Sinnfragen zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Gehirn und Geist sowie Antworten auf Papst Franziskus’ Laudato Si

“Wissenschaft nimmt die Dinge auseinander, um zu sehen, wie sie funktionieren. Religion fügt Dinge zusammen, um zu sehen, was sie bedeuten.” Über dieses Zitat von Lord Rabbi Jonathan Sacks dachte ich in den vergangenen Wochen oft nach. So begeisterte mich die aktuelle Ausgabe von Gehirn & Geist, die wunderbar empirisch und unaufgeregt darstellte, was die Psychologie über die Konstruktionen, Erfahrungen und Wirkungen von Sinn herausgefunden hat. Religiosität wurde dabei als förderlicher Faktor unter anderen empirisch identifiziert und angerissen – ganz ohne Polemik in die eine oder andere Richtung. Angeregt von den hervorragenden G & G-Artikeln habe ich mir “Die Psychologie des Lebenssinns” von Tatjana Schnell bereits bestellt und hoffe, auch für den Blog einiges daraus ziehen zu können.

Lesenswert: Gehirn & Geist 08/2017 “Die Sinn-Formel. Was uns gesund und zufrieden macht”, Spektrum der Wissenschaft 2017

Doch neben den individuellen Aspekten von Sinn interessiert mich natürlich auch die soziale, sogar globale Sinnfrage. Kann “Religion” nicht nur Einzelnen, sondern auch Vielen Sinndimensionen eröffnen.

Mit seiner Enzyklika “Laudato Si” zur Bewahrung der Schöpfung hat Papst Franziskus einen solchen Versuch unternommen, der sich nicht nur an Christen, sondern auch an Anders- und Nichtglaubende, letztlich an “alle Menschen guten Willens” richten sollte. Und tatsächlich stieß ich auf den Band “Laudato Si. Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus” beim Psychosozial-Verlag. Hier versammelte der Herausgeber Wolfgang George nicht weniger als 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie einen Künstler, um sich mit dem Text des Papstes breit und interdisziplinär auseinander zu setzen. Eine Leseprobe des Bandes findet sich kostenfrei hier.

Von der Sprachwissenschaft über verschiedene Disziplinen der Ökologie und Pädagogik bis hin zur Ökonomie ist es George dabei gelungen, eine Breite an interdisziplinären Federn zusammenzustellen, seriöse und bisweilen auch prominente Stimmen ihrer Fächer. Schon die neutral-analysierende, sprachwissenschaftliche Analyse von Wolfgang Beutin bietet viele Aha-Erlebnisse. In den Kapiteln finden sich zahlreiche Entdeckungen, viel Zustimmung, teilweise aber auch schneidende Kritik an Aussagen des Papstes. Tatsächlich: Eine wertvolle, interdisziplinäre Debatte entsteht, ausgelöst durch einen religiösen Lehrtext! Beispielhaft hervorheben möchte ich auch den Text des Molekularbiologen Andreas Beyer zu “Evolution und Schöpfung”, mit dem ich mich in der interdisziplinären AG Evolutionsbiologie engagiere.

Auf den Punkt bringt es der Naturwissenschaftler und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker in seinem Vorwort:

Als Wissenschaftler fühlt man sich ertappt und beschämt. Man hat dem Publikationszwang gehorcht, der ja die heutigen Wissenschaftlerkarrieren dominiert.

Und die Zeitschriften, in denen jeder publizieren möchte, atmen ja allermeist den Geist des närrischen Reduktionismus.

Die Enzyklika ist zugleich eine sehr freundliche Einladung zum Dialog gerade mit der so aufgebauten Wissenschaft und erkennt deren wahrheitssuchende Tugenden an.

[…]

Wohin kann der gemeinsame Weg führen? Der gegenseitige Respekt zwischen einer die weltliche Verantwortung betonenden Religion und einer auf Beweisbarkeit konzentrierten Wissenschaft kann zunehmen. Die offensichtlichen Gefahren eines selbstsüchtigen Materialismus können vorurteilsfrei zur Sprache gebracht werden. Die auf Toleranz und Dialog setzenden Religionen können sich positiv absetzen von denjenigen, die schon den Dialog und erst recht die Aufklärung als Gotteslästerung bekämpfen, womöglich mit Waffen und Terror. In einer humanen, aufgeklärten und tolerantenGesellschaft sollte dies zu einer Gewichtsverschiebung zulasten letzterer Gruppierungen führen.

Kritik: Das Fehlen der Demografie

Doch so sehr mich also sowohl die Sinn-Ausgabe von Gehirn & Geist wie auch der interdisziplinäre Band von Wolfgang George begeistert und auch überzeugt haben, will ich doch einen Kritikpunkt nicht verschweigen – beide nehmen die Demografie (noch) nicht in den Blick. Dabei hängen auf der individuellen Ebene Sinn- und Religionsfragen eng mit der Anthropodizee-Frage zusammen: Gibt es überhaupt eine Rechtfertigung dafür, leidendes und leidverursachendes Leben auf die Welt zu bringen? Die unterschiedlichen Antworten darauf sind nicht nur individuell und gesellschaftlich, sondern letztlich auch evolutions- und neurobiologisch interessant.

Und ganz umgekehrt wäre an Papst Franziskus kritisch rückzufragen: Welchen Sinn macht der Einsatz für mehr ökologisches Bewußtsein, wenn gleichzeitig durch Verbote von Verhütungsmitteln Freiheiten vor allem von Frauen eingeschränkt und regionale Bevölkerungsexplosionen verschärft werden?

Sinnigerweise hätte ich dazu gerne Beiträge von Theologinnen wie auch von empirisch arbeitenden Demografen gelesen. Oder, positiv formuliert: Es wird derzeit viel entdeckt, aber es bleibt auch weiterer Dialog- und Forschungsbedarf!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein bischen viel auf einmal . Ich bin gespannt, in welche Richtung die Beiträge gehen werden.
    Odr anders gesagt, was die Menschen angeht.

    • Oh ja, @Bote17 – hier liegt kein “abgeschlossener” Blogpost vor, sondern eine Denk-, Frage- und Forschungsnotiz aus “Work in Progress”. Es ist auch bei mir auch vieles dazu nicht fertig und also m.E. auch völlig okay, das mal einfach wirken zu lassen und in den Alltag mitzunehmen. In Zukunft, ggf. nach der Lektüre des psychologischen Lehrbuchs zum Lebenssinn, knüpfe ich hier bestimmt mal wieder an.

  2. Was ich selbst nie verstanden habe, ist die genaue Funktion von ‘Sprache’ in Religionen (weil m.E. zu viele “Märchen“ erzählt werden…). Hier verweise ich auf das (teilweise) sehr lesenswerte Buch von Carel von Schaik & Kai Michel “Was uns die Bibel über Evolution verrät“.

    Im Zeitalter der Gehirnforschung verstehe ich das Bedürfnis, Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften näher zusammen zu bringen, ja, sogar darauf hinzuweisen, dass das eine ohne das andere im Grunde nicht vorstellbar ist (jedenfalls entwicklungsgeschichtlich nicht vorstellbar). Für mein Gefühl wir hier aber oft zu schnell geschlossen und das Meer und mit dem Wasser erklärt. Was eben nicht falsch ist, aber bei weitem auch nicht zureichend.

    Michel Ackermann

    • @Michel Ackermann

      Vielen Dank für den starken Kommentar!

      Sie schrieben: Für mein Gefühl wir hier aber oft zu schnell geschlossen und das Meer und mit dem Wasser erklärt. Was eben nicht falsch ist, aber bei weitem auch nicht zureichend.

      Ja, das trifft den Verständigungsgraben als Bild sehr gut! Denn dass ein Meer aus H2O besteht, kann ja gerade nicht bedeuten, dass damit alles erklärt ist, was in uns Menschen bei der Erwähnung oder gar dem Anblick von “Meer” vor sich ginge (Wissen und Bilder aus dem Bio-Unterricht, Mythen, Ängste, Erinnerungen an den letzten Urlaub, die Nachrichten von ertrinkenden Flüchtlingen usw.). Und von den Erfahrungen “im Meer” ist dabei noch gar nicht gesprochen!

      Ob und wie wir da weiterkommen? Mich würde Ihre Meinung zum emergentistischen Erklärungsansatz, zur Emergenz interessieren – ein Blogpost mit Grafik dazu hier:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/harte-vs-weiche-wissenschaften-warum-die-blogosph-re-emergenz-verstehen-sollte/

      Mit Dank und herzlichen Grüßen!

  3. Sehr gut der Hinweis auf eine wichtige Lücke in Laudato Si – aber scheinbar auch in Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus (Zitat):“Und ganz umgekehrt wäre an Papst Franziskus kritisch rückzufragen: Welchen Sinn macht der Einsatz für mehr ökologisches Bewußtsein, wenn gleichzeitig durch Verbote von Verhütungsmitteln Freiheiten vor allem von Frauen eingeschränkt und regionale Bevölkerungsexplosionen verschärft werden?”.
    Denn die Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern Afrikas und einigen Ländern Asiens kann nicht nur mit der Ökologie (Lieblingsvokabel von Papst Franziskus) in Konflikt geraten, sondern auch mit dem Ressourcenbedarf und mit den Erwartungen der Jugend. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die vielen in die Armut Hineingeborenen ja alle nach einem besseren Leben streben, einem besseren Leben zu dem mehr Wohlstand, eine bessere Ausbildung, grössere Wohnungen, mehr Verkehrsinfrastruktur und mehr Entfaltungsmöglichkeiten (Berufs-, Partner- und Karrierewahl) gehören. Gehen diese Wünsche nach einem besseren Leben nicht in Erfüllung, dann befindet sich die Jugend dieser bevölkerungsmässig stark wachsenden Länder in genau der Situation, für die die jüngere Geschichtsschreibung den Begriff youth bulge geprägt hat und die Gary Fuller in Büchern wie ” The Demographic Backdrop to Ethnic Conflict: A Geographic Overview” oder die Christian G. Mesquida und Neil I. Wiener in Male age composition and severity of conflicts beschrieben haben. Die Jugend sucht natürlicherweise nach Lebenschancen. Wenn ihr diese verwehrt bleiben dann hat sie nichts zu verlieren – ausser dem (in einer solchen Situation) ohnehin nutzlosen Leben.

  4. Martin Holzherr: „Die Jugend sucht natürlicherweise nach Lebenschancen. Wenn ihr diese verwehrt bleiben dann hat sie nichts zu verlieren – ausser dem (in einer solchen Situation) ohnehin nutzlosen Leben.“

    Dass der Glaube an das Irrationale, Übernatürliche emotional wirksam und sinngebend ist, das halte ich für sehr wahrscheinlich, denn darauf beruht allgemein der Sinn der Religion in der Evolution. Die Religion ist bis heute in jedem Volk vorhanden und das wahrscheinlich seit der Entstehung des menschlichen Selbstbewusstseins in der Evolution.

    Nur muss dieses Element der natürlichen Evolution so verstanden und gelesen werden, dass es nicht nur für die Bevorteiligten der Gesellschaft gilt, wie die ägyptischen Pharaonen, die römischen Kaiser und die heutigen Mächtigen, sondern auch für die Benachteiligten, sprich heute den islamistischen Terrorattentätern. Oder gibt ihnen die Religion nicht Sinn und Bedeutung, wenn sie dafür sogar ihr Leben hingeben?

    Lässt sich dabei der Sinn dieses evolutionären Elementes so bestimmen, dass er nur mit seinen „guten“ Seiten zum Tragen kommen soll, mithin nur einer bestimmten Religion und da wiederum nur einer bestimmten Abspaltung dieser Religion?

    Ich glaube nicht, dass das Problem vom Metaphysischen her zu lösen ist, indem etwa gesagt wird, dass böse und teuflische metaphysische Mächte in den Terrorattentätern wirken und die guten, welch ein Zufall, in uns. Wenn dagegen verstanden wird, worin die zweckmäßige und rein natürliche Funktion der Religion in der Evolution gelegen hat, dann könnte wahrscheinlich eher verstanden werden, warum benachteiligte Menschen sich zu fundamentalistischen religiösen Überzeugungen bekennen, für sie darin ein „sinn-konstruktiver Faktor“ zum Tragen kommt und zwar so sehr, dass sie dafür sogar ihr Leben hingeben.

    • @Bernd Ehlert: In «Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet» äussert Gunnar Heinsohn die Meinung, dass der religiöse Glaube, beispielsweise in Form des Jihad nur der Rechtfertigung, der Rationalisierung (engl. pretext) eines viel tieferen Bedürfnisses dient. In Wirklichkeit gehe es den jungen Männern, die scheinbar im Namen der Religion in den heiligen Krieg ziehen, um ihre eigene prekäre gesellschaftliche Stellung. Zitat:“die Situation, dass es für zehn junge Männer nur eine Position gibt. Auch sexuelle Frustration kann eine Rolle spielen, wenn es in der betreffenden Gesellschaft Sex nur als Fortpflanzungsakt in der Ehe zu haben gibt, für eine Eheschliessung aber zuerst eine gesellschaftliche Position errungen werden muss.”
      Die Forscher, die den Begriff “youth bulge” geprägt haben, erklären mit dem Überschuss an Männern ohne Aussicht auf eine befriedigende gesellschaftliche Stellung mehrere kriegerische Phasen in der europäischen und auch der jüngeren arabischen/islamischen Geschichte. So rekrutierten sich die spanischen und portugiesischen Kolonisatoren aus den Zweit- und Drittgeborenen, die ihre Chancen in den Kolonien suchten – als Eroberer und Schaffer neuer Welten, deren Herren sie sein würden. Zitat dazu: ” In Spanien wurden Kolonisatoren sogar «secundones» genannt, Zweitgeborene. Gemeint waren auch dritte oder vierte überschüssige Brüder, die in Südamerika Gemetzel und Genozid veranstalteten. Die Schweiz wiederum exportierte überschüssige Söhne als Söldner nach halb Europa.”

  5. Religion wurde geboren, als der erste Gauner, den erste Dummen antraf.
    Die Leute wissen gar nicht, dass sie nicht religiös sind. Sie glauben, weil sie nicht gewiss sind.
    „Die Religion ist der Idealismus des Volkes.“
    ―Johannes Scherr

  6. Die beste aller möglichen Welten ist eine Welt ohne Religionen.
    Wenn ein Christ wirklich kritisch ist, ist er kein Christ mehr.
    Er müsste ja alles über Bord werfen, was er glaubt, was ihm vorgeschrieben wird zu glauben.
    Viele Christen wären gewiss sehr betrübt darüber, wenn man jetzt eine neue älteste Handschrift
    eines der Evangelien finden würde, bei der am Anfang geschrieben stünde: Eine Komödie.

    • Vielen Dank, lieber @Charly, dass Sie uns mit kleinen Kostproben antireligiöser Polemik beehren.

      Dies ist freilich ein (religions-)wissenschaftlicher Blog. Und gerade wenn Sie sich doch als aufgeklärter und gebildeter Mensch verstehen, sollte es Ihnen ein Anliegen sein, Aussagen und Thesen auch zu überprüfen.

      Ist Religion nur eine Sache von “Gaunern” und “Dummen”? Wie erginge es einer Menschheit “ohne Religionen”?

      Sie müssen hier gar nichts glauben, aber Sie könnten sich wenigstens kostenlos wissenschaftlich informieren. Hier ist der Kenntnisstand kostenfrei als kleiner Dokufilm von Quarks & Co. aufgearbeitet:
      https://www.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw

      Falls Sie also nicht nur herumtrollen wollen, sondern sich tatsächlich für wissenschaftliche Befunde interessieren, wünsche ich Ihnen viel Freude beim Entdecken. 🙂

    • Das aller Übelste der Religion der Christen ist, dass sie glauben, der liebe Gott habe seinen eigenen Sohn ermorden lassen um ihnen die Suenden zu nehmen. Sie glauben tatsaechlich ein “lieber Gott” sei dermassen blöde diesen Mordakt eingefaedelt zu haben. Dass in der Folge ja hunderttausende Menschen elendiglich wegen Religion auch sterben mussten, können Nichtreligiöse gedanklich nachvollziehen. “Der liebe Gott” war ja beispielhaft, ‘angeblich’ sage ich nur.

      • Lieber @Heinrich Zimmermann,

        dieser scilog widmet sich ja der Religionswissenschaft, nicht den Theologien. Entsprechend möchte ich in die Debatte der Sinnhaftigkeit einzelner Mythen und Deutungen auch gar nicht einsteigen.

        Erlauben Sie mir jedoch eine Beobachtung aus dem Feld der Evolutionstheorie und der philosophischen Debatten zur #Anthropodizee: Wann immer Sie bzw. Ihre Partnerin ein Kind in diese Welt setzen, verurteilen auch Sie es zu Leid und schließlich Tod.

        Finden Sie das gerechtfertigt?

        Mit interessierten Grüßen!

  7. Kommentar Blume,
    Zitat:
    Dies ist freilich ein (religions-)wissenschaftlicher Blog. Und gerade wenn Sie sich doch als aufgeklärter und gebildeter Mensch verstehen, sollte es Ihnen ein Anliegen sein, Aussagen und Thesen auch zu überprüfen.
    =
    @Charly
    sollte seine Aversion gegen Christen einmal plausible begründen.
    Mit einer pauschalen Rüge ist ihm ja auch nicht geholfen.
    Mittwoch, 02.08.2017 – 19:30

    • @wi_bue2

      Vielen Dank! Zwar habe ich mit dem “Füttern von Trollen” (durch allzuviel Aufmerksamkeit) bislang eher durchwachsene Erfahrungen gemacht, aber selbstverständlich lasse ich mich gerne auch mal positiv überraschen.

      Wenn sich @Charly mal über das Einstellen von apologetischen Sätzen hinaus artikulieren möchte, werde ich ihn gerne freischalten. 🙂

  8. Vielleicht kann man sich ja auf die von mir angebrachte Kritik ohne eine Polemik einigen. Religion hat schon ihren Sinn, ansonsten wäre sie nicht in einem so “kosmischen Ausmaß” vorhanden, wie es der Religionskritiker Richard Dawkins einmal sagte. Nur ist sie eben rein natürlich bedingt und darin ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Evolution.

    Die dogmatischen Religionskritiker übersehen immer, dass, wenn sie den Nutzen der Religion überhaupt bestreiten, eigentlich nur übernatürliche Gründe übrig bleiben, warum die Religion so eine überragende Rolle in der Evolution spielt. Die Evolution behält nichts bei, was keinen Nutzen hat, schon gar nicht über einen so langen Zeitraum und in einem so “kosmischen Ausmaß”.

    • Bernd Ehlert als Zustimmung,
      ….Die Evolution behält nichts bei, was keinen Nutzen hat, schon gar nicht über einen so langen Zeitraum und in einem so “kosmischen Ausmaß”.

      Das ist eine rationale Sichtweise, die sich mit der menschlichen Existenz näher erklären lässt.
      Wir wissen nicht woher wir kommen, wir wissen nicht warum wir leben und wir wissen nicht , wohin wir gehen.

      Die Religionen füllen dieses “Vakuum” und geben unserer Existenz einen Sinn.

  9. Eine wichtige Funktion der Religionen ist es, den Menschen die goldene Regel nahe zu bringen.
    Das ist deshalb nützlich, weil nicht alle Menschen ständig im Rahmen der logischen Ethik denken.

  10. Zitat Karl Bednarik: „Eine wichtige Funktion der Religionen ist es, den Menschen die goldene Regel nahe zu bringen.“
    Um die goldene Regel zu vermitteln, wird die Religion nicht benötigt, höchstens um sie mit Belohnung und Strafe durchzusetzen. Doch das erfüllt zwischenzeitlich auch die (weitestgehende) Gerechtigkeit unseres Justizsystems.

    Ich würde aber sagen, dass die Religion in einem erweiterten Sinne der goldenen Regel diese sogar verletzt, nämlich dadurch, dass sie den Gott der jeweils anderen ebenso anerkennen müsste wie den eigenen (was in unseren Grundrechten als Religionsfreiheit gegeben ist). Doch das geht in einem religiösen Verständnis nicht, denn wenn ich von der bestimmten Vorstellung einer letztendlichen Wahrheit als etwas Übernatürliches überzeugt bin, kann ich nicht gleichzeitig eine andere Vorstellung und die damit verbundenen Ableitungen als Rituale und Verhaltensweisen als ebenso gültig anerkennen.

    Eine Religion bzw. Theologie erfüllt diese Anforderung auf eine besondere Weise dennoch, und darüber hinaus genügt sie auch noch objektiven Wahrheitsansprüchen, d.h. sie ist nicht nur mit der modernen Naturwissenschaft kompatibel, sondern kann ihr sogar in der Quantenphysik aus einer Sackgasse helfen, nämlich in der Frage: Was ist Realität?
    Diese Theologie ist die sogenannte „negative Theologie“, die in der christlichen Tradition mit dem Inquisitionsprozess gegen Meister Eckhart nach ca. 1000 Jahren im Mittelalter leider ihr Ende gefunden hat. Entstanden ist die negative Theologie in der „geistigen Kontinentalverschiebung“ zwischen dem jüdischen und dem griechischen Geist. Als Folge des „Zusammenpralls“ dieser geistigen „Kontinentalplatten“ ist das „Gebirge“ des christlichen, dreieinigen Gottesbildes entstanden, wobei das allgemeine Verständnis wesenhaft dem jüdischen Geist entspricht. Die negative Theologie ist dagegen wesenhaft griechische, genauer gesagt neuplatonische Philosophie.

    „Negative“ Theologie heißt, dass vom Göttlichen nur in negativen Begriffen geredet werden kann, also Gott ist keine Person (wie in der jüdischen Religion), er ist nicht gut, nicht weise, ja er hat nicht einmal ein Sein usw. Über etwas, das man sich nicht vorstellen kann, kann man auch nicht streiten oder sich spalten, d.h. mit dieser Theologie würde schlagartig ein wirklicher Friede zwischen den Religionen herrschen.

    Leider besitzt diese Theologie aber einen gewichtigen Nachteil: Sie bietet dem Menschen, worum es hier ja geht (als Sinnfragen zwischen Wissenschaft und Religion), keinen letztendlichen Sinn für seine Existenz in dieser Welt. Anders ausgedrückt, die negative Theologie verspricht dem Menschen nicht ein ewiges und darin gottgleiches Sein, sondern lehrt ganz im Gegenteil die Relativität des Seins. Damit haben wir von unseren emotionalen Bedürfnissen her Probleme.

  11. Bernd Ehlert,
    …..negative Theologie,
    die christliche Religion umgeht die Schwierigkeiten mit der Transzendez des Schöpfergottes, in dem sie den Jesus von Nazareth zum Gottessohn erklärt.
    Der Glaube an diesen Jesus macht aus dem transzendenten Gott einen persönlichen Gott.
    Der Glaube an die Jungfrau Maria befriedigt auch die emotinalen Bedürfnisse.

    • @Karl Bednarik

      Sicher? Inwiefern wäre beispielsweise die Trinität besonders “anthropomorph”? Sie ist anschlussfähig an soziale Kognitionen, sprengt aber doch menschliche und mathematische Konventionen…

  12. @bote17 und Karl Bednarik: Schon Xenophanes (6. Jahrhundert vor Chr.) sagte: “Wenn Pferde Götter hätten, würden diese Götter wie Pferde aussehen”.

    @Michael Blume: Zitat von Jens Halfwassen: “Es gehört zu den merkwürdigsten Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet der erklärte Christenfeind Porphyrios mit seinem trinitarischen Gottesbegriff, den er aus der Interpretation der Chaldäischen Orakel entwickelte, zum wichtigsten Anreger für die Ausbildung des kirchlichen Trinitätsdogmas im 4. Jahrhundert wurde” (Jens Halfwassen, “Plotin und der Neuplatonismus”, München 2004, S. 152).

    Im Neuplatonismus und in der negativen Theologie steht die Trinität für den besonderen Erkenntnisprozess des Absoluten, Einen, Göttlichen (Eckhart nennt es ein “nichterkennendes Erkennen”), nicht dagegen für göttliche Personen. Das letztere ist sozusagen die jüdische Interpretation des aus der griechischen Philosophie stammenden neuen christlichen Gottesbildes.

  13. Es wird davon ausgegangen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit existiert, und wesentlich mächtiger als unser gesamtes, ziemlich großes und energiereiches Universum ist.
    Eine Ähnlichkeit mit innerhalb von unserem Universum existierenden Lebensformen ist daher ziemlich unwahrscheinlich.
    Die psychischen Verhaltensweisen der Menschen, wie zum Beispiel Zorn oder Liebe, sind ein Produkt der irdischen Evolution, und werden außerhalb von Raum und Zeit vermutlich nicht in ähnlicher Form existieren.
    —–
    Bei der Trinität dachte ich sofort an das Confinement der drei Quarks in den Neutronen und Protonen, das im Wesentlichen unsere Welt bestimmt.
    Natürlich kann man bei der Trinität auch an die drei Raumdimensionen denken, die Porphyrios eher bekannt gewesen waren.
    Wenn das Universum absolut alles ist, was es gibt, dann kommt man zum Pantheismus.

  14. Zu „Pantheismus“ und Bilddarstellungen: Mir erscheint die „negative Theologie“ recht vernünftig und problemlösend. Dort wird das Absolute oder Göttliche folgendermaßen bestimmt:

    „Das Absolute muss als reine Einheit gedacht werden. Wird reine Einheit aber konsequent gedacht, dann weist sie jedwede Bestimmung strikt von sich ab, weil jede überhaupt denkbare Bestimmung sie in die Vielheit hineinziehen würde. Als das aus aller Vielheit und aller Bestimmtheit Herausgenommene ist das Eine selbst darum reine Transzendenz: jenseits von Allem schlechthin“ (Jens Halfwassen 2004, „Plotin“, S. 43).

    Selbst die Bezeichnung des Absoluten als das „Eine“ wird der „negativen Theologie“ unterzogen, so dass „schon die Aussage falsch ist, dass Es Eines ist, von dem es [Platon, Parm. 142 A] gibt und von dem deshalb auch gesagt wird, daß Es [Platon, Rep. 509 B] ist“ (Halfwassen (2004), 43).

    Von daher sind restlos alle Bezeichnungen, was das Absolute „ist“, falsch, bzw. alle Benennungen und positiven Theologien sind in diesem Sinne Blasphemien des wahren Göttlichen. Das Absolute oder Göttliche liegt jenseits der weltlichen Strukturen und kann von diesen nicht erfasst werden.
    Daher ist das Göttliche der negativen Theologie hier (als disziplinübergreifende objektive Wahrheit) dasselbe wie das „Ding an sich“ in Kants Philosophie (was wiederum ebenfalls in der Skurrilität der Quantenphysik Bedeutung erhält). Darüber sagt Kant: „Das transzendentale Objekt aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte“ (Kant, KRV, B 333).

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