Verschwörungsfragen 47 – Die antisemitischen Moses-Verschwörungsmythen der sog. INSM gegen Annalena Baerbock

Der Angriff des Ressourcenfluch-Staates Russland gegen die Demokratie der Ukraine bringt gerade auch in Deutschland viele Weltbilder zum Wanken. Ranghohe Politikerinnen und sogar der deutsche Bundespräsident räumen “Fehler” ein und verschwörungsgläubige Musiker wie Xavier Naidoo machen sich auf den – hoffentlich ernstgemeinten – Aussteiger-Weg, der kein leichter sein wird.

Doch eine Wirtschafts-Lobbyorganisation von Gesamtmetall, die mit hohem Geldeinsatz besonders viel Schaden angerichtet hat, hat sich bislang vor einer ehrlichen Debatte gedrückt: Die sogenannte “Initiative Soziale Marktwirtschaft” (INSM). Schon in den 2010er Jahren trug sie laut Volker Quaschning mit gezieltem, millionenschwerem Lobbying zur Zerstörung der deutschen Solarindustrie, der Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze und verlängerter, fataler Abhängigkeit von Russland und China bei. Und noch letztes Jahr, im Juni 2021, griff sie mit antisemitischen Anti-Moses-Verschwörungsmythen mitten in der Covid19-Pandemie in einen ohnehin mit #Kulturmarxismus- und #GreatReset-Verschwörungsmythen verrohten Bundestagswahlkampf ein, um einer demokratischen Kandidatin und Partei zu schaden. Obwohl ich mir während Wahlkämpfen Zurückhaltung auferlege, wies ich – wie auch Charlotte Knobloch – diese üble Kampagne gegen eine demokratische Wahl zurück. Und nahm mir vor, diese vor allem deutschsprachigen Anti-Moses-Verschwörungsmythen aufzuarbeiten, wenn die sog. INSM dies nicht innerhalb eines Jahres selbst leisten würde.

Protest-Tweet vom 11.06.2021 gegen die Anti-Moses-Klimareligion-Kampagne der sog. INSM.
Screenshot: Michael Blume

Wer also unsere energiepolitische Abhängigkeiten, die steigenden Preise und auch die Finanzierung des russischen Regimes und Krieges gegen die Ukraine verstehen will, sollte auch, aber nicht nur auf demokratisch Gewählte und auf Musiker schauen. Teile unserer eigenen Wirtschaft haben aktiv und unter Einsatz von Antisemitismus zu der Misere beigetragen, über die auch sie selbst nun jammern. Ich meine: Das muss aufgeklärt werden und darf sich nicht wiederholen!

Hier finden Sie also die Verschwörungsfragen-Folge 47 “Moses und die Klimareligion – Die antisemitische Kampagne der sog. INSM” zum Hören auf podigee und auf allen gängigen Podcast-Portalen.

Das Skript der Verschwörungsfragen-Folge 47 finden Sie als pdf wieder hier.

Und hier die Folge wieder als Fließtext:

In diesen Tagen begegnen sich das jüdische Pessach-Fest des Jahres 5782, das darauf aufbauende, christliche Osterfest des Jahres 2022 und der islamische Ramadan des Jahres 1443 im gleichen Monat. Es ist also eigentlich ein guter Zeitpunkt, um nicht nur auf die Unterschiede, sondern auch auf die Gemeinsamkeiten der großen Religionen unseres Landes zu sehen.

Doch eine der zentralen Gemeinsamkeiten dieser großen Religionen, die Figur des Moses, wurde im letzten Jahr mitten im deutschen Bundestagswahlkampf von einer deutschen Lobbyorganisation der Arbeitgeberverbände Gesamtmetall für eine politische Kampagne missbraucht.

Einige werden sich noch erinnern: In Umfragen schnitt die damalige Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, noch ganz gut ab. Und im Internet kursierten deshalb bereits antisemitische Verschwörungsmythen, nach denen die christdemokratische Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Geheiß des angeblichen jüdischen Superverschwörers George Soros die Kanzlerschaft an die grüne Nachfolgerin übertragen werde. Verbunden waren diese Verschwörungsmythen mit der Großerzählung des sogenannten Great Reset, nach der sowohl die Covid19-Pandemie wie die Wahlniederlage des früheren US-Präsidenten Donald Trump eine angebliche Weltverschwörung des World Economic Forum (WEF) gewesen sei. Deren Ziel sei die Zerschlagung der bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und die Errichtung einer „kulturmarxistischen Ökodiktatur“ – der „Great Reset“.

Vor diesen Verschwörungsmythen hatte ich bereits 2020 gewarnt. Doch ich war überrascht und getroffen, als im Juni 2021 plötzlich riesige Anzeigen der sogenannten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) in großen, überregionalen Zeitungen erschienen, in denen die Kandidatin Baerbock als Karikatur von Moses zu sehen war.

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) wird mit jährlich mehreren Millionen Euro von Gesamtmetall finanziert. Gesamtmetall ist der Zusammenschluss der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie. Der Großteil dieser Unternehmen ist noch immer von fossilen Rohstoffen und günstigen Energiepreisen abhängig.

In der Darstellung, die wir auf dem offiziellen Twitter-Kanal des Beauftragten vom 11. Juni 2021 archiviert haben, wurde Annalena Baerbock als orientalisch gekleidete Moses-Figur vor blutig-rotem Hintergrund dargestellt. In ihren Händen hielt sie Gesetzestafeln mit zehn Verboten / Geboten wie „Du darfst kein Verbrenner-Auto fahren“ oder „Du darfst nicht hoffen, dass der Staat vernünftig mit Deinen Steuern umgeht.“

Davor war der Schriftzug geklebt: „Warum wir keine Staatsreligion brauchen.“

Einige wenige Zeitungen hatten den Abdruck dieser Darstellung abgelehnt, die meisten aber nahmen schon wegen der einbrechenden Anzeigeneinnahmen den Auftrag doch an. Und natürlich schwappte die Kampagne fast in Echtzeit ins Netz und es dauerte nicht lange, bis auch andere Kandidaten wie Armin Laschet von der CDU in Moses-Karikaturen dargestellt wurden. Der demokratische Diskurs wurde noch weiter von Sachfragen in unsägliche Polarisierungen verschoben.

Ich war geschockt über diese antijüdische Kampagne übrigens mitten im Erinnerungsjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Denn die hier aufgegriffenen Anti-Moses-Verschwörungsmythen gehörten zu den ältesten Versatzstücken des europäischen Antisemitismus.

Wie unlängst Volker Quaschning im n-tv-Interview bekräftigte, hatte die INSM bereits zehn Jahre zuvor eine überaus teure und zielgerichtete Kampagne gegen die deutsche Solarindustrie gefahren. Sie hatte bei der damaligen Bundesregierung, beim Bundestag und in der Öffentlichkeit erfolgreich darauf hingewirkt, dass deutsche Solarfirmen mit Tausenden von Arbeitsplätzen ihre Förderzusagen verloren, die meisten eingingen und die Produktion von Solarzellen fast vollständig nach China abgewandert ist. Der Aufbau Erneuerbarer Energien wurde damit nicht nur mit fatalen Folgen bis heute verzögert, sondern auch die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen wie Erdgas und Erdöl aus Russland zementiert.

Als ich neulich angesichts der russischen Angriffs auf die Ukraine einen Vertreter des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall in einer Talkshow über drohende Energieknappheit klagen hörte, ohne auch nur ein einziges Wort der Selbstkritik zu vernehmen, fragte ich mich, wie dreist man(n) eigentlich sein kann, ohne sich zu schämen. Die Kampagne gegen die deutsche Solarindustrie hat uns allen und auch den metallverarbeitenden Unternehmen am Ende geschadet.

Selbstverständlich waren zur INSM-Anti-Moses-Kampagne von 2021 sofort eine Vielzahl von Anfragen bei mir eingegangen. Obwohl ich mich gerade auch in Wahlkämpfen bewusst zurückhalte, kritisierte ich diese unsägliche Kampagne fast gleichlautend mit Charlotte Knobloch aus München, ohne dass wir uns abgesprochen hätten. Und ich nahm mir vor, zu gegebener Zeit einmal ausführlicher Stellung zu nehmen, falls die INSM nicht von sich aus die notwendigen Konsequenzen ziehen würde.

Es wurden seitdem jedoch keine Verantwortlichen für diese Kampagne benannt, es wurde nicht offengelegt, wer sie in Auftrag gegeben, konzipiert und finanziert hat und ob sie intern sogar als Erfolg verbucht wurde. Stattdessen ging diese üble Kampagne in einen Bundestagswahlkampf ein, der heute allgemein als verroht und missglückt gewertet wird. Und wie schon beim Untergang der deutschen Solarindustrie zogen sich die Lobbyisten wieder aus der Öffentlichkeit zurück und ließen die Gewählten in Bundestag und Bundesregierung mit der Situation alleine. Ich finde, wer in demokratische Prozesse eingreift, muss sich dafür auch transparent verantworten.

Und wer versucht, seine wirtschaftspolitische Agenda mithilfe antisemitischer Stereotype durchzusetzen, überschreitet eine Grenze, die wir klar beim Namen nennen müssen.

Dabei müssen wir davon ausgehen, dass eine so teure Kampagne nicht unbedacht oder aus Versehen entworfen und durchgeführt wird.

Aber fangen wir doch ganz fachlich mit der Frage an:

War die Anti-Moses-Kampagne antisemitisch?

Die klare Antwort darauf ist: Ja. Und Sie können das selbst überprüfen, indem Sie sich einen Moment vorstellen, die Kampagne wäre mit einer anderen, religiösen Zentralperson wie Jesus Christus, mit dem Propheten des Islam, mit Zarathustra oder dem Buddha aufgezogen worden. Oder stellen Sie sich vor, die Karikatur hätte nicht die hebräischen Steintafeln, sondern die US-amerikanische Verfassung oder unser Grundgesetz verspottet.

 

Abgesehen davon, dass sich so etwas kein Wirtschaftsverband getraut hätte, wäre die Wirkung nicht die Gleiche gewesen. Der Subtext dieser Kampagne war direkt auf die Person des Moses und die biblische Überlieferung abgestellt.

Denn Moses spielt im Judentum die fundierende Rolle. Das Pessach-Fest, das in diesen Tagen begangen wird, erinnert an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Tyrannei. Moses gilt in der jüdischen Tradition als derjenige, der die Thora – die ersten fünf Bücher der Bibel – von Gott entgegennahm, während er sein Volk in die Freiheit führte. Doch weil auch er ein Mensch und fehlbar gewesen war, war es ihm selbst nicht vergönnt, das Verheißene Land zu betreten. Sein Grab sei unbekannt, doch die Thora des Moses mit 304.805 von Hand geschriebenen Alphabet-Buchstaben bildet das Herzstück jeder Synagoge.

Historisch lässt sich dazu sagen, dass die frühesten Alphabet-Buchstaben tatsächlich im 18. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf dem Sinai aus ägyptischen Vorläufern entstanden und bereits wenige Jahrhunderte später in Lachisch bei Jerusalem zu finden sind. Im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstanden dann, vor allem im babylonischen Exil, die verschiedenen Schriftsammlungen der hebräischen Bibel, wie wir sie heute kennen. Auch etwa der Jude Jehoschua – Jesus – berief sich daher ganz selbstverständlich auf das „Gesetz des Moses“ und darauf, dass kein Buchstabe, wörtlich: kein Jota, mehr verändert werden dürfe. Die Thora sollte von nun an in ihre jeweilige Zeit hinein ausgelegt werden. Jesus wurde in Jerusalem am Pessach-Fest von Römern gekreuzigt, was die nicht nur zeitlichen Wurzeln von Ostern erklärt.

Dabei galt und gilt nach jüdischer Tradition ausdrücklich, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen seien und unter dem Gottesbund des Noah, des Regenbogens stünden. So habe der Noahsohn Sem – auf den der Begriff des Anti-Sem-itismus zurückgeht – ausdrücklich allen Lernwilligen das Alphabet vermittelt. Die Erwählung des Judentums bestand also nicht darin, dass alle Nichtjuden von Gott abgelehnt werden würden; sondern darin, dass Moses und seinem Volk zusätzlich am Sinai die Bewahrung der gesamten Thora und ihrer Gebote aufgetragen worden seien.

Ich habe es in der letzten Folge 46 zur Stuttgarter Impfkampagne der jüdischen Gemeinde bereits unterstrichen: Nach jüdischer Lehre soll jedes menschliche Leben geschützt werden und Nichtjuden müssen weder zum Judentum bekehrt werden, noch die mosaischen Gebote halten. Der spätere Vorwurf beispielsweise von Martin Luther, Rabbiner hätten Christen zum Einhalten des Schabbat verführt, geht also ebenso weit daneben wie die INSM-Kampagne gegen eine vorgebliche „Staatsreligion“: Der Schabbat gehört zu den Geboten, die nur im mosaischen, nicht im noachidischen Gebot enthalten sind. Sie werden niemandem aufgezwungen.

Ich habe oft und gerne mit jüdischen Freundinnen und Freunden den Schabbat begehen dürfen, aber nicht ein einziges Mal hat dabei irgendjemand versucht, mich zu bekehren oder zum Einhalten aller Schabbat-Gebote zu zwingen. Im Gegenteil: Manchmal konnte ich als Nichtjude eine Kaffeemaschine oder einen Lichtschalter bedienen, da mir als Christ nicht verboten war, was für orthodoxe Jüdinnen und Juden ein Gesetzesverstoß gewesen wäre. Die Behauptung einer „mosaischen Intoleranz“ oder gar „Staatsreligion“ ist also nicht nur falsch, sondern abgründig.

Denn schon in der vorchristlichen Antike formierten sich gegen die Alphabetisierung und Bildung des entstehenden Judentums auch anti-mosaische Verschwörungsmythen. Demnach habe Moses den Ägyptern nicht nur Güter, sondern auch Wissen gestohlen und habe sich umgekehrt damit gegenüber den Israeliten aufgespielt. Gerade auch das 2. Buch Moses, hebräisch Schemot, Namen, in griechischer Übersetzung dann „Exodus“, erzählt die Geschichte eines tyrannischen Pharao, der die versklavte Minderheit der Hebräer mit Verschwörungsvorwürfen und Mordlust angreift. Gerne würde er alle hebräischen Jungs töten lassen, aber die Mädchen und Frauen behalten. Das Pessach-Fest schildert also bereits den antiken Antijudaismus eines Tyrannen und die Befreiung davon.

Moses im Christentum

Trotz und gegen die gemeinsamen Wurzeln gab es dann aber auch im frühen Christentum starke, gnostische und dualistische Strömungen, die den vermeintlich falschen und herrschenden Gott des Moses zugunsten des vermeintlich wahren und verborgenen Gottes der Kirche verwerfen wollten. Die frühen Kirchen entschieden zwar dagegen und hielten an Moses und der gemeinsamen Gottheit und Bibel fest, bezeichneten die Thora jedoch bis heute als nur noch „Altes Testament“. Statt der einander ergänzenden Gottesbünde von Noah und Moses wurde nun weithin gelehrt, dass der mosaische Bund auf die Kirchen als neu erwähltes Gottesvolk übergegangen sei. An dem Leid, dass sie erführen, seien die Jüdinnen und Juden letztlich selber schuld.

Auch im Islam wurde Moses als Prophet und Befreier gerühmt, doch zugleich der Vorwurf erhoben, seine Botschaft sei von den jüdischen Schriftgelehrten verfälscht worden – erst der Koran stelle also die ursprüngliche Gottesbeziehung wieder her.

Eine Variante dieses antijüdischen Vorwurfes finden wir beispielsweise bei dem kurdischen Linksextremisten Abdullah Öcalan, der behauptet, auch das Christentum sei als eine jüdische Verschwörung entworfen worden, um Rache am römischen Reich zu nehmen. Interessierten sei hierzu die Verschwörungsfragen-Folge 44 empfohlen.

Mit dem Aufkommen des Buchdrucks verschärfte sich der anti-mosaische Diskurs in Europa noch einmal. Als sich etwa Johannes Reuchlin in einem Gutachten von 1510 gegen die Verbrennung jüdischer Schriften aussprach, berief er sich ausdrücklich auf Moses und die biblischen Gemeinsamkeiten – was ihn fast Ruf und Leben gekostet hätte. Vielen bekannt ist auch die kurz danach entstandene Moses-Skulptur von Michelangelo in Rom. Aufgrund eines Übersetzungsfehlers aus dem hebräischen qaran für „strahlend“ wurde dabei lateinisch „cornuta“, gehörnt – und so wurde auch diese Moses-Darstellung mit Hörnern versehen. Ezidische Kinder haben mir noch 2015 im Irak berichtet, dass ihnen an arabischen Schulen vermittelt worden wäre, dass „zionistische Juden“ unter ihren Kopfbedeckungen Hörner tragen würden.

Auch der Vorwurf, dass sich Juden aufgrund ihrer überholten Schriften an unsinnige Gesetze halten würden, während man selbst von Gott befreit und geliebt sei, wurde als Entgegensetzung von „Gnadenreligion“ versus „Gesetzesreligion“ noch einmal verschärft. Reformatoren wie der sich im Alter antisemitisch radikalisierende Martin Luther warfen Jüdinnen und Juden vor, die göttliche Liebe zu verwerfen und zu glauben, sich durch unsinnige Gesetze Gottes Zuneigung zu verdienen. Auch der Vorwurf, sie würden ihre vermeintlich unsinnigen Gebote global durchsetzen wollen, findet sich bereits bei ihm.

Und weil das Wort „Jude“ bereits oft als Schimpfwort benutzt worden war, wurden jüdische Gemeinden etwa in Deutschland mit der Bezeichnung „mosaische Konfession“ versehen und oft als „Israelitische Religionsgemeinschaften“ anerkannt.

Positive Moses-Identifikationen in den USA

Vor allem in den USA identifizierten große, christliche Strömungen den mosaischen Auszug aus der ägyptischen Tyrannei aber auch positiv zunächst mit der Übersiedlung von Europa in die Amerikas und dann mit dem Kampf der Verschleppten gegen die Sklaverei. So spielt in der US-amerikanischen Erinnerungskultur die letzte Rede des Baptistenpastors und Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. eine große Rolle, in der er – Moses zitierend – ahnend davon sprach, das „gelobte Land“ nicht selbst zu erreichen. Und tatsächlich wurde er am folgenden Tag ermordet.

Auch die politische Biografie von Barack Obama unter dem Titel „A promised Land – Ein verheißenes Land“ bezieht sich positiv auf den Moses-Mythos. In den USA hätte die sogenannte INSM mit einer Anti-Moses-Kampagne also zurecht Empörung ausgelöst.

Antimosaische Verschwörungsmythen in Europa und insbesondere Deutschland

Doch im noch länger von Monarchen und Nationalisten beherrschten Europa setzten sich antimosaische Verschwörungsmythen viel breiter durch. Bis ins deutsche Bildungsbürgertum hinein wurde spekuliert, ob die Moses-Geschichte tatsächlich von Freiheit oder von Verschwörung handele. So finden wir selbst bei Friedrich Schiller die Schrift „Die Sendung Moses“ von 1790, nach der Moses den biblischen Monotheismus aus den ägyptischen „Mysterien der Isis“ entwendet und verunstaltet habe.

Mit der populären Übersetzung religiöser Texte aus Indien kam es dann auch in der breiteren Esoterik und der sogenannten Ariosophie zur zunehmend rassistischen Unterscheidung von vermeintlich indisch inspirierten „Ariern“ und vermeintlich verschwörerischen „Semiten“. Der Schulgründer und Alphabetlehrer Schem wurde damit widersinnig zum Gründer einer angeblich verschwörerischen „Rasse“ umgeschrieben und die Befreiungsgeschichte des Moses zu einer kosmischen Verschwörungsgeschichte umgedeutet. In dieser antisemitischen Deutung war dann Moses tatsächlich ein Täuscher nicht nur der als vermeintliche “Rasse” denunzierten Juden, sondern auch der Christen und Muslime.

Dabei wusste auch etwa der Philologe und Alpenraum-Philosoph Friedrich Nietzsche, dass die religiöse Unterscheidung von guter und böser Gottheit nicht auf Moses zurückging, sondern schon lange vor dem Judentum im Zoroastrismus erfolgt war. Moses zu hassen ergab sich nicht aus Befunden der Wissenschaft, sondern war und ist eine antisemitische Entscheidung.

Ein besonders wirkmächtiges Moses-Buch stammte von Siegmund Freud, der in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ von 1939 dem gestürzten Pharao Echnaton als Moses-Vorgänger die Stiftung des Judentums und auch des Antisemitismus zuschrieb. Dieser Moses sei dann von seinen eigenen Anhängern ermordet worden, die ihn seitdem auch aus verdrängten Schuldgefühlen verehrten.

Als heute ebenfalls peinlich gilt das Moses-Buch von Thomas Mann mit dem Titel „Das Gesetz“, in dem Moses als unsympathischer, gewalttätiger und ehebrecherischer Sohn einer ägyptischen Prinzessin mit einem hebräischen Sklaven vorgestellt wurde. Immerhin habe er während seiner Kriegs- und Beutezüge aber auch die Alphabetschrift erfunden. Während die große Josefs-Trilogie von Mann zurecht bis heute gerühmt wird, spielt „Das Gesetz“ in der öffentlichen Mann-Rezeption kaum mehr eine Rolle.

In ihrem internationalen Bestseller „Angst vorm Fliegen“ von 1973 über ihre Erlebnisse als amerikanische Ehefrau eines Psychoanalytikers in Heidelberg griff auch Erica Jong die antisemitischen Moses-Mythen drastisch auf, die ihr als Jüdin gerade auch in Deutschland immer wieder begegnet waren.

1998 veröffentlichte dann der Ägyptologe Jan Assmann ebenfalls in Heidelberg die „Mosaische Unterscheidung“, in der er – vor allem mit Bezug auf Freud – eine sogenannte „Gedächtnisspur“ von Echnaton zu Moses konstruierte und dem Judentum implizit vorwarf, mit der monotheistischen Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ selbst den Antisemitismus ausgelöst zu haben. Das Buch wurde in vielen Medien gefeiert, traf in der Fachwelt jedoch auf scharfe Kritik. Schon 2000 reagierte Assmann daher mit einer „Klarstellung“ und ließ in spätere Ausgaben der „Mosaischen Unterscheidung“ auch kritische Stellungnahmen beispielsweise des Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel aufnehmen. In folgenden Büchern wie „Exodus“ präsentierte Assmann Moses dann auch als Mythos, aber nicht mehr als Verschwörungsmythos. Warum sich der Antisemitismus spezifisch gegen das Judentum entwickelte, ist längst erforscht und schon in Folge 2 von Verschwörungsfragen vorgestellt.

Gelehrte diskutieren bis heute, inwiefern es Moses und den Exodus entlang des biblischen Textes historisch gegeben habe oder ob hierzu erst später, etwa in Babylon, verschiedene Erzähltraditionen zu einem großen Namen verbunden worden waren. Aber die These, dass ein Einzelner in verschwörerischer Absicht den Monotheismus in Ägypten entworfen hätte, gilt als wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar. Niemand muss also im wörtlichen Sinn an den biblischen Moses-Bericht glauben und niemand muss ihn mit jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen als Freiheitserzählung verstehen. Doch ihn umgekehrt als antisemitische Verschwörungsmythologie zu präsentieren, sollte sich jedem kundigen und anständigen Menschen verbieten.

Die INSM-Kampagne von 2021

Nun wissen Sie also, warum mich die Anti-Moses-Kampagne der sogenannten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mitten in den demokratischen Prozess eines Bundestagswahlkampfes hinein verstörte und verärgerte. Die Debatten um Assmanns Moses-Buch waren schließlich gerade abgeschlossen worden; jede schon oberflächliche Recherche hätte das gezeigt.

Dass eine von Arbeitgeberverbänden finanzierte Lobbyorganisation in einem ohnehin bereits antisemitisch geprägten Diskussionsklima mitten während einer Pandemie Moses als Verkünder einer vorgeblich unsinnigen und schädlichen Klima-Staatsreligion präsentierte, um einer demokratischen Kandidatin zu schaden, war in meinen Augen ein Tiefschlag. Hier wurde ganz gezielt uralter, vor allem deutschsprachiger Antisemitismus multimedial aufgegriffen und befeuert, um wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl der Natur- wie der Geisteswissenschaften als vorgeblich jüdisch-religiösen Herrschaftsanspruch lächerlich zu machen.

Wir müssen also davon ausgehen, dass das INSM sehr genau wusste, was es tat. Und dass Verantwortliche also bereit waren, erhebliche Schäden am demokratischen Diskurs unseres Landes in Kauf zu nehmen.

Sicher: In einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft gibt es keine Pflicht, an irgendeinen höheren Sinn hinter Pessach, Ostern oder Ramadan zu glauben. Es ist allen unbenommen, hinter dem Moses-Mythos eine historische Figur, eine wirkmächtige Fiktion oder beides zu vermuten. Was wir jedoch keiner politischen und schon gar keiner Lobby-Organisation durchgehen lassen sollten, ist das gezielte Aufgreifen und Anfeuern von antisemitischen Verschwörungsmythen, um demokratische Debatten und Wahlen zu beeinflussen und unsere Abhängigkeiten von Diktaturen wie Russland und China zu verlängern.

Wenn die deutsche Zivilgesellschaft, wenn Wissenschaften, Medien, Politik und auch Wirtschaft es in Zukunft besser machen wollen, dann sollten sie also berechtigte Kritik nicht nur an demokratisch Gewählten üben, sondern auch an Lobbyorganisationen, die unlautere Kampagnen durchführen.

Daher hoffe ich, dass wir es gemeinsam schaffen, dafür zu sorgen, dass es zu solchen Kampagnen in Deutschland nicht mehr kommt. Ich danke Ihnen also für Ihr Interesse und Ihre Wachsamkeit gegenüber antisemitischen Verschwörungsmythen. Meine Gedanken sind bei den Menschen der Ukraine, die auch für unseren anhaltenden Hunger nach fossilen Energieträgern und wegen unserer Finanzierung von Ressourcenfluch-Tyrannen leiden.

Und so wünsche ich allen, die sie gerade auch in diesen Tagen begehen, gute, besinnliche und schließlich hoffnungsvolle Feiertage.

 

Quellen:

Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung und die Frage der Intoleranz. Eine Klarstellung. Heidelberg 2000, online unter:

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3717/1/Assmann_Die_Mosaische_Unterscheidung_2000.pdf

Beauftragter gegen Antisemitismus BW auf Twitter: Tweet vom 11.06.2021 mit dem INSM-Moses-Kampagnenmotiv:

https://twitter.com/beauftragtgg/status/1403252282582503424

EPD/Jüdische Allgemeine vom 13.06.2021: „Darüber kann ich überhaupt nicht lachen.“ Antisemitismusbeauftragter Blume: Anti-Baerbock-Kampagne schürt antijüdische Vorurteile. Online unter:

https://www.juedische-allgemeine.de/politik/darueber-kann-ich-ueberhaupt-nicht-lachen/

Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJD): Du Jude! Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen, Hentrich&Hentrich, 2020.

ZdJD & Israelitischer Gemeindebund der Schweiz: „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg.“ – Ethik im Judentum. Hentrich & Hentrich 2015

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

61 Kommentare

  1. Es ist schon so, dass der Humanist Religionen gegenüber freundlich kritisch gegenüber steht und sich hier manche Warnung erlaubt,
    Es gibt ja so etwas wie eine Klimareligion, eine besondere Rückbindung zur Natur ist gemeint, alles solle terrestrisch möglichst so bleiben, wie es aktuell ist, es müsse ganz dolle am CO2-Ausstoß wie am Ausstoß anderer klimarelevanter Gasen gespart werden, auch lokal, auch dann, wenn dieses Sparen offensichtlich keine besondere Wirkung haben wird.
    Dr. Webbaer kannte mal, in den Achtzigern, eine protestantische Dame mit “Öko-Tick”, sie glänzte mit Bonmots der Art “Ohne uns (Bären und Menschen) wäre die Erde besser dran!”, auch dieses Gerede von der Überbevölkerung gefällt nicht allen, es wird da manchmal direkt misanthropisch.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der zum ‘Kulturmarxismus’ und zum ‘Great Reset’ ausführlich webverweisen könnte, “nix mit Verschwörungsmythen” an dieser Stelle)

      • Sie haben ja Humor, lieber Herr Dr. Michael Blume, wie dies auch angeraten scheint, einem Religiösen, der insofern denkbarerweise Mythen anhängt.
        Das von der sogenannten INSM platzierte Plakat fand Dr. Webbaer auch nicht “super-plus-gut”.
        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer

    • Ich denke diese missratenen Lobby-Werbung hat mit Religion oder Religionskritik an sich nichts zu tun. Das ist einfach nur aus der alleruntersten Schublade.

      Daher verstehe ich nicht so recht, was dieses mit pseudo- oder quasireligiösem Verhalten zu tun haben sollte.

    • “Es gibt ja so etwas wie eine Klimareligion, eine besondere Rückbindung zur Natur ist gemeint, alles solle terrestrisch möglichst so bleiben, wie es aktuell ist, es müsse ganz dolle am CO2-Ausstoß wie am Ausstoß anderer klimarelevanter Gasen gespart werden, auch lokal, auch dann, wenn dieses Sparen offensichtlich keine besondere Wirkung haben wird.”

      Es geht um Klimatologie, nicht um Klimareligion. Dazu ist schon der 6. IPCC-Bericht erschienen und Sie wollen es noch immer nicht glauben.
      Ihre Verleugnung des Treibhausgasproblems ist nicht mehr rational.

      • Die Klimaproblematik, der partiell anthropogene Klimawandel wird hier nicht ‘geleugnet’, Herr Paul Stefan.
        Aber es gibt neben dem sinnhaften ökologischen Bemühen auch übersteigertes, nicht zielgerichtetes.
        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer

        • “Klimareligion” und die Unterstellung “alles solle terrestrisch möglichst so bleiben, wie es aktuell ist” sind talking points der sog. Klimaleugner und wenn Sie jetzt noch mit “partiell anthropogener Klimawandel” kommen, ist das nur ein weiterer Beleg.

          Die globale Erwärmung ist komplett anthropogen, das ist wissenschaftlich gesichert. Stimmen Sie dem zu oder nicht?

  2. @Webbaer 21.04 07:01

    „Es ist schon so, dass der Humanist Religionen gegenüber freundlich kritisch gegenüber steht und sich hier manche Warnung erlaubt.“

    Religion ist ja nicht nur Tradition, sondern kann ganz aktuelle Auseinandersetzung mit Lebensfragen sein. Auch ist es erlaubt, ganz neue Religionen zu basteln. Warum auch nicht.

    „Es gibt ja so etwas wie eine Klimareligion, eine besondere Rückbindung zur Natur ist gemeint, alles solle terrestrisch möglichst so bleiben, wie es aktuell ist,…“

    Hier versucht man sogar gerne eine gewisse Reaktivierung der teils noch in Refugien erhaltenen Naturreligionen. Ob die großen Weltreligionen denn jetzt wirklich nur Fortschritt waren, kann ja auch durchaus ernsthaft angezweifelt werden. Eine Legitimierung und Stabilisierung einer langen Phase der Feudalherrschaft ist wohl durchaus mit in den Eigenschaften der großen Religionen enthalten. Sich zumindest davon zu distanzieren ist nicht verkehrt. Schließlich sind wir dabei, uns von feudalem Patriarchat zu befreien.

    Im hier dann brachliegenden Gegenden unserer Vorstellungswelten mag man dann auch gerne gucken, wie man auch auf Basis von Naturreligionen was für das Leben Praktisches finden kann.

    Gleichzeitig findet die Wissenschaft immer mehr Wissenswertes, was dann noch von einer ganz anderen Seite auch ins Gebiet der Religion hineinspielt. Als Grundprinzip bleibt, gesichertes Wissen zu akzeptieren, widerlegte Vorstellungen aufzugeben und dann aber dennoch Glauben insbesondere bezüglich von Hoffnung da zu erhalten, wo die gesicherten Erkenntnisse noch Platz lassen.

    Darüber hinaus wird auch immer wieder mal eigentlich als gesichert gedachte Erkenntnis dann doch wieder widerlegt. Gleichzeitig kann der individuelle Mensch nur begrenzte Kenntnis des gesamten Wissensfundus seiner Zeit haben, und ist dann entsprechend auch mal auf einer ganz persönlichen Reise durch real existierende Glaubenswelten unterwegs.

    Die Idee, möglichst die ganze Welt in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln und überall wo man hinsieht Betreten-Verboten-Schilder aufzustellen finde ich auch recht schlecht. Der moderne Mensch braucht seinen Lebensraum, hier gibt es Lösungen, dies mit vernünftigem Naturschutz zu vereinbaren. Gerade der Mensch will doch auch Natur erleben, sei es der eigene Garten, der Park um die Ecke oder auch das Urlaubsziel. Kompromisse sind hier jede Menge praktikabel.

    Auf der technischen Seite wiederum gibt es eben auch wirkliche Lösungen. Erneuerbare Energien, umfassendes Recycling aller wichtigen Rohstoffe, effektiver Bioanbau und vielleicht sogar Lösungen wie Insektenzucht und Bakterienkulturen als Fleischersatz.

    Klar dürfte aber sein, dass es um so einfacher wird, naturverträglich zu leben, je weniger wir sind bzw. werden. Das muss nun wirklich nicht menschenfeindlich sein.

    Ansonsten kann eine Wiederannhäherung an die Natur auch spirituelle Elemente haben, warum auch nicht. Zumal es wohl noch keine traditionelle Religion wirklich geschafft hat, uns den Kosmos und unser Leben darin wirklich vernünftig zu erklären. Entsprechend ist auch unser Platz zum Leben in Teilen unklar und umstritten, und wir sind immer noch auf der Suche nach einer Erkenntnis unserer Selbst.

    Wissenschaft arbeitet gründlich, aber sehr langsam. Um akute Antworten auf akute Fragen zu finden, müssen wir mehr wagen, und uns auch in unübersichtlichem Terrain konkret positionieren. Und so bleiben Glaubensfragen sowohl als belief wie auch im Sinne von faith Optionen.

    Lobbyisten, die ihre Geschäfte fördern wollen, können schon ziemlich stören. Wir selber können aber auch ganz schön stören und vernünftige Lösungen verhindern, wenn wir zu wenig über den eigenen Tellerrand hinaus schauen. Oder uns von der realen Vielfalt abzuschotten versuchen, weil es uns zu kompliziert wird. Soviel Mut muss sein, dass wir der Wirklichkeit ins Gesicht sehen und uns unseren Platz im Leben so schaffen, dass Andere und die Natur auch noch klarkommen.

  3. Wir brauchen keine Staatsreligion, wir haben schon eine. Nur hat das, was der Staat glaubt, nicht viel damit zu tun, was die Realität drum herum glaubt. Und die ist der All-Time-Winner in jedem Religionskrieg.

    Ich find’s überaus interessant – je mehr man versagt, desto mehr Verschwörungen wittert man um sich. In Russland wuchern sie seit jeher prächtig, heute ganz besonders. Und wir schieben unsere Probleme auch gern auf Putins Propaganda oder Querdenker, obwohl sie eher mit Nichtdenken und dem blauäugigen Großzüchten von Tyrannen zu tun haben, die sich dann – Überraschung! – auf eine Weise verhalten, die bei keinem Tyrannen überrascht. Und wenn die Weltwirtschafts- und Gesellschaftsordnung von einem Great Reset bedroht wird, fällt die Angst in die gleiche Kategorie, wie die Angst vor Umvolkung: Da muss sich keiner verschwören. Wenn man alt wird, stirbt man halt und hinterlässt die Welt seinen Erben – wenn man selber keine gemacht hat, sind halt entferntere Verwandte dran. Wenn man’s volle Kanne versaut hat, geht man von selber putt. Wenn man überall Löcher in den Damm schlägt, hat sich das Wasser bereits verschworen, durch jede Ritze zu dringen und ihn zu sprengen – gerade deswegen hat man ja den Damm gebraucht.

    Klima, Armut, Kriege, verrohte Wahlkämpfe, sind einfach nur Symptome des Great Reset, den uns die Natur verordnet hat – deren Selbstorganisationsfähigkeiten übersteigen die der Menschen, keine Weltverschwörung des Homo Sapiens hätte die Macht, alles Leben auf Erden zu erschaffen und über Jahrmilliarden am Ticken zu halten.

    Der Rest ist einfach normale Panik, die übliche Hexenjagd – wenn man den Teufel beschworen hat, wünscht man ihm eine Visage, die man ihm einschlagen kann. Und rammt die Faust in jede, die einem missfällt. Vielleicht sollte die INSM mal das Meer auspeitschen oder den Wind anbrüllen. Dann würde sie erstens, wenn schon nicht dem Schuldigen, dann zumindest seinem Henker näher kommen. Und zweitens, niemandem auf den Sack gehen mit bedeutungslosen Kapriolen.

    Was ich auch noch sehe, ist der putinesque Versuch, den Anderen genau das anzudichten, was man selber tut. Wenn das Schiff untergeht, muss man ganz doll feste an den Kapitän glauben, um den Kurs in die Tiefe zu halten. Relideologische Verblendung wird umso mehr zum Mittel des Machterhalts, je mehr andere Mittel an der Realität scheitern. Was mir die Campagne eigentlich sagt, ist: „Wir wollen der Moses bleiben, der die Welt in den Untergang führt, denn es ist besser, als einem anderen zur Erlösung zu folgen!“

    Was den echten Moses angeht – vermutlich wurden ihn selbst die gläubigsten Juden heute nicht mögen. Doch inzwischen ist die Geschichte so frei von historischer Wahrheit, dass man die Figur auf jede beliebige Weise uminterpretieren kann. Auch Hitler passte ins Bild eines deutschen Möchtegern-Moses, mit sehr viel gelobtem Land im Osten (bitte nicht antisemitisch verwursten, Juden sind halt auch Menschen und bauen zwar genauso viel Mist, wie alle anderen auch, aber auch nicht mehr), und derzeit sprießen die Trumps, Putins und Kaczynskis, die verlorene Schäfchen auf den rechten Weg zurückführen wollen, wie Fliegenpilze in der Giftküche. Wenn wir uns verloren fühlen, suchen wir uns einen Anführer, dabei ist es recht schwer, die Perle unter all den Säuen zu finden – meist greifen wir daneben. Aber immer kommen archetypische Denk- und Verhaltensmuster heraus, die eben auch dem Moses-Mythos zugrunde liegen. Und das wiederum macht den Moses-Mythos immer wieder interessant, wann immer es so weit ist.

    So gesehen, traf die Baerbock der Fluch des Pharao, der die Plagen, die er über sein Land gebracht hat, nicht ohne seine Sklaven ertragen will. Diejenigen, die Sie (vielleicht) ins Gelobte Land führen, sind nicht diejenigen, die das Land loben, in dem sich niemand von der Stelle rühren darf. Ein brauchbarer Moses ist zwar nicht in Sicht, aber zumindest brennt uns der Boden unter den Füßen. Wenn unter all den Giftpilzen etwas nach Champignon aussieht, wecken Sie mich.

    Meine Gedanken sind mit den Menschen der Ukraine, die sich gerade im Nachbarzimmer unterhalten. In der Ukraine muss sich keiner verschwören, da sind die Mächtigen einfach so korrupt, ohne einen Hehl daraus zu machen. Wie viel Heuchelei man sich da spart! Doch auch wenn das rassistische Narrativ vom „Guten Westen“ – „Bösen Russland“ selbst in die gleiche Schublade gehört, wie Putins Verschwörungsmärchen, selbst wenn es seit Jahrhunderten von jedem erzählt wurde, der nach Osten strebte, ohne für sein Grundstück bezahlen zu wollen – auch von Staaten des Ostens, die sich für den Westen hielten – der Krieg ist und bleibt das Grauen, das er ist. Putin muss weg. Meinetwegen kann er mit einem Benziner fahren, Hauptsache, er fährt zur Hölle. Den Rest können wir hinterher klären, indem wir uns waffenfrei gnadenlos anzicken, wie zivilisierte Leute.

    Jemand, der der ganzen Welt auf den Sack geht, verschwört sie gegen sich selbst. Bei Moses war das unfreiwillig, es ist eher die Welt, die sich unbedingt von den Juden gestört fühlen will und das Bisschen, das sie dazu beitragen, zur billigen Ausrede aufbauscht. Bei Putin ist das volle Absicht.

  4. Kleiner Widerspruch@Michael Blume
    Vor dem babylonischen Exil war man in den beiden Teilstaaten Israel und Juda bestenfalls monolatrisch (man verehrte nur einen Gott), aber eher nicht monotheistisch. Jhwh und seine asera ist ja inschriftlich belegt und die Himmelskönigin im biblischen Buch Jeremia auch.
    Die Hinwendung zum echten Monotheismus erfolgte wohl erst unter zoroastrischem Einfluss im Zweistromland.
    Im Jahu-Tempel auf Elefantine /Ägypten sind dagegen mehrere Götter semitischen Ursprungs verehrt worden (vgl. https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/elephantine/ch/8b79fdb3e782a22679c94921b75138ee/#h7

      • Na, hier.

        1998 veröffentlichte dann der Ägyptologe Jan Assmann ebenfalls in Heidelberg die „Mosaische Unterscheidung“, in der er – vor allem mit Bezug auf Freud – eine sogenannte „Gedächtnisspur“ von Echnaton zu Moses konstruierte und dem Judentum implizit vorwarf, mit der monotheistischen Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ selbst den Antisemitismus ausgelöst zu haben.

        Assmann geht es ja gerade nicht darum, was die Juden historisch wirklich gemacht haben oder nicht gemacht, sondern womit sie „gedächtnisgeschichtlich“ in Verbindung gebracht wurden. Selbstverständlich gingen Christen wie auch den Juden über ein Jahrtausend davon aus, daß der Monotheismus mit dem Mann Moses (wieder?) die Bühne der Weltgeschichte betreten habe. Heute erst lesen wir die Bibel viel unbefangener und nehmen die älteren polytheistischen Geschichten als die zur Kenntnis, die sie sind.
        (Schon als Jugendlicher „ärgerte“ ich gerne den evangelikalen Jugendwart der Nachbargemeinde mit Psalm 82.)

        Jan Assmann ist dann doch komplexer, als es Ihnen in einem Abschnitt schnell zu referieren gelingt – Wie Sie ja auch wissen mit Blick auf den von Ihnen verlinkten O-Text. Witzigerweise geben Sie aber wieder, womit Assmann in einer breiteren Öffentlichkeit/„Gedächtnisgeschichte“ haften bleibt.

        • Allzulange hat man das

          Höre Israel, Dein Gott ist einer

          selbstverständlich gelesen als

          Es ist kein Gott ausser Gott.

          Darauf eben referiert Assmann; Ausgangspunkt dabei ist die selbstverständlich gewordene allgemeine Auffassung selbst noch des Atheismus, der Monotheismus sei immer und unbedingt und ausschließlich ein gewaltiger Fortschritt der Menschheitsgeschichte gewesen. In diesem Sinne wird Echnaton geradezu glorifiziert, und die nach ihm einsetzende Reaktion, die die alten Götter wieder in ihre Rechte setzt, sei ein katastrophaler Rückschritt gewesen. Assmann zeigt dagegen, was für ein unglaubliches Trauma für die ägyptische Religionsgeschichte gewesen sei – Das sich noch über ein Jahrtausend später verbindet mit, gleichsam aufbricht, getriggert wird mit den Geschichten, die Manetho über den jüdischen Exodus erzählt.

          Die Bibel erzählt es anders. Etwa in Exodus 7:10ff.: Pharao fordert Aron und Moses auf, sich mit einem Wunder auszuweisen. Aron wirft seinen Stab hin, und dieser wird zur Schlange. Die Priester des Pharao aber tun das selbe: auch sie wissen Götter hinter sich, und auch ihre Stäbe werden zu Schlangen. Jedoch die Schlange des Aron verspeist die der Priester; der Gott Israels erweist sich nicht als der Einzige, aber der mächtigste.

        • Kenne Jan Assmann persönlich und schätze andere Bücher von ihm & auch von Aleida Assmann sehr. Daher habe ich bewusst auch seine konstruktive Reaktion auf die Kritik sowie seine online verfügbare Klarstellung verwiesen (& verlinkt). Dass die INSM danach noch einmal hinter und unter diesen Klärungsprozess gegriffen hat, spricht gegen die Lobby-„Initiative“…

  5. Sehr interessant. Haben Sie noch weitere Verweise zu der INSM-Kampange von vor 10 Jahren?
    Und was den “Great Reset” angeht, das ist leider keine Verschwörungstheorie. Es gibt da nämlich dieses Buch vom WEF-Gründer Klaus Schwab persönlich, das den Titel “The Great Reset” trägt, und beschreibt, wie Teile der Wirtschaft umgestaltet werden sollen, um einen Neuanfang zu wagen. Das dieser “Neuanfang” allerdings nur für die Global Player der Weltwirtschaft etwas gutes Profezeit, während es für die restliche Bevölkerung und regionale Wirtschaft eher eine sehr ernste Bedrohung darstellt, ist eine andere Sache.

    @Webbär: Diese Links würden mich mal interessieren. Wenn Herr Blume die in diesem Bereich aber nicht sehen will, darf das auch gern per email passieren, etwa indem Sie die Linksammlung an Herrn Blume schicken, der sie dann an mich weiter leitet.

      • Das meinte ich doch, das der “Great Reset” keine Verschwörungstheorie ist. – Aber wahrscheinlich verstehe ich den Begriff der “Weltverschwörung” gerade nicht so wie Sie oder Webbär, da ich hier in die SciLogs seit Jahren nicht mehr rein geguckt habe, und folglich nicht auf dem laufenden bin, was das angeht.

    • @ Kommentatorenfreund Hans

      Die ‘Linksammlung’ müsste noch erstellt werden, Dr. W könnte bei besonderem Bedarf ganz auf die Schnelle zum Kulturmarxismus, seiner Geschichte und zum “Great Reset” webverweisen, ahnt abär, dass dies, auch weil hier eher nebensächlich, nicht so-o gut ankäme.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer (der per ‘dr.w’ bei ‘mail.com’ erreichbar ist, allerdings oft nur sehr langsam reagiert)

        • Ist so gemeint, dass sich dem Neo- oder Kulturmarxismus, dem so gemeinten Kollektivismus, der “Woke”-Ideologie auch, nicht anständig bleibend entgegen gesetzt werden kann?

          Wie dem auch sei, lieber Herr Dr. Michael Blume, vielen Dank für den Webverweis auf Ihre persönliche Geschichte, auch für den “Belltower”-Beitrag, ist gelesen worden.

          Mit freundlichen Grüßen
          Dr. Webbaer (kein Kollektivist, auch nicht “braun” ist, sofern er weiß)

      • Was’n das, Kulturmarxismus? – Hab ich noch nichts von gehört/gelesen, und gerade kein Nerv, bei Wikipedia oder sonstwo im Web danach zu suchen.

        P.S. Ach ja, da ist ja weiter unten noch der Link von Herrn Blume…
        Werde ich mir später mal ansehen, jedenfalls heute nicht mehr.

          • Erlebe großes Interesse am weit verbreiteten Verschwörungsmythos vom Kulturmarxismus, der sich ja v.a. gegen die Frankfurter Schule wandte. Überlege, dazu mal extra eine Podcast-Folge zu machen. 🤔🎙📚

  6. @Hans

    Und was den “Great Reset” angeht, das ist leider keine Verschwörungstheorie. Es gibt da nämlich dieses Buch vom WEF-Gründer Klaus Schwab …

    Vielleicht sollten Sie das Buch lesen bevor Sie über den Inhalt reden.

    • Wenn es denn noch zu haben wäre… – ja gut, in Bibliotheken sicherlich, aber der aktuelle VLB-Katalog kennt es nicht mehr.

  7. Die freiwillige Selbstkontrolle der Werbewirtschaft und der PR-Abteilungen der Ingteressenverbände funktioniert nicht mehr. Jetzt greifen Sie sogar die Steintafeln des Moses auf, um AB durch den Kakao zu ziehen.
    Es ist ihr Verdienst Herr Blume, dass Sie Kultur als Ganzheit begreifen und dass sie die Fehler im Kulturbetrieb auch als Fehler im wirtschaftlichen Sektor ansehen.
    Zur Erinnerung: Die deutschen Regierungen haben seit den 70iger Jahren zugelassen, dass China unser Handwerk durch Dumpingpreise zerstört und haben die Großindustrie hofiert, weil die eben mehr Devisenüberschüsse erwirtschaften. Sie haben zugelassen, dass die Solarzellenindustrie große Verluste hinnehmen musste, dass unsere Batteriehersteller, die auch führend waren, konkurs gingen.
    Diese Kurzsichtigkeit , die alles in Euro und Cent misst, ist auch eine Ursache der Klimakrise, ist eine Ursache der Religionsverdrossenheit, ist eine Ursache der Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen.

  8. Nun aber wird es spannend: halten etwa auch Sie, Herr Doktor Blume, einen taktisch geführten Atomkrieg mit der damit ggf verbundenen Option zu einem strategisch geführten Atomkrieg für verteidigenswert?

    • Ich lehne den Einsatz von Atomwaffen außer zur Abschreckung ab, lieber @donald mueller. Genau deswegen dürfen sich Demokratien nicht einschüchtern lassen. Wer einem Aggressor ständig von der eigenen Angst erzählt, stachelt diesen nur an.

  9. Kleiner Bonuskommentar noch hierzu :

    Doch eine der zentralen Gemeinsamkeiten dieser großen Religionen, die Figur des Moses, wurde im letzten Jahr mitten im deutschen Bundestagswahlkampf von einer deutschen Lobbyorganisation der Arbeitgeberverbände Gesamtmetall für eine politische Kampagne missbraucht. [Artikeltext]

    Es ist schon so, dass Moses, wie auch Jesus, der nicht Christus genannt werden muss, aus humanistischer Sicht auch ein wenig angegriffen, benutzt und ‘gebraucht’ werden darf.
    Dr. Webbaer erregt sich zumindest ad hoc nicht negativ zu derartigem kampagnenartigen Nutzen, jedenfalls nicht alleine deshalb, weil wie gemeint ‘gebraucht’ worden ist.
    Vielleicht fehlt diese Einsicht einigen : Respekt [1] muss sich verdient werden und Humanisten tendieren nicht dazu wie gemeinten Personen [2] besonderen Respekt zuzuweisen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer
    [1]
    Der Respekt ist ein altes lateinisches Konzept, gemeint ist wörtlich die Rückschau auf den Anderen, Älteren, zumindest im Rang höher Stehenden, so dass möglichst sicher gestellt ist, dass dieser seinen Weg findet.
    Ansonsten ist die Metaphorik gemeint, von der Viele aber nicht wissen, wie sie gemeint ist.
    Respekt muss sich verdient werden.
    [2]
    Dr. W geht, anders als Andere, davon aus, dass Moses und insbesondere Jesus, der nicht Christus genannt werden muss, in persona existierten, Dr. W mag beide, bei Jesus ist seine Existenz historisch aus diesseitiger Sicht hinreichend belegt, Dr. W mag abär auch so :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Leben_des_Brian

    • Wie geschrieben & gesagt, @Webbaer: Niemand verlangt von Ihnen besonderen Respekt für Judentum & Bibel(n), Sie können Moses sogar für völlig fiktional halten. Wer immer sich jedoch für die Weiterführung antimosaischer und antisemitischer Verschwörungsmythen entscheidet, knüpft an üble Traditionen und schlichte Lügen an. Dagegen werde ich auch in Zukunft weiter aufklären.

  10. Guten Abend Herr Blume,
    ein Zitat aus Ihrem o. g. Artikel:
    Auch etwa der Jude Jehoschua – Jesus – berief sich daher ganz selbstverständlich auf das „Gesetz des Moses“ und darauf, dass kein Buchstabe, wörtlich: kein Jota, mehr verändert werden dürfe
    Kommentar:
    Diese Aussage bezieht sich auf die 10 Gebote (AT), die somit im NT, zwecks der Erkennung von Verwerflichkeit, auch heute noch Gültigkeit haben. (Mt 5, 17-20)
    Verschwörungen, bzw. Pakte zur persönlichen Bereicherung auf Kosten anderer oder Unterdrückung aus Machtgier gab es früher und auch weiterhin, somit ein Kampf gegen Windmühlen.
    > Als Gegenpool einmal etwas Erfreuliches:
    Eine ICEJ – Veranstaltung in Stuttgart, Waldaupark, am 30.04.2022
    > Wir werden diesen Abend besondere Gäste aus Israel bei uns haben: Tass Saada, ehemals Terrorist und Fatah-Kämpfer, der heute Arabern, Juden und Christen die packende Botschaft der versöhnenden Liebe Gottes bringt = der einzige, wirkliche Weg des Friedens.
    Zur Person:
    TAYSIR (TASS) ABU SAADA ist ein in Gaza geborener Araber. Als junger Mann hasst er Juden und Christen und kämpft in der Fatah. Doch dann lernt er in den USA durch eine dramatische Bekehrung Jesus kennen und übergibt ihm sein Leben. Tass entdeckt in der Bibel sowohl den Ursprung seines Volkes, der Nachkommen Ismaels, als auch die Verheißungen und den Bundesschluss Gottes mit Isaak und dem Volk Israel. Weil er Frieden in Jesus gefunden hat, kann er das nun akzeptieren und beginnt, Israel und die Juden zu segnen und bittet sie um Vergebung.
    > Dies ist eine Teil-abschrift einer mir zugesandten Einladung. Sie ermuntert einen dazu, noch vorne zu schauen und vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken.
    Ihnen alles Gute – W. Bülten

    • Danke, @W. Bülten.

      Was die Aussagen Jehoschua / Jesus etwa in Mt 5:18 angeht, darf ich Ihnen leider nicht verschweigen, dass Ihre Deutung religionsgeschichtlich unsinnig ist. Weder stehen die 10 Gebote (“Worte”) der Sinai-Geschichte für ein isoliertes “Gesetz”, noch würde dazu etwa der Verweis auf Markierungen (je nach Übersetzung “Striche”, “Tüttel”) Sinn machen. Der fromme Jude Jesus hatte mit dem “Gesetz des Moses” selbstverständlich die ganze Thora vor Augen, die er auch niemals als “Altes Testament” abgewertet hätte.

      Falls es Sie wirklich interessiert, hier ein Papier des ICCJ dazu:
      https://www.jcrelations.net/de/artikelansicht/der-jesus-der-evangelien-als-ausleger-der-tora.pdf

      Ihnen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

      • Nach einer stressigen Woche komme ich erst heute dazu, mich zu Ihrem Kommentar zu äußern, nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Blume. Den empfohlenen Artikel habe ich mit Interesse gelesen. Man merkt, dass er die jüdische Sichtweise erklärt, denn zum Schluss heißt es, Zitat:
        Sie gründet im Zeugnis, dass Gott den Gekreuzigten in endzeitlich-neuschöpferischer Tat von den Toten auferweckt und zum
        Messias gemacht hat. Von daher kann etwa Matthäus die Lehre Jesu auf dem Berg (Mt 5–7) als Regierungsprogramm des messianischen Endzeitkönigs zu verstehen gebe
        =
        Bekanntlich ist Jesus (Sohn Gottes) bereits vor ca. 2 000 Jahren auferstanden, doch wer die Bibel kennt weiß, dass das jüdische Volk den Messias damals nicht erkannt hat und weiterhin wartet. Ebenso warten Muslime auf den s. g. Mahdi und die Welt wartet auf den Welt-Erlöser.
        Die wahren Jünger Jesu warten lt. Bibel auf ihren Bräutigam “Jesus Christus“, in dieser Zeit leben wir jetzt.
        Wenn mich die ganze Sache nicht interessieren würde, hätte ich den Artikel:
        http://www.4-e-inigkeit.info/Bruderkrieg-.htm
        nicht schon vor 2 Jahren ins Internet gestellt, der inzwischen zu den Top 20 weltweit gelesenen Artikeln gehört. Was mich dennoch überrascht ist, dass ein Großteil der Muslime sich aufrafft, demnächst eine Atombombe zu bauen, um damit den Staat Israel von der Landkarte zu löschen. Vermutlich wird es in der Gegend in Kürze krachen, aber der Gott Israels wird Sein Volk (Augapfel) da hindurchbringen, 100%-tig!
        In diesem Sinne, W. Bülten

        • Lieber @W.Bülten,

          das von Ihnen angesprochene Atomprogramm des (schiitisch geprägten) Iran steht nicht für einen „Großteil der Muslime“. Das sehr viel größere Pakistan hat die Atombombe längst und bedroht Israel damit nicht. Und mehrere arabische Staaten haben im Rahmen der Abraham-Accords gerade den Staat Israel anerkannt.

          Es ist wichtig, unseren demokratischen Verbündeten Israel gegen jeden Antisemitismus und auch das Regime des Iran zu schützen. Apokalyptische Fantasien über einen Weltkrieg zwischen Juden & Muslimen sind weder empirisch noch biblisch-mythologisch überzeugend.

          • Sie mögen es für “Apokalyptische Fantasien“ halten Herr Blume, da bin ich aufgrund der neuesten Informationen anderer Meinung. Schauen Sie sich mal bei Mena-watch um, die berichten über das aktuelle Geschehen im Vorderen Orient:
            https://www.mena-watch.com/irans-praesident-raisi-droht-israel-mit-vernichtung/

            https://www.mena-watch.com/nukleare-ausbruchszeit-des-iran-betraegt-nur-wenige-wochen/
            Trotzdem Ihnen und der Familie eine angenehme Nachtruhe. W. B.

          • Nochmal, @W. Bülten – die Gefahr durch das selbst apokalyptisch-messianische Regime des Iran sehe ich. Nur steht dieses nicht für „den Islam“, sondern wird von einem Großteil der sunnitischen Muslime abgelehnt. Die Realität ist komplexer als Freund-Feind-Erzählungen. Und dies hier ist ein religionswissenschaftlicher Blog, der über Komplexitäten informiert.

          • Das Gesagte in dem letzten Satz ist mir doch bekannt, Herr Blume. Wie wär’s, wenn Sie als Antisemitismus-Beauftragter des Landes Baden-Württemberg Ihre Beziehungen zu kompetenten Politikern nutzen würden, um dem Iran gegenüber mal ein Machtwort zu sprechen und nicht nur geduldig zuschauen was da läuft. Israel wird es Ihnen bestimmt danken.
            Alles Gute – W. B.

          • Meine Güte, @W. Blüten – anstatt einfach mal für meine freundlichen und geduldigen Hinweise zu danken, werden Sie unsachlich. Das soll christliche Ethik sein?

            Das Regime im Iran habe ich oft und klar angeprangert, auch in einer eigen Podcast-Folge:

            https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-38-iran-die-verfolgung-der-bahai-antisemitismus-und-oelfluch/

            Oder hier in einem Interview auf Englisch:

            https://www.thewo.news/?p=510

            Wenn Sie hier auch in Zukunft ernstgenommen werden wollen, dann behandeln Sie uns andere doch bitte so, wie Sie auch selbst behandeln werden wollen. Das hat ein außerordentlich kluger Mensch gelehrt, auf den auch Sie sich gerne berufen.

            Mit erneut freundlichen Grüßen und den besten Wünschen!

          • Verzeihen Sie mir bitte Herr Blume, nicht Sie persönlich waren gemeint, vielmehr unsere deutschen Politiker, die mehr für Israel tun könnten, auch in der UNO.
            In der Bibel habe ich in irgendeinem Buch mal gelesen: Man soll nur zum König gehen, wenn man gerufen wird. Sie sind in diesem Blog der Boss, der König. Noch mal, verzeihen Sie mir bitte, wenn ich mich hier ungefragt eingeschlichen habe. Ich bin Ihnen trotzdem sehr dankbar für alle guten Ratschläge.
            Mit freundlichen Grüßen – W. Bülten

          • Alles gut, lieber Herr Bülten. Neben dem Über- und Unterordnen gibt es ja das dialogische Prinzip (z.B. Paula & Martin Buber), das Gespräch auf Augenhöhe. Es lässt sich jederzeit entdecken.

            Ihnen ein schönes Wochenende! 🙏🖖

  11. @Michael 24.04 16:10

    „Genau deswegen dürfen sich Demokratien nicht einschüchtern lassen. Wer einem Aggressor ständig von der eigenen Angst erzählt, stachelt diesen nur an.“

    Ich glaube, die Situation Russlands ist etwas paradox. Gegenüber der Ukraine sind sie der Aggressor aus einer Position der Stärke heraus, die eventuell noch nicht mal eine wirkliche völlige Übermacht ausmacht. Gegenüber der Nato allerdings sind sie konventionell völlig unterlegen, es wäre für Russland völlig aussichtslos irgendwo Nato-Territorium anzugreifen.

    Ohne die russischen Atomwaffen könnten wir problemlos Kriegspartei werden, und die russischen Truppen in ein paar Wochen aus der gesamten Ukraine wieder vertreiben. Ich schätze sogar, dass es keine Problem wäre für uns, weiter gen Moskau zu marschieren, und dort zu versuchen, eine vernünftige Demokratie zu verordnen. Das wäre höchstens politisch schwierig, nicht militärisch.

    Aber Russland hat eben seine Atomwaffen, und wir haben vernünftigerweise Angst davor. Wir könnten den Einsatz von Atomwaffen dann nur noch mit entsprechenden Vergeltungs-Einsätzen beantworten, mit der Gefahr, dass es zu einem umfassenden strategischem Schlagabtausch kommt.

    Ich sehe hier keine Gefahr, das Russland gegen die Ukraine Atomwaffen einsetzt, aber sehr wohl gegen Natotruppen, wenn die in der Ukraine Kriegspartei würden. Ich denke, hier sind rote Linien, die auch aus gegenseitiger Angst nicht überschritten werden, und genau das verhindert den 3. Weltkrieg.

    Putin ist ein intelligenter Mensch, und kein Raubtier, dass auf Angst instinktiv mit mehr Aggression reagiert. Es wäre für Putin vollkommen aussichtslos, irgendwo Nato-Territorium anzugreifen, er kann überhaupt nicht mehr als die Ukraine, Moldawien und Georgien angreifen und besetzen. Wenn wir hier mit Sanktionen und Waffenlieferungen was ausrichten könnten, dann ist das sicher gut. Aber wenn Putin das doch schafft, wäre das eben nicht das Ende der Freiheit in Europa. Es wäre auch das Ende der möglichen russischen Aggressionen.

    Wenn Putin aus mangelnder konventionellem Potential die Nato gleich mit taktischen Atomwaffen angreifen würde, dann kann er das jederzeit tun, wie es ihm beliebt. Nur würden wir auch gleich jeden Atomwaffeneinsatz mit taktischen Atomwaffen entsprechend vergelten. Ein derartiger Versuch z.B. die baltischen Staaten anzugreifen, würde schon nach dem Einsatz von hundert taktischen Atomwaffen recht schnell stecken bleiben. Das führt eben auch für Russland zu nichts. Und genau deswegen wäre es für Putin auch keine wirkliche Option.

    Ein solcher Versuch könnte außerdem schnell zum Schlagabtausch mit allen Strategischen Atomwaffen führen. Das will Putin nicht, und wir wollen das nicht. Wie schafft man das, davor keine Angst zu haben? Und ist es hier nicht sogar lebenswichtig, genug Angst zu haben?

  12. Guten Tag zusammen,
    ich möchte etwas Struktur in die Diskussion bringen und die Erbsündenlehre erläutern, die der Elefant im Raum ist, über die hier niemand spricht.
    In der hebräischen und griechischen Bibel gibt es keine systematische Erbsündenlehre. Diese Erbsündenlehre wurde erst von Augustinus entwickelt und von der Ostkirche nie übernommen. (Was Folgen bis in den aktuellen Ukrainekonflikt hat)
    Nach Augustinus haben wir durch Adams Biss in den Apfel einen Gendefekt erworben, der uns zwingt, immer zu sündigen. Durch diesen Gendefekt sind wir alle zur Hölle verdammt, weil er uns zwingt, dauernd gegen Gottes willen zu verstoßen. Damit auf der Welt noch irgendwie ein menschliches Leben möglich ist, gab Gott das “Gesetz” , das als Notmaßnahme dafür sorgt, dass sich die Menschen nicht gegenseitig ausrotten. Dieses Gesetz sorgt aber weder dafür, dass der Gendefekt aufgehoben, noch dass die Schuld (als Geldschuld verstanden) bezahlt wurde. Diese Schuld wurde dadurch bezahlt, dass Jesus als Sühneopfer am Kreuz gestorben ist.
    Augustinus (und Luther als Augustinermönch ihm folgend) werfen nun den Juden (und Luther der rk-Kirche) vor, die Menschen auf einen falschen Weg der Befreiung von der Erbsünde zu leiten: durch das Halten des Gesetzes sei Erlösung von der Hölle möglich. Das ist nach Augustin und Luther allein dadurch möglich, dass ich meinen Gendefekt erkenne und dankbar das Opfer Jesu annehme, weil Gott aus seiner freien Gnade mich dazu bewegt hat, dieses Opfer anzunehmen.
    Luther war zunächst der ehrlichen Überzeugung, dass die Juden, wenn sie sich aus ihrem falschen – und seiner Überzeugung nach aufgezwungenen – Gesetzesverständnis lösen würden. Er erwartete zunächst, dass die Juden in Scharen seinem Verständnis folgen würden. Das geschah bekanntlich nicht, weil Luther übersah, dass seine Erbsündenlehre a) in Teilen falsch und b) sein Verständnis des “Gesetzes” nicht das jüdische Verständnis ist. (Jesus und Paulus verstehen es anders, aber durch Augustinus wurde das überformt) . Als sich diese Erwartung nicht erfüllte, wurde der bei Augustinus angelegte Antisemitismus aktiviert und es kam zu Luthers bekanntem Antisemitismus. (Interessanterweise hat dann aber der Pietismus in großen Teilen Luthers Antisemitismus abgelehnt. Luthers Antisemitismus wurde erst wieder von den Nazis “ausgegraben”.)
    Das moderne Problem in der evangelikalen Bewegung: diese Lehre von Gesetz und Gnade wird in die Bibel “hineingelesen” und als Offenbarung Gottes verstanden. Dem liberalen Christentum wird vorgeworfen, diese Sichtweise nicht zu teilen und damit für Häresie und das schwindende Interesse an Religion verantwortlich zu sein. So viel in aller Kürze, sicher unvollständig, aber als erstes Gesprächsangebot.

    • Gendefekt? Doch wohl eher das dem holographischen Universum entsprechend konfusionierend-programmierte “Individualbewusstsein”, im Sinne der instinktiven Bewusstseinsschwäche und der “göttlichen Sicherung” (die Vorsehung / Schicksal vor dem Freien Willen, wenn Mensch nicht …), was es gottgefällig/vernünftig-fusionierend zu überwinden gilt – Mensch bedeutet IMMER ALLE (Matthäus 21,18-22), Gott ist die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein des Geistes, der Geist ist das Zentralbewusstsein / die Seele und die schöpferische Kraft/Energie des Universums – Wenn wir es also nicht hinbekommen den geistigen Stillstand seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung (“Vertreibung aus dem Paradies”) im Sinne unserer Vernunftbegabung zu geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein und der vollen Kraft des Geistes zu fusionieren, für ein ebenbildliches Gemeinschaftseigentum “wie im Himmel all so auf Erden”, dann werden wir unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht über den Ereignishorizont unseres holographischen Universums weiter entwickeln, dann wird es wirklich-wahrhaftig einen “great reset” geben, mit “144000 auf dem Berg Zion”, für einen weiteren Versuch Geist-Mensch?-Seele (Raum und Zeit sind relativ) 👋😇

    • @Stefan Berg
      25.04.2022, 16:14 Uhr
      Ist alles richtig. Wie so vieles bei Pispers. Und so bedauerlich ich insbesondere fande und finde, daß Rußland im Jugoslawienkonflikt zu schwach war, die NATO abzuschrecken von ihrer Aggression, ihren Angriffskrieg gegen Serbien, die letztlich zur völkerrechtswidrigen Sezession des Kosovo geführt hat, so sehr begrüße ich, daß umgekehrt die NATO und die EU heute die Einigkeit und Entschlossenheit finden, Rußland zukünftig von solchen Untaten abzuhalten. Aber Selbstüberheblichkeit und „Wir sind die Guten“ ist wirklich fehl am Platz.

  13. @Joachim Fischer 25.04 15:41

    Die Zeiten ändern sich. Im Prinzip kann ich hier 3 Phasen gut unterscheiden. Im Zeitalter der Naturreligionen haben die Menschen bei allen wichtigen Entscheidungen die Geister und Ahnen angerufen, um um Rat und um Erlaubnis zu bitten.

    „Nach Augustinus haben wir durch Adams Biss in den Apfel einen Gendefekt erworben, der uns zwingt, immer zu sündigen.“

    Mit dem Ackerbau und der Etablierung großer Königreiche hat man die großen Weltreligionen erfunden, und damit ging man in eine feudale Zeit über. Die Obrigkeit hat die Ahnen als Entscheidungshilfe abgelöst, die Könige und Priester bestimmten im von nun an feudalem Zeitalter so ziemlich alles. Die religiösen Schriften dienten hier auch als Leitfaden, aber die weltliche Macht wurde doch eher nur legitimiert, und die Könige machten das Meiste in Eigenverantwortung selber.

    „Damit auf der Welt noch irgendwie ein menschliches Leben möglich ist, gab Gott das “Gesetz” , das als Notmaßnahme dafür sorgt, dass sich die Menschen nicht gegenseitig ausrotten.“

    Inzwischen haben wir die Aufklärung hinter uns, und wir haben die feudalen Zeiten mit Demokratie und Wissenschaft abgelöst. Jetzt entscheiden wir selber, was vernünftig ist, und fordern dies auch von der Politik und der Wirtschaft ein.

    „Dem liberalen Christentum wird vorgeworfen, diese Sichtweise nicht zu teilen und damit für Häresie und das schwindende Interesse an Religion verantwortlich zu sein.“

    Letztlich bleibt in modernen Zeiten auch den Schriften keine Autorität mehr. Die brauchen wir auch gar nicht mehr. Wir können uns im wesentlichen an der Wissenschaft orientieren, und der verbleibende Raum für Spiritualität kann Privatsache bleiben.

    Längst haben die verschiedenen Weltreligionen fast überall ihr Monopol verloren, und was schwerer wiegt, die Menschen vertrauen vernünftigerweise zunächst mal dem besser gesichertem Wissen, das die Wissenschaft findet. Als grundsätzliches Ziel hat sich inzwischen auch wieder eine Pflege und Erhaltung wilder Natur wie auch der ökologischen Gesamtheit der Biosphäre etabliert. Dieser Themenkomplex ist im mittleren Feudalem Zeitalter ziemlich in den Hintergrund geraten, da hatten selbst die Naturreligionen noch mehr drauf geachtet.

    Und um naturverträglich zu wirtschaften und zu leben brauchen wir ja auch die Wissenschaft, um eben naturverträgliche Lösungen überhaupt erst mal zu finden. Eine Motivation, die so gefunden Lösungen umzusetzen, kann durch persönliche Spiritualität gefördert werden, kommt aber auch ganz ohne aus. Keinerlei Bekehrungen sind hier erforderlich, das offensichtlich Lebenspraktische ist direkt einsehbar. Hier reichen schon Bildung und Kultur vollkommen aus.

    Als religiöse Perspektive sehe ich eher ganz persönliche Ansichten, es gibt hier nichts mehr zu organisieren. Jeder kann glauben was er will, es geht hier nur noch um das eigene Leben, die Religion muss keine weltliche Macht mehr legitimieren, und ist damit letztendlich auch genau davon frei geworden. Weltliche Macht gründet sich inzwischen auf demokratische Legitimation und wissenschaftlich begründete Vernunft. Wir Menschen haben deshalb eben Geistesfreiheit bekommen. Das ist auch gewöhnungsbedürftig, aber es hat viel mehr Vorzüge als Nachteile.

    • @Thomas Jeckenburger
      Eigentlich bezog sich mein post nur darauf, dass die Lehre von der Erbsünde (wie sie die Evangelikalen lehren) etwas spezifisch westeuropäisches und deshalb nur sehr partikular und keinesfalls universell ist.
      “Sich an den Wissenschaften orientieren”, das ist der alte Traum Platos von den Philosophenkönigen (denn zu seiner Zeit gab es nur die Philosophie als Wissenschaft). Ich habe meine Zweifel, weil ich genügend Beispiele dafür kenne, dass Wissenschaften ideologisch geprägt wurden.
      Biologie: Nazis und Sozialisten unter Lyssenko, Agrarbiologie: ideologisch höchst aufgeladen; Mathematik: unter Rassismusverdacht, Wirtschaftswissenschaften: hier sehe ich, wie unter angelsächsischem Einfluss Thünens Lagerrendite und der Grenznutzen völlig ignoriert bzw. als Ideologie difammiert werden, Chemie. die sozialistische Chemie Rumäniens, Physik: früher die “Deutsche Physik” des “III. Reiches”, heute die Leugner des menschengemachten Klimawandels…
      Sie werden mir zugeben, es gibt gute Gründe, an “den Wissenschaften” zu zweifeln.

  14. Tobias Jeckenburger, Fischer
    Danke für die Kulturgeschichte der Europäer.
    Die christliche Religion war tatsächlich die Verbindung mit der weltlichen Staatsmacht eingegangen und hatte die auch legitimiert.
    Mit der Industrialisierung sind den Kirchen aber die Christen davongelaufen und Karl Marx hat die Philosophie dazu verfasst.
    Heute ist die Kirche Wohlfahrtsverein aber auch noch eine moralische Instanz, was sich in den Ethikkommissionen zeigt.

    Wenn die Politik auf christlich-jüdische Symbole zurückgreift, wie bei Frau B. , dann ist das verantwortungslos. Die 10-Gebote sind immer noch die Grundlage aller zivilisierten Staaten der Erde.

    Zum Ukraine-Rußland Krieg, die Religion ist dabei nicht beteiligt, auch nicht die Kirchen. Dass die Erbsünde als Begründung für verantwortungsloses Handeln herangezogen wir, auch nicht belegbar.
    Gott ist nicht verantwortlich für Sünden der Menschen.

    • Zum Ukraine-Rußland Krieg, die Religion ist dabei nicht beteiligt, auch nicht die Kirchen.

      Die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützt den Ukraine Krieg.

    • @Ilonoil
      Sie überschätzen Karl Marx gewaltig- bei Gelegenheit mehr dazu.
      Zur Erbsünde ganz kurz. In der Orthodoxie ist unbekannt dass der Mensch aus freiem Willen etwas Böses tun könnte um Böses zu tun. Man geht vielmehr davon aus, dass wer Böses tut, eigentlich etwas Gutes anstrebt. Im Westen sind wir das skeptischer .

  15. Dass die Erbsünde als Begründung für verantwortungsloses Handeln herangezogen wir, auch nicht belegbar.
    Gott ist nicht verantwortlich für Sünden der Menschen.

    Auch im Monotheismus gibts ja immernoch den falschen Gott, oder?

    Und von dem kann man auch erben. Also macht es dann doch wieder einen Sinn mit der Erbsünde.
    Wobei das natürlich unangenehme Details in der schönen Gotteslehre sind, die man nicht so gerne in der Verteidigung bestätigen wollte. Das verwirrt doch die Menschen in ihrem Glauben allzu sehr, diese vielen Details.
    Der hintergründige gehalt dieser Szenerie ist aber, das man dann natürlich davon ausgehen müsste, das dieser falsche Gott gestorben sein muß. Denn sonst würde nicht geerbt werden können.
    Und das ist der verborgene Link dazu, das plötzlich Seuchen und Kriege ausbrechen, die unerwünscht sind und allgemein auch nicht erwartet wurden (wobei einige durchaus damit rechneten, was wiederum hellhörig machen müsste. Denn wenn man weiß, was kommt, dann kann mann vielleicht auch daraufhin arbeiten, das es geschieht, wenn man weiß, was man tun muß).

    • @demolog

      Das Christentum hat es sich da im Sinne der bewusstseinsbetäubten Erfüllung der Vorsehung ganz einfach gemacht: Jesus ist für uns gestorben und hat somit den Tod überwunden, er ist somit der Sündenbock und der göttliche Auftrag ist im Sinne von “Nach mir die Sintflut” auf den Sanktnimmerleinstag verschoben.
      🤔🤫🥴😢 👋🤣

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