Sem und die Alphabetschrift. Plädoyer für einen “jewish & medial (semitic) turn” in der Antisemitismusforschung

A wie Anton. D wie Dora. N wie Nordpol. S wie Siegfried. Z wie Zeppelin.

Wir verwenden im Deutschen diese Buchstabiertabelle noch immer allgemein – und kaum jemand weiß, dass sie auf eine antisemitische Maßnahme des NS-Regimes von 1934 zurückgeht. Damals waren die bis dahin gebräuchlichen, jüdischen Namen für D wie David, S wie Samuel, Z wie Zacharias oder N wie Nathan ersetzt worden . So gilt es laut DIN 5009 teilweise auch heute noch.

In meinem neuen Buch “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern” hatte ich auch das erwähnt, im aktuellen DLF-Interview mit dem wieder intensiv vorbereiteten Andreas Main wurde es zu einem Einstieg, der viele ansprach. Zuhörerinnen und Zuhörern wurde so bewusst, wie tief sich der Antisemitismus in unsere Kultur, in unser Sprechen und auch Denken eingegraben hat. Auch ich versuche nicht nur aus Achtung vor dem biblischen Propheten, sondern auch aus Respekt vor Lessings großem “Nathan der Weise” den “Nathan” wieder in meine persönliche Buchstabiertafel zurück zu holen.

Facebook-Fenster zum Deutschlandfunk-Interview zum neuen Antisemitismus-Buch. Screenshot: Michael Blume

Die unterschätzte Wirkung von Medien

Nun ist Religion immer auch mediales Geschehen – der gemeinsame Glauben an überempirische Akteure wie Ahnen, Geister und Gottheiten lässt sich nicht anders als durch Medien wie Sprache, Bilder und Schriften herstellen

In der jüdischen Tradition selbst gilt dabei die Alphabetschrift als zentral: Eine gültige Thorarolle, die erst den Synagogengottesdienst, die Bar Mizwa u.v.m. ermöglicht, umfasst genau 304.805 Buchstaben. Eine einzige, falsche Letter, nur ein Zeichen mehr oder weniger würde die Rolle religiös entwerten. Auch schon der Jude Jesus – der schon als lesekundiges Kind mit den Schriftgelehrten im Tempel vorgestellt wird – verkündet laut Matthäus 5, 18: “Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.”

Und es gilt auch im heutigen Judentum als segensreich, einen Buchstaben mit einer Vogelfeder zu schreiben oder durch einen professionellen Schreiber schreiben zu lassen. Auch Nichtjuden können auf diese Weise am Schreiben eines solchen Buchstabens “mitwirken”.

Am Verdienst der Vollendung der Buchstaben einer Thorarolle durch einen professionellen Schreiber können Menschen jüdischen und nichtjüdischen Glaubens teilhaben, hier im Stuttgarter Rathaus im September 2018. Rabbiner Shneur Trebnik erläuterte mir dazu “meinen” Buchstaben und dessen Bedeutung. Foto: Lars Neuberger

Als erster Begründer eines Lehrhauses auf der Basis von Alphabetschrift gilt schon in der jüdischen Bibelauslegung des Talmud Shem (hebräisch: Name), im englischen und deutschen Sprachgebrauch Sem. Dieser gilt im Judentum also weder als Begründer einer “Rasse” noch einer Sprachgruppe. Es wird auch nicht behauptet, Sem sei schon Hebräer gewesen – dies wird vielmehr erst seinem Nachfahren Ewer zugeschrieben – oder habe die Thora geschrieben, die erst Moses verfasst haben soll. Nein, Shem habe den nach seinem Vater Noah benannten Bund gelehrt und auch als Richter ausgelegt, der alle Menschen adressiere. Entsprechend habe Shem auch nicht nur seinen Nachfahren Abraham, sondern auch dessen Sklaven unterrichtet und das Ideal einer allgemeinen Bildung auf der Basis von Alphabetschrift etabliert.

Auch die Hirnforschung hat dazu faszinierende Beobachtungen zu bieten, so die “Linkesche These” von Detlef Linke (1945 – 2005). Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin konnte schließlich überzeugende, empirische Beobachtungen zur digitalen Radikalisierung des “Antisemitismus 2.0” vorlegen.

Und selbst der Begriff “antisemitisch” wurde keineswegs – wie noch immer weithin behauptet – erstmals von Wilhelm Marr verwendet, sondern bereits 1860 vom deutsch-jüdischen Philologen Chajim Heymann Steinthal (1823 – 1899) in der Abwehr einer sprachlich-kulturalistisch verbrämten Herabsetzung geprägt.

Auch Martin Luthers üble, antisemitische Schmähschrift “Vom Schem (!) Hamphoras” von 1543 attackiert ausdrücklich die jüdische Gelehrsamkeit, Schriftauslegung und Alphabetschrift. Kaum ein Zitat von Heinrich Heine galt als vorausschauender als jenes, das er in seinem Stück “Almansor” den muslimisch-maurischen Diener Hassan im untergehenden Al-Andalus sagen ließ: “Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.”

Und tatsächlich benannte Adolf Hitler in seiner programmatischen Rede “Warum wir Antisemiten sind” von 1920 in München nur ein einziges Buch – die Bibel, die er als Fälschung verhöhnte. Sein Hass galt “den Juden” als “Semiten” einschließlich der religiös-orthodoxen “Abrahamse”. In “Mein Kampf” (1925) bestritt er die Wirkung von Schrift, verhöhnte Schriftsteller und Journalisten als “Tintenritter” und rühmte das Wort und das “einzige Menschenrecht”, das “Recht zur Reinherhaltung der Rasse” (von arabisch raz = Kopf, Herkunft über das spanische razza). Bücherverbrennungen und der gezielte Einsatz elektronischer Medien wie Radio (“Volksempfänger”) und Film (z.B. “Jud Süß”, 1942) spielten in der NS-Propaganda eine zentrale Rolle. Der Aufbau öffentlich-rechtlicher Medien ab 1945 war eine direkte Reaktion auf die Medienmacht der Nationalsozialisten. Und “die Öffentlich-Rechtlichen” sind bis heute ein Hauptfeind rechtspopulistischer und antisemitischer Bewegungen, die die Macht von Mediensystemen oft intuitiv besser verstehen als rationalistische Demokraten.

Kurz: Ich bestreite um kein Jota den hohen Wert ökonomischer, soziologischer und psychologischer Theorien zum Antisemitismus. Doch ich plädiere sehr deutlich für eine Erweiterung der Forschungsperspektiven um einen “jewish & medial”, einen “semitic turn”. Meines Erachtens sind Definitionen von Antisemitismus und Semitismus nicht länger hinzunehmen, die die zentrale Bedeutung noachidisch-semitischer Mythen und Medien im Judentum negieren. Und damit meine ich auch, aber keineswegs nur uralte Auslegungen beispielsweise im Talmud. Auch heutige, sowohl säkulare wie auch religiös-orthodoxe Stimmen dazu gehören beachtet. Ich nenne nur beispielhaft “Noah und die Verwandlung der Angst” von Elie Wiesel, “Juden und Worte” von Amos Oz und Fania Oz-Salzberger, “Jüdische Spiritualität” von Gabriel Strenger sowie “The Great Partnership: Science, Religion and the Search for Meaning” von Lord Rabbi Jonathan Sacks. Moderne Antisemitismusforschung sollte das lebendige Judentum in seiner Tradition und Vielfalt nicht länger nur als Objekt definieren, sondern als Gesprächspartner auf Augenhöhe verstehen.

Das neue “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” gibt es ebenso wie seinen Vorgänger “Islam in der Krise” in Papier-, eBook- und Hörform. Foto: Michael Blume

Klar lasse ich mir den Vorwurf auch im DLF-Interview gefallen, dies sei vielleicht “ehrenwert”, aber nur “Wunschdenken”. Aber haben die alten Begriffe und Geschichten ausgereicht, um den Antisemitismus zu verstehen und zu überwinden? Sollten, müssen wir nicht wieder mehr wünschen und wagen? Bringen uns weitere Ausdeutungen rassistischer oder marxistischer Theoriegebäude denn erkenntnishaft und handlungsorientiert weiter?

Für kommende Woche habe ich Einladungen zum World Jewish Congress bei der EU-Ratspräsidentschaft Rumänien sowie zum Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Dortmund angenommen. Auf sicher wieder spannende Gespräche freue ich mich. Und werde auch dort für die stärkere Wahrnehmung nicht nur in der Forschung zum lebendigen Judentum und der prägenden Rolle von Medien, für den “semitic turn” in der Antisemitismusforschung eintreten.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Dass David, Samuel, Zacharias und Nathan 1934 in der Buchstabiertabelle durch Dora, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt wurden, zeigt, dass die jüdische Kultur damals „zu Deutschland gehörte“ und dann vom zunehmenden Antisemtismus ausgegrenzt wurde. Und das geschah prompt zum Zeitpunkt als Juden erstmals rechtlich in vielen Bereichen gleichgestellt waren (bei Studium, Berufswahl und als Staatsangestellte).
    Ähnlich erging es den Juden in Spanien, wo es vor 1492 ein blühendes jüdisches Leben gab und viele Juden sich assimiliert hatten. Genau dann als sie integrierter waren als je vorher erging das Alhambra-Edikt, welches die Juden vor die Entscheidung Konversion oder Emigration stellte.

    Insoweit scheint mir der Antisemtismus schon eine einzigartige Stellung unter den Rassismen einzunehmen.

    • Ja, @Martin Holzherr. Götz Aly hat in eindrucksvollen Büchern gezeigt, dass gerade der schnelle Bildungsaufstieg und die auch beruflich erfolgreiche Integration von Jüdinnen und Juden immer wieder Neid, Angst und schließlich Antisemitismus beförderte. Stabileren Demokratien wie den USA und der Schweiz gelang es dagegen, insgesamt von den enormen Beiträgen der Menschen zu profitieren. Dass Albert Einstein aus Deutschland und Europa in die USA umziehen musste, spricht Bände… 😔

  2. Wenn ich Dich da so mit den Rabbinern sehe, da stellt sich die Frage wer wohl wen mehr VERHOHNEPIEPELT – Du sie, oder sie Dich? 😎

    • Vielen Dank für den Einblick in Ihre Gedankenwelt und die Bestätigung der Aussagen im Interview, @hto. Ein ehrliches, freundschaftliches und dialogisches Verhältnis zwischen Juden und Christen scheint für Sie undenkbar zu sein… 🤷🏽‍♂️

  3. @Glaubensgrundlagen

    Herr Blume, Sie schreiben gleich zu Anfang:
    „Nun ist Religion immer auch mediales Geschehen – der gemeinsame Glauben an überempirische Akteure wie Ahnen, Geister und Gottheiten lässt sich nicht anders als durch Medien wie Sprache, Bilder und Schriften herstellen.“

    Ich finde nicht, dass man Religion auf gemeinsamen Glauben, der medial vermittelt wird, reduzieren kann. Die persönlichen spirituellen Erfahrungen sollten eigentlich die Grundlage sein, warum sich ein Mensch überhaupt für Religion interessiert. Wer sich auf dieser Basis auf die Suche macht, und sich Glaubensgemeinschaften anguckt, ob er vielleicht da mitmachen will, ist wohl besser dran als Jemand, der von Kind auf irgendwo hineingezwungen wird.

    Ich meine auch, dass die Wissenschaft, und gerade die Religionswissenschaft, sich mehr mit den Glaubensinhalten auseinandersetzen sollte. Gibt es Einflüsse aus der Geisteswelt im konkreten Leben als Mensch? Wie geht das physikalisch? Muss man den Göttern gehorchen? Bekommt man wirklich Ärger im Jenseits, wenn man böse Taten getan hat? Unterstützen die Götter ökologisches Handeln, oder ist die Erde ein finster Ort, der in naher Zukunft sowieso entsorgt wird? Das sind doch Fragen, die auch wissenschaftlich interessant sind.

    Soweit ich den Noachidischen Bund verstanden habe, geht es dabei darum, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen soll. Das ist in jedem Fall eine sehr gute Idee. Das sind Inhalte, die wichtig sind. Dass gerade diese Toleranz von Rechtsradikalen angegangen wird, ist hier ein zentrales Element, um zu verstehen, was diese Leute machen.

    Wenn sich die Wissenschaft mehr um spirituelle Erfahrungen kümmern würde, wäre man weniger auf religiöse Gemeinschaften angewiesen. Und mir scheint es hier so, als wären auch Rechtsradikale in ihrer Weise eine Art Religionsgemeinschaft, die ihr eigenes Recht, ihren eigenen Mist zu glauben, in Anspruch nimmt. Auch Islamisten oder radikale Christen machen das genauso. Egal was für ein Unsinn in diesen Gemeinschaften kursiert, der wird dann tatsächlich im wesentlichen Medial vermittelt.

    Aber hier fehlt doch oft gerade der Verstand. Und der braucht doch Struktur, und eine Basis von Wissenschaftlicher Erkenntnis tut da richtig gut. Da ist doch noch ganz viel Luft nach oben.

    • @Tobias Jeckenburger

      Sehr bewusst schrieb ich, dass „Religion immer *auch* mediales Geschehen“ sei. Auch, nicht nur. Reduktionismus (Nothing-butism, Nichts-als-Alserei) liegt hier nicht vor. Religionswissenschaft erkundet Religion(en) interdisziplinär und erkenntnisoffen.

      Ihnen Danke für das Interesse und herzliche Grüße!

  4. @Tobias Jeckenburge (Zitat): Die persönlichen spirituellen Erfahrungen sollten eigentlich die Grundlage sein, warum sich ein Mensch überhaupt für Religion interessiert.
    Judentum,Christentum und Islam haben alle eine mystisch/spirituelle Sparte/Ecke aber sie basieren nicht darauf. Warum nur sollte folgendes gelten (Zitat) “Die persönlichen spirituellen Erfahrungen sollten eigentlich die Grundlage sein, warum sich ein Mensch überhaupt für Religion interessiert.”
    Ist nicht vielmehr die gemeinschaftsbildende Kraft von Glaubensüberzeugungen viel wichtiger? Beim Judentum könnte man sogar sagen, dass der Glaube und das Schicksal des jüdischen Volkes eng zusammen gedacht sind. Beim Christentum (und teilweise beim Islam) gibt es dagegen einen frühen Universalismus/Internationalismus, was dann eine Gemeinschaftsbildung über Ethnien und Nationen hinweg (überhaupt erst?) ermöglicht. Über Landesgrenzen hinweg werden aber auch die Juden durch die gemeinsame Religion zusammengehalten.

    Was aber erzeugt und erhält denn die Gemeinschaft der Gläubigen (im Islam die Ummah)? Ein Hinweis darauf könnte die im Islam übliche Benennung der abrahamistischen Religionen als “Buchreligionen” (die Gläubigen als “Leute des Buches”) geben. Der Umgang mit den heiligen Schriften ist zwar im Islam, Christentum und Judentum jeweils ein anderer, gemeinsam aber ist diesen Relgionen, dass sich die Gläubigen mit ihren “heiligen” Schriften auseinandersetzen und sie teilweise auch zur Grundlage weiterer Erzählungen, Fiktionen und Visionen machen.

    Damit sind wir wieder beim Titel und Thema dieses Beitrags von Michael Blume “Sem und die Alphabetschrift.”

  5. Tja, da hat der Holzherr den Grundstein der Symptomatik des imperialistischen Faschismus im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um das Gangstatum im “Recht des Stärkeren” freigelegt 😎

  6. Werter Herr Blume,

    Die Tage fiel mir ein, daß ich noch nie konkret gefragt habe: Wie würden Sie denn die Angehörigen der Sprachgemeinschaft nennen wollen bzw. welche Bezeichnung haben Sie gefunden für die, die wir bislang „Semiten“ nannten?

    Wenn Sie sagen, Semiten seien keine Teilnehmer einer Sprachgemeinschaft, dann bräuchten wir für diese ja einen anderen Namen.

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