Sprachfähigkeit, Musikalität, Religiosität – Die soziale Perspektive

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Freude über einen Artikel von Jan Dönges im aktuellen Gehirn und Geist (kostenloser Download hier): Auch in der Evolutionsforschung zur Sprache (und, damit verwandt) Musik nähern sich die genetischen und sozialen Forscherperspektiven fruchtbar einander an. Neuere Forschungen, die theoretische Modelle mit anthropologischen Beobachtungen abgleichen, fragen nicht mehr nur nach dem Individualnutzen, sondern auch nach den wechselseitigen Vorteilen sozialer Fähigkeiten (vgl. Gruppenselektion).

Gerade solche gelungenen Artikel, die einen Aspekt vertiefen, verdeutlichen dem vergleichenden Blick: Sprachfähigkeit, Musikalität wie auch Religiosität zeigen zunehmend ihre Familienähnlichkeit: Alle drei Merkmale sind klar biologisch veranlagt, entfalten ihren biologischen Nutzen aber erst in der soziokulturellen Ausprägung, die v.a. in den Familien und Gemeinschaften tradiert werden – den Sprachen, Musiken und Religionen. Und wer als Kind keine entsprechende Frühförderung erhält, wird häufiger das betreffende Merkmal kaum oder gar nicht ausbilden – also häufiger weniger sprachbegabt, weniger musikalisch oder weniger religiös sein. Biologie und Kultur sind auch beim Menschen nicht zu trennen, sie wechselwirken miteinander.

Für die Religionswissenschaft…

…hat das Ganze viel Deja-Vu: Religionssoziologen wie Emile Durkheim hatten schon Anfang des 20. Jahrhunderts den "Überlebensvorteil" von Religiosität in der Gemeinschaft gesucht. Und viele der neueren, sprachwissenschaftlichen Theorien weisen verblüffende Ähnlichkeiten zu religionswissenschaftlichen Perspektiven auf. Was sich geändert hat: statt der früheren Fixierung auf den "Überlebensvorteil" rückt zunehmend der Reproduktionsvorteil in den Blickpunkt, denn aus evolutionärer Sicht kommt es schlicht darauf an, wie oft eigene bzw. nah verwandte Gene in kommende Generationen weitergegeben werden. Dass sprachliche ebenso wie musikalische und auch religiöse Aspekte bei Partnerschau und -werbung, Familiengründung und Erziehung der Kinder eine zentrale Rolle spielen, passt somit wunderbar ins Bild. Auch unterschiedliches Geschlechterverhalten rückt in den Blick (vgl. Gretchenfrage).

Und so kommt es, dass über die evolutionäre Perspektive zunehmend auch die Musik- und Sprachwissenschaften für die Religionswissenschaft wieder ganz interessant werden. Wir Menschen sind (wie schon Darwin formulierte) "soziale Tiere" – und was unsere Gemeinschaften stärkt (leider auch bisweilen nach außen abgrenzt) evolvierte erfolgreich. Deswegen sind sowohl Sprache(n), Musik(en) wie Religion(en) weltweit Bestandteil der menschlichen Natur und Kultur.

Wie genau die einzelnen Merkmale entstanden, auseinander hervorgingen, miteinander wechselwirkten, wird erst kommende Forschung aufzeigen, da stehen die Arbeiten noch am Anfang. Wissenschaftlichem Qualitätsjournalismus kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil er die Öffentlichkeit für Evolutionsforschung sensibilisiert und den Beteiligten hilft, auch die Befunde anderer Disziplinen in den Blick zu nehmen und nach Verbindungen zu suchen. In diesem Sinne: Danke, Herr Dönges! 🙂
  

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

2 Kommentare

  1. Heute auf Sendung:

    Quarks & Co. zum Thema “Die Macht der Musik”.

    “Aphasiker sind Menschen, die als Folge eines Schlaganfalls oder eines Unfalls von einem Augenblick auf den anderen ihre Fähigkeit zu sprechen verlieren. Das Erstaunliche: Aphasiker können häufig noch Liedtexte singen. Die Erkenntnis, dass für das Singen anscheinend andere Hirnareale zuständig sind als für das Sprechen, nutzt der Neurowissenschaftler Dr. Gottfried Schlaug. Er erforscht die so genannte musikalische Intonationstherapie, eine Art rhythmischer Sprechgesang.”

    http://www.wdr.de/…raege/2008/0930/000_musik.jsp

    Vielleicht taucht in der Sendung ja ein interessanter Gedanke auf.

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