Bruchstelle von vielen kitten.
Dann nehmen wir doch einfach mal die seltsame “Bruchstelle” vom “deutsch-jüdischen Dialog”. Was soll das sein? Meinhard, Murad, Jan und Jacques haben eine Gemeinsamkeit – wir alle sind Deutsche. Deutsche verschiedener Religion, aber gemeinsam deutsch. Den Gegensatz zwischen deutsch und jüdisch, der in Ihrem Kopf noch existiert, besteht allenfalls in der produktiven Spannung, wie er auch zwischen deutsch und christlich, deutsch und muslimisch, deutsch und atheistisch besteht. Wo Sie noch Brüche herbeischreiben, leben wir längst die demokratische Gemeinsamkeit.
Guten Morgen, @Michael Blume.
Ich möchte gerne meine Rückmeldung zu dieser Episode teilen, die ich besonders spannend fand – insbesondere auch im Hinblick auf Deine Anregung, im Fediversum auch persönliche Erinnerungen zu dokumentieren.
Meinhard Tenné kommt sehr sympathisch und authentisch rüber, und ich bin beeindruckt von seinen Leistungen. Es ist faszinierend zu hören, welche Rolle er in der deutsch-israelischen Aussöhnung gespielt hat. Ich hoffe, dass „Aussöhnung“ das passende Wort ist.
Zudem finde ich es bemerkenswert, wie der Tourismus zur Verständigung zwischen Völkern beitragen kann. Natürlich gibt es auch Formen des Tourismus, die eher kontraproduktiv wirken – wie etwa der Massentourismus auf Mallorca, gegen den sich viele Einheimische trotz der wirtschaftlichen Vorteile wehren. Aber das ist ein anderes Thema.
Für mich war es immer ein Wunder, dass Deutsche und Israelis nach den schrecklichen Verbrechen der Vergangenheit wieder miteinander sprechen konnten.
Daher möchte ich eine persönliche Erinnerung teilen, die in ihrer Bedeutung natürlich nicht mit dem Thema des Podcasts vergleichbar ist.
Während meiner Zeit am Max-Planck-Institut hatte ich die Gelegenheit, mit Menschen aus verschiedenen Ländern, darunter Israel, zusammenzuarbeiten. In unserer Arbeitsgruppe wurde der Studentenaustausch mit dem Weizmann-Institut gefördert, was mir die Möglichkeit gab, einige Wochen in Israel zu verbringen und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Rehovot zu arbeiten. Diese Zeit war für mich äußerst bereichernd.
Obwohl ich aus einer Nachkriegsgeneration stamme, war dieser Aufenthalt für mich wegweisend, lehrreich und bildungserweiternd, insbesondere in Bezug auf die Entwicklung von Seele und Charakter. Besonders beeindruckt hat mich, dass mir – als Nachfahre der Generation, die während der Nazizeit lebte – nie vorgehalten wurde, Deutscher zu sein. Im Gegenteil, ich erlebte eine wunderbare Gastfreundschaft und wurde mit großem Respekt behandelt. Gleichzeitig erlebte ich in meinem Heimatland in den 1990er Jahren Menschen, die die Schwere des Holocausts anzweifelten.
Ich denke, dass Menschen wie Meinhard Tenné maßgeblich dazu beigetragen haben, dass solche positiven Begegnungen möglich geworden sind.
Lieber @Peter,
vielen Dank für Deine würdigende Rückmeldung und eigene Schilderung!
Und ich möchte Dir nicht nur zustimmen, sondern es so formulieren:
Dialogische Erinnerung ist keine Last, sondern der Weg zur Verantwortung und Weite der Zeit. Hineni.
Meinhard war bis zuletzt sehr technologieoffen und hätte sich über die dialogischen Möglichkeiten des Fediversums und konkret von Podcasts mit Sicherheit gefreut!