Verschwörungsfragen 28: Hannah und der Beginn der jüdischen Mystik

Nach einem DLF-Interview mit Dr. Christian Röther zu “Verschwörungsmythen” kamen bei mir mehrere Fragen an – seit wann es denn eine “jüdische Mystik” gebe? Viele hatten noch gelernt oder gehört, dass das Judentum bis ins Mittelalter eine “Gesetzesreligion” und “ohne Spiritualität” sei. Daher hier gerne eine Verschwörungsfragen-Folge zur Religionsgeschichte der jüdischen Mystik, die bereits im 1. Jahrtausend vor Christus nachweisbar ist. Zum Beispiel auch in der biblischen, eindrucksvollen Geschichte von Hannah im Tempel von Schilo. 

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Wie immer ist die Podcast-Folge auf Podigee, Deezer, Spotify, ApplePodcast sowie YouTube zu finden sowie nachfolgend als Transkript als PDF abrufbar oder unterstehend als Fließtext:

Zum 04.08. gab ich dem Deutschlandfunk ein Interview unter dem Titel „Das Böse in uns selbst“. Darin thematisierte der Interviewer Dr. Christian Röther, dass ich in meinem Buch „Verschwörungsmythen“ zur Überwindung des dualistischen Freund-Feind-Denkens vor etwa 2000 Jahren auch die jüdische Mystik thematisiert habe. Seitdem haben sich viele Hörerinnen und Hörer mit teils interessierten, teilweise aber auch aggressiven Rückfragen gemeldet. Eine „jüdische Mystik“ vor 2.000 Jahren – könne das denn sein?

Viele haben noch gelernt, dass das Judentum zur Zeit Jesu eine erstarrte „Gesetzesreligion“ gewesen sei. Die jüdische Kabbala sei erst im Mittelalter entstanden und führte zum heute wieder aufstrebenden, antisemitisch gefärbten Begriff der angeblich verschwörerischen „Kabale“. Auch deswegen bemühten sich bedeutende Gelehrte wie Martin Buber (1878 – 1965) die spätere, jüdisch-mystische Traditionen des Chassidismus bekannter zu machen.

Und immerhin: Wie in Folge 13 gezeigt, gelang Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 auch durch den Rückgriff auf Kabbala und Chassidismus die bedeutendste Rede der Bonner Republik. Und auch der James-Bond-Film „Die Another Day – Stirb an einem anderen Tag“ wurde von einem kabbalistisch inspirierten Song und Videoclip der nicht zum Judentum konvertierten Madonna begleitet.

Andererseits aber behaupteten auch in unseren Tagen noch bedeutende Theologen wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller in einem Dogmatik-Lehrbuch, nur der JudeJesus habe Gott als „Abba – Vater“ anreden können, denn es sei – Zitat – „dem alttestamentlichen Beter verwehrt, Gott einfach als seinen Vater für sich zuvereinnahmen.“ – Zitat Ende (S. 282) –

Das ist schlichtweg religionshistorisch falsch: Die jüdische Mystik insgesamt ist weit über 2000 Jahre alt und es sind neben dem Markus-Evangelium zahlreiche weitere jüdische Schriften jener Jahrhunderte bekannt, in den Gott als „Abba“ angesprochen wird. Der Irrtum ist aber auch gefährlich, weil hinter ihm der alte, platonische Verschwörungsmythos durchschimmert, nach dem die Menschheit in einer Höhle von bösen Gauklern gefangen gehalten sei und auf ihren letzten Befreier warte. Wie in Folge 2 gezeigt, wurden „die Juden“ dabei zunehmend selbst mit den vermeintlichen Täuschern identifiziert. Entsprechend bestritten – und bestreiten – Antisemiten, dass Jüdinnen und Juden zu echter Liebesmystik fähig wären.

Doch auch aus der Hirnforschung wissen wir inzwischen, dass Spiritualität – das Aufweichen der Ich-Umwelt- Abgrenzungen – genauso universell ist wie Religiosität, dem Glauben an überempirische Akteure, an übermenschliche Wesen. Diese beiden Erfahrungsdimensionen werden in ganz unterschiedlichen Gehirnregionen bearbeitet und können auch unabhängig voneinander auftreten: Es gibt tatsächlich völlig nicht- spirituelle Formen der Religiosität wie umgekehrt auch spirituelle Traditionen, die jeden Bezug auf höhere Wesen ablehnen.

Auch werden die religiösen und spirituellen Bedürfnisse unterschiedlich getriggert: Religiosität wird vor allem dann aktiviert, wenn Menschen existentielle Unsicherheit erfahren und nach Verbündeten suchen. Spirituelle Erfahrungen sind dagegen seltener, aber eben auch stabiler. In dauerhaft sicheren und wohlhabenden Gesellschaften wie Deutschland, Österreich, die Schweiz oder Irland sinkt daher die Nachfrage nach religiösen Angeboten rapide, wogegen neue Angebote vonSpiritualität, gerne als „Mystik“, gefragt sind.

Im historischen Normalfall kommt es also in religiös- spirituellen Traditionen zu Spannungen zwischen strenger legalistischen und den stärker spirituellen Traditionen, zum Beispiel zwischen Traditionalisten und Sufis im Islam. Neben der freigelassenen Sklavin Rabia von Basra (717 – 801), die vielen als Begründerin des Sufismus gilt, ist hier auch Al-Halladsch (857 – 922) zu nennen, der für seine mystischen Lehren schließlich angeklagt und hingerichtet wurde. Sein Hilferuf „Leute, rettet mich vor Gott!“ darf uns zugleich als Erinnerung dienen, dassintensive, spirituelle Erfahrungen durchaus auch mit Ängsten verbunden sein können.

Auch im Christentum gab es immer wieder Spannungen zwischen Dogmatik und Mystik. Pater Antonio Sagardoy nannte eine Biografie über die christliche Mystikerin Teresa von Avila (1515 – 1582) nach einem Zitat von ihr treffend „Trotzdem liebe ich die Kirche“. Denn Teresa wurde von der spanischen Inquisition bis über ihren Todhinaus verdächtigt, da sie auch Frauen „stille Gebete“ des Herzens zugestand – die also von Männern nicht kontrolliert werden konnten – und weil ihr Großvater aus dem Judentum konvertiert war. Immerhin: 1970 wurde Teresa von Avila von Papst Paul VI. (1879 – 1978) als erste Frau überhaupt zur Kirchenlehrerin erhoben.

Viele Menschen glauben, dass Spiritualität und Mystik sozusagen die „bessere“ Religiosität oder gar das „Herz“ aller Religionen bilden würden. Allerdings können auch spirituelle Erfahrungen beängstigend oder gar psychotisch werden, wurden und werden Lehrer-Schüler-Verhältnisse auch immer wieder finanziell, psychisch und sexuell ausgebeutet.

Bewusst begann ich daher „Verschwörungsmythen“ mit der Vorstellung von zwei sehr spirituellen Gemeinschaften, die ihre Mitglieder schließlich aber über Verschwörungserzählungen in den kollektiven Suizid trieben: Die US-amerikanische UFO-Glaubensgruppe „Heaven’s Gate“ und der schweizerisch-kanadische„Sonnentempler“-Orden. Auch die Fackelmärsche, esoterischen Rituale samt der Totenkopf- und Schwarze- Sonne-Symbolik unter Nationalsozialisten verweisen auf eine dunkle Seite auch der Mystik.

Inken Prohl zeigte schließlich auch für Japan auf, wie noch am Ende des 20. Jahrhunderts eine Gruppe erfolgreicher, auch in der Selbstbezeichnung „spiritueller Intellektueller“ über shintoistische Naturmystik nicht- japanische Kulturen und Religionen, aber auch zum Beispiel Homosexualität abwertete, ja ausgrenzte.

Spiritualität ist ebenso wie Religiosität, Denken, Musikalität und Sprachfähigkeit nicht einfach „gut“ oder „böse“, sondern Teil der menschlichen Natur, die durchKultur völlig unterschiedlich verwirklicht werden kann. Es empfiehlt sich also auch hier, bei Bewertungen Fairness und Vernunft walten und sich vor allem von niemandem den Dialog mit Andersdenkenden verbieten zu lassen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Religiosität und Spiritualität besteht in der Wirkung auf Vergemeinschaftungen: Während religiöse Menschen zum Aufbau von Gemeinschaften mit potentiell auch großen Familien neigen, neigen spirituelle Aktive häufiger – nicht immer – zum Rückzug und zur Innenschau.

So kennt der Buddhismus die Unterscheidung zwischen den Pratyekabuddhas, den „Einzel-Erwachten“, die die Erlösung nur für sich gefunden haben und dem Gautama Buddha, der auch andere Wesen zu erlösen trachtete. Entsprechend habe er das Dharma-Rad der Lehre in Gang gesetzt, eine spirituelle und religiöse Tradition gestiftet.

In der jüdischen Auslegung finden wir einen ganz ähnlichen Kontrast zwischen Noah und Abraham. Noah sei zwar ein „Gerechter“ und unbedingt gehorsam gegenüber Gott gewesen, habe aber nur sich und seine engste Familie gerettet. Abraham sei dagegen Aktivist gewesen, habe Gott auch widersprochen und mit ihm um menschliche Leben gerungen. Noah sei ein „Zaddik im Pelz“ gewesen, der sich selbst gewärmt habe, Abraham aber habe ein Feuer entzündet, aus dem die semitischen Religionen erwuchsen.

Entsprechend markiere der Noahbund des Regenbogens sozusagen das moralische Minimum für alle Menschen, um „Anteil an der kommenden Welt“ zu erlangen – es dürfe, ja solle aber auch gerne überboten werden.

Nach all dem wäre es also religionswissenschaftlich außerordentlich seltsam gewesen, wenn sich nur im Judentum keine Spiritualität und also keine Mystik entfaltet hätte.

Und das war und ist selbstverständlich auch überhaupt nicht der Fall. Karl Grözinger unterscheidet im „Handbuch Jüdische Studien“ sieben „wesentliche Paradigmen oder Lehrsysteme“ der jüdischen Mystik (S. 195), von denen zwei bereits im ersten Jahrtausend vor Christus entfaltet wurden.

So finden wir auch in der Bibel bereits dramatische Berichte über Gottesschauen wie den Merkava- Thronwagen des Ezekiel, der die Prozessionswagen anderer Kulturen überbietet, aber bis heute von UFO- Gläubigen als Alien-Raumschiff gelesen wird. Wir finden Engels- und Himmelsreisen, ekstatische – und nicht selten wegen ihrer Kritik an Kulten und Herrschern verfolgte – Propheten, mystisch verzückte Sänger, Dichter und Könige. Und sogar der Name „Jisrael“ selbst wird dem Stammvater Jakob von Gott nach einem mystischen Ringkampf verliehen.

Tatsächlich ist die riesige Fülle spiritueller Schilderungen nur zu verstehen, wenn mit Daniel Boyarin ernstgenommen wird, dass es in dieser Zeit noch gar kein Judentum als einheitliche Religion gab, sondern eine Vielzahl von ethnisch und sprachlich verbundenen Tempeln, Kulten, Traditionen, Propheten und Herrschaftsgebieten. Erst die Schriftgelehrten sammelten und bearbeiteten das enorme schriftliche und mündliche Material und konnten so nach der Zerstörung von Jerusalem und des Zweiten Tempels um 70 nach Christus das heutige, rabbinische Judentum begründen. Hier eben finden wir schon die wegweisende Leistung der jüdischen Mystik: Das Viele, sogar das Widersprüchliche unter dem Aspekt des Einen zu sehen, zu erfahren und zu deuten.

So hatten, zitiere ich Rabbi Lord Jonathan Sacks, die frühen Rabbiner zerstörerische Traditionen des Dualismus überwunden, die nicht nur Nichtjuden, sondern auch andere Juden dem Satan zugerechnet und damit Hass, Gewalt und schließlich Untergang mitherbeigeführt hatten.

Als beispielhaft möchte ich die jüdische Mystikerin Hannah vorstellen, die wir zu Beginn des biblischen Buches Samuel kennenlernen. Sie besucht noch einen –später zerstörten – Tempel in Schilo, um Gott um Kinder zu bitten.

Der anwesende Priester hält sie zunächst für „betrunken“, denn sie spricht innere, stille Gebete – also genau das, wofür Teresa von Avila noch Jahrtausende später verfolgt werden wird. Hannahs spirituelle Gottesbeziehung trägt Früchte, sie wird mehrfache Mutter und ihr Erstgeborener wird ebenjener Prophet Samuel.

Hannahs Name wird nicht nur in allen semitischen Religionen beliebt, ihr Danklied wird auch zur Grundlage des christlich-marianischen „Magnificat“ zur Geburt des Juden Jesus und ihre Formulierung von den „Säulen der Erde“ noch im 20. Jahrhundert zum internationalen und interkulturellen Bestseller-Titel von Ken Follett.

Die jüdisch-rabbinische Mystik, aus deren Kontext auch das Christentum erwächst, führt alle Phänomene auf Gott zurück und verwirft den dualistischen Glauben an einen Satan als Gegen-Gott. Dieser könne vielmehr nur das tun, was ihm Gott und Menschen in ihrer jeweiligen Freiheit zugeständen.

Die eigene Identität wird damit bewahrt, das Fremde aber nicht mehr als das vermeintlich Teuflische verworfen. Die gesamte Schöpfung und alle Menschen sind nun von Gott gewollt und die Engel werden zum Beispiel zurechtgewiesen, als sie über das Ertrinken der Armee des Pharaos jubeln. Der Noahbund wird für die gesamte Menschheit bekräftigt, der Beitritt zum Judentum ermöglicht, aber auch Nichtjuden, die die Thora studieren, neben den Hohepriester gestellt. Auch die Wissenschaft wird über Religionsgrenzen hinweg geehrt: So benennt der bedeutende, jüdisch-rabbinische „Schulchan Aruch“ im 16. Jahrhundert sogar eine eigene, womöglich viel ältere Dank- und Segensformel für Begegnungen mit bedeutenden, nicht-jüdischen Gelehrten.

Mit all dem wird die letztlich rassistische Lehre zurückgewiesen, nach der Menschen in eine bestimmte Ethnie oder Familie hineingeboren werden müssten, um zur höchsten Wahrheit zu gelangen.

Während viele Religionen Andersglaubenden & „Niedrig- kastigen“ dazu den Weg der „höheren“ Wiedergeburt in einem späteren Leben zugestehen, verweist das Judentum nicht auf Blut, sondern auf Bildung.

Über Maimonides (1135 – 1204) und Meister Eckhart (1260 – 1328) wird nicht nur diese Idee, sondern auch dieser biblische Begriff zum vielleicht bedeutendsten Wort der deutschen Sprache.

In Abgrenzung auch zur platonischen Mystik, die eine Höhlenwelt der Täuschung und die Erkenntnis der Wahrheit durch einen gewaltsamen Befreier verkündet, betont schon die talmudisch-mystische Geschichte vom „Pardes“ die Bedeutung von Ruhe und Gelehrsamkeit: Mystiker sollen sich erst im wahren Leben friedlich bewähren, studieren und eine Familie gründen, bevor sie die höchsten, spirituellen Schauen und Erfahrungen anstreben. Von Instant-Erlösung per Führerkult, per Bestellung, per Droge oder neuerdings per „Gotteshelm“ wird von den meisten Weisen abgeraten.

Nach der jüdischen Mystik nimmt schließlich auch die biblisch durchtränkte, schwäbische Kultur die augenzwinkernde Empfehlung auf, bis zum 40. Lebensjahr ein Haus zu bauen, ein Kind zu haben und einen Baum zu pflanzen. Das deutsche Grundgesetz zieht die gleiche Grenze für die Wahl zum Bundespräsidenten.

Dualistische Verschwörungsmythen werden in den Hauptströmungen der jüdischen Mystik nach der Zerstörung Jerusalems konsequent abgelehnt, Kinder gelten als Hoffnungsschritte in eine hellere Zukunft und es wird die Würde und Pflicht jedes Einzelnen betont, sich selbst religiöse und spirituelle Lehrer auswählen zu dürfen.

Auch der Dialog mit den spirituellen, religiösen und wissenschaftlichen Traditionen der jeweiligen Umgebung reißt trotz allen Antisemitismus nie ganz ab und entfaltet sich ab dem 18. Jahrhundert in neuer, inzwischen globaler Dynamik.

Die mystisch-monistische Gesamtschau auf alle Phänomene verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere Welt und Zukunft bedeuten eben nicht, dass alles zum Gleichen relativiert wird. Es führt vielmehr im Tiefsten zum Prinzip von Verantwortung – Ver-Antwort-ung –, nach dem der Eine an jeden Menschen Fragen stellt.

Ob wir diese hören und durch Tätigkeit beantworten führt zum Verständnis von innerer Freiheit. Auch das Denken und Philosophieren könne daher hörend oder taub, gut oder böse sein, sogar gute oder böse Engel hervorbringen. Wir springen also zu kurz, wenn wir den Dualisten, die Antisemitin nur als Nichtdenkende, als„Covidiotin“ oder ähnliches verhöhnen.

Selbstverständlich bleibt auch die jüdische Mystik nicht uniform und enthält bis heute neben Schätzen der Weisheit auch jede Menge Geschichten des Scheiterns. Oft sind beide Aspekte sogar miteinander verbunden.

Der Holocaust-Überlebende, Friedensnobelpreisträger, Talmud- und Chassidismus-Gelehrte Elie Wiesel (1928 – 2016) sah genau darin sogar das Geheimnis der semitisch-biblischen Religiosität und Spiritualität in immer neuer „Arbeit am Mythos“. Zitat: „Man lese diese Quellen und lese sie abermals, und man wird von ihrer Tiefgründigkeit bezaubert. Man wird unter jedem Antlitz ein anderes Antlitz entdecken, unter jeder Geschichte eine andere Geschichte.“ – Zitat Ende (S. 13) –

Entsprechend dazu nahm auch Martin Buber die Erzählung eines ungenannten Rabbi in das Vorwort seiner „Erzählungen der Chassidim“ auf. Und da man dieMacht der Geschichten und Mythen auch in der Mystik kaum besser beschreiben kann, möchte ich diese Folge damit auch beenden.

Der Rabbi habe laut Buber erzählt, Zitat:

„Mein Großvater war lahm. Einmal bat man ihn, eine Geschichte von seinem Lehrer zu erzählen. Da erzählte er, wie der heilige Baalschem beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Mein Großvater stand und erzählte, und die Erzählung riß ihn so hin, daß er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie der Meister es gemacht hatte.

Von der Stunde an war er geheilt.
So soll man Geschichten erzählen.“ – Zitat Ende –

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

Quellen:

Buber, Martin (1949 / 1992): Die Erzählungen der Chassidim. Manesse (12. Auflage)

Wiesel, Noah (1994): Noah oder Ein neuer Anfang. Biblische Portraits. Herder

Prohl, Inken (2000): Die ‚spirituellen Intellektuellen‘ und das New Age in Japan. OAG Hamburg

Steinsaltz, Adin (2011): Die Dreizehblättrige Rose. Von den Geheimnissen der Kabbala und ihrer Bedeutung für unser Leben. Crotona

Vaas, Rüdiger & Blume, Michael (2013): Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität. Hirzel

Bucher, Anton (2014): Psychologie der Spiritualität. Beltz

Sagardoy, P. Antonio (2014): Teresa von Avila. Trotzdem liebe ich die Kirche. Styria Premium

Sacks, Jonathan (2015): Not in God’s Name. Confronting Religious Violence. Hodder & Stoughton

Müller, Gerhard (2016): Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. Herder

Schimmel, Annemarie (2017): Halladsch – Oh Leute, rettet mich vor Gott. Chalice

Von Braun, Christina & Brumlik, Micha (Hrsg.) (2018): Handbuch Jüdische Studien. utb

Darin insbesondere:
Grözinger, Karl (2018): Jüdische Mystik. (S. 191 – 210)

Boyarin, Daniel (2018): Gab es in der griechisch- römischen Epoche ein ‚Judentum‘?

Klapheck, Elisa (2018): Die rabbinische Literatur. (S. 81 – 98)

Reck, Norbert (2020): Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums. Grünewald

Neumann, Daniel (2020): Abraham – Kämpfer für Gerechtigkeit. Jüdische Allgemeine vom 13.08.2020, abrufbar unter: https://www.juedische- allgemeine.de/religion/kaempfer-fuer-gerechtigkeit/

Blume, Michael (2020): Verschwörungsmythen. Patmos

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

29 Kommentare

  1. @Michael Blume Hauptartikel

    „Doch auch aus der Hirnforschung wissen wir inzwischen, dass Spiritualität – das Aufweichen der Ich-Umwelt- Abgrenzungen – genauso universell ist wie Religiosität, dem Glauben an überempirische Akteure, an übermenschliche Wesen. Diese beiden Erfahrungsdimensionen werden in ganz unterschiedlichen Gehirnregionen bearbeitet und können auch unabhängig voneinander auftreten: Es gibt tatsächlich völlig nicht- spirituelle Formen der Religiosität wie umgekehrt auch spirituelle Traditionen, die jeden Bezug auf höhere Wesen ablehnen.“

    Das finde ich ja ganz interessant. Ich mag auch gerne Spiritualität, kann aber mit Göttern, Geistern und Dämonen nichts anfangen. Ich stell mir auch eine im ganzen Universum wirksame kosmische Geisteswelt vor, aber auf keinen Fall so was ähnliches wie wir es als Personen mit menschlichen Gedanken und Empfindungen sind. Noch weniger kann ich mit Religionsgemeinschaften anfangen, und entsprechend schon gar keine religiös begründeten Verhaltensregeln.

    Mit der irdischen Justiz bin ich eher im Überfluss schon ganz gut bedient, hier ist ja vor allem die konkrete soziologische und politische Erfahrung für maßgeblich. Von der alten religiös motivierten Gerichtsbarkeit des Mittelalters sind ja „Gott sei Dank“ nur noch Reste von übrig.

  2. Sie betonen sehr stark die Bedeutung des Judentums für die Mystik- die Rolle der Averroisten und den arabisch-mystischen Einfluss auf Meister Eckard haben Sie unterschlagen. Da gibt es eine schöne Arbeit von Kurt Flasch dazu.
    Im Studium hatte ich die Gelegenheit, bei Peter Heidrich https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Heidrich
    und Friedrich Niewöhner zu hören.
    Von ihnen habe ich Zurückhaltung gegenüber al_Halladsch gelernt. Es sei nicht klar, ob al_Halladsch mit seinem Ausspruch ” Anā al-ḥaqq” “Ich bin die Wahrheit”, nicht eher ein religiöser Fanatiker sei, der seine Überzeugung absolut setzte.
    Neben Rabia von Basra sollte noch Maisun al-qaliba erwähnt werden;
    Neben Rabia

    • Lieben Dank für Ihre Ergänzungen und Anfragen, @j. Verstehe ich Sie also richtig, dass Sie auf dem Podcast zukünftig noch mehr zu Mystik und den Wechselwirkungen der semitischen Religionen und Philosophien hören bzw. lesen wollen?

  3. Sehr gerne,@Michael Blume.
    Denn das ganze Mittelmeer ist doch ein Kessel kochender Ideen.
    Wichtig ist aktuell auch die Abgrenzung der Mystik von der Esoterik.
    Im Schwäbischen hat dann auf einmal der Pietismus Bezüge zur Anthroposophie (Stichwort Theosophie), in Teinach stehen pietistisch-kabbalistische Tafeln.

  4. Das komplexe Thema einer geistigen Welt jenseits der materiellen Welt wird mit den Begriffen Spiritualität und Religion gut erfasst.
    Das Wort „Spirit“ = Geist weist schon in die richtige Richtung, weg von der Materie, weg vom Intellekt, hin zu Gefühl , hin zu den Sinnfragen.
    Religion geht noch einen Schritt weiter, indem die Sinnfragen, wer hat die Welt erschaffen, wer bin ich beantwortet werden.

    Es ist eine Frage des Anspruchs, ob man bei der Spiritualität verharrt und sich mit der Einheit von Ich und Natur zufrieden gibt.
    Wer aber durch Schicksalschläge getroffen , zu Gott betet und von ihm eine Antwort erhält, der denkt anders über Religion . Für den ist Gott existent.
    Und da Gott der Gott aller Menschen ist, sind die Religionen nur eine menschliche Ausgestaltung des „Großen Geistes“ der die Welt erschaffen hat , der im Hintergrund die Fäden hält.

    Was jetzt die Gesetzestreue der Juden betrifft, Jesus hat ja nur den Mangel an Nächstenliebe angeprangert, er hat nicht die Gesetze angeprangert.
    Und dass sich Gesetzestreue nicht mit Spiritualität verträgt, das stimmt nicht. Die jüdischen Gesänge, die oft in unserer evangelischen Kirche gespielt werden, die sind für mich ein Ausdruck an Lebensfreude, die schon in richtung Ekstase geht.
    Tipp: Gehen Sie(alle) öfters in den Gottesdienst. Aber Vorsicht, „wer Gott zu nahe kommt, der wird von ihm gefangen“. Ich glaube dieser Ausspruch stammt von Augustinus.

  5. Auch mich als nicht religiösen Menschen berühren jüdische Gesänge immer wieder auf unerklärliche Weise zutiefst. Damit meine ich nicht nur die fröhliche, sondern auch die melancholische, förmlich das Herz zerreißende Klezmermusik.

    Nun habe ich mich ja schon als Bewunderin des jüdischen Prager Schriftstellers Franz Kafka geoutet und möchte, wenn es um jüdische Mystik geht, aus seiner letzten, 1924 kurz vor Kafkas Tuberkulosetod beendeten Erzählung: “Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse” zitieren – einer Erzählung, die immer wieder in (kritisch-reflektierende) Verbindung mit dem sagenhaften “Golem” gebracht wird, einer Art “Homunculus”, den der Prager Rabbi Löw aus Lehm erschaffen haben soll, und der die über Jahrhunderte verfolgten Juden schützen und vor Verdächtigungen, Verleumdungen und Bedrohungen bewahren und letztlich retten sollte.

    Nun hatte ja Kafka ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Judentum. Besonders dessen rituelle Praktiken bezeichnete er einmal als die Umsetzung “krassen Aberglauben(s)”, den er noch dazu – v.a. von Bezugspersonen wie seinem Vater – als geheuchelt wahrnahm.
    Und doch suchte Kafka, besonders intensiv, nachdem er mit der Diagnose Tuberkulose konfrontiert war, nach einem Halt im Judentum, lernte hebräisch und schmiedete – im Wissen, diese im Angesicht des nahenden Todes nicht mehr umsetzen zu können – Pläne, mit seiner letzten Liebe (Dora Diamant) nach Palästina auszuwandern.
    Es ist das Schwanken Franz Kafkas zwischen Zu- und Abneigung, zwischen rationaler wissenschaftlicher Erkenntnis einerseits und dem Suchen nach einem Halt in Situationen eines trotz bestem Willen unbeeinflussbaren Kontrollverlustes andererseits, das mich ihm so nahe bringt und mich jedes Jahr erneut wie ein Magnet nach Prag zieht.
    Es ist die Ahnung, dass Religiosität womöglich nur ein frommer, irrationaler Wunsch sein könnte. Es ist aber auch ein unbestimmtes Festhalten an einem ebenso unbestimmten Glauben, der doch auch viel Gutes zu bewirken in der Lage sein kann.

    Und jetzt endlich das Zitat:

    “Josefine ist nämlich der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk beschütze. Aus schlimmer politischer und wirtschaftlicher Lage rettet uns angeblich ihr Gesang, nichts weniger als das bringt er zuwege, und wenn er das Unglück nicht vertreibt, so gibt er uns wenigstens die Kraft, es zu ertragen. (…)

    Freilich, sie rettet uns nicht und gibt uns keine Kräfte, es ist leicht, sich als Retter dieses Volkes aufzuspielen, das leidensgewohnt, sich nicht schonend, schnell in Entschlüssen, den Tod wohl kennend, nur dem Anscheine nach ängstlich in der Atmosphäre von Tollkühnkeit, in der es ständig lebt, und überdies ebenso fruchtbar wie wagemutig – es ist leicht, sage ich, sich nachträglich als Retter dieses Volkes aufzuspielen, das sich noch immer irgendwie selbst gerettet hat, sei es auch unter Opfern, über die der Geschichtsforscher – im allgemeinen vernachlässigen wir Geschichtsforschung gänzlich – vor Schrecken erstarrt.
    Und doch ist es wahr, daß wir gerade in Notlagen noch besser als sonst auf Josefines Stimme horchen. Die Drohungen, die über uns stehen, machen uns stiller, bescheidener, für Josefines Befehlshaberei gefügiger; gern kommen wir zusammen, gern drängen wir uns aneinander (…)”.
    Franz Kafka, Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten”, hier: “Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, München 2006, S. 39 f.

    Und auch immer wieder frappierend: Kafkas Fähigkeit zu prophezeien (ohne die Schoah selbst noch erleben zu müssen).

    • Vielen Dank für diese schöne Würdigung von Prag und Kafka, @Sandy! Solche konstruktiven, ergänzenden Beiträge sind für den Blog und die ihn Lesenden ein echter Gewinn. Daher Dank von Herzen!

    • @Sandy oh Ja – Kafkas Text haben quasi eine völlig eigene Mystik und sind der Realität manchmal so erschreckend / unerwartet nah.

      • Ja, Franz Kafka hatte “seine eigene persönliche Mystik, er konnte nicht gebrauchsfertige Ritualien von anderen übernehmen”. (Max Brod, Über Franz Kafka, Frankfurt 1980, S. 137).
        Kafka drückte sich in nahezu all seinen Werken symbolisch und gleichnishaft aus; seine Texte sind durchdrungen von Alpträumen, handelnd von geheimnisvollen, anonymen, zerstörerischen Mächten und der menschlichen Ohnmacht diesen gegenüber. Eine Mystik, die sich späterhin auf’s Schlimmste realisieren sollte. Dies brachte ihm die Kreation des Adjektives “kafkaesk” ein.

        Aber er war auch – und dies wird immer wieder verkannt – ebenso humorvoll wie lebensbejahend und er hatte auch wunderschöne, lyrische Visionen.

        Hier meine Lieblingstextstelle aus seinen Tagebüchern:

        “Träume sind angekommen, flußaufwärts sind sie gekommen, auf einer Leiter steigen sie die Quaimauer hinauf. Man bleibt stehen, unterhält sich mit ihnen, sie wissen mancherlei, nur, woher sie kommen, wissen sie nicht… Warum hebt ihr die Arme, statt uns in sie zu schließen?”
        (Franz Kafka, zitiert nach Max Brod, a.a.O., S. 169).

        An wen die Frage gerichtet ist, ob an die Träume oder den sich mit ihnen unterhaltenden Menschen, darf dann jeder für sich selbst entscheiden.
        Ich verstehe es als Aufforderung: Lasst Euch von Euren Träumen umarmen (möglichst mehrheitlich von den schönen) und umarmt sie wieder!
        Dies und der von Kafka angeregte Glaube an das Unzerstörbare in sich selbst; dies ist meine ganz persönliche Religion.📚

  6. Ich finde das Thema Mystik auf der einen Seite sehr faszinierend auf der anderen Seite aber auch ziemlich gruselig.

    Gruselig deshalb, weil ich glaube, dass es recht schnell “schief gehen“ kann. Ich bin in charismatischen/pfingstlerischen Kirchen aufgewachsen. Auf der einen Seite kann ich die Faszination verstehen, sich statt einem “verkopften“ Glauben auf die emotionalen und mystischen Aspekte einzulassen. Auf der anderen Seite ist man dann sehr schnell in einer gruseligen Welt in der man ständig gegen Dämonen und den Teufel kämpfen muss.

    Ich hab inzwischen auch ein paar Bücher über “Reptiloide“ gelesen. Nachdem ich die Vorstellung am Anfang einfach nur schräg fand, verstehe ich inzwischen eher den Sinn dahinter: aus einer Mischung aus Esoterik und Science-Fiction wird eine Art säkularer Mystik konstruiert, bei der die antiken Götter insb. der Ägypter und Sumerer durch repitiloide Außerirdische und deren Vermischung mit Menschen erklärt werden.

    Ähnlich den Vorstellungen mit denen ich aufgewachsen bin scheint mir das auf ein recht ungemütliches Weltbild hinauszulaufen.

    Bisher habe ich mich nur wenig mit jüdischer Mystik beschäftigt. Allerdings was ich davon mitbekommen habe (z.B. durch moderne chassidische Musik, einige Bücher) ist, dass es irgendwie nicht so düster ist, sondern eher freundlich.

    Ich habe z.B. ein Buch aus dem Umfeld der Zohar gelesen (Midrash HaNelam =der verborgene Midrash). Besonders in Erinnerung ist mir, dass darin die Geschichte von Abraham, Sarah und deren Kindern als Seele (=Abraham),Körper (=Sarah) und bösem Trieb (=Lot) interpretiert wurden. In der nächsten Generation (Isaak, Rebekka und Laban) wird deren Weiterentwicklung gesehen.

    Es gibt dabei nicht “das Böse“ als eigenständige Macht, sonderen es ist Teil des Menschen (böser Trieb), der durchaus auch seinen Sinn hat. Überhaupt liegt der Fokus viel mehr darauf uns Menschen und unser Verhältnis zu “dem da oben“ zu erklären.

    Ich weiß nicht recht, wie ich das in Worte fassen soll, aber es ist eher ein freundliche Welt, die zwar auch nicht einfach ist, aber in der es Hoffnung gibt …

    • Ja, @Bärbel M – die dunklen Seiten und Gefahren auch der Spiritualität werden noch immer zu oft ausgeblendet. Auch in der jüdischen Mystik gab & gibt es Ausreißer, doch im Großen und Ganzen wurde sie in die Gemeinden integriert und auf einen optimistischen Monotheismus festgelegt.

      Bundespräsident Richard von Weizsäcker gelang es in der berühmtesten Rede der Bonner Republik, deutsche Zukunft und jüdische Mystik wegweisend zu verknüpfen:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-13-tag-der-befreiung-und-die-juedische-mystik-zur-grossen-rede-von-richard-von-weizsaecker/

      Vielen Dank für Ihr kritisch-konstruktives Interesse!

    • @Bärbel M.

      Bei allem Respekt, aber die von Ihnen erwähnten Bücher sind keine wissenschaftliche Literatur, sondern schlechte Fantasy. Wenn Sie sich ernsthaft mit dem Thema befassen möchten, dann wäre das Buch “Jüdische und islamische Mystik“ von Paul B. Fenton empfehlenswert. Hier ein kleiner Einblick:
      https://de.qantara.de/inhalt/juedische-und-islamische-mystik-auf-dem-sufi-pfad-in-juedischem-gewand

      Falls Ihnen jedoch ein christlicher Mystiker mehr zusagt, dann sollten Sie Meister Eckhart lesen. Interessanterweise wird er heutzutage „interreligiös“ wahrgenommen. Auf der unten verlinkten Seite werden nach der Einführung verschiedene Vorträge präsentiert, die zeigen, dass sich seine Spiritualität und seine Mystik auch in anderen Religionen wiederfinden lässt:
      http://www.meister-eckhart-gesellschaft.de/muenchen14.htm

    • Mystik kann schön/romantisch sein aber auch der reinste Horror.
      Gerade auch wenn die Mystik quasi als Argument benutzt wird, landet man schnell bei Dämonen / Exorzismus etc.

      Das mit den Reptiloiden ist völlig daneben, weder die Ägypter noch die Sumerer hatten ähnliches. Was es dort gab waren Mischwesen .. wie z.B. wir es auch als geflügelten Löwen (Markuslöwe) etc. kennen. Das waren mystische Gestalten von “himmlischen” Wesen … aber keine realen Lebewesen. Es waren quasi Symbole – lebendig nur in einer religiösen Fantasiewelt.
      Außerirdische braucht es als Erklärung weder für die Sumerer noch für die Ägypter.

      Der “böse Trieb” im Judentum ist ein Erklärungsversuch, warum es Böses gibt, wenn doch nach der Schöpfung “alles gut war”. Im Christentum hat man das dann als Ursünde verschärft, wo quasi alle Menschen schon als Sünder (=böse) geboren werden. So gesehen ist die jüdische Sicht sicherlich viel weniger düster.

  7. @Bärbel M 07.09. 18:54

    „Auf der anderen Seite ist man dann sehr schnell in einer gruseligen Welt in der man ständig gegen Dämonen und den Teufel kämpfen muss.“

    In der Tat ist sowas mindestens anstrengend. Daher hab ich mir überlegt, wie man die Einzelbevölkerungen der Geisteswelten loswerden kann: Wenn man ein Weiterleben nach dem Tod aufgibt, hätte man dann schon mal die ganzen Seelen der Verstorbenen nicht mehr um die Ohren. Ich stell mir das also so vor, dass es einfach keinen Sinn macht, nach dem Tod weiter zu existieren.

    Ich betrachte meine Seele als eine Synthese meines lokalem Gehirns mit dem Kosmischem Geist, die sich nach dem Tod im Kosmischem Geist wieder auflöst, wo sie auch hergekommen ist. Meine Seele als Mensch und Säugetier ist über das beteiligte Gehirn ziemlich stark auf die biologischen Anforderungen zugerichtet, die mit dem Tod alle wegfallen. Diese ins Jenseits mitzunehmen wäre einfach unsinnig, denke ich.

    Als Mensch konzentriere ich mich dann ganz auf dieses eine Leben, inmitten von Menschen, und von den vielfältigen Geschöpfen dieses Planeten, und dies alles Mitten im im Grunde auch geistigen Kosmos.

    Übrig bleiben jetzt nur noch eventuell streitende Götter. An die glaube ich nun auch nicht.

    Ich stell mir das so vor, dass der kosmische Geist eben kosmische Scalen hat, und eher wie ein riesiges Internet mit unvorstellbaren Massen an Rechenzentren arbeitet. Hier sind einzelne PCs – analog zu einzelnen Menschenseelen – eben unwesentlich. Weltteilnehmer eben, wie @webbaer sich gerne ausdrückt, nicht Weltbetreiber. Die kosmischen Geisteswelten sind einfach nur unpersönlich, für uns nicht vorstellbar. Streitigkeiten vermute ich hier nicht, nur interne Zielkonflikte.

    Aber hilfreich dürfen sie sein. Vernünftige Aktionen unsererseits dürfen auf geistige Unterstützung hoffen. Zumal ich vermute, dass die Geisteswelten durchaus funktional fester Bestandteil unseres Bewusstseins in unserer subjektiven Erlebniswelt sind. Und damit ist auch schon klar, dass sich die Geisteswelten für unser Leben entscheidend engagieren.

    Wenn hier irgendwas böse ist, dann sind meistens wir das.

  8. In den verschiedenen Kulturen in denen das Judentum entstanden ist, durchdrang Mystik quasi den Alltag der Menschen. (falls ich den Begriff Mystik richtig verstehe)
    Auch sind die biblischen Texte mit Anspielungen auf einige diese mystischen Dinge aus jenen Kulturen durchdrungen (die Glorie der Heiligen, Ezechiels Streitwagen uvm.). Ferner finden man auch mystische Geschichten in der Bibel, man denke nur an Moses auf dem Berg, Abraham und sein Sohn etc.

    Ergo die ganze Bibel ist voll mit Mystik, wie soll man den Juden da jegliche Mystik vor dem Mittelalter absprechen können?
    Und wozu? Und ist eine Religion ohne jegliche Mystik überhaupt vorstellbar?

  9. Zu Mona
    “Interreligiös”
    Der Wesenskern dieses “Nichts”, was hier Ausdruck dieses Zen-Buddhismus bzw. Christentums(Eckhard ) sein soll, ist doch bereits im Brahman festgelegt. Das “Nichts” als höchstes Selbst, was sich nur in der Erfahrung manifestiert, ist eine Art Geisteszustand der Freiheit von Leiden verspricht in dem durch die Erfahrung des Gewahrseins alle Gedanken/Gefühle(also das Ego) gegenstandslos wird, also alle Ursachen des Leidens. “Interreligiös ” wird dieses, da Religionen wahrscheinlich aus diesem Grund entstanden, also als Mittel gegen LEID an und für sich. ZEN bezieht sich auf Buddhismus und dieser auf den Hinduismus und dieser hat keine Schöpfungsgeschichten sondern ist zeitloses Verweilen im NICHTS , im Brahman. “Mystiker “aus verschiedenen Kulturen haben damals -vor über 2000 Jahren- diesen “Glauben ” aufgegriffen und in ihre Form von Gottes Vorstellungen hineininterpretiert bzw. eigene Schöpfungsgeschichten geschaffen. Dieses NICHTS ist also etwas, was man in der Kontemplation/Meditation als Nicht-Erfahrung erfahren kann, was Heilung des Geistes verspricht.

  10. @Mona
    Anstatt mit dem schwierigen Eckard anzufangen, rate ich eher zu Tauler, Teerstegen oder der Theologie deutsch des Frankfurters.
    Auch lesenswert sind: Silesius oder Spee von Langenfeld.
    Mit allen kann man gut in die Mystik einsteigen.
    Für Schwaben durchaus empfehlenswert: Hegel. Auch Oettinger ist spannend.
    Ein Unikat, sehr schwer zu lesen, aber spannend, weil er zeigt, dass man auch ohne akademisches Studium ein bedeutender Mystiker sein kann: Jakob Böhme aus Görlitz.

  11. @Einer 08.09. 09:39

    „Da sind wir ganz nahe beieinander, nur das ich auch noch den “kosmischen Geist weglasse”

    Den kosmischen Geist mag ich dann aber doch sehr. Den brauche ich schon. Als Inspiration, als Unterstützung in schwierigen Lebenslagen, und als Möglichkeit mein eigenes Bewusstsein als mehr als nur eine Hirnfunktion zu verstehen auch. Das zusammen gibt dem Leben dann doch noch ganz andere Perspektiven.

    Und als Erklärung für die Herkunft der speziellen lebensfreundlichen Naturgesetze taugt der kosmische Geist auch ganz gut, hier wird er dann auch richtig kosmisch. Zusammen mit den Erkenntnissen der Wissenschaft kann ich dann auch die ganze Welt als ein riesiges Kunstwerk begreifen, das es zu erkunden gibt. Wenn es dann auch noch durch und durch lebendig ist, umso grandioser.

  12. @all

    Ich möchte hier einen interessanten Aufsatz verlinken, der sich mit „Mystik als Gegenstand nichttheologischer Wissenschaften“ befasst. Und sowohl auf die positiven Aspekte von spirituellen Übungen, wie Meditation, eingeht als auch auf negative Aspekte, die durch außergewöhnliche Bewusstseinszustände entstehen, die nicht verarbeitet werden können:
    https://www.theol.uni-kiel.de/de/professuren/pt-bobert/team/bobert/publikationen/dateien-publikationen-bobert/fs-meckenstock

  13. @Mona 09.09. 19:26

    Sehr interessanter Link von Ihnen, hier nochmal:

    https://www.theol.uni-kiel.de/de/professuren/pt-bobert/team/bobert/publikationen/dateien-publikationen-bobert/fs-meckenstock

    „Inzwischen sind von Psychologen weitere differenzierte Modelle entwickelt worden, die den Menschen nicht nur als offen für mystische Erfahrungen verstehen, sondern die davon ausgehen, dass der Mensch erst im mystischen Erleben sein wahres Wesen realisiert…

    …Nach Assagioli müsse Freuds Entwurf einer „Tiefenpsychologie“ um eine „Höhenpsychologie“ ergänzt werden, um nicht nur die animalische Natur, sondern das eigentliche Wesen des Menschen in den Blick zu bekommen…

    …Es ist eine unerschöpfliche Quelle von Liebe, Kreativität, Weisheit, Freude, Erfüllung und Sinn, Freiheit, Verantwortung, Verbundenheit und Teilhabe.“

    Mein eigener Ansatz, dass das lokale menschliche Bewusstsein aus einer Synthese des lokalen Gehirns mit dem kosmischem Geist hervorgeht, schließt dieses offenbar ein. Ich sehe dieses allerdings unaufgeregter, als eine grundlegende Natur der Seele, die man auch dann hat, wenn man da nichts von weiß. Eine Ahnung davon wirkt sich aber klar positiv aus, so auch meine Beobachtung.

    „…Stufe 6, das „absolute Bewusstsein“, ist in der christlichen mystischen Tradition faktisch mit Gott gleichzusetzen…

    Hier habe ich schon Bedenken, der kosmische Geist selbst ist für Menschen dann doch zu viel, meine ich. Bleiben wir vorerst lieber auf der Erde.

    „..Mit Johannes vom Kreuz und der Erfahrung anderer Mystiker kann davon ausgegangen werden, dass auch die Gotteinung eines irdischen Menschen nie an ihr Ende gelangt.“

    Wie weit will man denn hinaus? Mensch bleiben, und nur Menschenmögliches machen, ist doch schon ganz gut. Damit kommen wir doch hin, das reicht doch. Ich will mir hier keinen unnötigen Stress damit und keine unnötige Profession daraus machen.

    • @Tobias Jeckenburger

      Ja, christliche Mystiker, wie Johannes vom Kreuz, gingen davon aus, dass die „Gotteinung eines irdischen Menschen nie an ihr Ende gelangt“. Dazu muss man aber auch in einem bestimmten Glaubenssystem gefangen sein, denn anders funktioniert eine dermaßen starke Hingabe an die Gottheit nicht. Zudem kamen diese Menschen dabei oft an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit.
      Im Gegensatz dazu scheinen spirituelle Systeme ohne Gott, wie der Buddhismus, weniger Probleme zu bereiten. Zitat aus dem verlinkten Text: „Aus dem buddhistischen Kontext bewähren sich Verfahren zur achtsamen, nicht wertenden Körperwahrnehmung. „Die achtsame und wohlwollende Wahrnehmung des eigenen Leibes ist für viele Menschen eine neue Erfahrung, wenn sie mit Meditation beginnen. Chronische Verspannungen im Körper aufzuspüren und sich mit auftauchenden Schmerzen auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verdrängen oder mit Medikamenten abzudämpfen, ist keine leichte Aufgabe – zeigt aber deutlich positive Wirkungen. …“
      Sie schrieben zum Schluss: „Wie weit will man denn hinaus? Mensch bleiben, und nur Menschenmögliches machen, ist doch schon ganz gut. Damit kommen wir doch hin, das reicht doch. Ich will mir hier keinen unnötigen Stress damit und keine unnötige Profession daraus machen.“ Ich denke, die Zeit der großen Mystiker ist sowieso vorbei. Heutzutage setzt man stattdessen auf eine Art „fernöstlicher Wellnesskultur“, die Entspannung bringen und zu einem ganzheitlichen Leben verhelfen soll.

  14. @Mona
    Sobald ich Zeit habe stelle ich einmal die Theorie von Heidrich zu Gottesbildern und Körpererfahrung ein. Wenn es jemanden gibt, der Heidrich gehört hat, darf er mir dieser Aufgabe gerne abnehmen.
    Ich empfinde Heidrich als differenzierter als James und alle Religionspsychologen in der Tradition von Piaget.
    Szagun hat auf Heidrichs Vorlagen weitergearbeitet http://szagun.org/publikationen.html, aber die Körpererfahrung zu wenig berücksichtigt.

    • @J

      „Sobald ich Zeit habe stelle ich einmal die Theorie von Heidrich zu Gottesbildern und Körpererfahrung ein.“

      Das würde sicher nicht nur mich interessieren! Ich bin Ihrem Link gefolgt und habe festgestellt, dass man sich dort in erster Linie mit den Gottesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen befasst hat. Kann man da überhaupt Vergleiche mit den Forschungsergebnissen von James anstellen?

  15. @Mona 13.09. 10:03

    „Ich denke, die Zeit der großen Mystiker ist sowieso vorbei. Heutzutage setzt man stattdessen auf eine Art „fernöstlicher Wellnesskultur“, die Entspannung bringen und zu einem ganzheitlichen Leben verhelfen soll.“

    Also Mystik für den Hausgebrauch sozusagen. Hier scheint es mir auch hilfreich, ein Konzept für den eigenen Tod zu haben. Und ein Konzept für das Leben. Fernöstliches ist da sicher auch recht interessant, was z.B. Laotse so geschrieben hat, ist kurz und knapp, und nah dran am menschlichem Alltag. Wenn ich das mit der Bibel vergleiche, dass ist doch viel zu viel und ich meine auch oft noch wirsch. Das daraus die Finsternis des Mittelalters geworden ist, das wundert mich kaum.

    Mensch bleiben und nur Menschenmögliches machen, damit meine ich letztlich auch, sich für das Leben auf diesem Planeten einzusetzen. Nicht im Streben nach Reichtum und Status die eigene Spiritualität zu opfern, und in den Ökosystemen dabei noch nachhaltigen Schaden anzurichten. Wege zu suchen und zu finden, mit dieser bei uns inzwischen ausgewachsenen wirtschaftlichen Überaktivität fertig zu werden. Eine Kultur zu finden, mit weniger materiellen Geräten auszukommen und dafür mehr Miteinander zu realisieren, und uns mit einer grundsätzlichen Förderung der Ökosysteme zu beschäftigen.

    Ich meine, hierbei kann man auch mit einer Unterstützung seitens der Geisteswelt rechnen. Wenn diese das Leben letztlich betreibt, dann unterstützt die Geisteswelt auch unser Bestreben, das ganze Leben auf diesem Planeten zu fördern, anstatt es Zugrunde zu nutzen.

  16. @ (nicht nur) jüdische Mystik

    Ich finde es immer wieder faszinierend (und das spiegelt sich auch in der Diskussionsrunde dieses Forums anschaulich wider), wie – egal ob man religiös ist und wenn ja, welcher Religion man sich zugehörig fühlt – doch keiner an einem gewissen Glauben und, wenn man ehrlich ist, auch an einer zumindest vagen Transzendenz und damit auch an einer Form von Mystik wirklich vorbeikommt.
    Uns alle vereint doch der Wunsch nach einem positivem, sinnerfüllten, rechtschaffenen Leben, der Glaube an die Wirkung des Liebevollen und Menschlichen und die Erkenntnis, dass Verzweiflung – auch wenn die Tatsachen uns oft genug in diese Ecke drängen möchten -, Selbstverlorenheit und Pessimismus zwar nicht immer gänzlich zu verhindern sind, jedoch niemals die bestimmende Rolle übernehmen dürfen.

    Und da passt dann auch wieder ein Zitat von Max Brod in seiner Kafka-Biografie:

    “Es ist bezeichnend, daß Franz in einem Brief an mich gerade auf eine jener Stellen bei Kierkegaard hinweist, die nicht Ohnmacht, sondern die gute sittliche Kraft und Wirkungsmöglichkeit des Menschen darlegen.
    Kafka zitiert Kierkegaard (mit den Einleitungsworten: ´Und die folgende Stelle ist nicht aus dem Talmud`, was (…) bedeutet: sie entspricht der Anschauungsweise des Judentums, obwohl sie nicht im Talmud, sondern eben bei Kierkegaard steht), er zitiert die nachstehenden großen Sätze:

    ´Sobald ein Mensch kommt, der etwas Primitives mit sich bringt, so daß er also nicht sagt:
    Man muß die Welt nehmen, wie sie ist … sondern der sagt:
    Wie die Welt auch ist, ich bleibe bei einer Ursprünglichkeit, die ich nicht nach dem Gutbefinden der Welt zu verändern gedenke: im selben Augenblick, als dieses Wort gehört wird, geht im ganzen Dasein eine Verwandlung vor sich.
    Wie im Märchen – wenn das Wort gesagt wird, sich das seit hundert Jahren verzauberte Schloss öffnet und alles Leben wird: so wird das Dasein lauter Aufmerksamkeit.
    Die Engel bekommen zu tun und sehen neugierig zu, was daraus werden wird, denn dies beschäftigt sie. Auf der anderen Seite: finstere unheimliche Dämonen, die lange untätig dagesessen und an ihren Fingern genagt haben, springen auf und recken die Glieder, denn, sagen sie, hier gibt`s etwas für uns usw.` (Max Brod, Über Franz Kafka, Frankfurt 1980, S. 150 f.)

    Es geht doch in aller Mystik – so auch in der Kabbala -, vereinfacht ausgedrückt immer wieder um den Kampf und den Schutz des Guten gegen das Böse.
    (Diese Unterscheidung, wenn sie auch auf den ersten Blick plakativ und banal erscheinen mag, muss nicht zwingend auf eine dualistische Denkweise hindeuten – wie z.B. @minho an anderer Stelle in der Diskussionsrunde zu diesem Podcast zutreffend bemerkte-, sondern kann auch als pointierte Differenzierung zwischen Phil- und Misanthropie, zwischen Humanismus und Menschenverachtung verstanden werden.)

    Besonders die osteuropäischen Chassidim, die Franz Kafka in Gestalt des jiddischen Wandertheaters um Jizchak Löwy als besonders authentisch und ungekünstelt, damit als wahrhaftig bewunderte, haben die Kabbala erhalten und gelebt.
    So war es auch ein chassidischer Kabbalist (Yehuda Ashlag), der die kabbalistischen Lehren des Isaak Luria nicht nur lebte und verehrte, sondern angesichts des Holocaust sogar die Aufhebung der Geheimhaltung der Kabbala und deren Verbreitung forderte, da das Böse inzwischen so (zu) stark geworden sei.

    Es geht schließlich – bei all dieser positiven Spiritualität – auch darum, sich nicht fatalistisch auf ein “höheres Wesen”, sei es in Gestalt des infantilen Bildes eines weisen bärtigen Mannes auf einer Wolke oder in der unbestimmten Form eines kosmischen Geistes, zu verlassen – nach dem Motto: ich selbst kann eh nichts ausrichten, der oder das Omnipotente wird`s schon irgendwie richten.

    Es geht m.E. um den Schluss, “daß der Mensch mit seinem Fünkchen Vernunft, Willen und ethischer Erkenntnis nicht (…) ein Spielball übermächtiger Kräfte ist, die nach anderen Gesetzen richten als er, die er nicht versteht, nicht verstehen kann, denen gegenüber er verloren und nur auf Gnade oder Ungnade angewiesen ist (die alte Hiobsfrage) … “. (Max Brod, a.a.O., S. 151)
    Es geht v.a. auch um den freien Willen des Menschen, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, mitzubestimmen, morgens in den Spiegel sehen und sagen zu können: ich habe zumindest den Versuch unternommen, die Welt ein klitzekleines Stückchen besser zu gestalten (was – nebenbei bemerkt – diese furchtbaren, sich immer tiefer grabenden Falten wenigstens halbwegs legitimiert 😉 ).

    Vor diesem Hintergrund hoffe ich auch, dass das erbärmliche Bild, dass die EU und auch unsere Regierung mit der Bereitschaft, gerade einmal 150 unbegleitete Flüchtlingskinder aus dem nun schon vor über einer Woche abgebrannten Moria aufzunehmen, grundlegend neu gezeichnet und nicht nur mit einem halbherzigen Pinselstrich (nach dem Motto: na gut, vielleicht nehmen wir – schließlich stehen nächstes Jahr Wahlen an – doch den einen oder anderen mehr) kosmetisch korrigiert wird.

  17. @Sandy 15.09. 12:54

    Mystik schafft die nötige Motivation. Einmal was der Andere einen Wert für mich hat, ob ich mich hier Verbunden fühle, ob mich das Leid und das Leben des Anderen überhaupt interessiert. Und eine Unterstützung seitens der Geisteswelt kann einmal die Erfolgsaussichten wesentlich verbessern, aber macht das Ganze auch zu einer größeren gemeinsamen Aktion, dass es auch einfach Freude macht, hier die Probleme wirklich anzufassen.

    Was zu tun ist, ist dagegen weniger strittig, meine ich. Klimawandel und Klimaschutz zum Beispiel. Hier mag der afrikanische Bauer noch Regentänze machen, die ihm sogar tatsächlich kurzfristig helfen können, aber die CO2-Konzentration tut ihre welterhitzende Wirkung weltweit und jeden Tag, da hilft am Ende nur die Vermeidung der Treibhausgase.

    Dass man die leidenden Flüchtlinge unterstützt, hat dagegen mehrere Ansatzpunkte: Neben einer Aufnahme in Deutschland und in den anderen EU-Ländern, die den Flüchtlingen auch Arbeitsplätze anbieten können, macht es auch Sinn die Situation in den Flüchtlingslagern entscheidend zu verbessern. Die meisten Flüchtlinge leben ja in Lagern in der Türkei, die bekommen ja schon Geld von uns, dass könnte glaube ich wesentlich mehr Geld sein. Aber wirklich nachhaltig wäre es wohl nur, die Fluchtursachen anzugehen. Insbesondere die Bürgerkriege nicht noch mit einer Unterstützung der eigentlich unterlegenen Partei ewig zu verlängern.

    Wenn allerdings das Ausmaß von Migration bei uns in Deutschland noch entscheidend zur Wohnungsnot in den Großstädten beiträgt, geraten hier die, die sich sowieso überall hinten anstellen müssen, auch wesentlich weiter unter Druck. Hier wäre es eine Idee, einen Teil der EU-Arbeitsmigranten zur Heimreise zu motivieren, um dann entsprechend mehr Asylbewerber aus den Flüchtlingslagern aufnehmen zu können.

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