Rulaman – Ein Vorzeit-Klassiker zum Wiederentdecken

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Am 30.8.1829 wurde Sophia Klingler und ihrem Mann, dem Pfarrer August Johann Friedrich Weinland zu Grabenstetten bei Reutlingen der Sohn David Friedrich Weinland geboren – eines von insgesamt 11 Kindern. Der aufgeweckte Junge besuchte nach der Volksschule die Lateinschule in Nürtingen und studierte schließlich evangelische Theologie in Tübingen. Doch wie Charles Darwin – und wie sein Freund und Kollege Gustav Jaeger – entschied sich Weinland für die Naturwissenschaft und übernahm wissenschaftliche Stellen in Frankfurt, Berlin und New Cambridge (USA). Forschungsreisen führten ihn auch zu den Ureinwohnern der USA und nach Haiti, bevor er in Süddeutschland eine Familie gründete.

 

Mit seinen vier Kindern (alles Söhne) durchstreifte Weinland aber nicht nur die Natur und Höhlen der Schwäbischen Alb, sondern entwarf ihnen auch die fantastische Gestalt eines jungen, europäischen Ureinwohners – des Rulaman, in dem er wissenschaftliche Erkenntnisse und eine spannende Geschichte verknüpfte. Und als er von seinen Aufschrieben 1875 im Uracher Pfarrkranz (unter evangelischen Mit-Theologen) vortrug, traf er auf Begeisterung. 1878 erschien der "Rulaman" beim Verlag Spamer in Leipzig. Das Buch wurde ein riesiger Erfolg und auch in mehrere Sprachen übersetzt. Als Weinland 1915 auf dem Hofgut Hohenwittlingen starb, war der Rulaman bereits zu einer etablierten Jugendlektüre im süddeutschen Raum geworden. Die Erzählung begeisterte Generationen für die Ur- und Evolutionsgeschichte des Menschen. Dass Baden-Württemberg bis heute einen Schwerpunkt prähistorischer Forschungen und auch Ausstellungen bildet, hat auch mit dem "Rulaman" zu tun!

Selbstverständlich ist vieles, was Weinland damals schrieb, heute von der Forschung überholt. So beschreibt er Evolutionsprozesse immer wieder in Jahrhunderten und Jahrtausenden, wo sich später sehr viel größere Zeiträume ergaben. Auch lässt er seine Ureinwohner – die Aimats – unvermittelt auf agrarische Kelten – die Kalats – treffen.

Und doch liest sich sein Buch nicht nur hervorragend, sondern mutet in vielerlei Hinsicht geradezu modern an. Mit eindrucksvollen Schilderungen, liebevollen Zeichnungen und einem Angebot an vertiefenden Fußnoten entführt Weinland Leserinnen und Leser in eine halb-mythische Vergangenheit und entfacht die Freude an Wissenschaft und Forschung, an Natur und Kultur. Die Charaktere sind einfach, aber liebevoll gestaltet, es gibt – für die damalige Zeit beachtlich – auch kluge und starke Frauenfiguren und sowohl Gewinn wie Verlust des "Fortschrittes" aus unseren Wildbeuter-Wurzeln werden nachvollziehbar gemacht. Wie schon sein Theologen-Kollege Charles Darwin wußte Weinland dabei sehr viel von der evolutionären Bedeutung von Religiosität und Religionen, ohne ihre Schattenseiten zu leugnen. Aber seine eindrucksvolle Hauptfigur der "alten Parre" als Urahnin des Tulkastammes und Hüterin des alten Wissens ist sehr viel näher am heutigen Forschungsstand als die immer noch gängigen, männerzentrierten Evolution-Religion-Szenarien.

Der "Rulaman" ist ein Buch mit dem Potential, auch weitere Generationen zu begeistern. Sollten sich in Ihrem Umfeld noch Kinder oder Jugendliche befinden (in Deutschland ja zunehmend selten), so könnte der "Rulaman" ein pfiffiges Geschenk sein. Für junggebliebene Erwachsene gilt das im Übrigen auch. 😉

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

4 Kommentare

  1. Hat mir mal als Grundschüler Spaß gemacht. Danke für die Erinnerung an frühere gute Erfahrungen mit dem Buch:
    Es weckte oder förderte vermutlich das Verständnis für kulturelle und religiöse Formen, die den unsrigen vorausgingen – ohne sie als primitives “Heidentum” verächtlich zu machen. Einzelne religiöse Vorstellungen sind mir aus dem Buch nicht mehr gegenwärtig. Vermutlich können Kinder aber schon durch diese Lektüre ein Verständnis für eine funktionale Religionstheorie haben: einen Sinn entwickeln für gute Gruppenzusammengehörigkeit einer identitätsstiftenden Kraft.
    Dass es religionswissenschaftlich interessant ist – da wäre wohl sonst niemand drauf gekommen.
    Nun – jetzt wird’s etwas OT – , dann schaute ich weiter in Deinen neuen englischen Beitrag zu Pascal Boyer. Ist ja super, was sich da entwickelt. Und da ist Dir mit zu gratulieren. Aber ich schreibe das lieber nicht auf Englisch – aus den bekannten Gründen…

  2. Aimats und Kalats?

    Also, irgendwie klingt das nach Afghanistan… die Aimak sind ein persischsprechendes Volk mongolischen Ursprungs am mittleren Heri Rud (Provinzen Herat und Ghor), und “Qalat” (in anderer Form “Qal’a”) ist das als Lehnwort ins Persische übernommene arabische Wort für “Festung” und als solches Bestandteil vieler afghanischer Ortsnamen – so heißt etwa die Hauptstadt der südafghanischen Provinz Zabul Qal’a-ye Ghilzai = “Festung des Ghilzai-Stammes”.

    Ach ja, und selbst bei “Rulaman” denke ich unwillkürlich an den südwestlichen Kabuler Stadtteil Darulaman!

    Könnte es sein, dass Weinland die britischen Afghanistan-Klassiker des 19. Jahrhunderts, Mountstuart Elphinstone (“Kingdom of Caubul”) und Alexander Burnes (“Cabool”), in seiner Privatbibliothek stehen hatte?

  3. @Yadgar

    Weinland nahm das mit den Etymologien sehr ernst, zumal damals ja die Rekonstruktionen von Ur-Sprachen im vollen Gange waren. Allerdings blieben natürlich dennoch Spielräume – und da er ein spannendes Jugendbuch für seine Kinder schreiben wollte, ließ er sich sicher auch von anderen Autoren inspirieren! Könnte also tatsächlich sein, dass Sie da eine interessante Spur gefunden haben… 😉

  4. Roman und Worterklärungen bei Gutenberg

    Der Roman ist auch zu finden im “Projekt Gutenberg”:
    http://gutenberg.spiegel.de/…;kapitel=1#gb_found

    Am Ende im Anhang bei „Worterklärungen“, u.a.:
    AIMAT (lappisch) Mensch. Nach auch heute nicht widerlegter Theorie ordnet Weinland die Ur-einwohner seiner Heimat einer alpinen Rasse von Europiden zu, als deren Rudimente die Lappen gelten können. Manche Naturvölker nennen sich selbst “Menschen”, so auch ,Weinlands Aimats. – Die drollig anmutenden Sprachstudien erfand er nach etymologischen Überlegungen und Vergleichen mit primitiven Sprachen.

    Ähnliche Worterklärungen in Wikipedia, Wapedia und wo immer das abgeschrieben wurde….

    Auch veröffentlicht in:
    http://www.wissen-im-netz.info/…ulaman/index.htm

    Grüßle
    Hermann A.

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