Verschwörungsfragen 19: Islamfeindlichkeit & Antisemitismus – Zur Woche gg. antimuslimischen Rassismus

Schon 2011 wurde ich von Reichsbürger-Trollen via “Nürnberg 2.0” angegriffen und bedroht, weil ich wissenschaftlich nachgewiesen hatte, dass die Erkenntnisse der Religionsdemografie auf alle Weltreligionen – also auch auf den Islam – zutreffen. Hinter dem Vorwurf der “Leugnung des Geburtendschihad” stand der Verschwörungsmythos einer jüdisch-islamischen Weltverschwörung gegen Europa.

Diese 19. Folge des Podcasts “Verschwörungsfragen” zur “Woche gegen antimuslimischen Rassismus” finden Sie wiederum auf podigee, ebenso auf Spotify, iTunes, Deezer und auf YouTube.

Die pdf-Textversion finden Sie zum Download hier.

Und als Fließtext finden Sie die Folge hier:

Am Dienstag, dem 16. Juni 2020, fand Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier klare Worte. „Es reicht nicht aus, ‚kein Rassist‘ zu sein.“, zitierte ihn die Stuttgarter Zeitung. Er habe gefordert: „Wir müssen Antirassisten sein!“

Zudem erkannte der Bundespräsident an, dass es das Problem des Rassismus keinesfalls nur in den USA oder anderen Erdteilen, sondern auch in Deutschland gebe. Zitat: „Auch hier werden Menschen ausgegrenzt, angegriffen und bedroht, weil ein beliebiges Merkmal sie als Angehörige einer Minderheit ausweist: weil sie eine dunkle Hautfarbe haben, eine Kippa tragen, in der Moschee beten oder einfach anders aussehen als die Mehrheit.“ – Zitat Ende –

Am gleichen Tag twitterte die Tübinger Bundestagsabgeordnete und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Annette Widmann-Mauz, Zitat: „Sprache prägt unser Denken. Wir müssen Rassismus in Artikel 3 Grundgesetz beim Namen nennen statt von „Rasse“ zu sprechen.“ – Zitat Ende –

Für Hörerinnen oder Leser dieses Podcasts ist die Ablehnung von Rassismus nicht neu. Schon in Folge 2 ging es darum, warum es sachlich falsch und schädlich ist, weiterhin zu behaupten, bei Semiten handele es sich um eine „Rasse“ aus „Juden und Arabern“.

In der hebräischen Bibel und im Koran erscheint Shem als einer der Söhne von Noah. Und nach jüdischer Auslegung schon im Talmud ist er kein Begründer einer „Rasse“ oder von Sprachen, sondern der erste Begründer einer Schule in Alphabetschrift.

Nicht irgendeine Genetik, sondern dieses vereinfachte Schriftsystem mit bis zu 30 Buchstaben führte zum Judentum als erster Schrift- und Bildungsreligion. Deswegen werden Jüdinnen und Juden bis heute rassistisch als vermeintlich besonders schlau und verschwörerisch gedeutet.

Dabei werden heute weltweit Alphabete benutzt, die ihren Namen direkt von den ersten beiden Buchstaben des Hebräischen – Aleph und Beth – erhalten haben. Das Judentum hat zwar mit der Bildung angefangen – der Begriff stammt direkt aus dem biblischen Mythos, nach dem Gott den Menschen „nach seinem Ebenbild“ geschaffen habe. Genau darin steckt aber auch schon die Botschaft, dass alle Menschen Bildung anstreben sollten.

Und so basieren auch alle nachfolgenden, semitischen Religionen wie das Christentum, der Islam und das Bahaitum auf Heiligen Schriften in Alphabeten, ebenso wie die großen Weltanschauungen wie der Humanismus, Liberalismus und Sozialismus sowie die Wissenschaften. Auch den genetischen Code aller Tiere und Menschen, die DNA, ordnen wir heute auf Basis von vier basalen Buchstaben – A, C, G und U.

Es gibt keine „Menschenrassen“, sondern nur eine große, auch äußerliche Vielfalt von Menschen. Daher konnten sich Rassisten nicht einmal darauf einigen, wie viele „Rassen“ es denn auf der Welt eigentlich geben sollte – manche schwadronierten von drei, andere von sieben und wieder andere wollten sogar noch zwischen den französischen „Welschen“ und den deutschen „Germanen“ Rassenunterschiede konstruieren.

Auch gibt es unter Menschen individuelle Vielfalt, aber keine „höheren“ oder „niederen“ Rassen. Dass heute Weiße in großen Teilen der Welt dominieren, liegt nicht an der Genetik, sondern an der Verbreitung der Medien entlang des eurasischen Gürtels:

Vom Sinai zwischen Ägypten und dem späteren Israel aus breiteten sich die Alphabete entlang einer Klimazone über das Mittelmeer bis nach Spanien und entlang der späteren Seidenstraße bis nach China aus.

Sie können sich selbst mit einem Blick auf einen Globus oder eine Weltkarte davon überzeugen: Während etwa Afrika, die Amerikas und Transozeanien in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet sind, konnten Pflanzen und Tiere, Güter wie die Bronze und eben Medien wie Schriften entlang dem eurasischen Gürtel besonders gut ausgetauscht werden. Gerade „nicht“ rassistische Abschottung und gegenseitige Vernichtung, sondern Jahrtausende von Austausch und Vermischung haben menschliche Kulturen hervor- und vorangebracht.

Und genau das ist auch der Grund, warum in der sogenannten „Achsenzeit“ im ersten Jahrtausend vor Christus entlang des eurasischen Gürtels die Grundlagen aller heutigen Weltreligionen und großen Weltanschauungen entstanden. Schon seit Jahrzehntausenden erzählten Menschen überall auf der Welt tiefe, wichtige und auch lebensförderliche Mythen. Doch immer mehr Menschen konnten diese erstmals aufschreiben und über Hunderte Generationen und Tausende Kilometer bis in unsere heutige Zeit transportieren.

Wir verstehen auch die semitischen Religionen besser, wenn wir ihre Alphabete genauer anschauen. Hebräisch und Arabisch wurden ohne Vokale geschrieben; diese mussten etwa durch einen Lehrer mit-erlernt und dann Wort für Wort in der rechten Gehirnhälfte assoziiert werden. Das erfordert eine hohe Konzentration und begünstigte die Leserichtung von rechts nach links sowie den Verzicht auf Bilder oder gar Statuen.

Auf der Habenseite konnte – und kann – man bei der hebräischen oder arabischen Schriftlesung in einen glücklichen Flow-Zustand geraten und immer neue Verbindungen und Bedeutungen der Worte und Texte entdecken. Entsprechend werden Thora und Koran heute noch in ihren Originalschriften gelesen und in Synagogen und Moscheen bildliche Darstellungen gemieden.

Ganz anders bei den vokalisierten Alphabeten wie dem Griechischen und Römischen, die man in der Antike nach dem zweiten Noahsohn Japheth benannte. Diese sind noch leichter zu erlernen, von links nach rechts schnell zu lesen und zum Lernen der vollvokalisierten Wörter kann man auch eher auf Lehrpersonen verzichten. Japhetitische Alphabete waren also sehr gut geeignet für Philosophie, Recht und später Wissenschaften, aber sie versetzen einen alleine nicht in den Flow und neigen auch zu Dogmatik und ideologischer Abschließung.

Ich merke das immer wieder, wenn ich Menschen von jüdischen oder islamischen Überlieferungen erzähle – beispielsweise vom Paradiesmythos oder Noahbund. Sowohl fundamentalistische Christinnen wie auch verbissene Religionskritiker meinen dann oft, dass jeder Text doch nur genau eine Bedeutung haben könnte. Alles andere sei doch Beliebigkeit und Rosinenpickerei.

Dass aber jeder Mythos in dem Moment stirbt, indem er nicht mehr neu erzählt und verschriftet wird, versuche ich dann gerne an säkularen Verfassungstexten zu erklären: Wir sagen auch heute noch „Pressefreiheit“, auch wenn wir die Freiheit von Medien wie Tinten- und Laserdruckern, Radio, Film oder Internet umschreiben. Denn natürlich stecken im Wort „Pressefreiheit“ auch Bedeutungen, die in früheren Jahrhunderten noch gar nicht denkbar gewesen wären. Juristinnen tun erfreulicherweise genau das Gleiche wie die Schriftgelehrten der Religionen: Sie legen alte Texte und Kommentare zu alten Texten mit immer neuen Bedeutungen aus. Und deswegen dürfen wir Ihnen diesen Podcast zum Hören oder Lesen geben, obwohl dabei keine Druckerpresse mehr zum Einsatz kommt!

Nun wird also auch verständlicher warum wir heute weltweit die Zeit nach der Geburt eines hebräischen Handwerkersohnes berechnen – nach Jesus Christus. Praktisch nur in Israel war es vor zwei Jahrtausenden üblich, dass auch der Sohn eines Zimmermanns schon aus religiösen Gründen selbstverständlich Lesen und Schreiben lernte – und zwar so gut, dass er in Jerusalem sogar tagelang mit Schriftgelehrten im Tempel diskutieren und in der Synagoge die Thora auslegen konnte. Nach christlichem Verständnis legte er die Schrift durch sein Leben aus – und bald nach seinem Tod wurde das hebräische „Moschiach“ – Messias – zum griechischen „Chrestos“ – Gesalbten -, verschmolzen also semitische und japhetitische Traditionen zu einer neuen Religion.

Wenn Sie sich also jemals gefragt haben, warum das Christentum einerseits eine Explosion an Bildern und Kirchenmusik und andererseits überaus komplexe Dogmatiken wie die Trinitätslehre mit zahlreichen, langen und komplexen Glaubensbekenntnissen entfaltete, dann liegt auch dies nicht an irgendwelchen Genetiken, sondern vor allem an der Form der Alphabete.

Und aus der Verwendung des arabischen Alphabetes für den Offenbarungstext des Koran ab dem 7. Jahrhundert erklärt sich auch wiederum die wesentliche Struktur des Islam: Zwar blieb Jesus der Messias (al-masih), Geist und Wort Gottes, aber Bilder, Trinitäts- und Kreuzesdarstellungen wurden aus dem Gottesdienst entfernt, die Schriftrichtung änderte sich wieder von rechts nach links.

Vor allem über Eroberungen und Konversionen breiteten sich islamische Reiche aus, wäre aus der Botschaft des Propheten Muhammad fast die größte Weltreligion geworden. Eine große Rolle spielte dabei auch der Sufismus, der schon im 8. Jahrhundert entstand und mit der Sklavin, Gelehrten und Mystikerin Rabia von Basra verbunden wurde. Teilweise in Ergänzung, aber auch in Konkurrenz zu einem streng traditionalen Islamverständnis entstand so ein weiteres und emotionaleres Islamverständnis, das auch heute noch beispielsweise von Elif Shafak erinnert wird.

Das Papier war im chinesisch-japanischen Kulturraum entwickelt worden. Noch um die erste Jahrtausendwende hatte die japanische Hofdame Murasaki Shikibu mit den „Geschichten des Prinzen Genji“ den bis dahin größten Roman der Welt hinterlassen.

Doch über chinesische Kriegsgefangene war das Geheimnis der Papierherstellung auch bereits in die arabisch-islamischen Reiche gelangt und hatte zu einer Blüte der islamischen Schriftkunst und Gelehrsamkeit geführt. Ab dem 12. Jahrhundert erreichte Papier auch das christliche Europa und löste hier, von Italien ausgehend, eine Blüte der Städte, die Renaissance und den Humanismus aus. Al-Andalus im heutigen Spanien wurde zu einem Reich des Schrift- und Wissensaustausches. Große islamische Gelehrte traten auf, aber auch der bedeutendste, jüdische Gelehrte jener Zeit, Maimonides, wirkte in Fustat, im heutigen Ägypten.

Noch als der später heiliggesprochene Franz von Assisi um 1219 als Begleiter eines Kreuzzuges nach Damiette kam, war er beschämt über die höhere Kultur, Gastfreundschaft und Dialogbereitschaft des ägyptischen Sultans al-Malik al-Kamil.
Franz kehrte als Gegner der Kreuzzüge und als Befürworter des interreligiösen Dialoges nach Italien zurück.

Aber was geschah dann? Warum gibt es heute in der islamischen Welt soviel Armut, bekämpfen sich Sunniten, Schiiten und Alawiten, Muslimbrüder und Wahhabiten, Araber, Perser, Türken und Kurden, während die Felder verdorren und wieder Menschen fliehen?

Sie ahnen es sicher bereits – es waren nicht die Gene und auch keine Weltverschwörung, sondern wiederum die Medien.

Auch der Buchdruck war zunächst in China erfunden und schon ab dem 8. Jahrhundert buddhistische Schriften gedruckt worden. Aber wegen der vielen Tausend Schriftzeichen mussten dafür jeweils die ganzen Buchseiten geschnitzt werden.

Der Mainzer Christ Johannes Gutenberg hatte um 1450 den Buchdruck keinesfalls erfunden, sondern lediglich die brillante Idee gehabt, die Druckerpresse mit den nur wenigen, beweglichen Lettern des Alphabetes zu verbinden.

Die Folge war eine absolute Wissensexplosion, aber auch ein Auseinanderbrechen der römisch-katholischen Kirche durch die Reformation sowie die Eskalation von Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit zum Hexenglauben sowie die Entstehung des Rassismus.

In Folge 14 haben wir diesen Vorgang bereits ausführlich beschrieben, so dass hier eine kurze Zusammenfassung reicht: Auch schon in der Antike gab es sowohl unter griechischen wie hebräischen Schriftgelehrten Vorurteile gegenüber den geringer alphabetisierten Völkern vor allem aus Afrika. Schon bei griechischen Autoren der sogenannten „Achsenzeit“ wie Hippokrates und Aristoteles finden wir antinegride Thesen, wonach das Klima nicht nur die Hautfarbe, sondern auch den Charakter und die Intelligenz der Völker präge.
Der Begriff „Sklave“ wurde dagegen von den hellhäutigen „Slawen“ abgeleitet, die als besonders wertvoll galten. Weiße Hautfarbe wurde also bereits mit häufiger positiven und schwarze Hautfarbe mit häufiger abwertenden Deutungen versehen, auch Ambivalenzen tauchen etwa im biblischen Hohelied der Liebe oder im ersten Muezzin des Islam, Bilal, auf. Diese waren aber noch nicht dogmatisiert: Eine Slawin und ihre Kinder konnten freigelassen werden, ein Afrikaner bis zum römischen Kaiserthron aufsteigen.

Doch mit dem Buchdruck verbreiteten sich von Spanien her die ersten Mythen über die Wirkung der sogenannten „raza“, der Blutlinien. In Texten und Büchern tauchte die Lehre auf, nach der auch die christliche Taufe keine gleichmachende Wirkung mehr habe: Das Kind eines Bauern bleibe anders als das Kind einer Adeligen, selbst wenn sie gar nichts von ihrer jeweiligen „raza“ wüssten. Nachfahren von Juden und Musliminnen blieben antichristliche „Kinder Sems“, selbst wenn sie seit Generationen christlich getauft und fromme Kirchgänger waren. Und Schwarze seien als „Kinder Hams“ – des dritten Noahsohnes – und „Negri“ von Geburt an als Sklaven geboren; völlig unabhängig von ihrer Religion oder auch Bildung.

Den Kern des Rassismus seit dem 15. Jahrhundert – und damit lange vor der Entstehung der modernen Wissenschaften – bildet der üble Mythos, dass jeder Mensch vom Moment seiner Geburt an in einen niederen oder höheren Stand hineingeboren werde und niemals etwas daran ändern könne.

Auf dieser rassistischen und buchstäblich post-semitischen Grundlage wurden Millionen Schwarze durch Christen und Muslime versklavt und als Arbeitskräfte in die Amerikas verschleppt.
Auch der belgische König Leopold II. ließ bis zu zehn Millionen Kongolesinnen und Kongolesen zur Produktion von Kautschuk ausbeuten, foltern und ermorden. Aus rassistischen Motiven klammerten sich viele US-Amerikaner auch nach der Niederlage der nur fünf Jahre bestehenden Südstaaten-Konföderation weiterhin an die Vorstellung, Schwarze wären geborene Sklaven. Der Ku-Klux-Clan mordete und entstand nach dem Kinofilm „Birth of a Nation“ von 1915 neu. Noch 1921 brannte ein rassistischer Mob in Tulsa ein ganzes Stadtviertel nieder und tötete Hunderte Afroamerikaner, weil diese nach Ansicht vieler Weißer zu frei und wohlhabend geworden waren.

Auf Basis von Antisemitismus und Rassismus ermordeten die deutschen Nationalsozialisten nicht nur Millionen praktizierende Jüdinnen und Juden, sondern beispielsweise auch bekennende Atheisten und die katholische Nonne Edith Stein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft. Ebenso töteten sie Hunderttausende europäischer Roma und Sinti als vermeintliche „Zigeuner“, darunter Soldaten der deutschen Wehrmacht, die teilweise noch in ihren Uniformen in die Vernichtungslager eingeliefert wurden. Für einen Rassisten kann kein Mensch jemals etwas anderes sein als bei der Geburt.

Ein Schwarzer, der US-Präsident wird, eine Jüdin, die christliche Nonne wird, ein Rom, der deutscher Soldat wird, eine Asiatin, die beruflich erfolgreicher als ihre weiße Nachbarin ist, eine Muslimin, die zur Abgeordneten gewählt wurde – all dies erscheint Rassisten daher als Bedrohung ihrer vermeintlich „angestammten“ Rechte und als bösartige, bedrohliche Verschwörung.   

Auch viele Araberinnen und Araber glauben, dass die hohe Blüte ihrer Zivilisation durch eine böse, jüdisch-christliche Verschwörung beendet worden wäre. Dabei lag der Grund wiederum – in den Medien. Auf Rat der Schriftgelehrten, die das heilige Arabisch schützen wollten, verbot Sultan Bayazid II. um 1485 den Buchdruck arabischer Lettern. Sein Sohn, Kalif Selim, erneuerte und erweiterte dieses Verbot um 1515.

Die Folge war erst einmal Stabilität – keine Reformation, keine Hexenverfolgungen, kein vergleichbarer Rassismus, kein 30jähriger Krieg. Aber Stabilität bedeutete eben auch Stillstand: Kaum Ausweitung der Alphabetisierung, kaum neue Technologien, keine Erneuerung der landwirtschaftlichen und auf Sklaverei basierenden Wirtschaftszweige und auch keine Erneuerung der Sklavenarmeen wie der arabischen Mamelucken und der osmanischen Janitscharen. Während beispielsweise das Deutsche durch die gedruckte Lutherbibel und das Englische durch die King James-Bibel vereinheitlicht wurden, die Alphabetisierung quer durch Europa anstieg, driftete das gesprochene und geschriebene Arabisch von Marokko bis Bagdad immer weiter auseinander.

Um 1800 konnten bereits um die 50% der Erwachsenen im heutigen Deutschland und heutigen Großbritannien lesen und schreiben, es erschienen Zeitungen und große Werke der Wissenschaft und Aufklärung. Im Osmanischen Reich aber lag die Alphabetisierung bei unter 5% und war zudem häufiger in jüdischen und christlichen Minderheiten zu finden, die in ihren Schriften bereits drucken durften.

Vielen Türkinnen und Türken ist bis heute unklar, warum ihre Vorfahren 1453 das christliche Konstantinopel – heute Istanbul – erobern konnten, aber danach vom 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert fast nur noch Niederlagen und Demütigungen erlitten. Von Eroberern zu Eroberten – fast alle islamisch geprägten Gesellschaften gerieten unter europäische Kolonialherrschaft. Gefühle von Demütigungen und Verschwörungsglauben breiteten sich auch mangels Bildung aus, Übergriffe auf jüdische, christliche und weitere Minderheiten nahmen deutlich zu.

Erst 1905 gelang nach einer autoritären Reform- und Bildungspolitik überhaupt wieder einer asiatischen Macht, Japan, ein Sieg über ein europäisches Imperium, Russland. Doch die islamisch geprägten Gesellschaften waren noch viel tiefer in Armut, Bildungsrückstand und Kolonialismus verfangen.

In der heutigen Türkei stoppte Kemal Atatürk den Zerfall des Osmanischen Reiches, indem er sogar das osmanische Alphabet durch lateinische Buchstaben ersetzen und eine allgemeine Schulpflicht einführen ließ. Im Zuge dieser säkularen Türkifizierung ließ er aber auch religiöse Traditionen und Orden zerschlagen, zudem nicht-türkische Sprachgruppen wie die Kurden sowie nicht-sunnitische Religionsgemeinschaften unterdrücken.

Mit verhängnisvollen Folgen bis heute wirkte sich das Bündnis deutscher und arabischer Antisemiten um den deutschen NS-Führer Adolf Hitler und den Jerusalemer Großmufti Amin al-Husseini aus.
Der antisemitische Verschwörungsmythos, wonach „alles wieder gut werde“, wenn es nur keine Jüdinnen und Juden mehr im Orient gebe, führte bereits Jahrzehnte und Jahre vor der Staatsgründung Israels zu antijüdischen Pogromen von Hebron bis Bagdad. Er wurde zudem nicht nur über die entstehenden Druckerpressen, sondern auch über die neuen, elektronischen Medien Radio und Film tiefgreifend in Europa und der arabischen Welt verankert. Noch heute speist sich daraus eine starke, antisemitische Tradition in Terrorgruppen, der sogenannten BDS-Boykott-Bewegung gegen Israel sowie in einseitigen und damit verfälschten Darstellungen der Naqba-Vertreibungen.

Auch militärisch scheiterte das Bündnis deutscher und muslimischer Gruppen. In der Sowjetunion, in China und später auf dem Balkan gerieten große, muslimische Bevölkerungsgruppen unter sozialistische und oftmals antireligiöse Herrschaft. Das mehrheitlich muslimisch geprägte Albanien rief sich 1967 zum ersten atheistischen Staat der Welt aus.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entstanden zudem zahlreiche neue Nationalstaaten wie das riesige, muslimische Pakistan oder das buddhistisch geprägte Burma. Aber die konfliktreiche Wiedergründung des Kleinstaates Israel ab 1948 wurde und wird in großen Teilen der islamischen Welt als auch religiöse Demütigung aufgefasst. Mehrere erfolglose Kriegszüge, die Vertreibung von über 900.000 Jüdinnen und Juden aus islamisch geprägten Ländern, Ölboykotte und Terrorkampagnen – unter anderem im Bündnis mit der deutschen, atheistischen RAF – haben die Situation für die arabischen und palästinensischen Nachbarn Israels jedoch nur immer weiter verschlimmert.

Zum Schlüsseldatum wurde das Jahr 1979, das dem Jahr 1400 der islamischen Zeitrechnung entsprach. Sowohl im schiitischen Iran wie im sunnitischen Saudi-Arabien griffen Bewegungen eines neuen, politisierten Religionsverständnisses unter dem Slogan „Der Islam ist die Lösung!“ gewaltsam nach der Macht.

Die Sowjetunion marschierte in Afghanistan ein und brachte mehr und mehr nicht mehr nur islamische, sondern islamistische Gruppen gegen sich auf.

Der so genannte Islamismus präsentierte sich den Massen als Vorkämpfer gegen „Juden und Kreuzritter“, doch unterdrückte und ermordete er tatsächlich vor allem andersdenkende Musliminnen und Muslime.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sagte Francis Fukuyama in einem Buch von 1992 das „Ende der Geschichte“ und den weltweiten Sieg liberaler Demokratien voraus. Samuel Huntington prognostizierte dagegen 1996 einen weltweiten „Kampf der Kulturen“.

Beide lagen nach heutigem Wissensstand falsch: Wie schon beim Buchdruck und der Einführung der elektronischen Medien Radio und Film werden derzeit weltweit alle Gesellschaften, Kulturen und Religionen durch das Internet im Guten wie im Schlechten umgepflügt. Einerseits gibt es eine Wissens- und Bildungsexplosion – und auch ein kostenfreies Angebot wie dieser Podcast wäre noch vor Kurzem undenkbar gewesen. Andererseits aber nutzten – und nutzen – gerade auch autoritäre Regime und extremistische Gruppen das Internet zur Radikalisierung von Menschen.

Liberale Demokratien bis hin zu den USA wurden immer stärker polarisiert und es entstanden neue Netzwerke des libertären Antisemitismus und messianisch-apokalyptische Digitalsekten wie die verschwörungsläubige und rassistische QAnon-Bewegung. Ganz ebenso begannen sich auch islamische Gesellschaften in immer mehr verfeindete und auch radikale Bewegungen zu zerspalten. Al-Qaida nutzte bereits das Internet, aber der spätere, selbsternannte „Islamische Staat“ gerierte sich sogar bereits als hoch professionelles „digitales Kalifat“.

Dass die Hamas die komplette Räumung des Gaza-Streifens durch den Staat Israel ab 2005 nicht zum Aufbau eines palästinensischen Singapur nutzte, sondern stattdessen ein für jede Opposition mörderisches Freiluftgefängnis und einen antisemitischen Terrorzwergstaat schuf, führte zum Niedergang der Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israelis und Palästinensern. Längst demonstrieren arabische Israelis gegen den möglichen Verlust ihres israelischen Passes, da sie weder in den Islamismus der Hamas noch in die Dauerkorruption des Westjordanlandes abgeschoben werden wollen. Mangels glaubwürdiger Friedenspartner setzt Israel auf Sicherheit durch Stärke samt des Ausbaus von Siedlungen und der Annexion weiterer Gebiete. Zögerlich erklären sich vor allem sunnitisch-islamische Regime bereit, die dauerhafte Existenz des Staates von der Größe des Bundeslandes Hessen endlich anzuerkennen.

Die Unfähigkeit und der Sturz des Muslimbruders Mursi – des bisher einzigen ägyptischen Präsidenten, der jemals frei gewählt wurde –, der Zerfall von Syrien und Libyen und auch die autoritäre Wende der Türkei haben die demokratischen Hoffnungen des „arabischen Frühlings“ zerschlagen. Der Klimawandel und der Preisverfall von Öl und Gas beschleunigen den Staatszerfall entlang des gesamten, eurasischen Gürtels. Dennoch leisten sich Saudi-Arabien und der Iran noch immer mörderische Stellvertreterkriege etwa im Jemen – und kaufen die Waffen dazu im Westen und in Russland ein.

Muslimische Demokratinnen und Demokraten können derzeit noch Hoffnungen aus dem arabischen Tunesien und dem fernen, aber großen Indonesien schöpfen. Daneben organisieren sich lebendige, islamische Theologien, Künste und Literaturen auch unter muslimischen Minderheiten und Reformbewegungen in den christlich geprägten, liberalen Demokratien.

Denn Millionen Menschen muslimischer Herkunft stimmen längst mit den Füßen ab und suchen eine bessere Zukunft als Minderheiten inmitten von Christen und Humanistinnen. Leider versuchen Rassisten und Antisemitinnen, daraus Mythen von Kulturzerstörungen oder gar Invasionen zu schmieden.

So sprach man noch in den 1990er-Jahren hier in Baden-Württemberg kaum von Religionen, sondern unterteilte die Menschen nach ihren Herkunftsstaaten – als Italienerinnen, Jugoslawen, Griechinnen, Türkinnen, Russinnen, Araber, Ost- und Westdeutsche. Den Aufstieg des antimuslimischen Rassismus konnten meine Familie und ich so am eigenen Leib erleben.

Weil ich als nichtgetauftes Kind einer Arbeiterfamilie aus der damaligen DDR ohnehin zwischen allen Stühlen saß, begann ich als Jugendgemeinderat zwischen den verschiedenen Gruppen Brücken zu bauen. Verwirrend dabei war, dass mich die Jugendlichen türkischer und albanischer Herkunft ebenso selbstverständlich für einen Christen hielten wie sie ihrerseits für „geborene“ Muslime gehalten wurden. Das nette Mädchen, das im Ethik-Unterricht neben mir saß, galt als „Türkin“, aber ich fragte auch sie nach ihrem Glauben und ihrer Kultur. Gemeinsam mit vielen anderen jungen Menschen entstand eine regionale, christlich-islamische Dialoggesellschaft.

Heute wissen wir: Vielerorts entstand ein junger, interreligiöser Dialog zum Abbau gegenseitiger Vorurteile. So fand ich auch selbst zum christlich-evangelischen Glauben und studierte nach einer Banklehre Religionswissenschaft. Und der Dialog kann – wie es Religionsgelehrte so schön und richtig formulieren – durchaus fruchtbar sein. Meine damalige Nebensitzerin Zehra und ich sind nun seit 23 Jahren verheiratet und haben drei gemeinsame Kinder.

Aber die Widerstände waren – und sind zum Teil noch – heftig. Von deutscher Seite fielen schon damals Begriffe wie „Rassenschande“ und von islamisch-fundamentalistischer Seite wurde die Konversion gefordert. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 eskalierten die gegenseitigen Vorwürfe: Viele Westliche meinten, Muslime würden Europa bedrohen und viele Muslime behaupteten wiederum, die Golfkriege und Terroranschläge seien von der CIA inszeniert. Digital beschleunigt eskalierte der Verschwörungsglauben – bis heute.

Auch Zehra und ich mussten da durch: So wurde 2003 sogar in größeren, rechtsgerichteten Medien der Vorwurf erhoben, ich sei heimlich mit Muslimen verschworen, wenn nicht gar konvertiert. Obwohl Zehra meinen Nachnamen Blume annahm und wir auch gemeinsam Kirchen besuchten, kam umgekehrt niemand auf den Gedanken, sie könnte Christin geworden sein. Als bedrohlich und verschwörerisch galten – und gelten – stereotyp immer die Muslime.

Nach der Doktorarbeit zu Religion und Hirnforschung forschte ich über Religionsdemografie. Dabei stellte sich heraus, dass es keine jüdische, christliche, islamische oder hinduistische Demografie gab, sondern nur eine religiöse: Fromme Jüdinnen, Christinnen, Musliminnen, Hinduistinnen hatten – auch bei höherer Bildung – im Durchschnitt mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarinnen.

In Staaten, die ihre Familienpolitik nicht modernisierten, schrumpften die Familien – von Japan über Russland bis zu Polen, Ungarn, Griechenland, Italien und so weiter. Auch in der islamischen Welt brachen mit der Verstädterung die Geburtenraten massiv ein und sanken in der Türkei, im Iran, auf dem Balkan und Kaukasus usw. unter die sogenannte Bestandserhaltungsgrenze von 2 Kindern pro Frau. Während sich religiös-fundamentalistische Gruppen gegen neue Freiheiten vor allem der Frauen wandten, beschleunigte sich auf der anderen Seite die Säkularisierung.
Heute sind zum Beispiel in Deutschland kaum noch 20 Prozent der Menschen muslimischer Herkunft in Moscheegemeinden organisiert – mit weiter eher sinkender Tendenz.

Nun hätte man ja annehmen können, dass sich antimuslimische Rassisten über solche Befunde freuen würden. Immerhin fällt die weltweite Islamisierung erkennbar aus. Aber weit gefehlt: Rassisten „wollen“ und „brauchen“ ein Feindbild. So erhielt ich schon 2011 auf der rassistischen Prangerseite „Nürnberg 2.0“ eine mit Todesdrohungen versehene „Anklage“ wegen – halten Sie sich fest – „Leugnung des Geburtendschihad“. Es wurde also nicht nur bestritten, dass auch Frauen muslimischer Herkunft im Durchschnitt immer weniger Kinder bekamen; sondern zugleich behauptet, die Geburt von Kindern diene einer weltweiten Kampagne zur Ausbreitung des Islam! Wenn das kein rassistischer Mythos sein soll, was wäre dann noch Rassismus?

Auffällig war zudem die immer stärkere Verknüpfung des antimuslimischen Rassismus mit dem Antisemitismus: So wurde und wird behauptet, die Zuwanderung von Menschen muslimischer Herkunft nach Europa würde von jüdischen Superverschwörern wie George Soros und den Rothschilds betrieben. Diese gingen als aschkenasische Juden eigentlich auf die türkischen Chasaren zurück und hätten die Weltkriege sowie den Holocaust zur Gründung des Staates Israel selbst inszeniert. Auch der schwarze US-Präsident Barack Obama sowie Demokratinnen wie Hillary Clinton und Angela Merkel seien Teil dieser jüdisch-multikulturellen Weltverschwörung, die zum Beispiel als Hooton- oder Kalergi-Pläne bezeichnet werden. Auch hinter dem sogenannten „Islamischen Staat“ verberge sich, klar, der israelische Mossad und der US-amerikanische CIA. Dieser habe auch den Begriff „Verschwörungstheorie“ geprägt, um die Ermordung von John F. Kennedy und die eigene Sprengung des World Trade Centers und Pentagons zu vertuschen.

Wie ich im Irak und in anderen, islamisch geprägten Ländern feststellen musste, verbinden diese antisemitischen und rassistischen Verschwörungsmythen inzwischen arabische, europäische und US-amerikanische Radikale.

Während wir uns also eigentlich als Menschheit gegen den rapide voranschreitenden Klimawandel stemmen, Armut und fehlende Bildung überwinden sollten, verlieren wir uns zu Millionen in Verschwörungsglauben, Rassismus, Hass und Gewalt. Und gerade auch jene Menschen muslimischer Herkunft, die nach Bildung und Freiheit streben, werden mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungsmythen angegangen.

Am Montag habe ich als Sachverständiger in einem Gerichtsprozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt zum Ezidentum und sogenannten „Islamischen Staat“ ausgesagt. Auch dabei habe ich versucht deutlich zu machen, dass wir 1. Angehörige verfolgter Minderheiten besser schützen sollten, 2. radikale Gruppen wie den selbsternannten „Islamischen Staat“ bekämpfen, 3. aber nicht die Mehrheit der Musliminnen und Muslime mit den Radikalen in einen Topf werfen und 4. möglichst gemeinsam kommende Generationen vor Radikalisierungen bewahren sollten. Am Ende des Tages gewinnen oder verlieren wir Menschen mitsamt unserer Kulturen und Religionen gemeinsam.

Ich glaube daher fester denn je daran, dass wir eine Kombination von wissenschaftlicher Aufklärung und interreligiösem Dialog dringend brauchen. Selbstverständlich ist es okay, dass sich auch Millionen Menschen muslimischer Herkunft von der Religion ihrer Vorfahren abwenden und zu einer nichtreligiösen Weltanschauung oder einem anderen Glauben finden. Etwas anderes wäre auch wissenschaftlich überhaupt nicht zu erwarten: Individualisierung und Säkularisierung samt schrumpfender Familien betreffen derzeit alle Religionen.

Statt einer Islamisierung erleben wir eine massive, weltanschauliche Pluralisierung. Aber genau deshalb verdienen auch jene Musliminnen und Muslime Respekt und Unterstützung, die sich innerhalb ihrer religiösen Traditionen und Gesellschaften für Bildung und Reformen einsetzen. Wer zum Beispiel Kopftuchträgerinnen pauschal beschimpft, vom Arbeitsmarkt ausschließt oder sogar angreift, stärkt damit nur Patriarchat und Rassismus, ohne Einkommen und Selbstbestimmung der Frauen wirklich zu stärken. Und wer zudem behauptet, der Anteil der Kopftuchträgerinnen in Europa würde immer weiter steigen, kennt entweder die realen Daten nicht oder lügt bewusst, um rassistische Ängste zu schüren.

Positive Rückmeldungen von 2017. Screenshot: Michael Blume

Wer Religionen gegeneinander ausspielt, Unternehmer und Politikerinnen, Wissenschaftler und Journalistinnen, Ehrenamtliche und Künstlerinnen sowie Partnerschaften alleine aufgrund ihrer muslimischen Herkunft ablehnt und ausgrenzt, vertieft Gräben, wo Brücken zu bauen wären.

Rassismus legt uns alle auf vermeintlich feste Rollen und Eigenschaften bei unserer Geburt fest – als Frauen und Männer, als Deutsche verschiedenster Herkunft, als Schwarze und Weiße, als Reiche und Arme, als formal Gebildete und formal Ungebildete, als Nachfahren von Jüdinnen, Christen, Musliminnen, als vermeintliche Verschwörer, Kreuzritter, Minderbegabte. Wo immer wir uns mit solchen Zuschreibungen abfinden, vergeuden wir alle miteinander unwiederbringliche Potentiale einzigartiger Menschen.
Antisemitische Verschwörungsmythen hetzen uns darüber hinaus auch noch gegeneinander auf und führen zu noch mehr Hass und Gewalt.

Deswegen unterstütze ich die Woche gegen antimuslimischen Rassismus und bitte uns alle, die jeweiligen Mythen des Hasses und der Abwertung aus unseren Köpfen zu bekommen. Wenn wir zu uns selbst ehrlich sind, so werden wir in jeder Religionsgemeinschaft, in jedem Volk, in jeder Kultur und letztlich auch in uns selbst nie nur Gutes oder nur Schlechtes finden, sondern immer wieder eine Mischung.

Wir können einander also helfen, unsere jeweiligen blinden Flecke zu finden und miteinander, aneinander zu wachsen.

Dass sich der Islam in einer Krise befindet ist weder die Schuld der heutigen Muslime noch des Propheten und Koran und auch nicht einer vermeintlichen, jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung – sondern einer mehrhundertjährigen Verzögerung von Buchdruck und Bildung. Deswegen bringen uns gegenseitiges Beschuldigen und Aggressionen überhaupt nicht weiter, sondern nur möglichst gemeinsame Anstrengungen für ein besseres Morgen.

Es kommt jetzt darauf an, einander und insbesondere Verfolgten aktiv beizustehen, Dialog, Bildung, die Energiewende, legale und humanitäre Migrationswege sowie einen fairen Welthandel zu fördern. Denn wir sitzen nicht nur im gleichen Boot, sondern in der gleichen Arche. Umso länger wir brauchen, um uns als gleichberechtigte Teile der gemeinsamen Menschheit anzuerkennen und um gemeinsam tätig zu werden, umso schwieriger machen wir es unseren Kindern auf unserem kleinen, sich längst erhitzenden Planeten.

Quellen:

Whitfield, Susan et al. (2019): Die Seidenstraße. Landschaften und Geschichte. wbg

Shafak, Elif (2013): Die vierzig Geheimnisse der Liebe. Kein & Aber

Blume, Michael (2017): Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug. Patmos

Atwan, Abdel Bari (2016): Das digitale Kalifat. Die geheime Macht des Islamischen Staates. C.H.Beck

Weinstock, Nathan (2019): Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. Ca Ira

Vaas, Rüdiger & Blume, Michael (2013): Gott, Gene und Gehirn. Hirzel (U.a. zu Alphabeten & Hirnforschung sowie zu Religion & Demografie)

Puchner, Martin (2017): The Written World. How Literature Shaped History. Granta

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

47 Kommentare

  1. Die Beispiele und Definitionen, die hier für Rassismus gegeben werden passen doch auch bestens zum indischen Kastensystem. Man könnte sogar sagen, dass Kastensystem ist eine Reinform praktizierten Rassismus.
    Doch Indien kommt im ganzen obigen Text nicht vor. Aber das Beispiel Indien zeigt wohl, dass Rassismus wirklich universell ist und nicht einfach im 15. Jahrhundert erfunden wurde.

  2. Natürlich gehört der Begriff “Rasse” aus unserer Verfassung gestrichen. War die Formulierung des Art. 3 GG im historischen Kontext noch verständlich, ist sie heute – nachdem nun das menschliche Erbgut entschlüsselt und eine Unterscheidung des menschlichen Phänotyps in derart grobmaschige Kategorien eindeutig wissenschaftlich widerlegt und damit schlichtweg falsch ist – überflüssig und angesichts der wieder zunehmenden rassistischen Straftaten sogar gefährlich.
    Hier noch eine Botschaft eines gestern viel zu früh verstorbenen spanischen Weltliteraten an alle rassistischen Verschwörungsschwurbler, die Geschichte beschönigen und verfälschen, um sie offenbar neu auflegen zu wollen:
    “Die Vergangenheit verschwindet nicht, auch wenn sich die Narren noch so bemühen, sie zu vergessen, und die Betrüger, sie zu verfälschen, um sie abermals als neu zu verkaufen.”
    Carlos Ruiz Zafón, Das Labyrinth der Lichter, Frankfurt am Main, 2018.
    R.I.P., lieber Carlos Ruiz Zafón!🕯📚😢

    • Natürlich gehört der Begriff “Rasse” aus unserer Verfassung gestrichen.

      Ja, in Europa wird das Wort Rasse so verwendet, dass vielleicht Tiere, nicht aber Menschen darunter eingeordnet werden sollten.
      Doch in den USA 🇺🇸 ist das anders, dort wird kaum zwischen Rasse und Ethnie unterschieden. Im U.S.-Census, also den Volkszählungen, wird sogar eine Selbsteinschätzung erwartet, in der man sich einer der Rassen Weiss, Schwarz, Hispanisch, Indianer/Ureinwohner etc zuordnen kann.
      In Europa aber hat das Wort Rasse gemäss offizieller Definition eine biologische Bedeutung. Allerdings wird der Begriff im Alltag nicht selten als Synonym für Nicht-Deutscher verwendet: Nicht-Deutsche sind gemäss dieser Verwendung Anders-Rassig.

  3. Guter und umfangreicher Beitrag zu Situation der arabischen und muslimischen Welt, die auch heute noch nicht zu einem harmonischen Zusammenleben und stabilen Machtverhältnissen geführt hat – und es voraussichtlich auch nicht in den nächsten 20 Jahren tun wird. Die Muslime, die im Westen leben, machen wohl die Wirren in ihren Heimatländern mit – wenn sie es nicht geschafft haben, sich innerlich davon zu distanzieren.
    Saudiarabien, die Vereinigten arabischen Emirate und neuerdings die Türkei kämpfen um die Vorherrschaft im arabischen Raum und greifen in Konflikte in Ländern wie Ägypten (Installation von Al Sisi), Yemen, Libyen und Syrien ein. Und auch Russland spielt mit und will seinen Einfluss in dieser Region stärken. Die vielen verschiedenen Volksgruppen in dieser Region können eigentlich nur in Frieden miteinander leben, indem man sich gegenseitig toleriert und den vorhandenen Pluralismus akzeptiert. Doch genau das Gegenteil geschieht, weil jede Gruppe und Richtung die Oberhand gewinnen will.
    Eng damit verbunden ist die Suche nach einem Platz in der modernen Welt. Die wohlhabenderen arabischen Staaten wie Saudi-Arabien sehen sich hier noch sm besten platziert und haben ambitionierte Pläne. Wiederum sind aber Saudi-Arabiens Zukunftspläne unter Mohammed bin Salman nicht nur friedlich, sondern auch aggressiv und zielen auf eine Ausdehnung des Einflusses in der Region ab. Modernisierung bedeutet für bin Salman auch nicht etwa, dass er partizipativere, demokratischere Strukturen schaffen will, sondern vielmehr, dass er sein Land besser in der modernen Welt positionieren will. Dazu soll auch die Ölabhängigkeit des Königreichs zurückgehen, denn wenn sie das nicht tut, wird Saudi-Arabien und werden weitere ölreiche arabische Staaten ökonomisch wieder stark zurückfallen sobald der weltweite Erdölverbrauch zurückgeht. Doch solche Pläne gab es schon früher und sie haben sich nicht realisiert.
    Die Muslime leben also in spannenden Zeiten (in China wünscht man seinen Feinden spannende Zeiten) und es gibt wenig Aussichten darauf, dass sich das schon bald ändert. Denn wer soll das ändern? Russland etwa (welches mitmischt) ? Oder die USA, die sich weitgehend aus der Region verabschiedet haben ? Europa sicher nicht, denn Europa sieht wohl kein mögliches Engagement, welches über die Diplomatie hinausgeht. Europa ist zudem aussenpolitisch und militärisch keine Einheit. So unterstützt Italien die offizielle libysche Regierung während Frankreich den aufständischen Field Marshal Khalifa Haftar unterstützt ( unter anderem mit Waffenlieferungen).

  4. Der Schreiber und Feedback-Geber dieser Zeilen hofft, dass die BRD -entgegen bestimmter Einschätzung US-amerikanischer und russischer Dienste, die ihm vorliegen -, es schaffen wird ihre territoriale Integrität bis zumindest 2030 zu wahren.
    Das, was aus Sich einiger zu Deutschland gehören soll (Wie eigentlich, da fehlte das Adverb, war ‘normativ’ gemeint?), war gemeint.
    Good luck, gentlemen!

    Mit freundlichen Grüßen und einen schönen Tag des Herrn noch, wie auch den humanistischen Gruß meinend
    Dr. Webbaer

    • Da habe ich überhaupt keine Sorgen, @Webbaer. Allerdings gehe ich davon aus, dass #Covid19 noch nicht überwunden ist und noch mit vielerlei Verwerfungen einhergehen wird. Und bereits jetzt zeichnet sich eine Eskalation der Klimakrise ab, übrigens gerade auch in Russland.

      Demokratische Regierungen sind bislang deutlich erfolgreicher in der Bewältigung dieser Krisen als Populisten und Diktatoren.

      Es wird intensiv.

      • Und bereits jetzt zeichnet sich eine Eskalation der Klimakrise ab, übrigens gerade auch in Russland.

        Rußland ist groß, irgendwo werden sie auch Klimawandelverwerfungen bekommen.

        Aber insgesamt nehme ich Rußland unter dem Strich wahr als Gewinner der Klimakrise? Der Permafrost in Sibirien schmilzt, das Klima wird erträglicher, die reichen Bodenschätze werden viel leichter zugänglich werden. Rußland ist auf dem Weg zum Super-Rentierstaat.

        • Meinen Sie, @Alubehüteter? Die Öl- und Gaspreise sind schon jetzt im Keller, während die Erzeugerpreise für erneuerbare Energien immer weiter sinken. Wie sollte sich da Russland dauerhaft als “Super-Rentierstaat” stabilisieren können? Oder setzen Sie auf die demografisch schrumpfende, russische Bevölkerung und entsprechend steigende Pro-Kopf-Erlöse?

        • Das Schmelzen des Permafrostes ist wohl alles andere als ein Segen. Nicht nur, dass tonnenweise Methan und CO2 freigesetzt werden, sondern auch Viren- und Bakterienstämme, die im Eis langjährig überleben können. So ist vor wenigen Jahren ein Kind an Milzbrand gestorben. Der Erreger befand sich an einem aufgetauten Kadaver und wurde wohl über ein Rentier weiter auf den Jungen übertragen. 😥

      • Demokratische Regierungen sind bislang deutlich erfolgreicher in der Bewältigung dieser Krisen als Populisten und Diktatoren.

        Das schreibt sich so leicht. Aus Baden-Würtemberg. Hier in Nordrhein-Westfalen erleben wir das gerade anders.

  5. Zitat:

    So sprach man noch in den 1990er-Jahren hier in Baden-Württemberg kaum von Religionen, sondern unterteilte die Menschen nach ihren Herkunftsstaaten – als Italienerinnen, Jugoslawen, Griechinnen, Türkinnen, Russinnen, Araber, Ost- und Westdeutsche.

    Ja, früher sprach man von Türken oder Menschen aus dem Maghreb und bei der Bezeichnung Türke dachte ich nicht in erster Linie an den Islam. Der Bericht Lebenswelten junger Muslime in Deutschland des Bundesministeriums des Innern überraschte mich deshalb, weil es in Bezug auf Immigranten plötzlich in erster Linie um ihre Religion ging.
    Liest man den Bericht durch, stellt man einen Schwerpunkt und Fokus auf dem Thema Extremismus/Radikalisierung fest. Darum also, habe ich mir da gedacht, werden nun alle Migranten aus islamischen Ländern einfach nur noch als Muslime angesprochen : weil sie bei entsprechender Interpretation ihrer Religion sich zu Extremisten und Terroristen entwickeln könnten.
    So gesehen ist der Titel des Berichts Lebenswelten junger Muslime in Deutschland irreführend und unehrlich. Viel ehrlicher wäre ein Titel wie „Gefahr durch islamischen Extremismus/Terrorismus verübt durch Migranten gewesen, denn im Kern ging es um diese Frage und gar nicht um die Lebenswelten junger Muslime. Doch so ein Titel ( der die Wahrheit und Absicht offen nennt) wäre nicht akzeptabel gewesen und wurde deshalb durch Schönfärberei ersetzt.

    In meinen Augen ist es aber höchst problematisch, Einwanderer aus muslimischen Ländern zuerst einmal als potenzielle Extremisten/Terroristen zu sehen, denn dadurch ändert man den Blickwinkel und wohl auch jede Begegnung: Man lebt dann nicht mehr Seite an Seite mit einem Marokkaner oder Türken, sondern Seite an Seite mit einem Menschen, der selbst oder dessen Söhne und weitere Familie gefährlichem Gedankengut ausgesetzt gewesen sein könnte.
    Das ändert so ziemlich alles.

    • Ja, @Martin Holzherr – davor gängige Vergleiche etwa zu den Bildungsverläufen von Migranten russischer oder italienischer Herkunft fielen fast völlig aus Diskussion und Wahrnehmung.

      Allerdings muss ich zur Verteidigung öffentlich geförderter Forschung auch sagen, dass diese auf zentrale Fragen und Sorgen einzugehen hat. Grundlagenforschung hat da größere Freiräume, aber leider oft zu wenig Ressourcen…

  6. Islamgegnerschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass intrinsische Misogynie , Schwulenfeindlichkeit, Feindschaft gegenüber Apostaten, Häretikern und Kritikern der hier gemeinten Veranstaltung vereinbart wird.
    Dr. W rät diesbezüglich und insgesamt zur Sorgsamkeit an.
    Direkt gepaart werden mit dem, was aus Sicht einiger zu Deutschland gehören soll, muss sich womöglich nicht.
    Gelle?

    Mit freundlichen Grüßen und einen schönen Tag des Herrn noch, wie auch humanistischerseits und das Beste wünschend,
    Ohren steif halten!
    Dr. Webbaer

    • Klar, @Webbaer – wie in bereits mehreren Folgen dieses Podcasts dargestellt, können auch Betroffene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) durchaus solche gegen andere richten. Umgekehrt ist es natürlich blödsinnig, eine Form von GMF durch solche Verweise wiederum rechtfertigen zu wollen. Entweder wir bekämpfen Hass und Verschwörungsmythen – oder wir schüren sie.

      Aber das wissen Sie natürlich längst alles.

      Ich hoffe, die Folge hatte sonst ein paar neue Aspekte für Sie.

      Beste Grüße, @Webbaer!

  7. Hmja, lieber Herr Dr. Michael Blume, bei diesem Satz müssen einige, womöglich Sie selbst, ein wenig schmunzeln :
    -> ‘Statt einer Islamisierung erleben wir eine massive,
    weltanschauliche Pluralisierung.’

    Dieser Satz stammt von Ihnen und einige sehen schon eine zunehmende Tabuisierung der eigentlich in der Liberalen Demokratie vorgesehenen möglichst offenen Debatte, die als Diskurs von der Freiheit der individuellen Meinungsäußerung lebt.
    Niemand wird die einwandernde Islamisierung kritisieren, dem bundesdeutsch an Karriere außerhalb der “bösen” Rechtspartei gelegen ist.
    Am besten wird die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, eine Entwicklung aus Bielefeld, auch von einem gewissen Ulrich Bielefeldt promoviert, deshalb kann sich Dr. Webbaer diesbezügliche Sozialfroscherei gut merken, am einwandernden theozentrischen Kollektivismus mit bemessen.
    Er sorgt für Cancel Culture, Ausgaben dieser Art und explizit für die Eindämmung von Debatte, Eckart von Hirschhausen amüsierte sich beispielsweise ebenfalls darüber, auch Harald Schmidt ist nicht so-o blöde darüber Späßchen zu machen, er sagt dies klar.

    Es sieht mau aus, Kollego.

    Mit freundlichen Grüßen und 20 Minuten zu spät noch einen schönen Tag des Herrn wünschend,
    Ihr Dr. Webbaer
    ->

    • Ja, @Webbaer – für Ihre eher schwache Identität bleibt das Feindbild „Islamisierung“ wichtig. Dass es auch unter Menschen muslimischer Herkunft massive Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse gibt (bis hin zu Übertritten zu anderen Religionen), das ärgert Sie. Denn wenn Sie sich ehrlich mit den Fakten auseinander setzen würden, dann bliebe von Ihrer schwulstigen „Islamfeindlichkeit“ ja nur noch ordinärer Rassismus übrig…

      Vielen Dank, dass Sie mich mit Ihrer Menschenfeindlichkeit und Ihrer Opferrolle („Tabuisierung der Offenen Debatte“ 🤣) immer wieder zur wissenschaftlichen Aufklärung motivieren. Gerne mache ich – auch für Sie – weiter. 🤓🙏🌈

      • Huch, Dr. W wollte nett sein – und dann wieder dies :

        Vielen Dank, dass Sie mich mit Ihrer Menschenfeindlichkeit und Ihrer Opferrolle („Tabuisierung der Offenen Debatte“ []) immer wieder zur wissenschaftlichen Aufklärung motivieren.

        Ist das denn bei Ihnen verstanden worden, siehe Kommentar weiter unten, dass Sie Dr. Webbaer für eine Person hält, mit der sich gerne auseinandergesetzt werden kann, die eigene, originäre Meinung vertritt und auch neuert sozusagen. abär auch “ein wenig” grob und explosiv ist?

        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer (der wieder nichts, weil vom Thema weggehend, gegen “Moderation” hätte, Ihnen abär schon gerne beibringen, Sie so benachrichtigen möchte, Sie gut zu finden, vergleichsweise)

        • Das passt schon so, @Webbaer – ich habe gelernt & verstanden, dass es autoritäre Persönlichkeiten ein bissle robuster brauchen, Kuschelpädagogik instinktiv verabscheuen… 😉

          Aber wo Sie schonmal dabei sind: Wie erklären Sie sich eigentlich als „Islamisierungs“-Mythologe den erhöhten Alkoholkonsum auch unter jungen Menschen muslimischer Herkunft? Könnte dies vielleicht doch auf Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse hinweisen? 🤔

          Bin ehrlich gespannt auf Ihre hoffentlich verständlich formulierte Antwort. 🤓📚✅

          • Ihre ‘Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse’ sieht Dr. W nicht, nur das Gegenteil davon.
            Halten Sie es gerne für möglich, dass der hier gemeinte Primat wieder in Barbarei und Tribalismus zurückfallen könnte.
            Ansonsten, sehr nett, Sie haben es als Antisemitismusbeauftragter bisher wohl auch nicht versaubeutelt, Dr. W wird Sie stets verteidigen, sollten sich gelegentlich mal “Missverständnisse”, auf liberaler oder politisch rechter Seite auftun.
            Gegen gegenseitiges Grundvertrauen hätte Opi W nichts.

        • @ Dr. Webbaer
          Auffallend ist in Ihren Beiträgen die wiederholte Verwendung der illeistischen Form. Das Reden von sich selbst in der dritten Person wird ja häufig benutzt, um eigenem zweifelhaften Denken und Tun den Anschein von Objektivität und Sachlichkeit zu geben. Bestes historisches Beispiel ist unser Bello Gallico Julius Caesar.
          Neuere psychologische Forschungen haben überdies ergeben, dass es Probanden bei der Aufarbeitung ihrer Probleme signifikant geholfen hat, Selbstgespräche nicht ich-bezogen, unter Benutzung des eigenen Namens zu führen, sondern in der 3. Person, da auf diesem Wege weniger emotionale Aktivität im Gehirn gemessen wird. Eine solche, womöglich hilfreiche Selbstdistanzierung sollte man dann aber mit sich selbst ausmachen, anstatt andere in öffentlichen Foren zu beleidigen. Als beleidigend empfinde ich übrigens schon die Verwendung des Attributs “humanistisch” für Ihre Grüße am Ende Ihrer Beiträge, die bedauerlicherweise eine ganz andere Sprache sprechen.

          • Howdy!

            Hierzu kurz :

            Eine solche, womöglich hilfreiche Selbstdistanzierung sollte man dann aber mit sich selbst ausmachen, anstatt andere in öffentlichen Foren zu beleidigen. Als beleidigend empfinde ich übrigens schon die Verwendung des Attributs “humanistisch” für Ihre Grüße am Ende Ihrer Beiträge, die bedauerlicherweise eine ganz andere Sprache sprechen.

            Es ist schon manchmal OK andere herabzusetzen, gar zu beleidigen, Ihre Nachricht war ja auch nicht gerade nett, Dr. W hat Dr. B aber womöglich nie beleidigt, denn den findet er ja eckig, kantig und gut.
            Illeismus ist natürlich ein Problem, Dr. W ist schon se-ehr erfahren im Web, als Early Adaptor, und tritt insofern als Kunstfigur auf, was ihm einiges ermöglicht und ein wenig Schärfe aus seinen Aussagen nimmt – Webbaeren sind keine Kuscheltiere – und er ist natürlich (“geboren”, vgl. mit ‘nascere’) durch und durch humanistisch (und liberal).
            Der Mensch ist ja nicht nett, vielleicht könnte dies allen (ebenfalls Carnivoren) klar sein, es ist das aufklärerische Gesellschaftssystem, die liberale Demokratie ist gemeint, das ihn domestiziert.
            Sicherlich könnte Dr. W noch ein wenig besser werden.
            Sind Sie die Philosophin, die sich manchmal bei den Scilogs meldet, seit 2018 aber nichts mehr publiziert hat?

            MFG – Wb

      • @ Michael Blume
        21.06.2020, 22:54 Uhr

        Dass es auch unter Menschen muslimischer Herkunft massive Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse gibt (bis hin zu Übertritten zu anderen Religionen), das ärgert Sie.

        Ich finde ja erstaunlich — Ein veganer Koch, der sich viel zu eitel mehrfach täglich googelt, als daß ich seinen Namen hier erwähnen möchte, emotionalisiert und verstört als tiefgläubiger Christ, als vor allem Rechtsextremer, von dem noch nicht ganz klar ist, wie weit er nicht nur auf eine militärische Befreiung Deutschlands von der „Merkel-Diktatur“ („schlimmer als Hitler!“) durch Trump, sondern auch auf Freunde aus Neuschwabenland setzt, und faselt herum was von Hooton-Plan und Umvolkung und Verchippung und und so weiter (hatte er schon Chemtrails?). Und ist dabei unverkennbar anatolischer Herkunft. Und wird dabei assistiert von einem sichtbar Indischstämmigen aus Südafrika.

        Ich hatte mir die Integration unserer einst ausländischen Mitbürger eigentlich einmal anders vorgestellt. Aber mit einer lesbischen AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden hätte ich auch nicht gerechnet. Integration und Normalisierung finden wohl anders statt als gedacht; immerhin und Hauptsache, sie finden statt. Sofern hier Menschen auf diesem Wege immerhin genötigt sind, anzuerkennen, daß es ja auch „Ausländer“ gibt, die „eigentlich ja doch ganz in Ordnung sind“, ist ja auch schon mal was.

        Daß eine blauäugige Blondine wie Eva Hermann mit Xavier Naidoo … die sind schon viel weiter, als sie sich zugestehen.

    • @Dr. Webbaer, 23.06.20, 01.04 Uhr
      Ne, ich bin Juristin und daher eine Freundin klarer und eindeutiger An- und Aussagen, die gerne auch mit etwas Esprit und Satire gewürzt sein dürfen, so lange ihre Konturen dadurch nicht vollständig verschwimmen und man am Ende der Lektüre nicht mehr weiß, was der “Künstler” dem ordinären Publikum eigentlich sagen will. In den Kommentarspalten bin ich seit April neu, wobei ich die Beiträge ausschließlich nach ihrem Inhalt (ein-)schätze und es mir gleichgültig ist, ob sie von einem “alten Web-Hasen” oder einem Neuling verfasst worden sind. –
      Ihre düstere Prophezeiung, wonach Deutschland im Jahre 2030 ein muslimisches Land sein werde, erinnert doch stark an entsprechendes pegidisches Verschwörungsgeschwurbel; es unterstellt jeder Muslima, jedem Muslim doch wenigstens einen Hang zum islamistischen Terrorismus. Dies steht im Widerspruch zu der von Ihnen für sich immer wieder- meist schon im Folgesatz – reklamierten freiheitlich-demokratischen und humanistischen Grundeinstellung. Und, ja, der Islam ist ein Teil Deutschlands. Immerhin haben muslimische “Gastarbeiter” dieses Land mit aufgebaut und sind inzwischen generationsübergreifend zu wertvollen Mitbürgern geworden. Leider wird dies oft vergessen.
      Und, nein, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist eben keine zu belächelnde “Bielefelder Erfindung”, sondern eine auf jahrelanger interdisziplinärer Forschung beruhende, empirische Erhebung über Ressentiments gegenüber Andersaussehenden, Andersdenkenden, Andersglaubenden, eine andere Kultur und/ oder einen anderen Stil Lebenden und damit über den Zustand unserer Gesellschaft. Und ähnlich wie @Martin Holzherr in seinem Beitrag vom 21.06., 18.15 Uhr, sehe ich auch bei Vertretern unserer Regierung, die also – um mit Ihren Worten zu sprechen – durchaus auch ausserhalb der “bösen” rechten Partei “Karriere” gemacht haben, entsprechend befremdliche Tendenzen. Erinnert sei nur an das nette Zitat unseres Innenministers von der Migration als “Mutter aller Probleme”. Den “Vater” des Problems einer sich derzeit stark rückwärts wendenden zivilisatorischen Entwicklung sehe ich vielmehr in der GMF.
      Letztlich darf ich Ihnen aber in Ihrer freundlichen Toleranz höflichst dafür danken, dass Sie überhaupt mit mir kommunzieren, ohne dass ich mich zu den von Ihnen angesprochen Herren “gentlemen” zählen darf 😉… . Ihnen alles Gute!

      • Und, ja, der Islam ist ein Teil Deutschlands. Immerhin haben muslimische “Gastarbeiter” dieses Land mit aufgebaut und sind inzwischen generationsübergreifend zu wertvollen Mitbürgern geworden.

        Die These des “Aufbau” durch die “Gastarbeiter” speziell der Türken ist nach meiner Erfahrung ein Mythos. Die ersten Türken kamen 1961 nach Deutschland, wo ein großer Teil der Trümmer beseitigt wurde und die Städte wieder bewohnbar waren. Und ich weiß das aus eigener Anschauung.

        Erinnert sei nur an das nette Zitat unseres Innenministers von der Migration als “Mutter aller Probleme”.

        Was Migration angeht, so haben auch die klassischen Einwanderungsländer schon klare Vorgaben für die Berechtigten.Sihe Australine und Kanada.

        Gruß
        Rudi Knoth

        • Ne, Rudi Knoth, Mythen werden durch Fakten knallhart widerlegt.
          Das Wegräumen der Trümmer allein hat noch kein “Wirtschaftswunder” bewirkt.
          Die Leistungen – auch der türkischen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten – sind belegt.

          Anbei ein Link:
          https://www.spiegel.de/geschichte/tuerkische-gastarbeiter-1964-hoffnungsfroh-und-optimistisch-a-1140080.html

          Etwas vage zu bestreiten ist eine Sache. Dies mit Substanz zu tun, eine ganz andere und die einzig akzeptable und glaubhafte Möglichkeit, Menschen von seiner Ansicht überzeugen zu können.
          Was genau widerlegt denn angesichts der im Link beschriebenen Fakten die Leistung der türkischen Migrantinnen und Migranten und ihren Anteil am Erfolg der bundesdeutschen Wirtschaft?
          Sie reden von Ihrer “eigenen Anschauung” und dies ist ebenso unbestimmt wie nichtssagend.
          Ich selbst bin in der DDR aufgewachsen. Um meine präferierte Wissenschaft studieren zu können – damals bevorzugte ich noch Kulturwissenschaften – , musste ich ein Jahr in der Produktion absolvieren. Denn meine Eltern zählten beide zur “Intelligenz” und in der DDR wurde Wert darauf gelegt, dass Kinder von Arbeiterinnen und Arbeitern mindestens den gleichen Zugang zur Bildung bekamen. Durch das produktive Jahr konnte ich den Sozialstatus “Arbeiterklasse” schließlich erreichen.
          Eine solche “Gleichbehandlung” mochte per se nicht einmal ein falsches Ziel gewesen sein, führte aber letztlich zu einer umgekehrten Privilegierung und adäquaten Benachteiligung.
          Schließlich konnte ich auch nichts dafür, dass meine Eltern LehrerInnen und keine FabrikarbeiterInnen waren.
          Im Nachhinein bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich ein Jahr lang als sehr junger Mensch im Dreischichtsystem in der Produktion gesammelt habe.
          Unsere “GastarbeiterInnen” kamen damals vorwiegend aus Vietnam.
          Sie wurden in offensichtlicher Unkenntnis geographischer Kenntnis und aus rassistischen Gründen von den meisten deutschen Kolleginnen und Kollegen als “Fidschis” beschimpft. Antifaschismus, Antirassismus und Humanismus lassen sich – so die traurige historische Erkenntnis – eben nicht per dekretierter Ideologie verordnen.
          Ich hatte damals eine gute Freundin aus Ho-Chi-Minh-Stadt, die mich menschlich durch ihren großen Fleiß beeindruckt hatte.
          Wie oft habe ich sie vergeblich zu überreden versucht, unsere Jugend zu genießen und in der Freizeit bspw. eine Disco zu besuchen. Aber sie war, anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, immer bemüht, so viel wie möglich zu verdienen und die Norm weit über das Maß zu erfüllen, um ihrer Familie in Vietnam das bestmögliche Leben zu gewährleisten, so dass sie am Ende der Schicht vollkommen übermüdet und – für eine pubertierende und vergnügungssüchtige Freundin wie mich – nicht zu gebrauchen war. 🙁
          Ich denke, dass es vielen – auch türkischen – Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern in Westdeutschland ähnlich erging und es tut mir – angesichts meiner Erfahrungen – persönlich weh, wenn deren Leistungen nicht anerkannt und sie überdies noch rassistisch beleidigt werden.

          • Ne, Rudi Knoth, Mythen werden durch Fakten knallhart widerlegt.
            Das Wegräumen der Trümmer allein hat noch kein “Wirtschaftswunder” bewirkt.

            Die Sache war wirklich anders. Das “Wirtschaftswunder” begann bevor speziell die türkischen “Gastarbeiter” angeworben wurden. Übrigens kam meine Mutter 1958 aus der DDR und ihr wurde vorgehalten, daß sie “sich ins gemachte Nest setzte”. Und das war vor 1961. Die Wirtschaft brauchte also Arbeitskräfte, weil auf jeden Fall die Industrie “aufgebaut” war. Dies bestätigte auch der von Ihnen verlinkte Artikel.

            Wie gesagt verstehe ich unter “Aufbauen” den Bau von Wohnungen und Fabriken.

            Gruß
            Rudi Knoth

  8. Zitat:

    Während wir uns also eigentlich als Menschheit gegen den rapide voranschreitenden Klimawandel stemmen, Armut und fehlende Bildung überwinden sollten, verlieren wir uns zu Millionen in Verschwörungsglauben, Rassismus, Hass und Gewalt.

    This is the way the world ends, not with a bang, but a whimper (T.S.Elliot)
    Apokalyptiker erwarten, dass die Welt mit einem grossen Knall untergeht. Aber das muss nicht so sein, die Welt könnte auch in geistiger Umnachtung enden: Verschwörungsglauben und sinnlose innere Streitigkeiten und Aggressionen könnten in einer Art globalem Alzheimer resultieren in der die Menschheit wie in einem grossen Sumpf stecken bleibt.

    • Und dafür spräche m.E., dass wir evolutionär natürlich viel besser für schnelle und direkte Reaktionen ausgerüstet sind als für die Wahrnehmung abstrakter, globaler Prozesse… 🤔 Was meinen Sie dazu, @Martin Holzherr? Hätten Sie dazu ggf. ein paar Ideen? 🤓✅✊

  9. Eine recht weit verbreitet Fähigkeit zum Schreiben gab es schon vor der Alpabetschrift.
    In der Zeit des “Alten Babylon” geht man von einer großen Verbreitung von “Functional Litracy” in der Bevölkerung aus. D.h. die Bevölkerung war in der Regel dazu in der Lage einfache Text wie Briefe, Verträge u.ä. ohne die Hilfe eins Schreibers zu erledigen. Die Fähigkeit selber Schreiben zu können war mit einem hohen Prestige versehen, daher war es sehr attraktiv dieses zu können. Da die Keilschrift problemlos einen Zugang in verschiedenen Schwierigkeitsgraden ermöglichte, kam man man auf diesem Niveau mit relativ wenigen Zeichen aus.
    In der vorherigen Zeit “Ur-III” genannt, war die Schrift noch deutlich stärker ein Privileg der Machtzentren, Tempel, Palast und (Gross)handel.
    Texte wie Gilgamesh o.ä. waren auf diesem Niveau natürlich nicht möglich.

    siehe
    Wilcke, Claus. 2000. Wer las und schrieb in Babylonien und Assyrien . Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaft en Philosophisch-historische Klasse. 2000/6. München: Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaft en.

    Charpin, Dominique. 2004. ‘Lire et écrire en Mésopotamie: une aff aire de spécialistes?’
    2008. Lire et écrire à Babylone . Paris: Presses Universitaires de France.

    aber auch

    Niek Veldhuis Professor of Assyriology Department of Near Eastern Studies · University of California, Berkeley.

    Die erste Alphabetschriften basierten auch auf der Keilschrift (Ugarit ~1400 BCE). Allerdings ist diese vor allem für Ton und nicht für Leder oder Papier geeignet gewesen. Ergo war u.U. später das Schreibmedium entscheidend für die Wal der passenden Schrift.
    “Clay tablets written in Ugaritic provide the earliest evidence of both the North Semitic and South Semitic orders of the alphabet, …”
    https://en.wikipedia.org/wiki/Ugaritic_alphabet

    • Keine Einwände, @einer. 🙂

      Schön auch, dass das schon vor Ugarit auf dem Sinai aufgetauchte Alphabet hier mit “Nord- und Südsemitismus” verknüpft wird.

      Parallel dazu entschlüsseln auch genetische Studien die sog. Völkermordmythen als nachträgliche Identitätskonstruktionen:
      https://www.timesofisrael.com/study-shows-canaanites-israelites-biblical-frenemies-kept-genetic-integrity/

      Dem Podcast dürften Inhalte noch auf lange Sicht nicht ausgehen…

      • Ach da ist ja der Finkelstein wieder.
        Wie Mesopotamien zuvor war das Gebiet Israel halt schon immer ein Migrationsgebiet, daher sind auch da keine großen genetischen Unterschiede zu erwarten.
        Wobei die Story der Landnahme aus der Bibel natürlich zu solchen Interpretation oder Spekulationen einlädt und leider auch noch heute für die Politik relevant ist.

        • einer
          23.06.2020, 13:16 Uhr

          Wobei die Story der Landnahme aus der Bibel natürlich zu solchen Interpretation oder Spekulationen einlädt und leider auch noch heute für die Politik relevant ist.

          Hat jemand gute Einwände gegen die These, daß diese Landnahme so nie stattgefunden hat? So habe ich das mitbekommen, daß sich z.B. auch archäologisch keine Neuzuwanderer nachweisen lassen, aber ich bin da wahrlich kein Fachmann für.

          Was um so mehr die Frage aufwirft, warum diese z.T sehr blutrünstigen Geschichten erzählt werden. Die ja für historisch bare Münze genommen waren – Und Vorbild, ja, Blaupause für die Ausrottung der indgenen Nordamerikaner etwa.

          • Ich denk nicht, dass es da noch ernst zu nehmende Einwände geben könnte. Dafür ist u.a. der archäologische Befund zu eindeutig. Das gilt auch für die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten.
            (siehe u.a. Israel Finkelstein, keine Posaunen vor Jericho, das vergessene Königreich etc.)

            Warum die Geschichte so erzählt wurde, weiss ich nicht. Vielleicht war das halt eine einfache Möglichkeit ein Wir-Gefühl zu erzeugen – Religion ist ja auch immer und vor allem Politik.
            Das Blöde ist dabei natürlich, dass man den “Feinden” damit auch gleich noch Argumente liefert, warum man in Israel eigentlich nichts zu suchen hat.
            Anderswo wurden und werden solche Geschichten ja gerade erfunden, um vermeintliche Eindringlinge zu diffamieren.

            Natürlich ist auch Exodus und Numeri kein Tatsachenbericht, sondern ein Mythos um Gottes Macht, nur wurde und wird gerade diese Passage wohl meist wörtlich interpretiert. Je nachdem von welche Seite man kommt, finden hier sowohl Juden als auch Palestinenser (und wer noch alles) eine religiöse Vorlage für ihren gegenseitigen Hass.

  10. Alubehüteter,
    ….blutrünstige Geschichten…..
    die Israeliten leben / lebten nun mal zwischen Euphrat und Nil.
    Dieses Gebiet war Kampfgebiet zwischen den Ägyptern und Babyloniern.
    Daraus etwas abzuleiten ? Die Nomadenvölker dazwischen mussten damit leben.

    • @H.Wied wenn sie die Thora lesen, wird ihnen auffallen, dass an der Landnahme keine der damaligen Supermächte beteiligt waren.

      Erst wird Abraham bzw. dessen Nachkommen das Land in dem er noch ein Fremder ist versprochen. (… Die Kanaaniter waren damals im Land. Genesis 12:6 )
      Dieses wird auch noch mehrfach bekräftigt, auch in Exodus den angeblich befreiten Sklaven.
      In Numberi 13 wird für die Inbesitznahme dieses Landes von Gott ein kriegerische Eroberung “vorgeschlagen”.
      Und angeblich, so der bibl. Text, ist das dann so passiert.

      Das ist eine sehr blutrünstige Geschichte .. einen Versuch der friedlichen Einwanderung kennt der bibl. Text da leider nicht.

      Gut das dass so nie passiert ist.

  11. Dass das Josuabuch die Ansiedlung der Israeliten in Kanaan ahistorisch als Vernichtungsfeldzug darstellt, wird aus historischen Analogien, der Situation der Autoren bei der Abfassung und aus ihren theologischen Absichten erklärt. Sie folgten einem altorientalischen Schema, den bestehenden Landbesitz auf den Auftrag ihrer Gottheit zurückzuführen: Diese habe befohlen, das Land zu unterwerfen und die Vorbewohner zu vernichten, falls diese Widerstand leisteten. Eine solche Kriegsideologie belegen etwa die Meschastele für die Moabiter sowie zahlreiche Königsinschriften und Feldzugsberichte aus dem jüngeren Assyrerreich (beide aus dem 9. Jahrhundert v. Chr.). Aus diesen Vorbildern entnahmen die biblischen Autoren die Idee der „Vernichtungsweihe“, …

    https://de.wikipedia.org/wiki/Landnahme_der_Israeliten#Biblische_%C3%9Cberlieferung

    Aus Babylon oder Sumer kennt man diese Ideolgie im Übrigen nicht, da galt das in der Regel “nur” für die unterlegenen Könige und explizit nicht für Priester etc.

  12. einer,
    theologische Weisheiten aus der Thora abzuleiten, das überlasse ich den Rabbis.
    Geschichtliche Fakten aus der Thora abzuleiten, das bleibt umstritten. Wer sich mit Übersetzungen beschäftigt hat, der weiß, dass es oft nur an einem Wort hängt, wie ein Text ausgelegt wird. Was soll den Landname bedeuten? Da geht es doch nur um Wasserrechte.

    • Mit Landnahme ist die kriegerische Eroberung von bewohntem Land gemeint.

      Siehe Jos 12:1 ff Dies sind die Könige des Landes, die die Israeliten schlugen und deren Land sie einnahmen jenseits des Jordans…

      Wie kommen Sie auf die Idee, es ginge “nur” um Wasserrechte?

  13. Den Begriff „Geburtenjihad“ habe ich erstmals irgendwann Ende der 1990er in Belgrad über den Kosovo-Krieg bzw. den Kosovo-Albaner gehört, die durch Islamisierung und genannten G. die Serben aus diesem Gebiet verdrängt hätten.

    • Tatsächlich ist der damals sog. „Krieg der Bäuche“ zwischen Serben & Albanerinnen eine Bestätigung der biblischen Mahnung, einander nicht so zu bedrängen „wie in Ägyptenland“: Denn die diskriminierte Gruppe wird schon mangels Perspektiven & Alternativen gerade auch für Frauen höhere Geburtenraten erzielen als die Unterdrückenden. So ging gerade auch der serbische Anspruch auf den Kosovo schließlich durch den antimuslimischen Rassismus zugrunde. Eine demokratische und faire Integration inklusive Dialog hätte dagegen zu einem – auch demografischen – Miteinander führen können…

  14. Ich gebe noch diesen Artikel zur Diskussion über das Thema Islamkritik und Rassismus. Wie stehen Siie zu folgendem:

    Aus wissenschaftlicher Blickrichtung sehe ich die Bezeichnung “Antimuslimischer Rassismus” eher kritisch, um hier höflich und zurückhaltend zu formulieren. Rassismus meint eigentlich ein ideologisches Konstrukt, wobei aus angeblichen oder tatsächlichen ethnischen Besonderheiten bestimmte Merkmale abgeleitet werden, welche man wiederum allen Angehörigen der gemeinten Gruppe in einem abwertenden Sinne zuschreibt.

    Kann es in Ihrem Sinne eine Kritik am Islam geben, die nicht rassistisch ist?

    Gruß
    Rudi Knoth

    • Selbstverständlich kann man den Islam als Religion und das historische sowie gegenwärtige Verhalten von Musliminnen und Muslimen so kritisieren wie jede andere Religion auch, lieber @Rudi Knoth. Ich habe ja auch selbst u.a. ein Buch “Islam in der Krise” und einen Beitrag zu “Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland” geschrieben und über beide Texte auch mit gläubigen Musliminnen und Muslimen konstruktiv diskutiert:
      https://www.youtube.com/watch?v=aCgN5dsls0M

      Herzliche Grüße!

  15. Zitat aus einer Buchbesprechung im Deutschlandfunk:
    “Israel stellt dei Souveränirät des jüdischen Volkes über die demokratischen Rechte aller Anderen “

    Wie wäre es mit einer ausführlichen Besprechung des heute im DLF besprochenen Buches (siehe untenstehenden Link) in einem speziellen Blogartikel? Wäre das nicht eine hervorragende Ergänzung zur speziellen Agenda des Betreibers dieses Blogs bzw. seiner Artikelserie auf diesem Portal?

    https://www.deutschlandfunk.de/israel-eine-utopie-philosoph-omri-boehm-uebt-kritik-an.1310.de.html?dram:article_id=479382

    Es grüßt
    L.L

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