Schatzkiste “Die Seidenstraße” von Susan Whitfield

2012 publizierte ich in einem Tagungsband über die Lausitzer Bronzezeit-Kultur erstmals über das Konzept der eurasischen Achse: Demnach haben nicht etwa – biologisch gar nicht existente – “Menschenrassen” die Geschichte der Menschheit bestimmt, sondern die Geografie: Entlang der riesigen, eurasischen Ost-West-Achse konnten Vieh und Feldfrüchte, Güter und Technologien, Mythen, Religionen und später wissenschaftliche Erkenntnisse, schließlich Schrift- und Münzsysteme von China bis Spanien ausgetauscht werden – mit einer weiteren Vernetzung und Verstärkung rund um das westliche Mittelmeer. So ist es beispielsweise kein Wunder, dass entlang dieser Achse in der sog. Achsenzeit im ersten Jahrtausend vor Christus die Grundlagen aller heutigen Weltreligionen entstanden.

Die Kontinentalachsen im Verhältnis zu den Klimazonen von Michael Blume in “Schriftenreihe der Spreewälder Kulturstiftung”, 2012

Anstelle des geografischen Begriffes der eurasischen Klimazone oder Achse (zu der im Übrigen auch Nordafrika zu zählen wäre) hat sich im populären Sprachgebrauch der romantisierende Begriff der “Seidenstraße” durchgesetzt. Nach einer ganzen Reihe von Sachbüchern – u.a. von Peter Frankopan – wünschte ich mir zu Weihnachten den Prachtband “Die Seidenstraße. Landschaften und Geschichte” von der Herausgeberin Susan Whitfield. Und seitdem habe ich an diesem Werk immer und immer wieder Freude gehabt und vor allem Anregungen erhalten.

Sorry, Taschenbücher und EBooks – es gibt sie noch, die Bücher, die Größe und Gewicht einfach brauchen… Foto: Michael Blume

Der Band arbeitet mit unheimlich vielen Fotos, Grafiken und Karten, die sich entlang großer Themen gruppieren: Steppe, Berge und Hochland, Wüsten und Oasen, Flüsse und Ebenen, Meere und Himmel. Dabei werden aber nicht einfach schöne Eindrücke aneinandergereiht, sondern einzelne Themen vertieft: Die Förderung von Gold und die Geschichte der Skythen, Aspekte von Judentum und Islam, Klöster und Reliquienkulte in Christentum und Buddhismus, Zoroastrismus und Manichäismus, Seide, Papier und Buchdruck, Sklaverei, Astronomie und Gewürze. Gerade weil eben “keine” bestimmte Megatheorie vertreten wird ergibt sich ein Fundus von reichen und tiefen Beobachtungen. Wo sonst finde ich eine Abbildung des “ältesten gedruckten Buches der Welt” – einer Ausgabe des buddhistischen Diamant-Sudra von 868 n. Chr. aus China?  Oder die islamischen Dirhams aus dem nordschwedischen Spillings, mit denen Wikinger für den Export von Sklaven (von “Slawen” (!)) entlohnt wurden?

Islamische Dirhams aus dem 10. Jahrhundert für Sklaven im Hort von Spillings, Nordschweden sowie ein baktrisches Kamel als chinesische Grabbeigabe. Foto: Michael Blume

Ein wirklich wundervolles Buch, dessen Ästhetik und Impulse für mich sicher noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte reichen werden. Und daher auch zu meiner Überzeugung beitragen, dass sich Wissen nicht beliebig digitalisieren und taschenbuchisieren lässt.

Entsprechend des Ansatzes, Geschichte als Schatzkiste für das Begreifen von Gegenwart zu präsentieren, freue ich mich auch über das neue Heft-Konzept von Spektrum Geschichte. Und überlege, über einzelne Artikel daraus hier immer mal wieder zu bloggen. Denn letztlich kann Wissenschaft – und gerade auch Geschichtswissenschaft – nur wirken, wenn sie Menschen erreicht, begeistert und bewegt.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

88 Kommentare

  1. Dieses Thema hat auch Jared Diamond in seinem Buch “Arm und Reich” behandelt. Denn er stellte fest, daß der eurasische Kontinent eine lange Ost-West Verbindung hatte. Daher waren nach seiner Theorie die Europäer dem Afrikanern und Amerikanern überlegen.

    Gruss
    Rudi Knoth

      • Jan Assmann allerdings glaubt nicht an die „Achsenzeit“. Sein Leben lang hat er immer wieder mit dem Konzept gehadert. Sein Buch beschreibt alle wichtigeren Theorien dazu.

        • Standarteinwand der Ägyptologen gegen das Konzept der „Achsenzeit“ ist natürlich der Monotheismus Echnatons (um 1350 v.Chr.). Es gab schon vorher vergleichbare Durchbrüche in der Menschheitsgeschichte.

          • Es gab einiges lange vor 1000 v.Chr., wovon wir heute noch die Auswirkungen spüren. Deswegen ist die “Achsenzeit” sicherlich eine spannende Beobachtung, übersieht aber halt alles was es schon vorher gab bzw. verengt den Blick zu sehr.
            Man denke nur an die Monate, 360 Grad/Kreis etc. aus dem Alten Orient und vieles mehr. Gerade auch wenn man mit dem Judentum arumentiert, sollte man deren Quellen nicht vergessen. Ebenso bei Homer u.a.
            Vieles aus jener Zeit wusste man zu Lebzeiten von Jaspers halt noch nicht.

          • Da bin ich bei Ihnen, @einer – Wissenschaft geht eben immer weiter und die Achsenzeit war eine sehr fruchtbare, wenn auch später überbietbare Entdeckung.

          • @ Michael Blume
            10.03.2020, 17:31 Uhr

            Die Achsenzeit war eine sehr fruchtbare, wenn auch später überbietbare Entdeckung.

            Hm. Gab es die Achsenzeit nun Ihrer Ansicht nach als eine menschheitsgeschichtliche Epoche?

            Oder war die Annahme, der Mythos einer solchen eine Leiter, die wir hochklettern mußten, um überhaupt erst einmal anzuerkennen, daß es andere geschichtliche Momente auch außerhalb Europas gibt, die spannend und ja, sogar Europa ebenbürtig sind – Aber jetzt, wo wir diese Leiter emporgeklettert sind, können wir sie auch wegwerfen und auch noch bei Assyrern, Ägyptern, demnächst auch Inkas spannende Dinge entdecken?

          • Weder – noch, @Alubehüteter. M.E. haben sich Menschen seit Jahrzehntausenden sehr kluge und tiefe Gedanken gemacht. Mit dem Aufkommen von Schriftmedien und dann vor allem – leichter und damit häufiger zu lernenden – Alphabeten lässt sich das Phänomen „Achsenzeit“ m.E. ohne Mystik einerseits oder Leugnung andererseits ganz gut erklären und beschreiben.

        • Echt, @Alubehüteter? Aus Jan Assmanns Fazit in besagtem „Achsenzeit“, S. 292 – 293:

          „Guy Stroumsa hat recht mit seiner These, dass nicht die Achsenzeit, sondern die Spätantike die Welt verändert hat oder, anders gesagt, dass die Spätantike die eigentliche Achsenzeit darstellte. (…) Was Jaspers als die Signatur eines neuen Zeitalters und eines neuen Menschen verstand, war daher zu einem bedeutenden Teil die Entstehung einer neuen Gedächtnisstruktur, deren mediale und kulturelle Voraussetzungen – Schrift, Kanonisierung, Exegese – erst gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr., dann aber ungefähr gleichzeitig an verschiedenen Orten der nördlichen Hemisphäre, von China bis Griechenland, gegeben waren. (…) So gesehen lässt sich das Achsenzeit-Konzept als das Projekt verstehen, den Horizont des abendländischen Kulturgedächtnisses ins Menschheitliche auszudehnen, ohne Dich seine normativen Konturen aufzugeben.“

          Was für ein Schluss! 📚👍🌍

          • Echt, @Michael_Blume! 🙂

            Die Annahme einer Achsenzeit der Weltgeschichte wurde […] zu einem Gründungsmythos der Moderne, der auch Denker wie Eric Voegelin, Shmuel N. Eisenstadt oder Jürgen Habermas beschäftigte. Sie hält einer historischen Überprüfung zwar nicht stand, wie Jan Assmann anschaulich zeigt, aber an das damit verbundene Bestreben, eine eurozentrische Sicht auf die Geschichte zu überwinden und verschiedene Kulturen gleichzeitig und gleichberechtigt in den Blick zu bekommen, können wir bis heute anknüpfen.

            Klappentext

          • Deswegen sollte man nie nur den Klappentext lesen! 😉😁📚

            (Okay, der war gemein. Bestimmt haben auch Sie das ganze Buch gelesen.) ✅

          • (Ehrlich gesagt, ich bin ein Querleser. Die für mich interessantesten Kapitel habe ich zuerst gelesen, irgendwann mußte ich da auch mit Unterstreichungen ran; später aber habe ich mich ablenken lassen, und habe es also noch nicht durch. Liegt aber auf meinem Nachttisch ganz oben.)

  2. Hervorragendes Sachbuch auch „Die Seidenstraße“ von Helmut Uhlig. Nenne ich gerne, auch wenn mir seine späteren Sachen nicht so gefallen.

  3. Aber was gibt es einzuwenden gegen den Begriff „Seidenstraße“? In Archäologie und Geschichte hat er sich bewährt und weitere Begriffe ermöglicht wie die „Bernsteinstraße“; Handelsverbindungen mit dem Baltikum.

    • „Seidenstraße“ ist halt romantisierend und erfasst wesentliche Aspekte wie die frühere, eurasische Ausbreitung der Land- und Viehwirtschaft, den bronzezeitlichen Handel und Kulturaustausch etc. nicht. Deswegen ist er auch m.E. zwar schön, aber nicht der Weisheit letzter Schluss.

      • An der „eurasischen Achse“ mißfällt mir, wie schon bei der „Achsenzeit“, eben die „Achse“. Ich assoziiere dann gleich die „Achsenmächte“ und die „Achse des Bösen“. Und dann sind wir bei Achsengeistesmächten des Guten, die halt den Durchbruch in die Welt geschaffen haben, in der wir heute noch leben; Griechenland, Israel, Indien, China, meinetwegen noch Persien; und die primitiven Barbaren, die weiter im dumpfen Polytheismus brüten.

          • achgut, bei allem Ärger mit denen, ist ein Zeitphänomen, das wieder vergessen werden wird. Aber „Achsenzeit“, ob uns das gefällt oder nicht, hat Jaspers jetzt durchgesetzt. Alle relevante Literatur nach ihm (und das ist ja nicht wenig, und von sehr schlauen Herren) verwendet diesen Begriff. Das wird bleiben.

            Muß man ja aber nicht auch noch vermehren mit einer „Eurasischen Achse“. Wie wäre es mit einer „Eurasischen Schiene“ oder „Eurasische Kulturregion“?

          • Allerdings würde „eurasischer Kulturraum“ von der Geografie wegführen und die Eigenständigkeit der verschiedenen Kulturen übermalen. Kultur- und Lebensraum finde ich zudem auch nicht ganz ohne.

            Was halten Sie von „eurasischer Gürtel /eurasian belt“? 🤔

          • Beim eurasian belt sind wir leider schnell beim chinesischen Propagandaprojekt one belt, one road. Auch nicht wünschenswert.

            Schlicht: „Eurasischer Raum“?

            Ich bin da wirklich aber auch beschädigt von Assmann/Jaspers her und vielleicht übersensibel. Jaspers geht mit vorachsenzeitlichen Kulturen doch sehr herablassend um. Ja, beachtlich, aber irgendwie sind die alten Ägypter doch immer noch mehr oder weniger nur halbnackte Wilde, die da unerklärlicherweise einen auf Hochkultur machen. Obwohl, Echnaton … wie, wenn da schon eine erste Ahnung auftauchen würde, aber das wird dann ja wieder vergessen. Sumerer, Babylonier kriegen von ihm gar keinen Ehrenplatz; trotz etwa des Gilgamesch-Epos.

  4. Jared Diamond hat u.a. darauf aufmerksam gemacht, dass es im beschriebenen Bereich wichtige Nutztiere und Pflanzen gab – die in Afrika(wegen TseTse-Fliege) bzw. Amerika nicht vorhanden waren.

    Und ein wesentlicher Grund warum Völker aus Eurasien die Welt beherrschten – waren Zoonosen und andere Krankheiten. Dagegen konnte das Immunsystem der Eurasier Strategien entwicken und die Widerstandskraft stärken. Viele Volksgruppen im isolierten Amerika starben, nachdem die Europäer kamen – weil die eingeführten Krankheitserreger für sie tödlich waren.

    Corvid-19 – ist ein aktuelles Beispiel für eine Zoonose.

  5. Zu Assmann und Achsenzeit gibt es hier: https://www.ndr.de/kultur/Jan-Assmann-ueber-sein-Buch-Achsenzeit,journal1510.html
    ein Interview.

    Ich bin Ägyptologe und glaube nicht an die Achsenzeit. Ich sehe nicht, wieso um 600 oder 500 vor Christus die großen Texte entstanden sein sollen. Was in der Antike entstand, sind die Kulturtechniken, Texte zu kanonisieren, zu kommentieren, immer weiter im kulturellen Gedächtnis präsent zu halten, sodass wir noch heute mit diesen Texten und Gedanken leben.

    Ich komme von meinen Interessen eher aus dem mesopotamischen Raum, sehe das aber auch so. Epen wie von Homer kannte man schon lange vor ihm, ebenso die Fragen nach der Rolle des Menschen in der Welt, Theodizee etc.

    • Sehr schön, Danke für diesen Fund, da muß ich nicht mehr selber googeln 🤗

      Gilgamesch stellt die drängende Frage nach der Sterblichkeit des Menschen viel drängender als Homer.

      • Die akkadische Version des Gilgamesh ist ja lange nicht alles was aus Mesopotamien kam.
        Spannend ist der Gilgamesh vor allem mit seinen biblischen Bezügen. Wobei jene Passagen vermutlich aus dem Athrahasis Epos stammen (um 1800 v.Chr.)
        Schon voher (also vor 1300 v.Chr.) gab es einige bemerkenswerte Texte.
        u.a. die Texte von Enheduanna der Tochter von Sargon (vor 2200 v.Chr.)
        Diese Texte sind in Teilen vermutlich sogar autobiographisch … schon das die Autorin mehrfach genannt wird ist bemerkenswert – das gab es vorher noch nicht.
        Dann gibt es noch die kürzeren Texte um Inanna (Abstieg in die Totenwelt uvm.), Enki und Enhursag mit Ähnlichkeiten zu der Paradiesgeschichte mit Adam & Eva etc. dem sumerischen Hiob uvm.

        Vor allem aber auch die ersten Gesetzestexte, sicherlich eine bemerkenswerte Leistung. (~ 2050 v.Chr.)
        – sehr viel ist damals schon passiert … schon die Organisation eine großen Stadt wir Uruk (und anderer) dürfte für sich alleine eine große Leistung gewesen sein. Das reicht deutlich in die Ubaid Zeit zurück ergo ~ 5000 v.Chr.
        Wenn man so tut als wenn die “Achsenzeit” so bedeutsam war, ignoriert man einige Jahrtausende an bahnbrechenden Entwicklungen vorher.

        • M.E. gehörte gerade die Globalisierungen, moralisch-monotheistische Umformung des Athrahasis- und Gilgamesch-Epos zum biblischen Noah-Mythos zu den beeindruckenden und weitreichenden Leistungen der achsenzeitlichen Alphabet-Gelehrten…

          • Daß auch zu dieser „Achsenzeit“ kulturelle Höhepunkte der Menschheitsgeschichte stattfinden, bestreitet ja niemand; vielleicht zufällig hier halt mal gleichzeitig.

            Die Frage ist: Was zeichnet die Achsenzeit denn aus als eine ganz besondere, menschheitsgeschichtliche Epoche? Jaspers setzt ja ein an der christlichen Zeitrechnung abgelesenes Jahr „Null“, das für die gesamte Menschheit maßgeblich sein soll (und eben nicht nur für die Christenmenschen). Es gibt Vorgeschichte, es gibt Frühgeschichte, und dann gibt es die Achsenzeit; seitdem soll nichts mehr so sein, wie es vorher gewesen war.

            Assmann ist das noch zu eurozentrisch.

            Was soll hier neues geschehen sein, und zwar unabhängig voneinander und zwar auch noch in drei verschiedenen Regionen und zwar auch noch gleichzeitig, das alle diese drei Regionen auszeichnet und von dem jeweils regionalen „früher“, „vorher“ unterscheidet? Was verbindet einen Jesaja mit Konfuzius, einen Heraklit mit Buddha?

            Wobei die Gleichzeitigkeit ja das zentrale Rätsel wäre. Daß der Eurasische Raum aufgrund der größten Zone gemäßigten Klimas auch durch schon jahrhunderttausende lange Wanderungen von Nutztieren und Nutzpflanzen auch das größte Potential bietet für zunächst materiellem Wachstum menschlicher Zivilisationen, erklärt Jered Diamond ja sehr deutlich. Daß diese Zivilisationen irgendwann einmal, jede für sich, vielleicht auch kulturell einen besonderen Schritt machen, der sie von allen vorherigen Kulturen unterscheidet, wäre zu zeigen, aber noch denkbar. Das Feuer ist ja schließlich auch an den verschiedensten Orten von den verschiedensten Menschen gezähmt worden. Die einen machen einen solchen Schritt halt früher, die anderen, bedingt durch lokale Besonderheiten und/oder Zufälligkeiten, dann später. Und noch viel später lernen sie sich durchs Handelsverbindungen, eben die Seidenstrassen kennen und tauschen ihre neuartigen Ideen aus, lernen voneinander. Gleichen ihre Level an.

            Aber warum sollten sie diesen menschheitsgeschichtlich epochalen Schritt gleichzeitig, aber unabhängig voneinander machen?

          • Um es in den Worten von David Atwood („Schwellenzeiten“, 2019) zu formulieren, @Alubehüteter: Jaspers vertritt eine achsenzeitliche „Ereignismystik“, @einer und Sie eine ebenso weltanschaulich geprägte „Ereignisskepsis“. In beiden Fällen handelt es sich um Geschichtsdeutungen, nach Atwood „Ereignisstilisierungen“.

            Assmann hat dies m.E. in seinem Buch sehr gut analysiert, setzt aber in Interviews aus Effektgründen stärker ereignisskeptische Akzente. Beiden Extrempositionen kann ich bei dem Thema wenig abgewinnen und würde u.a. auf die enorme Rolle der sich ausbreitenden Schrift- und vor allem Alphabetmedien verweisen.

          • Da kann man geteilter Meinung sein.

            Gerade auch weil die Umformung auf monotheistisch nicht immer so gelungen ist. Sei es inhaltlich, grammatikalisch o.ä.
            Mir ist auch nicht klar was an pseudo-monotheistisch so besonders toll sein soll. Einen Fortschritt von Poly zu Mono ist erkennbar durch was?
            “pseudo-monotheistisch” weil es auch in der Bibel jede Menge anderer übernatürlicher / übermächtiger Wesen gibt, die in den älteren Kulturen sicher als Götter durchgegangen wären. Ergo ist Monotheismus vermutlich eh ein Schwindel, oder man definiert sich halt den Theo entsprechend um.
            Das wirkt alles sehr gewollt … wenn z.B. ein allwissendes Wesen im Paradies nach Adam&Eva suchen muss etc.

          • Klar kann man „geteilter Meinung sein“, das geht bei Religionsgeschichte aufgrund der jeweiligen Vorannahmen immer. 🤷‍♂️🌍

            Aber unbestreitbar wurden hier ältere, regionale Mythen in eine neue, alphabetisierte & inhaltliche Form gebracht, die innerhalb weniger Jahrtausende weltweite, variantenreiche Verbreitung fand. Das mag mancher bedauern, es zu ignorieren wäre aber tatsächlich unsachlich. 📚🌷

        • Ich hätte ja die wunderbare Schöpfungshymne des Rigveda (10,129) im Angebot.

          Sein war nicht am Anfang, noch Nichtsein.
          Weder war der Luftraum noch der Himmel darüber.
          Was strich hin und her? Wo?
          In wessen Obhut?
          Was war das unergründlich tiefe Wasser?

          Weder Tod noch Unsterblichkeit waren damals.
          Nicht gab es ein Anzeichen von Tag und Nacht.
          Es atmete nach seinem Eigengesetz ohne Windzug, dieses Eine.
          Irgendein Anderes als dieses war nicht vorhanden.

          Vollständig hier, interlinear hier.

          In der Folge reinste Philosophie, Ontologie, aus Indien, mindestens 400 Jahre vor den griechischen Vorsokratikern, vor der Achsenzeit. Was soll die griechische Vorsokratik auszeichnen vor diesem kulturellen Aufbruch?

          • Oh, ich sehe hier in beiden Fällen die fortschreitende Alphabetisierung am Werk, @Alubehüteter. Über die vermeintliche Überlegenheit des einen Volkes über das andere Volk brauchen wir hier m.E. nicht mehr zu diskutieren.

          • Mir geht es nicht darum, daß die Griechen den Indern irgendwie überlegen wären. Mir geht es darum, daß mit der These der Achsenzeit behauptet wird, hier geschähe grundlegend Neues, etwas, das die Menschheitsgeschichte unterscheidet in ein „vorher“ und „nacher“. Die Inder haben zur fraglichen zeit ja auch ihren buddha (und nicht nur den).

            Die These wäre: Durchbrüche, die durchaus erst der Achsenzeit zuzurechnen wäre, gab es schon vorher. Im Rigveda, bei Echnaton.

            Fortschreitende Alphabetisierung ist sicherlich ein Moment, spielt aber in China keine Rolle.

  6. Achsenzeit: Stand der Dinge ist doch so, wie Jan Assmann es in seinem Vorwort beschreibt:

    Inzwischen sieht jeder die Theorie einer Achsenzeit an als eine gegebene Tatsache, als eine tatsächlich gewesene historische Epoche, ohne diese These noch zu hinterfragen (die Assmann zudem auch noch für falsch hält ). Das macht sie zu einem Mythos, einem Wissenschafts-Mythos. Den er für so wirkmächtig hält wie Sigmund Freuds Erzählung vom Ödipus-Komplex und Max Webers These von der „Entzauberung der Welt“ (a.a.O. S. 18).

    Andererseits … irgendetwas ist da, das spüren wir alle irgendwie. Auf einmal gibt es Weltreligionen. Die gab es vorher nicht. Und so grandios die altägyptische Religion war, so großmächtig, so gewaltige Bauwerke sie auch hinterlassen hat, und sie hat über 3000 Jahre überdauert: Aber für einen ostfriesischen Bauern ergibt das keinen Sinn, zu einem „Amunismus“ überzutreten, zu konvertieren. Die Altägyptische Religion ergibt nur Sinn in ihrer Region, kann nicht entkoppelt werden von dem alltäglichen Kampf der Ordnung der Ma’at gegen die lebensfeindlichen Chaosmächte der Wüste. Das gerade macht die Faszination aus dieses „Mythos“ der Achsenzeit: Irgendetwas ist da doch wirklich!?

      • Interessantes Werk, noch nie von gehört. Danke für den Tip! 🙂

        Zumal der Verlag ja auch ein interessantes Geschäftsmodell hat: Ein Buch, das auf Papier gedruckt 58€ wiegt, als PDF kostenlos ins Netz zu stellen 🤗

  7. Mir ging es nicht darum die Achsenzeit zu ignorieren.
    Aber so zu tun als wenn vorher quasi nichts war und hinterher nichts relevantes mehr kommen würde, wie Jaspers es im Prinzip tat, wird der Wirklichkeit noch viel weniger gerecht.

  8. Ein wesentlicher Aspekt der Achsenzeit ( Seidenstrasse) dürfte sein:
    “Schulden: Die ersten 5000 Jahre” von David Graeber:
    “…Während Jaspers die philosophischen und religiösen Entwicklungen betrachtet, stellt Graeber die wirtschaftlichen Wandlungen der Zeit in den Vordergrund und betrachtet den geistigen Wandel als deren Folge. …” (aus wikipedia)
    Das Münzgeld tauchte in dieser Zeit zum ersten Mal auf.

  9. as we seem to like it:

    „Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
    Ho ho ho und ‘ne Buddel mit Rum!
    Fuffzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste,
    Schnaps und Teufel brachten alle um! Ja!
    Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
    Ho ho ho und ‘ne Buddel mit Rum!
    Fuffzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste,
    Schnaps und Teufel brachten alle um! Ja!

    Schnaps und Teufel brachten alle um!“

    😎

  10. Wobei Schulden kannten schon die Sumerer z.B. lange vor der Achsenzeit.
    Man bekam damals eine Art Schuldschein und die Werte hatten quasi Liter-Getreide als Wechselkurs. (nachweisbar schon im 3. Jahrtausend v.Chr.)
    Das bedeutet Geld in Form von Muenzen ist fuer Schulden nicht notwendig.
    Man verwendete auch kleine Saecken mit Edelmetallen, wenn es um groessere Werte ging. Das waren dann Shekel (akkadisch Siklu equivalent zu dem sumerischen gin2) Silber oder Gold etc. Das war eine Gewichtsangabe und ist seit spaetestens 2150 v.Chr. verwendet worden.

    Schulden und Schuld”sklaverei”, d.h. das quasi das Abarbeiten der Schulden, waren im Alten Orient durchaus weit verbreitet.

    • Es geht nicht um Schulden. Darum geht es in dem Buch.

      Es geht Gräber hier speziell darum, daß in allen drei Weltgegenden zur Achsenzeit unabhängig voneinander Münzgeld in den Alltag eingeführt wird. @Mussi denkt hier weiter: Die Einführung von Geld in den Alltag verändert die Welt ein wenig grundlegender als Herrn Blumes Alphabetschrift. Und setzt andererseits schon grundlegende Veränderungen voraus wenn die Erfindung von Münzgeld notwendig wird.

      Glückwunsch.

      @Mussi hat den Jackpot geknackt :):D

      • Mit „unabhängig voneinander“ nehme ich darauf Bezug, daß das chinesische Währungssystem grundlegend anders funktioniert als das indo-europäische. Mindestens in China ist das Geld also unabhängig von uns erfunden haben. Mag man sich am Mittelmeer vielleicht eine coole Idee abgeguckt haben von den Indern, oder umgekehrt: In China nicht.

        Und das muß Gründe haben, daß das zur selben Zeit passiert. Und ob diese Gründe dann auch zu grundlegenden geistig-kulturellen Umbrüchen führt, wie nicht nur Jaspers sie behauptet für die Achsenzeit, das wäre dann die Frage.

        Spoiler: Meiner Überzeugung nach ja.

      • @Alubehüteter

        Wobei mit Schrift- und Zahlensymbolen und Schrift bezeichnete Münzen selbstverständlich (Schrift-)Medien par excellence sind! Vgl. auch die spätere Entwicklung des Papiergeldes. 🙂

        • Nein. Nicht das indo-europäische Münzgeld. Ganz im Gegenteil sogar.

          Eine Drachme ist zuerst und nur das: Ein Wertgegenstand. Die einen genau definierten Wert enthält: Ihren Silbergehalt. Unabhängig von dem, was Sie da einprägen.

          Die Inschrift besagt nur: Dieser Wertgegenstand ist hergestellt worden von der Stadt Athen, und die verbürgt sich dafür, daß tatsächlich auch so viel Silber=Wert drinnen steckt, wie behauptet. Die Zusatzinformation: „Und wir stehen auf Eulen!“, ist wirklich nur Zusatz. Eine Münze bezieht ihren Wert nicht aus der Inschrift, sondern aus sich heraus: So wie die Pelzmäntel, an deren Stelle sie tritt, oder die Zigarettenwährung nach dem Zweiten Weltkrieg.

          Für das chinesische Geld haben Sie übrigens Recht. 🙂

          • Die Drachme steht auch sprachlich für eine Menge (eine “Handvoll”) – und wie Sie zu Recht bemerken, verweisen Symbole und Inschriften auf eine bestimmte Körperschaft, die Stadt Athen. Mehr Schrift und Medium geht nicht, @Alubehüteter. 🙂

            Es ist ein wenig lustig & seltsam, dass Sie erst auf das Münzgeld verweisen, um jetzt wieder zu behaupten, Münzgeld sei doch eigentlich auch nur irgendein Tauschgut…

            Nun ja, ich unterhalte ja gerne. Hier auch für alle, die sich das Medium der griechischen Drachme ein wenig anschauen wollen:
            https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Drachme

          • Doch, natürlich geht weniger Schrift. Erheblich weniger. Wenn ich eine Drachme einschmelze in einen Metallklumpen, dann ist sie immer noch eine Drachme wert. Die Drachme bezieht ihren Wert nicht aus der Schrift.

            Im Übrigen nicht einmal Ihr Papiergeld. Ein Geldschein bezieht seinen Wert nicht aus sich heraus. Da können Sie eine Telefonnummer draufschreiben oder sich auch was mit abwischen. Ein Geldschein bezieht seinen Wert nur aus dem, was er repräsentiert. Bis in die jüngste Vergangenheit in den USA zum Beispiel – Aber das muß ich Ihnen doch nicht erklären?

            „Was wollen Sie? Wollen Sie, daß ich rede?“ – „Nein, Mr. Bond, ich will, daß Sie STERBEN!“

            😁😁😁

          • Exakt, @Alubehüteter – Symbole und Schriftzeichen repräsentieren Abwesendes, sind Medien. Schriftmedien sind besonders bedeutend und haben in der sog. Achsenzeit ihr besonderes Potential entfaltet, auch auf Münzen. 🙂

            Und, nein, Sie müssen nicht sterben. Gönnen Sie sich doch einfach noch ein wenig Atwood (schwere Kost, ich weiß). 🙂

            Ihnen ein trotz allem gutes Wochenende!

        • Wie auch immer.

          Geld macht, und zwar allen, die Welt ganz neu und anders zugänglich. Rational.

          Alles wird berechenbar, verrechenbar. Alles kann auf einmal miteinander verglichen werden: Hinsichtlich seines Preises.

          Das lateinische Wort ratio meint: Berechnung, ursprünglich auch die Monatsendabrechnung. Die Welt wird rational zugänglich.

          Natürlich gab es schon vorher Fernhandelswährungen; Homer rechnet in Rindern, die lateinische peccunia (vgl.: Penunze) entstammt dem peccos, dem Kleinvieh. Die flächendeckende Einführung des Münzgeldes für den Alltag aber ist eines der gigantischsten Medienrevolutionen aller Zeiten. Da ist die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nix gegen.

          • Oh ja, @Alubehüteter! Wussten Sie schon, dass gerade auch im Hebräischen Zählen und Schreiben aufs Engste verschränkt wurden und werden? Vgl. den Sofer, der gleichzeitig schreibt und rechnet, in der Bibel z.B. Josef. (Auch Ägypten, Achsenzeit, Thomas Mann!) 👍📚

          • Wie sagte Heraklit (DK20 B 90)

            Alles ist eintauschbar gegen Feuer und Feuer gegen alles,
            wie Waren gegen Gold und Gold gegen Waren.

            So etwas ist so erst denkbar seit der Achsenzeit.

  11. Michael Blume , Alubehüteter,
    “Symbole und Schriftzeichen repräsentieren etwas Abwesendes.” Das ist eine tiefgreifende Sicht.
    in der Informationstheorie sind Schriftzeichen die dritte Stufe der Codierung. Zuerst haben wir den Gegenstand selbst.
    Dann wird dieser Gegenstand isoliert von der ihn umgebenden Welt wahrgenommen. Er wird benannt, mit einem Laut versehen. Interessant ist dabei, dass diese Laute, dann zu Namen wurden.
    Und dass die Laute etwas über die Eigenart des Gegenstandes oder der Person aussagen. Im Gälischen ist das Wort “Mna” das Wort für Frau. Und “Fir” ist das Wort für Mann. Man hört deutlich, dass hier auf die Eigenschaften des Geschlechtes abgezielt wird.
    Die Schrift geht jetzt zwei verschiedene Wege. Sie ist eine vereinfachte Darstellung der Umrisse des Gegenstandes, dann kommen wir zur Bilderschrift.
    Oder die Laute werden als Schriftzeichen codiert, das ist dann der Beginn der Lautschrift.
    Ich denke mal, dass die Seidenstraße China und den Nahen Osten nicht nur wirtschaftlich miteinander verbunden hat, sondern auch die Sichtweise von Welt angeregt hat.
    Die Leute wurden gezwungen zu denken, weil sie ja die fremde Kultur der Chinesen verstehen wollten und auch mussten.

    • Ich denke mal, dass die Seidenstraße China und den Nahen Osten nicht nur wirtschaftlich miteinander verbunden hat, sondern auch die Sichtweise von Welt angeregt hat.
      Die Leute wurden gezwungen zu denken, weil sie ja die fremde Kultur der Chinesen verstehen wollten und auch mussten.

      Wohl wahr. Betrifft allerdings nicht die Achsenzeit (da ich auch angesprochen wurde). Die ist früher.

  12. (Na gut, um mich kurz zu outen: Achsenzeit ist eines meiner Steckenpferde, eines meiner Leib- und Magenthemen. Wo ich mich über Jahre immer wieder reingegraben habe. Und, ja, ich bin da 100% aus Seiten Jaspers’. Da nehme ich keine mittlere Position ein wie Herr Blume oder, abgeschwächt, auch @einer. Das ist das größte Ding vielleicht seit der Neolithischen Revolution. Wobei sich natürlich seit Jaspers viel getan hat in der Diskussion, auf das eine neue Theorie der Achsenzeit zu antworten hätte.

    Ein entscheidendes Phänomen zur Achsenzeit ist allerdings in vielerlei Hinsicht die Einführung des geprägten Münzgeldes. – Ich hätte insofern nichts weiter sagen wollen, Herr Blume hatte meine Fragen zufriedenstellend beantwortet, aber an Mussis Votum kam ich nun mal nicht vorbei.)

    Allen hier auch von mir trotz Corona ein schönes Wochenende und eine gute Woche.

      • Den Atwood werde ich nur querlesen, weil mich das Thema seiner gründlichen Studien weniger interessiert; sehr wohl aber natürlich, was er zur Achsenzeit schreibt.

        Er macht ja aber leider einen Fehler der Assmanns zum zentralen Ausgangspunkt seiner Jaspers-Lektüre: Die Achsenzeit als eine Art Gegenerzählung zum umfassenden zivilisatorischen Zusammenbruch im Zweiten Weltkrieg. Das Bedürfnis, nicht nur von der Philosophie her politisch etwas zur Situation der Zeit zu sagen (wie in dem Vortrag „Die Schuldfrage“), sondern ganz grundsätzlich philosophisch eine Neuorientierung, einen ersten Neuanfang zu setzen, erklärt zwar Jaspers’ Motivation, dieses Buch zu schreiben. Und damit auch, daß dieses Buch sehr hektisch zusammengenagelt wurde und also viele Fehler enthält, wo man sich denkt: Mensch! Hätte doch nur mal kurz zur Unibibliothek gehen müssen und im Pauly-Wissowa nachgucken, ob das denn überhaupt stimmt!

        Aber es erklärt nicht Jaspers’ Motiv, sich überhaupt mit der Achsenzeit zu befassen. Das geschieht nämlich schon viel früher, aus einer traumatischen Begegnung: Nämlich einer Begegnung im Frühjahr 1933, wo er seinen … Ja, wie nennt man ein solches Verhältnis? Er trifft jedenfalls nach langem mal wieder Martin Heidegger. Und muß verblüfft wie entsetzt feststellen, daß dieser Nazi geworden ist. Das Traumatische daran: Heidegger ist Philosoph, durch und durch, und ein wirklicher Kenner der Geschichte insbesondere der alten griechischen Philosophie. Für Jaspers ist … nicht einmal absolut ausgeschlossen, er wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß man aus der Philosophie heraus eine irgendwie positive Haltung zum Nationalsozialismus gewinnen könnte. Was bedeutet: Jaspers muß da irgend etwas ganz Fundamentales übersehen haben in der Philosophie. Muß da viel zu naiv drangegangen sein an der Lektüre philosophischer Texte.

        Und das aber wiederum bedeutet: Die ganze Unternehmung „Abendländische Philosophie“ steht unter Generalverdacht, wenn sie so etwas am Ende … nun, nicht hervorbringt (Jaspers wird ja mit umfangreichen Nietzsche-Studien und -Vorlesungen beginnen), aber dem zumindest nicht widerspricht, den Nationalsozialismus nicht ausschließt. Das ist, was ihn in stillen Stunden Buddha, Konfuzius lesen läßt. Da muß er nicht mißtrauisch darauf lauern, ob er gerade wieder irgend etwas überliest, was den NS ermöglichen könnte.

        Insofern kommt Atwood zu einem völlig falschen Schluß. Die Achsenzeit wird eben nicht zu einem Therapeutikum, zu einem Gegenmythos, einer Gegenerzählung einer lichten Achsenzeit-Aufklärungs-Durchbruchsgeschichte, wo dann der Faschismus wieder zurückfiele in eine vorachsenzeitliche, finstere Barbarei. Jaspers hat überhaupt keine abwertende Beurteilung der vorachsenzeitliche Kulturen, wie sie so oft wahrgenommen und unterstellt wird. Die Achsenzeit ist zunächst einmal kein Mythos, keine Gründungsgeschichte, sondern nach Jaspers’ Auffassung eine Tatsache, eine Diagnose.

        Ist nur ein erster Eindruck.

  13. @Alubeüteter
    Ich vermute,während der Achsenzeit gab es etwas zwischen ‘Tradition und Moderne’ wie wir es heute kennen.
    Rechnen und Ratio ist nicht verkehrt.
    Das Selbst nahm eine gewisse Bedeutung ein. Modern:Selbstwirksamkeit,das Erkennen. Ausgeleitet aus dem Selbst: Selbstbewusstsein,Selbstbestimmung,Selbstbehauptung,das Selbst in Bezug zum Mythos. Fragen der Macht und Herrschaft und freiem Austausch.Aber auch das Selbst zum Nächsten,dem anderen Selbst.
    Mich leitet der Gedanke der Wechselwirkung zwischen Kooperation und Konkurrenz zur Achsenzeit.
    Der Tausch ist Kooperation.Münzen haben ihn vereinfacht.
    Die Berechnung liegt zwischen freier Kooperation und kontrollierter Kooperation.
    Dazwischen liegen immer noch die philosophischen Schulen zwischen West und Ost. Nach meinem Eindruck.

  14. Die Achsenzeit ist gekennzeichnet durch explodierenden Fernhandel. Man sehe sich nur mal an, wie viele Kolonien die Griechen gründen; es muß eine große Bevölkerungsexplosion gegeben haben. Eine neue Klasse tritt auf: Die Kaufleute, also das Bürgertum. Mit neuen Bedürfnissen, etwa nach objektiver Information: Man sehe sich die märchen- und sagenhafte Mittelmeerwelt Homers an, Unterhaltungsliteratur für den Adel – Und die nüchternen und sachlichen Reiseberichte („Erkundungen“) Herodots. Die Frage stellt sich, wie sich Adel überhaupt noch begründet, ob man ihn überhaupt noch braucht, wie er sich neu erfinden kann. Man wird konfrontiert damit, daß andere Völker ganz anders leben, ganz andere Wertvorstellungen haben – die Juden sind homophob, die Griechen kultivieren Knabenliebe. Und schließlich kommt es zu sozialen Verwerfungen, drohende Klassenkämpfe, die etwa Athen zu zerreißen drohen (Auftritt Solon). Alles wird neu gewertet.

    Ausdruck und Symptom dessen ist die Notwendigkeit, nun auch Geld für den Alltag zu erfinden. Das aber krempelt wiederum noch einmal alles um.

    Achsenzeit ist ein Globalisierungsphänomen, teilweise auch Reaktion auf Globalisierungskrisen. Auch geistige. Religionskritik taucht auf, zum Beispiel.

    Nix Mystisches. Alles erklärbar.

      • @ Michael Blume
        14.03.2020, 19:19 Uhr

        Das meiste davon, lieber @Alubehüteter, würde ich aber tatsächlich bereits in der Bronzezeit sehen.

        Alles richtig. Im Grab des Tutenchamun finden wir Bernstein aus dem Baltikum; das Lapislazuli der blauen Augen seiner Totenmaske stammt aus Afghanistan. Es gibt ein Wort, dem etymologisch auch unser Wort „Mine“ entstammt, und das Silberbarren bezeichnet, also eine Fernhandelswährung für große Einheiten – Und das finden wir von Ägypten bis immerhin Indien. Das Gold der Himmelsscheibe von nebra stammt aus Siebenbürgen; das Zinn, meine ich, aus Cornwall. Liegt auch beides nicht um die Ecke.

        Die Quantität wird zur Achsenzeit eine andere, viel kolossalere. Und schlägt so um in eine neue Qualität. Wie gesagt, bis dahin kam man im Alltag auch ohne Münzgeld aus. Auf einmal wird es notwendig, das in drei Weltgegenden neu zu erfinden, in mindestens zweien unabhängig voneinander.

          • Ach so, zu China wollte ich noch geantwortet haben: Nein, ich wußte nicht, was Sie da schreiben – Und habe das auch nicht verifizieren können. Es gibt keine Alphabet-Revolution in der chinesischen Schrift.

            Wikipedia weiß von aktuell rund 100.000 chinesischen Schriftzeichen zu berichten. Und rund 3-5000 davon müßte man schon kennen, verfolgte man Ihren Blog dank GoogleTranslate im Chinesischen.

            Interessanter finde ich in dem Zusammenhang, daß zur Achsenzeit auf einmal überall Wissen verschriftlicht=konserviert wurde, das zuvor über hunderte Jahre rein mündlich tradiert wurde. Solon veranstaltet eine erste Homer-Werkausgabe letzter Hand. Das Rigveda wird verschriftlicht. Und ein Teil des Werkes Konfuzius’ besteht schlicht aus der Sammlung tradierter Texte („Buch der Lieder“). Man hat Angst, über Jahrhunderte selbstverständlich Tradiertes (und ja, Illias und Odyssee wurden auswendig gelernt und von den Homeriden vorgetragen) verlustig zu gehen im Sturm der neuen Zeiten.

            Alphabetschrift ist hier nicht der Auslöser oder zumindest Bedingung, wie es der Buchdruck mit beweglichen Lettern für die Reformation gewesen ist. (Jan Hus war rund hundert Jahre vor der Erfindung der Schwarzen Kunst, wie Heine sie nennt, mit im Grunde schon vielen lutherischen Ideen bekanntlich erfolglos geblieben.) Aber natürlich ein ideales Medium. Zur Not geht es aber in China auch ohne. Das Werk des Konfuzius richtet sich ja nicht an das breite Volk, sondern wird Ausbildungsgrundlage für Beamte. Die sind Profis; die haben die Zeit, diese 5000 Schriftzeichen zu lernen.

            Was nichts kleinmacht oder kleinreden soll. Die Alphabetisierung bedeutet vor allem eine Demokratisierung des Wissens, vor allem in Kulturen, in denen eine „Buchreligion“ bestimmend wird. Aber zu sehr überschätzen und für alles verantwortlich zu sehen; mit dem Alphabet-Hammer nun überall nur noch Nägel zu sehen, wollen wir ja nun auch nicht. Viele Achsenzeit-Errungenschaften richten sich ja ausdrücklich an Eliten. Zur Not hätte Platon auch altägyptische Hieroglyphen gelernt oder sumerische Keilschrift; seine Studenten auch. Hätte seinem damaligen Erfolg keinen Abbruch getan.

          • Ganz genau, @Alubehüteter: Entscheidend ist das Medium der Schrift. Die Alphabetschrift beschleunigt und egalisiert zusätzlich. Es ist wirklich nicht schwer zu verstehen, wenn man denn möchte… 😏📚✅

          • Was ist daran so schwer zu verstehen: Wenn Sie Legastheniker sind, also genetisch bedingt nicht lesen und schreiben können (was nicht heißt, daß die blöd wären; die sind ansonsten völlig normal), dann betrifft Sie die Alphabet-Revolution gar nicht. Ob Sie chinesische Schriftzeichen nicht lesen können oder das lateinische Alphabet nicht, Sie können nicht lesen, fertig.

            Ohne Geld aber kriegen Sie beim Kiosk nicht einmal mehr Süßigkeiten. Auch als Legastheniker nicht. Die Einführung von Münzgeld ist eine viel größere Revolution als die Erfindung der Schrift. Sie betrifft jeden, unmittelbar. Auch den Blinden. Und die Zähmung des Feuers ist eine noch viel, viel größere Innovation. Das iPhone wiederum viel, viel kleiner.

            All diese Revolutionen aber scheiden die Welt in Achsen eines „vorher“ und „nacher“. Nichts ist mehr so, wie es zuvor war. Das festzustellen, muß man einem Jaspers nicht, wie Assman und auch Atwood das tun, unterstellen, immer noch einem westlichen, eurozentrischen, genauer: christlichen Weltbild verhaftet zu bleiben.

          • Wie wir bereits diskutiert haben, @Alubehüteter: Auch Verwaltung und Münzgeld waren aufs Engste mit Symbolen und Schriftzeichen verbunden. The Medium is the Message. 🙂

          • Und welche Alphabetische Revolution gibt es nun in der chinesischen Schrift, von der ich hätte wissen können/sollen/tun/müssen? 😳

          • Seufz. Woher haben Sie diesen Strohmann nur? Ich habe nie behauptet, dass jede Schrift eine Alphabetschrift sein müsste, @Alubehüteter. Alphabetschriften sind eine – besonders wirksame – Teilmenge von Schriften, nicht weniger, nicht mehr…

            Dass in China Papier und Buchdruck erfunden wurden, sich aber beide erst später in der arabischen (Papier) und europäischen (Papier, Druck) Welt dynamisch entfalteten, liegt darin, dass die chinesische Schrift eben keine Alphabetschrift war…

          • Homer soll ja, so berichtet die Legende, blind gewesen sein. Der konnte gar nicht schreiben, demgemäß.

          • Ja, viele der größten Erzählungen wurden über Generationen mündlich tradiert, bevor sie verschriftet wurden. Aber nur in Schriftform konnten sie dann die Jahrtausende bis zu uns tradiert werden. 👍📚

      • Hatten Maya und Azteken nicht auch Mauern, Kriege und Menschenopfer, @Mussi? Ich fürchte, Protektionismus und Krieg sind bereits die Folge der Agrar- und Viehwirtschaft (vgl. den Mythos um Kain und Abel).

      • Das ist ein bißchen mehr als Protektionismus. Die Reiterkriegervölker sind ein Problem. Die Magyaren haben sich Ungarn, die Türken Anatolien unter den Nagel gerissen. Die zartreuen Kosaken hat erst Stalin brachial in Griff gekriegt; seitdem erst ist Ruhe.

  15. @Blume
    Mit ging es eher um die Einlflüsse auf der Eurasischen Achse von West nach Ost und in der Moderne von Ost nach West.

  16. @Alte Zeiten

    Interessant, das sich in Eurasien die Kultur zur sogenannten Achsenzeit weiterentwickelt hat. Dass sich über den Warenhandel auch Gedanken verbreitet haben, und sich später durch Geld der Warenhandel ausgeweitet hat, und mit Schrift dann auch der Gedankenaustausch neue Dimensionen gefunden hat, ist gut nachvollziehbar.

    Globalisierung im Vergleich zu heute wäre das aber wohl nicht, damals konnte man nur kostbare und eher leichte sowie haltbare Waren transportieren, was heute läuft, ist was ganz anderes. Auch der Gedankenaustausch hat sich aktuell durch das Internet noch mal um Einiges weiter beschleunigt. Was heute in Tagen und Wochen diskutiert werden kann, brauchte früher mindestens Jahre, wenn nicht Jahrzehnte oder Jahrhunderte.

    Im Vergleich zu heute fällt mir aber vor allem auch auf, dass wir erst mit dem Aufkommen funktionierender Demokratien von der Verherrlichung von Herrschaft wegkommen, und in erster Linie vom Staat nur eine gute Organisation erwarten, mit dem Ziel, dass wir beteiligte Menschen gut leben können. Und dass neuerdings auch die restliche Natur in den Blick gerät, und von uns Menschen und unseren Verwaltungen erhalten und gefördert werden soll.

    Mit dem Aufkommen des Ackerbaus sind Besitz und Herrschaft sowie große Heere, die die Kriege gewinnen, für sehr lange Zeit zur zentralen Maßgabe geworden. Mit der Konsequenz, dass die Menschen in ziemlich fürchterlichen Verhältnissen leben mussten. Vorher in der Steinzeit ging es den Menschen meistens deutlich besser. Sie waren eher keinem Untertan, hatten viel besseres Essen und nur halb so viel Arbeit, und konnten auch glauben was sie wollten.

    In der Tat hat sich dennoch ganz langsam eine Kultur und Wissenschaft und Technik entwickelt, die inzwischen zu eigentlich hervorragenden Lebensverhältnissen geführt hat, vergleichsweise, und auch nicht überall und für jeden. Aber dazwischen lag doch eine sehr sehr lange Zeit der Finsternis und des Leidens, scheint mir, die in manchen Gegenden immer noch nicht wirklich vorbei ist.

  17. Alubehüteter,
    wenn du von Karl Jaspers ausgehst, dann ist die Achsenzeit die Zeit zwischen 800 – 200 v. Chr. , also die griechische und auch römische Antike.
    Das war eine Blütezeit der Philosophie einerseits und der Naturwissenschaften andererseits. Das Römische Weltreich ist darauf erbaut.
    Das Römische Weltreich zerfiel zwar in Ost- und Westrom, aber es lebt eigentlich bis heute weiter. Die EU kann man als modernen Nachfolger des Römischen Reiches ansehen.
    Was jetzt die Seidenstraße betrifft, die war eine Verbindungslinie zwischen China und dem “Römischen Reich”.
    Es ist interessant zu wissen, dass der Don Quixote in China einen Kultstatus hat. Jedes Jahr pilgern hunderttausend Chinesen nach La Mancha in Spanien um auf den Spuren von Cervantes zu wandeln. Und es ist kein Zufall , dass Madrid von vielen Chinesen besucht wird, was sich ja bei den Coronafällen zeigt.
    Also,, so ein Thema wie die Seidenstraße ist geignet eine ganze Kulturgeschichte aufzurollen.

  18. Geschichte läßt sich nicht reduzieren auf eine Geschichte von Klassenkämpfen. Obwohl die auch zur Achsenzeit wichtig sind; wie gesagt, die bürgerliche Klasse entsteht hier erst und bringt neue Bedürfnisse nach Wissen hervor. Odysseus ist noch Adliger, muß sich allerdings als Kaufmann verdingen.

    Und Geschichte ist eben auch nicht nur die Geschichte von Medienrevolutionen. So wichtig auch diese sind. Ich bin ja dankbar für z.B. den Hinweis, daß z.B. das Christentum sich auch so rasant ausbreiten konnte, weil man Papier entdeckt hatte als neues Trägermaterial für Schritt.

    Die Erfindung der Dampfmaschine, die Zähmung des Wildpferdes, auch das führt zu tiefen Einschnitten der Menschheitsgeschichte.

    • Ja. Und wer genau hätte denn behauptet, Geschichte sei „nur die Geschichte von Medienrevolutionen“? Gerade auch die Thesen von der Achsenzeit bzw. dem eurasischen Gürtel öffnen doch die Geschichtsbetrachtung auch in die Geografie, also Interdisziplinarität.

      Ein freundlicher Hinweis: Wenn ich mehrfach in einer einzigen Diskussion dabei ertappt wurde, Diskussionspartnern Strohmänner untergeschoben zu haben, dann würde ich auch mal über den eigenen Denk- und Argumentationsstil nachdenken. 😉 Wenn Sie Mit-Reisende nicht immer wieder als vermeintlich dümmer vorzuführen versuchten, dann wären auch Sie selbst m.E. schon sehr viel weiter! 🤗📚✅

  19. @ Michael Blume
    15.03.2020, 06:54 Uhr

    Seufz. Woher haben Sie diesen Strohmann nur?

    Dann habe ich Sie falsch verstanden 😯

    Michael Blume
    11.03.2020, 16:22 Uhr

    Oh, ich sehe hier in beiden Fällen die fortschreitende Alphabetisierung am Werk, @Alubehüteter.

    Daraufhin ich:

    Fortschreitende Alphabetisierung ist sicherlich ein Moment, spielt aber in China keine Rolle.

    Daraufhin Sie:

    Michael Blume
    12.03.2020, 09:21 Uhr

    Klar, Schrift entwickelte sich in China aber auch. (Und das wussten Sie natürlich, @Alubehüteter…) 😏📚🌍

    Was genau entwickelt sich denn in der chinesischen Schrift zur Achsenzeit? 🤔

  20. Die Grundlagen der heutigen Religionen entstanden vor mindestens 6000 Jahren. Es ist nur zu logisch, daß sie auf noch ältere Vorgängerreligionen aufbauen, aber das wird man wohl kaum nachweisen können, leider…

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