Verschwörungsfragen 41 – Von NS-Gleichsetzungen und Vergleichen: Sophie Scholl und Roland Baader

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Obwohl bereits eine frühere Podcast-Folge Opferneid und Schuldabwehr rund um Sophie Scholl und Anne Frank thematisierte, fanden mein Team und ich es wichtig, zu Scholls 100. Geburtstag eine tiefere Folge anzubieten. Dabei wollten wir aufzeigen, wie ihr gedacht wurde – wie aber auch dualistische Intellektuelle wie Roland Baader über Jahrzehnte hinweg eine Gleichsetzung unserer Demokratie mit dem NS-Regime betrieben.

Die Folge “Verschwörungsfragen 41” zum Hören finden Sie wie immer hier bei podigee – sowie bei allen gängigen Podcast-Portalen wie Spotify, Deezer und iTunes. Wir haben diesmal auch ein wenig mit einer Aufnahmen-Collage experimentiert. Wirken die Wechsel der Sprecherpositionen, oder sollen wir es bei einer einheitlichen Aufnahme belassen?

Eine pdf-Leseversion des Podcast-Textes zum Gedenken an Sophie Scholl finden Sie wieder hier.

Und hier ist also auch der Fließtext:

Antisemitismus, Rassismus und generell Menschenverachtung werden über Sprache und Bilder tradiert. Daher wundere ich mich immer wieder, wie schlampig und manchmal sogar niederträchtig Menschen, die es besser wissen müssten, damit umgehen.

Denn selbstverständlich ist es leichter, auch falsche Begriffe wie „Verschwörungstheorie“ immer weiter zu tragen, statt sie zu durchdenken und etwa durch bessere Begriffe wie „Verschwörungserzählung“ oder „Verschwörungsmythen“ zu ersetzen. Gegen solche Gedankenlosigkeit hatte bereits der weise und Traditionen überaus achtende Kung Fu Tse, in Europa als Konfuzius bekannt, vor zweieinhalb Jahrtausenden gewarnt, Zitat: „Lernen und nicht denken ist nichtig. Denken und nicht lernen ist ermüdend.“ – Zitat Ende –

An dieses Wort muss ich immer wieder denken, wenn wieder zu lesen ist, sogenannte Querdenker hätten sich mit Sophie Scholl und der Weißen Rose „verglichen“. Dabei hat ja zum Beispiel Jana aus Kassel genau dies nicht gemacht: Sie hat sich gerade nicht angemessen mit Sophie Scholl und ihrem Schicksal in der NS-Diktatur verglichen. Sie hat sich vielmehr mit ihr „gleichgesetzt“. Und damit warf sie auf einer demokratisch genehmigten Demonstration unter dem Schutz der Polizei auch unsere Demokratie mit der NS-Diktatur in einen Topf. Immerhin hinterließ sie damit der Republik einen Beleg, dass Toleranz gegen Verschwörungsglauben nicht hilft.

Denn hierbei handelte es sich nicht um den individuellen Aussetzer einer Halbgebildeten. Schon am 22. August 2020 hatte die Gruppe „Querdenken-713-Heilbronn“ gezielt in Sophie Scholls Geburtsstadt Forchtenberg demonstriert.
 

Die Verschwörungsaktivistin Alexandra Motschmann imitierte am 4. September 2020 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Flugblatt-Abwurf, der zur sofortigen Verhaftung der Geschwister Scholl führte. Selbstverständlich konnte sie dabei einkalkulieren, dass sie für ihre Aktion keine Verhaftung und schon gar keine Hinrichtung, sondern jede Menge hämischen Beifall zu erwarten hatte. Jeder ernsthafte Vergleich zeigt hier: Hier wurde nicht der Geschwister Scholl gedacht, sondern das Andenken der Ermordeten missbraucht.

Bis zum Erscheinen dieser Podcast-Folge hinein im Mai 2021 reichte die Verbreitung gefälschter Zitate und des gezielten Missbrauchs von Namen und Symbolik der „Weißen Rose“ für Zwecke des Verschwörungsglaubens, der Covid19-Leugnung und des Angriffs auf den demokratischen Rechtsstaat.

Sehr viele Verschwörungsgläubige zeigten sich also als unfähig, grundlegend unterschiedliche Regierungssysteme und ihr eigenes Verhalten darin ernsthaft zu vergleichen. Stattdessen versuchen sie plump, sich durch Gleichsetzungen selbst zu erhöhen, verdrängte Schuldgefühle wegen ihrer eigenen Verschwörungsmythen auf andere abzuwälzen und die Demokratie, deren Freiheiten sie nutzen, abzuwerten. Zum Sammelband „Fehlender Mindestabstand“ von Heike Kleffner und Matthias Meisner trug Robert Andreasch eine Übersicht über Vereinnahmungsversuche sogenannter „Coronarebellen“ gegenüber dem NS-Widerstand bei. Arnd Henze deutete im gleichen Buch diese Entgleisungen als „Fehlgeleitete Widerstandsromantik“. Denn, ja, hier tritt Gleichsetzung an die Stelle von Verstand – und auch von Anstand.

Aber auch außerhalb der Querdenken-Szene dominieren nicht selten noch Verwirrung und Halbwissen. Die meisten von uns kennen Sophie Scholl eher nur als eine glatte, immer schon „Gute“, sowohl in Ost- wie Westdeutschland zivilreligiös heiliggesprochene Widerstandskämpferin. Wir wissen noch, dass sie sich mutig gegen das Dritte Reich gestellt und dies mit ihrem Leben bezahlt hat. Auf den meisten Bildern, die wir von Sophie Scholl kennen, schaut sie ernst und entschlossen. Wenn überhaupt noch ein weiterer Name der „Weißen Rose“ bekannt ist, dann der ihres Bruders Hans.

Sophie Scholl als echter Mensch

Entsprechend versuchte auch die Seawatch-Kapitänin Carola Rackete Sophie Scholl als linke Antifaschistin zu vereinnahmen. Doch die tatsächliche Sophie Scholl war sehr viel komplexer, widersprüchlicher und damit eben menschlicher als jeder Gut-Böse-Dualismus.

Sie engagierte sich gemeinsam mit ihrem Bruder Hans gegen den Willen ihrer liberalen und christlichen Eltern lange, begeistert und erfolgreich in der Hitlerjugend. Neben einem tiefen, christlichen Glauben übte sie sich in Trotz und Widerständen von der Kleidung bis zum Rauchen und der Liebe. Und sie stieß erst spät zur Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“ hinzu, die von ihrem bisexuellen Bruder und Wehrmachtssoldaten Hans Scholl mitbegründet worden war. Dieser hatte noch 1935 als einer von drei Fahnenträgern aus Ulm am NSDAP-Reichsparteitag in Nürnberg teilgenommen.

Dennoch wurde Hans gemeinsam mit seiner Schwester Sophie, mit Christoph Probst und weiteren Widerständlern schon kurz nach ihrer Verhaftung vom fanatisch menschenverachtenden NS-Richter Roland Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Dass in diesen Tagen auch noch Fritz Keller, immerhin Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), einen Kontrahenten mit dem mörderischen Richter Freisler gleichsetzte, zeigt erneut, dass formale Bildung alleine niemandem vor innerem Chaos schützt.

Einen dagegen tieferen und vor allem weiteren Einblick in das Leben und Sterben der Widerstandsgruppe bietet Werner Milstein in seiner eindrucksvollen und mit Bildern versehenen Biografie unter dem Titel „Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl“ beim Gütersloher Verlagshaus. Dabei schildert er auch die Brüche in Sophies Leben – etwa Zerwürfnisse in der Familie oder auch ihre zeitweise Begeisterung für die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel (BDM).

https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Einer-muss-doch-anfangen/Werner-Milstein/Guetersloher-Verlagshaus/e571556.rhd

Eine neuere, empfehlenswerte Biografie: “Einer muss doch anfangen. Das Leben der Sophie Scholl” von Werner Milstein beim Gütersloher Verlagshaus.

Zudem gelingt es Milstein, das soziale Netz und also auch andere wichtige Mitwirkende der „Weißen Rose“ in den Blick zu nehmen. So verweist er beispielsweise auf den ebenfalls hingerichteten, russisch-orthodoxen Christen Alexander Schmorell, der 2012 von seiner Kirche als Märtyrer anerkannt wurde.

Als Ergänzung zu Milsteins Biografie bewegte mich zudem das Büchlein „Sophie Scholl – Lesen ist Freiheit“ von Barbara Ellermeier bei bene! Die Historikerin richtet dabei den Blick darauf, wie das oft verbotene Lesen alter und religiöser Texte es der jungen Frau ermöglichte, sich auch inmitten von Gruppendenken nach und nach der neuzeitlichen NS-Propaganda zu entziehen.

Wer sich mit dem NS-Regime und der „Weißen Rose“ ernsthaft auseinandersetzen möchte, verzichtet also besser auf plumpe Gleichsetzungen. Denn hinter den vereinfachten Oberflächen verbergen sich interessante, widersprüchliche und genau damit bedenkenswerte Menschen, die etwas viel Größeres vollbracht haben, als „immer nur Gut zu sein“: Sie schafften es, leidenschaftlich zu leben und doch auch an ihren eigenen Überzeugungen zu zweifeln. Und genau damit waren und sind sie allen dumpfen Rechthaber:innen auch heute überlegen.

Denn vernünftige, demokratisch gesinnte Menschen suchen immer wieder neu nach Wahrheit, auch wenn es ihnen selbst weh tut. Dualist:innen und Verschwörungsgläubige wollen dagegen unbedingt Recht haben, auch wenn sie damit sich selbst und anderen schaden. Sie halten sich gerne für „skeptisch“, ja „kritisch“, aber ihr sogenanntes „Hinterfragen“ und „Querdenken“ richtet sich kaum jemals auf die eigene Gruppe und das eigene Mitläufertum.

Bisher sehr gelungen finde ich daher den Instagram-Account @Ichbinsophiescholl. Er reflektiert seine Medialität selbst, in dem er die historische Sophie mit einer Kamera und einem Insta-Account kombiniert. Gezeigt wird so eine junge Frau mit deutlich mehr Facetten, die auch lacht und zweifelt, sich auf ihr Studium und ihr neues Leben in München freut und ihre erste große und verstörende Liebe erfährt. Sophie – dargestellt von Schauspielerin Luna Wedler – erzählt ihre Geschichte selbst. Die inzwischen Hunderttausenden Zuschauenden sind live bei den Entwicklungen dabei und erleben sie nah und in Echtzeit mit.

Ein Film oder eine dicke Biografie können eine solche Nähe und Authentizität nicht erzeugen. Sophie Scholl wird in ihrer Menschlichkeit und Widersprüchlichkeit „relatable“. Und gleichzeitig lädt diese Performance auch die junge Generation dazu ein, sich eben nicht mit ihr gleichzusetzen – sondern ernsthaft zu vergleichen.

Auch junge Menschen fragen sich nun: Was wäre, wenn es soziale Medien wie Instagram bereits in den 1930er und 1940er Jahren gegeben hätte? Was wäre, wenn Sophie Scholl Influencerin mit 100.000enden FollowerInnen gewesen wäre? Haben Influencer:innen also neben allem Fame auch eine Verantwortung für die Gesellschaft? Würde Sophie Scholl am 9.5. ihren 100. Geburtstag feiern – wie ihre ältere Schwester Elisabeth, die 2020 einen Tag nach ihrem hundertsten Geburtstag in Stuttgart starb? Deutlich wird: Nur Sophie Scholl war Sophie Scholl. Und nur Du kannst Du sein.

Und so steigt die Frage noch drängender auf: Wie kommen Menschen überhaupt dazu, sich aufgrund einschränkender Hygiene-Maßnahmen zur Eindämmung einer weltweiten Pandemie mit den Mitgliedern der „Weißen Rose“ gleichzusetzen, die für ihre hart errungen Überzeugungen ihr Leben opferten?

Israelbezogener Antisemitismus

Diese Frage wird mir oft gestellt – und ich fürchte, dass die Antwort viele ernüchtern wird. Denn das Phänomen der grotesken Gleichsetzungen gerade auch mit Bezug auf das NS-Regime und das deutsch-jüdische Verhältnis ist noch immer sehr weit verbreitet.

So stimmten laut der aktuellen Leipzig-Studie, für die wir eine Baden-Württemberg-Sonderauswertung beauftragt haben, noch in 2020 rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland der Aussage zu, Zitat: „Israels Politik in Palästina ist genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg.“ – Zitat Ende – In Baden-Württemberg sind es sogar noch etwas mehr.

Und wie gerne würde ich vermelden, das habe nur mit fehlender Bildung, mit mangelndem Wissen zu tun. Aber gerade auch im Umgang mit israelfeindlichen Gruppen bekomme ich ein ganz anderes Bild geboten. Die meisten Teilnehmenden anti-israelischer Gruppen wissen sehr wohl, dass in Israel ein Parlament – die Knesset – gewählt wird, dem auch arabische, muslimische und christliche Abgeordnete angehören. Sie wissen von der dortigen Gewaltenteilung und einer ethnisch und religiös vielfältigen Justiz, die selbst Regierungschefs anzuklagen vermag. Israel steckt, ebenso wie viele Demokratien derzeit, in einer politischen Krise – aber es ist noch immer eine Demokratie und weder ein Apartheids-Regime, das etwa Muslimen Wahlrechte verwehren würde, noch eine mörderische Diktatur.

Dagegen hat die Hamas nach dem Abzug Israels im von ihr kontrollierten Teilstaat ein Terror- und Schreckensregime eingerichtet. Verschiedenste Freiheiten und politische Oppositionelle werden von Folter und Gewalt bedroht. Demokratische Wahlen werden immer wieder vertagt. Das knappe Geld – darunter auch erhebliche Zahlungen aus Europa – werden nicht etwa konsequent für eine verantwortliche Entwicklung der Region und für Bildung verwendet, sondern in erheblichem Anteil für die Herstellung und den Abschuss von Raketen auf das benachbarte Israel.

Nach meiner Erfahrung wissen die allermeisten, vermeintlichen Friedensfreund:innen darüber auch Bescheid. Doch es geht ihnen gar nicht um die Freiheit und die Menschenrechte von Palästinenserinnen und Palästinensern. Es geht ihnen auch nicht um eine gerechte Friedenslösung oder auch nur um einen Dialog darüber. Es geht ihnen stattdessen nur darum, den Staat Israel zu dämonisieren, die Konflikte weiter zu schüren und dabei den eigenen Antisemitismus zu verschleiern. Auch deswegen bestehen sie aktuell in Freiburg darauf, ihre Demonstrationen genau dort zu verrichten, wo einst die vom NS-Regime zerstörte Synagoge stand. Sie wissen sehr wohl, was sie tun – und wem sie damit etwas antun.

Da muss es uns wirklich nicht mehr überraschen, dass NS-Gleichsetzungen auch gegen die bundesdeutsche Demokratie eingesetzt werden. Im bereits erwähnten Sammelband „Fehlender Mindestabstand“ beschreibt Katharina Warda, wie eine Querdenken-Demonstration in Braunschweig gezielt am 9. November 2020, dem Tag der Reichspogromnacht und des Mauerfalls, unter dem Motto „Geschichte gemeinsam wiederholen“ angemeldet wurde. Als Beginn des Demonstrationszuges wurde 18:18 Uhr angegeben – wobei die 18 auch als rechtsextremer Code für den ersten Buchstaben A und den achten Buchstaben H, für Adolf Hitler gilt. Vor dem zu Recht entstehenden Gegenwind wichen die Demokratieverächter dann immerhin zurück.

Die NS-Gleichsetzungen durch Roland Baader

Wer aber verstehen will, wie immer mehr Menschen auch aus der politischen Mitte so tief sinken konnten, sollte sich das verhängnisvolle Werk des 2012 verstorbenen Baden-Württembergers Roland Baader anschauen. Er erhielt nicht nur Nachrufe in der rechtsgerichteten „Junge Freiheit“, sondern auch posthum eine nach Friedrich August von Hayek benannte Medaille. Zudem wurden nach Baaders Tod von einer Anlagenverkäufergruppe finanzierte Auszeichnungen in seinem Namen verliehen.

Dabei hatte Baader nicht einmal selbst behauptet, wissenschaftlich wegweisende Sachbücher geschrieben zu haben. Er bot stattdessen Polemiken auf Basis verkürzter, vergröberter und entstellter Werke liberaler Vordenker, die auf einen einfachen Dualismus reduziert werden: Guter Markt versus verschwörerischer Staat. Baader verstand sich als Publizist, der nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks ein neues Feindbild für Liberale und Libertäre anbot: Die soziale, demokratische und beginnend ökologische Märktewirtschaft. Dabei wurde und wird Baader von Libertären für sein großes Geschick gefeiert, gerade auch junge Menschen mit einfachen Botschaften anzusprechen, einzufangen und zu radikalisieren.

Besonders deutlich wird dies in seinem einschlägigen Werk „Die belogene Generation“, dessen erste Ausgabe 1999 erschien und das tatsächlich direkt mit einer Gruppe widerständiger Studierender bebildert wurde.

Es wird im Klappentext von dem erklärten Demokratiegegner Hans-Hermann Hoppe empfohlen und besonders „Studenten und Schülern sowie deren Eltern und Erziehern“ ans Herz gelegt. Auch mir wurde noch als Student dieses widerliche Werk gönnerhaft empfohlen. Und wer noch bezweifelt, wie viele vor allem junge Menschen durch so geförderte Baader-Texte getäuscht und radikalisiert wurden, braucht sich nur einmal auf Twitter umzuschauen, wie viele Timelines und auch Profile vor allem junger Libertärer sich auch heute noch mit Baader-Zitaten „schmücken“.

Schon in seinen „einführenden Hinweisen“ zur „belogenen Generation“ verniedlichte Baader den Nationalsozialismus als Unterart des Sozialismus, Zitat (S. 8): „Der braune Sozialismus war und ist nur eine Variante des roten Sozialismus.“ – Zitat Ende –

„Die Deutschen“ waren laut Baader nicht etwa Täter, sondern – Zitat (S. 9): „Zeugen und millionenfach Selbstbetroffene zweier sozialistischer ‚Realexperimente‘, nämlich des roten Sozialismus in der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution – und später im sogenannten Ostblock, sowie des braunen Sozialismus auf ihrem eigenen Boden.“ – Zitat Ende –

Nicht in der NSDAP, sondern nur bei der SED benannte Baader hierbei „Täter“, für die man jedoch nach der Wiedervereinigung zum „Verständnis aufbringen“ gezwungen werde (S. 11). Die wiedervereinten Deutschen hätten, Zitat (S. 11) „nunmehr gemeinsam eine neue, diesmal rot-grüne Sozialismus-Variante“ gewählt. – Zitat Ende –

So würden die Medien europaweit nicht nur meistens unwahr berichten, sondern auch einseitig die Gefahren des Rechtsextremismus thematisieren. (vgl. S. 23)

Und Forschende und Lehrende, die nicht seine Version des „Minimalstaates“ vertreten, beschimpfte Baader als – Zitat (S. 31) „Wissenschaftshuren“ und das deutsche Schulsystem als – Zitat (S. 34) „Kidnapping unserer Kinder zum Zwecke der hoheitlichen und seitens der Betroffenen unabwendbaren Indoktrination.“ – Zitat Ende –

Und selbstverständlich kann und soll man unser Bildungssystem auch kritisieren. Die Kultusministerien gelten nicht zufällig unter den politischen Ressorts in Deutschland als außerordentlich schwierig. Aber Baader übte gerade keine ernsthafte Kritik, sondern versteckte den Nationalsozialismus gezielt in einer Flut von Sozialismus-Varianten, um danach bundesdeutsche Lehrerinnen und Lehrer anzugreifen. Zitat (S. 46): „Was vormals der Marxismus-Leninismus, der Stalinismus, der Hitlerismus, der Ulbricht-Honeckerismus, der Maoismus, der Pol-Potismus, Hodschaismus, Cschaucheskuismus etc. besorgt hat, nämlich die Vernichtung des in Jahrtausenden gewachsenen Wertegefüges der menschlichen Zivilisation, das vollbringen hierzulande und heute die linksbeflissenen Lehrer an den Schulen und Hochschulen auf die sanftere Tour durch das ‚Hinterfragen‘ und ‚Entlarven‘ der sogenannten ‚bürgerlich-kapitalistischen‘ und ‚paternalistisch-autoritären‘ Strukturen der westlichen Gesellschaften.“ – Zitat Ende –

Schon 1999 war „Deutschland“ laut Baader „zu rund drei Vierteln ein sozialistisches und staatsdirigistisches Land“. (S. 67)

Und in diesem radikalisierenden Ton geht es seitenweise weiter, gerne auch mal mit antisemitischen Anspielungen wie dem – Zitat (S. 98) „Pharisäergehabe der Gewerkschaftsfunktionäre“ sowie Verschwörungsmythen über Staats- und Papiergeld versus Gold und Privatgeld.

Es wird also schnell klar, warum sich Anhänger des sogenannten Kulturmarxismus-Verschwörungsmythos, Gold- und Finanzverkäufer für die Verbreitung von Baaders Verschwörungswerken engagieren. Wenn der demokratische Staat mitsamt seinem Banken- und Gesundheitssystem als räuberisch und verschwörerisch erscheinen – dann schlägt die Stunde der vermeintlich rettenden Anlageberater und Crashpropheten sowie der esoterischen Abzocker. Mit Verschwörungsmythen und Antisemitismus wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch jede Menge Geld verdient.

Demokratische Politik kam bei Baader dagegen als Bedrohung der individuellen Freiheiten grundsätzlich schlecht weg. Zitat (S. 147): „Auch demokratisch zustande gekommene Mehrheitsentscheidungen sind Kollektiventscheidungen. Die autonome Entscheidung der Person über ihr Eigentum (Leben, Körper und Früchte der Arbeit) geht jeder Kollektiventscheidung vor. Entscheidet ein Kollektiv über diese Rechte, so ist das Rechtsverletzung…“ – Zitat Ende –

Selbst einfachste Widerlegungen dieser plumpen Entgegensetzung ließ Baader nicht gelten: Im Straßenverkehr gewinnen alle durch gemeinsame Regeln an Freiheit und Sicherheit. Wenn Menschen völlig frei Waffen besitzen und benutzen dürfen, dann beschränken sie Freiheit und Sicherheit aller anderen. Wer den eigenen Grund und das eigene Wasser vergiftet, schadet damit immer auch den Nachbarn – und so weiter. Doch den Liberalen Karl Popper wollte Baader nur auf Sozialisten angewendet wissen – für seine eigene, dualistische Ideologie lehnte er jede kritische Überprüfung ab.

Auch die meisten Kirchenvertreter bekamen bei ihm schließlich als – Zitat (S. 209) „neupharisäische Politpfaffen des sozialdemokratischen Jahrhunderts“ ihr judenfeindlich konnotiertes Fett weg. Träten Sie aber für den „Sozialismus“ oder auch nur den „Weichspüler-Sozialismus des Sozialstaates“ ein, so betrieben sie laut Baader „in Wahrheit das Geschäft der politischen Götzendiener.“ (S. 210) – Zitate Ende –

Drei Schritte zur NS-Gleichsetzung

Am Beispiel des bis heute beworbenen Roland Baader wird also sehr deutlich, dass es nur drei Schritte braucht, um die heutige Bundesrepublik mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen.

  1. Der Faschismus wird mit allen Varianten des Sozialismus gleichgesetzt.
  2. Heutige, demokratische Parteien werden mit radikalem Sozialismus gleichgesetzt.

Und so werden schließlich 3. Antifaschismus und Faschismus gleichgesetzt.

Und wer über Jahre und Jahrzehnte hinweg einen so radikalen Individualismus-Kollektivismus- und Markt-Staat-Dualismus vermittelt bekommt, verliert schließlich den Zugang zu Wissenschaften, zur Realität und schließlich zur Demokratie. Jeder politisch Andersdenkende wird hier zum Feind, ja zum Bestandteil einer vermeintlichen, kulturmarxistischen Weltverschwörung.

Hier also finden wir giftige Traditionen auch aus der vermeintlich bürgerlichen Mitte, die Menschen auch heute so weit radikalisieren, dass diese eine demokratische Republik mit dem NS-Regime gleichsetzen und sich selbst opferneidisch an Stelle der tatsächlich NS-Ermordeten wie Sophie Scholl und Anne Frank stellen, sich gar Judensterne aufkleben.

Und während Roland Baader selbst wohl noch Hinweise auf die Abgründe solchen Verschwörungsglaubens empört von sich gewiesen hätte, findet der Baader-Schüler und Bücher-Erbe Rahim Taghizadegan schon nichts mehr dabei, anlässlich eines „Robert-Baader-Treffens“ 2016 mit Tilman Knechtel digital aufzutreten. Dessen massiver, libertärer Antisemitismus war bereits in Folge 9 dieses Podcasts Thema. Knechtel beruft sich in seinem „Rothschild“-Buch nicht nur direkt auf Baader, sondern behauptet auch, dass eine jüdische Weltverschwörung beide Weltkriege und den Holocaust selbst ausgelöst habe, um die Gründung des Staates Israel zu erzwingen. Und derzeit bereite das Weltjudentum den dritten Weltkrieg vor.

Nicht nur auf Amazon und Audible wird dieses zutiefst antisemitische Werk noch immer bejubelt und beworben. Doch ich will nicht glauben, dass der verschwörungsgläubige Dualist Baader so tief gesunken wäre wie einige seiner Schüler.

Ich sage es also deutlich: Wenn sich vermeintlich Freiheitliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht einmal mehr gegenüber so massivem Antisemitismus abgrenzen können und zugleich demokratische Parteien beschimpfen – dann haben sie jedes Recht verloren, sich demokratisch oder gar liberal zu nennen. Wo freiheitliche Demokratien ganz gezielt mit dem NS-Regime gleichgesetzt werden, hat jede liberale Toleranz zu enden.

Fazit

Sophie Scholl und die „Weiße Rose“, generell die Opfer des NS-Regimes und anderer Tyranneien verdienen es, dass wir ihre Erinnerung gegen diejenigen verteidigen, die vor lauter Verschwörungsglauben nicht mehr zwischen Diktatur und Demokratie unterscheiden wollen. Dies gilt auch und gerade, wenn sich die Verschwörungsgläubigen und Antisemit:innen dabei vermeintlich auf die Freiheit berufen.

In der Covid19-Pandemie sehen wir nun doch alle, wie Verschwörungsgläubige sich selbst und andere gefährden und unseren Rechtsstaat ebenso wie Israel verachten und schmähen. Deswegen halte ich einiges vom Vorschlag meines Bundes-Kollegen Felix Klein, den weiteren Missbrauch von Judensternen auf demokratiefeindlichen Demonstrationen als Verhöhnung von tatsächlich Ermordeten der Schoah zu verbieten. Entscheidend wird jedoch sein, ob wir auch darüber hinaus im Rahmen der Meinungsfreiheit endlich jenen die Stirn bieten, die unter vermeintlicher Palästinenser- oder Freiheitsfreundschaft gerade auch junge Menschen mit NS-Gleichsetzungen gezielt vergiften und radikalisieren.

Wahrscheinlich können wir nicht mehr alle dieser auch antisemitisch Verschwörungsgläubigen in die Realität zurückholen – aber ich finde, wir sollten ihnen keinesfalls noch eine Generation überlassen. Fangen wir doch einfach bei uns selbst und in unserem eigenen Milieu an, zwischen konstruktiven Vergleichen und niederträchtigen Gleichsetzungen zu unterscheiden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

Quellen:

Milstein, Werner (2021): Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl! Gütersloher Verlagshaus

Heike, Kleffner & Meisner, Matthias (2021): Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde. Herder

Ellermeier, Barbara (2020): Sophie Scholl – Lesen ist Freiheit. Bene!

Blume, Michael (2020): Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können. Patmos

Konfuzius (2008): Der Weg der Wahrhaftigkeit / Gespräche (Lun Yü). Anaconda, Zitat S. 69

Baader, Roland (1999/2005): Die belogene Generation. Politisch manipuliert statt zukunftsfähig informiert. Resch

 

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

89 Kommentare

  1. Ein Beitrag der mir so richtig aus dem Herzen gesprochen hat. Befürchte nur, dass ihn nicht all zu viele in unserer Gesellschaft verstehen, denn dazu braucht es schon eine Menge Hirn (Das ist jetzt nicht als Selbstlob gemeint) und für einfache Antworten braucht es nicht zu viel davon. Eher vielleicht noch ein großes Mundwerk.Wenn ich an einen Onkel Donald denke, der in Erwägung ziehen konnte seine Blutbahnen gegen das Coronavirus zu desinfizieren und wie vielen Amerikanern seine Verharmlosung des Virus das Leben gekostet hat. Wenn ich sehe was zur Zeit in Brasilien und Idien abgeht, als Folge von so einem ähnlichen Gedankengut… Da bin ich Gott dankbar in einer Demokratie zu leben, die sich im Großen und Ganzen noch an die Präambel des Grundgesetzes hält, trotz mancher Fehler und vielleicht auch moralischen Schweinereien mit den Maskengeschäften.

    • Vielen Dank für die freundliche Rückmeldung, @Helmut Dußwald.

      Tatsächlich ist uns und ist mir klar, dass wir mit diesem anspruchsvollen Podcast-Format Hörenden und Lesenden einiges abverlangen. Aber wir glauben, dass es bereits genug auch sehr gute Heiter-und-Leicht-Formate gibt und dass wir auch die Verantwortung haben, etwas schwerere Inhalte anzubieten. “Verschwörungsfragen” erreicht damit sicher nicht alle, aber doch viele derjenigen, die auch etwas tiefer in die Themen einsteigen wollen (daher auch die Podcast-untypischen Literaturverweise und -vorschläge). Insofern freut uns Ihr Kommentar wirklich sehr – vielen Dank nochmal!

          • @Michael Blume

            Sie haben meine Frage nicht beantwortet.

            Anders gefragt: Wo ist in Ihrem Text die “Wissenschaft”, die eine Veröffentlichung bei “Scilogs” rechtfertigt?

          • Lieber @Klaus,

            schon alleine die Tatsache, dass die religionswissenschaftlich gehaltenen, über Mythen und Verschwörungsmythen aufklärenden Texte und Podcast-Folgen antisemitische und autoritäre Persönlichkeiten so sehr ärgert, dass sie mit kaum unterdrückter Wut weitere Folgen verbieten würden, belegt ihre Relevanz in den “Tagebüchern der Wissenschaft”. 🙂

            In diesem Sinne vielen Dank für Ihre “freundliche Ermutigung”, mit der Sie uns allen aufzeigen, wie wichtig dieser Wissenschaftsblog und Podcast geworden sind und uns noch zu vielen weiteren Folgen ermuntern. 🙂

            In dankbarer Verbundenheit!

          • @ Michael Blume

            wenn sich jemand drüber aufregt ist es “Wissenschaft”?

            Eine sehr “originelle” Definition von “Wissenschaft” …

          • Danke, @Klaus. Sie haben es schon fast verstanden. Wenn sich niemand darüber aufregt, dann ist es auch keine erfolgreiche Wissenschaftskommunikation.

            Ich habe gerade bei der WissKon21 genau darüber gesprochen und hoffe, Ihnen und anderen Interessierten diese Keynote dann bald als YouTube-Video auch hier auf dem Blog vorstellen zu können.

            Wobei ich davon ausgehen muss, dass Sie das ärgern könnte. Aber es geht auch genau darum, warum sich Wissen immer wieder nur mit Schmerzen durchsetzen kann.

  2. Sehr guter Text und ja, Antisemitismus findet sich nicht nur in rechten Gruppierungen, sondern auch bei Libertären und ja, auch bei Linken.

    Nicht nur in Roland Baaders, sondern auch in Andreas Baaders Texten findet sich Antisemitismus.

    • Es ist halt immer sehr bequem, wenn man eine Minderheit findet, die an allem schuld sein soll.
      Warum es gerade so oft die Juden sind, die es trifft … kein Ahnung, vermutlich weil “wir” in Europa so lange auf jene geprägt wurden?!

        • Auch von mir ein großes Lob. Überhaupt zu dieser ganzen Reihe.

          Aber eine Meta-Anmerkung dann doch, oder besser, ein Anliegen, eine Bitte: Was ich bislang nicht nur in Ihrer Reihe vermisse, ist ein Beitrag zu einem der wirkmächtigsten antisemitischen Verschwörungsmythen überhaupt: Die Passionsgeschichten im Neuen Testament, die Juden als Christusmörder. Als intrigante Strippenzieher hinter den Römern. Das strahlt auch weit hinein in den Islam. In der koptischen Kirche wäscht Pontius Pilatus so gründlich seine Hände in Unschuld, daß er sogar als Heiliger verehrt wird.

          Anders als späteren Generationen muß ja den Zeitgenossen der Evangelisten durchaus noch klar gewesen sein, daß es sich hier um Mythen handelt, nicht um historische Tatsachenbehauptungen, da ja schon die Grundbehauptung nicht stimmt: Die Juden hätten von den römischen Besatzern nicht das Recht zugesprochen gehabt, Todesurteile zu verhängen und zu vollstrecken. Jesus wird in den Erzählungen der Evangelisten wiederholt von Steinigungen bedroht; Stefanus, der erste christliche Märthyrer, wird in Jerusalem in aller Öffentlichkeit in der Apg. gesteinigt, ohne daß die Römer eingeschritten wären.

          Mir ist klar, daß das ein großes Thema ist, zu dem Sie sich vielleicht einen Neutestamentler als Gast einladen könnten. Aber es wäre wirklich wichtig, mal zu klären – oder auf den Weg dahin zu erklären, abschließend wird man das noch kaum klären können –, was da so fürchterlich schief gelaufen ist. Wir hatten diese Diskussion hier ja schon mal, aber in der Kommentarfunktion läßt sich ein solcher Komplex nur andeuten. Momente der Diskussion, die ich fortgeführt sehen möchte, waren bislang: Eine jede Abnabelung einer Strömung, die zur „Sekte“ wird, von einer Religionsgemeinschaft ist für beide Seiten schmerzhaft. Die Juden hatten zu leiden unter einem zunehmenden Antisemitismus insbesondere der Römer, von dem sich die Christen mitbetroffen sahen als nunmehr Nichtjuden, und distanzieren wollten. Und: In den Passionsgeschichten bildet sich die tatsächliche blutige Verfolgung der ersten Christen ab, die sie ursprünglich nur von den Juden, eben noch nicht von den Römern erfuhren. – Wir wissen nicht, was aus anderen Strömungen im Judentum geworden ist, etwa aus den zeitgeschichtlich weit bedeutenderen Anhängern Johannes des Täufers. Auch die Spuren des Judenchristentums verwischen sich im Sande, das allerdings augenscheinlich sehr blutig; diese allerdings hatten ein heidenchristliches Backup. Ich denke, „die“ eine Erklärung wird es nicht geben, all diese Momente spielen hinein, und womöglich noch mehr.

          Antisemitismus gibt es schon weit vorher, schon vor dem römischen Reich. Hier aber verdichten sich die Mythen in einer großen Erzählung. Die zudem Klischees entwickelt, die stilbildend werden: Judas, der Kassenwart der Jünger, der Jesus für Geld verrät (und überdies einen sehr unglücklichen Namen hat); jüdische Manipulatoren, die das „Volk“ verhetzen vom Hosianna! zum kreuzigt ihn!, mächtige Juden, die hinter den öffentlichen Auftritten Pilatus’ „in Wirklichkeit“ die Strippen ziehen.

          • Ich wußte, daß wir darüber schon mal diskutiert hatten, war aber zu faul, zu googeln 😉

            Mich stellt nicht zufrieden, was man nicht nur bei Ihnen zum Thema findet: Die Juden haben Jesus nun mal nicht gekreuzigt, sondern die Römer, und damit ist der Vorwurf vom Tisch. Für mich fangen die Fragen damit überhaupt erst an. Denn das war auch den Empfängern der damaligen Evangelien noch klar. Durch und durch ausgewiesen als nicht Verschwörungstheorie, sondern für damalige als Mythos.

            Ihr nächstes Buch will sich ja, nachdem Islam und Judentum schon Themen waren, eingehend mit dem Christentum befassen. Vielleicht werde ich dort ja ein Kapitel finden zu meiner Anfrage.

          • @Alubehüteter
            Antisemitismus gibt es schon weit vorher, schon vor dem römischen Reich. ” Hätten Sie dafür Belege, das würde mich interessieren.
            Ich habe ja die Vermutung, die Diadochen hätten die jüdischen Gruppierungen als fünfte Kolonne des konkurrierenden Herrschers betrachtet- aber nie einen Beleg dafür entdeckt.
            Auf einen Artikel möchte ich noch aufmerksam machen: Wilhelm Roscher 1875: “Die Stellung der Juden im Mittelalter, betrachtet vom Standpunkte der allgemeinen Handelspolitik” mal eine ganz andere Betrachtungsweise. Könnte aufschlussreich sein.

          • @Alubehüteter

            Antisemitismus gibt es schon weit vorher, schon vor dem römischen Reich.

            Das glaube ich nicht. Allein die Idee einer “Rasse” dürfte im Alten Orient unvorstellbar gewesen sein.
            Selbst die “Judenfeindschaft” im römischen Reich, wurde durch die Aufstände der Juden gegen die Römer bedingt. Dass die Regierung das nicht toll fand, ist wohl nachvollziehbar. (Leben des Brian: Was haben uns die Römer gebracht?) Die Religion der Bevölkerung war der Regierung im röm. Reich egal, solange man seine Steuern zahlte etc. (“Gebt dem König was des Königs ist” steht nicht ohne Grund im Neuen Testament)

            Er mit dem Aufkommen der christlichen Kirche kam es zum religiös motivierten Antijudaismus, wenn man so will dem Ursumpf aus dem auch der Antisemitismus entstand. Wenn man bedenkt, dass z.B. bei konvertierten Juden zum Christentum quasi immer Betrug vermutet wurde, so kann man da auch schon erste Ansätze von Antisemitismus erkennen. Im Prinzip sieht man hier den Konflikt einer neuen Sekte, die sich aus einer etablierten Religion bildete und dieser entsprechend feindselig gegenüber steht – man steht ja in Konkurrenz zueinander. Um so mehr, als das Christentum dann Staatsreligion wurde.

            Ein Feindschaft gegenüber den beiden Königreichen in Israel, wie in der Bibel bzgl. Assyrien, Ägypten und Babylon geschildert, gab es. Allerdings war das deutlich politisch motiviert und hatte weder mit der Religion noch mit der Ethnie zu tun.

          • Lieber @einer,

            bei all ihrem wiederholt geäußerten Widerwillen gegen Juden- und Christentum wundert mich doch, wie leichtfertig Sie zentrale Quellen abtun: Etwa das 2. Buch Mose, das Buch Esther, die Makkabäer-Bücher. Selbst wenn wir uns alle hier klarmachen, dass diese selbstverständlich nicht nach den Standards moderner Geschichtswissenschaft, sondern als Sinn-Schreibung angelegt waren, so schildern und verbürgen sie doch ur-jüdische Erfahrungen mit buchstäblich antisemitischen Verschwörungsmythen und Verfolgungen schon in der Antike. Ihnen, lieber @einer, stünde doch wahrlich das Wissen auch über die Antike und Schriftentwicklungen zur Verfügung, um über eigene Vorurteile hinauszuwachsen. Auch dazu dient ja dieser Blog und Podcast. Das können Sie schaffen!

          • @ j
            11.05.2021, 19:12 Uhr

            Als eines der ersten Fundstücke des Antisemitismus führt Herr Blume die Angst des Pharaos an in der Exodusgeschichte, die Hebräer würden einen, wie man es heute plakativ-hetzerisch nennen würde, „Geburtenjihad“ betreiben, die Ägypter mit ihrem Kinderreichtum „überfremden“. Deshalb läßt er alle männlichen Neugeborenen der Juden töten; ein Anschlag, dem nur der neugeborene Moses entgeht.

            Nun ist die Geschichte von vorne bis hinten konstruiert. Reflektiert aber einen erlittenen Antisemitismus weit vor Rom.

          • @ einer
            12.05.2021, 07:59 Uhr

            Das glaube ich nicht. Allein die Idee einer “Rasse” dürfte im Alten Orient unvorstellbar gewesen sein.

            Das sehe ich auch so. Aber die rassistische ist ja nur die jüngste Variante des Antisemitismus. Der christlich-islamische Antijudaismus eine weitere. Rassismus ist natürlich die übelste, weil sie keinen Ausweg mehr läßt, etwa durch Konversion.

            Selbst die “Judenfeindschaft” im römischen Reich, wurde durch die Aufstände der Juden gegen die Römer bedingt.

            Auch eine Frage, die ich an Herrn Blume hätte:

            Dass die Regierung das nicht toll fand, ist wohl nachvollziehbar. (Leben des Brian: Was haben uns die Römer gebracht?)

            Und das ist ja so. Alle unterworfenen Völker haben sich mit dem römischen Reich abgefunden, mehr noch: zunehmend darin eingefunden. Die Römer bauten Handelsstraßen, gründeten Städte. Mit der Zeit profitierten auch weite Teile der Unterlegenen. Übernehmen römische Götter, bringen ihre eigenen Götter mit nach Rom. Nur die Juden fanden sich nie mit dem Besatzerstatus ab, begingen immer wieder Aufstände.

            Und zugleich formuliert sich das Problem der mosaischen Unterscheidung: Es gibt nur einen einzigen Gott – eine These, die namentlich auch in der griechischen Philosophie stark vertreten wird –, und die Juden habe zu ihm einen priviligierten Zugang (wenn auch durch den Noahbund keinen exklusiven).

          • Danke, @Alubehüteter zu @einer

            Zur Entstehungsgeschichte des pseudo-wissenschaftlichen Rassismus im Kontext auch des Antisemitismus gibt es bereits die Verschwörungsfragen-Folge 14:
            https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/

            Zur sog. “mosaischen Unterscheidung” hoffe ich mal eine eigene Folge vorlegen zu können. Soviel aber schonmal vorab (das Ihnen, @Alubehüteter, als Nietzsche-Kenner längst präsent sein sollte!): Auch der theologische Dualismus wurde nicht “von Moses” erfunden, sondern im Zoroastrismus entfaltet und vom rabbinischen Judentum wieder überwunden (mosaischer Monotheismus, noachidischer Inklusivismus). Aber auch in deutschsprachigen Gelehrtenkreisen werden wissenschaftlich gut gesicherte Traditionsströme leider noch immer ignoriert, damit man(n) Jüdinnen und Juden selbst eine Mit-Schuld am Antisemitismus zuweisen kann. Mit dem Stand religionshistorischer Erkenntnisse hat das schon länger nichts mehr zu tun.

          • Auf die Griechen hatte ich ja auch schon verwiesen: Auch Assmann sagt ja inzwischen, die mosaische sei eigentlich eine in das Judentum hineingetragene aristotelische oder parmenideische Unterscheidung in Wahrheit und Unwahrheit, wahrer Gott und Lügengötzen. Die andere große Fusion ist die mit Zarathustra. Die Unterscheidung von Gut und Böse, die bei den Juden eigentlich die von Treue und Untreue war zu Gott und seinem Bund. Aber diese drei großen Ströme fließen zur Zeitenwende im Judentum ineinander, zumal es „das“ Judentum hier wie zu vermutlich allen Zeiten nicht gibt.

            Zur Zeit Jesu sind im Judentum – neben vielen anderen! – doch noch beide Flügel aktiv: Es gibt mit dem „Vorhof der Heiden“ im Tempel das noahidische Angebot einer Oekumene. Es gibt aber immer wieder auch Träger religionsfundamentalistischer gewaltsamer Aufstände, die einen jüdischen Gottesstaat errichten wollen, zu dieser Zeit die Zeloten.

            Es geht ja nicht darum, den Juden ein möllemannsches „Ihr seid doch selber Schuld am Antisemitismus!“ entgegenzuschleudern. Allerdings deren Eigenanteile daran mit zu sehen. Wir verteidigen ja auch heute nicht jede noch so durchgeknallte Position, wenn sie nur von Juden verteten wird; etwa die, die Palästinenser aus Ost-Jerusalem zu vertreiben, worin sich aktuell ja einige jüdische Aktivisten bestätigt sehen. Ohne deswegen den Terror der Hamas in irgend einer Weise das Wort zu reden.

            Religiöse Abweichler in den eigenen Reihen nach dem angeblichen Vorbild alter Bücher blutig auszurotten, wie es mit den Judenchristen geschehen ist, gehört für mich dazu. Zu fatalen Fehlern nicht „der“ Juden, aber seinerzeit wichtiger Teile, die für mich mit zum christlichen Antijudaismus geführt haben. Sich gegen eine Besatzungsmacht zu wehren gehört für mich schon weniger zu „Fehlern“, das halte ich für legitim; daß die Besatzungsmacht das anders sieht, aber auch für nachvollziehbar. Und das ist ja die Frage, die hier gestellt wird; wie es zum römischen Antisemitismus kam, dem sich die Christen zu Unrecht mit ausgesetzt gesehen haben, erst Recht die, die nie Juden gewesen/geworden waren. Oder ist das immer nur Neid auf eine Bildungsreligion, kann man damit schon alles erklären?

            Das ist alles jetzt schon sehr lange her; es kann eh’ nicht mehr darum gehen, aufzurechnen. Wohl aber, zu verstehen.

          • Danke, @Alubehüteter. Darf ich mal nachfragen, wo genau Assmann denn “inzwischen” gesagt bzw. geschrieben hat, “die mosaische sei eigentlich eine in das Judentum hineingetragene aristotelische oder parmenideische Unterscheidung in Wahrheit und Unwahrheit, wahrer Gott und Lügengötzen. Die andere große Fusion ist die mit Zarathustra.”

            Diese Veränderung seiner Moses-These würde mich tatsächlich sehr interessieren!

          • @ Michael Blume
            13.05.2021, 23:43 Uhr

            Danke, @Alubehüteter. Darf ich mal nachfragen, wo genau Assmann denn “inzwischen” gesagt bzw. geschrieben hat

            Ups. Muß ich zugeben: Hat er nicht. Da habe ich zu flüchtig gelesen und mir im Nachhinein etwas hineininterpretiert. Was ich auch nicht aufrecht erhalten könnte, wenn es wenigstens von mir wäre.

            Was er in der „Mosaischen Unterscheidung“ macht, das ist, die jüdische und die griechische Entwicklung zu parallelisieren. So, wie die Griechen unterscheiden zwischen Wahrheit und Unwahrheit, so unterscheiden die Juden den einen, wahren Gott von den unwahren Göttern. Eine Abhängigkeit sieht er da nicht, die habe ich da erst hineingelesen 🙄🥴

            Da sind zwei wohl unabhängige Traditionsströme, die ineins fließen.

  3. Auch von mir vielen, herzlichen Dank für diesen Blogartikel. Es ist für Laien nicht immer leicht, die Zusammenhänge zu durchschauen und den Verschwörungslegenden angemessen zu begegnen.
    Vielen Dank auch für Fließtextversionen des Podcasts. Lesen liegt mir weit mehr als das Hören von Podcasts, bei denen ich nicht selbst das Tempo bestimmen kann.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung, lieber @Joachim Schulz! Wir hatten tatsächlich überlegt, nach den ersten 40 Podcast-Folgen das Format zu ändern. Aber geschriebene Texte können eben auch gelesen und gefunden werden – und leichtere, lustigere Podcasts können Andere sicher besser. Wir bleiben also gerne dran! ☺️📚🙏🖖

  4. @Nahostkonflikt

    „Knechtel beruft sich in seinem „Rothschild“-Buch nicht nur direkt auf Baader, sondern behauptet auch, dass eine jüdische Weltverschwörung beide Weltkriege und den Holocaust selbst ausgelöst habe, um die Gründung des Staates Israel zu erzwingen. Und derzeit bereite das Weltjudentum den dritten Weltkrieg vor.“

    Der Nahostkonflikt ist allerdings in der Tat ein grausiges Schauspiel, das seit über 70 Jahren immer wieder Schlagzeilen macht. Neben der Gründung des Staates Israel hat der Westen auch beim Ende der Kolonialzeit offenbar Staatsgrenzen hinterlassen, die absichtlich noch möglichst lange als Konfliktquelle dienen sollten.

    Man wollte wohl verhindern, dass sich mit den zu erwartenden astronomischen Öleinnahmen eine arabisch-islamische Großmacht etabliert. Saddam Hussein hätte genau dieses gerne gemacht, da ist dann der Westen selber militärisch aktiv gewesen, neben den üblichen destabilisierenden Waffenlieferungen, die in diesem Fall nicht gereicht haben.

    Natürlich liegt hier Israel mittendrin in diesem Schlamassel. Aber Israel kann nichts dafür, dass die umliegenden islamischen Länder im wesentlichen ihre Öleinnahmen verprassen, und nichts für eine produktive Wirtschaft unternehmen, und es auch nicht schaffen, sich in einer Art EU zu organisieren, um untereinander vernünftig zusammen zu arbeiten.

    Offenbar stehen dem die Öleinnahmen selbst entgegen, und auch hat der reale Islam Probleme mit Religionsfreiheit, die wohl eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie zu sein scheint.

    Da kann Israel nichts für, man ist hier offenbar einfach nur am falschen Ort. Das ist gefährlich für Israel, würde ich sagen. Noch können die sich mit nur 9 Mio Einwohnern selber wehren. Was ich davon halten würde, Israel militärisch zu unterstützen, wenn das mal nötig wäre, dass wäre jetzt eine ganz schwierige Frage.

    In jedem Fall würde ich lieber die arabischen Länder darin unterstützen, wirtschaftlich selber auf die Beine zu kommen, radikalen Islamismus zu reduzieren und sich untereinander zu vertragen. Wenn jetzt ein wirksamer Klimaschutz gelingt, dann ist das Öl wohl nicht mehr das Problem, und vielleicht reicht das sogar, um diese Verhältnisse endlich zu verbessern. Nebenbei ist die ganze Gegend da ein guter Standort für Solarenergie, und vielleicht ist ja ein weltweiter erfolgreicher Klimaschutz auch ein Anlass, dass sich auch Muslime mit ihren religiösen Konflikten mehr an weltweitem Gemeinsinn orientieren.

    • In dieser Region gibt es seit dem Ende des 1. Weltkrieges und damit des Osmanischen Reichs eine Reihe von Konflikten von denen der um “Palästina” der bekannteste ist. Im Nordosten dieser Region haben wir ja noch die Kurden, die sich auf mehrere der neuen Staaten (Türkei, Irak, Syrien) verteilen.

      In jedem Fall würde ich lieber die arabischen Länder darin unterstützen, wirtschaftlich selber auf die Beine zu kommen, radikalen Islamismus zu reduzieren und sich untereinander zu vertragen. Wenn jetzt ein wirksamer Klimaschutz gelingt, dann ist das Öl wohl nicht mehr das Problem, und vielleicht reicht das sogar, um diese Verhältnisse endlich zu verbessern. Nebenbei ist die ganze Gegend da ein guter Standort für Solarenergie, und vielleicht ist ja ein weltweiter erfolgreicher Klimaschutz auch ein Anlass, dass sich auch Muslime mit ihren religiösen Konflikten mehr an weltweitem Gemeinsinn orientieren

      Dann stellt sich die Frage, ob die Solarenergie als “Geldquelle” einfach das Öl ablöst, ohne die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.

      Gruß
      Rudi Knoth

      • @Rudi Knoth (Zitat):

        Dann stellt sich die Frage, ob die Solarenergie als “Geldquelle” einfach das Öl ablöst, ohne die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.

        Politisch explosive Situationen und unhaltbare Verhältnisse können über viele Jahrzehnte bestehen bleiben. Das zeigt gerade auch die europäische Geschichte mit beispielsweise (auch) religiös motivierten Kriegen, die Jahrzehnte anhielten.

        Heute aber, im Zeitalter des schnellen technischen Fortschritts, der Quick Fixes, Instant-Heiraten und Lebensabschnittehen fehlt sehr vielen Menschen und auch vielen Politikern der nötige Zeithorizont, die Geduld und Vorsicht um bei sich selbst oder bei Nachbarn langanhaltende Spannungen aushalten zu können.

        Schon paradox: Heute leben Menschen doppelt so lang wie vor 100 Jahren. Zugleich aber leben viele doppelt so schnell und werden nur halb so Weise wie die früheren Exemplare der Spezies Mensch.

  5. Lieber Michael Blume,
    vielen Dank für Ihren sehr informativen Beitrag aus Ihrer Reihe (ich stimme “einer” zu – mit der stärkste), die ich übrigens sammle, um sie immer mal wieder zu lesen. Ich muss gestehen, dass mir der Name Roland Baader bis dato überhaupt nichts sagte – schön, dass Sie zumindest diese Bildungslücke bei mir geschlossen haben 🙂
    Beste Grüße,
    Martina Winter

    • Vielen Dank für die ermutigende Rückmeldung, @Martina Winter! Auch in der hiermit gestarteten “zweiten Staffel” von Verschwörungsfragen wollen wir uns bemühen, immer besser und interessanter zu werden.

  6. @Rudi Knoth 11.05. 18:26

    „Dann stellt sich die Frage, ob die Solarenergie als “Geldquelle” einfach das Öl ablöst, ohne die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.“

    Das muss nicht sein. Erstmal gibt es Alternativstandorte am nördlichen Rand des Mittelmeeres, und man kann auch alle benötigten Solarflächen z.B. in Marokko und Tunesien aufstellen, wenn in den anderen Ländern weiter die nötigen Voraussetzungen an innerem Frieden und Rechtssicherheit fehlen.

    Auch macht der Aufbau von Solarenergie viel Arbeit an den Standorten, also das Aufstellen der Anlagen, und teils die Umwandlung in Wasserstoff und weitere Produkte und der Abtransport der Energie bzw. der Energieträger.

    Und ein allgemeiner Geist von Verantwortung um die Schöpfung, der wohl die Grundlage von einem wirksamen Klimaschutz sein muss, wird sicher auch Auswirkungen auf Muslime haben. Man wird das akzeptieren müssen, wenn der verbliebene Rest des an sich wertvollem Öls und Gas keiner mehr kaufen will, weil alle das Weltklima wieder stabilisieren wollen.

  7. @Blume
    Wo ich so meine Schwierigkeit mit habe ist,der Begriff und die Bedeutung von Heiligkeit: Heil der Seele und Gleichsetzung mit ‘Sieg heil’.
    Heil im Wesen des Seins und seiner Umdeutung.
    Was hat es nur mit dieser Heiligkeit auf sich im Heldentum?

    • Heil ist zunächst ganz simpel „heil“ im Sinne von „ganz, intakt“. Deutlicher im „geheilt sein“: wiederhergestellt, wieder gesund, eben wieder intakt sein. Heil der Seele ist befreit von allen diesseitigen Beschränkungen, Bekümmernissen; ein Heiliger, der das schon im Diesseits weitgehend erreicht, die Fülle seiner Möglichkeiten lebt.

  8. @alle
    Mal wieder gemischte (Vorspeisen)platte, weil ich die Themen nur anreißen, aber nicht ausführen kann.
    1. Zu Antisemitismus und der Vorgeschichte zu Mose. Exegetisch habe ich hier Schwierigkeiten, weil diese Geschichte eindeutig eine babylonische Vorlage hat (Sanherib). In den Psalmen finde ich keinen Beleg für erlittenen Antisemitismus, obwohl sich hier der Antisemitismus am deutlichsten niederschlagen sollte.
    2. Wichtig wäre es, in der hebräischen Bibel den Antisemitismus von der nationalreligiösen Zionsideologie abzugrenzen. (Hier sind die Bücher Jeremia, Jesaja und die Klagelieder wichtig.)
    3. Die aristotelischen Kategorien finden Sie eindeutig nicht bei Hosea,Amos und den Klageliedern. (Da sieht es auch der exegetisch nicht geschulte Laie am leichtesten, deshalb diese Texte) .
    4. Man findet Aristoteles evtl. im Kohelet, sicher bei Paulus in einer stark vereinfachten Form und bei Jesus selber.
    5. Davon abzugrenzen ist die aristotelische (im lateinischen Mittelalter auch die averroistische) Deutung der hebräischen und grieschischen Bibel durch die Kirchenväter. Das auffälligste Beispiel ist die Formulierung des Nizenokonstonipolitanums zu Jesus “gezeugt, nicht geschaffen”. Hier wird offensichtlich mit den mitteln der aristotelischen Metaphysik gearbeitet, nicht mit biologischen Begriffen. Es wurde aber biologistisch missverstanden. Dagegen protestiert wiederum der Koran in der Sure al_ihlas.
    „Sprich: Gott ist Einer, (1)
    ein ewig reiner, (2)
    hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, (3)
    und nicht ihm gleich ist einer. (4)“ (Nachdichtung Fr. Rückert)

    • Ähm, lieber @j., bei allem Respekt vor der großen Gelehrsamkeit: Selbst wenn man die Exodus-Geschichte „nur“ für eine Umarbeitung babylonischer Erzählungen hielte, so gibt sie doch mindestens als überzeugend erfahrene Berichte von Diskriminierungen und Verschwörungsvorwürfen wider.

      Die sehr starken Belegtexte des Esther-Buches und der Makkabäer-Bücher finden sich in Ihrer Auswertung dagegen gar nicht…

      Allzu starker Confirmation Bias? 🤔💁‍♂️📚

      • @Michael Blume
        Mit Esther haben Sie natürlich recht, mit den Makkabäerbüchern auch. (Beides biblische Bücher, die ich nicht so auf dem Schirm habe.)
        Mit den Makkabäern habe ich das Problem, dass das doch sehr nationalreligiös gesprägt ist. Esther ist ganz klar eine Rückprojektion aus griechischer in die persische Zeit.
        Das bedeutet: die Judenfeindlichkeit lässt sich ganz klar in den Hellenismus datieren. Dann frage ich mich immer noch, was ist da passiert?
        Es gab immer wieder jüdische Aufstände in Ägypten, über die wir wenig wissen und auf der anderen Seite den Tempel in Elephantine.
        Mir geht es bei der ganzen Debatte um Diskriminerung ja eigentlich nur um eines: auch die Nationalreligiösen (jeder Religion!) fühlen sich diskriminiert. haben Sie- polemisch gefragt- nicht alles Recht dazu? Die Sachsen fühlen sich diskriminiert.
        Ich suche aus der Antike noch Texte der Gegenseite, der Nicht-Juden. Da halte ich es dann doch mit dem Sachsenspiegel: “Eines Mannes rede ist keines Mannes rede- man soll sie hören alle beede.”

        • Bei allem Verständnis für Ihre „Auswahl von Leidenschaften“ (im Sinne Karl Poppers), lieber @j.: Wenn Sie sich bei der Interpretation biblischer Texte von vornherein auf ein bestimmtes Ergebnis festlegen (Zitat: „ Mir geht es bei der ganzen Debatte um Diskriminerung ja eigentlich nur um eines…“) und dann auch noch zentrale Texte weglassen, dann tricksen Sie sich emotional selber aus und bleiben unter Ihren Möglichkeiten. Nun müssen Sie ja zugeben, dass sich das Ensemble der Texte nicht ohne bereits in der Antike erfolgte Diskriminierungserfahrungen erklären lässt. Ich traue Ihnen und Ihrer wirklich umfassenden Bildung zu, damit auch über Ihre leidenschaftlichen Vor-Urteile hinauszuwachsen. Das wäre dann wirkliche, weiterführende Erkenntnis.

          Ihnen Dank für Ihr starkes Interesse und alles Gute!

          • @Michael Blume
            Danke für die guten Wünsche.
            Ich gebe zu, die letzten Monate wurde ich in einen absurden Strudel aus Identitätspolitik, “decadence” durchaus im Sinne Nietzsches, angeblicher und echter Diskriminierung, Diskussionen über Homophobie und einiges mehr hineingezogen. Vor allem die Tatsache, dass ich offensichtliches Fehlverhalten sanktioniert habe, aber mir das als Diskriminierung vorgeworfen wurde, hat mich irritiert. (“In meiner Kultur ist es nicht üblich schriftliche Arbeiten abzufassen- deshalb ist es diskriminierend, so etwas zu verlangen.”)
            Diese Erfahrungen muß ich erst einmal sacken lassen.
            In dem Bemühen, da irgendwie Struktur hereinzubringen, habe ich natürlich offensichtliche Texte übersehen, vor allem die Einleitung zum Dekalog.

          • Okay, @j. – alles gut. Und Ihnen alles Gute! Ich freue mich, dass Sie mit Ihren weiten Kenntnissen hier mitwirken.

            Ihnen einen guten Start in die Woche! 🌷📚🖖

  9. “, zeigt erneut, dass formale Bildung alleine niemandem vor innerem Chaos schützt”

    hat das vielleicht etwas mit narzistischen Kränkungen zu tun und Hitler versprach, die narzistischen Kränkungen der deutschen zu heilen?
    (Den gleichen Eindruck, was narzistische Kränkungen angeht, habe ich übrigens auch bei Bernd Höcke)

  10. @Michael 14.05. 21:56

    „Selbst wenn man die Exodus-Geschichte „nur“ für eine Umarbeitung babylonischer Erzählungen hielte, so gibt sie doch mindestens als überzeugend erfahrene Berichte von Diskriminierungen und Verschwörungsvorwürfen wider.“

    Was jetzt die verschiedenen Mythen an interessanten Anregungen mit sich bringen, das ist schon mal interessant. Aber auch die beste Inspiration taugt doch recht wenig, wenn sie nicht von Verstand und Erfahrung geprüft wird. Alles andere läuft Gefahr, in die Irre zu führen, wenn nicht in den Wahnsinn.

    Ich meine, an Weltoffenheit und Religionsfreiheit kommt man nicht vorbei. Aber was tun, wenn eine Gruppierung eben keineswegs weltoffen ist, und z.B. auch Verschwörungsvorwürfe gegenüber anderen erhebt? Wo endet die Toleranz der Intoleranz?

    Beleidigung, Volksverhetzung und Aufforderung zu Straftaten sind sicher Illegal, und werden auch verfolgt. Damit müssen wir derzeit wohl auskommen, aber neben der Inanspruchnahme der Staatsgewalt haben wir natürlich die Möglichkeit zu argumentieren. Und uns damit auch bemerkbar zu machen.

    Ich war mal vor Jahren in Dortmund bei den Westfalenhallen mit dem Fahrrad unterwegs, und da kam mir eine ganze Menschenmasse entgegen, die mir mit überglücklicher Zuversicht aufgefallen ist. Das war wirklich wundersam, und dann viel mir ein, dass hier eine Großversammlung der Zeugen Jehovas stattgefunden hat. Die Leute kamen direkt aus der Westfalenhalle und waren so was von aufgeladen, da kommen die BVB-Fans nicht mit, die man da auch öfter sieht. Die Arena des BVB ist auf dem selben Gelände.

    Soll man die Zeugen Jehovas, und eine ganze Reihe von anderweitig fundamentalistischen Christen, wegen organisiertem religiösen Unfug verbieten?

  11. Liberale hantieren mit ihrer natürlichen Gegenposition sozusagen, dem Kollektivismus, nicht selten verallgemeinernd und Gemeinsamkeiten bei den Kollektvismen suchend.
    Sicherlich war der Nationalsozialismus auch Sozialismus auch Kollektivismus.

    Dazu kommt die Idee vom demokratischen und möglichst “schlanken” Staat, der möglichst wenig Arbeitgeber werden soll, möglichst zurückhaltend sein soll bei Fragen persönlicher Art, die ihn nichts angehen, und vor allem nicht so etwas wie eine Parteienherrschaft hervorbringen darf.

    Roland Baader war aus diesseitiger Sicht bei den oben skizzierten Überlegungen sehr weitgehend (“radikal”), denn er sah, befürchtete nicht nur, ein Kippen der Liberalen Demokratie in einen Kollektivismus nur demokratisch scheinender Art.
    Es ging da wohl auch in Richtung Anarchokapitalismus, Rothbard und so, der aus diesseitiger Sicht nicht funktionieren kann, eine Utopie bleibt wie der “gerechte Sozialismus” auf sozialistischer Seite.

    Es wird abzuwarten sein, wie sich die Liberalen Demokratien weiter entwickeln, ob sie den Hang der politisch Mächtigen, der Mandatsträger, aushalten und der so gemeinte Staat nicht irgendwann Richtung Übergriffigkeit kippt.
    Zurzeit sieht es nicht so-o gut aus.

    Wenn Sie, lieber Herr Dr. Michael Blume, eine Freude machen wollen, zitieren Sie Baader konkret und ausführlich, arbeiten sich am Zitat ab, mal so-o richtig ab.
    Weiterer Wunsch (und sofern Sie noch liberal sind) :
    Skizzieren Sie die Liberale Demokratie, wie sie I.E. sein sollte, hier gerne mal ein Essay wagen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • Vielen Dank für Ihr Interesse, @Webbaer. Vom Konstrukt des „Kollektivismus“ halte ich analytisch wenig, da es kein nicht-kollektives, menschliches Leben gibt. Die Fiktion eines (letztlich erwachsen, männlich & asozial gedachten) Individuums im Gegenüber zu Kollektivismen verfehlt die menschliche Natur und Evolutionsgeschichte weit, was z.B. auch Friedrich August von Hayek durchaus erkannte.

      Dass man(n) Radikalisierenden wie Baader besser auch positive Entwürfe entgegensetzen sollte, ist jedoch ein m.E. berechtigtes Anliegen.

  12. Zum Folgenden:

    “@ einer
    12.05.2021, 07:59 Uhr

    “…….. Das glaube ich nicht. Allein die Idee einer “Rasse” dürfte im Alten Orient unvorstellbar gewesen sein………….

    “…….Das sehe ich auch so. Aber die rassistische ist ja nur die jüngste Variante des Antisemitismus. Der christlich-islamische Antijudaismus eine weitere. Rassismus ist natürlich die übelste, weil sie keinen Ausweg mehr läßt, etwa durch Konversion.:::::::”

    “…..Nur die Juden fanden sich nie mit dem Besatzerstatus ab, begingen immer wieder Aufstände.
    Und zugleich formuliert sich das Problem der mosaischen Unterscheidung: Es gibt nur einen einzigen Gott – eine These, die namentlich auch in der griechischen Philosophie stark vertreten wird –, und die Juden habe zu ihm einen priviligierten Zugang (wenn auch durch den Noahbund keinen exklusiven).
    ………”
    (Ende der Zitationen)

    Da liegt “Alubehüteter” wohl richtig . Nur wenige “ethnische ” oder auch “soziologische” Gruppierungen dürften KEINE Probleme damit haben, wenn sich eine unter ihnen als “einzig in der Welt von Gott auserwählte” Menschengruppe aus dem “Menschentum” exkludiert. Und damit ntürlich auch verächtlich auf die anderen herabschaut.
    Und nein- das ist KEIN Antisemitismus, sondern ein gruppenpsychologisches bzw “soziologisches” (oder weswegen auch immer legitimes) Argument.

    • Wenn Sie doch schon das Verständnis von @Alubehüteter erreicht hätten, @little louis!

      Er hat bereits verstanden: Durch den Noahbund war – und ist – der jüdische Erwählubgsgedanke nicht exklusiv.

      Eine solche Toleranz brachten wenige Völker auf, wenn sie sich Führern unterwarfen, die sich – wie z.B. Augustus – als Göttersöhne sahen. Von germanischen Arier-Mythologien ganz zu schweigen…

      Andere Identitäten zu bejahen, ohne die je eigene zu verlieren – das schaffen wenige…

      • „…die sich – wie z.B. Augustus – als Göttersöhne sahen.“

        Hier muss man etwas differenzieren. Sieht man mal vom allgemeinen Kaiserkult ab, kann man das so pauschal nicht sagen. Augustus glaubte sich zwar von den Göttern gesandt, forderte für sich aber keine Vergöttlichung ein. Erst nach seinem Tod fand auf Antrag des Senats eine Konsekration statt. Als Cäsars Adoptivsohn nannte er sich aber selbst divi filius, was „Sohn des Vergöttlichten“ bedeutet, dies ist jedoch nicht mit dem christlichen Sohn Gottes gleichzusetzen. Die Römer unterschieden nämlich zwischen einem deus (einem Gott) und einem divus (einem „Vergöttlichten“). Eine „Vergöttlichung“ erfolgte in der Regel erst nach dem Tod. Im Zuge des Kaiserkults wurde dann aber im 3. Jahrhundert, während der Herrschaft Aurelians, eine Vergöttlichung bereits zu Lebzeiten explizit eingefordert.
        „Die reichsweite Ausübung des Kaiserkults wurde zu einem Akt der Loyalität gegenüber dem Regenten und war deswegen Anlass für die Auseinandersetzungen mit den monotheistischen Religionen der Juden und Christen. Die consecratio (Vergöttlichung) der Kaiser durch den heidnischen Senat blieb (wenn auch in etwas veränderter Form) bis Theodosius I. erhalten, der Kaiserkult wurde als religiöse Handlung seit Konstantin dem Großen durch eine Huldigung ersetzt, an der sich auch die Christen beteiligen konnten. Sakrale Elemente des Kaiserkults gingen in das Zeremoniell christlicher Fürstenhöfe über; auch das Gottesgnadentum weist Wurzeln im antiken Herrscherkult auf.“
        Quelle des Zitats: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6mische_Religion

        • Zustimmung, @Mona. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, schrieb ich auch ausdrücklich nicht von einem „Sohn Gottes“, sondern von „Göttersöhnen“. Denn das ist tatsächlich nicht einfach das Gleiche, ja.

      • @ Michael Blume
        15.05.2021, 21:06 Uhr

        Durch den Noahbund war – und ist – der jüdische Erwählungsgedanke nicht exklusiv.

        Jein. Nicht exklusiv für Juden. Sehr wohl aber exklusiv für Monotheisten.

        Die römische Toleranz wird weiter sein. Da Politik und Religion noch untrennbar miteinander verwoben sind, muß man halt den römischen Kaiser irgendwie einbinden in sein Pantheon, ansonsten kann jeder bei seiner Kultur und Religion bleiben.

        • Ob der Noahbund zwingend auf einen positiven Monotheismus verpflichte, oder aber der Verzicht auf Lästerung reiche, wird bis heute kontrovers diskutiert.

          Und zur römischen „Toleranz“ gehörten dann halt auch z.B. Kreuzigungsstrafen, Kindesaussetzungen, Gladiatorenspiele mit der Tötung von Menschen und Tieren, gelegentliche Verfolgungen verbotener Kulte wie Juden und Christen, auch seitens minderjähriger Sklaven uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit, Kriegszüge zur Ehre des Imperiums u.v.m.

          Schimpfen Sie mich gerne einen Humanisten – aber ich finde nicht, dass Toleranz schrankenlos sein sollte, lieber @Alubehüteter… 💁‍♂️

          • Ist ja alles richtig. Aber wie gnadenlos werden spätere Jahrhunderte zurückblicken auf unsere herzlose Massentierhaltung? 😳

            Kreuzigungsstrafen

            Mit Sicherheit wohl mit das Übelste, was Menschen erfunden haben. Über Wochen wird das Leben Tropfen für Tropfen herausgepreßt. Werden unzählige Tode gestorben, in denen sich der Körper im allerletzten Augenblick doch wieder aufbäumt und so den Kreislauf wieder in Gang bringt, bis endlich auch dazu die Kraft nicht mehr reicht. Steinigungen aber sind auch nicht ohne.

            Kindesaussetzungen

            Von denen allerdings berichten noch die Gebrüder Grimm. Entbehrt in Zeiten hoher Kindersterblichkeit allerdings auch nicht einer zynischen Logik, die Schwächsten aufzugeben zugunsten der Lebensfähigeren.

            Gladiatorenspiele mit der Tötung von Menschen und Tieren

            Für mich zumindest singulär, ja. Bei den griechischen Olympiade kamen auch Sportler zu Tode, das war aber nicht Ziel der Auseinandersetzung.

            gelegentliche Verfolgungen verbotener Kulte wie Juden und Christen

            Judentum als Kult verboten? 😳 – Kulte wurden verboten, wenn sie als staatsaufwieglerisch wahrgenommen wurden. Zugegeben nicht in fairen Prozessen, wo sich etwa Christen hätten darlegen und verteidigen können.

            auch seitens minderjähriger Sklaven uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit

            Das ist leider eine uralte, urindoeuropäische Sitte. Die lebt noch fort, bis Vergewaltigung in der Ehe in der Bundesrepublik 1997 zur Straftat wurde. Der Mann ist zuhause Eigentümer und macht mit seinem Eigentum, was er will. Früher wurden auch Kinder ausgesetzt, noch bis in die Nachkriegszeit auch geschlagen, sogar an Schulen.

            Kriegszüge zur Ehre des Imperiums u.v.m.

            Immer noch schlechter Brauch.

            Das stimmt ja alles. Und trotzdem finde ich die Balance bei den Römern vorbildhaft: Sie sind stolz und sendungsbewußt, das „Volk“ zu sein, das der Welt den Frieden bringt. Jeder aber kann römischer Bürger, Teil dieses Volkes werden. Auch ein Paulus darf Philosophie studieren und sich damit für höchste Positionen am Kaiserhof qualifizieren. Und nicht nur, daß die Römer prinzipiell multikulturell und multireligiös ausgerichtet waren. Die kulturelle Superiorität Griechenlands, ja, ihre eigene Abhängigkeit von diesen haben sie stets ehrenvoll respektiert.

    • @ little Louis
      Oje, den Rekurs auf die mosaische Lehre, die blasphemische Art, die “Auserwähltheit” der Jüdinnen und Juden zu missdeuten, die Bibel mithin zu nazifizieren und damit die “Endlösung der Judenfrage” zu rechtfertigen – all das kennt man ja schon von one of Hitlers best friends, dem wohl fanatischsten Antisemiten ever und Herausgeber des “Stürmer”, namentlich von Julius Streicher.
      Dieser hatte sich kurz vor seiner Hinrichtung 1945 in Nürnberg in seinem Testament in beleidigender und zynischster Manier auf die Bücher Mose bezogen und sogar Theodor Herzl aus dem Kontext gerissen, wohl weil er selbst besessen von der Vorstellung der Auserwähltheit des “arischen Übermenschen” und einer daraus entspringenden “heimlichen Macht” besessen war.
      (vgl. nur “Das politische Testament Julius Streichers”, zitiert nach: Robert Wistrich, Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel, München 1987, S. 12 ff., 12, 14).

      Dies erklärt wohl auch, weshalb die Nazis den religiösen Antisemitismus in einen rassistischen und damit tödlich-apokalyptischen Judenhass modifizierten.
      Ihr Hass richtete sich nicht mehr (nur) gegen den “Christusmörder”, sondern vielmehr gegen den “Gottmacher” und damit letztlich nicht mehr nur gegen Moses und Jesus, sondern auch gegen Marx. Denn diese haben nach nazistischer Lesart das “Blut der Nichtjuden” mit den “Bazillus der Vollkommenheit infiziert”.
      Wistrich stellt damit zutreffend fest: “Hitlers Revolution des Nihilismus sollte die Menschen von diesem ´jüdischen` Streben nach einem Ideal befreien. Durch die Zerstörung des Judentums und seiner Ableger (Christentum und Kommunismus) wollte Hitler die Menschheit mit einem Streich in ihren ursprünglichen Naturzustand zurückversetzen” (Robert Wistrich, a.a.O., S. 13).
      Ein wie auch immer und mit welchem Vorzeichen geprägtes humanistisches Menschen- und Gesellschaftsbild war und ist Nazis wie Neurechten ein Dorn im Auge – sie verfolgen weiter ihr rassistisch-sozialdarwinistisches Credo und verlachen als naiv all jene, welche die Utopie einer besseren Welt, in der alle Menschen gleich sind, nicht aufzugeben bereit sind, demütigend als “Gutmenschen”.
      (Nach allem ist wohl meine in vergangenen Kommentierungen dokumentierte Aversion auch gegen einen Friedrich Nietzsche verständlich.)

      Natürlich ist man in diesen Tagen schockiert und muss resignierend feststellen, dass der Antisemitismus sich nicht etwa spätestens nach den Gräueln des 2. Weltkrieges erledigt hätte, dass er noch immer als tiefsitzender Hass existiert, dass er emotional höchst aufgeladen sich entäußert, dass er all die Jahrzehnte nach dem Holocaust offenbar latent weiter Bestand hatte und offenbar nur auf einen Anlass lauerte, sich wieder lautstark und hässlich zu offenbaren und zu artikulieren (ich erspare mir die skandierten Zitate u.a. auf der Gelsenkirchener Demo vergangene Woche) 🙁

      Wie kann es aber sein, dass – trotz historischer und genetischer, ja wissenschaftlicher Erkenntnisse nahezu aller Bereiche – viele Menschen noch immer all ihre negativen, überheblichen, bevormundenden Gefühle, Befürchtungen, Ängste, Frustrationen und Fantasien exklusiv (oder wenigstens in erster Linie) auf Jüdinnen und Juden projizieren?
      Das ist eine Frage, die ich mir in schlaflosen Nächten immer wieder stelle und auf die ich einfach keine rationale Antwort finden kann.
      Hier müssen wir m.E. dringend weiter nach Zusammenhängen und Ursachen forschen, hier müssen wir weiter (auch nach eigenen) Versäumnissen fragen.
      Und, nein, ich bestreite nicht, dass es auch linken (oder eher linksextremen) Antizionismus (wenn auch immerhin nicht den Holocaust leugnend) und gleichwohl im Ergebnis auch deutlich als solchen zu benennenden Antisemitismus gibt.
      Aber die Aufarbeitung des schlimmsten Kapitels deutscher Geschichte beinhaltet auch, sich einzugestehen, dass (Neo-)Nazis zwar immerhin in “ihren paranoiden Bemühungen, aus den ermordeten Juden kriegslüsterne Tyrannen und aus den Nazischarfrichtern unschuldige Opfer” zu machen zumindest in den ersten 25 Jahren nach Kriegsende” auf wenig Resonanz stießen (Wistrich, a.a.O., S. 15 ff., 15), dass sich jedoch – wohl aufgrund (teilweise bewusst?) mangelhafter historischer Aufklärung auch in Bildung, Kunst und Kultur, einer gewissermaßen auch “biologischen” Obsolet- und dadurch bedingter Vergesslichkeit – wieder eine Trivialisierung des Holocaust in erschreckend weiten Teilen der Bevölkerung durchsetzen konnte.
      Dies beinhaltet auch, sich endlich (mein Gott, dass man aber auch immer noch und immer wieder darauf hinweisen muss … 🙁 …) bewusst zu machen, dass es nicht nur “ein irrationaler böser Mann”, nicht nur ein kleiner elitärer machtbesessener Kreis war, der die Apokalypse des zweiten Weltkrieges und den Holocaust zu verantworten hatte, sondern dass spätestens seit der “Reichskristallnacht” (hier töteten vorwiegend SA-Schergen hunderte Juden und verschleppten sie in Konzentrationslager, hier wurden Hunderte von Synagogen niedergebrannt und zerstört, Schaufensterscheiben von tausenden jüdischen Geschäften zerschlagen) die Mehrheit der deutschen Bevölkerung eine zumindest gerne duldende Haltung bezog (vgl. nur Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker: ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust [aus dem Amerik. von Klaus Kochmann], Berlin 1996, S. 128 ff.).
      Dies beinhaltet und erfordert letztlich aber auch eine ehrliche Analyse, wie es z.B. dazu kommen konnte, dass sich der religiöse mit dem rassistischen Antisemitismus derart fatal vereinigen konnte.
      Erinnert sei nur an die offiziellen Richtlinien des deutschen Episkopats für den Religionsunterricht vom Februar 1936: “Rasse, Boden, Blut und Volk sind kostbare natürliche Werte, die Gott der Herr geschaffen und deren Pflege er uns Menschen anvertraut hat.” (zitiert nach Daniel Jonah Goldhagen, a.a.O., S. 136). Erinnert sei ebenso an die eine millionenfache Auflage und damit viele Leserinnen und Leser erreicht habende antisemitische Agitation aus protestantischen Quellen (z.B. der “Sonntagsblätter”) bereits in Zeiten der Weimarer Republik (s. nur Daniel Jonah Goldhaben, a.a.O., S. 137 f.) mit den entsprechend fatalen Wirkungen.

        • Zur Frage „Warum die Jüdinnen und Juden“ habe ich in der Podcast-Folge 2 eine Antwort zu geben versucht.

          Darin:

          Fazit: Der Semitismus hat genau gar nichts mit Rassismus und Pseudo-Genetik zu tun, sondern alles mit den Möglichkeiten der Alphabetschrift, mit Religion und Bildung, mit verschriftetem Recht und Menschenwürde und schließlich mit der Hoffnung auf eine bessere, gemeinsame, friedliche Zukunft für Menschen verschiedener und auch keiner Religion.

          Der Antisemitismus hat dagegen genau gar nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern speist sich seit der Antike aus Gefühlen des Bildungsneides, der Angstlust am vermeintlich drohenden Niedergang und schließlich am wahnhaften und rassistischen Verschwörungsglauben gegenüber Jüdinnen und Juden sowie vermeintlichen Mitverschwörern.

          Mir ist das schlicht zu philosemitisch. Nichts rechtfertigt Antisemitismus. Schon gar nicht Vorgänge und Entscheidungen, die vor Jahrtausenden liegen. Und was gar nicht angeht, ist die Behauptung, im letzten seien eben doch „die Juden“ schuld am Antisemitismus. Aber als einzige Ursache, die die Juden zu verantworten haben, das Alphabet auszumachen, das ist mir dann doch zu wenig. Das doch nur so gut gemeint gewesen sei. Das Alte Testament ist voller blutrünstiger Blaupausen, die als Vorlage und Rechtfertigung dienten etwa zur Vernichtung von Ketzern, der Ausrottung der nordamerikanischen Indianer, der Unterjochung und Versklavung der Schwarzafrikaner. Ja, und auch der Juden selbst.

          Alle Völker und Nationen haben irgendwann einmal in ihrer Geschichte Mist gebaut, mal weniger, mal mehr. Nur die Juden hätten dies nie. Das ist auch nur eine weitere, eine andere Art der Sonderbehandlung der Juden. Deren Geschichte ist und deren Geschichten sind genau so kritisch zu lesen, nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die anderer Völker.

          Es kann, wie gesagt, nicht angehen, heutigen Juden die blutige Verfolgung des Judenchristentums anzurechnen. Aber sie wird ihren Moment beigetragen haben zum christlichen Antijudaismus wie der römische, mit dem sich dieser verbündet, auch um selber nicht den Juden zugerechnet zu werden. Es geht nicht darum, aufzurechnen. Insbesondere rechtfertigen Fehlentscheidungen von vor bald zweitausend Jahren nicht die schon neurotischen notorischen antisemitischen Erzählungen. Machen aber einen Teil davon auch verstehbar.

          Oder noch ganz anders. Gäbe es eine ungebrochene judenchristliche Tradition von den Tagen des Jakobus bis heute, Geschichte hätte so nicht verlaufen können.

          • Kann Ihrer Argumentation hier leider nicht folgen, @Alubehüteter. Sie schreiben doch selbst, dass die Alphabetschriften gar nicht das Bild „besserer Menschen“ entwerfen. Wie kommen Sie darauf, ich sähe das anders? Zum Potential dieses Mediums gehört, dass es nicht auf bessere Menschen, sondern einfach auf Menschen angewiesen ist… 💁‍♂️

          • @Alubehüteter: “Alle Völker und Nationen haben irgendwann einmal in ihrer Geschichte Mist gebaut, mal weniger, mal mehr. Nur die Juden hätten dies nie. Das ist auch nur eine weitere, eine andere Art der Sonderbehandlung der Juden. Deren Geschichte ist und deren Geschichten sind genau so kritisch zu lesen, nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die anderer Völker.” (Zitatende)

            Naja, das mit dem “Mist” gebaut – “mal mehr, mal weniger” klingt für meinen Geschmack dann doch zu sehr nach Verharmlosung nach dem Motto: “Wer sitzt schon im Glashaus…”.
            Die barbarische Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa durch die Deutschen (ja, nochmal und immer wieder: die Mehrheit von ihnen hat dies aktiv oder wenigstens duldend mitgetragen!), der industriell organisierte und durchgeführte Massenmord war “ein Ereignis ohne Präzedenzfall in der jüdischen wie auch in der gesamten Menschheitsgeschichte”. (Dan Diner, “Israel and theTrauma of the Mass Extermination, zit. nach Robert Wistrich, a.a.O., S. 401).

            Andererseits genügt mir allein der Bildungs- und Erfolgsneid nicht als monokausale Antwort auf eine mir nach wie vor unverständliche, derart tiefgreifende radikale Umwälzung geistiger und moralischer Wertvorstellungen, ja für den vollständigen Verlust des Empfindungsvermögens bei der Mehrheit des deutschen Volkes in einer Zeit fortgeschrittener Zivilisation (Mitte des 20. Jahrhunderts).
            In der “neuen” Werteordnung des sog. Dritten Reiches – besonders ausgeprägt in der Installation und Funktionsweise des Lagers als “paradigmatische Institution” – war es plötzlich normal, das Menschen aus angeblich biologischen Gründen ohne weiteres getötet werden durften. Die Werte des Christentums und der Aufklärung wie Nächstenliebe und Mitgefühl wichen purem Hass. “Das Ideal, an dem sich das Verhalten gegen die verhasstesten Insassen der Lagerwelt, die Juden, orientierte, war das einer Welt unbegrenzten Leidens, das zu deren Tod führen sollte. Das Leben eines Juden durfte nur die Hölle sein, ununterbrochene Qual, unendliche Schmerzen, ohne Trost und Beistand.” (Daniel Jonah Goldhagen, a.a.O., S. 535. Wie konnte es dazu kommen?
            Ich verstehe es nicht – ebenso wenig das erneute Sich-Entäußern des Judenhasses im teilweise selben Duktus angesichts der aktuellen Ereignisse im Nahen Osten. Man mag und muss diese unbedingt differenziert sehen und von beiden Seiten beleuchten. Und, ja, man muss – bei aller berechtigten Verurteilung der von der terroristischen Hamas ausgehenden Gewalt – auch über die Zwangsräumungen von Familien im Ostjerusalemer Stadtteil Scheikh Dscharrach und die Angriffe nationalistischer jüdischer Siedler auf die Menschen, die sich dort gegen die Vertreibung wehren, als einen Anlass für den Konflikt reden. Aber man muss gleichzeitig und immer berechtigte Kritik auch an der israelischen Regierung klar von Antisemitismus trennen. Und man sollte Krieg als Mittel der Politik ablehnen, dabei aber eines nicht vergessen:
            “In einem Jahrhundert, in dem es möglich war, dass Judenhass zu einem verheerenden Weltkrieg und zu einem planmäßigen Völkermord führte, gehört unablässige Wachsamkeit leider zu den Vorbedingungen des Überlebens. Dazu kommt, dass (…) der Antisemitismus keineswegs ein bloßes Fossil der Hitler-Ära ist. Seine fortbestehende Vitalität ist eine Bestätigung dafür, dass Emil Fackenheim mit seiner Feststellung recht hatte: ´Jedes antijüdische Ressentiment, das die Nach-Holocaust-Epoche hervorbringt, ist ein postumer Sieg für Hitler und eine gewollte oder ungewollte Weiterführung seines Zerstörungswerks.” (Robert Wistrich, a.a.O., S. 401 f. m.w.N.).

          • Vielen Dank für Ihren starken Kommentar, @Sandy!

            Wichtig erscheint mir gleichwohl der Hinweis, dass ich ausdrücklich nicht die These vertrete, “der Bildungs- und Erfolgsneid” reiche “als monokausale Antwort” zur Erklärung des Antisemitismus. Wie gerade auch wieder bei der WissKon21 zur Wissenschaftskommunikation erläutert sehe ich Antisemitismus als Teil der menschlichen, für Verschwörungsglauben anfälligen Psychologie, die nicht nur für Neid anfällig ist, sondern auch für Angst, Minderwertigkeitsgefühle (bis hin zu Identitäts- und Sexualfragen) und Hass. “Die waren ja nur neidisch” ergibt sich daher gerade auch aus der von mir vertretenen Alphabetisierungs-Theorie ganz und gar nicht. Vgl.
            https://www.youtube.com/watch?v=sukPOZhP4Uw

            Vielen Dank für Ihr Interesse und das engagierte Mitdenken und -diskutieren!

      • (Nach allem ist wohl meine in vergangenen Kommentierungen dokumentierte Aversion auch gegen einen Friedrich Nietzsche verständlich.)

        Überaus offensichtlich, woran die Nazis anschließen konnten. Dennoch verläuft von Nietzsche zu Hitler keine so bruchlose Linie wie von Wagner über H. St. Chamberlain.

        • @Alubehüteter und @Michael Blume zuvor:
          Ja, der in seiner Jugend in seinem pathologischen Hass auf das zunehmend kosmopolitische Wien des “fin de siècle” als ernstzunehmender Künstler (und nicht nur in dieser Hinsicht) gescheiterte Postkartenmaler Hitler war natürlich unmittelbarer beeinflusst von Houston S. Chamberlain, dem ideologischen Urvater des Nationalsozialismus, der die Habsburger Monarchie insbesondere “verseucht” durch die “galizischen Juden” als “Rassenbabel” sah. Gerne griff er auch die Ideen des Georg Ritter von Schönerer auf, dem Anführer der “Alldeutschen” als Vertreter des extremen Deutschnationalismus, der ebenso wie Chamberlain eine hysterisch-zwangsneurotische rassistische “Philosophie” entwarf.
          Im Zusammenwirken mit den sexuellen und rassistischen Zwangsvorstellungen, die sich Hitler insbesondere von Josef Lanz (einem Ex-Zisterziensermönch, der zum Rassenmystiker und Ariosophen mutierte) und dessen manichäischer Weltlehre abguckte, wonach die “Arier” das “blonde, blauäugige, gottgeweihte Lichtvolk” seien, dass von den Juden als einer dämonisch-animalischen “Rasse der Finsternis”, einer “Niederrasse” bedroht sei, aber auch unter dem Einfluss des eloquenten, den Hass auf die Juden mit der “roten Gefahr” verknüpfenden “christlich-sozialen” Wiener Bürgermeisters Carl Lueger entwickelte Hitler schließlich seinen völkisch-rassistischen Antisemitismus, der zum an Zynismus und Grauen mit nichts zu vergleichendem Supergau der Menschheitsgeschichte, dem Holocaust führte.
          Und mit einer überwiegenden Zahl der leider evident unheilbar vorurteilsbehafteten Menschen vereint ihn bis zum heutigen Tag eine Weltanschauung, die Judentum und Marxismus gleichermaßen eine apokalyptische Bedeutung beimisst. So war die marxistische Lehre – und also die Vision einer “Assoziation”, in der die “feie Entwicklung des Einzelnen Voraussetzung für die freie Entwicklung aller” ist – Hitler (und leider bis heute nicht nur ihm) unvereinbar mit dem Willen des “allmächtigen Schöpfers”, sondern sogar “Totenkranz der Menschheit”.
          (vgl. hierzu Robert Wistrich, a.a.O., S. 27 ff. m.w.N.). 🙁

  13. @little Louis 15.05. 15:36

    “einzig in der Welt von Gott auserwählte” Menschengruppe aus dem “Menschentum” exkludiert. Und damit natürlich auch verächtlich auf die anderen herabschaut.
    Und nein- das ist KEIN Antisemitismus, sondern ein gruppenpsychologisches bzw “soziologisches” (oder weswegen auch immer legitimes) Argument.

    Israel ist ein Nationalstaat, und damit ein übliches soziologisches Objekt. Jede Nation hat ein Selbstverständnis, und ihre Sicht auf ihre Nachbarn. Gerade Juden fallen doch immer wieder damit auf, dass sie eben nicht auf andere herabschauen. Gegen Angriffe wehren sie sich in der Tat, aber fallen auch hier kaum damit auf, ihre Nachbarn etwa auszurauben, was ja durchaus auch heutzutage noch vorkommen kann.

    Im Prinzip streitet man sich in Israel/Palästina um Bauplätze in der Wüste, wo es aber durchaus nicht dran mangelt. Einen Mangel gibt es sicher an Wasser, aber die Palästinenser schaffen es selber nicht, sich Entsalzungsanlagen anzuschaffen, und ihre Wohngebiete aufzubauen, es sich da schön zu machen, und sich daran zu machen, möglichst alles selber herzustellen, und darüber hinaus auch so produktiv zu sein, dass sie was zu exportieren haben.

    Was können die Juden dafür, wenn die Araber so in Klans organisiert sind, dass hier Gekungel und Korruption praktisch das ganze Wirtschafts- und Sozialleben lähmt?

    Klar könnten sich die Israelis etwas freundlicher verhalten, und etwa palästinensischen Wohngebieten mehr Wasser spendieren. Und auch ihre Vergeltungsangriffe auf Raketenbeschüsse müssen sie nicht überdimensionieren.

    Die Israelische Politik der Stärke wird eventuell irgendwann nicht mehr zu finanzieren sein. Aber ansonsten verhält sich Israel sehr normal nationalstaatlich.

    Die religiösen Streitereien scheinen mir sehr viel mehr durch die Araber motiviert zu sein, die haben anscheinend Probleme damit, vor ihren eigenen Augen Andersgläubige ihre andere Religion auszuüben zu sehen. Dieses Problem betrifft das Verhältnis von vielen Muslimen zu allen anderen Glaubensarten. Auch in Deutschland gibt es Muslime, die mich als nicht-mal-Christ für ein ungläubiges Arschloch halten, schön ist auch das nicht. Teilweise gehen die verschiedenen muslimischen Kirchen sogar gewalttätig gegen ihres Gleichen vor.

    Die meisten Muslime, die ich hier in Dortmund kenne, sind aber von durchaus weltoffener Art, und auch sonst öfter angenehme Mitbürger, die ihr Leben erfolgreich selber in die Hand nehmen.

  14. @Michael Blume

    .. bei all ihrem wiederholt geäußerten Widerwillen gegen Juden- und Christentum

    Gegen (organisierte) Religionen, nicht gegen Menschen.

    … wundert mich doch, wie leichtfertig Sie zentrale Quellen abtun: Etwa das 2. Buch Mose, das Buch Esther, die Makkabäer-Bücher.

    Dass der Exodus, so wie er in der Bibel beschrieben ist, nie stattgefunden hat, dürfte wohl mittlerweile bekannt sein. Die Frage ist also ob da mehr dran ist, als ein Gründungsmythos ggf. des Nordreichs .. wie es z.B. Israel Finkelstein nahelegt.

    Das Ester Buch ist historisch auch sehr fragwürdig, ergo die Frage WAS wurde da überliefert wurde, stellt sich auch hier.

    Historisch-kritische Exegeten kommen aufgrund der genannten Inkongruenzen mehrheitlich zu folgendem Ergebnis: „Das idealisierte Milieu und die märchenhaften Züge sowie die kunstvolle dichterische Komposition zeigen, dass es sich um eine literarische Fiktion handelt. Einzelne Erzählzüge können auf historischen Motiven beruhen …, insgesamt aber überwiegt die Typisierung.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Buch_Ester#Historizit%C3%A4t

    Viel besser sieht es auch bei den Makkabäer-Büchern nicht aus.

    Außerbiblische Quellen die den Inhalte obige Bücher stützen würden, fehlen in der Regel völlig – oft widersprechen die Bücher auch dem archäologischen Befund.

    Wie soll man da entscheiden können was realer Hintergrund war oder nur Mythos ist?

    • Auch Mythen, lieber @einer, verweisen auf Erfahrungen. Sie müssen einfach nur auch z.B. hebräische Texte mit der gleichen Aufgeschlossenheit interpretieren wie Ihre innig rekonstruierten „Indoarier“ (aka Indogermanen, aka Indoeuropäer). Ganz egal, welche Religionen oder Weltanschauungen Sie gerade lieben oder verachten. 💁‍♂️🇩🇪🌍

      Ihnen beste Grüße! 🖖

      • According to Joseph P. Schultz, modern scholarship, “considers the Maccabean revolt less as an uprising against foreign oppression than as a civil war between the orthodox and reformist parties in the Jewish camp.”

        https://en.wikipedia.org/wiki/Hasmonean_dynasty

        Ich bin mir nicht sicher ob man “Juden behandeln Juden schlecht” als Antisemitismus bezeichnen würde.

        Welche Erfahrungen hinter einem Mythos stehen, ist oft schwer oder gar nicht zu erkennen. Ggf. geht es auch um eine besonders böse Darstellung des vermeintlichen Gegners, z.B. um einen Krieg / Aufstand zu rechtfertigen.
        (man denke da z.B. an den Mythos der Bio-Waffen von Sadam Hussein)

        Darum habe ich ja oft auch Probleme mit “Wahrheiten” aus Mythen, wenn es keine unabhängigen externen Quellen gibt.

        Mit Ariern o.ä. habe ich nichts am Hut.

        • Echt jetzt, @einer – nun wollen Sie allen Ernstes auch noch die Verfolgungen durch die Seleukiden mit einer rückprojezierten, rassistischen Definition von Judentum „entschuldigen“?

          Gerne noch einmal der Hinweis: Der Semitismus ist keine „Rasse“ und ob jemand semitisch oder antisemitisch handelt, hat genau gar nichts mit seiner oder ihrer Genetik zu tun…

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-semiten-keine-rasse-sind/

          Ich hatte eigentlich gehofft, darüber wären wir uns längst einig geworden… 💁‍♂️

          Dass auch Sie in der entsprechenden Gegensetzung nicht mehr von „Indoariern“ sprechen, habe ich ja bereits anerkannt. Das Weiterwirken entsprechender Dualismen nehme ich in unseren Diskussionen noch durchaus wahr, gerade auch in Ihrem letzten Kommentar.

          • Hä? Wo habe ich was von Rasse, Genetik o.ä. geschrieben?
            Auch habe ich NIE von “Indoariern” geschrieben. Die ganze Idee von Urvolk/Urheimat oder Rasse etc. die da mitschwingt ist einfach nur widerlich.

            Ist Antijudaismus und Antisemitismus für Sie dasselbe? Kein Problem für mich, da gehe ich mit.

            Ein Dualismus wie Gut/Böse ist vor allem eine Eigenschaft o. Erfindung bestimmter Religionen – ich halte davon überhaupt nichts.

            Manchmal habe ich das Gefühl, sie verwechseln mich …. oder deuten etwas in meine Texte hinein, was da nicht steht.

          • Nö, lieber @einer, ich denke nur, dass wir uns in Details unterscheiden. Aber eben in wichtigen Details. Wenn Sie hier z.B. triumphierend die Herkunft der Hasmonäer anführen, um Antisemitismus zu bestreiten, dann argumentieren Sie (sicher nicht ganz bewusst) rassistisch. Ich bin wirklich froh, dass Ihnen so ein Lapsus mit Bezug auf die sog. Chasaren-These nicht passieren würde – oder?

            Sie haben viel Herz und Hirn in die Themen investiert und widersprechen hier auch gerne. Gerade deswegen finde ich es wichtig, Ihre Aussagen auch wirklich ernst zu nehmen – auch dort, wo es unangenehmer wird… 💁‍♂️

  15. Guten Tag Herr Blume,

    vielen Dank für diesen guten Beitrag und insbesondere den Verweis auf Roland Baader, dessen Werk ich selber immer als problematisch angesehen habe. Mit Ihrem Punkt, dass das Werk gerade an junge Menschen mit entsprechenden Hintergedanken verteilt wird haben Sie absolut recht (Ich habe selber ein Exemplar es aber nur mal durchgeblättert, weil ich die Thesen ablehne). Vielen Dank, dass Sie explizit auf das Phänomen des libertären Antisemitismus hinweisen, der ansonsten in den Medien leider unterschlagen wird, da man es sich hier aus meiner Sicht recht einfach macht, indem man Personen als rechts einordnet ohne das hier nochmals eine Differenzierung vorgenommen wird, die aber notwendig ist, um die Argumente zu entlarven. Vielen Dank, dass Sie hier auch auf das Phänomen von Crash Propheten hinweisen, was aus meiner Sicht gerade ein deutsches Problem zu sein scheint. Vielleicht ist es auch hilfreich, um Verschwörungstheorien zu begegnen, dass man in der Schule explizit die Themen Finanzmärkte und Geldpolitik behandelt, da dass aus eigener Erfahrung momentan nicht geschieht, wodurch man es später Verschwörungstheoretikern, die Ihre Theorien auf Halbwissen aufbauen und antisemitisch konnotieren einfacher macht.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung und Anregung, @Philipp.

      Tatsächlich stimme ich Ihnen sehr zu, dass fehlendes Wissen um Finanz- und Wirtschaftsthemen ein gefährliches Einfallstor zur „Verschwörungsmythologie des Geldes“ bildet. Meinen gleichnamigen – online leider gekürzten – Beitrag dazu aus „Fehlender Mindestabstand“ gebe ich Ihnen gerne zur Kenntnis:

      https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-04/querdenken-verschwoerer-mythologie-bargeld-antisemitismus-michael-blume

      Insofern teile ich Ihre Forderung ausdrücklich und setze mich im Rahmen meiner Möglichkeiten auch schon dafür ein. Ich hoffe dabei auch auf Gelegenheiten, diesen Konnex – den Sie bereits gefunden haben – breiter öffentlich zu thematisieren.

      Ihnen daher Dank für Ihr Interesse und Zustimmung zu Ihrer m.E. zutreffenden Forderung!

    • @Philipp oh ja Judenfeindschaft gibt es leider von allen Seiten.
      Wenn man gegen diese argumentieren will, muss man auch berücksichtigen, von wo die Feinde oder die Feindschaft kommen.

      Ein Muslime, der Steine auf eine Synagoge wirft, ist vermutlich kein Rechter, aber sicher Antisemit. Ein linker der von “jüdischen Kapitalisten” etc. schwurbelt ist auch nicht rechts, aber ein Antisemit.
      Auch sind christlich/religiös motivierte Antisemiten keine Rechten, aber Antisemiten – gerade die (auch Frei)Kirchen habe da eine gewisse Tradition. (Man denke nur an die Lutherübersetzung der Bibel, die perfiden Juden in der Karfreitagsfürbitte etc.)
      usw.

      Bei Crash-Propheten muss ich irgendwie an die Webseite focus.de denken, die prophezeien quasi täglich den wirtschaftlichen Untergang, so dass es schon lächerlich wirkt. Trotzdem trifft man damit wohl das Zielpublikum … und natürlich wird es irgendwann auch irgendeine Wirtschaftskrise geben, so dass man “das ja schon immer gesagt hat”. Ist das typisch Deutsch? Keine Ahnung .. aber beunruhigend ist das – die Freude am kommenden Untergang / der Apokalypse?

  16. @einer
    Die Ausgrenzungserfahrungen, die sich in Texten wie der Einleitung des Dekalogs, dem kleinen geschichtlichen Credo https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/credo-kleines-geschichtliches/ch/e9baff7eccca1b64eaac5f84278859b1/ finden, lassen sich nicht abstreiten.
    Das Eigenartige der hebräischen Überlieferung ist: sie wurde nicht aus der Perspektive der “Sieger” sondern der “Verlierer” geschrieben. Genau diese Tatsache, die Umkehrung des Sozialdarwinismus, war z.B. Nietzsche ein Dorn im Auge. Es passte ihm nicht, dass die “Sklaven” Geschichte schrieben. Bei Gelegenheit mehr. (Dazu kommt, dass sich die sächsischen Pietisten gerne mit den unterdrückten Israeliten identifizierten, um aus der “gefühlten ” Unterdrückung heraus Privilegien zu beanspruchen. Aber das ist ein anderes Thema)

    • Mit dieser Abhängigkeit von anderen Texten und der vergleichsweisen Spätdatierung ist das kleine geschichtliche Credo prinzipiell kein besonders geeigneter Text, um historisch die zu vermutende Vorgeschichte Israels vor der sog. Landnahme zu rekonstruieren. Historisch ist das Credo eher Zeuge einer (erfüllten?) Hoffnung auf einen neuen Exodus und eine erneute Landnahme bzw. Landgabe in der ausgehenden Exilszeit des 6. Jh.s, verdichtet in den Farben der vorstaatlichen Anfangszeit Israels.

      Von der genannten Seite …

      Als Spielball zwischen den damaligen Großmächten blieb dem kleinen Volk der Juden vermutlich nichts anderes übrig, also sich auch entsprechend zu fühlen.
      Die Frage hier wäre aber … war das judenfeindlich motiviert?

      In einigen Fällen war es eher Vertragsbruch bzw. Rebellion (Assyrien / Sanherib und vermutlich auch schon vorher z.B.) .. als Vasallenstaat sollte man es ich schon überlegen, ob man seine “Schutzmacht” betrügen sollte und mit deren Feinden (Ägypten) zusammenarbeitet. Man hatte halt gehofft, das die Ägypter helfen würden – taten sie aber nicht. Die Schilderungen zu der Strafexpedition Assyriens waren die übliche Methode dieses Reiches damals, d.h. nicht spezifisch geen die Juden.
      Auch der Babylonische Gefangenschaft war die einseitige Aufkündigung des Vasallenverhältnis durch den jüdischen König vorausgegangen. Das eine Strafexpedition folgen würde war zweifelsfrei vorhersehbar.

  17. @Michael Blume

    Wenn Sie hier z.B. triumphierend die Herkunft der Hasmonäer anführen, um Antisemitismus zu bestreiten, dann argumentieren Sie (sicher nicht ganz bewusst) rassistisch.

    Da war nichts triumphierendes. Ich stellte nur fest, dass es für die genannten Mythen in der Bibel keine extrabiblischen Schriften gibt und die Archäologie auch keine Belege liefert.
    Daher halte ich einen Antisemitismusvorwurf an die alten Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser oder Griechen für bisher unbegründet. (Die Bibel fordert bei einer (Mord)Anklage mehrere Zeugen – nicht ohne Grund 😉 )

    Sie meinen ich sollte die Mythen aus der Bibel ähnlich offen auslegen, wie ich das mit jenen aus Sumer oder Babylon täte … nun – ich benutze keine Mythen um historische Gegebenheiten zu begründen – weder sumerische, babylonische, ägyptische oder biblische.
    Das Mythen u.U. reales Geschehen verarbeiten ist klar, aber welche historische Geschehen da nun war, ist oft nicht erkennbar.
    Was steht z.B. an historischer Wahrheit hinter dem Kampf mit mehrköpfigen Drachen, Seeungeheuern oder hinter dem Baum der Erkenntnis im Garten Eden? Oft sind Mythen halt doch nicht viel mehr als Märchen … oder Erklärungsversuche für das Unerklärbare, ohne das da historisch etwas real passiert wäre.

    Ich bin wirklich froh, dass Ihnen so ein Lapsus mit Bezug auf die sog. Chasaren-These nicht passieren würde – oder?

    Ich musste das googlen .. NEIN – das ist ganz sicher nichts für mich.

    • Nun, @einer, selbstverständlich hat hier auch niemand einen „Antisemitismusvorwurf an die (!) alten Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser oder Griechen“ formuliert. Auch im Überzeichnen und Lächerlichmachen überlieferter, jüdischer Erfahrungen üben Sie sich wieder in den üblen Teilen deutscher Traditionen. Selbst wenn Sie von den grundsätzlichen Formen und Funktionen von Mythen wissen, dann entscheiden Sie sich doch in allen genannten Fällen für die maximal anti-semitische Lesart bzw. Dekonstruktion.

      Ich glaube also nicht, dass ich Ihnen in Ihrer negativen Haltung gegenüber dem Semitismus und Judentum noch helfen kann. Sie haben sich da auch mit hoher Intelligenz und Bildung allzu tief eingegraben. Ich schlage daher vor, dass Sie weiterziehen. Für Sie gibt es hier offensichtlich nichts zu Lernen und ich möchte meine Zeit auch nicht länger auf Ihre Abneigungen verwenden.

      Und, nein, Sie sind jetzt nicht das Opfer.

      Ihnen alles Gute!

    • Da war nichts triumphierendes. Ich stellte nur fest, dass es für die genannten Mythen in der Bibel keine extrabiblischen Schriften gibt und die Archäologie auch keine Belege liefert.

      Wenn der Pharao im Exodusbuch fürchtet, von den Hebräern umgevolkt zu werden, weil sie einfach mehr Kinder bekommen als die Ägypter, dann sagt das nichts darüber aus, ob irgend ein historischer Pharao so gedacht hat, geschweige denn, als Gegenmaßnahme jüdische Säuglinge hat umbringen lassen. Um so weniger, wenn es nicht einmal einen Hinweis darauf gibt, daß es Juden in diesem Sinne in Ägypten überhaupt gegeben hat.

      Andererseits bezeugt das aber doch eine antisemitische Erzählung, die hier einem Pharao in den Mund gelegt wird. Wo immer die auch hergenommen wird.

      • @Alubehüteter
        Um so weniger, wenn es nicht einmal einen Hinweis darauf gibt, daß es Juden in diesem Sinne in Ägypten überhaupt gegeben hat.
        Kleine exegetische Beckmesserei 🙂
        – inschriftlich nachgewiesen sind die Hebräer seit ca. 1208 iv.u.Z in Ägypten https://de.wikipedia.org/wiki/Merenptah-Stele
        – in Elefantine waren sie definitiv
        – es ist auch möglich, dass Ägypten Palästina als sein Staatsgebiet beansprucht hat. Mose könnte auch auf dem wadi-al-Arisch ausgesetzt worden sein, das man später mit dem Nil verwechselt hat.

  18. @einer 18.05. 08:31

    „Auch der Babylonische Gefangenschaft war die einseitige Aufkündigung des Vasallenverhältnis durch den jüdischen König vorausgegangen. Das eine Strafexpedition folgen würde war zweifelsfrei vorhersehbar.“

    In der Tat sind die Gewalterfahrungen der Juden im Altertum nichts besonderes gewesen. 1000 Jahre später haben sich z.B. die Sachsen mehrfach gegen die Übernahme des Christentumes gewehrt, letztlich ohne Erfolg. Was das Besondere an den Juden ist, ist dass sie es geschafft haben, ihren Glauben gegen alle Widerstände zu bewahren. Von dem Heidentum des vorchristlichen Sachsen ist fast nichts übrig geblieben.

    Selber Schuld zu sein, dass man verfolgt wird, weil man seinen Glauben nicht aufgibt, ist man wohl eher nicht, finde ich. So sind die Juden auch ein Vorbild für alle, die es mit Religionsfreiheit ernst meinen.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger. Tatsächlich deuten viele Jüdinnen und Juden das – eigentlich auf die Makkabäer aufbauende – Chanukka genau im Sinne Ihres letzten Kommentar-Satzes.

      • Eigentlich war es üblich, daß, wenn einem die eigenen Götter nicht mehr schützen und helfen können, man ihnen auch keine Loyalität mehr schuldet, und die fremden, augenscheinlich mächtigeren übernimmt. Es war ja auch ein Coup der sicherlich in vielem tadelswerten Römer, das nicht einmal zu verlangen. Insofern verwundert es nicht, daß das Heidentum auch bei den Sachsen irgendwann verschwunden ist.

        Das Verwunderliche ist die Interpretation der Juden: Ihre Niederlage bezeuge nicht die Ohnmacht ihres Gottes. Sondern dieser habe das zugelassen, weil die Juden dem Bund ihrerseits zuvor schon untreu geworden seien.

  19. perfide Juden in der Karfreitagsfürbitte

    Kleine Anmerkung: „perfides“ bedeutet im Lateinischen urpsrünglich einfach „treulos“, „wortbrüchig“. Wie wir heute das Wort verwenden, eher in Richtung „hinterhältig“, „verschlagen“, reflektiert also ziemlich genau, wie die Juden aus katholischer Sicht gesehen wurden.

  20. @einer
    ich möchte zwei unterschiedliche Sachverhalte unterscheiden:
    a) die gescheiterte Großmachtspolitik des Kleinstaates Juda zwischen 722 und 594 v.Chr. Nach Ausweis des Buches Jeremia wurde das von den Eliten getragen, gestützt auf die “Zionsideologie”.: “Der Zion ist der Thron des stärksten Gottes, uns kann nichts passieren”. Die drei großen Propheten (1.) Jesaja, Jeremia und Hesekiel warnten davor.
    b) die Diskriminierung des einfachen Volkes und der Musiker (judäische Musiker waren nach ausserbiblischen Quellen ein begehrtes Handelsgut) nach 594.
    Das sprachliche Problem in der Bibel ist: der begriff “Volk des Landes” bezeichnet bei a) den Landadel (gentry) und bei b) das einfache arme Volk. Der Begriff am_Ha_arez ist gesunken.

  21. @Religiöse Nebenwirkungen

    Die Tage habe ich im Fernsehen eine recht radikale Jüdin gesehen, die meinte, man könne auf dem Tempelberg eine neue Synagoge errichten. Das sei doch Gottes Wille, er würde die Juden schon genügend unterstützen.

    Ich hoffe, ich habe das so richtig in Erinnerung. Extrapoliert auf die ganze Situation Israels ergäbe sich die Konsequenz, dass es keine Frage ist, dass Israel mit seiner Politik der Stärke auch weiterhin Erfolg haben muss, weil ja nun Gott dahinter steht. Man bedenkt hier offenbar nicht, dass man die Militärausgaben irgendwann nicht mehr finanzieren könnte. Und die Konfrontation von 9 Mio Israelis mit 300 Mio feindlichen Muslimen in der Nachbarschaft irgendwann in ein anderes militärisches Kräfteverhältnis ausufern könnte.

    Auf der anderen Seite mögen sich entschiedene Muslime denken, dass das ja wohl nicht wahr sein kann, dass man mit 300 : 9 ja wohl irgendwann diese Auseinandersetzung gewinnen müsste, schließlich habe man den richtigen Glauben und die richtige religiöse Einstellung.

    Hier kann man nur hoffen, dass sich die gemäßigten weltoffenen Kräfte durchsetzen.

    Die Palästinenser im Gazastreifen sollen in den letzten Jahre 10.000 Raketen gebaut haben. Ich schätze mal, dass dieses Geld und diese Mühen besser für Entsalzungsanlagen und eine Infrastruktur angelegt gewesen wäre. Man hätte es sich längst im Gazastreifen gemütlicher machen können. Das man sich hier unbedingt ein Potential von Gewalttätigkeiten gegenüber Israel erhalten wollte, erscheint mir allein schon deswegen für unsinnig, weil es militärisch praktisch nichts bringt.

    Wenn sich zwei Kontrahenten bekriegen, weil beide Seiten meinen, eine bevorzugte Beziehung zu Gott zu haben, so ist das schon ziemlich prekär.

    Der Kampf der Sachsen gegen eine Christianisierung konnte wenigstens ein Endergebnis haben: Der katholische Kaiser hat gewonnen, die heidnischen Götter haben versagt, und sind damit erstmal weg von der Bühne.

    Vielleicht ist das ja sogar was fatales an allen monotheistischen Varianten: Der Verlierer in der Auseinandersetzung wechselt nicht den Gott, sondern nur die Konfession, was eben weniger endgültig ist. Und was es erlaubt, den Kampf später wieder aufzunehmen und fortzusetzen.

  22. Ich habe damals Jana aus Kassel verteidigt und werde es immer noch tun.
    Ich bin immer noch der Meinung, dass sie vereindeutigt wurde.
    Und böser interpretiert wurde. Ähnlich missverstanden wurden auch die Schauspieler um #allesdichtmachen, aber auch Sarah Wagenknecht und andere, die plötzlich als Nazi und sonst was ausgelegt wurden.
    Neulich erfuhrt ich von einem schwarzen Philosophen, dem Holocaust-Verharmlosung vorgeworfen wurde. Es ist ein Trend, ein Körnchen aus dem Kontext zu reißen, und ganze Menschen an die Wand zu fahren.
    Jana aus Kassel sagte, sie FÜHLE sich wie Sophie Scholl.
    Am Ende geht es um Gefühle. Das hat nichts mit Geschichtswissen zu tun.
    Und ich zitiere “Deutlich wird: Nur Sophie Scholl war Sophie Scholl. Und nur Du kannst Du sein.” Dass der Instagram-Account jetzt heißt “IchbinSophieScholl” – Wenn ich böse wäre und auch großen Spaß hätte, das Schlimmste in die Digne reinzuinterpretieren, dann meine ich da direkt: Muss man ihr Leben noch einmal nachspielen? Generell anmaßend, die Identität von Sophie Scholl mit “Ich bin” so zu vereinnahmen. Bli bla blub.
    Bei allem, was heute medial abgeht, bin ich der Meinung:
    Wer Böses sehen will, sieht es überall. Und wer einem zum Nachteil was deuten will, wird das auch immer tun.
    Was mich nur stört ist der – kann man es Elitarismus nennen? – dass aus subjektiver Meinung eine Wahrheit generiert wird. Über Jana aus Kassel hieß es nämlich, wie bei #allesdichtmachen(es geht auch ohne NS-Vergleiche) – das kann nur verhöhend gedeutet werden. Das ist doch pupulistisch, wenn andere Deutungsmöglichkeiten ausge-merz-t werden.
    Man muss sich auch in Jana aus Kassel reinversetzen. Es geht um Gefühle. Da ist viel Irrationaltität. Der eine sagt, es ist mutig auf eine Bühne zu gehen. Der andere sagt, das ist lächerlich, das könne jeder.
    Der eine hat Angst vor Spinnen, der andere empfindet das als Verhöhnung gegenüber realer Gefahren wie Terrorismus.

    Was ist heutzutage eigentlich los?

    http://gedichte-texte92.blogspot.com/2020/11/wilde-gedankensammlung-zu-janas-scholl.html

    • Der Versuch, Antisemitismus über gezieltes Doppelsprech zu normalisieren, ist halt alltäglich. Da plakatiert eine rechtsextreme Partei „Israel ist unser Unglück“ und ein Politiker + ehemaliger Geschichtslehrer schwadroniert über das „Ausschwitzen“ politischer Gegner.

      Und wenn es dann zu Gegenwind kommt, geriert man(n) sich selbst als Opfer… Diese Trickfolge ist doch alt. Vielleicht wollen Sie darüber einmal dichten? 💁‍♂️

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