Verschwörungsfragen 42: Den Israel-Palästina-Konflikt mit dem Historizismus entschlüsseln

In der vergangenen Woche wurde ich von vielen Menschen um eine ausführliche Podcast-Folge zum Nahost-Konflikt gebeten. Viele Menschen wollten wissen, warum sowohl religiöse wie säkulare Akteure auf der ganzen Welt so emotional reagierten, warum sie teilweise andere aggressiv aufforderten, sich “zu einer Seite zu bekennen” – und warum die Konflikte um Israel und Palästina so viel mehr Menschen bewegten als jene in China (Tibeter, Uighuren) oder im ebenfalls 1948 gegründeten Myanmar (derzeit buddhistisch geprägte Militärdiktatur und Vertreibung der ebenfalls muslimischen Rohingya). Hier nun also die etwas ausführlichere “Verschwörungsfragen”-Folge 42 zu Streit und Apokalyptik rund um Jerusalem, entschlüsselt mit dem Begriff “Historizismus” von Karl Popper (1902 – 1994), wie immer auf podigee und allen gängigen Podcast-Portalen. Zum Anhören gerne hier entlang.

Und hier auch wieder der Text der Podcast-Folge als pdf sowie als Fließtext:

Oft wollen Menschen mit mir über den Israel-Palästina-Konflikt sprechen – nicht selten bereits mit spürbarer Erregung. Denn wir alle haben aus unserer Umgebung bereits „Voreinstellungen“ übernommen, die uns dazu bewegen, entweder „die eine“ oder „die andere Seite“ als schuldig an dem vermeintlich uralten Konflikt zu sehen. Einige merken irgendwann, dass der Nahe und Mittlere Osten viel zu komplex sind und dass es gar nicht nur „zwei Seiten“ gibt.

Auch Zehra und ich erleben immer noch und immer wieder Erstaunen darüber, dass wir als Christ und Muslimin nicht nur verheiratet sein, sondern gemeinsam auch für andere Religionsgemeinschaften wie das Juden- oder das Ezidentum eintreten können. Denn viele Menschen teilen die Welt immer noch in Freundes- und Feindesgruppen ein. Dabei besteht die Grundlage jeder liberalen Demokratie doch darin, dass alle Menschen individuell zu betrachten und frei sind.

Als 2018 in Israel die muslimisch-israelische Journalistin Lucy Aharish den jüdisch-israelischen Schauspieler Tsahi Halevi heiratete, gab es neben vielen Glückwünschen auch Widerstand von Familien bis hinauf zum Parlament, der Knesset. „Wir unterzeichnen einen Friedensvertrag“, scherzte das interreligiöse Ehepaar auf seiner Hochzeits-Einladung.

Solche Hoffnungen gab es freilich nicht für den Palästinenser Rami Aman, der 2020 in Gaza verhaftet wurde. Nein, nicht von Israel – dieses hatte 2005 den Gaza-Streifen samt aller Siedlungen geräumt. Aman wurde von einem Hamas-Militärgericht zu Haft verurteilt, weil er es gewagt hatte, mit Israelis zu skypen! Auch während der aktuellen Angriffe auf Israel schlugen nicht nur viele Hamas-Raketen in Wohngebieten der eigenen Bevölkerung ein, sondern wurden auch zahlreiche unliebsame Berichterstatter und Oppositionelle durch die Hamas verhaftet.

Wen das nicht interessiert, wer dagegen nicht auch laut protestiert, zeigt nach meiner Sicht, dass es ihm oder ihr gar nicht wirklich um die Rechte von Palästinenserinnen und Palästinensern geht.

Ich hatte mich auch öffentlich für die sofortige Freilassung Amans ausgesprochen und war bestürzt über das ohrenbetäubende Schweigen vieler angeblicher Friedens- und Palästinafreunde. Denn wo Palästinenser und Israelis nicht einmal das Recht haben sollten, miteinander zu sprechen – wie sollte da jemals echter Frieden entstehen?

Obwohl ich die Region nicht nur studiert, sondern oft bereist und mit verschiedensten Menschen gesprochen habe, werde ich in dieser Folge von „Verschwörungsfragen“ jedoch eines ganz sicher nicht tun: Ich werde weder meinen israelischen noch meinen arabischen Freundinnen und Freunden ihre eigene Heimat oder Herkunftsregion erklären. Ich glaube auch nicht, dass ein so komplexer Konflikt alleine „von außen“ zu lösen ist – und dass ausgerechnet wir Deutschen ausersehen wären, hier den Schiedsrichter zu spielen. Was ich jedoch als Religionswissenschaftler kann und als Beauftragter gegen Antisemitismus auch soll ist, alle, die das wollen, beim Verstehen der eigenen und auch der anderen Perspektiven zu unterstützen. Zu nicht nur islamischer, sondern auch christlicher und jüdischer Apokalyptik, zu religiösen und säkularen Verschwörungsmythen und auch zu falschen und schrägen Schuldgefühlen kann ich doch einiges sagen, das vielleicht von Interesse sein könnte.

Das Problem des Historizismus nach Karl Popper

Wenn wir verstehen wollen, warum sich so wenige Menschen beispielsweise für die Verfolgung der ebenfalls muslimischen Rohingya oder Uiguren interessieren, zu Israel und Palästina aber sofort eine starke und nicht selten kompromisslose Meinung haben, dann hilft ein Begriff des großen Philosophen Karl Popper (1902 – 1994): Der Historizismus.

Was ist damit gemeint? Laut Popper habe die Weltgeschichte keinen Sinn, den wir Menschen quasi „von oben herab“ entdecken könnten. Stattdessen sei jeder und jede von uns aufgerufen, dem eigenen Leben Sinn zu geben und sich dabei der Beschränktheit der eigenen Perspektive bewusst zu werden. Nicht nur religiöse Fundamentalisten, sondern auch säkulare Rassisten und Marxisten behaupteten dagegen „historizistisch“, sie hätten in der Geschichte bereits den letzten, absoluten Sinn entdeckt – und müssten diesen nun auch über die Freiheit der Einzelnen durchsetzen.

So schrieb Popper in Band 2 seiner „Offenen Gesellschaft“, eines Grundlagenwerkes des demokratischen Liberalismus, Zitat: „Der Historizist erkennt nicht, daß wir es sind, die die Tatsachen der Geschichte auswählen und ordnen, sondern er glaubt, daß >die Geschichte selbst< oder >die Geschichte der Menschheit< durch ihre inhärenten Gesetze uns, unsere Probleme, unsere Zukunft und sogar unseren Gesichtspunkt bestimmt.“ – Zitat Ende – (S. 316)

Dies träfe laut Popper sowohl auf religiöse Fundamentalisten wie auch auf nichtreligiöse Ideologen zu. So hatte er in Band 1 der „Offenen Gesellschaft“ beschrieben, wie der antike Platon seinen Lehrer Sokrates philosophisch verraten und eine Welt vermeintlich ewiger Wahrheiten geschaffen habe. Der Platonismus bestreite also die Freiheit des Menschen, andere als eben platonische Wahrheiten zu entdecken. Er habe den offenen Erkenntnisprozess wieder schließen wollen und bilde damit laut Popper die westliche Hauptquelle für Tyrannei, die Verachtung von Frauen und Fremden, für Rassismus und schließlich den sich auf Natur und „Vorsehung“ berufenden Historizismus bis hin zum Nationalsozialismus.

So beobachtete der Philosoph aus Wien, dass auch die Nationalsozialisten schon gegen die damaligen Erkenntnisse der Wissenschaft historizistisch lehrten, die Menschen wären in verschiedene und verschieden wertvolle „Rassen“ gegliedert, die sich nicht miteinander vermischen dürften.

U.a. wurde behauptet, Juden und Araberinnen seien sogenannte „Semiten“ und dürften sich nicht mit sogenannten „Arierinnen“ verbinden. Diese seien aus dem hohen und harten Norden gekommen, hätten sich von Europa über Persien bis nach Japan ausgebreitet und daher weiße Haut und besondere, kulturbildende Kräfte. „Arier“ dürften sich daher auch nicht mit sogenannten „schwarzen Rassen“ verbinden, worunter die Nationalsozialisten nicht nur Menschen aus Afrika, sondern auch etwa aus unteren Kasten in Indien einschließlich der vor Jahrhunderten nach Europa zugewanderten Roma und Sinti verstanden.

Auf Basis dieses menschenverachtenden Historizismus erkannten Rassisten weltweit Konversionen von Jüdinnen und Juden ebenso wenig an wie sogenannte „Mischehen“. Sie entrechteten, verfolgten und ermordeten auf Basis der sogenannten „Nürnberger Rassegesetze“ Menschen jüdischer Herkunft ebenso wie Sinti und Roma, die seit Generationen in Deutschland lebten, getaufte Christinnen und Christen waren und in manchen Fällen sogar noch in ihren Uniformen der deutschen Wehrmacht in die Konzentrationslager eingeliefert wurden.

Diese im Volksmund auch „Ariergesetze“ genannten Paragrafen wurden auf dem zynisch sogenannten „Reichsparteitag der Freiheit“ am 15. September 1935 beschlossen und dienten nach nationalsozialistischem Bekunden dem – Zitat -: „Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. – Zitat Ende –

Popper erkannte dagegen in den gesamten Konstrukten einer angeblich „biologischen Rassenlehre“ zu Recht einen pseudowissenschaftlichen Historizismus, mit dem sich Faschisten zu vermeintlichen „Herrenmenschen“ erklärten.

Der deutsch-arabische Antisemitismus

In diesen Tagen bin ich auch von Journalistinnen und Journalisten angesichts der antisemitischen Demonstrationen und Angriffe auf Synagogen oft gefragt worden, ob denn nicht der deutsche Antisemitismus und Rassismus überwunden sei und wir es nur noch mit einem „importierten“, arabischen Antisemitismus zu tun hätten.

Die klare Antwort darauf ist: Nein. Denn der deutsche und der arabische Antisemitismus stehen gar nicht im Widerspruch zueinander, sondern wurden im 20. Jahrhundert aufs Engste verbunden.

Obwohl in der frühen Rassenlehre der Nationalsozialisten auch Araber zu den „Semiten“ gezählt wurden, verbündeten sich Adolf Hitler und der damalige Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, miteinander. Sie verbanden religiösen und rassistischen Historizismus mit antisemitischen Verschwörungsmythen zu einer bis heute in beiden Sprachräumen wirkenden, tödlichen Mischung. Obwohl der Koran in Sure 17, Vers 104 eine Rückkehr „der Kinder Israels in buntgemischten Gruppen“ prophezeite, befahl al-Husseini mörderische Angriffe und Pogrome nicht nur gegen jüdische Einwanderer und Flüchtlinge, sondern auch gegen kompromissbereite Araber, die auf ein Zusammenleben für die gemeinsame Zukunft setzten. Auch einen von den Briten 1937 vorgeschlagenen Teilungsplan des unter britischer Verwaltung stehenden Gebietes des heutigen Israel und der Regionen unter palästinensischer Verwaltung lehnte schon er kompromisslos ab.

In Folge 7 dieses Podcasts konnten Sie bereits davon hören, wie al-Husseini bereits 1941 – also sieben Jahre „vor“ der Staatsgründung Israels – in Bagdad die antijüdischen Farhut-Pogrome entfesselte und die Vertreibung und Vernichtung des Jahrtausende alten Judentums auf irakischem, arabischem und später auch kurdischem Boden einleitete. Insgesamt wurde im 20. Jahrhundert fast das gesamte Judentum des Orients mit rund 900.000 Menschen aus ihren Heimatländern vertrieben; viele gingen ins entstehende Israel. Umgekehrt verloren auch rund 800.000 Palästinenserinnen und Palästinenser in der arabisch so genannten „Naqba“-Katastrophe ihre Heimat. In vielen Ländern wie zum Beispiel dem Libanon dürfen auch noch ihre Enkel und Urenkel nicht die Staatsbürgerschaft erhalten und bleiben in Arbeits- und Wohnungsmarkt von der vollen Integration ausgeschlossen. Man stelle sich nur einen Moment vor, Griechen, Türken oder Deutsche hätten die Millionen Flüchtlinge des 20. Jahrhunderts ebenso schlecht integriert und sie stattdessen zur Rückkehr in vor Generationen verlorene Gebiete aufgefordert.

In Band 2 seiner „Offenen Gesellschaft“ wandte sich Popper dann auch gegen die von ihm so genannten „falschen Propheten“ der deutschen Philosophie, gegen Hegel und Marx. Denn er selbst hatte als junger Marxist in Wien erlebt, dass auch im Namen dieser vorgeblich „wissenschaftlichen“ Weltanschauung für die angeblich „entdeckten“ Geschichtsgesetze Menschen geopfert wurden. Lenin, Stalin, Mao, Pol-Pot und weitere Vorkämpfer der angeblich unausweichlichen kommunistischen Weltrevolution ließen unter den Vorzeichen des Historizismus Millionen verhungern und ermorden. Stalin ließ Juden nach Birobidschan an der chinesischen Grenze verschicken, zugleich aber Zionisten verfolgen und fühlte sich schließlich am Ende seines tyrannischen Lebens wie auch noch mancher heutige „Querdenker“ von einer „jüdischen Ärzteverschwörung“ bedroht.

Und so hatte dann auch die deutsche, linksextreme RAF keine Skrupel, gemeinsam mit Gruppen der palästinensisch-säkularen PLO wiederum ein Terrorbündnis gegen Jüdinnen und Juden einzugehen.

Bis heute halten sich antisemitische Traditionen also nicht nur in deutschen, arabischen, türkischen, rassistischen und rechtsextremen Kontexten, sondern auch stark in jenen der sogenannten „Kapitalismuskritik“, der Umweltschutzbewegungen und des Linksextremismus. Dass gerade auch internationale Fridays-for-Future-Accounts einseitig eskalierende, anti-israelische Tweets abgesendet haben, habe ich ebenso kritisiert wie aber auch anerkannt, dass die deutsche Sektion der Klimaschutzbewegung sich von diesem Antisemitismus auch öffentlich distanzierte.

Historizismus (auch) in den Religionen

Von hier betreten wir schließlich auch den Bereich der Religionen, der laut Popper ebenso wie die nichtreligiösen Philosophien eine Quelle des gefährlichen Historizismus werden konnte. Dabei erkannte der bekennende Rationalist und Humanist aus einer jüdisch-christlichen Familie durchaus an, dass Religionen „Hoffnung“ und Motivation für ein gelingendes, freies Leben stiften konnten, ja sollten. Wenn sie aber dazu übergingen, ihrerseits die letzte Enthüllung – griechisch „Apokalypse“ – vermeintlich endgültiger Weltgesetze zu verkünden, dann werde Religion genauso gefährlich wie Rassismus oder Marxismus. Denn dann würden mit dem Anspruch auf vermeintlich „heiligen Boden“ Menschen entrechtet und Gewalt gerechtfertigt.

Popper war kein wolkiger Träumer und neigte durchaus der von ihm von Hume bis Nietzsche vorgefundenen These zu, dass Staaten erst einmal durch Eroberungen und Kriegszüge begründet worden waren. Er hätte es zum Beispiel absurd gefunden, heutigen Türken die Eroberung des einstmals byzantinisch-griechischen Konstantinopel und heutigen Istanbul vorzuwerfen. Wenn sie jedoch wirklich demokratische, liberale, „offene Gesellschaften“ werden wollten, dann durften Nationalstaaten jedoch laut Popper schließlich keine Bürgerin und keinen Bürger mehr aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Hautfarbe oder Religion diskriminieren. Diese Kritik richtete Popper daher in oft scharfer Form sowohl gegen Südafrika wie gegen Israel, die nach seiner Auffassung nach voller Gleichstellung all ihrer Bürgerinnen und Bürger streben sollten. Auch zur Unterdrückung der Freiheitsrechte von Menschen im inzwischen palästinensisch regierten Gaza-Streifen hätte er sicher nicht geschwiegen.

Ein ehemaliger Abgeordneter des baden-württembergischen Landtags, der sich gerne mit Israel-Fahnen ablichten ließ, erklärte mir einmal höhnisch: „Herr Blume, das Einzige, was mich an Israel stört, sind die vielen Moscheen!“ Denn tatsächlich sind über 20% der israelischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger arabisch, überwiegend muslimisch, aber auch christlich. Sie sind leider noch nicht in allen Fragen den jüdischen Israelis gleichgestellt, viele wollen das auch etwa in Fragen der Wehrpflicht gar nicht sein. Aber es gibt israelisch-arabische Parteien und Parlamentsabgeordnete, Richter und Stars wie die eingangs erwähnte Lucy Aharish. Und selbstverständlich gibt es jede Menge Moscheen und Kirchen.

Der ehemalige Landtagsabgeordnete vertrat dagegen einen Ethnonationalismus, der sich gegen Muslime in Israel – und in Deutschland wandte. Ebenso haben wir auch in Deutschland evangelikal-christliche Gruppen, die Israel unterstützen, um das Kommen des Messias Jesus zu erzwingen. Ihre angebliche „Liebe“ gilt also gar nicht den heutigen Juden und dem nicht perfekten, aber demokratischen, kulturell und religiös vielfältigen Staat Israel – sie wollen vielmehr, dass Jüdinnen und Juden spätestens mit der Ankunft des Messias zwangskonvertieren und ein himmlisches, christliches Jerusalem entsteht.

Ich sehe es auch als Teil meiner Aufgabe, jüdische und israelische Freundinnen und Freunde vor solchen falschen, apokalyptischen Verbündeten zu warnen. Wer wirklich ein Freund von Israelis und Palästinenser:innen, von Jüdinnen ebenso wie von Nichtjuden ist, der wünscht allen ein Leben in Freiheit, Würde, Sicherheit und Demokratie – und keine religiös fanatische Theokratie.

So wurde ich auf einer großen, christlichen Veranstaltung auch schon aufgefordert, doch endlich alle Juden zur Auswanderung nach Israel aufzufordern – denn damit wäre doch zugleich der Antisemitismus verschwunden und der Herr Jesus könne wiederkommen. Ich habe mir erlaubt, diesem Herrn zu antworten, dass damit der Antisemitismus überhaupt nicht verschwunden wäre, sondern gesiegt hätte. Entscheidend sei, dass in Deutschland und in jedem anderen Land der Erde einmal Menschen aller Herkunft, Hautfarbe und auch Religion in Frieden, Freiheit und Sicherheit miteinander leben könnten. Er dürfe gerne auf diesen oder jenen Messias hoffen; wenn er jedoch bereit sei, dafür die Freiheiten und gar das Leben anderer Menschen zu opfern, dann sei er auch kein wirklicher Freund des Judentums und des Staates Israel.

Christlicher Historizismus

Woher kommen aber diese bizarren Vorstellungen des christlichen Historizismus?

Nachdem der Jude Jehoschua unter römischer Besatzung gekreuzigt worden war, wurde um 70 nach Christus Jerusalem samt des „zweiten Tempels“ auf dem Zion von den Römern zerstört. Viele christliche Gelehrten deuteten dies als göttliches Strafgericht „über die Juden“ und verschoben auch die Schuld an der Kreuzigung mehr und mehr – und historisch völlig widersinnig – auf das Judentum.

Es entstanden die in Folge 6 dieses Podcasts beschriebenen, antisemitischen Vorstellungen von „verfluchtem Blut“, die später auch den Boden für den Rassismus bereiteten. Und es entstand der Mythos vom ewig heimatlosen Juden, der erst durch die Wiederkehr Christi seine letzte Chance erhalten werden, sich zu bekehren.

Auch der wie der antijüdische Antisemitismus mörderische Antiziganismus entstand in dieser furchtbaren Tradition, als behauptet wurde, bei Roma und Sinti handele es sich um „Ägypter“ – daher die Bezeichnungen als Cingeneler im Türkischen, Zingari im Italienischen, Gypsies im Englischen und das Z-Wort im Deutschen. Die angeblich Verfluchten hätten sich geweigert, die Familie Jesu auf ihrer Flucht vor dem im Matthäus-Evangelium behaupteten „Kindermord in Bethlehem“ durch Herodes den Großen aufzunehmen.    

Wir brauchen uns also leider gar nicht zu wundern, wenn auch noch heute Christinnen und Christen gemeinsam mit Links- und Rechtsextremen sowie mit Islamisten für die Vernichtung des Staates Israel demonstrieren. Dahinter steht die oft unbewusste, aber starke Vorstellung: Der Staat Israel hätte gar nicht mehr entstehen dürfen.

Die Gründung anderer Nationalstaaten gilt dagegen als vergleichsweise unproblematisch. Während etwa der Philhellenismus von europäischer und kirchlicher Seite die Wiedergründung des Staates Griechenland im 19. Jahrhundert oft begeistert unterstützte, gilt „Zionist“ zum Teil bis heute als Schimpfwort. Der Vatikan der römisch-katholischen Kirche rang sich erst 1993 zur Anerkennung des Staates Israel durch.

Noch einmal: Es ist absolut okay, wenn auch Christinnen und Christen religiös an die Wiederkunft des Messias Jesus in Jerusalem glauben. Aber für jene, die bereit sind, dafür einen Staat, dessen demokratische Staatsform und gar die Religionen von Judentum und Islam vernichten zu wollen, gilt Historizismus-Alarm!

Islamischer Historizismus

Das Gleiche gilt für Musliminnen und Muslime. Bevor die Gebetsrichtung (Qibla) nach Mekka geändert wurde, beteten sie noch zu Lebzeiten des Propheten wie die Jüdinnen und Juden sowie viele Christinnen und Christen in Richtung Jerusalem. Der Koran enthält wie erwähnt sogar die Prophezeiung, dass die einst von den Römern vertriebenen „Kinder Israels“ vor dem Endgericht in „buntgemischten Gruppen“ in ihr Heimatland zurückkehren würden. Auch deswegen ließen viele islamische Herrscher Jüdinnen und Juden in und um Jerusalem siedeln, nachdem sie die Stadt schon im Jahr 15 der islamischen, dem Jahr 636 christlicher Zeitrechnung von Sassaniden und Byzantinern erobert hatten.

Auf den Trümmern des von den Römern zerstörten Jerusalemer Tempels errichten die Muslime auch die Heiligtümer des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee, die heute nach Mekka und Medina als die drittheiligste Stätte des Islam gelten. Mehr und mehr setzte sich die Auffassung durch, dass die Rückkehr weniger Jüdinnen und Juden schon ausreiche und ohnehin bald der Messias Jesus – arabisch-muslimisch al-masih Isa – den endgültigen Sieg des Islam bringen werde.

In den folgenden Jahrhunderten wurde immer wieder um Jerusalem gekämpft. Die europäischen Kreuzritter richteten grausame Massaker an Juden „und“ Muslimen an und wurden zurückgeschlagen. Später herrschten die turkstämmigen Osmanen, die aus arabischer Sicht immerhin noch Muslime waren. Auf sie folgten dann aber die christlichen Briten und schließlich europäische und arabische Jüdinnen und Juden.

Dieser Verlust und noch fortdauernde Beschlagnahmungen von Land und Häusern wie zuletzt in Ostjerusalem werden daher in großen Teilen der arabischen Welt noch immer als eine Abfolge aus Demütigungen und Bedrohung ihrer Heiligtümer betrachtet.

Musste sich der arabisch geprägte Islam etwa reformieren? Oder handelte es sich hier um eine Glaubensprüfung, die mit noch mehr Frömmigkeit, Freund-Feind-Dualismus und schließlich Gewalt, Terror und Märtyrertoten zu bestehen war?

Aus heutiger, wissenschaftlicher Sicht ist klar, dass es vor allem die Unterdrückung des Buchdrucks in arabischen Lettern vom 15. bis ins 19. Jahrhundert gewesen war, die die islamische Welt erst stabilisierte, dann aber abstürzen ließ. Während die Osmanen im 15. Jahrhundert noch Istanbul erobern konnten, verloren sie ab dem späten 17. Jahrhundert immer schneller an Boden, bis Kemal Atatürk die Reste des einstigen Imperiums in die türkische Republik überführte. Nun wissen Sie auch gleich, warum Atatürk auch das osmanisch-arabische Alphabet durch das Lateinische ersetzen ließ, wie es auch etwa in Albanien geschah. Und nun wissen Sie auch, warum der Kleinstaat Israel mit gerade einmal 9 Millionen Bürgerinnen und Bürgern jährlich mehr als doppelt so viele technologische Patente hervorbringt als über 300 Millionen Araberinnen und Araber. Das hat nichts mit Genetik oder göttlichen Flüchen zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit Bildung.

Doch die Niederlagen erst des mit den Nazis verbündeten Großmufti, dann aber auch pan-arabischer Kriegszüge unter sozialistischen und nationalistischen Flaggen gegen Israel führten immer wieder zu weiteren, arabischen Gebietsverlusten. Nachdem auch antiwestliche Ölboykotte gescheitert waren, erfolgte ab den 1970er Jahren in vielen islamisch geprägten Gesellschaften eine verstärkte Rückbesinnung auf einen islamisch geprägten Historizismus und Messianismus.

Als Schlüsseljahr dafür gilt das Jahr 1979, das in der islamischen Zeitrechnung dem Jahr 1400 entspricht. Sowohl im Iran wie in der großen Moschee von Mekka griffen islamische Extremisten nach der Macht und versuchten, das Kommen eines Mahdi oder Messias zu erzwingen. Nach einer Prophezeiung des damaligen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini läuft im Iran noch immer eine Uhr, nach der der Staat Israel bis zum Jahr 2040 vernichtet werden müsste. Das ist ein wirklich extremer Historizismus. Aber auch unter den Palästinensern verloren die säkularen, vor allem sozialistischen Kampfgruppen zunehmend an Rückhalt und wurden ab 1987 durch die islamisch-messianische Hamas, ab 2001 durch die Al-Aqsa-Brigaden innerhalb der Fatah und schließlich in der arabischen Welt auch durch al-Qaida und den sogenannten „Islamischen Staat“ herausgefordert.

Anti-israelische Vernichtungsfantasien

Dieser Historizismus ist also der Grund, warum sowohl das Regime des Iran wie auch die mit ihnen verbündete Hisbollah und die Muslimbruderschaft samt der Hamas bis heute nicht einmal bereit sind, über eine Zwei-Staaten-Lösung auch nur zu verhandeln und lieber Freiheiten und Menschenleben auch ihrer eigenen Bürgerinnen und Bürger opfern.

Nach ihren bisherigen, islamisch-historizistischen und antisemitisch-verschwörungsmythologischen Lehren muss das sogenannte „zionistische Gebilde“ Israel vernichtet und durch eine islamische Theokratie ersetzt werden. Daher sind aus ihrer Sicht gegenüber Israel auch bestenfalls befristete Waffenstillstände möglich, aber eben kein echter und endgültiger Friedensvertrag.

Deswegen funktionierte es auch nicht, als sich Israel 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückzog und auch alle Siedlungen dort räumte. Denn die Hamas dachte gar nicht daran, auf das Angebot „Land für Frieden“ einzugehen, sondern zerschlug nach den bislang einzigen Wahlen von 2006 die dortige palästinensische Fatah, errichtete ein blutiges Terrorregime und investierte nicht etwa in Schulen, Entwicklung und Gesundheit, sondern in Tunnel, Terror und Raketen. Dieses Scheitern von „Land für Frieden“ schwächte wiederum auch das israelische Friedenslager enorm. Und während in Israel oft – viele finden, zu oft – gewählt wird, fanden im Gaza-Streifen und dem palästinensisch verwalteten Westjordanland seit nun 15 Jahren keine demokratischen Wahlen mehr statt.

Islamischer Messianismus

Ebenso brachten die Radikalisierungen der saudi-arabischen Al-Qaida, der pakistanisch-afghanischen Taliban, der nigerianischen Boko Haram und des irakisch-syrischen „Islamischen Staates“ den Menschen nicht den Messias Isa / Jesus, sondern nur immer weiteren Terror, Gewalt und Zerstörung.

Ja, Sie haben richtig gehört. Es gab einiges Erstaunen, als ich als Sachverständiger auch vor deutschen Gerichten erklärte, dass die Rückkehr des Messias Jehoschua / Jesus / Isa tatsächlich die Lehre des selbsternannten „Islamischen Staates“ war: Dieser hatte sogar sein Internet-Magazin „Dabiq“ nach der syrischen Stadt benannt, in die der al-masih hätte zurückkehren sollen, um dann mit den Schiiten, Christen und Juden so richtig aufzuräumen. Das muslimische Heer hätte wiederum vom „Sohn einer Sklavin“ angeführt werden sollen, so dass sich der IS sogar verpflichtet sah, die Sklaverei etwa gegenüber Ezidinnen und ihren Kindern wieder einzuführen. Ich kann es also auch aus eigener Erfahrung in Kurdistan-Irak nur unterstreichen: Popper hatte Recht, sowohl säkularer wie auch religiöser Historizismus führt Menschen in die völlige Verkennung von Realität, in Extremismus, Gewaltbereitschaft und schließlich auch Terrorismus.

Selbstverständlich kann dabei auch der Islam friedfertig, dialogbereit und nicht-historizistisch ausgelegt werden. Das ist einer der Friedensbeiträge, den Musliminnen und Muslime auch aus Deutschland bereits vielfach leisten.

Die heutige, bittere Wahrheit im Israel-Palästina-Konflikt aber ist: Würde die Hamas von ihrer Apokalyptik lassen und die Waffen niederlegen, so würde dies unmittelbar in Frieden mit Israel und in bessere Lebensbedingungen gerade auch für die Palästinenserinnen und Palästinenser münden. Würde dagegen die israelische Armee heute vor der Hamas die Waffen niederlegen, so würde dies zur sofortigen Vernichtung auch der israelischen Demokratie führen.

Jüdischer Historizismus

Das heißt nun aber nicht, dass es gefährlichen Historizismus nicht auch von jüdischer Seite gebe. So behaupten ultraorthodoxe Jüdinnen und Juden, der Staat Israel hätte vor dem Erscheinen eines Messias gar nicht gegründet werden dürfen und lehnen daher gemeinsam mit rechten, linken, libertären, christlichen und islamischen Antisemiten die Gründung des Staates Israel und dessen demokratische Staatsform entschieden ab. Zu diesen extremen Gruppen gehören beispielsweise die Satmar, die Deborah Feldman in „Unorthodox“ hinter sich ließ. Einige dieser historizistischen Ultraorthodoxen marschierten auch auf den iranisch organisierten Al-Quds-Demonstrationen auch in Berlin mit.

Jüdische Nationalreligiöse lesen die Geschichte dagegen umgekehrt und behaupten, erst die Vollendung eines „Groß-Israel“ werde das Kommen des Messias bringen. Sie wollen daher möglichst weitere Gebiete besiedeln und Nichtjuden von dort vertreiben oder unterwerfen. Einige wollen die israelische Demokratie in eine Theokratie umwandeln und die islamischen Heiligtümer des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee zugunsten des Wiederaufbaus eines „Dritten Tempels“ von Jerusalem entfernen. Manche dieser nationalreligiös-historizistischen Gruppierungen wie zum Beispiel die Kach wurden dabei so extrem und gewalttätig, dass sie sowohl in Israel verboten wie auch auf Terrorlisten der USA und Europäischen Union gesetzt wurden.

Und auch jüdische Extremisten haben bereits Terroranschläge verübt, beispielsweise beim Hebron-Massaker an Purim 1994, bei dem Baruch Goldstein 29 Palästinenser ermordete und weit über hundert Weitere verletzte. Auch, weil er sich klar von dieser Tat distanzierte, wurde der israelische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Jitzchak Rabin am 4. November 1995 nach einer Friedenskundgebung von einem jüdischen Extremisten erschossen.

Dies geschah 14 Jahre, nachdem in Ägypten Anwar al-Saddat von islamischen Extremisten ermordet worden war, nachdem er gegen ein antichristliches Pogrom an den ägyptischen Kopten vorgegangen war. Sie merken: Es gibt hier nicht einfach „die eine“ oder „die andere“ Seite, sondern in jeder Religion sowohl vernünftige, demokratische wie auch historizistische und fanatische Kräfte.

So sind heute islamistische Apokalyptiker im Iran, in Teilen von Afghanistan und des Irak, in Regionen Afrikas und im Gaza-Streifen an der Macht und attackieren nicht nur Juden, Christen, Anders- und Nichtglaubende, sondern auch gemäßigtere und liberale Strömungen innerhalb des Islam. Besonders extreme sunnitische und schiitische Gruppen greifen auch Muslime der je anderen Konfession an.

In den USA haben evangelikale und rechtskatholische Fundamentalisten stärkeren, in Europa tendenziell schwächeren, aber digital wachsenden Einfluss.

Die israelische Demokratie wird keineswegs nur von extremistischen Palästinensern, sondern auch von jüdischen Ultraorthodoxen und Nationalreligiösen attackiert.

All diesen Extremisten kommt jede Eskalation etwa durch Vertreibungen von Arabern aus Ostjerusalem recht – sie hoffen auf eine kriegerische Apokalypse und das Erscheinen je „ihres“ Messias. Und sie versuchen, nicht nur Andersglaubende, sondern auch Frauen aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen; einige israelisch-religiöse Parteien stellen zum Beispiel grundsätzlich keine Kandidatinnen zu Wahlen auf.

Und auch säkulare, vor allem marxistische Historizisten herrschen noch vielerorts wie in China, Nordkorea und Venezuela. Rassistische Extremisten verbünden sich dagegen häufiger mit religiösen Autoritären wie in Ungarn und der Türkei.

Falsche Schuldgefühle

Eine letzte Quelle vor allem antisemitischer und rassistischer Historizismen gerade auch – aber nicht nur – in Deutschland sind falsche Schuldgefühle. Viele Menschen glauben immer noch, dass persönliche Schuld über Generationen hinweg gewissermaßen „blutmagisch“ vererbt wird.

Anstatt sich also der Verantwortung für die gemeinsame Zukunft zu stellen und offen aus der Geschichte zu lernen, benutzen sie Israelis und Palästinenser nur als „Projektionsfläche“, um „sich der eigenen Identität zu vergewissern“, wie es zuletzt der deutsch-israelische Historiker Meron Mendel in der FAZ treffend analysierte. In den Worten von Karl Popper gleiche die – Zitat – „historizistische Interpretation einem Scheinwerfer, den wir auf uns selbst richten. Sie macht es uns schwierig, wenn nicht unmöglich, unsere Umgebung zu sehen, und sie paralysiert unsere Handlungen.“ – Zitat Ende – (S. 315 – 316)

Denn diese Sich-schuldig-Fühlenden hätten ja jetzt den Sinn der Geschichte einschließlich des Holocaust entschlüsselt – und wüssten also ganz genau, wer die Guten und die Bösen seien.

Beispielsweise behauptete letzte Woche ein Leserbriefschreiber in der Stuttgarter Zeitung (19.05., S. 22) allen Ernstes, Zitat: „Der rechtsextreme Antisemitismus hat mit dem Judenhass der meisten muslimischen Migranten nicht das Geringste gemeinsam. Während der rechtsextreme Antisemitismus eine Geistesschwäche ist, hat der muslimische einen geschichtlichen Hintergrund.“ – Zitat Ende –

So werden nicht nur der Nationalsozialismus und Holocaust, sondern auch die unzähligen Anschläge danach – wie etwa auf die Synagoge in Halle – als „Geistesschwäche“, als Einzelfälle verwirrter Personen, abgetan, während gleichzeitig Muslime historizistisch auf Antisemitismus festgelegt werden. So werden Schuldgefühle auf Musliminnen und vor allem Araber abgewälzt.

Auf der gleichen Seite schrieb am gleichen Tag ein anderer Leser, Zitat: „Durch die Schuld, die wir durch den Holocaust auf uns geladen haben, ist es gerade auch unsere Aufgabe, Israel darauf zu drängen, seine völkerrechtlichen Verpflichtungen einzuhalten. Von daher sind wir mit schuld an den Konflikten, die jetzt auf uns zurückschlagen.“ – Zitat Ende –

Hier wird nicht nur deutlich, zu welchen seltsamen Verrenkungen Schuldabwehr führt: Wegen des Holocausts sollten Deutsche nun vor allem Israelis belehren. Vor allem aber könnte man meinen, dass Raketen, Terror und Vertreibungen eigentlich in die Region Stuttgart zielten. Der Scheinwerfer ist so stark auf die eigene Schuld und Schuldabwehr gerichtet, dass Israelis und Palästinenser gar nicht als Menschen, sondern nur noch als Objekte vorkommen.

Echte Beiträge zu Frieden in „offenen Gesellschaften“ sind solche Mischungen falscher Schuldgefühle und bemühter Abwehrreflexe dabei nicht.


Keine „false Balance“ auf Kosten der Menschenrechte

Was also können wir – Sie, ich – denn nun tun, wenn wir von Deutschland aus den Israel-Palästina-Konflikt beurteilen und zu einem gerechten Frieden hin beeinflussen wollen?

Ich denke, wir sollten uns zunächst bewusst machen, dass auch wir alle nicht der Nabel der Welt sind, sondern nur eine mehr oder weniger reflektierte Interpretation der Weltgeschichte vertreten. Aber niemand von uns kann den Sinn der Menschheitsgeschichte ein für allemal entschlüsseln. Wir dürfen gerne hoffen, aber weder religiös noch säkular überschnappen.

Das merken wir schon daran, dass uns die Konflikte um den Staat Israel emotional viel stärker anfassen als jene um die gleichzeitig gegründeten Staaten Myanmar und Pakistan. Wir behaupten gerne, uns wären alle Menschen unabhängig von ihrer Religion und Herkunft gleichermaßen wichtig – aber bei den meisten Menschen steigt die Herzfrequenz bei Erwähnungen von Jerusalem und Juden viel stärker an als bei Kaschmir, Buddhisten oder auch unterdrückten Palästinensern in Gaza oder Syrien.

Auch die Vertreibung der muslimischen Rohingya führte zu Recht nicht zu Demonstrationen vor buddhistischen Zentren in Baden-Württemberg. Wer behauptet, im Israel-Palästina-Konflikt völlig emotionslos und fair zu sein, belügt sich meistens auch selbst. Als Menschen haben wir alle Perspektiven und Emotionen – die Frage ist, ob wir auch bereit sind, andere als unsere eigene kennen zu lernen.

Aus liberaler Sicht ist es dabei auch völlig okay, religiöse oder weltanschauliche „Hoffnungen“ zu haben. Wir dürfen auf diesen oder jenen Messias warten oder davon träumen, dass das Heilige Land einmal zu einem sozialistischen oder libertären Utopia werden wird.
Wir dürfen auch verschiedene Staatsformen für ein möglichst gleichberechtigtes und freies Miteinander von Israelis und Palästinensern favorisieren: Etwa eine Ein-, Zwei- oder Drei-Staaten-Lösung, eine Konföderation oder Föderation, wie sie etwa Menachem Begin bereits 1977 mit einer Mehrheit der Knesset vorschlug.

Die Grenzen zum Historizismus überschreiten wir erst dann, wenn wir bereit sind, für unsere Geschichtsinterpretation die Rechte anderer Menschen zu opfern. Gerne schlage ich als Faustregel vor, dass niemand unsere Unterstützung verdient, der oder die eine oder mehrere Menschengruppen der Region entrechten, vertreiben oder gar vernichten will.

Und damit meine ich nicht nur die großen Religionen des Islam, Christen- und Judentums. Auch kleinere Gemeinschaften wie die Bahai, die Drusen und Ahmadiyya, Menschen, die sich keiner oder keiner bestimmten Religion anschließen wollen und schließlich homosexuelle oder queere Menschen können derzeit im Nahen Osten leider fast nur in Israel überleben. Wer diese Menschen opfern will, ist kein Freund des Friedens.

Schließlich geht es auch um die Menschen- und Freiheitsrechte der Palästinenserinnen und Palästinenser. Zu Recht lehnen fast alle Demokratien weitere Beschlagnahmungen und Vertreibungen durch Israelis entschieden ab.

Hinzu kommt, dass wir alle mit hoch emotionalen Textnachrichten, Bildern und Videos überschwemmt werden – nicht selten verbunden mit Aufforderungen, diese weiter zu verbreiten und Stellung zu beziehen.

Noch mehr beunruhigen mich Hinweise aus Schulen, in denen muslimische und vor allem jüdische Kinder von – manchmal sicher gutmeinenden – Lehrerinnen und Lehrern aufgefordert wurden, doch bitte den Konflikt zu erklären und eine Seite zu beziehen.

Doch das ist für Schülerinnen und Schüler und übrigens auch für die allermeisten Erwachsenen eine völlige Überforderung – und spricht den Betroffenen auch noch zusätzlich ab, wirklich Deutsche zu sein. Das muss aufhören. Muslimische Kinder sind ebenso wenig dafür verantwortlich, wenn in Afghanistan ein Terroranschlag geschieht oder die türkische Armee in Syrien einmarschiert wie jüdische Kinder für den Israel-Palästina-Konflikt. Und „Schuld“ vererbt sich bei Menschen türkischer, israelischer oder arabischer Herkunft ebenso wenig wie bei jenen deutscher. Schließlich wird auch niemand qua Geburt zu einer Expertin oder einem Experten für irgendetwas und wir sollten gerade auch junge Menschen nicht in Rollen drängen, mit denen sie sich ausgegrenzt fühlen. Schulen und im Übrigen auch Freundeskreise sollten Geborgenheit bieten, aus der heraus wir alle uns doch erst entwickeln können.

Schon die simple Annahme, es gäbe „die“ jüdische gegen „die“ muslimische Seite vermag nicht einmal im Ansatz zu erkennen, wie komplex, mehrdimensional und auch dynamisch die Lage im Nahen Osten ist. So haben zum Beispiel auch zahlreiche israelische Araber deswegen gegen den Trump-Teilungsplan demonstriert, da sie auf keinen Fall die israelische Staatsangehörigkeit verlieren und Teil eines Palästinenserstaates werden wollten. Auch auf YouTube sehenswert ist der Besuch des Deutschen arabisch-israelischer Herkunft Ahmad Mansour bei Daniel Donskoy in der Sendung „FreitagnachtJews“ beim WDR. Wer einmal gehört hat, wie Ahmad – den ich kenne und schätze – unter anderem mit Sympathien für die Muslimbrüder in Israel aufwuchs, sich aber dann doch vom Extremismus lösen konnte, hat viel verstanden.

Was wir tun können

Wir können den Israel-Palästina-Konflikt von Deutschland aus also bestenfalls annähernd verstehen und ganz sicher nicht lösen. Was wir jedoch tun können ist, in uns selbst antisemitische, rassistische und intolerante Traditionen zu erkennen und zu überwinden. Wir können und sollen das Miteinander der Religionen und Weltanschauungen so leben, dass wir anderen eine Ermutigung sein können. Und das geschieht auch längst in einer wachsenden Zahl von Netzwerken und Initiativen. So schlossen sich, noch während antisemitische, diesmal vor allem muslimisch geprägte Gruppen durch deutsche Innenstädte und teilweise sogar vor Synagogen zogen, langjährig verbundene jüdische und muslimische Institutionen in Deutschland zur Initiative #wirlassenunsnichttrennen zusammen.

Wir können und sollen uns also von Deutschland auf nicht als Schiedsrichter aufspielen, nicht selbst Historizismus betreiben. Wir können und sollen aber nach Kräften Dialog und Zusammenarbeit suchen und dabei auch all jene unterstützen, die einander bereits die Hand reichen. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche arabische Länder die alte Feindschaft gegen den Staat Israel aufgegeben und diplomatische Beziehungen aufgenommen. Dies sollten wir nach Kräften unterstützen.

Deswegen habe ich es persönlich sehr bedauert, dass der von mir sehr geschätzte deutsche Philosoph Jürgen Habermas seine Zustimmung zur Annahme eines Preises aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückgezogen hat.

Denn wenn auch zum Beispiel die Emirate noch keine liberale Demokratie sind, so haben sie doch mutige Schritte gegen den Antisemitismus und für vielfältige Reformen eingeleitet. Ich freue mich daher sehr über die Formulierung im neuen Koalitionsvertrag der baden-württembergischen Landesregierung, in dem es aufbauend auf einen meiner Vorschläge heißt, dass unser Land den Austausch „zwischen Israel und seinen arabischen Partnern“ einladen und fördern möchte.

Das halte ich für genau den richtigen Weg und habe mich dazu sowohl an die Generalkonsulin des Staates Israel wie auch an die Botschafterin der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland gewandt.

Gerne empfehle ich auch die YouTube-Aufzeichnung der Verleihung des „Zayed Award for Human Fraternity“ 2021 durch Papst Franziskus und den Großimam der sunnitischen Al-Azhar-Universität, Imam Ahmed Al-Tayeb. Nach meiner Kenntnis hat es ein solches digitales Treffen und Plädoyer für Frieden und gegen Terrorismus wie am 4. Februar 2021 in der Religionsgeschichte noch nicht gegeben. Es lohnt sich, das einmal wahrzunehmen.

Wichtig scheint mir außerdem zu sein, Sorge zu tragen, dass deutsches und europäisches Steuergeld tatsächlich für Bildung, Frieden und Entwicklung eingesetzt wird. Gerade auch in Gaza sehe ich Anzeichen dafür, dass erhebliche Summen in Kanäle abgeflossen sind, die Antisemitismus verbreiten und sogar Terrortunnel und Geschosse gegen Zivilisten herstellen.

Als Bürgerinnen und Bürger sind wir aber auch direkt gefragt, so schnell wie möglich den Import von Erdöl und Erdgas zu reduzieren. Denn mit der Verbrennung dieser Rohstoffe verschärfen wir nicht nur die Klimakrise, Hitze- und Dürreperioden gerade auch im Nahen und Mittleren Osten. Wir finanzieren über die Weltmärkte zudem autoritäre Regime wie Russland, den Iran und Saudi-Arabien, die Verschwörungsmythen verbreiten und blutige Stellvertreterkriege etwa im Jemen und in Syrien führen. Den historischen und auch aktuellen Zusammenhang von fossiler Energie mit autoritären und regelmäßig antisemitischen Rentierstaaten versucht Folge 23 dieses Podcasts „Verschwörungsfragen“ zu erschließen.

Wir alle sind nicht schuldig für das, was unsere Vorfahren getan oder nicht getan haben – aber wir sind sehr wohl verantwortlich für das, was wir selber tun. Indem Sie sich auf diese längere Podcast-Folge eingelassen und sich etwas umfassender informiert haben, haben Sie heute schon einiges geleistet – vielen Dank dafür!

Buchtipps

Wie häufig erbeten schließt diese Podcast-Folge mit einigen Leseempfehlungen.

So hat diese Folge nicht zufällig mit dem liberalen Grundlagenwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper eröffnet. Wenn natürlich auch Popper ein Mann seiner Zeit war, etwa die Rolle verschiedener Medien noch kaum im Blick hatte und ausgerechnet den platonischen Höhlenmythos unterschätzte, so gehört seine „Offene Gesellschaft“ doch ohne Zweifel zu den bedeutendsten Arbeiten zu Liberalismus und Demokratie. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele von Poppers Gedanken sich auch für die heutige Zeit als wegweisend erweisen und kann beide Bände nur sehr empfehlen.

Bevor sich Henryk Broder auf seinen langen Weg nach weit rechts begab, hatte er zur Jahrtausendwende das vor allem aus Gesprächen bestehende Buch „Die Irren von Zion“ veröffentlicht. Alleine schon die Gespräche sowohl mit Hamas-Funktionären wie auch mit jüdischen Extremisten sind die Lektüre wert, hinzu kommen zahlreiche, verblüffende Beobachtungen.

Aus muslimischer und durchaus religiöser Perspektive empfehle ich das Buch „Schalom und Salam“ des deutsch-pakistanischen Politikwissenschaftlers Muhammed Sameer Murtaza über das jüdisch-islamische Verhältnis. Auch darüber hinaus kann ich nur empfehlen, sich die Buchtitel dieses Gelehrten anzuschauen.

Wer die Gefahren des Historizismus an einem konkreten Beispiel verstehen möchte, dem sei „Das digitale Kalifat“ von Abdel Bari Atwan empfohlen. Denn hier wird eindrucksvoll beschrieben, wie der selbsternannte „Islamische Staat“ einerseits einen salafistischen Ur-Islam beschwört, sich aber andererseits selbst mit den modernsten Medien, Waffen und Fahrzeugen immer weiter radikalisiert hat.
Die messianische Ideologie dahinter steht nicht für „den Islam“ – aber sie ist noch immer weit verbreitet und noch längst nicht besiegt.

Unter den heutigen Berichterstattern aus Israel empfehle ich beispielsweise Richard Schneider, zum Beispiel dessen Blog und Buch „Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel“. Direkt auf Twitter berichten auch Jenny und Elijah Havemann in deutscher Sprache.

Von Ahmad Mansour empfehle ich „Solidarisch sein! Gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass“.

Von meinen eigenen Büchern befassen sich zwei mit dem Nahostkonflikt. So schildert „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“, wie es zur Entwicklung von Semitismus und Judenhass kam, der sowohl Adolf Hitler wie auch den verbündeten Großmufti al-Husseini antrieb. In „Islam in der Krise“ zeigte ich auf, dass wir zur Erklärung der Erstarrung und des quälenden Niedergangs der islamischen Welt keine Verschwörungsmythen brauchen, sondern ein besseres Verständnis für Medien.

Ich bin kein Historizist, sondern Realist, Wissenschaftler und trotz allem hoffnungsvoller Mensch. Ich stimme Karl Popper auch darin zu, dass Freiheit auch deswegen großartig ist, weil wir alle durch sie die Zukunft mitgestalten können. Die Hoffnung auf Dialog, Frieden, Sicherheit und Würde für alle Menschen in Europa, aber auch im Nahen und Mittleren Osten und konkret in Israel und Palästina – das verbindet mich mit immer mehr jüdischen, christlichen, muslimischen, anders- und nichtglaubenden Freundinnen und Freunden. Es wird soviel möglich, sobald wir das Freund-Feind-Denken hinter uns lassen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

59 Kommentare

    • Vielen Dank, @Graf Cagliostro. Gerade, weil Sie ja auch hohe Ansprüche stellen und wir durchaus auch unterschiedliche Perspektiven vertreten, bedeutet mir Ihre positive Rückmeldung viel. Danke.

  1. Sehr guter Beitrag, der das erklärt was sehr viele für selbstverständlich halten, was aber weder selbstverständlich noch zeitgerecht ist: die Annahme nämlich, die Geschichte und die ethische Zugehörigkeit bestimmten was richtig und was falsch sei. Das ist so weit verbreitet und so verinnerlicht, dass es von den meisten gar nicht mehr hinterfragt wird. Ein Bekannter von mir etwa meinte zu Israel, die Juden hätten kein Recht auf ein Land in dem sie einmal vor 2000 Jahren gelebt hätten. Womit er einerseits recht hat, denn solch einen Anspruch kann es nicht geben und andererseits völlig falsch liegt, wenn er daraus ableitet, muslimische Palästinenser seien die historisch rechtmässigen Besitzer des Gebiets auf dem heute Israel liegt.

    • Vielen Dank, @Martin Holzherr. Tatsächlich war der Person wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass zum Beispiel auch die Osmanen oder Angelsachsen erst Gebiete eroberten, in denen sie heute selbstverständlich leben. Solange wir in den Bewertungen bei historizistischer Willkür stehenbleiben, werden wir den heutigen Menschen nicht gerecht und haben auch keine realistischen Friedensperspektiven zu bieten. Deswegen ist die reflektierte Auseinandersetzung mit dem je eigenen Historizismus so wichtig, bringt uns weiter. Danke, dass das angekommen ist! 🙂

      • Wie kompliziert das alles ist, wurde mir klar, als ich unbedingt als Solidaritätsbekundung zum Gedenken für die vernichtete größte und schönste Synagoge Deutschlands gehen wollte. Trump war gerade gewählt worden. Ich war perplex, dass eine sehr gute jüdische Freundin mir sagte, sie freue sich über die Wahl Trumps. Das war am 9. November 2016. Mir macht auch Sorge, wieviel EU-Geld für den Wiederaufbau im Gaza-Streifen wieder in Raketen wandert. Und die demographische Bombe befeuert. Wie zynisch da mit Kindern umgegangen wird.

  2. Na fein, da wird hier ja wieder mal eine lebendige Diskussion zu erwarten sein. Ich werde mich schon mal bevorraten mit strategischen Popcornreserven in haushaltsunüblichen Dosen. 🤗

    Finde den Artikel auch sehr gelungen. Durchaus nicht einseitig.

  3. Um auch einen Punkt einzubringen in die Debatte: Hat irgend jemand eine Idee, warum zwar nationalistische, säkularistische, sozialistische Ideen herübergeschwappt sind in den islamischen Kulturraum, nie aber die Idee gewaltloser Bürgerrechtsbewegungen nach dem Vorbild von M.K. Gandhi und Dr. King? Nicht daß ich Radikalpazifist wäre. (Darum spreche ich bewußt von „gewaltlos“ statt dem später in der Friedensbewegung eingebürgerten „gewaltfrei“.) Politisch gewaltlose Bewegungen funktionieren meines Erachtens nur, wenn sie an eine Öffentlichkeit, idealerweise sogar an eine internationale Weltöffentlichkeit appellieren können. Diese sehe ich z.B. in Tschetschenien nicht gegeben. In Israel aber sehr wohl.

    Die PLO etwa hat sich ja in die Tradition gestellt lateinamerikanischer Befreiungsbewegungen, Guerillaarmeen, das machte sie zuerst auch anziehend für die RAF. Das ist ja keine genuin arabische oder islamische Idee. Von einer palästinensischen Friedens- oder Bürgerrechtsbewegung aber habe ich zumindest keine Kenntnis. Dabei wären doch sowohl palästinensische Eigenstaatlichkeit wie Bürgerrechte Themen, in denen gewaltlose Bewegungen viel erreicht haben.

    • Lieben Dank, @Alubehüteter. Nach meiner Wahrnehmung setzten gewaltlose Massenbewegungen tatsächlich eine bereits demokratische und auch kulturell christlich imprägnierte Kultur voraus. In autoritären Kontexten etwa des Iran, Syrien, Saudi-Arabien (wo es z.B. Autofahrerinnen versuchten), aber ebenso z.B. in Russland oder Venezuela werden auch gewaltlose Demonstrierende einfach mit Verschwörungsmythen eingedeckt – und zum Verschwinden gebracht. Eine sympathisierende Öffentlichkeit war ja sogar noch in den USA der 1960er schwer zu erreichen – und ist es vielerorts noch mehr… 💁‍♂️

      • eine bereits demokratische und auch kulturell christlich imprägnierte Kultur

        In Indien hatten wir weder/noch. Für mich ein Indiz, daß das interkulturell funktionieren kann. – Das mit den Verschwörungsmythen stimmt, aber auch schon Martin Luther King wurde unterstellt, irgendwie kommunistisch unterwandert zu sein, und der bundesdeutschen Friedensbewegung erging es nicht anders. (Nun ja. Für letzteres gab es Gründe.)

        • Doch, @Alubehüteter – der gewaltlose, indische Freiheitskampf richtete sich ja v.a. an die britische Öffentlichkeit. Schon das Auseinanderbrechen des Landes zwischen Hindus, Muslimen & Sikhs ließ sich mit den gleichen Mitteln dann leider nicht mehr verhindern… 💁‍♂️

          Dennoch halte ich für die Zukunft auch den Erfolg von gewaltlosen Bewegungen in nichtchristlich geprägten Demokratien für denkbar, etwa Myanmar 🇲🇲 oder Indonesien 🇮🇩. Ein gewisses Bildungs- und Demokratieniveau werden wir aber wohl voraussetzen müssen… 🤔

          • der gewaltlose, indische Freiheitskampf richtete sich ja v.a. an die britische Öffentlichkeit.

            Hat aber Millionen Menschen in Indien aktiviert.

            Gut, da gibt es eine Tradition der a-himsa, der Nicht-Gewalt, vertreten etwa durch die Jain, die auch im Elternhaus Gandhis ein- und ausgingen. Vielleicht vergleichbar der christlichen Traditionslinie, die von der Bergpredigt ausgeht.

          • Ja, @Alubehüteter – Mahatma Gandhi konnte auf Traditionen der Gewaltfreiheit in Jainismus, Buddhismus und auch Hinduismus zurückgreifen. Herausgefordert wurde die britische, christlich geprägte Demokratie. Nach dem Erfolg der Unabhängigkeitsbewegung stemmte sich Gandhi weiter gegen die hinduistisch-islamischen Spannung – und wurde schließlich von einem hinduistischen Fanatiker ermordet (vgl. Rabin & as-Saddat im obigen Post, aber auch Martin Luther King jr. in den USA).

    • Zur Prägung der arabischen Gesellschaft ist die Lektüre der „al-Muqaddima“ empfehlenswert, dort beschreibt der arabische Historiker Ibn Chaldun bereits im 14. Jahrhundert die grundlegenden Mechanismen der Stammeskulturen, die ʿAsabīya genannt werden.
      Beim Lesen werden dem geneigten Leser verschiedene Mechanismen klar, die beim Begreifen heutiger Ereignisse überaus hilfreich sind. U.a. auch der oben angesprochene Punkt gewaltfreier Lösungen. Die waren beim Überleben einfach nicht erfolgreich – wie auch, wenn es z. B. im Umkreis mehrer Tagesreisen nur eine Wasserstelle gibt.

    • @Alubehüteter
      ich habe im Studium bei Fr.Niewöhner gelernt, dass es solche Bewegungen im Islam durchaus gab. Niewöhner nannte als Beispiele: die lauteren Brüder von Basra, Maisun al Qaliba, Rabia von Basra, al_Halladsch, aber auch Kaiser Friedrich II von Staufen.
      Er meinte, diese Bewegungen seien durch die Eroberung von Baghdad 1258 durch die Mongolen abgebrochen. Ich stelle diese These einmal zur Diskussion ein, obwohl ich an ihr meine Zweifel habe.

  4. Das Denken über den Israelisch-Palästinensischen Konflikt ist sowohl im Westen als auch im Nahen Osten von vorgefassten Ideen geprägt, die von den Vertretern dieser Ideen kaum hinterfragt werden.

    Hier im Westen gibt es interessanterweise recht ähnliche Überlegungen dazu sowohl vom linken als auch vom rechten Lager. Ein eher bürgerlich verankerter Kollege meinte etwa: „Israel passt überhaupt nicht in den nahen Osten. Es ist ein Fremdkörper im Nahen Osten“.
    Das ist aber ein Argument, das scheinbar jeder versteht. Ganz unabhängig von seiner politischen Orientierung. Es scheint sehr tief verankert zu sein, dass verschiedene Menschen irgendwie unter sich bleiben sollen und dass etwa die Araber einfach anders seien und man ihnen ihr Anderssein lassen solle.

    Eine feministische SPON-Kolumnistin brauchte sogar einmal das Bild von vollverschleierten Frauen als Fledermäusen: man wisse genau so wenig was in den Köpfen dieser Frauen passiere wie man nicht wisse was Fledermäuse denken und fühlen. Daraufhin erhielt sie zwar viele bissige Kommentare und geriet in eine Situation aus der sie sich auch nicht damit heraushelfen konnte, dass sie darauf verwies, dass der Philosoph Thomas Nagel die Idee hatte, dass wir als Menschen nicht wissen könnten wie sich Fledermäuse fühlen.

    Doch Araber*Innen sind uns nicht so fremd wie Fledermäuse. Ganz im Gegenteil: Menschen selbst unterschiedlichster Herkunft unterscheiden sich weit weniger in ihrem Kern als vielmehr in ihren Ideen. Wobei sie sogar darin recht ähnlich sind. Fast genauso wenige säkulare Westler wie religiös orientierte Muslime hinterfragen ihre Vorstellungen von der Welt und ihr eigenes Ideengebäude. Diese Ideenfixiertheit ist beiden Gruppen, beiden „Identitäten“ gemeinsam.

    Und ja, eine vollverschleierte Muslimin fühlt sich nicht völlig anders als eine Westlerin, die sich versuchsweise einmal vollverschleiert..

    Fazit: Die Unterschiede zwischen der islamischen und westlichen Welt sind historisch zu erklären. Sie gehen quasi auf einen anderen „Bildungsweg“ zurück. Vielleicht hilft es ja, eher die Ähnlichkeiten zu sehen als die Unterschiede.
    Das gleiche gilt natürlich auch für Juden und Nicht-Juden.

  5. Komplex.
    Meine Vermutung ist viel simpler: resultieren viele Konflikte nicht daraus, was besseren sein zu wollen oder zu müssen oder ganz simpel aus der Tatsache,dass man einfach besser ist.
    Da mischen sich Können,Moral,Neid,Groll,Wissen,Glauben,Religionen,Überzeugungen usw zu Überlegen- und Unterlegenheit und aus Rechtfertigung wird Recht abgeleitet.
    Gerade aus dem Verhältnis besser-schlecht, einen inneren Widerstreit,den wohl jeder kennt,auch im sozialen Gefüge, leitet sich die Respektsfrage ab.

  6. Eine sehr schöne und sicherlich nahezu vollständige Zusammenfassung zu dem Thema. Hut ab!

    Wir alle sind nicht schuldig für das, was unsere Vorfahren getan oder nicht getan haben – aber wir sind sehr wohl verantwortlich für das, was wir selber tun.

    Sehr richtig.

    Ob sich die Kirchen irgendwann von der Idee der Ur- oder Erbsünde befreien werden?

      • Zur Erbsünde
        man muss hier unterscheiden zwischen der Ost- und der Westkirche.
        Ich erkläre es – der Einfachheit halber – am ausgehend von der “Nikomachischen Ethik” des Aristoteles. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/nikomachische-ethik-52180 Aristoteles vertrat die Auffassung, dass alle Menschen nach dem Guten streben (Stefanus 1094a). Diese Auffassung blieb in der Ostkirche erhalten. Erbsünde ist dann Schwäche, Unwissen, Unbildung… der Seelsorger wird als Arzt gesehen, der diese Krankheit behandelt.
        Diesen Optimismus widerlegte nun Augustinus in seinen Konfessiones in dem Bericht vom Birnbaum. Er zeigte (Confessiones II, 4), dass wir einen freien Willen zum Bösen haben können. Immanuel Kant baute diese Lehre weiter aus in seiner Lehre vom absoluten Bösen (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft). Ich bin nun der Auffassung, dass die Erbsünde nichts anderes ist als die Zwillingsschwester der Freiheit. Wenn wir einen freien Willen haben, können wir auch zwischen Gut und Böse unterscheiden und können uns frei auch für das Böse entscheiden. Nichts anderes sagt die Schlange in Gen. 3 und stellt damit Eva und Adam, die sich auf der Stufe von etwa dreijährigen Kindern befinden (sie wissen nicht, dass sie nackt sind, können nicht ich sagen) vor eine Entscheidung. Der biblische Text kleidet das ganze in Märchenform und zeigt damit an, dass diese Erfahrung eine archetypische Entscheidung ist, die jeder Mensch bewältigen muss.
        Ich denke, so weit können wir uns einigen.
        Allerdings hat Augustinus – das war eindeutig falsch – seine Erbsündenlehre in eine gnostisches Verschwörungserzählung eingebaut: durch den Biss in den Apfel hat sich Adam und auch Eva einen Gendefekt zugezogen,. Durch diesen Gendefekt können wir nun Gottes Willen nicht mehr befolgen, wir müssen sündigen und kommen dafür in die Hölle. Das “Gesetz” ist nun eine Drohung, die uns zeigt, wie Gott uns haben will, wie wir aber nicht sein können.
        Als Vertreter dieses “Gesetzes” gelten die Juden, die meinen, über das Einhalten des “Gesetzes” der Hölle entkommen zu können. Jesus ist gekommen und hat uns durch sein Opfer vom “Fluch des Gesetzes” befreit.
        M. Luther und Gregor Mendel waren beide Augustinermönche und sind natürlich mit dieser Lehre imprägniert.
        So viel erst einmal als Anreißer- das kann man vertiefen.
        Beide Modelle der Ost- wie der Westkirche haben tiefgreifende Wirkung bis hin in die Wirtschaftswissenschaften in denen die Erbsündenlehre unter der Hand intensiv diskutiert wird.

  7. …sieht man sich wohlvertraut mit menschlichem Blutvergiessen, scheint man irritiert bei genauerem Hinsehen: “Jesses, Maria und Joseph”…
    Auch Poppers “Historizismus” scheint damit lediglich praktisch agierende Paradoxa theoretisch kitten zu wollen wo es apriori auf einen flüchtigen Blick wenig zu kitten gibt.
    Der seltenste aller möglichen Kitts scheint dabei Vergebung zu sein: der schwierigste aller derzeit möglichen Kitte, die zu Lösungen führen könnten: vorausschauende Politik.

    An Lösungen indes scheint wenig gelegen angesichts zusehends deutlicher zutage tretender Dominanzbestrebungen in einer Region, deren Wasserversorgung durch EU finanzierte türkische Staudämme zu unterliegen scheint…

    Aber das steht ja alles as used auf ganz einem anderen Blatt des heutzutage gepflegt wirkenden sog “Histörchenbewusstseins”…

  8. Wobei ohne Frage Religionswissenschaft wenig beisteuern kann, wenngleich kontextsensitive Einsichtsebenen ggf durchaus dazu beitragen könnten, sich den “gordischen Knoten” ersteinmal anzusehn bevor man ihn blutdurchtränkt durchzuschlagen bereit zu wirken scheint, abgesehn von Profiteueren solcher “Lösungen”.

  9. …vmtl hätte selbst Robert Schuman sich kaum vorstellen können, zu welchem Despotenstaubsauger die Europäische Union sich hätte entwickeln können.

    • Es ist erfreulich, dass Sie diesen Wissenschaftsblog zum Mitdiskutieren verwenden, @donald mueller. Einzelne, in sich kaum verständliche Sätze sind dafür jedoch nur begrenzt hilfreich. Manchmal ist weniger mehr. Oder mehr ist mehr – je nachdem, ob Sie einen Gedanken so ausführen wollen, dass er für andere auch nachvollziehbar wird.

      Ihnen Dank für das Interesse und ein schönes Wochenende!

  10. @Apokalypsen und Historizismus

    Die Idee von Apokalypsen in den verschiedensten Religionen ist wohl vielfältig vorhanden. Ein Weltenende muss irgendwie psychologisch attraktiv sein. Es entbindet irgendwie von Verantwortung der Zukunft gegenüber, es konzentriert den Blick auf das aktuelle Sein, wie auch auf das eigene Seelenheil.

    Gerade das können wir derzeit überhaupt nicht gebrauchen, kommen wir doch in ein neues Zeitalter, wo wir weltweit zusammen gegen den Klimawandel vorgehen müssen, und auch anderweitig mit der Natur besser umgehen sollten. Und seit es Atombomben gibt, müssen wir auch noch lernen, unsere internationalen Beziehungen ohne Krieg zu bestreiten.

    Wenn die Apokalypse tatsächlich als Schicksal eines Totalversagens der menschlichen Zivilisation Realität werden sollte, dann hätten die einschlägig religiös Radikalen sogar Recht. Womöglich fördert diese Untergangshaltung wiederum ja sogar den Untergang in der Realität.

    Dass wir das hier mit ausgewachsenem Wahnsinn zu tun haben, liegt nahe. Es sollte klar sein, dass unsere Zivilisation bestehen wird, wenn wir es vernünftig in die Hand nehmen, und es sollte auch klar sein, dass wir uns in 20 Minuten mitsamt der ganzen Natur um uns herum vernichten können. Das liegt ganz an uns, wie wir es machen.

    Der lokale nationale Historizismus wiederum ist eine ganz andere Geschichte. Wir haben ja tatsächlich eine historische Vergangenheit, und die Frage, wo jetzt alte Gewohnheitsrechte noch gelten, oder wo diese inzwischen abgelaufen sind, ist tatsächlich oft eine schwierige Frage.

    Die israelische Landnahme nur aus der 2000 Jahre vergangenen Besiedlung heraus zu begründen, wäre entsprechend dünn. Wenn dagegen die ewige immer wieder aufflammende Judenverfolgung als die Hauptbegründung für die Etablierung eines jüdischen Staates herangezogen wird, so ist dieses akzeptabler.

    Insbesondere die aktuelle Situation könnte aber schwierig werden, wenn die militärischen Kräfteverhältnisse sich ändern würden.

    Die Palästinenser können tatsächlich darauf pochen, dass man ihnen vor gerade mal 70 Jahren ihr Land geklaut hat. Andererseits haben die Israelis inzwischen ihre Städte und eine Infrastruktur aufgebaut, wo vorher nur Wüste war, wo ich dann meine, das dieses mehr wiegt, als die Aneignung von Grundstücken, die vorher im wesentlichen Wüste waren.

    Wenn man die Israelis wieder vertreiben würde, wäre dieses deshalb ganz klar Unrecht. Eine gewisse Entschädigung für gestohlenes Bauland könnte man aber erwägen.

    Wenn es die Palästinenser nicht schaffen, sich was aufzubauen, dann ist das auch ein eigenes Versäumnis. Die arabischen Nachbarn in Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien kommen auch nicht so recht vorwärts, das Elend der Palästinenser ist eher am Rande die Folge der Vertreibung. Hätte die Einwanderung der Israelis überhaupt nicht stattgefunden, würde es den Palästinensern mutmaßlich kaum besser gehen.

    Nur die Medien hätten dann ein Dauerthema weniger.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger. Auch dafür, dass Sie Historizismus nach Karl Popper als analytisch fruchtbaren Begriff aufnehmen.

      Meinen Sie, das Thema Apokalypse / Apokalyptik wäre auch von weiterem Interesse? Darüber denke ich derzeit viel nach.

      Ihnen beste Grüße!

  11. @Michael 29.05. 13:13

    „Meinen Sie, das Thema Apokalypse / Apokalyptik wäre auch von weiterem Interesse? Darüber denke ich derzeit viel nach.“

    Mir scheint, dass die Idee des endgültigen Wiederauftritts des Messias und des folgenden Weltenendes schon ein wesentlicher Teil nicht nur des Nahostkonflikts ist. Auch der kalte Krieg war davon wesentlich beeinflusst. Man hat hier die Vernichtung der ganzen Welt riskiert, nur um das sozialistische System zu bekämpfen. Ohne die Idee des gottgewollten Weltenendes wäre das nach rationaler Betrachtung die Sache nicht wert gewesen.

    Einerseits hielt man das kommunistische System für gottlos und damit auch von Gott selbst mit bekämpft, man wähnte sich fest auf der richtigen Seite, und dass Gott wohl dafür sorgen würde, dass schon nichts passiert – es sei denn, Gott will sowieso das Weltenende, und vollzieht dies mittels der menschengemachten Atomwaffen. Auch dann wäre es die richtige Wahl, auch unter höchsten Gefahren für den ganzen Planeten dieses gottlose kommunistische System zu bekämpfen, um dann nach dem folgenden Weltenende ins Paradies zu gelangen, weil man ja zu Lebzeiten auf der richtigen Seite stand.

    Ich denke, genau dieser Wahnsinn hat die USA und einen Teil ihrer Verbündeten dazu getrieben, derartige völligstens unverantwortliche Risiken einzugehen. Ich gehe dabei davon aus, dass hier die Nato der Rüstungstreiber war, die Sowjets hatten überhaupt nicht die Mittel, uns wirklich unter Druck zu setzen, und sind dann am Ende auch an den aufgezwungenen horrenden Rüstungsausgaben wirtschaftlich kollabiert.

    Wir haben hier das Glück gehabt, dass die Sowjets und insbesondere Gorbatschow eben keinen religiösen Wahnsinn gefahren haben, und den realen Gegebenheiten ins Auge gesehen haben: besser jetzt aufgeben, bevor die ganze Welt dabei drauf geht.

    Dies wäre nebenbei auch nicht im Sinne der Ziele des Kommunismus gewesen. Das war zwar auch eine fundamentalistische Ideologie, die in keinster Weise zu fördern ist. Aber eben ohne Messias und vor allem auch ohne Weltenende. Immerhin das.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger. Ich habe jedoch einen Einwand: Aufgrund auch des libertären Markt-Historizismus hat der Westen jahrzehntelang Erdöl und Erdgas aus dem Sowjetimperium und anderen Rentierstaaten importiert – und tut es jetzt noch. Für die rechtslibertären Trump-Apokalyptiker waren und sind die evangelikalen Apokalyptiker (Pence) nur noch Juniorpartner.

      Was meinen Sie?

    • Ich würde aber doch differenzieren zwischen religiöser Apokalyptik, wo auf ein göttliches Versprechen vertraut wird, final in die Weltgeschichte einzugreifen und sie zu Guten zu führen – was Menschen vielleicht meinen, beeinflussen, beschleunigen zu können, wie der IS dachte –, und ihrer säkularen Erben wie Hegel (der noch dazwischen steht, letztlich noch religiös „tickt“) und dann Marx.

      So geschlossen, wie Popper wahrnimmt, ist der Marxismus ja gar nicht. Er ist sehr wohl wissenschaftlich kritisierbar, veränderbar, entwickelbar, etwa durch neue praktische Erfahrungen. Bei Marx/Engels konkret: Die Pariser Kommune hat sie vieles neu denken lassen. Der Leninismus denkt den Marxismus weiter in das Zeitalter des Imperialismus. Auch der sozialistische Zweig des Nationalsozialismus, der dann mit dem „Röhm-Putsch“ gründlich ausgerottet wurde, hatte interessante Ansätze.

      • Nun ja, @Alubehüteter – auch zum Beispiel die islamische und evangelikale Apokalyptik sind in ständiger Bewegung. Ein interessanter, aktueller Blogpost dazu hier:
        https://www.reflab.ch/die-evangelikalen-und-das-apokalyptische-weltbild/

        Ich würde zustimmen, dass nicht-apokalyptische Marxist:innen etwa der „Frankfurter Schule“ tatsächlich empirisch spannende Thesen und Erkenntnisse hervorbrachten. Aber genau deswegen wurden sie später ja auch von Dogmatischeren als „Hotel Abgrund“ verspottet und mussten schließlich gar gegen besetzende Studierende die bundesrepublikanische Polizei holen… 💁‍♂️

        • Grundsätzlich aber ist eine religiöse Apokalyptik mythisch. Ich muß sie glauben. Und kann aus diesem Glauben heraus versuchen, „die Zeichen der Zeit“ zu lesen, zu deuten.

          Säkulare Apokalyptiken sind theoretisch. Die Drohung der atomaren Selbstvernichtung der Menschheit ist nach wie vor gegeben, allerdings nicht mehr so konkret wie zu Zeiten der Blockkonfrontation. Die Theorie, der Kommunismus sei die säkulare Entsprechung eines von der Religion erträumten messianischen Endzeitalters kann bis auf weiteres als widerlegt, falsizifiziert gelten. Der Gegenentwurf vom „Ende der Geschichte“, nach der sich freiheitliche Marktwirtschaften als überlegen herausgestellt hätten und sich mit diesen entsprechende freiheitliche Demokratien durchsetzen würden, hat sich allerdings nicht so lange gehalten.

          Frankfurter Schule? Marxistisch ja, aber noch kommunistisch? Mir wären ja zuerst Robert Havemann eingefallen oder Rudolf Bahro als welche, die einen lebendigen wissenschaftlichen Sozialismus zu behaupten versuchten gegen eine erstarrende sowjetische Orthodoxie.

          • (Für Mitleser: Robert ist der Großvater des oben angeführten Elijah Havemann. Dieser ist Sohn einer Tochter Roberts und des Liedermachers Wolf Biermann, dem Havemann ein väterlicher und zugleich engster Freund war. Robert Havemann war angesehener Physiker, Mithäftling unter anderem Erich Honneckers im Konzentrationslager, in der DDR später versehen mit Hausarrest. – Ein anderer Sohn war übrigens Bürokollege von Angela Merkel; die DDR war mit 17 Millionen Bürgern eine durchaus überschaubarere Welt.)

          • Schwierig, @Alubehüteter – da habe ich mal Schwierigkeiten, Ihnen zu folgen. Poppers Auseinandersetzung mit dem Historizismus fand ja schon in den 1940er Jahren statt. Inwiefern hätte er die Apokalyptik der Nationalsozialisten als „säkular“ und „theoretisch“ verharmlosen sollen? Ich bin eher beeindruckt, dass sein Blick damals schon die Vielfalt und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Historizismen erfasste…

          • „Verharmlosung“ ist nicht mein Anliegen. Aber will man den Begriff des Historismus anwenden auch auf apokalyptische Religionen, die Popper zu seiner Zeit nicht im Blick hatte, muß man doch gerade mit ihm unterscheiden: Die historistische Theorie, der Kommunismus sei Sinn und Ziel der Geschichte, ist falsifizierbar – Und sie ist inzwischen falsifiziert. Die Arbeiterklasse in dem Sinne, wie Marx sie beschreibt, wie Sie sie von Ihrem Vater noch kennen (ich übrigens auch von meinem), als identitäts- und milieustiftende Einheit mit Partei und Gewerkschaft und Brieftaubenzucht und Schrebergarten und Schalke 04 (sehr überzeichnet, mein Vater hatte keine Brieftauben), die gibt es so nicht mehr. Wo es sie noch gibt, sind sie viel zu ausdifferenziert. Einen deutschen Facharbeiter, einen Mechatroniker verbindet nicht mehr viel mit einem osteuropäischen Erntehelfer, obgleich sie beide abhängig Beschäftigte sind.

            Eine religiöse Apokalyptik, islamistisch etwa oder christianistisch, auch buddhaistisch wie die Tibeter, die können Sie nicht falsifizieren. Wenn der Messias Jesus wieder einmal nicht gekommen ist, diesmal nicht, um dem IS beizustehen, bedeutet das nicht, daß er nicht eines unverhofften Tages doch kommen wird.

            Und wir dann alle sehr, sehr dumm gucken werden. Mitleidig werden die Zeugen Jehovas dann ihre Schriftenstände in den Fußgängerzonen aufgeben, uns mitleidig und achselzuckend ansehen: „Wir haben es euch doch gesagt. Ihr hattet ja nie Zeit für uns.“

            Noch ein anderer Gedanke ist, daß es den Kommunismus immer wieder geben wird als Utopie. Denken wir nur an die Franziskaner. Dahinter aber steckt ja kein Geschichtsphilosophie. Und der chinesische Kommunismus hat sich als erstaunlich modernisierbar erwiesen, das hätte man in den 90ern nicht mehr gedacht. Aber mit einer historistischen Zwangsläufigkeit wird er sich nicht durchsetzen.

          • Danke, @Alubehüteter. Hierzu nur ein kleiner Hinweis: Popper schreibt bewusst vom ideologischen „Historizismus“, der weiter von wissenschaftlicher Falsifikation wäre als jeder „Historismus“… 💁‍♂️📚✅

          • Vielleicht muß man heute die Begriffe „Offene Gesellschaft“ vs. „Geschlossene Gesellschaft“ schlicht auch loslösen vom Begriff des Historismus, mit dem untrennbar verbunden die totalitären Gesellschaftssysteme Popper noch gegenüber traten. Damals begründeten sie sich auf Geschichtstheorien, die sich als Wissenschaften ausgaben: die Menschheitsgeschichte sei nun durchschaut und erkannt als Geschichte von Klassen- bzw. Rassenkämpfen, und aus dieser Erkenntnis ergäben sich wissenschaftlich zwingende Konsequenzen.

            Wenn wir heute finden, daß auch Religionen „offen“ sein können bzw. „geschlossen“ im Sinne von totalitär, das insbesondere individuelle Leben regulierend (Verbot ausserehelichen Geschlechtsverkehrs sowie der Homosexualität, Zinsverbot u.v.a.m.), dann gehen wir ja nicht im Sinne Poppers auf Platon zurück. Im Sinne einer Diktatur aus wissenschaftlichem Anspruch auf Totaldurchblick. Wir finden in den Verschwörungsmythen geschlossener Religionserzählungen vielleicht Platons Höhlengleichnis als ein Urbild verschwörungserzählerischer Abbilder wieder, aber das ist ja nicht, was Popper im Auge hatte: Die totalitäre Regulierung des politischen (und damit auch des kulturell-gesellschaftlichen) Lebens durch die Wissenschaften.

          • Inwiefern hätte er die Apokalyptik der Nationalsozialisten als „säkular“ und „theoretisch“ verharmlosen sollen?

            Insofern sie widerlegbar ist.Jered Diamond letztlich hat gezeigt, daß die gegenwärtige Vorherrschaft des Abendlandes nicht begründet ist in der Überlegenheit einer arischen Rasse, sondern augrund ihrer geografischen Lage. Und das es wohl auch kein Zufall ist, daß sich mit Indien und China Gegenspieler aufbauen ausgerechnet entlang der Seidenstraße.

            Die Apokalyptik des IS können Sie nicht widerlegen. Da können wir nur von abraten, daran zu glauben.

          • Das wäre wirklich schön, @Alubehüteter! Allerdings vertrat Hitler schon 1920 eine bizarre „Arier-Mythologie“ und „Rassenlehre“, die auch schon den damaligen Erkenntnissen der Wissenschaft widersprach:

            https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-geschichtsmythos-von-adolf-hitler/

            Ebenso hat das mehrfache Scheitern marxistischer Prognosen nicht zum generellen Zusammenbruch marxistischer Gläubiger geführt.

            Menschen glauben an Mythen auch des Historizismus, wenn und solange sie daran glauben wollen. Wissenschaftliche Einsprüche lassen sich leicht als Teil der angeblichen „Verschwörung“ abtun… 💁‍♂️

        • „Jetzt sehen die Menschen, was Bill Gates und unsere Regierungen im stillen Kämmerlein geplant haben, um die neue Weltordnung einzuführen. Die totale Kontrolle. Chip in die Haut, den wir schon aus der Offenbarung Jesajas, der Beschreibung des jüngstes Gerichts, kennen.“

          Das ist aus dem „Interview“ von Eva Hermann mit Xavier Naidoo, in dem die beiden demonstrieren, wie schlüssig man die Plandemie- und Adrenochrom-Mythen verlöten kann mit evangelikaler Apokalyptik. Glücklicherweise hat sich zumindest in meiner Wahrnehmung die deutsche fromme Szene, obzwar natürlich grundkonservativ (gegen Homosexualität usw.), nie in dem Ausmaß politisieren lassen wie die amerikanische seit Ronald Reagen; Hermann/Naidoo sind doch eher die Ausnahme. Wie auf katholischer Seite Kardinal Vigano, vor einem Jahr noch unterstützt von den Kardinälen Sarah und Müller, mit seinen immer weitergehenden Radikalisierungen – Papst Franziskus als Haupt einer Tiefenkirche – sich immer isolierter wiederfindet.

          Aber die Anschlußmöglichkeiten sind da.

  12. @Michael 30.05. 12:14

    Ein interessanter Link von Ihnen:

    https://www.reflab.ch/die-evangelikalen-und-das-apokalyptische-weltbild/

    „Die weltweite Vereinigung der vom wahren Glauben abgefallen Kirchen und schließlich aller großen Religionen zu einem Welteinheitskirche – als spiritueller Basis der antichristlichen Herrschaft.“

    Das erscheint mir insofern gruselig, dass man doch nur zu einem umfassenden Verständnis von spirituellen Aspekten des Lebens kommen kann, wenn man eben überall mal guckt, sich vernünftige Gedanken macht, und sich daraus tragfähige Konzepte macht, die dann auch tragen können.

    Natürlich führt das zur Relativierung auch des christlichen Glaubens. Stecken hier wiederum einfach nur die Pfaffen dahinter, denen ihre Rolle in den Gemeinden auch ein einträgliches Einkommen beschert?

    Die apokalyptischen Aspekte des Kommunismus vom Endsieg über den Kapitalismus haben auch einen Aspekt vom Kampf Gut gegen Böse. Aber keinesfalls ein Weltenende, nur ein Ende der ewigen Geschichte, in der Nationalstaaten, kommandiert von Imperialisten, ständig um die Vorherrschaft streiten, und die Menschen dabei nur benutzt werden.

    Ich finde beides, sowohl Bemühungen um eine religiöse Basis, die jeder nachvollziehen kann, sind sehr wertvoll, als auch eine internationale Verständigung, die Standards im Miteinander findet, mit denen man ohne Kriege zurecht kommt. Es erscheint mir recht fürchterlich, gerade die besten Tendenzen, die man überhaupt beobachten kann, nur im Zusammenhang einer bösen Weltverschwörung zu sehen.

    Neben dem Einkommen der Pfaffen sind hier dann noch die Einkünfte der Waffenproduzenten in Gefahr. Fast kein Wunder, dass derartige Tendenzen in dem Land grassieren, dass über die Hälfte aller Waffen dieser Welt produziert. Dass hier Klimaschutz gerne auch zur Fälschung erklärt wird, ist noch ein Hinweis, dass hier tatsächlich geschäftliche Interessen Einzelner den apokalyptischem Unfug fördern.

  13. Man kann über alles mögliche diskutieren. Woran sich aber nichts ändert über die letzten Jahrzehnte! daß den Palästinensern Stück für Stück immer weiter Land weggenommen wird. Sie werden mit unrechtmäßigen Mitteln aus Jerusalem hinausgedrängt. Menschenrechte werden da mit Füßen getreten. Das sich die Palästinensern auch noch wehren wird dann wieder als willkommenes Argument für die nächste Verschärfung genommen. Das Vorgehen ist ziemlich perfide.

    Sich hier hinzustellen nach dem Motto das kann man vom hießigen Blickwinkel nicht einschätzen, aber darüber lamentieren das wir den Uiguren nicht genügend Aufmerksamkeit schenken, dabei sind diese viel weiter von unserem Blickwinkel und unserem Kulturkreis entfernt, sorry aber das ist aus meiner Sicht Ablenkung.

    • Tja nun, lieber @Matthias. Die meisten Menschen, die sich weigern, auch für die Menschenrechte der Uighuren und Rohingya einzutreten, sind mir gegenüber ehrlicher: China sei eben zu mächtig. Und sie würden eben durch Jüdinnen und Juden besonders getriggert.

      Bei Ihnen lesen wir dagegen, es ginge um die Nähe zu unserem „Kulturkreis“. Da Sie auf die Situation der Menschenrechte auch von Palästinenser:innen in Gaza, Libanon, Syrien aber ebenfalls null eingehen, wird schon klar, was Sie eigentlich meinen: Sie interessieren sich nur dann für die Menschenrechte muslimischer Menschen, wenn sich das gegen Israel richtet. Auch die Verhaftungen und Tötungen durch die Hamas wollen Sie nicht wahrnehmen – das sei nur „Ablenkung“…

      Ich bleibe bei meiner Hoffnung, dass die Palästinenser:innen „und“ Israelis ehrlichere „Freunde“ auf dem Weg zu einem Frieden finden…

      • Tja Herr Blume, was sie gekonnt ignorieren sind die Ursachen.
        An die Freundschaft zu appellieren ist ja sehr schön, wenn man nicht im Hintergrund immer weiter das Land wegnehmen würde.
        Auch wenn ichs nicht 1:1 vergleichen will, aber mit ihrer Logik waren die Partisanen im 2. WK Terroristen!
        Einfach mal drüber nachdenken.

        • War klar, dass Sie unbedingt mit Gleichsetzungen aus dem 2. WK kommen mussten, @Matthias. Denn darum geht es Ihnen ja nur, gegen Juden auszuteilen. Andere, sehr viel größere und auch räumlich näherliegende Konflikte wie z.B. die gegenseitigen Vertreibungen von Griechen & Türken oder der brutale Bürgerkrieg in Syrien interessieren Sie gar nicht. Aber wenn Sie glauben, Juden mit NS-Truppen gleichsetzen zu können, dann werden Sie hier aktiv. Dass das auch den Palästinenser:innen nicht hilft, sondern schadet, ist Ihnen dabei auch egal.

          Schade, wirklich.

    • … dabei sind diese viel weiter von unserem Blickwinkel und unserem Kulturkreis entfernt …

      Wie ist das gemeint? Weil uns die Israelis näher sind (sein sollten), sind diese “an allem” schuld?

      Die Palästinenser wehrten sich aktuell nicht, sondern die Hamas starte einen Angriff auf die Israelis. Das ist ganz sicher nicht dasselbe.
      Im Prinzip sind die Palästinenser Gefangene der Hamas im Gaza Streifen und werden quasi als Menschenschilder missbraucht.

      Die Hamas ist schon von ihrem Selbstbild her eine zutiefst antisemitische Organisation. Raketen auf Zivilisten sind sicher kein guter Start für Verhandlungen.

      Die Situation im Nahen Ost ist kompliziert und festgefahren. Einfache Schuldzuweisungen helfen da nicht. Verständnis für Terrororganisationen ist da nur schädlich oder noch mehr Öl für das Feuer.

      Sicher gibt es einigen Grund für die Palästinenser frustriert zu sein, auf der Seite der Israelis ist das aber nicht anders.

      • Ich verfolge das Thema nicht erst seit gestern. Es ist leider ein grundsätzlicher Fehler von einer Punktaufnahme auf alles zu schließen. Wenn man sich mit der Geschichte beschäftigen würde käme da mehr Licht ins Dunkel.

        Als Arafat den Israelis Frieden angeboten hat, hiess es mit dem Terroristen reden wir nicht. Dann kam die Hamas weil die PLO keine Fortschritte erzielt hatte.
        Als die Hamas eine Eingiung angeboten hat! hieß es mit den Terroisten reden wir nicht.

        “Sicher gibt es einigen Grund für die Palästinenser frustriert zu sein, auf der Seite der Israelis ist das aber nicht anders.”

        Nur das die gemäßigten Israeli es weiter zulassen. Auch wie mit den Palästinensern in Jerusalem umgegangen wird. Die werden dort tatsächlich aus ihren eigenen Häusern vertrieben und sogar die Staatsbürgerschaft aberkannt wenn sie 2 Jahre im Ausland sind zB zum studieren!

        Was da passiert ist völkerechtswidrig hoch 3.

        • Was da passiert ist völkerechtswidrig hoch 3.

          Und was in China, der Türkei und anderswo passiert nicht?

          Warum hat es ihnen gerade Israel so angetan?
          Der “Kulturkreis”, der uns näher sein soll – wie sie meinen, ist der jüdische und nicht der der Palästinenser.

          • @einer
            1. Es gibt keine Gleichheit im Unrecht. Ich sehe aber den Genozid Chinas an den Tibetern als besonders schlimm an: zu allen Verstößen gegen Menschenwürde und – rechte kommt noch etwas hinzu: bei den Tibetern hat sich als einzigem Menschenschlag die Höhenanpassung der Denisovamenschen erhalten und die Abholzung des tibetischen Hochplateaus bedroht die Wasserversorgung von Millionen Menschen.
            2. Wieso sollte uns der jüdische Kulturkreis näher sein als der palästinensische???? Trinken Sie keinen Kaffee auf der Matraze und essen dazu ein Brot mit Marmelade? Essen Sie keine Pizza in der Mansarde und zahlen über das Girokonto? Werden Sie etwa nicht nach Tarif bezahlt?

  14. @Was wir wollen

    Was finden wir gut, was unterstützen wir, was glauben wir wirklich? Das sind doch die richtigen Fragen. Nicht Mutmaßungen über Verschwörungen. Es gibt eine Menge von Akteuren auf der Weltbühne, aber was wirklich vernünftig ist, sollten wir wirklich fördern.

    Endzustände der Weltordnung sind viele denkbar. Der einfachste Endzustand ist die atomare Apokalypse, danach gibt es nur noch verstrahlte Erde, und für uns keinen Lebensraum mehr. Diese Variante hat auch durchaus eine Wahrscheinlichkeit größer als Null. Aber dies können wir einfach deswegen schon ausklammern, weil es dann eben nichts mehr gibt. Und es ist langweilig, sich damit näher zu beschäftigen.

    Konzentrieren wir uns lieber auf Szenarien mit Perspektive. Der reine Kommunismus ist eine Idee, der Marktradikalismus eine Andere, und eine durchgreifende mehr spirituell orientierte Lebensweise noch eine dritte Option, die wiederum eine ganze Vielfalt von Möglichkeiten bereithält.

    Wie bekommen wir eine Weltwirtschaft hin, die alle Menschen einschließt? Wie müssen wir die Märkte gestalten, dass das ganze System stabil ist und auch noch gemeinschaftliche Anforderungen wie Klimaschutz, Artenschutz und soziale Absicherung der Menschen ermöglicht? Wie gestalten wir die Aushandlung von internationalen Konflikten?

    Wie weit kann die Meinungsfreiheit gehen? Was machen wir mit religiösem Sektierertum, wie weit geht die Toleranz von Intoleranz? Ist es möglich, eine Grundlage zu finden, mit der die meisten religiösen Traditionen und die meisten spirituellen Erfahrungen eingeordnet werden können, dass wir einen gewissen Konsens bekommen, der auch eine Grundlage für die vielen verschiedenen geistigen Konzepte sein kann?

    Mystische Geschichten eben als Geschichten zu nehmen, und empirische gesicherte Erkenntnisse erst als gesichertes Wissen anzuerkennen, wäre hier schon mal ein wirksamer Anfang für Weltoffenheit.

    Eine soziale Marktwirtschaft, die stabile Steuereinnahmen bringt, mit der die gemeinschaftlichen Aufgaben bestritten werden können, aber auch genug unternehmerische Freiheiten bietet, dass effektiv und innovativ gearbeitet werden kann, wäre auch hier als Lösung in Sicht.

    Und eine allgemeine Haltung von Respekt wäre auch eine Grundlage, internationale Konflikte ohne Gewalttätigkeiten zu lösen.

    Ein Ende der Geschichte, in dem Sinne, dass es so gut und stabil läuft, dass wir uns damit gar nicht weiter groß beschäftigen müssen, hat auch was von Weltenende. Die Politik und die Medien hätten dann nur noch wenig zu diskutieren, und wir Menschen wären davon dann auch frei. Und könnten uns ganz auf unser eigenes Leben konzentrieren, wie wir glücklich werden können, wie wir den Kosmos für uns erkunden möchten, und welche Spiritualität wir suchen wollen.

    Ein ganz entscheidendes Element dabei scheint mir zu sein, dass wir den technischen Fortschritt in der KI dazu nutzen könnten, die derzeitige Leistungsorientierung abzubauen. Sowohl bei uns im Westen, wie auch im Osten z.B. in China. Wenn das produktive Potential durch KI und Roboter so hoch wird, dass man das Meiste im Überfluss produzieren kann, dann kann man den Menschen sehr viel mehr Freiheiten lassen, dass man eben nicht mehr seine ganze Kraft in Ausbildung und Karriere stecken muss, sondern auch einfach gucken kann, was einem im Leben wirklich interessiert, und man dann eben nicht mehr so viel Lernen und Arbeiten muss.

    Wenn sich der Leistungskampf bei uns schon entspannt, kann man sich auch daran machen, den jetzt noch armen Ländern wirklich zu helfen, sich an der Weltwirtschaft zu beteiligen. So entspannt sich dann auch der eigentlich längst übermäßige internationale Wettbewerb.

    Da kann man in der Schule schon mit anfangen. Nicht nur dauerlernende Einzelkämpfer machen, lieber mehr auf gemeinschaftliche Kompetenzen setzen. Und gemeinsame Projekte üben, und lieber die Arbeitsgruppen in den Wettbewerb schicken. Das vergiftet dann später auch nicht mehr das Arbeitsklima, wenn die Menschen von klein auf gelernt haben, zusammen zu arbeiten.

  15. Der Nahostkonflikt (Juden/Palästinenser) kennt nur Schuldige aus Europa: Juden wurden verfolgt im zaristischen Russland (Pogrome), in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert (Dreyfus-Prozess) in Frankreich und zwischen 1933 und 45 durch den Terror der Nazis in Deutschland und Europa

    • Nö, @Werner Fricke: Die Vertreibung von Hunderttausenden Jüdinnen und Juden aus der arabischen Welt begann lange vor der Staatsgründung Israels.

      Wie im o.g. Podcast empfohlen: Packen Sie bitte die falschen Schuldgefühle weg. Es gibt keine Kollektiv- oder Erbschuldflüsse.

      Und erst nach der Überwindung von Schuldkomplexen wird der Blick frei auf die realen Menschen jenseits der Projektionen.

      • Vor der Staatsgründung, ja, aber der Konflikt begann auch lange vor der Staatsgründung. Von allem Anfang an betrachteten die Zionisten Palästina als ihr Land und strebten durch die Einwanderung eine jüdische Mehrheit an. Das erkannten die Araber lange vor der Staatsgründung.

    • Danke, @j. Das ist tatsächlich ein so krass antisemitischer Verschwörungsmythos – der u.a. auch Henryk Broder attackiert -, dass ich tatsächlich auch darauf hinweisen werde. Von wegen “Antisemitismus ist nur importiert, den gibt es bei uns nicht mehr”.

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