The Messiah / Al-Masih auf Netflix – Religionswissenschaft als Serie

Zum Jahresbeginn des Jahres 2020 – im christlich-gregorianischen Kalender, der sich aber längst überkulturell globalisiert hat – erschien auf Netflix eine neue Serie, die es in sich hat: Der Messias, The Messiah (engl.), Al-Masih (arab.). 

Schon die Eingangsszene hat es in sich: Als Truppen des selbsternannten “Islamischen Staates” / Daesh die syrische Hauptstadt Damaskus belagern, tritt ein junger Prediger in gelbgoldener Robe auf und verkündet mit Koranversen das Kommen des Gottesreiches. Kaum hat ein Sandsturm die Terroristen vertrieben, sammeln sich Anhängerinnen und Anhängern um den Mann, der al-Masih – der Messias – genannt wird und bei dem es sich nach alten, islamischen Überlieferungen um Jesus selbst halten soll. Oder aber – nach anderen Überlieferungen – um den Dajjal, den Antichristen, der nur vorgibt, der wahre Messias zu sein…

Und schon dieser Filmstart hat es für den Religionskundigen in sich, da ja gerade auch der “Islamische Staat” für sich in Anspruch nahm, die Erfüllung alter Prophezeiungen zu sein – und unter anderem mit dem Titel seines Internet-Magazins “Dabiq” auf ihre messianische Erwartung anspielten. Demnach werde Jesus (!) an der Seite des IS, verstärkt durch die Nachkommen von Sklavinnen gegen die “Kreuzzügler” siegen und ein weltweites Kalifat begründen. Doch der Netflix-Messiah wendet sich gegen den IS und später auch gegen jeden religiösen Heilsexklusivismus – seine Botschaft richtet sich an Juden in Israel ebenso wie an Muslime in Syrien und Christen in Texas, ausdrücklich auch an den mormonischen US-Präsidenten.

Wird hier die Apokalypse (“Enthüllung”) verfilmt? Oder handelt es sich, wie die krebskranke CIA-Agentin Eva (!) vermutet, nur um einen gefährlichen Betrug? Ist al-Masih ein Heiliger oder Opfer psychischer Wahnvorstellungen? Bekehrt oder betrügt dieser Mensch seine wachsende Anhängerschaft? Und mit wessen Hilfe, und warum?

Schon diese Filmidee an sich wäre interessant, Netflix hat sie aber auch filmisch brillant und mit starken Charakteren umgesetzt. Es gibt hier kein einfaches gut gegen böse, sondern auf jeder Seite, in jedem Volk, in jeder Religion und Weltanschauung Menschen, die zwischen Hoffnung und Zweifeln schwanken. Wir treffen auf ergebene Gläubige und verdammende Fundamentalisten ebenso wie auch komplexe Atheistinnen und Zyniker der Macht, die die Politik vor religiösen Einflüssen “schützen” wollen. Für die Zuschauerin, den Zuschauer ergibt sich damit ein Wechselbad der Gefühle, die mit der eigenen Skepsis und den eigenen Hoffnungen, dem eigenen Wissen und den eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Obwohl ich ja nun wirklich den Umgang mit verschiedensten religiösen Lehren und Wahrheiten nahezu täglich habe und übe, “erwischte” mich die 10-teilige Serie beispielsweise bei der Infragestellung der Zeit. Empirische Wissenschaften setzen schließlich einen gleichförmigen Zeitfluss voraus, wogegen dieser Messias plötzlich ein Ende der Geschichte ankündigt und damit gewissermaßen “nebenher” auch die Prognosen der Wissenschaften aufhebt. Darf ein Gottesgesandter bzw. ein kreativer Scharlatan so etwas? Was bedeutet es, dass messianische Erwartungen nun auch noch international und interreligiös verfilmt werden?

Wow.

“Der Messias” ist verfilmte Religionswissenschaft auf höchstem Niveau und enthält unter der Filmoberfläche meist noch zwei oder drei weitere Bedeutungsebenen, nicht zuletzt in den Namen. Aber auch schnelle Bilder etwa über die Überwachungskameras am Tempelberg (wer überwacht wen?) oder der Auftritt des Messias auf den Stufen, auf denen auch Martin Luther King jr. sprach, bieten überreichlich Fühl-und-Denk-Stoff. Ich freue mich schon darauf, diese Serie auch einmal in der Lehre einzusetzen.

Al-Masih am Washington-Obelisken in den USA. Screenshot vom Netflix-Trailer: Michael Blume

Das filmkünstlerisch hohe Lob möchte ich jedoch mit einer Einschränkung versehen: Ich hielte es für allzu gewagt, wenn Netflix auf die erste Staffel weitere folgen lassen würde. Denn die Spannung und Komplexität der Anfangserzählung würde sich auf Dauer kaum durchhalten lassen – und wäre ja auch nicht die erste Story, die durch Überdehnung schließlich erschöpft und teil-entwertet würde. Netflix ist es gelungen, in einer Serie brillante Fragen aufzuwerfen. Es sollte sich nicht am Versuch verheben, definitive Antworten geben zu können. Dies würde absehbar die Möglichkeiten des Mediums Film überreizen und nur zu Enttäuschungen wie auch neuen Verschwörungsmythen einladen. Diese Serie verlangt Zuschauenden viel ab. Für einige könnte es auch zuviel werden.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

27 Kommentare

  1. Ja, die Messiah-Figur ist eine perfekte, sich allen anbietende Projektionsfläche – sogar für Messiah selbst, der in seiner Jugend zusammen mit seinem Bruder vom Vater als Taschenspieler „missbraucht“ wurde, nun aber „weiss“, dass er der Erwartete ist.

    Zur möglichen Fortsetzung (Season 2) gibt es in der Serie selbst eine Fülle von Hinweisen darauf, dass es weitergeht. So sagt Messiah beispielsweise über das epileptische Mädchen des Predigers, es werde eine wichtige Rolle für die Menschheit einnehmen, es wisse es nur noch nicht – und ja, auch der Zuschauer weiss es noch nicht.

    • Inhaltlich bin ich bei Ihnen, @Martin Holzherr – bitte jedoch bei solchen Kommentaren um eine Spoiler-Warnung vorab. 😉

      Inhaltlich würden sich weitere Staffeln leicht herleiten lassen. Die Frage ist, ob dies dem Filmkunstwerk schaden, es über Gebühr auswälzen würde… 🤔

  2. Ich stimme Ihren Gedanken voll und ganz zu. Eine der besten filmischen Umsetzungen dieses Themas.

    Wäre toll, wenn viele Menschen sich damit auseinander setzen würden.

  3. …vom „Ende der Geschichte“ träumte, ggf etwas voreilig, schon früher bereits Lyotard mit seiner „Postmoderne“…

    sry @Michael Blume
    scnr^^

  4. Sollte ich Anselm von Canterbury nicht ganz recht verstanden haben gelte es nur Geschichte auszulöschen, um den lieben Gott zu geben?
    Oder sollte der liebe Konsument mit Netflix-Produkten einfach nur weiter kaufen?
    Einfach alles?
    Sogar, um des liebgewordenen Armageddons willen?…

    • Nun, @donald mueller – das Geschäftsmodell von Netflix basiert gerade nicht auf Werbung, sondern auf Abonemments. Entsprechend erwarten Netflix-Kundinnen und Kunden immer wieder auch hochwertige Filmprodukte, von Dokus wie „The Game Changers“ bis zu packenden Serien. In einem 2-Stunden-Film hätte der Erzählbogen von „Messias“ kaum funktioniert – und ich hoffe nun umgekehrt, dass er nicht durch dritte, vierte… Staffeln überspannt werde…

      • Netflix btw soll über beste ResponseInstrumente verfügen wie Amazon übrigens auch ea – wie man lesen kann.
        Gleichwie sollten wir Menschen uns ob dieser wirkungsmächtigen Instrumente nicht davon abhalten lassen ihnen zu erliegen wie es uns gefallen könnte.
        Oder etwa nicht?
        😎🖖

      • Das Jahr 2030 markiert das 2000. Todesjahr von Jesus. Es ist aber nicht so, dass Jesus dann wiederkommt. Sondern diejenigen Menschen werden Anerkennung finden, die den inneren Christus aktivieren. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

  5. im Übrigen: ohne Trekkie zu sein: „Picard“ als erzählerische Megapleite.
    Die erzählen Probleme in einer für sie ansonsten problembefreit gewähnten Welt: imao so ziemlich das Langweiligste was einem Narrativ geschehen könnte – finde ich jdnfls

  6. ” Ich hielte es für allzu gewagt, wenn Netflix auf die erste Staffel weitere folgen lassen würde. Denn die Spannung und Komplexität der Anfangserzählung würde sich auf Dauer kaum durchhalten lassen – und wäre ja auch nicht die erste Story, die durch Überdehnung schließlich erschöpft und teil-entwertet würde.”

    Das passt ja irgendwie auch auf die Entstehung der Kirche, aus einer charismatischen Endzeitverkündung wurde eine bürokratische, quasi staatliche Machtorganisation.

    I

    • Ja, @Paul Stefan, das finde ich gut beobachtet. Max Weber nannte dies den Umschwung zwischen Charisma und Institution. Er gilt bei religiösen Bewegungen als unausweichlich, wenn diese über Jahrzehnte, Generationen und schließlich Jahrtausende hinweg überleben…

  7. Simplifiziere ich noch weiter: ich habe mich auf die Seite der Menschen geschlagen.
    Aus gutem Grund und nicht wegen Bankkonten sondern weil anderes als ein Mensch zu sein mir mit Einsicht gar keine andere Wahl war.
    Dies die Schwierigste aller Übungen: sich selbst zu zähmen.

  8. a: Warum kann ein personalistisch formuliertes Problem nicht zu kollektiven Lösungen führen?
    b: weil das kollektive dem personalen opfer abdingt?
    c: was ist denn ein opfer?
    b: opfer sind alle personal wie kollektiv
    a: gut gegeben
    c: denke doch einfach noch weiter

  9. Mein Großvater konnte nicht „davongekommen“ sein angesichts dieser vielen „peinlichen“ Befragungen im damaligen Reichssicherheitshauptamt.
    Wir werden stets dankbar sein für diese vielen Demokraten, die ihr Land wieder in Besitz nehmen

  10. …bleiben wir also zuversichtlich angesichts so vieler Neopositivisten, die uns ihre neue Welt erklären werden ohne sie verstanden zu haben werden.

  11. Lieber Michael, vielen Dank für Deine treffliche Rezi, dich ich sehr genossen habe. Die beste die ich dazu gelesen habe. Chapeau!
    Gute Zusammenfassung am Anfang. Stellte mir die gleichen Fragen.
    D’accord:

    kein einfaches gut gegen böse,

    zwischen Hoffnung und Zweifeln schwanken

    Wechselbad der Gefühle

    dieser Messias plötzlich ein
    Ende der Geschichte ankündigt

    verfilmte Religionswissenschaft auf höchstem Niveau

    meist noch zwei oder drei weitere Bedeutungsebenen, nicht zuletzt in den Namen

    überreichlich Fühl-und-Denk-Stoff

    Diese Serie verlangt Zuschauenden viel ab. Für einige könnte es auch zuviel werden

    Die Serie wird Verschwörungsmythiker befeuern, da es keine “Auflösung” und eindeutige Antwort gibt. Dieses “in der Schwebe halten” ist für viele eben sehr schwer auszuhalten.

    Im Anfang war das Wort, das sagt: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

    Durchaus geeignet für viele inspirierende, lange und spannende Diskussionsrunden in der analogen Welt zu miteinander konkurrierenden Narrativen, welche, bei zu viel Narrenfreiheit (=Verschwörungsmythen), im einander verbal bis nonverbal abwerten, auch selbst entwerten und dadurch zur Narretei werden.

    Alles erdenklich Gute für Dich in Deinen Lehrveranstaltungen.

    Ingo

  12. @Netflix und Simplifizierungen

    Ich konnte mir die Serie noch nicht angucken. Ich guck nur kostenloses öffentlich-rechtliches Fernsehen. Kann man bei Netflix auch einzelne Filme kaufen, oder geht da nur ein Abo?

    Extreme Simplifizierung ist ja reizvoll. Neben der übersprungenen Verifizierung liefert der ober-inspirierte Messias aller Art noch einfachere Lösungen, wenn er zusätzlich mit dem Ende der Geschichte kombiniert wird.

    Die Attraktivität der gemeinschaftlichen Aufgabe des Klimaschutzes ist auch schön einfach: Das extrem unkomplizierte Ziel der ganzen Maßnahme lässt sich in einem einzigen globalen Messwert darstellen, der jeweils erreichten begrenzten CO2-Konzentration in der Atmosphäre.

    Wenigstens scheint beim CO2 tatsächlich eine wesentliche Relevanz in der Realität vorzuliegen.

    Ein Umbau der Wirtschaftsweise von der totalen Konkurrenz zu einer auch funktionierenden Gemeinwirtschaft oder eine Überwindung der kleinstaatlichen Reibereien und gegenseitigen internationalen Rücksichtslosigkeiten ist dagegen extrem komplex. Aber so schwer das auch ist, hier warten wohl die wirklichen Lösungen der wirklichen Probleme. Wobei die Festlegung auf tradierte wie neuerfundene religionsartige Symplifizierungen ein wesentlicher Teil der realen Probleme zu sein scheint.

    Als Nebenschauplatz sehe ich hier die Selbstkonzeption des lebenden Menschen, mal ganz unabhängig von soziologischen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen betrachtet. Hier liegt ein fruchtbares Feld für weiter möglichen Fortschritt, jenseits von Simplifizierungen sind hier lebbare Konzepte zu basteln, die einerseits praktisch sind und andererseits noch verständlich dabei bleiben, und das ohne dabei in der Wirklichkeit unmöglich zu sein.

    • @Tobias Jeckenburger (Zitat):

      @Netflix und Simplifizierungen
      Extreme Simplifizierung ist ja reizvoll. Neben der übersprungenen Verifizierung liefert der ober-inspirierte Messias aller Art noch einfachere Lösungen, wenn er zusätzlich mit dem Ende der Geschichte kombiniert wird.

      Frage: Wer simplifiziert hier? Netflix oder die Religion mit ihrem Erlösergott?

      Der Messias als Erlöser ist gewissermassen der Bote der Endlösung – er überreicht die Antwort auf alles (zumal alles irdische sowieso nur temporär ist).

      Aber gerade weil die Religion ✝️☪️🕉️☸️🕎 von dem handelt, was über das irdische und säkulare hinausgeht, gerade darum entgeht sie auch der Kritik. Man kritisiert dann Netflix (etwas sehr irdisches) für seine Simplifizierung, nicht aber die Religion für ihren Simplizismus, ihr einfaches Weltbild, das sich diese Einfachheit leisten kann, weil die Welt aus Erlösersicht sowieso nur ein Jammertal ist.
      Also: viel Vergnügen 🙃 im Jammertal

      • Nun ja, @Martin Holzherr – ein Pauschalurteil über „die Religion“ scheint mir noch schwerer nachvollziehbarer als eines über „den Film“.

        Denn jede Weltreligion weist in sich eine größere Vielfalt auf als alle Filme zusammen. Klar gibt es „einfache“ Varianten religiöser Traditionen, ebenso aber komplexe Lehrsysteme, die über Jahre hinweg studiert werden – ich nenne beispielhaft Maimonides, Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Antoinette Brown-Blackwell, Jonathan Sacks u.a.

        Und schon jetzt ist sicher: Diese und weitere Religionsgelehrte werden noch gelesen und rezipiert werden, wenn die säkulare Literatur unserer Tage fast ausnahmslos vergessen sein wird…

  13. @Weltenende

    Konzepte, die mittels Weltenende die Frage nach unserer gemeinsamen Zukunft auf diesem Planeten umgehen, sind meine ich immer eine Mogelpackung. In der Wirklichkeit werden wir unsere Verantwortung nicht los. Wer wirklich den Religionen folgt, und z.B. nach der Devise sei fruchtbar und mehre dich lebt, erhöht zwar die Zahl der Mitglieder seiner Religionsgemeinschaft, gefährdet aber gleichzeitig eine gute Zukunft für uns Menschen auf diesem Planeten.

    Sicherlich ist eine Betrachtung des Menschen auch mal außerhalb der soziologischen, politischen und ökologischen Zusammenhänge sinnvoll. Einfach mal in Ruhe zu gucken, wer wir eigentlich sind, wie wir leben können, und mit unseren Liebsten zusammen durchs Leben gehen können, ist in jedem Fall schon mal sinnvoll. Aber die größeren Zusammenhänge sind dann doch auch wichtig, und erfordern ein Mitdenken, ein Entwickeln von Konzepten für unser Land und den ganzen Planeten, und letztlich auch die Bereitschaft, hier zu tun, was nötig ist.

    • Den Gedanken finde ich sehr spannend, @Tobias Jeckenburger.

      Allerdings frage ich mich, was genau mit „unsere Verantwortung“ gemeint sei. Wenn die Menschheit und Welt ohnehin nur zeitlich bestehen und ziellos sind – wem gegenüber sind „wir“ dann verantwortlich? Und warum?

      Ich fühle mich beispielsweise anderen Menschen und insbesondere meiner Familie gegenüber verantwortlich. Doch andere sagen – auch hier auf dem Blog – „unsere“ eigentliche Verantwortung bestünde darin, gar keine Nachkommen mehr hervorzubringen. Gegenüber einem stillen Universum auch selbst zu verstummen.

      Auf was oder wen „antworten“ wir mit dem Begriff „unserer Verantwortung“? 🤔

  14. @Verantwortung

    Wer sagt denn, dass wir gar keine Nachkommen mehr haben sollten. Aber weniger in den Ländern, die sehr arm sind und noch viel zuviele Kinder bekommen auf jeden Fall. Wir in Europa haben uns ja schon ein gutes Stück reduziert, da kann aber noch etwas mehr meine ich. Aber dann ist es auch gut damit, dann sollten wir wieder stabile Verhältnisse haben. Hier geht es in erster Linie um die zur Verfügung stehenden Ackerflächen, und um die Gefahr, dass die Menschen auf der Suche nach neuem Ackerland praktisch die gesamten noch ungenutzten und bewaldeten Flächen kultivieren.

    Das wäre für die Natur eine Katastrophe, und für den Menschen auch nur noch eingeschränkt lebenswert. Wo soll man dann noch Urlaub machen und die Natur genießen? Zumal es auch keinen besonderen Sinn macht, mit möglichst vielen Exemplaren der eigenen Art den Planeten zu besiedeln.

    Wobei der Mensch an sich doch ganz viel Sinn macht, meine ich. Soweit wir unser eigenes Leben als sinnvoll betrachten, ist doch schon auf jeden Fall ein gutes Stück Sinn gegeben. Egal wie wir das jetzt konkret mit dem eigenem Sinn hinbekommen.

    Wenn wir dazu noch aus Sicht einer Art kosmischem Geist zusätzlich eine Aufgabe für den ganzen Planeten haben, dann kommt die noch dazu. Langfristig fällt mir hier sofort ein, dass wir das Leben per Raumfahrt in der ganzen Galaxis verbreiten könnten. Und dass wir hier auf diesem Planeten aus der Wildnis auch noch einen wunderbaren Garten machen, und den Planeten vor Asteroiden schützen und langfristig das Klima stabilisieren. Das alles käme nicht nur dem menschlichem Leben zugute, aber uns selbst wohl auch.

    Unsere Verantwortung bezieht sich doch grundsätzlich auf alles, worauf wir Einfluss haben. Ob jetzt ein überempirischer Akteur noch dahinter steht oder nicht. Ich selbst habe einfach keine Lust, Teil des Problems zu sein und dem Leben im Wege zu stehen. Ich will lieber vernünftige Sachen machen. Gleichzeitig rechne ich von Geistesseite her mit Unterstützung für wirklich gute Aktionen, was mich zusätzlich motiviert.

    Auf kommunaler Ebene funktioniert das doch schon ganz gut. Wir haben ein Abwasserkanalnetz, eine Trinkwasserversorgung, Müllabfuhr, Strom, Gas und Telefon. Die Bauämter kümmern sich um die Verteilung von Straßen und Gebäuden. Fehlen nur noch wesentlich mehr gute Radwege und mehr Ladestationen für Elekroautos und mehr Flächen für Urban Gardening.

    Es fragt hier doch auch keiner mehr nach dem Sinn davon, wir erleben täglich, dass das Leben in der gut gestalteten Stadt so viel leichter und lebenswerter ist. Genau so, wie wir unsere Städte vernünftig und koordiniert gestalten, können wir das auch mit dem ganzen Planeten machen. Die überempirischen Akteure mögen uns dabei unterstützen, machen müssen wir es aber in jedem Fall selber.

    Die Frage nach Sinn und Verantwortung ist doch eigentlich geklärt, meine ich. Auf globaler Ebene fehlt doch in erster Linie die Organisation. Aber das Bewusstsein dafür, dass es diese Organisation braucht, entwickelt sich zumindest gerade. Z.B. wird ohne hinreichende weltweite CO2-Steuern und weitere Maßnahmen Klimaschutz nicht richtig funktionieren. Der Bürger alleine kann aber auch schon mal vorlegen, und weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen. Ich bin hier durchaus zuversichtlich, dass wir das hinbekommen werden, weil die Fähigkeit zum Gemeinsinn ganz klar zum Verhaltensspektrum des Menschen gehört.

    Ich habe nie Lust gehabt, groß Karriere zu machen, ganz viel Geld zu verdienen und dieses Geld dann zu einem großen Teil für einen Konsum zu verschwenden, der mir kaum was bringt. Hier hätte ich tatsächlich ein Sinnproblem, und gleichzeitig kein gutes Gefühl der Natur gegenüber.

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