Verschwörungsfragen 30: Theodor Heuss’ Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der Schoah

In dieser Folge haben wir Professor Kuschel gebeten, über die wegweisende Rolle des ersten Bundespräsidenten der damals neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland zu berichten. So beleuchtet er das Wirken von Theodor Heuss, der nicht nur sein neu gegründetes Amt, sondern auch die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland politisch und moralisch formte. Insbesondere Heussens Wehrhaftigkeit gegenüber dem damals schon versuchten Verdrängen, Vergessen und der Bequemlichkeit, nach der sich große Teile der Westdeutschen sehnten, wird von Kuschel thematisiert. Wir blicken damit auf den Beginn des schweren Weges der Aufarbeitung und  aktiven Wiedergutmachung in der Bundespolitik. Professor Kuschel ist Professor für „Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs“ an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Tübingen und stellvertretender Direktor des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung. Zum heutigen Thema hat er das Buch „Antisemitismus und deutsche Demokratie: Theodor Heuss und seine Feldzüge gegen das Vergessen“ verfasst

Wie immer ist der Podcast zum Hören bei podigee erschienen und zudem auf Spotify, Deezer, iTunes und YouTube anhörbar.

Eine pdf-Textversion dieser Verschwörungsfragen-Folge finden Sie per Klick hier.

Und als Fließtext auch im Folgenden. Selbstverständlich freue ich mich wieder über konstruktive Kommentare, die sicher auch Prof. Kuschel zur Kenntnis nehmen wird.

Also, los:

Es fühlt sich ein wenig unwirklich an, Ihnen hiermit bereits die 30. Folge des Podcasts „Verschwörungsfragen“ vorstellen zu dürfen. Die Nachfrage, die Rückmeldungen und auch die weiteren Fragen und Anregungen zu diesem Angebot haben unsere Erwartungen weit übertroffen. Auch Überraschungen bleiben dabei nicht aus: So wird die Folge über den bizarren Adrenochrom-Verschwörungsmythos der QAnon-Bewegung weiterhin viel nachgefragt. Auf dem Podcast – nicht auf YouTube – trendet aber auch die Folge über die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920 – 2015) weit vorne. Wir merken also ein großes, auch historisches Interesse bei unseren Hörerinnen und Hörern, Leserinnen und Lesern. Und so haben wir entschieden, „Verschwörungsfragen“ auch über das Jahr hinaus als Ton und Text weiter zu entwickeln und einen Ort zu schaffen, an dem Geschichte erkundet, Verschwörungsmythen aufgeklärt und Interessierte informiert werden.

Nach der erfolgreichen Episode mit der Erzählforscherin Alexa Waschkau haben wir eine Reihe weiterer Expertinnen und Experten zu uns eingeladen. Heute darf ich Ihnen eine Folge mit dem Theologen Karl-Josef Kuschel vorstellen. Im Ökumenischen Institut Tübingen bei Professor Kuschel hatte ich auch noch selbst Seminare belegen dürfen. Insbesondere seine Bücher über Lessing und Abraham, aber auch seine Arbeiten über Noah in seinem Werk „Juden – Christen – Muslime“ haben mich tief beeindruckt und geprägt. Und so war es mir eine Ehre, ihn bei unserer Tagung über „Gegenmythen“ gegen den Antisemitismus bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart dabei zu haben. Die Videos dieser Beiträge finden Sie auf der Akademieseite. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir aber auch von Prof. Kuschels neuem Buch über den ersten Bundespräsidenten der damals neu gegründeten Bundesrepublik mit dem Titel: „Antisemitismus und deutsche Demokratie: Theodor Heuss und seine Feldzüge gegen das Vergessen“.

Umgehend haben wir Prof. Kuschel gebeten, uns auch hier auf dem Podcast von seinen Entdeckungen zu diesem bedeutenden Liberalen und Baden-Württemberger zu berichten. Und so hören wir ihn nun selbst zu Leben und Wirken von Theodor Heuss (1884 – 1963):

https://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Theodor-Heuss/theodor-heuss-node.html

Professor Kuschel hat das Wort:

Wir leben wieder in Zeiten, in denen sich die „Fratze des Antisemitismus“ neu erhoben hat, wie Bundespräsident Steinmeier neulich formulierte. Da ist es wichtig, sich an den Bundespräsidenten zu erinnern, der die Gründungsurkunde dieses Staates, das Grundgesetz, maßgeblich mitgestaltet hat. In ungezählten Reden hat er, Theodor Heuss, während seiner Amtszeit zwischen 1949 und 1959 öffentlich formuliert, wozu dieses Land – kontaminiert mit dem Gift der brauen Ideologie, traumatisiert vom totalitären Terror und zerrüttet durch einen verlorenen Krieg – gegründet wurde: auf welche politischen und ethischen Werte es sich verpflichtet hat, in welcher Verfassung es sich befindet und bleiben soll, wie es mit seiner jüngsten Vergangenheit umzugehen gedenkt, kurz: woraufhin sich dieses Land in nachfaschistischer Zeit ausrichten soll. „Nie wieder Diktatur“, „Nie wieder Krieg von deutschem Boden aus“ und „Nie wieder Rassismus und Antisemitismus“: Wenn es wahr ist, dass diese drei Sätze ausgesprochen oder unausgesprochen zu den „Gründungsaxiomen“ dieses Landes gehören, dann hat mit anderen Demokraten der Ersten Stunde Theodor Heuss dafür die Richtung gewiesen.

Wer die entsprechenden Reden von Heuss analysiert, erkennt, wie schonungslos er die Voraussetzungen und die Folgen der Nazi-Herrschaft und der braunen Rassenideologie angesprochen hat. Kaum drei Monate im Amt muss der Bundespräsident bereits daran erinnern, dass jetzt immer noch jüdische Friedhöfe in Deutschland geschändet würden. 

Dezember 1949. Solche „Friedhofschändungen“ seien für Deutschland „in seinem Kampf um seine Stellung unter den Nationen eine verlorene Schlacht“, meint er. Nein, ruft er seinen Zuhörern (in Wiesbaden) zu: „Wir dürfen nicht einfach vergessen“! Er sage das selbst auf die Gefahr hin, „in den kommenden Wochen darüber Briefe zu erhalten, anonyme Briefe und auch offene Briefe. Und was ist es, das wir nicht vergessen dürfen? „Wir dürfen nicht vergessen, sagt Heuss, die Nürnberger Gesetze, den Judenstern, die Synagogenbrände, den Abtransport von jüdischen Menschen in die Fremde, in das Unglück, in den Tod. Das sind Tatbestände, die wir nicht vergessen sollen, die wir nicht vergessen dürfen, weil wir es uns nicht bequem machen dürfen.“

“Bequem“ – das ist das Schlüsselwort bei Heuss im Zusammenhang mit „Erinnern“. „Bequem“ können und dürfen sich Deutsche ihr Verhältnis zur jüngsten Geschichte nicht machen. Nur nicht zu rasch dem Mantel der „Versöhnung“ über alles ausbreiten. In fast allen seinen Reden zur NS-Vergangenheit aktiviert Heuss diese Bequemlichkeits-Metapher. Ihm kommt ja auch allerhand zu Gehör aus dem Volk (wie er in seiner Rundfunkrede 1952 durchblicken lässt):

– Der Nationalsozialismus – ein „Stück geschichtlichen Schicksals, wie es eben über die Völker kommt“, schreiben ihm die einen – „So bequem dürfen wir es uns nicht machen.“

– „Vergiss das doch“ alles, Schlussstrich endlich, schreiben ihm andere – „Aber so bequem ist das nun auch nicht für ungezählte Menschen.“

– Oder jüdischen Menschen gegenüber müsse man unverfroren sagen: „Vergesst das doch alles“ – „So billig, das Wort im moralischen und materiellen Sinn, wird Hitlers Hinterlassenschaft nicht beglichen , antwortet Heuss– es ist eine unerhört schwere Aufgabe, durch das Erbe dieser Geschichte sich hindurchzuarbeiten.“

Der Bequemlichkeits- entspricht spiegelbildlich bei Heuss die Tapferkeitsmetaphorik. Es gelte „tapfer zu sein lernen gegenüber der Wahrheit“, kann man ihn zum Beispiel im KZ- Bergen-Belsen und anderswo sagen hören. Er, Heuss ist der erste Bundespräsident, der ein KZ besucht – Bergen-Belsen 1952. Und diese Tapferkeit gilt es vor allem beim „Anschauen“ der Folgen der Rassenlehre zu mobilisieren, meinte er. Denn mit „Rassegesetzen, Ehegesetzen, Gesetzen über Erbkrankheiten“ sei so wörtlich die „Hybris des Menschen“ Geschichte geworden. Keine Spur von Ehrfurcht mehr. Das Ethische? Suspendiert. Der „Kreisarzt mit seiner Unterschrift“? Er ist jetzt „an die Stelle eines göttlichen Schicksals“ getreten. Und die Konsequenz? – so Heuss wörtlich

„Dieser deutsche Mensch begann sich selbst zu erhöhen und ließ es sich gefallen, als der von der Schöpfungsordnung so gestaltete Mensch zu gelten, bis in ihm schließlich Herrschaftsanspruch, Herrschaftsrecht, Herrschaftspflicht gegenüber den anderen Völkern zum sogenannten ‚nordischen’ Selbstbewusstsein wuchs. Deutsch, deutscher, am deutschesten! Der nordische Mensch, Piefke aus Moabit, als Herrenmensch und Held!“

Dazu also war es in Hitler – Deutschland gekommen: zu einer Suspendierung des Ethischen, zur Einbildung eines Herrenmenschentums, zur Anmaßung von Allmacht sogenannten minderwertigen Rassen gegenüber: kurz zu Größenwahn und Hybris. Wie war das möglich, fragt Heuss. Was ist passiert, dass Menschen während der NS-Zeit „ihr Gewissen abgelegt hätten wie gegen eine Garderobengebühr, entsprechend dem Wort des NS-Funktionärs Robert Ley: „Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen heißt Adolf Hitler“, was Heuss sarkastisch so kommentiert: „Das war dessen Pech und wurde unser vaterländisches Unglück, dass der auch kein Gewissen hatte“. Hat nicht alles begonnen, so tastet Heuss sich weiter vor, „als die ersten Exzesse gegen die Juden erfolgten“? Sie hätten vielen Leuten nicht gefallen. „Aber sie haben gesagt: ‚Ist ja bloß ein Jude“. Und dieses ‚Ist ja bloß ein Jude’, das war der Anfang, so Heuss. Von dort an ist die deutsche Seele krank geworden, weil sie im Menschen nicht mehr das Menschliche, die Würde des Menschen sah“.

Die Schoah ist ein „Zivilisationsbruch“ epochalen Ausmaßes, sagen wir heute in der Rückschau von fast 70 Jahren. Schon Heuss hat das klar erkannt und analysiert. Doch was soll die Grundeinstellung der Deutschen zur NS-Zeit und den Verbrechen am jüdischen Volk sein? „Kollektivschuld“? Kommt nicht in Frage. Heuss lehnt diesen Begriff von Anfang an ab. Zugleich aber will er niemanden von der Hypothek entlasten, welche die Verbrechen in deutschem Namen nun einmal darstellen. Heuss will, dass alle sich angesprochen fühlen, nicht nur die wenigen, die direkt kriminelle Schuld auf sich geladen haben. Kurz: Heuss sucht jenseits von Schuldvergessenheit und Kollektivschuld nach einer eigenen Kategorie und findet sie mit dem Wort von der „Kollektivscham“.

Dieses Kunst-Wort ist zweifellos eine der folgenreichsten Wortschöpfungen von Heuss, die bis heute umstritten ist. Aber eine Ent-Schuldigung der wirklich Schuldigen war mit diesem Wort nicht gemeint, schon gar nicht gewollt. Wohl aber eine moralische Betroffenheit gerade auch derjenigen, die persönlich nicht schuldig an den Verbrechen geworden waren. Gerade auch ihnen sollte das Argument genommen werden, nicht gemeint zu sein. Alle Deutschen, ob Täter oder Widerständler, ob Parteigenossen oder Emigranten, alle, die sich zum deutschen Volk zugehörig fühlen, sind, wenn auch in unterschiedlichem Grade und in unterschiedlicher Verantwortung, von den Verbrechen des NS-Staates betroffen, die schließlich im Namen Deutschlands und des deutschen Volkes begangen worden waren. Der Name „Deutschland“ ist durch das braune Gift ein für allemal kontaminiert: das bewusst zu machen, ist Heuss’ Grundanliegen und vor allem die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Die bohrend-selbstkritische Ursachenforschung betrifft auch einen besonders heiklen Punkt. Von Hause aus kein Theologe oder Religionswissenschaftler steht Heuss dennoch klar vor Augen, dass die christlichen Kirchen Jahrhunderte lang eine fatale Enterbungstheologie gegenüber dem Judentum betrieben haben, eine der Wurzeln dafür, warum sich das Verbrechen am jüdischen Volk hinter dem Rücken der Kirche abspielen konnte, mit Bischöfen, Pfarrern, kirchlichen Funktionären und ungezählten Gläubigen als schweigenden Zuschauern. „Die Kirche“ hatte ja auch längst alle biblisch bezeugten Verheißungen an das Bundesvolk Israel auf sich bezogen. Sie ist jetzt alleinige Nutznießerin eines Neuen Bundes, sie allein repräsentiert das neue Volk Gottes, sie allein besitzt jetzt jenes Neue Testament, welches das erste Testament Israels „alt“ und damit überholt aussehen lässt.

Kurz: Indem die Kirche die Synagoge beerbt und überbietet, hatte sie sich an die Stelle Israels gesetzt – mit geschichtlich verhängnisvollen Folgen für das gesamte jüdische Volk. Denn die sogenannte „heilsgeschichtliche“ Auslöschung Israels als einer angeblich von Gott verworfenen und deshalb veralteten und überholten Größe bereitet über die Jahrhunderte auf geistige Weise die dann vollzogene physische Auslöschung vor. Man hatte unter Christen das jüdische Volk geistig schon zu lange für tot erklärt und damit faktisch „vernichtet“, um dann noch bereit zu sein, gegen dessen physische Vertreibung oder Vernichtung öffentlich Einspruch zu erheben oder gar Widerstand zu leisten. Heuss hat klar gesehen, der Jahrhunderte alte kirchliche Antijudaismus hat den Nährboden für einen rassischen Antisemitismus bereitet, der sich im 19. Jahrhundert herauszubilden beginnt und im 20. Jahrhundert tödliche Folgen für das jüdische Volk haben wird.

Versöhnung? Mit dem Massenmord am jüdischen Volk? Theodor Heuss’ Antwort lautet: Es bleibt ein für allemal das Nichtversöhnbare und damit für uns Deutsche damals wie heute die Scham über unsägliche Verbrechen von Deutschen in deutschem Namen. Aber indem wir auch als Nachgeborene ohne alle Verharmlosung und Verdrängung der Wahrheit gegenüber „tapfer zu sein lernen“, wie Heuss formuliert, indem wir politische Konsequenzen für eine an den Menschenrechten orientierte demokratische Kultur in Deutschland gezogen haben, indem wir uns engagieren für einen christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Dialog (und ihn nicht anderen überlassen), gewinnen wir die Glaubwürdigkeit nach innen und außen, dass die drei „Grundaxiome“ dieses Landes von denen ich eingangs gesprochen habe, das diese drei „Gründungsaxiome“ keine leeren Parolen bleiben: „Nie wieder Diktatur“, „Nie wieder Krieg von deutschem Boden aus“, und „Nie wieder Rassismus und Antisemitismus“.

Belege der Zitate, weitere Einzelheiten und größere zeitgeschichtliche Zusammenhänge bei: Karl-Josef Kuschel, Theodor Heuss, die Schoah, das Judentum, Israel. Ein Versuch, Tübingen 2013. Neuausgabe: Antisemitismus und deutsche Demokratie. Theodor Heuss und seine „Feldzüge gegen das Vergessen“, Stuttgart-Ostfildern 2019.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

32 Kommentare

  1. Mir scheint auch,dass wir eine grundsätzlich fundamentale Grunddebatte zur Schuld benötigen.!
    Schuld für die Shoa,Schuld für das Anthropozän,Schuld als Wachstumsmotor,Schulden grundsätzlich, Schuld als Motiv des Handelns,Schuld als emotionales Verständnis unseres Wesens,Schuld als Erbsünde.
    Mir macht es stark den Eindruck,Schuld wird nicht mehr als Sauerstoffschuld,als Energiebilanz zwischen Leben und Tod,als Grundvoraussetzung des Seins wahrgenommen.
    Schuld als ethisch moralische Festsetzung des Miteinander.
    Schuld sind lediglich noch Schulden in einer ökonomischen Bilanz des zerstörerischen Wachstums.
    Es bedarf des Diskurses über Schuld.

  2. Das Ganze wirft etliche Fragen auf. Heuss lehnte zwar den Begriff der „Kollektivschuld“ ab, wohl weil er juristisch nicht tragbar wäre, aber „Kollektivscham“ finde ich in diesem Zusammenhang zu Recht umstritten. Warum sollte man eine „moralische Betroffenheit gerade auch derjenigen, die persönlich nicht schuldig an den Verbrechen geworden waren“ einfordern? Und wieso wird gesagt: „Gerade auch ihnen sollte das Argument genommen werden, nicht gemeint zu sein“? Und „Alle Deutschen, ob Täter oder Widerständler, ob Parteigenossen oder Emigranten, alle, die sich zum deutschen Volk zugehörig fühlen, sind, wenn auch in unterschiedlichem Grade und in unterschiedlicher Verantwortung, von den Verbrechen des NS-Staates betroffen, die schließlich im Namen Deutschlands und des deutschen Volkes begangen worden waren.“ Müssen sich nun auch diejenigen schämen, die Widerstand leisteten oder unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden halfen und sie versteckten? Genauso wie eine „Kollektivschuld“ ist auch eine „Kollektivscham“ abzulehnen, sonst könnte man sich ja auch nicht von der Sippenhaft distanzieren. Zudem wird dadurch das Eingestehen persönlicher Verantwortung erschwert.

    Es mag ja sein, dass die meisten Deutschen hinter Hitler standen, aber was ist mit den Ausnahmen? Dürfen die nun mit den Schuldigen in einen Topf geschmissen werden, nur weil sie Deutsche waren? Welche Vorbilder soll unsere Jugend dann noch haben, wenn es sowieso wurscht ist ob jemand mitmacht oder nicht? Muss unsere Erinnerungskultur die genauen geschichtlichen Gegebenheiten ausblenden, weil es zu anstrengend ist sich damit zu befassen? Werden nicht durch Verkürzung und Vereinfachung von komplexen Wahrheiten die vielen Fake News erst ermöglicht, die uns so aufregen?

    Dazu passt auch, dass unbemerkt von der Öffentlichkeit und wohl nur für Historiker oder Juristen von Interesse das Bundesarchivgesetz geändert wurde. Im Vorfeld und danach gab es dazu zwar hier und hier Kritik, weil zu befürchten ist, dass dadurch Überlieferungslücken entstehen. Vermutlich wird es jedoch all jenen zugutekommen, die sich gerne eine zeitraubende Aktenrecherche ersparen, um Fakten durch Meinungen zu ersetzen ohne dass es groß auffällt. Aus diesem Grund halte ich es auch für falsch Personen aus der Geschichte zu tilgen, die sich gegen ein Unrechtsregime stellten, um eine „Kollektivscham“ zu propagieren.

    “Man kann die Geschichte ergänzen und kommentieren. Aber man kann sich die Geschichte nicht hinbiegen, wie man sie gerne hätte.”
    Stephan Hoppe

    • Tja, @Moni – schon aus biografischen Gründen (geboren 1976) empfinde ich für NS-Verbrechen auch als Deutscher keine Schuld. Aber ich empfinde Scham. Und auch zum Beispiel Willy Brandt kniete stellvertretend für sein Land nieder, obwohl er persönlich gegen das NS-Regime gestanden war.

      Kurz: Hier gebe ich Theodor Heuss schlichtweg Recht. Wie ich mich als Deutscher mit vielem Guten und Erfolgreichen identifiziere, so akzeptiere ich auch die Scham für Untiefen und Verbrechen.

      • Ich würde das sogar noch zuspitzen:
        Wer Stolz auf die Leistungen seiner Nation verspüren will, muss konsequenterweise auch Scham für deren Verfehlungen empfinden. Sich vom Einen zu distanzieren heißt auch, sich vom Anderen zu distanzieren. Eine Ablehnung von Kollektivscham müsste somit Zeichen einer allgemeinen Ablehnung von nationaler Identität sein, wenn sie glaubwürdig sein soll.

      • Als Nachgeborene müsste es uns erlaubt sein, die Vergangenheit wahrheitsgemäß und gegebenenfalls auch kritisch aufzuarbeiten. Laut seiner Biografie stimmte Theodor Heuss als Abgeordneter der liberalen Deutschen Staatspartei am 23. März 1933 für das Ermächtigungsgesetz, welches Hitler zur Macht verhalf. Außerdem revidierte er seine Rede von der „Kollektivscham“ später wieder. Als Bundespräsident vertrat er in einer Ansprache die Ansicht, dass eine Kollektivscham für die Deutschen nicht mehr zu gelten habe, weil das stolze Sterben der Männer des 20. Juli 1944 den Dank der Nation verdiene und die Scham durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt worden wäre.
        Siehe dazu auch: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kollektivscham-fur-lausbubereien

        Wie ich in meinem ersten Kommentar bereits schrieb, sollte man die geschichtlichen Gegebenheiten genauer betrachten. Theodor Heuss hat für die Bundesrepublik sicher viel geleistet, das ist in meinen Augen aber kein Grund „wunde Punkte“ einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Zudem wird über Theodor Heuss immer noch geforscht. So fanden sich in seiner Hinterlassenschaft 10.550 Briefe, die er zwischen seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten und seinem Tod verfasste und von denen 200 für dieses Buch ausgewählt wurden.

        • Vielen Dank, @Mona – genau solche Debatten wünsche ich mir auch hier! 🙂

          Magst Du uns ggf. verraten, woher Deine Einschätzung stammt, Theodor Heuss hätte seine Aussage zur Kollektivscham “revidiert”? Das wäre doch tatsächlich interessant!

          • In meinem obigen Kommentar ist bereits „der Freitag“ verlinkt, der zur Kollektivscham folgendes schrieb: „Keine vier Wochen nach seiner Kollektiv schamrede bezog Heuss in seine erste Silvesteransprache auch die in Landsberg einsitzenden NS-Kriegsverbrecher ein. Und viereinhalb Jahre später begründete der Bundespräsident in seiner Rede “Das Recht zum Widerstand”, warum auch eine Kollektivscham für die Deutschen längst nicht mehr zu gelten brauchte. Bezogen auf die Männer des 20. Juli 1944 erläuterte er, warum ihr “stolzes Sterben” den Dank der Nation verdiene: “Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt.” Weggewischt – die Scham. Hitler allein war der Verbrecher …“
            Der Freitag formulierte das Ganze vielleicht ein bisschen zu drastisch, die Schlussfolgerung ist jedoch durchaus zutreffend. Die Originalrede, samt Zitat am Schluss, findet sich hier. Sie ist eine von insgesamt 775 Reden, die Theodor Heuss hielt.

          • Danke, @Mona. Hier lag jedoch Heuss m.E. auch empirisch schlichtweg falsch: Gesamtgesellschaftlich war „die Scham“ ja keineswegs „weggewischt“, sie überdauerte Generationen. Selbst heute noch treffe ich immer wieder auf Leute, die sich mit Schuldgefühlen plagen (und diese nicht selten auf die damals Verfolgten umlenken). Bei knapp 800 Reden hatte auch ein Heuss nicht immer Recht… 🤷‍♂️✅

          • Das stammt aus einem der Links von Mona.

            Und viereinhalb Jahre später begründete der Bundespräsident in seiner Rede “Das Recht zum Widerstand”, warum auch eine Kollektivscham für die Deutschen längst nicht mehr zu gelten brauchte. Bezogen auf die Männer des 20. Juli 1944 erläuterte er, warum ihr “stolzes Sterben” den Dank der Nation verdiene: “Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt.”

            Weggewischt – die Scham. Hitler allein war der Verbrecher …

            Tja

          • Ich kann mir allerdings vorstellen, dass die Quelle von Mone die Rede nur verkürzt wiedergibt. Leider konnte ich den Wortlaut nicht so schnell finden.

  3. Vielen Dank für diesen Text!
    Eine Bitte und einen Hinweis noch:
    – gibt es diese Rede von Heuß irgendwo zum Nachhören? Für Schülerinnen und Schüler sicher interessant.
    – Th. Heuß war Mitglied einer Burschenschaft. Er wurde von dieser in der Probezeit “als unbrauchbar abgegeben.”

  4. @Vergangenheit und Zukunft

    Schuld und Scham bezieht sich eigentlich auf die Vergangenheit. Hier ist klar, dass Hitler nicht nur Anhänger hatte. Die, die nicht mitgemacht haben oder sogar Widerstand geleistet haben, sind schon mal gar nicht schuldig, und die, die das 3. Reich wirklich begrüßt haben, sind noch mal wesentlich schuldiger als die, die nur aus Angst mitgemacht haben. Eine Mehrheit hat aber offenbar die Machtergreifung möglich gemacht. Von daher kann man sich dafür schämen, was Landsleute bzw. unsere Vorfahren hier angerichtet haben.

    Was allerdings die Zukunft angeht, so denke ich hier nicht an Schuld und Scham, sondern eher an Angst. Dass Menschen wieder so weit absacken, und sich Ähnliches wie das 3. Reich wiederholt. Weniger in Deutschland, dann eher noch in den USA, das ganz aktuell in Gefahr gerät, für ziemlich Viele zum Alptraum zu werden. Man muss Menschen nicht in Konzentrationslagern ermorden, um ihnen ihr Leben zu zerstören. Ein Leben als Obdachloser ohne medizinische Versorgung inmitten einer Kultur von Saus und Braus ist nicht mehr so viel.

    Soll ich mich aktuell für unsere aktiven Rechtsradikalen schämen? Tue ich nicht. Ich habe zwar ein gewisses Nationalselbstverständnis als Deutscher, aber auch ganz wesentlich das Bewusstsein mindestens genauso Weltbürger zu sein. Ich kann mich dann hier aber auch nicht für Putin oder Trump schämen. Was kann ich für meine Mitmenschen? Egal wer das ist. Scham empfinde ich hier nicht. Wenn ich aber im privaten Bereich mit rechtsradikalen Haltungen konfrontiert werde, fühle ich eher Resignation. Bei allem Widerstand, den ich leisten kann.

    Oder auch eine gewisse Trauer um ein Ende der Evidenzbasierten Kommunikation.

    • Lieber @Tobias, da kann ich nur wieder zustimmen, muss Sie aber auch daran erinnern, dass Sie in den hiesigen Podcast-Kommentaren doch eigentlich für die Abteilung “Optimismus & Zuversicht” zuständig sind…🕊🌳👍🌍

  5. Mona,
    das war ein nützlicher Kommentar.
    Schuld oder Scham , besser wäre Schuld und Scham.
    Die deutsche Bevölkerung in der Zeit zwischen 1920 und 1945 war nicht so homogen, wie man glauben könnte. Ein Drittel fühlten sich zu den Nationalen hingezogen, den Rechten, dazu gehört auch der Adel.
    Ein Drittel, das waren die Arbeiter, die Proletarier, die dachten links , die hingen sozialen Forderungen nach.
    Das letzte Drittel, die Unpolitischen, die gab es damals auch noch.

    Die Leute, die gegen Hitler eingestanden sind, die brauchten sich nicht zu schämen und die waren auch nicht schuld an der moralischen und politischen Verwüstung Deutschlands.Ich kenne/kannte selbst noch viele, die Juden versteckt haben und sich dann selbst verstecken mussten.

    Die DDR behauptete sogar, alle Rechten sind in die BRD geflüchtet. Und das DDR-Regime fühlte keine Kriegsschuld.
    Frau Merkel sieht es ja als Staatsraison, dass man Israel unterstützt. Und das ist auch gut so, denn es gibt keine Alternative, Schuldgefühle hin oder her.

    Theodor Heuss war auf jeden Fall ein Glücksgriff, genauso wie es Konrad Adenauer war und später Willy Brandt. Diese Politiker hatte eine moralische Grundlage, der sie sich verpflichtet fühlten.

  6. HWied
    “Die DDR fühlte keine Kriegsschuld…”
    Woher haben sie das ? Vergegenwärtigen sie sich mal was die Russen nach 1945 aus er Ostzone an Reparationen mit genommen haben, also demontiert und requiriert: Betriebe, Eisenbahnschienen, Wismut, Nahrungsmittel ,Intelligenz etc…. Der Osten wurde damals -wiederum-platt gemacht. Wären die USA, GB oder Frankreich ähnlich mit den Westzonen umgegangen, wäre der Lebensstandart dort auch völlig anders gewesen. Die Kriegsschuld war somit für jeden Ostler spürbar, auch mit dem Verbleib von gut vierhunderttausend russischen Soldaten die ja auch durchgefüttert werden mussten. Die Hauptlasten dieses Krieges trug also, wenn sie so wollen, eindeutig der Osten Deutschlands. Die Art der Kriegsschild wurde durch die Führung ideologisch uminterpretiert in dem der Schuldige der deutsche Imperialismus war, der den Faschismus benutzte um Profite zu machen.

  7. Theodor Heuss war als Gesamtpersönlichkeit einer jener Menschen, zu denen man respektvoll aufschauen und von denen man sagen kann: Gäbe es mehr von seiner Art, wäre die Welt wohl eine bessere.
    Schon frühzeitig erkannte er die Gefahren des Nationalsozialismus und schrieb mit “Hitlers Weg” bereits 1932 ein scharfsinnig-analytisches Buch, das die Nazis wohl als eines der ersten auf den Scheiterhaufen warfen. Er schrieb fortschrittliche Artikel in der Zeitschrift “März”, in der auch Kurt Tucholsky später mitwirkte. Mit dem großen Schriftsteller Hermann Hesse, der sich engagiert gegen die Nazis und als Pazifist einsetzte, verband Theodor Heuss eine enge Freundschaft; er verteidigte ihn, als Hermann Hesse – wie nahezu jeder Kritiker des nationalistischen und militaristischen Kaiserreichs – 1915 als “vaterlandsloser Geselle” beschimpft und beleidigt wurde.

    Dass Heuss im März 1933 dem Ermächtigungsgesetz und damit der Abschaffung des Parlamentarismus zustimmte, passt – und da ist @Mona zuzustimmen – wenig zu diesem Bild; doch ist es angesichts der Bedrohungs- und Nötigungsszenarien der Nazis – die inzwischen in Gestalt ihrer mordenden und folternden SA-Schergen berüchtigt – die Parlamentarier auf dem Weg zu dieser Abstimmung umringten und bis in den Reichstag begleiteten – zumindest menschlich verständlich.

    Bewundernswert war jedenfalls dann wieder sein Engagement als erster Bundespräsident gegen das Vergessen – wie im Beitrag von Prof. Kuschel geschildert.

    Was dann wirklich widersprüchlich erscheint, ist allerdings sein Engagement für den SS-Standartenführer Martin Sandberg, der für die Hinrichtung und Erschießung Hunderter Juden, Sinti und Roma und Kommunisten zuständig war.
    https://www.spiegel.de/geschichte/nazi-verbrecher-sandberger-a-948817.html

    Auch hätte er sich wohl als erster Vorsitzender der 1948 gegründeten FDP rigoroser gegen Wahlplakate seiner Partei zur Bundestagswahl 1949 einsetzen können, die schon anno dazumal einen “Schluss mit Entnazifizierung” forderte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schlussstrichdebatte

    Dann wieder größter Respekt für sein Engagement gegen das Deutschlandlied als Nationalhymne, mit dem er leider scheiterte, aber immerhin durchsetzen konnte, dass die großmannssüchtigen Strophen nicht mehr gesungen werden sollten.

    Wir alle sind (nur) Menschen, von denen in der Gesamtschau seiner Biografie Theodor Heuss jedenfalls ein verdienstvoller und bewundernswerter war. Ansonsten gilt wohl für uns alle:
    “Die Tiefen der Menschenseele sind unergründlich, die Wandlungen eines Herzens rätselhaft und unberechenbar.” (Sophie Alberti, Über alles die Pflicht. Roman. Bd. 2, Berlin 1870)

  8. @hwied
    Theodor Heuss hatte noch einen Vorteil: er war ein Genußmensch und lebte das auch ganz unbefangen. Damit war er glaubwürdig, weil seine moralischen Überzeugungen viel unverkrampfter herüberkamen als bei Adenauer oder Brand.

  9. Tipp: Das Haus von Theodor Heuss steht in Stuttgart und kann auch besichtigt werden.

    Querdenker,
    die DDR hatte die Hauptlast der Nachkriegszeit zu tragen , das ist richtig-.
    Die Bevölkerung betrachtete die Russen als Besatzer und nicht als Befreier, das ist auch richtig.
    Auch richtig ist, dass sich Teile der Bevölkerung für den Sozialismus engagierten, die hohe Zahl der Mitarbeiter für die Stasi ist ein Beleg.
    Was jetzt die moralische Seite betrifft, ein Teil der Bevölkerung identifizierte sich nicht mit den Kommunisten, sondern sie floh über Berlin in den Westen.

    Die Zurückgebliebenen, für die waren die Kriegsschuldigen die Nazis, die Rechten, die Kapitalisten, der Klassenfeind eben. Und weil die alle im Westen lebten, brauchte die DDR nach Meinung der Partei keine Auseinandersetzung mit der Kriegsschuldfrage mehr. Ja, die Sowjetunion wurde sogar als Freund hingestellt.
    Anmerkung: Auch in der Bundesrepublik gab es keine Aufarbeitung der Kriegsschuldfrage. Der verlorene Krieg wurde bedauert, die Landser das waren immer noch die Helden, ein Lehrer sagte sogar zu mir , der deutsche Soldat war das Mutigste, was über die Erde marschiert ist.” Oder, ” mit soviel Material ist es keine Kunst den Krieg zu gewinnen”.
    Also, der verlorene Krieg wurde als “Reifenpanne” herunterstilisiert. Die Opfer, die waren nur der Kollateralschaden.

  10. Theodor Heuss war zwar Politiker und als Bundespräsident ein Repräsentant Deutschlands doch was er zum Holocaust und zum Vermächtnis der Nazizeit sagte, war Ausdruck seines eigenen Erlebens, des eigenen Denkens und der eigenen Verarbeitung. Damit waren seine Äusserungen für seine Mitbürger weit mehr ein Denkanstoss als wenn er nur offizielle Positionen wiedergegeben hätte – gerade weil man auch anderer Ansicht sein konnte und man sich als Deutscher die Frage stellen musste, wie man persönlich mit der deutschen Vergangenheit umgehen sollte.

    Darin sehe ich auch einen grossen Unterschied zur Vergangenheitsbewältigung in der DDR (wenn es sie dort überhaupt gegeben hat), denn in der DDR gab es zwar offizielle Positionen zur Vergangenheit, aber kaum Stimmen, die sich damit auseinandersetzten und die zum Denken anregten.

    Und Theodor Heuss war nicht der einzige deutsche Politiker, der zum Umdenken aufrief. Auch der spätere Bundespräsident von Weizsäcker tat das etwa in seiner Rede zum 40. Jahrestag der Kriegsbeendigung in dem er davon sprach, das durch die Alliierten erzwungene Kriegsende sei kein Tag der Niederlage, sondern ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gewesen.

    • Ich schwanke ja – inzwischen wird mir manchmal schon ganz schwindlig davon – in meinen Stimmungen auf einer Skala zwischen düsterem Amüsement und schierer Verzweiflung, wenn ich höre oder lese, wie mir Westdeutsche meine persönlich erlebte Vergangenheit via Ferndiagnose erklären möchten.

      Ja, sorry, ich bin in der DDR aufgewachsen und, nein, wir sind nicht alle “dämliche indoktrinierte Proleten”, die sich nicht mit der Geschichte auseinandergesetzt oder einen eigenen Kopf zum Nachdenken gehabt hätten. Und tatsächlich hat es bei uns – man lese und staune – eine Vergangenheitsbewältigung gegeben.

      Ich bin mit Büchern wie Grete Weiskopfs “Ede und Unku”, mit Anna Seghers` “Das siebte Kreuz”, mit Bruno Apitz` “Nackt unter Wölfen” oder mit Jurek Beckers “Jakob der Lügner” aufgewachsen.
      Die Besichtigung des KZ Buchenwald war bei uns in der 8. Klasse obligatorischer Teil des Geschichtsunterrichts; dort wurden wir von einem ehemaligen Insassen geführt und erfuhren von den schlimmsten Gräueln der Menschheitsgeschichte aus erster Hand.
      Und man mag der DDR vieles berechtigt vorwerfen; aber hier bedurfte es nicht erst eines Zeitraums von 40 Jahren nach Kriegsbeendigung, um die Kapitulation des Hitler-Deutschlands als Tag der Befreiung zu sehen.
      Und, ja, dafür waren wir neben den anderen Alliierten auch der Sowjetunion dankbar, die mit ca. 70 Millionen Toten die meisten Menschenleben durch den 2. Weltkrieg zu beklagen hatte. (In diesem Zusammenhang immer wieder eine Buchempfehlung wert, um zur Abwechslung mal etwas Empathie mit den russischen Menschen zu entwickeln: Paullina Simons “Die Liebenden von Leningrad”. Hier geht es um die von den Deutschen verursachten Grausamkeiten während der Blockade von Leningrad.)
      Und, sorry, noch heute bekenne ich mich offen als russophil, denke dabei allerdings bestimmt nicht an Putin oder Stalin, sondern vielmehr an Anton Tchechow, Lew Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol, Peter Tschaikowski oder Wassily Kandinsky.
      Und, nochmals sorry: Wenn ich die Kommentare zu diesem Podcast lese (dies gilt besonders für diejenigen zu den Folgen über Adolf Hitler, Adrenochrom, Burschenschaften oder BLM, beschleicht mich das eine oder andere Mal das ungute Gefühl, dass Höcke nicht der einzige westdeutsche Geschichtslehrer seiner Art war.

        • Danke, @Micha Blume; der unerwartete Zuspruch war mir wichtig, hatte ich mich doch mental schon aus dem Forum verabschiedet, das mir doch eigentlich inzwischen irgendwie an’s Herz gewachsen ist. Auch wenn es anstrengend ist, sollte der Kampf gegen das Vorurteil, von dem wir wissen, dass es als Startschuss via Hetze und Hass zu noch viel Schlimmerem führen kann, niemals aufgegeben werden.

          “Am allergefährlichsten ist es, sich eine Vorstellung von einem Land oder einem Menschen zu bilden, den man ungenügend kennt, und dann alles aus dem vorskizzierten Schema erklären zu wollen.”(Ilja Ehrenburg, Menschen, Jahre, Leben, Bd. 3, Berlin 1978, S. 268).

          Auch Einstein warnte irgendwo (ich finde die Quelle gerade nicht📚👀) vor dem (metaphysischen) “gesunden Menschenverstand” als Ergebnis einer schlichten Anhäufung von Vorurteilen. Der von jedem kausalen Hinterfragen und der Suche nach interdisziplinären Zusammenhängen befreite “gesunde Menschenverstand” führt ja zu den von Ihnen mit Recht immer wieder kritisierten linearen und dualistischen Erklärungsansätzen und damit letztlich zu antiwissenschaftlichen Phänomenen wie etwa jenem einer Vorstellung der Erde als Scheibe. Daher wird wohl der “gesunde Menschenverstand” von Rechtspopulisten gerne als demagogischer Kampfbegriff gegen Wissenschaft und Ratio benutzt, um den Menschen nach dem Mund zu reden, den Verstand zu übertölpeln und einfache Lösungsmöglichkeiten für komplexe Probleme vorzugaukeln. Die Einsicht jedes Einzelnen von uns in die komplizierte Struktur der Welt ist nun einmal beschränkt. Deswegen müssen wir uns auf die Expertise der Wissenschaftler verlassen und die unmittelbaren Erfahrungen anderer Menschen in anderen Umfeldern doch wenigstens zur Kenntnis nehmen und dürfen diese allenfalls, wie man in meinem Beruf so schön sagt, mit “Nichtwissen bestreiten”.
          Ein auf bloßen Ressentiments beruhendes Besserwissen ist hingegen alles andere als zielführend und sogar gefährlich. Wichtig und obligatorisch ist es m.E., sich zu erkundigen und so viele wie nur irgend zugängliche Wissensquellen zu erschließen, dann – und erst dann – meinetwegen sein persönliches “gesundes Bauchgefühl” in angemessener Dosierung hinzuzufügen, um sich schließlich ein wirklich kompetentes, eigenes Urteil bilden zu können.
          Es ist nicht immer leicht, auch mir gelingt es nicht immer, den “inneren Schweinehund” der Bequemlichkeit zu überwinden, aber ich bin mir doch wenigstens der Notwendigkeit eines solchen Prozesses bewusst. (In meinem Nachruf steht dann wahrscheinlich mal der biografisch nachsichtige [arbeitsrechtlich jedoch etwa in Zeugnissen alles andere als wohlmeinende] Satz : ” Sie hat sich bemüht.”🤣😏😶 –
          Jetzt hab ich aber auch wieder weit ausgeholt ….🙈

          • @Sandy

            “Am allergefährlichsten ist es, sich eine Vorstellung von einem Land oder einem Menschen zu bilden, den man ungenügend kennt, und dann alles aus dem vorskizzierten Schema erklären zu wollen.”

            Das sehe ich auch so! Mit Ihrem reflexhaften Angriff gegen Westdeutsche lagen Sie übrigens falsch, weil Herr Holzherr Schweizer ist. Und bevor man in die falsche Schublade greift, sollte man daran denken, dass es auch in Westdeutschland unterschiedliche Individuen mit unterschiedlichen Ansichten gibt. Eine Diskussion sollte auf Argumenten beruhen und nicht auf Pauschalurteilen.
            Zudem gibt es inzwischen genügend Forschungen, die sich mit der unterschiedlichen Vergangenheitsbewältigung der beiden deutschen Staaten befassen.

          • Auch Einstein warnte irgendwo (ich finde die Quelle gerade nicht📚👀) vor dem (metaphysischen) “gesunden Menschenverstand” als Ergebnis einer schlichten Anhäufung von Vorurteilen.

            Es ist natürlich die Frage, ob Einstein dies allgemein oder im Kontext “seiner Theorie” gesagt hat. Im Kontext der physikalischen Theorie hat er bestimmt recht. Wie das englische Wort “common sense” ausdrückt, ist es wohl ein System von Ansichten, die weit verbreitet sind. . Daher greift dieser Begriff auch gut, denn wenn es nur “individuelle Vorurteile” wären, kann man sich schwer darauf berufen.

            Zum Thema “Gesunder Menschenverstand” und Politik fällt mir noch eine These von Rudi Dutschke vor 40 Jahren ein:

            “common sense” ist Macht

            Dies ist sicherlich in dem Sinne interessant, weil es bedeutet, daß mit “gesundem Menschenverstand” auch bestehende Verhältnisse als “nicht änderbar” dargestellt werden. Amn könnte auch dazu alternativlos sagen.

            Gruß
            Rudi Knoth

  11. Waren sie nicht angetan davon, Herr Blume, das es in der Serie Stargate SG1 einen “umgeklehrten Verschwöhrungsmythois” über Juden gibt, die … eben als die Guten dargestellt werden.?
    Da dachte ich, sie nehmen sich der Geschichte an, stattdessen hören sie auf mit dem rühren in den Abgründen der Welten-Wahrnehmungen in der Popkuklturen.

    • Lieber @demolog,

      Danke – tatsächlich wünsche ich mir sehr Zeiten, in denen ich wieder mehr Zeit für Fernsehserien wie “Stargate” hätte. Ich hoffe, eines Tages wird auch dies wieder möglich sein. Auf dem Podcast bringe ich bewusst einen Mix aus verschiedenen Themen, gerade heute wird z.B. eine Folge über Antisemitismus in der MENA-Region, konkret im Iran und in Marokko erscheinen.

      Mit Dank für Ihr Verständnis und herzlichen Grüßen!

      • Also, 10 Staffeln mal eben so durchzuschauen und dann auf dem Laufenden zu sein, funktioniert sowieso nicht. Weswegen sie auf “Berater” angewiesen sind.

        Und eigendlich wäre es wegen der Aktualität auch sinnvoll, das Abraham-Abkommen anzusprechen, oder?

        Oder die neue Serie “Moloch” auf Arte?

        Aber Moloch hat ja, laut Historie, nichts mit Juden zu tun. Obwohl sie alle Semiten sind (waren). Ausserdem wird die Historie nicht recht dargestellt, weil es sich um “spontane Entzündungen” handelt, die darin vorkommen.

        Aber die historische Brutalität und das Meme werden wohl auch Auswirkungen auf die Rezeption der Semiten haben, falls sich die Rezipienten mal mit der Historie befassen (wozu eigendlich wenig Gefahr besteht, weil das bei allen anderen popkulturellen Mythen in Film und Fernsehen praktisch auch nicht geschieht, sodass man davon etwas direkt mitbekommen würde.

      • Ach und die Frage der Metallvergiftungen ist gar nicht so absurd – siehe hier etwa:

        https://www.youtube.com/watch?v=ZQ–scjcAZ4

        Are Negative Ions Good For You?
        2.254.010 Aufrufe
        •06.02.2019
        Veritasium
        7,73 Mio. Abonnenten

        Ob diese Studien, die er da in die Kamera hält, zu sehr auf spezielle Eigenschaften und Auswirkungen begrenzt waren, ist zu befürchten (es geht dann eben nicht um neurologische Grundkonstellationen, sondern um gute Laune/schlechte Laune, Depressionen oder manische Wirkungen…).
        Aber die Grundfunktionen dürften damit gedeutet werden können.

        Und angesichts dessen, das man den Tunguska-Vorfall als emission von unmengen Metallionen deuten kann, und daraufhin etwasd geschah, das man heute noch nicht fassen kann (2 Weltkriege und weitere brutale katastrophen in der Welt), müsste man annehmen, das diese Ionen, die dort freigesetzt wurden, eben zu schlechteLaune führten.

        Aber das Problem ist nicht unbedingt an der Ladung selbst dingfest zu machen, sondern das überhaupt zu viele davon in der Atmosphäre waren, sodass die Gehirnfunktionen auf ungünstige Weise in einen Ausnahmezsustand versetzt wurden – bei allen Menschen auf der Nordhalbkugel, aber vor allem in Europa, wegen der Richtung der Woilke aus Sibirien in den höheren Atmosphärenschichten.
        Gorbatschov nannte das dann eine “Massenpsychose” (wie in einer Doku über den Tschernobyl-Unfall erklärt).

        Leugnen können sie das sicher nicht. Ignorieren vielleicht. Aber das ist kaum sachlich und redlich.

  12. Danke, @Mona, aber ich habe hier, nachdem ich schon ‘ne Menge eben dieser Pauschalvorurteile gegen die gesamte DDR und damit gegen alle dort Gebliebenen (noch krassere finden sich v.a. in den Kommentaren zur Folge, die sich mit den Burschenschaften auseinandersetzt) insgesamt geduldig geschluckt habe, irgendwann auch mal die Geduld verloren.
    Und – dies ist das ent- und unterscheidende Detail – ersichtlich habe ich nur einzelne Westdeutsche gemeint und angesprochen, nicht etwa die gesamte Bundesrepublik “in den Grenzen bis 1990” bzw. ihre Menschen at all.
    Dass es auch viele differenziert Sehende und Denkende aus den Altbundesländern gibt, ist mir bewusst. Ich selbst habe 10 Jahre dort gelebt und zähle viele davon zu meinen Freunden und Bekannten. Umgekehrt gibt es auch bei Ostdeutschen viele ebenso hartnäckige wie unmögliche Vorurteile gegen Westdeutsche.

    Ich schreibe die Kommentare meist auf dem Smartphone, da sieht man nicht, ob sie dann eingerückt erscheinen oder nicht; der Kommentar war dann wohl nicht ganz glücklich platziert, noch besser hätte er linksbündig oder – wie gesagt – in die Folge “Burschenschaften” gepasst.
    Aber dort war wohl gerade noch Platz für das berühmte Tröpfchen; das Fass ist dann erst hier übergelaufen.

    Wichtig ist es wohl nach wie vor, dass sich beide Seiten zuhören. Zuhören setzt allerdings erst einmal ein Interesse am jeweils anderen voraus. Und da die Vereinigung nicht wirklich auf Augenhöhe stattfand, der Osten also so werden sollte, wie der Westen schon war, die Übernahme sinnvoller ostdeutscher Regelungen bis auf einen kläglichen grünen Pfeil an der Straßenverkehrsampel nicht einmal im Ansatz vorgesehen war, führte dies zu mangelndem Selbtbewusstsein auf der einen und zu teilweise herabschauendem Desinteresse auf der anderen Seite. Und noch im Jahre 30 nach der Einheit sind gerade einmal 4 von 133 Abteilungsleiterposten in Bundesministerien mit Ostdeutschen besetzt, und dies, obwohl Art. 36 GG fordert, dass oberste Bundesbehörden ihre Stellen in angemessenem Länderverhältnis besetzen müssen. Nicht einmal ganz 2% der Führungsposten in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Verwaltung werden von Ostdeutschen besetzt. Proportional zum Bevölkerungsanteil müssten es zehnmal mehr sein. Obwohl die Ostdeutschen länger arbeiten, sind Löhne und Gehälter noch immer ca. 20 % niedriger.
    Und schließlich sagt es doch auch viel über das gegenseitige Interesse aus, dass laut einer Umfrage der ARD 2% der befragten Ostdeutschen noch nie privat in die alten Bundesländer gereist sind, es bei den Westdeutschen hingegen 17 % sind – das ist immerhin jede/r Sechste, der noch nie in den ostdeutschen Bundesländern war.🙁
    Hier ist also noch viel zu tun – aus beiden Himmelsrichtungen.

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