Säkularisierung im Islam – Verfolgung von Ex-Musliminnen, Agnostikern, Atheistinnen

In den letzten Tagen erhielt ich von mehreren Leserinnen und Lesern von “Islam in der Krise” Hinweise auf eine neue Konda-Befragung aus der Türkei: Demnach seit der Anteil der Menschen in der Türkei, die sich selbst als Muslime bezeichnen, auf nur noch 51 Prozent gefallen.

Die rapide um sich greifende Glaubenskrise in der islamischen Welt im Buch. Foto: Michael Blume

Als Gründe für den schnellen Glaubensschwund werden die gleichen genannt, wie wir sie auch aus der christlichen Religionsgeschichte kennen: Die allzu enge Verschmelzung von Religion und Staat, die den Glauben letztlich zu einem Mittel der Diktatur und Korruption degradiert. Extremismus und Terror im Namen des Islams. Die trotz allem zunehmende Bildung, Verstädterung und Individualisierung samt zurückgehender Geburtenraten.

Und auch wenn es die Apologeten einer angeblichen “Islamisierung” nicht wahrhaben wollen – auch in Deutschland sinkt der Anteil der Betenden und Kopftuchträgerinnen.

Grafik aus einer repräsentativen Befragung der Universität Münster 2016

Verfolgung von ehemaligen Musliminnen und Muslimen

Doch obwohl das Menschenrecht auf Religionsfreiheit auch die Freiheit umfassen muss, nicht bzw. nicht mehr religiös zu sein, belassen es die meisten ex-muslimischen Agnostikerinnen und Atheisten bei einem “stillen Rückzug”, um Repressionen bis hin zu Todesdrohungen durch den Staat, extremistische Gruppen oder auch Angehörige zu vermeiden.

Inzwischen unterstützen auch nichtreligiöse Organisationen wie die Säkulare Flüchtlingshilfe Menschen, die aufgrund ihrer Abwendung von der Religion ihrer Herkunft Verfolgung erleiden – nicht selten bis nach Deutschland hinein. Auch nutzen gerade auch Ex-Muslime wie Kian Kermanshahi die Möglichkeiten liberaler Rechtsstaaten, um den Islam – oder auch generell die Religion(en) – zu kritisieren.

Aber wer die Menschenrechte anerkennt, kommt um die Erkenntnis nicht herum: Zur positiven Religionsfreiheit – der Möglichkeit, einen Glauben wählen und leben zu können – gehört auch die negative Religionsfreiheit – die Möglichkeit, jeden religiösen Glauben abzulehnen. Die Menschen spüren und sehen zu Recht, dass erzwungene, religiöse Praxis und erzwungene, religiöse Bekenntnisse den Glauben unglaubwürdig machen. Die Säkularisierung auch der islamischen Welt wird absehbar gerade auch in diktatorisch regierten Staaten weitergehen.

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es ist absolut nicht verwunderlich, dass gerade in der Türkei das Kopftuchtragen und die Identifizierung mit dem Islam abnimmt. Das liegt unter anderem daran, dass die Türkei in vielerlei Hinsicht ein moderner Staat ist, wo selbst der Führer, also Erdogan, als Popstar auftritt. Gleichzeitig beansprucht aber Erdogan – wie alle Autokraten in islamischen Ländern – , auch der religiöse Führer aller Türken zu sein, ja Erdogan beansprucht sogar ein potenzieller Führer der gesamten islamischen Welt zu sein. Doch Erdogan kann es gar nicht gelingen, zugleich ein Popstar, ein moderner Autokrat und der Führer der gesamten islamischen Welt zu sein. Dazu ist sein persönliches Machtstreben allzu sichtbar. Für Türken, die ein reserviertes Verhältnis gegenüber Erdogan haben, ist es überdeutlich, dass Erdogan den Islam vor allem als Mittel benutzt um seine eigene Machtstellung zu sichern und auszubauen und viele Türken werden sich auch schon gedacht haben, dass nicht nur der Erdogan‘sche Islam , sondern der Islam überhaupt nicht nur eine Religion, sondern auch ein sehr fragwürdiges Herrschaftsinstrument ist – ein Herrschaftsinstrument, dass den islamischen Herrschern, nicht aber den Muslimen selbst hilft.

  2. ich bin in 20 Jahren in der Türkei noch NIE gefragt worden, welcher Religion ich angehöre (ich rechne mich dem Kreis der säkulär/liberalen Muslime zu) Interessiert schlichtweg keinen. Ausser im Kunstkurs, wo mich eine Teilnehmerin fragte, was man denn so als Deutscher an Weihnachten besonderes an Deko zuhause hätte und ich meinte, ich würde Weihnachten nicht feiern. Ihre “halb interessierte” Frage: “Ach Du bist gar keine Christin?” Ich sagte “nein”, und das war dann auch schon alles. Vollkommen nebensächlich.

    • Ja, @Martina Yaman – zudem ist man ja meist als geborene Muslimin/Muslim nirgendwo Mitglied, kann also auch nirgendwo „austreten“ und zahlt auch keine Kirchensteuer bzw. Mitgliedsbeitrag. Die meisten reduzieren einfach stillschweigend die religiöse Praxis, wenn es jemals welche gab. Das eben nenne ich den „stillen Rückzug“, der leider in Klischees und schlampigen Statistiken nicht sichtbar wird.

  3. Die Moschee in meiner direkten Nachbarschaft zeigt ein ganz anderes Bild: die religiöse Gemeinschaft wächst – ich höre den Muezzin übrigens gerne/lieber (wenn er denn mal draussen darf) als das nervende Gebimmel der “christlichen” Kirchen. Mein türkischer Nachbar, der mindestens fünfmal am Tag betet, wird wohl auch sagen: was für ein Quatsch, wenn ich ihm erzähle was hier behauptet wird.
    Ich werde ihn auch mal fragen ob das Geld für neue Moscheen von Allah kommt 😎

    Das einzige was wohl stimmt, ist das das Kopftuch weniger wird.

    • Ja, @hto – nutzen Sie doch gerne mal die Chance, mit Ihrem Nachbarn über die Ergebnisse der Konda-Befragungen in der Türkei zu sprechen! 🙂

      Wobei die o.g. Ergebnisse dem amtierenden, türkischen Präsidenten natürlich überhaupt nicht passen – und entsprechend in türkischen Medien auch kaum berichtet wurden… Wäre natürlich interessant zu erfahren, wie Ihr Nachbar auch darüber denkt…

      PS: Angesichts der noch steigenden Zahl der Menschen muslimischer Herkunft kann die Zahl von Gottesdienstbesuchern auch bei sinkendem Anteil Praktizierender selbstverständlich noch eine ganze Weile steigen. Auch zum Beispiel die katholischen Kirchen profitieren von katholischen Immigranten aus Polen, Ungarn, Italien etc., ohne dass deswegen jemand ernsthaft Säkularisierung unter katholischen Christen bestreiten würde… #StatistikInfo

    • @hasan hüseyin sivgan

      Klar, die Manipulation staatlicher Angaben ist in der Türkei vielfach dokumentiert. Aber wer sollte – wie und warum? – eine langjährige Konda-Befragungsreihe manipuliert haben?

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