Verschwörungsfragen 43 – Buchstabiertafel ab heute entnazifiziert

Es begann mit einem Buch (“Warum der Antisemitismus uns alle bedroht”, Patmos 2019) – und führte heute zum Erfolg: Der unerträgliche Zustand, dass auch noch 75 Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes antijüdische Eingriffe in die deutsche Buchstabiertafel bestehen blieben, wurde beendet. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) veröffentlichte heute die Vorschläge für die DIN 5009, zu der auch das Buchstabieren gehört. Und die Nazi-Verunstaltungen sind jetzt draußen.

Die Geschichte und Hintergründe dagegen können Sie in dieser Folge (43) von “Verschwörungsfragen” hören oder lesen, wie immer auch über podigee und alle gängigen Podcast-Anbieter.

 

Folge 43 des Podcasts “Verschwörungsfragen” behandelt die Hintergründe und Geschichte der deutschen Buchstabiertafel. Link zu podigee

Eine pdf des Textmanuskriptes finden Sie wie immer hier – und im Folgenden auch den Fließtext:

Heute, am 30. Juli 2021, veröffentlicht das Deutsche Institut für Normung einen neuen Vorschlag für die Buchstabiertafel. Damit wird ein historisches Unrecht wiedergutgemacht, das bis in die NS-Zeit zurückreicht. Schon im April 1933 – wenige Wochen nach ihrer Machtergreifung – ließen die Nationalsozialisten alle deutsch-jüdischen Vornamen aus der offiziellen Buchstabiertafel der deutschen Telefonbücher streichen.

Die NS-Streichung der deutsch-jüdischen Namen

Für D wie Dora wurde D wie David getilgt – der legendäre und keineswegs nur heldenhafte König der Bibel, dem auch biblische Psalmen zugeschrieben waren. J wie Julius ersetzte J wie Jakob – jener Enkel von Abraham, dem nach einem geheimnisvollen, göttlichen Ringkampf erstmals der Name „Israel“ verliehen wurde. Immerhin entging Marie, die auf die jüdische Mutter Maria, hebräisch Mirjam, zurückgeht, dem Zugriff der Nationalsozialisten. Doch auf sie folgend wurde N wie Nathan durch N wie Nordpol ersetzt.

Nathan war jener Prophet, der den König David zur Rede gestellt und damit die Gewaltenteilung zwischen Religion und Politik in die Bibel eingeschrieben hatte. Auf eine Zusage des Nathan stützte sich aber auch die jüdische Hoffnung auf einen kommenden Moschiach, den später die Christen als Messias Jesus und Muslime als al-Masih Isa deuten würden.

Und „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) darf als das international und interkulturell vielleicht bedeutendste Werk der deutschen Sprache gelten. Aufbauend auf Stellen aus Bibel und Koran stellt es den absoluten Wahrheitsansprüchen von Religionen und Weltanschauungen die Ringparabel entgegen: Wer von sich behaupte, die höchste Lehre zu vertreten, den wahren Ring des Erben zu besitzen – sollte dies doch vor allem im eigenen Leben zeigen und verwirklichen.

Zwischen dem Relativismus, dem alles gleich gültig und damit gleichgültig ist und dem Fundamentalismus, der nur die Wahrheit der je eigenen Gruppe gelten lassen will, war damit ein schmaler, mittlerer Weg mit Nathan und Saladin verbunden: Das Miteinander aus Vielfalt, Freiheit und Verantwortung. Ich meine: Wer mit Lessings Ringparabel nie gerungen hat, kann schwerlich behaupten, die deutsche Kultur zu kennen.

NS-Ariosophie & Nordpol

Es ist also kein Wunder, dass die Nationalsozialisten den Namen Nathan nicht nur aus der Buchstabiertafel tilgten, sondern durch einen Nicht-Namen, durch „Nordpol“ ersetzten.

Schon im „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hatte der wortmächtige Verschwörungsgläubige den persischen Religionsstifter in den kalten Norden gestellt, um ihn für die Unterscheidung von Gut und Böse zu bestrafen. In der rechtsextremen Esoterik der sogenannten „Ariosophie“ wurde auch schon gegen die damaligen Kenntnisse der Wissenschaft die Herkunft der weißen sogenannten „Arier“ aus den Eiswüsten des Nordens hergeleitet, wo sie eine unbarmherzige Natur zu Meistern von Feuer und Geist geschmiedet habe. Nur die Verschwörungskunst der ihnen entgegengesetzten Juden, rassistisch als „Semiten“ bezeichnet, habe bislang die Weltherrschaft der vermeintlichen „Arier“ samt der Versklavung oder Vernichtung aller anderen „Menschenrassen“ verhindert.

Genau auf diese schon damals absurde und wissenschaftsfeindliche Verschwörungsmythologie stützte sich auch Adolf Hitler in seiner Münchener Rede von 1920 „Warum wir Antisemiten sind“. Dort rühmte er die „unerhörten Eiswüsten“, die das Ariertum geformt hätten, stellte diesem Juden als vermeintlich verschwörerische Feinde entgegen und pries das esoterische Hakenkreuz als „Zeichen der Sonne“. Das einzige Buch, das Hitler in dieser auch gegenüber Abraham, Christentum und Islam völlig ablehnenden Darlegung seines Antisemitismus nannte, war die Bibel – die Hitler unter Gejohle und Applaus seiner Anhänger als Fälschung verhöhnte. In der NS-Ideologie bildete der Nordpol nicht weniger als den Gegenpol gegen die gewachsenen, semitischen Religionen „und“ Wissenschaften vom Menschen. Nathan sollte nicht einfach nur ersetzt, er sollte buchstäblich vernichtet werden.

Und so wurde auch der Prophet Samuel, in dessen Namen von Nathan berichtet wird, durch den nordischen Siegfried ersetzt. Ebenso erging es Zacharias, dem Namen eines Propheten in der hebräischen Bibel und des Priester-Vaters von Johannes dem Täufer in der christlichen Bibel. Die Nazis ersetzten ihn durch Zeppelin.

Warum griff niemand ein?

Auf diesen autoritären und ausdrücklich antisemitischen Eingriff der Nationalsozialisten war ich während der Recherchen zu meinem Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ gestoßen. Und viele Leserinnen und Leser sprachen und schrieben mich darauf an; auch Andreas Main vom Deutschlandfunk griff es im Juni 2019 auf und löste damit zahlreiche Nachfragen aus.

Wie konnte es sein, so fragten sich viele Menschen verblüfft, dass man die Buchstabiertafel im Nachkriegs-Deutschland sowie in Österreich mehrfach überarbeitet, aber etwa den „Nordpol“ niemals mehr revidiert hatte? Es gab doch zahlreiche Institute und Lehrstühle der Sprachwissenschaften bis hin zur Germanistik, mächtige Verbände wie den „Deutschen Philologenverband“ und den „Deutschen Journalisten-Verband (DJV)“, das Goethe-Institut und die Fach-„Gesellschaft für deutsche Sprache“, deren „Worte“ und „Unworte des Jahres“ es sogar regelmäßig in die Tagesschau schafften. Es gibt die Institution des „Duden“-Verlages, eine „Deutsche Akademie für Dichtung und Sprache“, das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache und einen „Rat für deutsche Rechtschreibung“. Doch auch nachdem die Zuständigkeit für die Buchstabiertafel 1983 an das Deutsche Institut für Normung (DIN) übergegangen war und es also Ansprechpartner gegeben hätte, gab es auch aus den Sprachwissenschaften lange keine breite Diskussion und keinen öffentlichen Vorstoß zur Wiederherstellung der Weimarer Buchstabiertafel.

Am mangelnden Interesse an der Entwicklung und Normierung der deutschen Sprache kann es kaum gelegen haben. 1985 legte eine große und gemeinsame, germanistisch besetzte Konferenz aus der Bundesrepublik Deutschland, der damals noch existierenden Deutschen Demokratischen Republik sowie aus der Schweiz und aus Österreich gemeinsam ausgearbeitete Vorschläge für eine Rechtschreibreform vor. Nach intensiven Beratungen und Anhörungen kam es zur deutschen Rechtschreibreform von 1996, die zu hoch emotionalen Debatten bis ins Parlament sowie zu mehreren Verfassungsklagen führten.

Die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ zog dabei sogar Parallelen zu einer vom NS geplanten, aber nie durchgeführten Rechtschreibreform von 1944 und erstellte sogar eine Untersuchung „Rechtschreibreform und Nationalsozialismus“. Außerdem präsentierte sie einen Kompromissvorschlag, der in eine Überarbeitung der Rechtschreibreform ab 2004 einfloss.

Emotionen ums Gendern

Auch heute noch ist die hohe Emotionalität der deutschen Sprachdebatten am eigenen Leibe zu erfahren. So schrieb ich unlängst einen Artikel über Antisemitismus und die Bedeutung der Alphabetschrift für das Magazin „das Goethe“. Entsprechend der redaktionellen Richtlinien wurde mein Text dabei um Gendersterne ergänzt und zum Beispiel die von mir verwendete Formulierungen „Jüdinnen und Juden“ durch „Jüd*Innen“ ersetzt. Persönlich halte ich von dieser Schreibweise gar nichts, hätte es aber auch für überzogen gehalten, dafür einen ganzen Artikel platzen zu lassen. Also akzeptierte ich die Änderung – und prompt hagelte es wütende und teilweise beleidigende Schreiben und E-Mails ausschließlich älterer Männer, oft mit akademischen Titeln.

Einige Wochen später schrieb ich einen Artikel „Antisemitismus – Ein Thema für alle“ für die Jüdische Allgemeine, der sogar zum Leitartikel der Wochenausgabe erhoben wurde. Darüber freute mich sehr, wenn mir die Redaktion auch freundlich mitteilte, dass sie diesmal „Jüdinnen und Juden“ zu „Juden“ kürzen würde. Sie dürfen gerne raten, welche Rückmeldungen ich nun wieder dazu bekommen habe! Wenn es um Sprache und vor allem Schrift geht, verstehen viele Deutsche keinen Spaß.

Und wenn ich mich selbst einmal wieder über eine in meinen Augen allzu aggressive Schreibweise oder ein allzu dummes Wort ärgere, so rufe ich mir als Vorbild die vielleicht bekannteste Richterin der Erde ins Gedächtnis, die leider letztes Jahr verstorbene Ruth Bader Ginsburg (1933 – 2020). Sie war schon zwei Jahrzehnte Oberste Richterin am Supreme Court der USA, als sie ohne Dünkel eine „großartige Sekretärin an der Columbia Law School“ würdigte. Diese hätte ihr erklärt, Zitat (S. 65): „Ich tippe all Ihre Schriftsätze und ständig springt mich das Wort >Sex< an. Ist Ihnen denn nicht klar, dass man bei diesem Wort nicht zuerst an das denkt, woran die Richter dabei denken sollen? Benutzen Sie lieber >Geschlecht<. Das ist ein schöner Begriff aus der Grammatik. Das verhindert störende Assoziationen.“

Ich glaube also wirklich, dass Größe auch darin besteht, der eigenen Sprache und Schrift immer wieder die Chance auf neue Experimente und Entwicklungen zu geben. Dafür ist es aber wichtig, sich über die eigenen, oft vorbewussten Wahrnehmungen und Gefühle dazu klar zu werden. Und damit sind wir in Deutschland leider noch nicht sehr weit gekommen.

DIN-Ausschuss zur Buchstabiertafel 2020

Mir war also völlig klar, welche Widerstände es auslösen würde, wenn ich nun endlich öffentlich dafür plädieren würde, die antisemitische NS-„Arisierung“ der Weimarer Buchstabiertafel aufzuarbeiten und zurück zu nehmen. Es würde jede Menge auch toxischer Reaktionen auslösen. Aber ich hatte auch die Befürchtung, dass die NS-Traditionen weitere Überarbeitungen überstehen würden, ja, dass das Buchstabieren schließlich aus der Normung genommen würde und die NS-Eingriffe dann bis in alle Ewigkeiten stehenbleiben würden. Das hielte ich gerade auch als Autor, der Schrift und Sprache liebt, nun wirklich für eine Schande.

Also wandte ich mich mit einem Schreiben an das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin – und wurde positiv überrascht. Die Kolleginnen und Kollegen dort erkannten sehr schnell, dass hier Handlungsbedarf bestand, beauftragten den Ausschuss „Text- und Informationsverarbeitung für Büroanwendungen“ mit einer Reform und luden mich ein, darin mitzuwirken.

Dabei zeigte sich aber auch, dass meine ursprüngliche Idee einer bloßen Wiederherstellung der Weimarer Tafel auch ihre Tücken haben würde. So standen damals in der Version von 1926 19 männliche nur fünf weiblichen Namen und fünf neutralen Begriffen gegenüber. Würde man aber darangehen und etwa die ebenfalls biblische Deborah für den David und die gerade durch eine Hashtag-Debatte zu Recht prominente #IchbinHanna für den Heinrich nehmen, so stellte sich selbstverständlich die Frage nach weiteren Ethnien und Religionen. Wie weit sollte man also die damalige Tafel öffnen und wie würde es wiederum wirken, beispielsweise nur einen türkisch-männlichen, einen englisch-neutralen und einen russisch-weiblichen Namen aufzunehmen? Ich musste einsehen: Statt der meinerseits gewünschten, würdigen Wiederherstellung der Weimarer Tafel würde sich ein verkrampftes und womöglich ungewollt lächerlich wirkendes Ergebnis einstellen.    

Auch die Idee, einfach das Internationale Buchstabieralphabet – im Alltag gerne als NATO-Alphabet bezeichnet – zu übernehmen, konnte die Fachleute nicht überzeugen: In jenen Ländern, in denen es eingeführt worden war, hatte es außerhalb von Rettungs- und Polizeidiensten, Militärs und Verkehrsverbünden kaum Anklang gefunden. Auch zum Beispiel die Briten sprachen in ihrem Alltag einfach nicht von Yankee – Foxtrott – Bravo, sondern griffen auf Erinnerungen und spontane Schöpfungen zurück. Die deutschen Umlaute und Symbole für Sch oder Scharf-S gab es gar nicht. Faktisch hätte dies also im deutschsprachigen Alltag einfach das Weiterwirken der NS-Tafel samt Nordpol und gerade nicht eine Aufhebung der antisemitischen Eingriffe bedeutet.

Umgekehrt war aber klar, dass all jene Dienste und Menschen, die das sogenannte NATO-Alphabet bisher schon nutzten oder in Zukunft nutzen wollten, völlig frei blieben, das zu tun.

Beachten Sie an dieser Stelle bitte auch ein kleines, aber für später noch interessantes Detail: Selbstverständlich wird das internationale oder NATO-Alphabet ganz selbstverständlich als Buchstabieralphabet bezeichnet. Auch im Deutschen war lange die Bezeichnung „deutsches Telephonalphabet“ selbstverständlich, bevor sich schließlich der Begriff „Buchstabiertafel“ durchsetzte. Wir werden später noch erkunden, warum.

Schließlich schälte sich im DIN-Ausschuss ein Kompromiss heraus, mit dem ich sehr gut leben kann: Der Ausschuss würde einerseits vorschlagen, die Weimarer Tafel vor dem NS-Eingriff symbolisch wiederherzustellen. Menschen, die sich weder groß umgewöhnen noch unbewusst Nazi-Traditionen weitertragen wollten, würden damit einfach auf diese zurückgreifen können.

Vorschlag für die symbolische Wiederherstellung der Weimarer Buchstabiertafel. Grafik: DIN Institut, mit freundlicher Genehmigung

Für Wirtschaft und Verwaltung würde zudem eine Buchstabiertafel auf Basis der Städtenamen vorgelegt, die bereits über die Autokennzeichen etabliert worden waren. Und das Ganze würde auch nicht wie in der NS-Zeit einfach autoritär erlassen werden, sondern in einem digitalen Anhörungsverfahren Verbänden und Einzelpersonen zur Diskussion gestellt werden. Sie sind gerne eingeladen, auf www.entwuerfe.din.de die Entwürfe einzusehen und zu kommentieren – und wir wollen auch Menschen anhören, die sich konstruktive Mühen gemacht haben. Und all dies würde auch nicht erst irgendwann geschehen, sondern in diesem 2021 – dem offiziellen Erinnerungsjahr zu 1700 Jahren jüdischem Leben in deutschen Landen.

Für den mir so wichtigen Nathan bedeutete das zum Beispiel: Sein Name würde auf der Weimarer Tafel für die Öffentlichkeit wiederhergestellt. Und in der vorgeschlagenen Städtenamentafel würde es N wie Nürnberg heißen – die einstige NS-Parteistadt, in der später die ebenso schmerzhaften wie international bis heute wirksamen Kriegsverbrecherprozesse stattfanden. Die Stadt, in der heute auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) residiert und täglich mitentscheidet, ob wir Deutschen unserem Anspruch auf Wahrung von Menschenrechten und Menschenwürde annähernd gerecht werden. Und auch die Stadt, in der es heute neben den christlichen Kirchen, muslimischen und weiteren Gemeinden auch wieder eine lebendige Israelitische Kultusgemeinde gibt. Wie kaum eine andere Stadt stand und steht Nürnberg nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für Gegenwart und Zukunft des Miteinanders, für das Ganze der deutschen Geschichte. In meiner Wahrnehmung sind damit sowohl N wie Nathan wie auch N wie Nürnberg starke Antworten auf den ariosophisch missbrauchten Nordpol.

Vorschlag für die neue Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung. Grafik: DIN Institut, mit freundlicher Genehmigung

Also möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen im zuständigen Arbeitsausschuss um Obmann Eberhard Rüssing herzlich bedanken.

Die Auseinandersetzung mit den NS-Eingriffen auf die Buchstabiertafel wurde nicht abgetan oder auf die lange Bank geschoben, sondern verantwortungsvoll und zügig, aber eben auch fachlich diskutiert und abgewogen.

Von Praktikern aus Wirtschaft, Verwaltung und Lehre bis zur Redaktionsleiterin eines bedeutenden Verlages brachten sich die Fachleute ein. Ich meine, dass an dieser Stelle dem Deutschen Institut für Normung eine Reform der damaligen postamtlichen, mittlerweile verwaisten Buchstabiertafel gelang, die u. U. schon vor Jahrzehnten von anderen hätte vorgenommen werden sollen.

Und ich hoffe, dass die symbolisch wiederhergestellte sowie die neue Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung in den Medien nicht auf die Überwindung von Antisemitismus reduziert werden, sondern viele meiner Ausschuss-Kolleginnen und Kollegen gehört werden.

Denn das macht doch den Unterschied zwischen einer autoritären Diktatur und einer lebendigen Demokratie aus: Die Vielfalt der Perspektiven, die zu Wort kommen.

In meinen Dank möchte ich auch Irene Miziritska einschließen, deren Namensbeitrag „Nathan ist zurück“ zum Jahreswechsel in der Jüdischen Allgemeinen eine echte Anerkennung und Ermutigung für uns alle war.

„Widerstand“

Denn selbstverständlich gab und gibt es auch jede Menge Gegenwehr. Auf jeden Zeitungs- und Radiobericht über die anstehende Reform kamen neben freundlichen und interessierten Rückmeldungen auch wütende Zuschriften, in denen sich vor allem schon etwas betagtere Herren seitenweise darüber ausließen, warum eine solche Reform völlig unnötig sei. Nicht wenige von ihnen hatten Stunden in ausführliche Erläuterungen investiert, warum eine solche Buchstabiertafel keine Minute wert wäre; manche hatten sogar höhnische Varianten mit J wie Jerusalem, M wie Moschee und T wie Transgender beigelegt.

Ein Mailschreiber ließ uns wissen, wir würden uns in „Selbstzensur“ auch „gegen das Wort ‚deutsch‘“ üben und damit „letztendlich lächerlich“ machen. Zitat: „Ganz ehrlich – mir wird Nordpol wegen seiner Markantheit immer einfallen; Nathan eher nicht, ebenso nicht Samuel. Und würden Sie nicht auf eine Verbindung zur Nazi-Ideologie hinweisen, würde mir wirklich gebildetem Bürger mit 60 Jahren auch nichts Derartiges in den Sinn kommen.“ – Zitat Ende. Die Mail endete mit Beschimpfungen über wissenschaftliche „Wichtigtuer“, die ich uns hier erspare.

Der Germanistik-Professor Horst Haider Munske, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins für Deutsche Sprache, ließ sich wiederum am 5. Mai in der Stuttgarter Zeitung mit der Ansage zitieren, für unseren Reformvorschlag würden wir, Zitat, „Prügel bekommen“ und: „Da wird es Protest dagegen geben, die neue Tafel wird von Anfang an scheitern.“ – Zitat Ende –

Wow, Danke für diesen konstruktiven Beitrag.

Nun ist die Ankündigung von Prügeln und Schlimmerem in meinem Aufgabenbereich leider nahezu alltäglich. Wer sich mit antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Traditionen anlegt, darf sich auf sehr handfeste Zuschriften, nun ja, „freuen“. Und wer sich auch nur mal eine halbe Stunde zum Beispiel auf Twitter umschaut, wird sehen, wie heftig und teilweise roh auch gebildete Menschen quer über die politischen Lager Sprache und Schrift einsetzen, um andere zu attackieren.

Im zweiten Teil dieser Podcast-Folge möchte ich versuchen darzulegen, warum das so ist – und gerade auch im Deutschen so ist. Ich behaupte nicht weniger, als dass wir als Menschen, als Deutschsprachige auch den Antisemitismus in unseren eigenen Traditionen einschließlich der Religionen, Weltanschauungen und Wissenschaften sehr viel besser verstehen, wenn wir uns einmal die Mühe gemacht haben, die Bedeutung von >Sem<, hebräisch „Schem“, zu verstehen. Mir ist klar: Die Zusammenhänge gehen über das Alltagswissen hinaus und sind nicht leicht zugänglich. Aber wenn wir uns die Mühe machen, dann verstehen wir besser und sehen wir klarer.

Die Macht von Symbolen

Erlauben Sie mir dabei mit einer Erläuterung eines Zitates einzusteigen, das ich dem Deutschen Institut für Normung zum heutigen Tag gab. Es lautet: „Wir können die in Teilen schmerzhafte Historie der Buchstabiertafel nicht ungeschehen machen. Mit dieser Darstellung wollen wir die Eingriffe aus der NS-Zeit aber zumindest symbolisch heilen.“

Manche Menschen werden sicher behaupten, eine Darstellung von Vergangenem könne oder solle gar nicht „schmerzhaft“ sein. Ich halte das für eine mehr oder weniger bewusste Selbsttäuschung. Wann immer wir uns durch Medien wie Sprachen, Schriften oder Bilder die Geschichte realer Menschen vergegenwärtigen, betrifft uns dieses auch selbst. Insofern verstehe ich den Einwand des wütenden Lesers sogar, der beim Buchstabieren nicht an die NS-Geschichte erinnert werden wollte. Denn: Ja, das schmerzt und weckt bei manchen auch falsche Schuldgefühle. Allerdings ist niemand Heutiges an den NS-Verbrechen Schuld und es waren auch nicht heutige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sogar noch die Buchstabiertafel antisemitisch verunstaltet haben – es waren die Nationalsozialisten. Statt also mit Wut und Verdrängung von Schuldgefühlen zu reagieren, halte ich es für klüger, sich der Geschichte zu stellen und durch die Erinnerung in ein gemeinsames, besseres Morgen zu gehen. Es liegt an uns, ob der Nathan wiederentdeckt und wie Nürnberg in Zukunft wahrgenommen wird. 

Symbole

Symbole sind nicht harmlos und wirkungslos, auch wenn das leider immer noch oft behauptet wird. Aber aus Worten, Schriftzeichen und Bildern erschaffen wir erst unsere sozialen Realitäten wie Beziehungen, Unternehmen, Staaten, Religionen, Weltanschauungen, Wissenschaften und Technologien, auch unsere Texte und Podcasts. Yuval Noah Harari hat dies in seinem „Sapiens“ so beschrieben, Zitat (S. 42): „Der echte Unterschied zwischen uns und Schimpansen ist der mythische Klebstoff, der große Zahlen von Personen, Familien und Gruppen zusammenbindet.“ – Zitat Ende –

Wenn also zum Beispiel im Angesicht von Klimakrise und Starkregen gesagt wird, es sollte jetzt „nicht nur Symbolpolitik“ stattfinden, so ist doch damit die Hoffnung verbunden, dass sich Symbole verändern sollten: Etwa die Kontostände von Betroffenen, Geldscheine – bei denen es sich selbstverständlich um mit Tauschwerten versehene Symbole handelt – und Gesetzestexte, die etwa sicherere Baugebiete ausweisen und der weiteren Erhitzung unseres Planeten entgegenwirken.

Der wohl bekannteste Philosoph der Digitalisierung, Jaron Lanier, selbst Sohn einer Holocaust-Überlebenden, ging sogar noch tiefer und meinte – Zitat (S. 386): „Ein Symbol ist ein Trick, der aus Effizienzgründen angewendet wird.“ – Zitat Ende – Über Symbole wie Worte, Schriftzeichen und Bilder können wir Zusammenhänge unendlich viel schneller aufnehmen und ausdrücken. Und jeder und jede von uns kennt ein ganz persönliches Symbol: Den eigenen Namen.

Namen

Ob es um Naturphänomene oder andere Lebewesen geht – wir Menschen brauchen Namen, um sie uns vorstellen, erzählen und buchstäblich be-greifbar machen zu können. Franz Rosenzweig (1886 – 1929) schrieb deswegen sogar vom „Einbrechen des Namens in das Chaos des Unbenannten“. Er verwies darauf, dass laut der Bibel Gott die frisch geschaffenen Menschen mit der Gabe versehen habe, den Tieren eigenständig Namen zu geben, die wiederum Wirkung entfalteten. (1. Mose 2, 19) Hans Blumenberg (1920 – 1996) kommentierte dazu, Zitat (S. 41): „Alles Weltvertrauen beginnt mit den Namen, zu denen sich Geschichten erzählen lassen.“ – Zitat Ende –

Diesen Umschwung von Weltangst zu Weltvertrauen, von einem unberechenbaren, absoluten Gott zu einem sich selbst an Recht und Schrift bindenden Gott fassten die frühen Schriftgelehrten in das Symbol des Regenbogens, den Noah-Bund. Heute rennen viele Friedens- und Bürgerrechtsbewegte, politische Aktivisten und Fußballspieler mit den Regenbogen-Farben umher, die manchmal leider nicht mehr wissen, woher dieses Symbol ebenso wie die Friedenstaube stammt – und dass sie nach jüdischer Auslegung bis heute für die ganze Menschheit leuchten.

Auch im Begriff des Anti-Sem-itismus steckt ein biblischer, ein noachidischer Name. Der Noahsohn Sem, hebräisch „Schem“, trägt den mächtigsten aller Namen, nämlich: Name. Ja, der Name „Schem“ bedeutet – Name.

Und was das für ein Name ist! Eine häufige Bezeichnung für den Schöpfer selbst ist HaSchem, der Name. Und auch die Gedenkstätte für die Ermordeten der Shoah bei Jerusalem heißt nicht zufällig Yad Va Schem, Denkmal und Name. Blumenberg zitierte daher auch Gershom Scholem (1897 – 1982), der in Berlin als Gerhard geboren war, mit Zitat (S. 43): „Die ganze Tora ist nichts anderes als der große Name Gottes.“ – Zitat Ende –

Welche Geschichten aber hinterließ das Judentum zu Schem, zu Sem? Nein, keinesfalls taucht er im Talmud als Begründer von „Rassen“ auf, die es weder in der jüdischen Religion noch in den Wissenschaften gibt. Und, nein, Sem ist auch kein Begründer von Sprachen, wie es viele Sprachwissenschaften bis heute falsch tradieren. Sem gilt vielmehr gemeinsam mit seinem Enkel Ewer – dem ersten Hebräer – laut der jüdischen Auslegung schon des Talmud als der Begründer einer Schule in Alphabetschrift im späteren Jerusalem.

Das Alphabet bildet nicht weniger als die grundlegende Symbol-Revolution der Schriftzeichen. Es gab ältere Schriftsysteme wie die ägyptischen Hieroglyphen und die mesopotamischen Keilschriften, die auf – Tafeln geschrieben wurden. Doch diese Symbolsysteme hatten Hunderte von Schriftzeichen und waren nur von wenigen Menschen unter außerordentlichen Mühen zu lernen.

Dagegen finden sich im 18. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf dem Sinai die ersten Alphabet-Zeichen, das sogenannte „proto-semitische Alphabet“. Mit ihnen beginnt die Demokratisierung des Schriftbesitzes. Und schon drei Jahrhunderte später finden wir die ersten Alphabet-Zeichen tatsächlich in Lachisch bei Jerusalem.

Galileo: „Siegel aller bewundernswerten Erfindungen des Menschen“

Galileo Galilei (1564 – 1641) hat uns in seinem „Dialog“ dazu den klugen Ausruf hinterlassen: „Zwanzig kleine Buchstaben, arrangiert auf einer Seite! Lasst dies das Siegel aller bewundernswerten Erfindungen des Menschen sein!“

Und ich stimme ihm auch hierbei zu: Mit den Alphabetschriften begann eine Symbol- und also Medienrevolution der gesamten Menschheit, die wir bis heute daher auch selbstverständlich „Alphabetisierung“ nennen. Das entstehende Judentum wurde zur ersten Religion des Alphabetes, zur ersten Religion der Schrift.

Eine rabbinisch-koschere Thorarolle besteht aus 304.805 mit Vogelfedern handgeschriebenen Buchstaben; keiner weniger, keiner mehr. Und das Kind wird zum Erwachsenen, in dem es meist im Alter von 12 oder 13 Jahren in der Bar Mitzwa oder Bat Mitzwa „bei seinem Namen gerufen“ wird – und aus den Schriftrollen liest. Wenn dies gelungen ist, jubelt die ganze Gemeinde und von den Tribünen der Synagoge regnet es Bonbons. Denn die Gemeinde feiert, dass sie ihre eigene Aufgabe erfüllt hat – das Lesen und Schreiben zu lehren.

Ja, sogar der Begriff der „Bildung“ selbst ist direkt der Thora entnommen. So finden wir schon bei dem großen Gelehrten Maimonides, der übrigens in arabischen Alphabetzeichen schrieb, die Auslegung: Da der Mensch, jeder Mensch, „im Bilde Gottes“ geschaffen sei, bestünde die Pflicht der ganzen Gemeinde, sie und ihn zu „bilden“.

Auf diesen jüdischen Weisen als „Rabbi Moyses“ aufbauend führte dann der christliche Prediger Meister Eckhart diesen Gedanken in die deutsche Sprache ein und prägte damit das nach meiner Auffassung tiefste und wichtigste Wort unserer Sprache.

Bildung.

Alphabet-Bildung ist die Antwort, um den Semitismus und dessen aus Neid, Hass und Verschwörungsmythen gespeiste Abwehr, den Antisemitismus, zu verstehen.

Von hier aus verstehen wir auch, warum über 20 Prozent aller jemals verliehenen Nobelpreise auf gerade einmal 0,2 Prozent der Weltbevölkerung entfielen, die zum Judentum zählen. Dies hat nichts mit „Rassen“, Genen oder Hautfarben zu tun, sondern mit der jahrtausendealten Orientierung an alphabetisierten Texten und Büchern, an Ritualen und Symbolen, an Mehrsprachigkeit und Musik.

Deswegen basieren auch alle nachfolgenden, semitischen Religionen und Weltanschauungen auf Alphabetschriften wie die christlichen Bibeln, der Koran des Islam, die Erklärungen der Menschenrechte, die Philosophien und Wissenschaften, unsere Verfassungen und Gesetze.

Dass ein jüdisches Arbeiterkind namens Jehoschua drei Tage mit Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem nerden und zum Ausgangspunkt der heute globalen Zeitrechnung werden konnte, liegt an seiner Heimat: Nur im damaligen Israel gab es bereits die religiöse Pflicht, möglichst alle Kinder Lesen und Schreiben zu lehren.

Der deutsch-jüdische Maler Max Liebermann hat in seinem Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ von 1879 bereits verstanden, was viele damals und manche bis heute nicht wahrhaben wollen. Kein Wunder, dass es umgehend antisemitisch-rassistische Abwehr und einen Skandal auslöste. Eine Besprechung dieses Schlüssel-Gemäldes der deutschen, jüdischen und christlichen Kultur finden Sie in Folge 26 dieses Podcasts.

Auch der Buchdruck selbst wurde nicht – wie oft fälschlich behauptet – in Europa „erfunden“; er ist seit dem 8. Jahrhundert in China belegt. Die eigentliche Revolution durch Johannes Gutenberg (1400 – 1468) bestand jedoch in der Kombination des Druckes mit dem Alphabet, also mit wenigen, beweglichen Lettern. Nun erst mussten nicht mehr ganze Seiten geschnitzt werden, es begann die Zeit der „Schrift-Steller“, die Alphabet-Buchstaben aneinander-reihen.

Die herrschende Partei Chinas beruft sich bis heute nicht deswegen auf den europäischen Publizisten Marx, weil chinesische Gelehrte weniger gedacht und weniger geleistet hätten. Es waren schlicht die Alphabet-Druckerpressen, die nach den religiösen auch die politisch-säkularen Weltanschauungen hervorbrachten und globalisierten. Im 20. Jahrhundert führten dann auch China und Japan Laut-Varianten ihrer eigenen Schriftsysteme ein und haben seitdem ihre eigenen Bildungsoffensiven und -wege begonnen.

Ebenso war es keine jüdisch-christliche Weltverschwörung, sondern das Verbot des Druckes arabischer Alphabet-Buchstaben vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, das die islamischen Reiche zunächst stagnieren und dann abstürzen ließ. Während Europa durch die Reformation ging, das Täuferreich von Münster und den 30jährigen Krieg erlebte, beschleunigten sich die Druckerpressen und Schulsysteme gegenseitig. Bis heute sprechen wir vom zentralen Menschenrecht der „Pressefreiheit“, obwohl heute kaum noch etwas gepresst, sondern vor allem gesendet und gestreamet wird. Aber ohne Zeitungsdruck hätte es keine Republiken gegeben und ohne Telegrafen keine Computer.

Medien sind unser Schicksal im Guten wie im Bösen. Und die Alphabetschriften bilden bis heute die grundlegendsten und mächtigsten Medien der Menschheit. Der Semitismus ist keine „Rasse“ und auch keine Sprachgruppe, sondern die religiöse Tradition auf Basis von Alphabetschrift, die sich zuerst und wegweisend im Judentum ausprägte.

Sprache und Alphabete in Deutschland

Die Alphabetisierung erreichte Deutschland dagegen erst vergleichsweise spät, zunächst durch römische Eroberer und dann jüdische und später christliche Schriftkundige. Ganz selbstverständlich bezeichnen wir daher auch unser deutsches Schriftsystem nach den ersten beiden Buchstaben des hebräischen Alphabetes: Aleph für Stier, Beth für Haus.

Im griechischen Alpha – Beta und im deutschen A – B haben die Buchstaben schon keine Wortbedeutung mehr. Oder anders gesagt: Das hebräische Alphabet braucht kein Buchstabier-Alphabet, weil es selbst ein solches ist! Wir Deutschen brauchen eines, weil unser Alphabet nicht mehr Hebräisch ist.

Die jüdische Auslegung der Bibel war dabei so fair, anzuerkennen, dass Schem selbst weder der Erfinder des Alphabetes war, noch dessen einzige Variante lehrte. Vielmehr schrieb der Talmud das griechische Alphabet Sems Bruder Japheth zu. Dessen Sohn Gomer wurde von jüdischen Auslegern mit Goten und Germanen verbunden – und dessen Sohn, der Enkel des Japheth, hieß Aschkenas. Jahrhunderte, bevor überhaupt die Rede von „Deutschland“ sein konnte, wurde unsere Heimatregion nördlich der Alpen schon biblisch als „Aschkenas“ gewürdigt. Und schließlich benannte sich der in deutschsprachigen Regionen ausgeprägte Zweig des Judentums sogar selbst als „aschkenasisch“ – bis heute.

In Martin Luther (1483 – 1546) begegnen wir sogar frühem Semitismus und spätem Antisemitismus in einem Leben: Der frühe Reformer und Schriftgelehrte, der die gesamte Bibel in ein verständliches Deutsch übersetzt und damit auch die deutsche Sprache geprägt hat, steht gegen einen späten Verschwörungsgläubigen, der gegen Juden, katholische Christen, aufrührerische Bauern und auch gegen vermeintliche Hexen wütet. Seine Auslegung über das Schandmal der sogenannten „Judensau von Wittenberg“ verhöhnt direkt das Alphabet und die jüdische Hochachtung des Gottesnamens, den „Schem Hamphoras“.

Parallel dazu wird der Antijudaismus in Spanien rassistisch, nachdem nur jene Juden und Muslime im Land bleiben durften, die sich taufen ließen. Doch damit behielten sie eben auch ihre Bildung und neidische Verschwörungsgläubige bestritten bald, dass die Taufe bei ihnen wirke. Zwar seien diese „Kinder Sems“ äußerlich Christen, doch hätten sie in ihrer Blutlinie – ihrer „razza“ – eine doppelte Erbsünde und neigten dazu, sich heimlich und bösartig gegen wahre Christinnen und Christen zu verschwören. Und praktischerweise ließ sich diese Bestreitung der Tauf-Wirkung dann auch gleich von den „Kindern Sems“ auf die afrikanischen „Kinder Hams“ übertragen und damit die Sklaverei neu rechtfertigen. Der Rassismus ist nicht – ich wiederhole: nicht – erst ein Produkt der späteren Naturwissenschaften, sondern entstand im Umfeld der Theologien aus einer verschwörungsmythologischen Bestreitung der Taufe!

Deutsche Sprachwissenschaften

Frühe deutsche Sprachforscher wie die Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert sammelten Worte und Märchen nicht nur zur Unterhaltung von Kindern, sondern um Wahrheit und Recht zu erkunden. Im Gegensatz zum zentralistischen Frankreich mit seiner Academie Francaise wurde dabei die dezentrale Sprache des noch zu bildenden deutschen Volkes gerühmt; auch wenn sich diese zwischen Österreich und Preußen, zwischen den Niederlanden und Sachsen massiv unterschied. Eifrig wurde daher in der Vergangenheit nach gemeinsamen Wortwurzeln gesucht und es entstand die Begeisterung für germanische, schließlich indogermanische und bald vermeintlich „indoarische“ Sprachen und Völkerschaften.

Ihnen stellten judenfeindliche Sprachwissenschaftler wie Ernest Renan (1823 – 1892) das Konstrukt der „semitischen Sprachen“ gegenüber, die vermeintlich inflexibel und rückständig wären. Bereits 1860 prägte der deutsch-jüdische Sprachwissenschaftler Chajim Heymann Steinthal (1823 – 1899) erstmals den Begriff „antisemitisch“, als er diesen Missbrauch der Sprachwissenschaft erkannte.

Zu den großen Sprachmagiern des Verschwörungsglaubens ist auch der Sprachwissenschaftler und spätere Alpen-Mythologe Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) zu zählen, der die deutsche Sprache durch zahlreiche Flüche und Sprichworte gegenüber Frauen, Juden und sogenannten „Gutmenschen“ anreicherte. In seinem „Also sprach Zarathustra“ – der nicht schreibt, sondern die Schreibenden flucht – finden wir auch die Feier der vor-alphabetischen Tafel: „Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart!“

Auch in der Entstehung des Judentums spielten Tafeln noch eine große Rolle: Denken wir nur an die laut Überlieferung bereits hebräisch beschrifteten, mosaischen Gebotstafeln vom Sinai, die dann auch den Inhalt der Bundeslade bildeten. Den Mittelpunkt des Thoraschreins in Synagogen, des Aron Ha-Kodesch, bilden dagegen alphabetisierte Schriftrollen. Das Christentum, das Nietzsche besonders verachtete, und der Islam basierten dann auf dem Medium alphabetisierter Codizes, eckiger Bücher.

Weniger Bezug auf Papier und Alphabete und mehr urtümlich tönende „Tafel“ kam daher dem deutschsprachigen Antisemitismus durchaus entgegen. Gemeinsam mit der Lehrtafel und der chemischen Periodentafel löste so die Bezeichnung Buchstabiertafel das deutsche und schweizerische Telefon-Alphabet sprachlich ab. Und so wird heute der internationalen NATO noch ein Alphabet zugeschrieben, in deutschen Landen aber wird ganz urtümlich – getafelt.  

Doch wenn es nur dabei geblieben wäre: Nachdem Otto von Bismarck (1815 – 1898) mit dem gezielten Missbrauch des Telegrafen für die „Emser Depesche“ den deutsch-französischen Krieg von 1871 und die Gründung des Deutschen Reiches in Gang gesetzt hatte, kam auch eine neue, nationalistisch-zentralistische Sprachtradition hinzu.

1879 gründete der deutsche Journalist Wilhelm Marr (1819 – 1904) die „Antisemitenliga“ und verschmolz den sprachlichen und rassistischen Antisemitismus öffentlichkeits- und breitenwirksam.

Sechs Jahre später wurde auch der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ gegründet, der die deutsche Sprache von oben herab vereinigen und vor allem von möglichst vielen nicht-germanischen Fremdwörtern reinigen wollte. Schon im ersten „Mahnruf“ des Vereins ging es mit deutscher Sprachwut gegen die „Wälschen“, also die Franzosen, Zitat (S. 45): „O könnte man doch die Sprachwälscher und Sprachfälscher mit Geldbußen, Gefängnis und Vernichtung ihres Machwerkes bestrafen, wie die Fälscher von Nahrungsmitteln und Getränken! Verdient hätten sie es reichlich. Denn ihr Verbrechen an dem nationalen Gut des deutschen Volkes ist wahrlich viel größer und folgenschwerer als das der Butter- und Bierfälscher an der Gesundheit einiger Bevölkerungskreise.“ – Zitat Ende –

Von wegen also „nur Symbole“: Dem deutschen Sprachreiniger galten Wörter wie Butter und Bier. Aus dem französischen Billet wurde die Fahrkarte, bevor sie sich zuletzt doch wieder in ein englisches Ticket verwandelte.

Der dumpf-nationalistische Sprachrausch zeigte sich auch darin, dass der Sprachverein die lateinischen Antiqua-Lettern entschieden ablehnte und stattdessen auf Frakturschrift beharrte. Deutschland hatte neben föderalen nun auch zentralistische Sprach- und Schriftwächter mit teilweise heftigen rassistischen und antisemitischen Anwandlungen.

Die Alphabet-Verachtung von Adolf Hitler

Dass Adolf Hitler die Schrift an sich verachtete, hatte er ja bereits in seiner Rede von 1920 unter Beweis gestellt. Auch als er während der viel zu kurzen Haft nach einem ersten, antidemokratischen Putschversuch „Mein Kampf“ schrieb, ließ er schon in der Einleitung keinen Zweifel an seiner Verachtung des geschriebenen Wortes, Zitat (S. 89):

„Ich weiß, daß man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, daß jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt.“ – Zitat Ende –

Schon im 2. Kapitel rühmte er sich, (S. 22) „vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden“ zu sein und verhöhnte Intellektuelle wiederholt als „Tintenritter“, mit denen abzurechnen wäre. Diese scharfe Ansage gegenüber fast der gesamten, deutschen Gelehrsamkeit in Geschichte und Gegenwart hätte im vermeintlichen Land der „Dichter und Denker“ nachdenklich stimmen können.

Doch stattdessen meinten auch viele deutsche Sprachreiniger in den Nationalsozialisten Verbündete zu finden und warfen sich ihnen an den Hals. Dabei gab es wenige Schriftverächter wie den Germanisten Ewald Geißler (1880 – 1946), der im NS-Regime in Erlangen zum „Professor für deutsche Sprechkunst“ aufstieg. Geißler warnte vor der „Druckerpresse“ und der von – Zitat (S. 301) „Druckerschwärze und der unseligen Logik verwirrten Kulturmenschen“. – Zitat Ende – Dagegen böte der „Nationalsozialismus“ das Zurück zur gesprochenen Sprache, zum – Zitat: „deutsch-volkhaften Ursprünglichkeitswort“. – Zitat Ende –

Dem Sprachverein gelang mit der Einsetzung des neuen Vorsitzenden Rudolf Buttmann (1885 – 1947) ein Coup, hatte dieser als Nazi der ersten Stunde doch den prestigeträchtigen NSDAP-Mitgliedsausweis Nummer 4 und wurde Ministerialdirektor im Reichsinnenministerium. Dass im gleichen Jahr ohne Rücksprache mit Verbänden oder Öffentlichkeit die jüdischen Namen aus der Buchstabiertafel getilgt worden waren, hätte freilich schon zeigen können, dass der NS-Staat keine Mitwirkung von Zivilgesellschaft wünschte. Doch zunächst berauschte sich der Verein an der NS-Gründung eines „Deutschen Sprachpflegeamtes“ um 1935. Doch dieses verlor schnell an Geltung, weil auch Joseph Goebbels (1897 – 1945) Fremdwörter nach Belieben einsetzen und zum Beispiel kein Minister für Werbung, sondern für Propaganda sein wollte.

1941 ließ Hitler zur völligen Verblüffung vieler nationalistischer Sprachwächter die Frakturschrift als vermeintliche „Judenlettern“ verbieten. 1943 wurde der Sprachverein wegen „Papiermangels“ stillgelegt, 1944 auch das Sprachpflegeamt dichtgemacht. Antisemiten lieben keine Sprache und schon gar keine Schrift – Medien sind ihnen lediglich Werkzeuge zur Manipulation der Massen.

Das Versagen der Sprachwissenschaften nach 1945

Nun hatten sich viele Deutsche im NS-Regime geirrt und dessen Niederlage zu verarbeiten. Der NS-Rhetoriker Geißler nahm sich 1946 gemeinsam mit seiner Gattin das Leben. Doch die meisten deutschen Sprachwissenschaftler entwarfen sich schnell als arme, unschuldige Opfer und verweigerten jede kritische Reflektion. Schon 1947 wurde der nationalistische „Deutsche Sprachverein“ als „Gesellschaft für die deutsche Sprache“ wieder gegründet und beging 1986 sein 100tes Jubiläum.

Zwar entsorgte man an den sprachwissenschaftlichen Lehrstühlen die Rede von der „indoarischen“ durch „indogermanische“ und heute auch gerne „indoeuropäische Sprachen“, blieb aber bis heute bei der empirisch schwachen und antijüdisch konnotierten Begrifflichkeit von „semitischen Sprachen“. Man empörte sich mit hochrotem Kopf und NS-Vergleichen über republikanische Rechtschreibreformen, zeigte aber kaum Interesse an der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit oder gar an der NS-Buchstabiertafel. Auch dass die übelsten, antijüdischen Verschwörungsvorwürfe bis heute nicht nur im rechtsextremen Compact-Magazin als vermeintlich wissenschaftliche „Verschwörungstheorien“ geadelt werden, störte die selbst ernannten Hüter der deutschen Sprache nicht. Erst heute sprechen wir endlich von Verschwörungsmythen.

Wenn ich den Stand der interdisziplinären Zusammenarbeit vergleiche, dann erlebe ich naturwissenschaftliche Biologinnen und Anthropologen, die sich meist sehr intensiv und kritisch mit Fragen des Rassismus und Sozialdarwinismus auseinandergesetzt haben. In den deutschen Sprachwissenschaften samt der zahlreichen Institute überwiegt dagegen nach meiner Wahrnehmung noch eine Haltung von Verdrängung und Herablassung. Das bisherige, allzu lange Versagen an der Buchstabiertafel erscheint nicht als ein Versehen; es ist noch immer deutsch-germanistisches Programm.

Gerade weil ich Alphabet-Schrift und unsere deutsche Sprache nicht nur täglich anwende, sondern tatsächlich liebe, sehe ich die fehlende Auseinandersetzung mit dem tradierten Antisemitismus in den deutschen Sprachwissenschaften dabei nicht nur mit Bedauern, sondern mit Sorge. Denn längst sind doch wieder Rechtspopulisten unter dem Einsatz neuester Medien unterwegs, um Leicht- und Verschwörungsgläubige nach allen Regeln der Kunst zu manipulieren, abzuzocken und antisemitisch aufzuhetzen. Diese Leute versuchen mit den digitalen Medien die parlamentarische Demokratie zu zerstören, wie zuvor auch die Rechtsextremen die elektronischen Medien zur Zerstörung der Weimarer Demokratie missbrauchten. Germanistische Wutbürger sind keine von selbst aussterbenden, süßen Trolle, sondern unreflektierte Erben des Hasses, der sich im 19. Jahrhundert entfaltete und im 20. Jahrhundert in Gewalt und Mord entlud. Es mag seltsam erscheinen, dass ein Religions- und Politikwissenschaftler den sprachwissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen zurufen muss: Nehmt die Macht von Sprachen, Schriften und Medien bitte noch sehr viel ernster, als Ihr es bislang getan habt! Das Medium prägt die Botschaft und damit auch die Gesellschaft samt aller Religionen, Weltanschauungen, Parteien und Verbände!

Umso wichtiger sind mir die positiven Erfahrungen mit den Fachfrauen und -männern des Arbeitsausschusses zum Entwurf einer neuen Buchstabiertafel im Rahmen der Aktualisierung der DIN 5009.

Mich ermutigt aber auch die Ankündigung des traditionsreichen Münchener Verlags C.H.BECK vom 27. Juli 2021. Nach langer Kritik – auch in diesem Podcast – hat sich der Verlag nun endlich entschlossen, einige juristische Werke im Programm umzubenennen, die immer noch die Namen von Juristen und Autoren tragen, die in der Nazi-Diktatur eine aktive Rolle spielten und in einigen Fällen auch deutsch-jüdische Kollegen verdrängten. So wird beispielsweise der bekannte Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch künftig nicht mehr nach Otto Palandt benannt, der von 1934 bis 1943 Präsident des NS-Reichsjustizprüfungsamtes war. Künftig trägt der Kommentar den Namen Christian Grünebergs. Er ist Richter am Bundesgerichtshof und koordiniert aktuell die Autorinnen und Autoren des Kommentars. Dazu schrieb Verleger Hans Dieter Beck: „In Zeiten zunehmenden Antisemitismus ist es mir ein Anliegen, durch unsere Maßnahmen ein Zeichen zu setzen.“

Es wäre also sogar denkbar, dass gerade auch das Nachdenken über die lange missachtete Buchstabiertafel nun zur verstärkten, historischen Selbstaufklärung in den deutschen Sprachwissenschaften, zur stärkeren, interdisziplinären Erforschung der semitischen und japhetitischen Alphabetschriften und schließlich zu einem echten, sprach- und medienwissenschaftlichen Aufbruch in deutschen Landen beitragen könnte. Viele naturwissenschaftlich orientierte Vereine, Institute und Wissenschaftsdisziplinen haben das doch auch geschafft, warum also nicht auch deutsche Sprachwissenschaftler, Journalistinnen und Germanisten? Und wäre ein solcher, sprach- und medienwissenschaftlicher Aufbruch nicht endlich auch ein glaubwürdiger, eigener Beitrag zu 1700 Jahre jüdischem Leben in – Aschkenas?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

Quellen:

Hunt, Helena (2020): Ruth Bader Ginsburg. 300 Statements. btb

Göttert, Karl-Heinz (2019): Die Sprachreiniger. Propyläen

Blume, Michael (2019): Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern. Patmos

Lanier, Jaron (2018): Anbruch einer neuen Zeit. Hoffmann und Campe

Blume, Michael (2017): Islam in der Krise. Patmos

Harari, Yuval Noah (2014): Sapiens. A Brief History of Humankind. Vintage

Blumenberg, Hans (2006/2017): Arbeit am Mythos. Suhrkamp

https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/beck-verlag-benennt-werke-nationalsozialistisch-belasteter-herausgeber-um

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

64 Kommentare

    • Das wäre natürlich traumhaft, @Wilma Maier. Doch tatsächlich sind Antisemitismus und Rassismus so tief in unsere Traditionen gedrungen, dass es Generationen dauern kann, sie zu überwinden. Und es ist doch sehr zweifelhaft, ob uns diese Zeit überhaupt bleibt…

      Ein kurzes Erklärstück zu Rassismus & Klima(zonen):
      https://m.youtube.com/watch?v=6f1hGRQ2Ri8

      Ihnen alles Gute! 🖖

      • Antisemitismus ist nichts weiter als die Reaktion auf das Verhalten von Juden. Epstein, Friedman, Kahane, Maxwell, Polansky usw usf.

        Das sollte Herr Blume wissen.

        Semitismus geht nunmal dem Antisemitismus vorraus.

        • Nein, @Hans Dampf – Antisemitismus bzw. Antijudaismus ist bereits Jahrtausende alt. Er entstand aus Neid, Verschwörungsmythen und Hass, als sich das Judentum als erste Religion des Alphabetes und der BILD entwickelte. Vgl. hier:
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-2-warum-immer-die-juden-warum-immer-israel-antisemitismus/

          Dass auch Sie hier Alphabetschrift bemutzen, um Antisemitismus zu verbreiten, zeigt den gefährlichen Wahnsinn und die Widersprüchlichkeit von Verschwörungsglauben auf.

          • Also Antisemitismus und Antijudaismus sind zwei unterschiedliche Dinge. Dass sie das gleichsetzen zeigt schon, dass Sie keine Ahnung haben, wovon Sie reden.

          • Falsch, @Se Bi. Dass Sie ernsthaft meinen, ich würde die Unterschiede zwischen Antijudaismus und Antisemitismus nicht kennen, belegt nur, dass Sie keines meiner Bücher oder Blogtexte dazu gelesen haben.

            Versuchen Sie es doch gerne mal mit Niveau, bevor Sie sich über Andere erheben.

            Ihnen alles Gute, vor allem Stil.

    • Keine Angst. 😉 Frau Annetta Kahane hat ja schon klar gemacht, daß jede Verschwörungserzählung” einen antisemitischen Kern hätte und daher auch die These, daß Bill Gates die Weltherrschaft anstrebe, antisemitisch wäre.

      Gruß
      Rudi Knoth

  1. Sind bei der Buchstabiertafel eigentlich auch Logopäden hinzugezogen worden? Ich meine, es müsste bei einer solchen Tafel gerade auf die Belange der Hörgeschädigten Rücksicht genommen werden.

  2. Laut Wikipedia “Vor den 1930er Jahren wurde der Name David selten in Deutschland vergeben. ” Da frag ich mich warum steht er auf der Tafel mit den ganzen anderen jüdischen Namen? Ich habe nichts gegen jüdische Namen in der Tafel, aber warum sind es so viele. Wird hier ein “Unrecht”, oder wie immer man das nennen möchte, gegen ein anderes ersetzt. Wenn könnte man einen Schlüssel machen, der dann auch islamische Namen beinhaltet, das wäre zeitgemäß.

    Warum hat da solange keiner was gegen gesagt, vielleicht weil da kein A wie Adolf drinsteht? Meine Oma hieß Dora, warum muss die da jetzt raus?

    Zur Schrift, laut Wikipedia war die Phönizische Schrift die Urschrift aus der dann ihrerseits die aramäische und hebräische hervorging.

    • Ja, @Matthias – auch Ihr Name selbst hat hebräische Wurzeln. Und dass die Nazis auch den ehrwürdigen Namen Ihrer Großmutter für einen antisemitischen Move missbrauchten, ist übel – und war alleine die Schuld der Nationalsozialisten.

      Warum die Weimarer Tafel von 1926 symbolisch wiederhergestellt und eine Städtenamen-Tafel vorgeschlagen wurde, können Sie dem o.g. Podcast entnehmen.

      Ebenso die Klarstellung, dass auch die jüdische Auslegung ausdrücklich „nicht“ behauptet, erst Sem oder Ewer hätten das Alphabet erfunden. Sie sollen vielmehr ein alphabetisiertes Lehrhaus dazu im heutigen Jerusalem gegründet haben. Vgl. auch hier:

      https://www.juedische-allgemeine.de/religion/das-erste-lehrhaus/

      Danke für Ihr Interesse und Ihr Ringen mit dem Text.

      • Danke erstmal für die Antwort, das mit dem meinem Namen war mir tatsächlich neu, hatte gedacht der stammt von Matthäus (Evangelium), ursprünglich. Noch ursprünglicher scheint dann Matitjahu zu sein.

        Das mit dem symbolisch wiederhergestellt hatte ich schon gelesen. Bin aber auch kein Freund der Städtenamen-Tafel, das können nur Leute gemacht haben die es nicht benutzen. Ich benutze es ständig zur Übermittlung von Passwörtern usw, ausserdem habe ich noch Morsen gelernt. Die Wörter müssen kurz prägnant und gut zu merken sein. Gelegentlich fällt einem selbst nicht alles ein wenn mans braucht zB das Z. Da bleib ich bei meinem Vorschlag als guter Kompromiß.

  3. Was definieren sie am Hackenkreuz als esoterisch?
    Trifft diese Einordnung auch auf die Verwendung als religiöses Symbol auf Shirdi Sai Baba Heiligen- Statuen zu, oder ist damit der Missbrauch durch die Nazis gemeint? Da wohl Mein Kampf in Indien ein Bestseller ist, ist Shirdi wohl wichtiger denn je, wenn er zu friedlichem Zusammenleben zwischen Muslims und Hindus steht.

    • Wie in der Podcast-Folge auch ausführlich erklärt, @Maisegen: Jedes Symbol erhält seinen Bedeutungsgehalt durch menschliche Deutungen. Entsprechend mache ich deutlich, wie die Nationalsozialisten das Hakenkreuz deuteten („missbrauchten“). Selbstverständlich gab und gibt es ältere und andere, etwa religiöse, spirituelle & lebensweltliche Deutungen.

    • Das Hakenkreuz ist wirklich schon sehr lange und sehr weit, in vielen Kulturen verbreitet. Das Nazi-Hakenkreuz allerdings haben diese tatsächlich aus ariosophischen, also simpel gesagt: rechtsradikal-theosophischen Zirkeln.

      Hier ein erster Link

  4. Das Thema ist eine tolle und spannende Sache. Ich begrüße die Umstellung der Buchstabiertafel und deren Entnazifizierung als längst überfällig. Wie lange die Nazis ihre “Macht” auch noch in der BRD austoben konnten, und auch immer noch können! Wahnsinn.
    Ich erinnere nochmal daran, dass z.B. Menschen die B-Wort- Musik hören und dabei N-Wort Kraut rauchen von staatlicher Seite immer noch verfolgt werden müssen. Kann man da noch von politischen Gegnern sprechen oder sind da doch Feinde am Werk? Vor allem die AFD und die CDU will Menschen für ihr So-Sein weiterhin verfolgen und bestrafen.
    Warum wollen die, dass es keine Cannabisliebhaberinnen und Cannabisliebhaber gibt?
    Warum wollen diese, dass diese ihre Leidenschaft nicht ausleben können, sie gar durch Freiheitsentzug daran hindern und durch Therapierung umerziehen?
    Dass das Grundgesetz für z.B. Cannabisliebhaber nicht vollumfänglich gilt, dadurch, dass ein Umgang mit einer der ältesten Kulturpflanzen verboten ist, zerstört schleichend die Demokratie als Ganzes.
    Es ist unerträglich, wie das weltweite Drogenverbot den kriminellen Macht gibt über die, die es eigentlich schützen soll.

    Der Vatikan ist gegen eine Legalisierung und unterstützt damit indirekt die organisierte Kriminalität und direkt die Zerstörung des Rechtsstaates.
    Demokratisch war der Vatikan ja als absolutistische Monarchie nach Gottes Gnaden noch nie.

  5. Eine wunderbare Geschichte der Schrift. Ein guter Hinweis, das erst mit dem griechischen Alphabet die Abstraktion der Zeichen vom sinntragenden Symbol (aleph=der Ochse) zum benannten Lautwert stattfand.

    Auch oich bin für eine Revision dee Nazi-Übergriffe auf die Sprache: wo immer sie stattfanden, ermächtigte sich die Ideologie der Definitionsmacht über die Wirklichkeit.

    Eine Buchstabiertafel hat aber eine stark funktionalen Kontext: Ihr Zweck ist, bei gestörtem Kommunikationskanal durch das hinzufügen redundanter Information eine sichere Rekonstruierbarkeit einer vernuschelten oder Verrauschen Information sicherzustellen. Aus diesem Grund gibt es auch z.b. im militärischen Funksprechverkehr bestimmte Konventionen ( um z.b. die Verwechslung von „nein“ und „neun“ zu vermeiden, heißt es „neuner“).
    „Hanna“ wäre daher aufgrund der Verwechselbarkeit mit „Anna“ eine dysfunktionale Wahl, einander zu ähnliche Buchstabennamen ebenso.
    Form follows function. D.h für mich, das die beschriebene Funktionalität bei der Auswahl der Buchstabennamen vorrangig sein muß. Ästhetische, Kulturachtsame, gendergerechte Qualität kann danach beurteilt werden

  6. Während der religiöse Spuk immer bedeutungsloser wird, versuchen die Nutznießer der Volksverdummung und ihre Propagandisten um so verbissener, wenigstens die biblisch vereinnahmten Namen und Begriffe weiter in der Öffentlichkeit zu halten. Dafür werden sogar Nazis und Juden benutzt…

    • Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gering das Textverständnis auch solcher Verschwörungsgläubiger ist, die sich selbst für aufgeklärt & wissenschaftlich halten… 💁‍♂️

      Selbstverständlich können Sie auch die Evolution als „Spuk“ abtun, es kümmert diese nur nicht. ☺️
      https://youtu.be/Iy9J9ddelVw

      #Wissenschaft #Bildung #Evolution #Religion

  7. Das hätte nicht passieren sollen: “Erforschung der semitischen und japhetitischen Alphabetschriften“. Das sind Kategorien, die für Schriften nicht taugen , sondern sich auf Sichtweisen stützen, die Sie, lieber Herr Dr. Blume, dankenswerterweise aufs energischeste bekämpfen.

    • Ich habe da noch keine abschließende Meinung zu, habe aber auch ein ungutes Bauchgefühl. Wenn ich mir aussuchen dürfte oder müßte, ob wir das Wort „semitisch“ aus den Sprachwissenschaften streichen oder „japhetisch“ in die Medienwissenschaften einführen, wäre ich ganz klar für ersteres.

      Ich habe mir letztens angesehen, wie die indischen Alphabete funktionieren und woher sie stammen, und das sind tatsächlich Alphabete mit Vokalen, die wohl von griechischen und römischen Vorbildern inspiriert sind. Man könnte also tatsächlich von japhetischen synonym zu indoeuropäischen Alphabeten sprechen, und das schmeckt mir gar nicht. Wir sollten die Völkertafel der Genesis besser den Mythen überlassen, und nicht mit Historie vermengen. So sehr ich die Intention verstehe, „semitisch“ endlich positiv zu besetzen, statt immer nur vom „anti-“ her zu verstehen.

  8. Der Artikel “Verschwörungsfragen 43” wäre angenehmer zu lesen und vielleicht wirkmächtiger, wenn er weniger Fehler enthielte. Als Beispiele nenne ich Zarathustra, der hier “die” Schreibenden flucht (statt “den”) und das nicht substantivierte, aber großgeschriebene Verb in “Wow, Danke für …”.

  9. #Servicepost: Indoarische Sprachen sind keine „vermeintlichen“, sondern tatsächliche arische Sprachen Indiens. Genau und streng, was das Wort sagt. Also Sprachen, die sich aus der Sprache / den Idiomen entwickelt haben, die Einwanderer vor etwa 4000 Jahren in Indien eingebracht haben, die sich selber „Arier“ nannten. Also etwa das nicht mehr lebendige Sanskrit oder das noch sehr lebendige Romani. Der Begriff „indoarisch“ ist selbstverständlich noch in Gebrauch (warum auch nicht?), allerdings kaum außerhalb der Indologie. Da nimmt man meist gleich die arischen Sprachen insgesamt in den Blick, also die indo-iranischen Sprachen, die die Arier auf ihren Ausbreitungsgebieten von Indien bis zum Iran, also etwa auch in Afghanistan verbreitet haben. Das von Zarathustra gesprochene alte Avestisch gehört dazu samt den aus ihm hervorgegangenen persischen und kurdischen Idiomen, oder Paschtu. (Der Begriff „Arier“ ist heute reserviert ausschließlich für die Menschen, die sich nachweislich selber so nannten. Obwohl auch sie eine indo-iranische, also arische Sprache sprachen, nennt man schon die Skythen – die heutigen Osseten – nicht mehr so.)

    • Oh. Wow. Wikipedia sagt, das seien derzeit über einhundert indoarische Sprachen, die von insgesamt einer Milliarde Menschen gesprochen würden. Das ist ja doch recht viel. Das hätte ich nun auch nicht gedacht.

    • Ein wunderbarer Essay, zu dem ich gerne gratuliert hätte, aber mich stört dieser ganze Satz, und zwar beinahe alles darin Gesagte:

      Zwar entsorgte man an den sprachwissenschaftlichen Lehrstühlen die Rede von der „indoarischen“ durch „indogermanische“ und heute auch gerne „indoeuropäische Sprachen“, blieb aber bis heute bei der empirisch schwachen und antijüdisch konnotierten Begrifflichkeit von „semitischen Sprachen“.

      „Semitische Sprachen“, da stimme ich zu, diesen Begriff hätte man gleich mal mit entsorgen sollen, als man „japhetisch“ in die Tonne kloppte. Aber was soll „empirisch schwach“ bedeuten? Das Bezeichnete, die Sprachverwandtschaft nur beispielsweise des Hebräischen, Aramäischen und des Arabischen gibt es und ist alles andere als „schwach“. Ganz anders als der Versuch, ein Konstrukt einer „hamitischen“ Sprachgemeinschaft zu basteln, was sich als totaler Rohrkrepierer erwies. „Semitisch“ hat sich im Gegensatz dazu in der Sache behaupten können und müßte durch einen anderen Begriff ersetzt werden.

      • Konkret verweise ich zum Beispiel auf Kanaanitisch, das von Anfang an die Übertragung der biblisch-mythologischen Bezeichnung klar falsifizierte. Hätten die Sprachwissenschaften dagegen auch nur einmal beachtet, wie im Talmud selbst die Zusammenhänge ausgedeutet werden… Aber bis heute nachwirkende, antisemitische Traditionen klammern jüdische Selbsterzählungen aus & verhindern einen Dialog auf Augenhöhe.

        • Vorweg: Von „semitischen“ Sprachen habe ich auch keine Ahnung, ergoogle mir das gerade ein wenig.

          Das Argument „kanaanäisch!“ fällt ja immer sofort und als erstes als Einwand, die Völkertafel der Genesis zu verbinden mit Sprach- und anderen Verwandtschaften, ist es doch aufs allerengste verschwistert mit dem Hebräischen, also so „semitisch“, wie eine Sprache überhaupt nur sein kann. So, Herr Blume, wie Sie es verwenden, stimmt es aber nicht:

          Konkret verweise ich zum Beispiel auf Kanaanitisch, das von Anfang an die Übertragung der biblisch-mythologischen Bezeichnung klar falsifizierte.

          Nix ist mit „von Anfang an“. Die Kanaanäer haben uns keine Schriften, keine Bücher hinterlassen. Was wir von ihnen haben, das sind Inschriften, und die muß man erst einmal archäologisch ausgraben und zugänglich machen.

          Interessanter finde ich da schon babylonisch, aber auch das gilt erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts als gesichert übersetzbar. Nur sind beides negative Argumente: Man kreidet dem Begriff „semitisch“ an, was er nicht leistet, obwohl er es hätte leisten sollen.

          Wie gesagt. Für mich sind das mythische Begriffe, die ich ohnehin lieber nicht in den Wissenschaften verwendet sehen würde. Zumal „semitisch“ in der Bibel auch schlicht ein sehr unangenehmer Begriff antihamitischer und, noch einmal verschärft, antikanaanäischer Propaganda ist. Ham begeht eine fluchwürdige Handlung. Da er aber zuvor schon von Gott gesegnet ist, trifft Noahs Fluch nicht ihn, sondern seinen Sohn und dessen Nachfahren.

      • Das Nächste, was mir nicht schmecken will:

        „indogermanische“ und heute auch gerne „indoeuropäische Sprachen“

        Nicht erst heute. „Indogermanisch“ und „indoeuropäisch“ waren von Anfang an zwei alternative/konkurrierende Begriffe, seitdem man beschloß, „japhetisch“ über Bord gehen zu lassen, und das schon sehr früh. Kein Geringerer als der aus deutscher Sicht Begründer der Indogermanistik Franz Bopp (aus britischer war das William Jones) bevorzugte „indoeuropäisch“. Dieses setzte sich auch im internationalen, „indogermanisch“ aber im relevanten, also deutschen Sprachraum durch. Nach meiner Leseerfahrung verwenden „indoeuropäisch“ im deutschen Sprachraum entweder Menschen, die sich unsicher sind, weil sie nicht wissen, was es so genau damit auf sich hat, und die in Erfahrung gebracht haben, daß man mit „indoeuropäisch“ wohl nichts falsch machen kann, oder aber Wissenschaftler, die bei einem Theoretiker heimisch sind, der nicht original in Deutsch publiziert. Also meist auf George Dumezil, dessen grosser Erfolg sich mir noch nie erschlossen hat, oder auf die litauische Archäologin, deren Name im deutschsprachigen Raum besser nicht genannt werden darf.

    • @Alubehüteter / 01.08.2021, 13:51 Uhr

      »Der Begriff „indoarisch” ist selbstverständlich noch in Gebrauch (warum auch nicht?), allerdings kaum außerhalb der Indologie. Da nimmt man meist gleich die arischen Sprachen insgesamt in den Blick, also die indo-iranischen Sprachen, …«

      Die Bezeichnung `indo-arische Sprachen’ ist allerdings ein zur linguistischen Klassifikation etablierter Begriff und bezeichet generell (also keinswegs auf die Indologie begrenzt) eine der beiden primären Unterfamilien der indo-iranischen Sprachen. Letztere werden meines Wissens jedoch nirgendwo in der modernen Linguistik `arische Sprachen’ genannt. Zumindest kann ich keinerlei Hinweis darauf finden.

      • Kann gut sein, daß das irgendwann ungebräuchlich geworden ist. Ist mir auch kaum geläufig. Falsch wäre es nicht, und „indoarisch“ hat immerhin einen sehr umfangreichen Wikipedia-Artikel. (Obwohl Wikipedia in diesem Bereich sehr unterschiedliche Qualitäten aufweist, nicht unkritisch zu benutzen ist.)

    • @Alubehüteter

      Es ist schon etwas unübersichtlich, da Bezeichnungen sowie Zuordnungen in der linguist. Literatur nicht unbedingt einheitlich sind und mehr oder weniger variieren. Ein paar kurze Anmerkungen scheinen mir daher noch angebracht.

      Eine zitierfähige Quelle zu diesem Kontext ist jedenfalls Brown & Ogilvie (2009). Nach der dort gegebenen Klassifikation gliedern sich die indo-iranischen Sprachen in einen iranischen und einen indo-arischen Zweig auf, wobei für letzteren auch die kurze Bezeichnung indisch gebräuchlich ist. (Die Bezeichnung irano-arisch für den iranischen Zweig lässt sich zwar auch in der Literatur finden, ist anscheinend aber sehr unüblich.) Die von Ihnen @ 01.08.2021, 13:51 Uhr, genannten Beispiele gehören demnach übrigens alle zum iranischen Zweig, nicht zum indo-arischen.

      `Arische Sprachen’ war noch eine Mitte des 19. Jhdts vorgeschlagene Alternative für das, was seinerzeit schon als `indo-europäische Sprachen’ bekannt war. Das hat sich nicht durchgesetzt, mag aber ein Grund dafür sein, dass `arisch’ bei den Linguisten nicht mehr ohne ein Präfix verwendet wird, um die grassierende Verwirrung bei den Benennungen nicht noch weiter zu befeuern.

      Indogermanisch oder indoeuropäisch? Dazu hat der Basler Indogermanist Rudolf Wachter eine passende Antwort parat. [Click]

      • Indogermanisch oder indoeuropäisch? Dazu hat der Basler Indogermanist Rudolf Wachter eine passende Antwort parat. [Click]

        Danke dafür. Hatten Sie das nicht neulich schon verlinkt? Sehr gut, sehr knapp.

        Für mich hatte sich diese Frage entschieden, als ich für meinen Computer eine Schrift gesucht hatte, die Urindogermanisch kann, also mit den ganzen diakritischen Zeichen. Mir einen Wolf nach gegoogelt. Wonach sucht man da? Proto-indoeuropean font? Urindogermanisch Schrift?

        Stellte sich heraus: Das Ding heißt FreeIdgSerif, ist also eine Idg-Erweiterung der FreeSerif-Schrift – Und ein Monster. Mit dieser einen Schrift kann man alles schreiben, was jemals in einem indogermanischen Text geschrieben ist. Altgriechisch, indisch – Sogar Sumerisch kann das Biest; die Hethiter schrieben ja Keilschrift, und die paar nichtindogermanischen Zeichen kann man ja noch hinzufügen.

        Wenn heute noch die Forscher, die die Notwendigkeit sehen, für den universitären Gebrauch eine solche Schrift zu entwickeln, das idg nennen und nicht ie, dann ist das nun mal maßgeblich.

    • Danke, wirklich eine bemerkenswerte Geschichte, in vieler Hinsicht. Zeigt auch, wie stark Religion sein kann, im positiven Sinne.

  10. Heute ist der sprachliche Fokus auf dem Gendern oder noch allgemeiner auf politischer Korrektheit, bei den Nazis war der Fokus auf Arisierung und dem (vorerst) kulturellen Genozid des Judentums.

    Diese versteckte Parallele/Antiparallele haben sie Michael Blume in diesem Beitrag selbst mit Beispielen dokumentiert.
    Zitat 1: Entsprechend der redaktionellen Richtlinien wurde mein Text dabei um Gendersterne ergänzt und zum Beispiel die von mir verwendete Formulierungen „Jüdinnen und Juden“ durch „Jüd*Innen“ ersetzt.
    Zitat 2: Darüber freute mich sehr, wenn mir die Redaktion auch freundlich mitteilte, dass sie diesmal „Jüdinnen und Juden“ zu „Juden“ kürzen würde.

    Was ich damit sagen will, ist, dass die Nazis in vielerlei Hinsicht modern waren, modern nicht im Inhalt ihrer Gedanken, modern aber in den Methoden und modern in ihrem Fokus auf das Denken, die Sprache und die Beeinflussung der Menschen . Das Radio mit dem millionenmal verkauften, billigen Volksempfänger gehört dazu, die deutschen Wochenschauen, die monumentale faschistische Architektur, die Massenaufmärsche und die alles durchdringende, sich patriotisch gebende Propaganda gehören dazu.

    Woher aber kamen diese modernen Elemente, derer sich die Nazis bedienten?
    Die Voraussetzungen dazu waren im damaligen Deutschland alle vorhanden. Es gab schon damals ein Bewusstsein für mediale Wirkung, es gab überhaupt ein modernes Denken das seiner Zeit voraus war und es gab auch zivilgesellschaftliche Bewegungen und Gesetzgebungen wie ein Naturschutz- und Tierschutzgesetz.

    Und die Nazis bedienten sich dieser Elemente, sie setzten sie für ihre eigenen Ziele ein und maximierten ihre Wirkung auf das Volk beispielsweise mit Filmen von Leni Riefenstahl, die patriotische Hochgefühle transportierten oder mit der Diskreditierung der Juden als Volksschädlinge, womit Sündenböcke geschaffen wurden.

    • Ja, @Martin Holzherr: Medien wirken nie nur „neutral“, sondern verändern Sender, Empfänger und Botschaft. Die Nazis wussten das ebenso wie heutige Extremist:innen sehr genau – doch leider wollen es viele Demokrat:innen bis heute nicht wahrhaben. Wenn dies auch durch die Buchstabiertafeln bewusster wird, freut mich das sehr!

  11. Als ich vor einiger Zeit von Ihrem Bemühen, die Buchstabiertafel zu ‘entnazifizieren’ gelesen habe, habe ich dies für im realen Leben wirkungslose und insoweit unnötige Symbolpolitik gehalten.

    Bis mir vor einigen Wochen ein Rettungsdienstler in der abendlichen Runde erzählt hat, dass er seit neuestem eine neue Buchstabiertafel zu nutzen gehalten sei. Ich hatte nicht gewusst, dass diese Tafeln ausserhalb der Amateurfunkerei (und im Flugverkehr) überhaupt noch eine Rolle spielen.

    Daher mein Glückwunsch zu diesem Erfolg!

  12. Ein schöner Erfolg für Sie und alle anderen, die an dieser Aufarbeitung bzw. Wiederherstellung der Buchstabiertafel bzw. des Buchstabieralphabets mitgewirkt haben.

    Nach einer Phase der Umgewöhnung wird „N wie Nathan“ ganz selbstverständlich sein, ebenso „D wie David“ oder „S wie Samuel“. Bei einigen dieser Wiederherstellungen könnte die Verständlichkeit leiden. Insofern werde ich beispielsweise „M wie Martha“ und „A wie Anton“ weiterhin gerne verwenden.

    Hauptzweck der Buchstabiertafeln oder –alphabete ist ja die eindeutige Verständlichkeit bei schlechten akustischen Bedingungen. Darauf hatten schon andere Kommentatoren hingewiesen.

    Ob die vom DIN vorgeschlagene Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung dem gerecht wird? Mal seh’n, ob und was sich dort noch im Detail ändert.

    Nun etwas ganz Anderes: „N wie Nürnberg“

    Hier geht es nicht ums Buchstabieren, sondern um Symbolik und um den Umgang mit der Vergangenheit.

    Die 30 Artikel der UN-Erklärung der Menschenrechte auf 28 großen Säulen, einer Bodenplatte und einer Wandplatte (mit zugehörigem Baum). Es ist jeweils ein Artikel auf Deutsch und in jeweils einer anderen Sprache auf den Säulen und der Bodenplatte eingraviert, auf der Wandplatte in vielen anderen Sprachen.

    Insgesamt ist es ein schöner und feierlicher Anblick, der in der Kartäusergasse in der Nürnberger Altstadt zu finden ist.

  13. Drei ganz kleine Anmerkungen :

    (1) Zu ‘Persönlich halte ich von dieser Schreibweise [“Gendersternchen”] gar nichts, hätte es aber auch für überzogen gehalten, dafür einen ganzen Artikel platzen zu lassen.’ : Klingt vernünftig, dennoch überrascht die Einschätzung, dass ansonsten, bei Ablehnung des sogenannten Gendersternchens [1] Nichtveröffentlichung vorgesehen war.
    (Sorry, anders kann Dr. Webbaer die zitierten Zeilen nicht deuten.)
    Nett übrigens, wie viel Sie, lieber Herr Dr. Blume, vom Gendersternchen halten.
    (2) Das osmanische Reich ist an der Europäischen Aufklärung, die Bildung (Danke für die Anmerkungen zu diesem “kleinen” Wort!) allgemein gebracht hat, aufklärerische Wissenschaftlichkeit und liberale Demokratie, sozusagen vorbei gegangen, das mit dem Verbot des Buchdrucks ist aus diesseitiger Sicht ein Symptom des Niedergangs, nicht dafür ursächlich.
    (3) Es macht aus diesseitiger Sicht keinen Sinn Hitler und Gefolgschaft verächtlich zu machen, was ihre Leistung betrifft, der “Führer” war eine höchst fähige und charismatische Person – nur war alles i.p. Moral so-o verwerflich. (Nun, fast alles. >:-> )
    Seine Gefolgschaft war ebenfalls fähig, Albert Speer bspw. konnte der Schreiber dieser Zeilen noch televisionär beobachten.
    Mit Göring hat er sich ebenfalls beschäftigt im Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen.
    Es ist gut möglich, dass böse Personen sehr fähig sind, denn Fähigkeit wird benötigt, damit sich im Bösen bestmöglich ausgetobt werden kann.
    Stalin war auch aus diesseitiger Sicht sehr fähig, Mao ebenfalls.

    [1]
    Ist so ein Diminutiv nicht diskriminierend? Sollte es nicht Genderstern heißen?

    Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg!
    Dr. Webbaer (der am Rande auch Ihre Warnung vor sogenannten Querdenkern mitbekommen hat, die besagt, dass Gewaltanwendung von ihnen zu erwarten sei; sie ging teils durch die Medien, es ist iO in den Medien aufzuscheinen, dafür sind sie da)

    • Ist so ein Diminutiv nicht diskriminierend? Sollte es nicht Genderstern heißen?

      Im gallogermanischen Sprachraum ist ein Asterisk nicht mehr zu denken, ohne einen Obelisk zu assoziieren. Daher intuitiv Deminutiv.

  14. zu Nietzsche
    Ich bin mir nicht sicher, ob Friedrich Nietzsche wirklich das “echte” Judentum mit seiner Kritik treffen wollte. Ich kann mir denken, dass er mit “Juden” auch den bigotten Pietismus seiner Heimat meinte. Dieser verstand (und versteht) sich als das “wahre Israel”, das genauso wie das “historische Israel” von den Feinden verfolgt wird. Also die Ablösungstheorie, wonach G*tt Israel mehr oder weniger verworfen habe und durch eine kleine Gruppe innerhalb der Kirchen der Reformation (die “wiedergeborenen Christen”) ersetzt habe.
    Das Ergebnis ist dann modern, dass es dann in diesen Kreisen heißt: “Wir sind die neuen Juden” oder: “Mir geht es wie Anne Frank, weil ich in der Coronazeit meine Freunde nicht einladen darf. ” (Auch die “Querdenker” könnten in diese Richtung abdriften.)
    Ich habe mich lange genug in diesen Kreisen aufgehalten und ich verdanke unter anderem Nietzsche, dass ich die Inkonsistenz dieser Behauptungen durchschauen konnte. Deshalb werde ich immer eine gewisse Sympatie für Nietzsche haben.

    • Lieber @j.,

      die komplexe Philosophie und Verschwörungsmythologie des Philologen (Sprachwissenschaftlers) Nietzsche würde ich gerne einmal extra thematisieren. Seine Sprachmagie ist unübertroffen – und macht ihn zugleich so gefährlich. Aber ich zweifele, ob selbst das Format einer ganzen Podcast-Folge seinem komplexen Werk gerecht werden könnte. Beispielsweise äußert er sich ja nicht nur zum Judentum, sondern ablehnend zum Christentum (“Der Antichrist”), dort wiederum besonders negativ zum Pietismus, dafür positiver zum Islam. Ich habe schon mit dem Gedanken an ein Nietzsche-Buch gespielt, aber auch das könnte ein Teil seiner 19-Jht-Verführungskraft sein (und etwa jüngere Menschen überhaupt nicht mehr interessieren).

      Ihnen Dank für Ihr lebendiges Interesse!

        • Oh ja – die Sprachwissenschaften haben nach meiner Wahrnehmung im Gegensatz zu den meisten Naturwissenschaften leider noch kaum begonnen, ihr teilweise toxisches Erbe aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert endlich kritisch aufzuarbeiten. Nietzscheanische und heideggersche Traditionen gehören gerade auch im deutschen Sprachraum und der Germanistik m.E. ganz klar dazu. Sie haben das ja selbst verschiedentlich und nicht immer freundlich durchscheinen lassen, @Alubehüteter. Auch in meinem eigenen Fach, der Religionswissenschaft, wirken philologische Traditionen oft unreflektiert fort. Allerdings habe ich weder Zeit noch Muße, darauf einen eigenen Schwerpunkt zu legen. Ich denke, mit der Reform der Buchstabiertafel und dieser Podcast-Folge erst einmal genug Anstoß geleistet zu haben. Nun hoffe ich auf die Expertise der Fachleute selbst. Denn im Grundsatz haben Sprachwissenschaftler:innen ja nicht weniger drauf als Naturwissenschaftler:innen (diese vielleicht einen erkenntnistheoretischen Vorteil durch Popper).

          • Aaah … langsam beginne ich, glaube ich, zu verstehen, was ich bei Ihnen nicht verstehe. Ich setze Philologie – Freundschaft zu den Worten – nicht identisch mit Sprachwissenschaften. Die überschneiden sich in weiten Teilen, das eine wird nicht ohne das andere gehen. Aber Sprachwissenschaftler, Hans Krahe etwa mit seiner alteuropäischen Hydronymie ist für mich einer. Und von solchen Untersuchungen ist Nietzsche doch sehr weit weg.

            Ich kenne mindestens einen Sprachwissenschaftler, der zugleich Altphilologe ist, von dem ich sage, das ist ein waschechter Protonazi. (Kennt niemand, Leopold von Schröder, very special interest.) Von daher sage ich nicht, das gibt es nicht. Aber in meiner Wahrnehmung, die immer subjektiv ist bei der Größe des Gebietes, immer selektieren muß, sind toxische Mythen in der Philologie und der von ihr teilweise abhängigen Philosophie doch weitaus aktiver.

            Es gibt zum Beispiel den Mythos der „Dorischen Wanderung“. Gut, daß das ein kompletter Mythos ist, das mußte erst die Archäologie erweisen. Aber in der Altphilologie geistert noch lange herum, das sei eine „Aufnordung“ gewesen, eine Reindogermanisierung der schon wieder halb dem Orient verfallenen Griechen. Das kann man schon im Pauly-Wissowa nachstudieren, daß das immer schon völliger Unsinn ist. Dorisch ist ein altgriechisches Idiom der ersten Stunde. Da sind keine Urindogermanizismen drin.

            Was man schon merkt: Daß viele Thesen beweisen wollen, die anschlußfähig sind an völkische Mythen. Die Allermeisten waren bezüglich der Urheimat schon immer der These zugeneigt, die sei in der eurasischen Steppe zu finden. Auffällig viele Deutsche hatten das bestritten und wollten sie lieber in Westeuropa verorten. Nicht wenige verlängerten sogar die Nordische Bronzezeit rückwärts bis in die Kupfersteinzeit, was aus vielsterlei Gründen Unfug ist.

            Letztlich aber haben sie zu tun mit empirischen Angelegenheiten, müssen also empirisch argumentieren. Hier gibt es ein „richtig“ und ein „falsch“. Das erdet nach meiner Einschätzung doch sehr.

          • Wenn ich noch einmal Diltheys Unterscheidung aufmache von „erklären“ und „verstehen“: Naturwissenschaften erklären, Geisteswissenschaften deuten und verstehen. Sprachwissenschaften sind für mich viel näher dran am Erklären, Altphilologie beim Verstehen.

  15. @Michael Blume
    Das Interesse am Islam teilt Nietzsche mit anderen Intellektuellen. Goethe war ja auch sehr am Islam interessiert. Selbst im Karzer des Tübinger Stifts ist (wenn ich mich recht erinnere) die Sure al-ihlas (112) angebracht.
    Mit dem Thema “Islam” kann man Pietisten sehr provozieren. Mein Interesse am Islam begann auch durch die Konfrontation des Pietismus mit dem Islam.
    Nietzsche wird noch im immer im Religionsunterricht der Oberstufe behandelt, insofern könnte schon deshalb Interesse dafür da sein.

  16. Nachtrag
    das Christentum, das Nietzsche angreift ist ja wohl doch so charakterisiert: „jener kleinbürgerlichen Klerikerkaste, die im selbstgewählten Kirchenghetto Agrarromantik, spießige Sozialmoral, religiös begründeten Antiintellektualismus und eine diffuse Modernitätsfeindlichkeit kultivierte“. Graf, Friedrich Wilhelm: Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen, München 2011, S. 53.

  17. Toxische Traditionen, ja, vielleicht, aber Sprachwissenschaftler sind eigentlich auf andere Weise empirischer orientiert, als sich groß mit Heidegger zu befassen. Mit Nietzsche schon eher, da, wo sie aus einer Wagner-Protonaziecke kommen, aber da gilt ihr Interesse eher dem frühen Nietzsche, dem Wagnerianer. Ich will nicht sagen, daß da nicht auch ungute Traditionen zu finden sind, die sich aus den selben Quellen sogar speisen, aber unmittelbar von Nietzsche und Heidegger haben sie sie selten. Es gab mal so einen Heidegger-Sprachwissenschaftler-Fanclub, aber deren Jahrbuch war sehr schnell wieder eingeschlafen. Wie umgekehrt auch Heidegger verblüffend wenig Interesse zeigte für indische Philosophie.

    Mir ist nur eine Stelle bekannt, wo Heidegger mal die Etymologie von „sein“ referiert. Und zeigt, daß er dem nicht weiter nachgegangen ist.

    Nietzsche hat sich schon eher damit befaßt, durch Schopenhauer und seinen Schulfreund Paul Deussen. Aber auch sein Interesse gilt mehr der indischen Philosophie denn dem Sanskrit. Immerhin, Hermann Usener hat er wohl sehr geschätzt, und zeigte sich sehr verletzt, daß Usener Nietzsches GT mündlich in einem Seminar wohl total verissen hatte. Autodidaktisch hat sich Nietzsche einige Skills draufverschafft, aber Sprachwissenschaftler, so weit würde ich nicht gehen oder habe das übersehen.

    Darauf bezog sich meine Frage. Nietzsche war vielseitig interessiert, wollte sogar mal Physik studieren, das macht ihn aber noch nicht zu einen Physiker. Sprachwissenschaftler? Wäre mir neu.

  18. Lieber Herr Blume,

    man freut sich über viele Dinge und äußert das dann doch nicht, aber wenn es was zu meckern gibt, dann ist man schnell dabei. So kam auch hier wieder mein Lob zu kurz.

    Ich möchte Sie darum doch explizit noch einmal, nein, zwei-, nein, inzwischen sogar dreimal beglückwünschen:

    Vor allem natürlich, daß das mit der Buchstabiertafel so schnell geklappt hat. Und das entgegen sogar der vielen unerwarteten Schwierigkeiten in der Sache, von denen Sie ausführlich berichten. Sie scheinen da viele offene Türen eingerannt zu sein, und das ist, wozu wir uns alle beglückwünschen können; bei allem an der Oberfläche wahrgenommenen Haß scheint die Zivilgesellschaft insgesamt doch offener und neugieriger zu sein, daß solche Mißstände wie die immer noch verwendete Nazi-Buchstabiertafel aufgehellt und dann auch behoben werden.

    Zum zweiten beglückwünsche ich Sie zu diesem und dem nächsten gelungenen Essays. Über toxische Traditionen in den Sprachwissenschaften wird bestimmt noch anderswo zu reden sein, aber das war in diesem schönen Text ja nur eine Randbemerkung, an der ich Anstoß nahm. Man merkt, in Ihren jüngsten Stücken steckt viel Mühe drin, und die hat sich schriftstellerisch gelohnt.

    Was mich aber fast am meisten freut, das sind die vielen anderen Glückwünsche hier. Das war hier nicht immer so. Sie haben sich in den Leserkommentaren inzwischen eine feine, empathische Community erworben und verdient, die nicht nur diskutiert und sich austauscht, sondern inzwischen auch Anteil nimmt und über Gelungenes mit Ihnen freut. Einen guten Urlaub wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben, Sie haben es sich wirklich verdient – Corona-Homeschooling usw. ja noch nebenbei schulternd.

    • Vielen Dank, @Alubehüteter.

      Ja, ich habe die – noch – leise Hoffnung, dass wir langsam lernen, dass digitale Kommunikation auf reale Menschen trifft. Vielleicht erreichen wir ja sogar mal eine Zivilisationsstufe, in der gerade auch Sprachwissenschaftler wie der o.g. Germanist Andersdenkenden keine „Prügel“ mehr ankündigen – wer weiß? 💁‍♂️

      Neben Ihrem Kommentar freue ich mich heute auch über eine Aufklärung von Chan Jo Jun, der sich mit einer gegen mich gerichteten Beleidigung und der regional unterschiedlichen Qualität von Justizarbeit auseinandersetzte:
      https://youtu.be/zfnU2tAu-3s

      Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch Ihnen einen schönen Sommer! 🙏🙌🌈

      • Jo Jun, habe ich vorhin auf Twitter gesehen – Mir bekannt vom Volksverpetzer. Findet sich digital immer wieder mal zusammen, was zusammen gehört. Hatte mit großer Sympathie damals verfolgt, wie Sie sich wiederum (mit Georg Restle) für die Frau Kuhnke einsetzten. Oder Luisa Neubauer kürzlich und, schon länger her, sogar Christian Drosten sich für den Volksverpetzer verbürgten. Ab und an sind solche digitalen Grüße & Winke wichtig 🙂

        Gerade auch mit Menschen, auf deren Seite man zwar, aber nicht immer einer Meinung mit ist. Die Quattromilf hat ja zumindest stilistisch ein anderes Vorgehen als Sie …

    • Ja, „Shitstörmle“ auch wegen der Reform der Buchstabiertafel hatte ich ja bereits auch hier auf dem Blog „angekündigt“. Es ist schon bizarr: Hätte jemand von den selbsternannten oder auch öffentlich bezahlten Sprachwächtern in den vergangenen Jahrzehnten die Tafel von NS-Eingriffen bereinigt, so wäre heute Ruhe. Aber statt auf diejenigen sauer zu sein, die das verursacht oder versäumt haben, richtet sich die Gewohnheits-Wut jetzt eben gegen uns und mich. 💁‍♂️ Okay, ich kann gut damit leben – denn auch das trägt zu Öffentlichkeit und Nachdenken (bei einigen) bei. ☺️📚✅

      (Und diesen JF-Artikel fand ich an & für sich doch recht sachlich.)

  19. Ihr erbärmlichen Würstchen,

    findet Ihr wirklich keine andere Beschäftigung? z.B. eine mit Sinn.

    Herr Dr. Blume, DANKE ! Ihre Wichtigtuerei hat mich tatsächlich davon überzeugt, dass ich mein, seit über 40 Jahren benutztes Buchstabieralphabet ändern muss. Ab heute werde ich nicht mehr A-wie Anton sagen, sondern A-wie Adolf u.s.w.
    Gut das Sie mich daran erinnert haben. Wie konnte ich nur über 60 Jahre ohne
    Ihren geistigen Beitrag leben. Umwelt, Klima, Kultur – alles geht den Bach runter; täglich sterben Kinder durch Hungersnot, Menschen mätzeln sich in
    Raub-und Glaubenskriegen nieder – aber all das ist ja nicht so wichtig.
    Die Bürger mit geistfreien Beiträgen zu gängeln und aufzuhetzen, ja damit
    kommt man heute viel besser und schneller in die Schlagzeilen.
    Und Sie tragen einen Doktortitel ? … was für eine Schande.
    MfG

    • Wie schön, dass wir Sie anregen konnten, sich mal mit Ihrem Antisemitismus auseinander zu setzen. Ihre Wut glaube ich Ihnen ebenso wie Ihre „spontane“ Namens-Assoziation zu A. Zudem war Ihnen selbst das Thema so wichtig, dass Sie hierhergefunden und einen langen Rant geschrieben haben.

      Ihren Hass kann ich Ihnen nicht nehmen – das können nur Sie selbst. Sichtbar gemacht haben Sie ihn schon. Ob das der Grund ist, dass sich zuvor niemand an die Rücknahme der NS-Eingriffe wagte?

      Sie zeigen: Es war höchste Zeit!

      Dafür vielen lieben Dank! 🙏

Schreibe einen Kommentar