RoK – Zitate von Hans Blumenberg, Lars Fischer, Karl Popper und Agnes Heller

Das neue “Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus” eröffnet das Vorwort “Hinschauen inmitten von Digitalisierung und Klimakrise” mit zwei Zitaten.

Vorwort zu “Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus” von Dr. Michael Blume, Patmos

Von Hans Blumenberg (1920 – 1996) stammt das ebenso deutliche wie beunruhigende Eingangszitat: “Nichts ist weniger sicher, als daß die Wahrheit geliebt werden will, geliebt werden kann, geliebt werden darf.” aus seinem erst 2015 posthum veröffentlichten “Rigorismus der Wahrheit”.

Entsprechend erleben wir heute, dass gerade auch in liberalen Demokratien Millionen Menschen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Covid19 und die in Rekordzeit entwickelte Vielzahl der Impfstoffe ablehnen, sogar als vermeintliche Weltverschwörung deuten. Täglich sterben Hunderte Menschen, weil sie sich der wissenschaftlichen Annäherung an die Wahrheit verweigert haben – und WHO-Regionaldirektor Hans Kluge warnte aktuell vor einer weiteren, halben Millionen Toten alleine in Europa und Zentralasien bis zum 1. Februar 2022!

Dies führt direkt zum zweiten Zitat, meinem persönlichen “Tweet des Jahres 2021” von Wissenschaftsblogger Lars Fischer (nebenan beim scilog “Fischblog”). Lars hatte am 27. Juli 2021 zu Klimakrise-Prognosen trocken getwittert: “Man muss das positiv sehen. Es ist zwar das Ende der Welt, wie wir sie kennen, aber wir lernen auch total viel über Statistik dabei.”

Legendärer Tweet vom 27.07.2021. Screenshot: Michael Blume

Denn auch hier haben wir es ja mit einer Nicht-Akzeptanz von empirisch stark belegten Zusammenhängen zu tun: Die Temperaturen steigen durch Treibhausgase wie CO2 und Methan rasant, Dürren und Hitzemord-Konflikte destabilisieren bereits Lateinamerika, Afrika und den gesamten eurasischen Gürtel. Die Zahl der direkt durch die Klimakatastrophe oder indirekt durch Klimakonflikte entwurzelten Flüchtlinge steigt weltweit massiv. Und während laut dem aktuellen PolitBarometer-Deutschland-Trend sagenhafte 83 Prozent der Deutschen “sehr großen” (43%) oder “großen” (40%) “Handlungsbedarf beim Klimaschutz” sehen – sinkt der Verzehr von CO2- und Methan-emittierenden sowie Zoonosen-auslösenden Fleisch aus Massentierhaltung nur quälend langsam. Denn wir sind Meister darin, uns – übrigens auch als Akademiker:innen – über Jahre hinweg selbst zu betrügen

Bezeichnenderweise hatte der sozialliberale Erkenntnistheoretiker Karl Popper (1902 – 1994) genau dieses Problem in seinem Hauptwerk der “Offenen Gesellschaft” (1945) bereits gesehen: Gemeinsam mit seiner Frau in Neuseeland auf der Flucht vor den deutschen und österreichischen Nationalsozialisten, die viele Angehörige seiner europäisch-jüdischen Familie ermordeten, warnte er in je einem Band vor Platonismus und Faschismus sowie vor Historizismus (Hegel) und Marxismus. Dagegen entwickelte er das bis heute erkenntnistheoretisch führende Paradigma des Fallibilismus, nach der jede wissenschaftliche Aussage immer als widerlegbar und dadurch überprüfbar verstanden werden müsse. In einem Seminarvortrag sprach ich daher sogar davon, Popper habe die Menschen in ein “Zeitalter der Falsifikation” geführt, die sich nun durch die Digitalisierung noch bis zur Erschöpfung beschleunige.

Das noch immer weit unterschätzte Werk des sozialliberalen Erkenntnistheoretikers Popper in wenigen Stichpunkten. Grafik: Dr. Michael Blume

Doch zu nicht nur meiner Verblüffung sah Popper ausgerechnet im Christentum bzw. christlichen Symbol des Kreuzes einen womöglich entscheidenden Verbündeten in der Akzeptanz auch unbequemer Wahrheiten und schrieb: “Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir Menschen sind.”

Wie andere Religionen und Weltanschauungen auch könne das Christentum laut Popper in Historizismus und “Anbetung des Erfolgs” fehlgehen. Doch nach seinem “Geist” weise es eigentlich auf eine Akzeptanz von auch unbequemer Wahrheit sowie Mitleid mit den “Leidenden und Bedürftigen” hin. Zudem habe es im Gegensatz zu anderen Religionen kein “Goldenes Zeitalter” ausgeprägt, in das die Gläubigen vermeintlich zurückkehren könnten. Poppers humanistisch-christlich-sozialer Liberalismus zielte also weder auf ein Bewahren von Besitzständen und Privilegien noch auf das Maximieren von Profit für wenige, sondern auf ein freieres und besseres Leben für viele. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ein Liberalismus ohne Popper in den Abgrund des Markt-Staat-Dualismus stürzt.

Können sich aber sowohl religiöse Christinnen und Christen wie auch nichtreligiöse Humanist:innen auf einen solchen Trialog zwischen Wissenschaft, Erkenntnistheorie und Religion einlassen? Die Philosophin Agnes Heller (1929 – 2019) meinte sogar, dass dies notwendig sei – aber zu Veränderungen auch des christlichen Selbstverständnisses führen werde. Ihr Zitat eröffnet neben Marshall McLuhan Kapitel 4: “Der christliche Jesus ist am dritten Tage auferstanden. Zweitausend Jahre waren nötig, damit auch der jüdische Jesus auferstand.” 

Hinschauen als Risiko – und Aufgabe

Schon das erste Wort des Vorwortes verweist auf eine Forderung von Blumenberg an die Philosophie und jede Form der Wissenschaftskommunikation: Es gelte die “Intensität des Hinschauens” zu pflegen.

Auch ich habe mich anfangs über die sehr langen und schweren Texten Blumenbergs geärgert und mich insgeheim nach den “poppigeren”, leicht verständlichen, schnellen Thesen heutiger Lifestyle-Philosophen gesehnt. Doch langsam begann ich zu begreifen, dass Blumenberg es mit guten Gründen ablehnte, etwa nur biologische oder nur soziologische Thesen zuzuspitzen. Nach seinem Verständnis kam es dagegen genau darauf an, “>Phänomene<” aus der Perspektive verschiedenster Disziplinen “zu beschreiben”, sie also aufmerksam zu umkreisen, interdisziplinär hinzuschauen. Ein Buch mit nur knapp 160 Seiten wie “Rückzug oder Kreuzzug?” wäre ihm dafür immer noch verdächtig kurz erschienen – aber mir ist klar, dass unsere Aufmerksamkeitsspannen heute noch viel niedriger liegen als zu seiner Zeit elektronischer Medien.

Ich habe es dennoch versucht und hoffe, dass ausreichend viele Menschen Mit-Hinschauen werden. Denn es geht um nicht weniger als die Zukunft von Erkennen, von Leben, von Hoffen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

45 Kommentare

  1. Glaube ist stärker als Wahrheit/Wissen
    Religionskriege waren oft besonders grausam, weil es in diesen Kriegen vermeintlich um die Wahrheit, die absolute Wahrheit, ging. Und weil es gegen die ging, die diese Wahrheit in Frage stellten. Zitat Wikipedia :

    In der Bartholomäusnacht und den Tagen danach wurden in Paris um die 3000 Menschen ermordet (mehrere tausend in der Provinz), in der großen Mehrzahl Hugenotten. Von August bis Oktober fanden ähnliche Massaker in anderen Städten statt, unter anderem in Toulouse, Bordeaux, Lyon, Bourges, Rouen und Orléans, wobei zwischen 5.000 und 15.000 Menschen umkamen. Prominente Opfer des Massakers waren der Komponist Claude Goudimel und der Philosoph und Humanist Petrus Ramus.

    Wahrheit bedeutet eben für viele nicht das empirisch Gesicherte, sondern das als wahr, essenziell Erkannte/Geglaubte – und das kann nur etwas sein, was über Faktisches hinausgeht, etwas was auf einen letzten Sinn und letzten Zweck abzielt.

    Deshalb der Hass gegen Leute, die gegen die selber geglaubte Wahrheit verstossen, denn diese Andersgläubigen stellen den eigenen Glauben, die eigene Wahrheit in Frage.

    Auch wer heute an den Aussagen der Wissenschaft zu Covid oder dem Klimawandel zweifelt, der macht das oft wegen dem, was er selbst die Wahrheit nennt und diese Wahrheit, dieser Glaube kreist eben nicht um Fakten und sachliche Betrachtungen, sondern um das Feuer 🔥 der (angeblichen) Wahrheit.

    Wissenschaft überfordert viele, nicht weil ihre Aussagen schwer verständlich wären, sondern weil ihren Aussagen das Feuer, das Jenseitige, das Transzendente fehlt, also das, was die Wahrheitssuchenden suchen.

    Wir brauchen vielleicht mehr Menschen, die mit der trockenen Faktenwahrheit der Wissenschaft zurecht kommen und die das Tiefere und den Sinn von Allem nicht gegen, sondern mit der Wissenschaft suchen.

    • @Holzherr: “… sondern weil ihren Aussagen das Feuer, das Jenseitige, das Transzendente fehlt, also das, was die Wahrheitssuchenden suchen.”

      Das ist Blödsinn, denn dieses “Feuer” (ob mit oder ohne entsprechende Bekenntnis/Erleuchtung) ist immer dar. Mensch muss bloß erkennen wann, was und wie er/sie es am Sinnvollsten/Gottgefälligsten zu schüren vermag – So verrückt es auch klingt: Selbst über den Wahnsinn der Nationalsozialisten wäre es möglich gewesen, wenn er und der unterschwellige Kreislauf des imperialistisch-faschistischen Erbensystems (globalisiert) über die Zeit selbsttätig verrottet wäre (die zeitgeistlich-reformistische UNTÄTIGKEIT ist immernoch das Problem!).

      Derzeit sind es die Chinesen, die dieses Feuer (unbewusst?) “schüren” – vielleicht nur für den nächsten “Versuch Geist-Seele” durch “144000 auf dem Berg Zion”, wenn die Profitler dieser Welt- und “Werteordnung” (in gewohnter Blindheit) das Feuer der atomaren Apokalypse herauf beschwören!

      Der Schlüssel zur zweifelsfrei- eindeutigen Wahrheit (“wie im Himmel all so auf Erden”) lautet weiterhin Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, damit auch “Der verdorrte Feigenbaum” Matthäus 21,18-22 wieder gottgefällig Früchte trägt 👋😎👍

  2. Gratulation zur neuen, imao ggf weiterführenden Publikation!

    Schön, die „Arbeit am Mythos“ ernenntnisleitend bereits im Vorwort erwähnt zu haben.

    Beste Wünsche für das neue „publikatorische Baby“.

  3. Martin Holzherr,
    Liebe ist stärker als Glaube. Die Religion kommt bei ihrer Betrachtungsweise schlecht weg. Dabei ist das höchste Gebot im NT : Du sollst deinen Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben.“

    Es ist wahr, die Menschen streiten sich bei Meinungsverschiedenheiten. Und wenn sich die Meinung zu einer Weltanschauung verdichtet hat, töten sie sich auch ihretwegen.

    Der Ansatz von Karl Popper ist richtig, mit Logik und Beweisen kommt man der Wahrheit näher und nimmt die Wahrheit als Maßstab für richtiges Verhalten.
    Das darf nicht auf Kosten der Religion geschehen. Nur allzuviele Wissenschaftler lehnen Religion ab, weil sie unlogisch sei. Und die Kirchen sind nicht unschuldig daran.

    • @hwied: “Du sollst deinen Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben.”

      Und was tut man wenn man seinen “Gott” (die Vernunft) und den “Nächsten” (vernunftbegabt/ebenbildlich) liebt – Es gibt selbstlos Geschenke, KEINE Almosen, damit die Selbstlosigkeit der Geistlichkeit (von der wir alle im SELBEN Maße “durchströmt” sind) entsprechend fusionierend und befreiend wirkt!? 👋😎

    • Ihre letzten beide Sätze passen nicht zusammen. Wenn Logik gut ist kann Unlogik nicht auch gut sein.

      Man siehts mal wieder, immer wenn Leute versuchen Wissenschaft und Religion in einen Topf zu werfen, wirds unsinnig. Sorry passt nicht.

  4. Es ist schon seltsam: Zuerst braucht der Mensch das Wissen um die Wirklichkeit, um sich gegen den Absolutismus der Götter zu behaupten, dann braucht er Mythen, um sich gegen den Absolutismus der Wirklichkeit zu behaupten.

    • Ja, @Joseph Kuhn – wobei das evolutionspsychologisch m.E. Sinn macht: Menschen orientierten sich über Abertausende Generationen über Mythen in ihren natürlichen und sozialen Umwelten, bevor es dann auch zur Herausbildung empirischer Wissenschaften kam. Es ist also eigentlich klar, dass es zu komplexen Wechselwirkungen kommen musste – gerade auch dann, wenn die Wissenschaften „Beunruhigendes“ hervorbringen. Es liegt jetzt an uns, diese Zusammenhänge interdisziplinär besser zu erfassen um positive Effekte zu entfalten, Verschwörungsmythen und Extremismus entgegenwirken zu können.

    • @Kuhn

      Tja, wie Du sicher auch schon gehört/gelesen hast, führen die wissenschaftlichen Berechnungen bis an den Rand der “Schwarzen Löcher”, zur Erkenntnis unserer programmatisch-beschränkten “Freiheit” in einem holographischen Universum – Wir kommen da nicht weiter, also verstärken wir die dem Kreislauf entsprechende Bewusstseinsbetäubung, in herkömmlich-gewohnter Überproduktion von Kommunikationsmüll!? 👏😎

    • Dr. W rät an zwischen unterschiedlichen (Welt-)Sichten zu unterscheiden :

      1.) Die Welt, die das “Schalten und Walten” meint, abstrakt und nur das Verhältnis zwischen erkennendem Subjekt und Gegenstand, dann das Objekt meinend.

      2.) Die (nicht nur) von Ihnen, Herr Dr. Joseph Kuhn, gemeinte Wirklichkeit meinend, insbes. deutsch von der Idee her beworben, insbesondere von Eckart, vergleiche :

      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eckhart (seinerzeit sozusagen theologisch ein “Burner” – philosophisch hat sich so nicht durchgesetzt – Weiß jemand warum nicht`?)

      3.) Das Universum, das das Multiversum sozusagen mit meint, die physikalische Sicht, die Sicht der Naturforschung bleibt gemeint.

      4.)
      Religiöse (besonders gebundene Sicht ist gemeint, besonders zurück-gebundene, ergo : religiöse)

      5.)
      Schamanentum, “not that bad”, sofern hier kohärent vorgetragen wird, dies nur ergänzend gemeint und Weltsichten meinend.
      Hier sind, womöglich, alle Humanisten, denkbarerweise.

      6.)
      Andere Denkmöglchkeit, die Welt, diese Welt meinend, Philip K. Dick und so auch Terry Pratchett meinend.


      I beg to differ.

      MFG
      WB (der insgesamt sicherlich vernünftig bleibt, nur allgemein zu erklären weiß, idR : ablehnend)

  5. @Michael Artikeltext

    „Wie andere Religionen und Weltanschauungen auch könne das Christentum laut Popper in Historizismus und “Anbetung des Erfolgs” fehlgehen. Doch nach seinem “Geist” weise es eigentlich auf eine Akzeptanz von auch unbequemer Wahrheit sowie Mitleid mit den “Leidenden und Bedürftigen” hin. Zudem habe es im Gegensatz zu anderen Religionen kein “Goldenes Zeitalter” ausgeprägt, in das die Gläubigen vermeintlich zurückkehren könnten.“

    Klare Pluspunkte für das Christentum. Wie sieht das damit im Islam, im Judentum, bei Buddhisten, Konfuzius und Laotse aus? Ich schätze mal, dass hier Laotse näher dran ist. Vielleicht ist Laotse an der menschlichen Wirklichkeit und ihrem Potential sogar näher dran als das Christentum.

    Klare Minuspunkte des Christentums sind mir der Fokus auf das Himmelreich und die Forderung nach Glauben.

    „Können sich aber sowohl religiöse Christinnen und Christen wie auch nichtreligiöse Humanist:innen auf einen solchen Trialog zwischen Wissenschaft, Erkenntnistheorie und Religion einlassen?“

    Gute Idee, hier mal zu gucken, wie man so Manches miteinander vereinbaren kann. Gerade Biologie und Psychologie sind eine Quelle für Neuigkeiten in unserem Selbstverständnis, was zugleich einen Abgleich mit den Traditionen erfordert. Ich würde das jetzt aber auch auf alle anderen Religionen ausweiten wollen.

    Auch gerade mit Naturreligionen, die in sich schön unkompliziert und ziemlich praxisnah zu sein scheinen. Die Naturvölker selbst scheinen durchaus Interesse an Technik und Wissenschaft zu haben, und sind teils auch unterwegs, dieses mit ihrer Weltauffassung zu vereinbaren.

    Allerdings könnte gerade die christliche Forderung nach Glauben so mancher Verständigung im Wege sein. Im Gespräch mit radikaleren Christen kommt es meiner Erfahrung nach immer wieder auf den womöglich mangelnden Glauben zurück, was einen entspannteren Erfahrungsaustausch immer wieder schwierig machen kann. Hauptsache ist öfter der Glaube, und detaillierte Fragen der Lebenspraxis werden immer wieder in den Hintergrund gedrängt, und damit auch Konflikte überdeckt.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger. Tatsächlich lässt sich der Hang zur – religiösen wie später auch säkularen – Ideologisierung sehr gut aus der Alphabetform des Japhetismus erklären. Entsprechend erläutere ich in „Rückzug oder Kreuzzug?“ nach M. McLuhan im direkten Vergleich mit den semitisch-alphabetisierten Religionen Judentum und Islam die Vielzahl, Länge und abgrenzende Härte christlicher Glaubensbekenntnisse („Credos“). Auch hier gilt: „Das Medium ist („prägt“) die Botschaft.“

    • @Jeckenburger

      “NICHTS TUN IST BESSER ALS MIT VIEL MÜHE NICHTS SCHAFFEN”
      Laotse

      Juden und Christen haben die besten philosophischen Texte zum Verständnis für Mensch vor sich, doch es kommt nichts was UNS wirklich-wahrhaftig vernünftig dient.

      Der wohl wichtigste Text der Bibel, ist für mich Matthäus 21,18-22 “Der verdorrte Feigenbaum” – Mensch bedeutet IMMER ALLE!

  6. “Das Medium prägt die Botschaft”, nicht nur , die Botschaft selbst hat Kraft genug , sich durchzusetzen.
    Die Kirchen selbst haben nicht mehr daran geglaubt und zugelassen, dass das Christentum zur Staatsreligion wurde. Das war der Kardinalfehler. Man braucht keine glanzvollen Bauwerke um die Menschlichkeit zu verbreiten.

    Und die Botschaft ist eine frohe Botschaft “Mensch , fürchte dich nicht ich bin bei dir alle Tage”.
    Die Theologen nennen das , fast unaussprechbar, kerygmatisch.

  7. Zudem habe es [das Christentum]im Gegensatz zu anderen Religionen kein “Goldenes Zeitalter” ausgeprägt, in das die Gläubigen vermeintlich zurückkehren könnten.

    Nicht? Nichts anderes will doch die Reformation: Hinter dem spätantik-heidnisch-katholischem Gebräu wieder zurück zur Urgemeinde, nämlich des Paulus? So, wie die Wahabiten im Islam wieder zurück wollen zur Urgemeinde, zur Umma des Propheten.

    Und was soll prinzipiell so verkehrt sein an Goldenen Zeitaltern, an denen und aus denen wir uns immer wieder erneuern, re-formieren? Eben dies feiert Karl Jaspers gerade zu in seinem Buch über die Achsenzeit; dies seien grundstiftende Epochen, aus denen sich die jeweiligen Regionen stets wieder neu verstünden, die sie immer wieder neu entdeckten und interpretierten, die immer wieder Maß und Ziel einstiger Vollendung böten in sich wandelnden Zeiten.

    • Ich muß zugeben, daß ich den ganzen Gedankengang „Karl Popper und das Christentum“ noch nicht verstehe. Melde hiermit ein Minderheiteninteresse an.

      • Ja, @Alubehüteter – es ist tatsächlich erstaunlich, wie viel & kritisch Popper in seiner „Offenen Gesellschaft“ zu Religion(en) schrieb und zu welchen Schlüssen er dabei kam. Seltsamerweise ist das bisher kaum rezipiert worden. Für Sie dürfte da einiges Interessante und auch Überraschende dabei sein!

    • Nö, @Alubehüteter – gerade auch die Reformation wollte nicht in die Zeit vor dem Buchdruck und unter römische Herrschaft zurück. Auch entschieden traditionalistische Gruppen wie die anabaptistischen Amish versuchten ihre Lebenswelt zu bewahren, nicht aber z.B. wie Salafist:innen in die Lebenszeit Jesu zurück. Popper sah in der Verklärung von idealisierten Vergangenheiten eine große Gefahr.

      • Gerade auch die Reformation wollte nicht in die Zeit vor dem Buchdruck und unter römische Herrschaft zurück.

        Darum heißt sie ja auch “Reformation” und nicht “Rekonstruktion”. Natürlich wollten sie nicht die alten Bauten wieder aufrichten, Togas tragen und sich in einem Freilichtmuseum einleben.

        Aber Reformatoren wollen die Gegenwart erneuern aus dem Geist der paulinischen Urgemeinde. Sie wollen nicht zurückkehren in ein Goldenes Zeitalter, sie kennen aber sehr wohl eines und wollen sich von ihm inspirieren und erneuern lassen; ja, die Gegenwart aus dem Geist dieses Goldenen Zeitalters umgestalten und erneuern. Alternativ könnte man die Gegenwart ja auch erneuern nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft: sie einem gedachten, als ideal konstruierten Utopia so weit als möglich annähern; so etwa denkt sich das Platon.

        Zu den Salafist:innen: Hatte ich nicht von Ihnen, vor hundert Jahren hätten sich die Salafisten noch verweigert, sich fotografieren zu lassen – Bilderverbot –, heute kämen sie ohne YouTube nicht mehr klar?

        • Exakt, @Alubehüteter: Christliche Reformator:innen wollen „den Geist“ in die Gegenwart holen – „Was würden Jesus & seine Jünger heute tun?“

          Islamistische Salafist:innen woll(t)ein in eine vermeintliche „Goldene Zeit“ zurück: „Was haben der Prophet und seine Gefährten damals getan, wie sich gekleidet, die Bärte gefärbt usw.“

          Die meisten Muslim:innen wissen längst, dass das im Zeitalter von Facebook, Toyota-Autos & Gewehren nicht geht. Hier auf dem Blog finden Sie dazu auch meinen Lieblings-Salafismus-Witz eines sunnitisch-türkischen Taxifahrers… ☺️💁‍♂️

          • Vor allem: Jesus und seine Jünger würden ganz sicher unter den Obdachlosen wohnen!

          • mein Lieblings-Salafismus-Witz eines sunnitisch-türkischen Taxifahrers…

            … wo der Salafist meckert, der Prophet habe schließlich keine Musik im Autoradio gehört, und der Taxifahrer ihn rausschmeißt, er solle sich ein Kamel zum reiten suchen? 😀

          • Genau der! 😄 War für mich ein Augenöffner zum unterschiedlichen Verständnis von Zeit in Salafismus versus christlichem Fundamentalismus!

          • OT, wollte ich Sie noch fragen. Sie sind doch inzwischen wieder bei Twitter. Auch Christian Drosten hat seinen schlummernden Account reaktiviert (tummelt sich inzwischen wieder täglich dort, was mir ehrlich gesagt ein wenig Angst macht).

            Und inzwischen hat er aber unmißverständlich zugegeben, daß er ein Pharmalobbyist im Dienste der Reptiloiden sei? Hätten Sie das gedacht? 😳 Finde das jedenfalls eine sehr überraschende Wendung 😯

            Wobei ich mich andererseits frage, was ich ihr alles erzählen würde, um mit Sarah Bosetti zu frühstücken 😉

          • @Michael Blume
            07.11.2021, 14:26 Uhr

            … nicht aber z.B. wie Salafist:innen in die Lebenszeit Jesu zurück.

            @Michael Blume
            08.11.2021, 22:56 Uhr

            Christliche Reformator:innen wollen „den Geist“ in die Gegenwart holen – „Was würden Jesus & seine Jünger heute tun?“

            Da Sie es jetzt zwei mal schreiben, um Mißverständnissen bei den Mitlesern vorzubeugen: Vorbild für die Salafisten ist in der Tat die Gemeinschaft unter Mohammed, wie sie sich, zuerst bruchlos, unter den “Altvorderen”, den salaf as-salih fortsetzt.

            Vorbild für die Reformation ist nicht Jesus und seine Jünger, weil es zu ihnen einen grundlegenden Bruch gibt, hinter den wir nicht ohne weiteres zurückkönnen: Tod am Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt, Pfingsten. Die Reformation will zurück zu den ersten christlichen Gemeinden nach diesen Ereignissen, wie wir sie vornehmlich dokumentiert finden in den Briefen des Paulus. Mit ihnen verbindet uns immer noch, daß wir nach Pfingsten leben (der Ausgießung des Heiligen Geistes), aber vor der Wiederkunft Christi.

            Nun ist aber die katholische Apologetik, folgend die Exegetik auch nicht ohne. Die nachweist, wie viel Katholisches schon in diesen Urgemeinden, auch schon bei Paulus steckt; wie katholisch/griechisch schon Paulus denkt. Seitdem gibt es eine kleine radikalisierte Bewegung in der protestantischen Theologie, die tatsächlich noch hinter Paulus zurück will zu Jesus; die insbesondere sich auf das griechische Denken nicht einläßt und zurück will zum Juden Jesus. In einem weiten Sinne läßt sich Nietzsche diesem Zweig zuordnen, wenn er scharf das Evangelium des Nazareners absetzt vom Dysangelium der Rache, wie sie Paulus verkünde.

            Dagegen anzudenken ist übrigens ein immer wiederkehrender Schwerpunkt in der Forschungsbiografie Josef Ratzingers.

            Notiz: Paulus ist sowohl ausgebildeter jüdischer Rabbi wie studierter Philosoph der damaligen kaiserlichen Eliteuniversität in Tarsus.

  8. “Der christliche Jesus ist am dritten Tage auferstanden. Zweitausend Jahre waren nötig, damit auch der jüdische Jesus auferstand.”

    Sie sind sich doch hoffentlich bewusst darüber, das diese Aussage implizit antisemitisch ist.
    Das sie diese Aussage aber so verwenden, als wäre das ein Argument für gewisse fortschrittliche und wünschenswerte Prozesse und Entwicklungen, lässt mich natürlich annehmen, das ihre Auffassung vom Kampf gegen den Judenhass eine empfindliche Schwachstelle hat oder eben gänzlich auf Falschheit basiert.

    Und die Hervorhebung des Mythos klingt da auch nicht glaubhaft, weil das die ganze Situation subtil verdreht und… eben, wie es Kuhn oben ansprach…der Wirklichkeit eine Plausibilität und Glaubhaftigkeit in der menschlichen Perspektive zu geben. Denn Gottlos felht der Glaubensgrund, woraufhin nichts mehr glaubhaft sei….ausser wenn eine neue Göttlichkeit über Mythen in die Populationen käme.

    Das haben sie dann wohl falsch verstanden. Aber durchaus richtig interpretiert: Mythen sind offenbar alternativlos.

    Und sie sind wirklich engagiert dabei, diese neuen Mythen wirksam “im neuen Geist” zu etablieren. Was einer gewissen Dreistigkeit natürlich nicht entbehrt.

    Scheinbar argumentieren gerade viele mit Popper. Und wenn ich meinen Popper also richtig gelesen habe, hat er damit auch erklärt, wie neue Wahrheiten etabliert werden. Und zwar “im Anschein” der unwiderlegbaren Wirklichkeit.
    Der einzige Trick dabei aber war (so ich es richtig verstanden habe), das man neue Theorien nur dann etabliert bekommt, wenn man die Verfechter der alten Theorien zu Gabe trägt… was nur eine andere Beschreibung dafür ist, sie zu töten.

    Und naja: So habe ich mir die “Wissenschaft” und die Wahrheitssuche natürlich nicht vorgestellt. Weil sie auch im Angesicht der sonst auch so libertären Attitüde und der zivilisatorischen Gerechtigkeit und “Gleichheitsiderale” nicht entspricht.

    • Meine Güte, @HardiK. Wer Agnes Heller Antisemitismus unterstellen möchte, zeigt vor allem noch massiven Bildungs- und Lesebedarf.

      Es würde mich freuen, wenn Sie sich ernsthaft mit den Themen befassen würden, statt auf dem Mount Stupid stecken zu bleiben. Gerade auch die Lektüre von A. Heller kann ich sehr empfehlen!

      • Also, es war oben auch schwer zu erkennen, von wem das Zitat stammt.

        Das es eine gewisse anti-jüdische Bedingung enthält, wird man auch nuir verstehen, wenn man davonausgeht, das gekreuzigt werden eben nicht gerade das ultimativste Ziel jeder Existenz sein kann.
        Menschen aus dem christlich geprägtem Abendland mögen das aufgrund der Ideologie und der aufoktroyierten “Freude” des Empfangens des heiligen Geistes automatisch falsch verstehen.
        Es wäre also kein Vorwurf an die Aussagenden, denn die sind ja… geradezu verblendet durch die etablierte Kultur-Ideologie. Ok, nicht der Antisemitismus ist der Vorwurf, sondern deren falsche Vorstellung von der Auferstehung, die dem einzelnen Menschen nicht gewünscht werden kann, aber in einem “höheren Ziel”, das meist nichts mit Menschenrechten und Lebensqualität zu tun hat. Diese “höheren Ziele” sind meist idealistisch gedacht und haben also eine andere Perspektive, als ein normaler Mensch.

        Der Mount Stupid ist…. eine überhebliche Anmaßung von Leuten, die sich in ihrer Perspektive zu gewiss darüber sind, was sie darin wissen. Sind si eschonmal einem Jesus begegnet, der wieder auferstanden ist?

        Und ich bin kein Jesus-Verächter oder Relativierer: Ich bin sogar der Meinung, das es mehr, als einen Jesus gibt – in jeder Generation. Aber nicht alle werden dann auch “geopfert” und bekommen die Chance zur Auferstehung.

        Es ist erstaunlich, das Menschen, die früher gerne mal damit kokettiert haben, das viele anderer ihrer Mitmenschen so manche kognitive Verzerrung aufweisen, aber dann selbst darauf reinfallen, das die Geschichtsschreibung sehr stark davon geprägt ist, was die “Übriggebliebenen” in der Generation für plausibel halten oder taktisch für nützlicher halten.

        Es gibt viel kritik an ihren “Zusammenfassungen” über die Szenerie. Das mag schlicht traditionelle Opposition sein, .. bei vielen… aber ich kann auch kaum den notwendigen Zusammenhang als solchen erkennen, wie sie das alles zusammenschustern. Ehrlich, es ist zu einfach die Kritik als typisch Querdenkerisch (oder was war früher?) zu erklären. Und wirklich dämlich ist es, diese Kritik für ein Anzeichen von “Richtigkeit” ihrer Wahrheiten zu deuten.

        Als ob jede Wahrheit nur davon abhinge, ob auch viel Opposition dagegen opponiert. Das würde in Sachen Klimawandel aber zu ganz anderen Schlüssen führen müssen, wo doch 95 % der Wissenschaft sich darüber einig seien.

  9. @Michael 06.11. 06:57

    „Auch hier gilt: „Das Medium ist („prägt“) die Botschaft.““

    Was geschrieben steht hatte lange Zeit eine gewisse Autorität. Zu Zeiten vor dem Buchdruck waren Bücher einfach auch sehr rar, und allein daraus war ihre Wirkung um so exklusiver. Und auch nach Erfindung des Buchdrucks war erst die Kirche, danach auch der Staat fleißig am zensieren, dass das Geschriebene dann auch recht stringent war, sozusagen anscheinend verlässlich.

    Und auch in modernen Zeiten war Gedrucktes auch ohne Zensur lange Zeit immer noch recht exklusiv. Wer sich wirklich zu Wort melden wollte, brauchte einen Verlag, und dieser brauchte dann Auflagen von mindestens 50.0000, um einigermaßen wirtschaftlich zu sein.

    Inzwischen bietet das Internet jedem, der schreiben kann und einen Computer hat, die Möglichkeit Text und Bilder zu verbreiten, und auch gedruckte Versionen sind ab einer Auflage von 50 schon von den Druckkosten her praktikabel. Ich selber habe für einige Freunde und Bekannte schon kleine Buchprojekte gelayoutet und bei einer Online-Druckerei in Miniauflage bestellt. Ein kleiner Gedichtband mit z.B. 70 Seiten Din A5 kostet pro Stück nur noch 1 Euro. Diese kleinen Auflagen verteilt man dann einfach im Freundeskreis.

    Digitaldruck samt Vollautomatisierung des Bestellvorgangs machen es möglich. So ist dann inzwischen das geschriebene Wort gründlich demokratisiert. Das kann zu Ausfällen führen, aber eben auch die allgemeine Diskussion beflügeln. Nicht immer in der Qualität, aber auf jeden Fall in der Geschwindigkeit.

    Und die Autorität des geschriebenen Wortes lässt zwangsläufig dabei nach. Was, meine ich, eher positiv zu bewerten ist. Es soll wirklich der Inhalt überzeugen, nicht ob ein Text so massentauglich ist, dass er auch die hohen Auflagen bringt, die früher rein wirtschaftlich nötig waren.

    So wird die Überprüfung bzw. ggf. die Falsifikation des gesamten Kulturinventars erst so richtig in Gang gesetzt. Insofern wie die eigene Wahrhaftigkeit die treibende Kraft ist, kann es dann auch zu Diskussionen führen, die weiterführen.

    • Das ist hier noch Handarbeit. Da muß auch mal was für ein paar Stunden liegen bleiben, weil sich etwas anderes dazwischen geschoben hat oder die Mittagspause zu kurz war. Ich weiß, ist irritierend, wenn andere Kommentare zuvor schon freigeschaltet worden sind – Ich hatte mich auch schon beschwert gehabt. Der Eindruck trügt.

  10. @ Alubehüteter
    10.11.2021, 02:52 Uhr

    Mit ihnen verbindet uns immer noch, daß wir nach Pfingsten leben (der Ausgießung des Heiligen Geistes), aber vor der Wiederkunft Christi.

    -> Also, ich meine, das ist gar nicht so eine verlässliche Konstante, wie immer wieder aus der Theologie zu entnehmen ist. Ich habe mal irgendwo gelesen, das seit Jesus von Nazareth doch sage und Schreibe 50 selbsternannte oder zugeschriebene Jesusse existiert haben sollen. Und ich frage mich, wie um alles in der Welt soll man entscheiden können, das ein Mensch nun tatsächlich ein entsprechend würdiger Nachfolger des einstigen Jesusses existiert.

    Denn: Nach dem Vorbild müssten sie alle gekreuzigt werden und das bedeutet eigendlich, das Jesus gescheitert ist. Und so dann auch alle nachfolgenden. Was macht einen Jesus aus? Das man das aus der bibel entnehmen kann und sich deren “Eigenschaften” dann auch sicher sein kann, kann man schlicht als irrsinn abtun, denn es sind 2000 Jahre vergangen und die Moderne hat Einzug erhalten und ein moderner Jesus müsste einige andere Eigenschaften aufweisen, um überhaupt noch als irgendwie “wichtig” wahrgenommen zu werden. Nur in einen Tempel zu gehen, um den Menschen ihre Gier und Sinnlosigkeit zu erklären, reicht nicht mehr aus (obwohl das auch schon wieder nötig wäre). Von der Liebe (zu Gott und allen Menschen) berichten, die das Seelenheil brächte, wird heute nicht meh rernst genommen.

    Also ich gehe mal davon aus, das es seit dem legendären Nazarethener durchaus viele weitere “Jesusse” Gab, die ein ähnliches Schicksal durchmachten, nur eben nicht so “offensichtlich” und deswegen eben nicht so bemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit. Heute, wo es anscheinend absolut notwendig ist, die alltäglichen neuesten Zahlen der Corona-Pandemie wie Bundesliga-Tabellen zu verkünden, würde der neue Jesus eher in die Psychiatrie eingeliefert und zwangssediert werden.
    Und ein Anzeichen dieser Parusie ist, das es eine Seuch gibt. Denn sie deutet an, das im genetischen Stammbaum im Menschen eine fundamentale Veränderung gab und Jesus als Sohn Gottes natürlich prominent auch davon betroffen ist – nur vielleicht nicht so, wie der rest der Menschen. Für Jesus gilt ja die Kreuzigung als Maximalkonsequenz.

    Insofern lebten einzelne Mensch (wer immer das ist… die Normalmenschen wohl), natürlich nach Pfingsten und der Ausschüttung des heiligen Geistes, aber nach dem Spiel ist vor einem nächsten Spiel. Und womöglich gibt es eine art Naturkonstante, nämlich, das Fortschritte in der Zivilisation nur statfinden können, wenn ein Jesus seinen geist für die Menschen hergibt, damit die dann diesen “Heiligen” Geist auf sich aufteilen können (Notwendigkeit der Arbeitsteilung) und so struktuirelle Fortschritte machen können.

    Die “Normalmenschen” hätten also ein nicht zu verachtendes “Eigeninteresse”, alle möglichen Jesusse zu finden und sie dann auch so zu opfern, wie es damals dem Nazarethener erging., damit die Verheissung des Geistes ausgeschüttet wird. Tot wegen Geistes-Gier. Klingt so gar nicht demütig und bescheiden. Klingt eher danach, das man jeden halbwegs potenten Gott samt Jesus unbedingt töten müsse, damit die Menschen fortschrittlicher und “größer” existieren können.

    So wird sogar Fortschritt zu einem impliziten Antisemitismus. Denn immerhin muß Jesus wohl aus der Familie der Juden stammen, damit das ganze funktioniert. Also auf das moderne Wissen um die Gene reduziert und präzisiert: Menschen, mit der YAP1-Mutation.

    ich frage mich nur, wenn das Aussterben eines Gottes samt seinen “libelingssohn” in der Weltbevölkerung eine Seuche auslösst, was ist, wenn man alle Jesusse geopfert hat?

    Unmöglich denkbar, das die Menschheit dann noch existieren kann. Denn die Frage ist, ob der heilige Geist dafür ausreichend ist, oder ob Gott für das Leben unbedingt nötig ist.

    Filme, wie “Equilibrium” und “Equals, euch gehört die Zukunft”, tun uns suggerieren, das ein Leben ohne Gefühle stabil und robust möglich ist und die bessere Existenz bedeutet. Aber Filme erzählen nur Geschichten oder Visionen.

    “Liebe” geht nicht ohne Gefühle.
    Und das man heute immernoch nicht wüsste, wie man praktisch jederzeit einen Jesus “bilden” (erzeugen) kann, um dessen eigendlichen Vorteil für die Menschen also regelmäßig aus der Opferung entnehmen zu können, kann ich unmöglich glauben. 2000 Jahre haben sich die Theologen und Machthungrigen damit beschäftigt, was damals zu Zeiten Jesus geschehen ist und was daran der Trick war. Inzwischen werden sie es herrausgefunden haben.

    Insofern ist die “Jesus-Liebe” eine ziemliche Heuchellei, weil eben schon feststeht, das er keine Chance hat. Er ist schon das Opfer, bevor er geopfert und gekreuzigt wird. Die ganze treudoofe Fabulierung um die Wiederaufserstehung ist dabei nur das “Wundersame” am tragischen. und unter Umständen eben gar nicht so verwunderlich. Und es hilft Jesus nicht aus seiner Not herraus, seine Väter und damit sich selbst verloren zu haben. Erst dann ist der Geist heilig. Aber dann ist das Leben von Jesus nichts mehr wert. Dann geht die Menschheit zur Tagesordnung über und sucht schon den nächsten Jesus.

    Man muß das pragmatisch und trocken sehen: vor ungefähr 80 Tausend Jahren haben sich Menschen aufgemacht und wanderten gen Osten (bis ins Indische) und dort ergab sich eine für heute wesendliche Mutation: nämlich die Haplogruppe R, aus der dann die heutigen Europäer hervorgingen.

    Das problem ist, das dieses Evangelium natürlich eben nicht darüber hinwegtäuschen kann, das Gott aufgrund der Sünden der Menschen sie aus dem Paradies vertrieben hat und sie ab nun das Kraut vom Felde essen mussten – sie also nicht mehr länger über die Welt verfügen würden, sondern ihr ihre Bedürfnisse mühsam abtrotzen müssen. Wie auch immer: In Indien ist das um so deutlicher Wirklichkeit geworden.

    Es meint, das leider die Flucht gen Westen (europa etwa) natürlich nicht ausreicht, um dem Faktischen zu entkommen. Warum also die Quadratur des Kreises”? Eben, weil es die Möglichkeit gibt, den heiligen Geist auf die Menschen zu übertragen – der Mensch erbt des heiligen Geiste. Und naja, das ist dann der Patrizid, der ja schon seit 100 Jahren sogar öffentlich Mainstream ist.
    Die “mulötikulti-Gesellschaft” auszurufen, ist dabei doch auch nur “eigeninteresse”; denn dann kommen immer mehr Nachschübe an heiligen Geistern wie der Ochs zum tore und werden “beerbt”, indem man das gleiche mit ihnen macht, wie damals Jesus zugestoßen ist.

    • Und ich frage mich, wie um alles in der Welt soll man entscheiden können, das ein Mensch nun tatsächlich ein entsprechend würdiger Nachfolger des einstigen Jesusses existiert.

      Was passiert, wenn der echte Jesus wiederkommt, steht in der Offenbarung.
      Jenes ist noch nicht passiert (kein goldenes Jerusalem etc.).

      Ist das was in der Offenbarung angekündig wird, nicht das kommende goldene Zeitalter des Christentums?

      • Tatsächlich richtet sich die christliche Eschatologie nicht auf eine vermeintlich goldene Vergangenheit, sondern auf eine messianische Zukunft. Die Zeit-Vorstellungen zwischen Religionen und Weltanschauungen unterscheiden sich oft tiefgreifend – wie ja auch @AndreHeim aufgezeigt hat…

  11. @Michael 10.11. 22:10

    „Tatsächlich richtet sich die christliche Eschatologie nicht auf eine vermeintlich goldene Vergangenheit, sondern auf eine messianische Zukunft.“

    Das ist insofern besser, weil die messianische Zukunft ja noch offen ist. Man kann hier ganz moderne Verhältnisse als Grundlage für diese Zukunft nehmen, und über die Jahrhunderte kann dies sich in Ruhe wandeln.

    Aber es bringt auch die Gefahr mit sich, dass man die Dinge viel zu wenig selber in die Hand nimmt. Mag sein, dass genau das auch die Religionslosigkeit des Kommunismus bedingt hat. Wenn keiner mitmacht, weil er erst auf den Messias wartet, passiert nix.

    Ganz modern ist hier nun ja, dass der Mensch inzwischen so mächtig geworden ist, dass er überhaupt nicht mehr daran vorbei kommt, sich um seine Zukunft aktiv zu kümmern. Wie wäre es, genau diese Einstellung als Basis für ein gewisses neues Zeitalter anzusehen?

    Die Idee von 1000 Jahre Friede oder ähnlichen Zukunftsvorstellungen als Wirkung von Jesus Wiederkehr und der folgenden Vernichtung des Bösen, was soll das denn konkret sein? Ich finde, das ist so wirsch wie jede dumme Psychose von ganz normalen Verrückten.

    Der christliche Mythos ist nach Jung ein Archetypus, der zum Menschen dazu gehört. Eine Art eingebautes religiöses Element. Wir reagieren auf sowas intensiv, das kann uns in den Bann ziehen. Aber nüchtern betrachtet, sind hier Vernunft und vernünftige Kommunikation unter uns Menschen, eine Verständigung darüber, wie wir miteinander leben wollen, etwas, das wirklich möglich ist.

    Die Idee von der Magie im Leben finde ich interessant, aber sie ist nicht unbedingt die Grundlage für ein vernünftiges Miteinander und den Umgang mit Natur und Ressourcen. Die Teilhabe an Geisteswelten mag eine Grundlage für das Leben des Einzelnen sein, und die ist immer persönlich. Aber wer mit Geist nichts zu tun hat, lebt eben ohne. Das war vielleicht nie das Problem.

    Wir brauchen in der Konsequenz keinen Glauben, aber dafür um so mehr Engagement auf Basis einer eigenen Wahrhaftigkeit.

    Das sollte beim Verhältnis von Wissenschaft und Religion dann auch auf andere Religionen außerhalb des christlichen Dunstkreises übertragbar sein – wobei die Zukunftsorientierung allerdings tatsächlich vorteilhafter sein kann, als wenn man von der Wiederherstellung eines ehemaligen „Paradieses“ träumt.

    Aber entscheidend bleibt, dass wirklich nur dann was passieren kann, wenn wir es selber in die Hand nehmen. Und nur hier sehe ich wirkliche Perspektiven.

  12. Wie andere Religionen und Weltanschauungen auch könne das Christentum laut Popper in Historizismus und “Anbetung des Erfolgs” fehlgehen. Doch nach seinem “Geist” weise es eigentlich auf eine Akzeptanz von auch unbequemer Wahrheit sowie Mitleid mit den “Leidenden und Bedürftigen” hin. Zudem habe es im Gegensatz zu anderen Religionen kein “Goldenes Zeitalter” ausgeprägt, in das die Gläubigen vermeintlich zurückkehren könnten. Poppers humanistisch-christlich-sozialer Liberalismus zielte also weder auf ein Bewahren von Besitzständen und Privilegien noch auf das Maximieren von Profit für wenige, sondern auf ein freieres und besseres Leben für viele. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ein Liberalismus ohne Popper in den Abgrund des Markt-Staat-Dualismus stürzt.
    (Ende der Zitation)

    Es ist zwar lustig zu lesen, wie man Popper etwas gewaltsam zum christlichen Marktsozialisten um- exegieren möchte, doch das weltweite Heer der marktradikalen (Neo- ) Liberalen (in D besonders große Teile der FDP und auch Teile der CDU und der Grüninnen), die sich (spätestens) seit Beginn der 1950er Jahre explizit auf ihn berufen, werden das weit weniger lustig finden.
    Ob zu recht oder nicht, ist meines Erachtens immer noch nicht klar. Auf seine “reformtechnologische” Forderung nach behutsamen Änderungen nur in kleinen jeweils auf Funktionalität zu evaluierenden Schritten” berufen sich sowohl neoliberale Marktfetischisten aus der FDP als auch rotgrüne Sozialdemokraten oder oliv-grünrote Anhänger der “Grünen”- Partei .
    Seit langen Jahren ist Popper quasi für alle und Alles gut. Natürlich auch für theistische Antisemismusbeauftragte , die sich mit partei- humanistischen Naturalisten, Atheisten und dogmatischen Skeptikern aus dem Umfeld der GWUP gemein machen wollen.
    Ich weiß nicht, ob überhaupt und wie schnell Popper deswegen im Grab rotiert. Oder ob er sich weiter unten schon auf die Suche nach dem Feuerhaken macht, mit dem er seinem (zeitweiligen ) Schüler Paul Feyerabend angeblich auf den Pelz rücken wollte. Denn da soll der angeblich sanfte “Karli” (wie ihn ein einstmals bekannter Verhaltensbiologe nannte) ja durchaus rabiat geworden sein.
    Und besonders bezweifle ich, dass ihn die Hinweise auf seine “jüdische” Abkunft besonders begeistert hätten. Bekanntlich war er weder ethnischer Nationalist oder Zionist und seine Begeisterung für das Christentum beschränkte sich auf den Humanismus eines “entmythologisierten” Pantheisten wie Albert Schweitzer, den man eigentlich kaum noch “Protestant ” nennen kann.

    • Oh ja, @little louis – gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem gezielt zur Radikalisierung junger Männer eingesetzten Markt-Staat-Dualisten Roland Baader fiel mir auf, wie Popper heute von Leuten benutzt wird, die ihn nie ernsthaft gelesen haben.

      Dabei waren und sind von der „Offenen Gesellschaft“ über seine Biografie bis zu Vorträgen zum Positivismusstreit etc. seine Positionen doch veröffentlicht und zugänglich!

      Gerne möchte ich noch viele Jahre für die Auseinandersetzung mit dem reflektierten Liberalen Popper eintreten und damit Begeisterung für Wissenschaft und pragmatischen Rationalismus wecken sowie Verschwörungsgläubigen & Historizist:innen aller Art entgegenwirken. 🙂

  13. @Michael 11.11. 06:31

    „So hat ja auch der von Ihnen angesprochene Kommunismus seine „messianischen & revolutionären Hoffnungen“ aus Juden- und Christentum geerbt…“

    In der Tat hat man auch die Irrationalität der christlichen Idee mit geerbt. Da war dann gleich der ewige Klassenkampf und die Unfehlbarkeit der Partei und des Politbüros sowie der scheinbar magisch begabte Diktator so hochgelobt wie ein Messias, mit dem Ergebnis, dass ziemlich deutlich gegen jeden Verstand gearbeitet wurde.

    Eigentlich schade um die Idee, eine bessere Welt selber und eben ohne Messias zu versuchen. Wenn man sich mal damit abfindet, dass wir unser Zusammenleben eben über längere Zeit und ziemlich geduldig langsam aufbauen können, dann steigen hier die Chancen auf wirkliche Fortschritte ganz erheblich.

    Glaubensfragen sind darüber hinaus vielleicht eher dem persönlichem Leben zugehörig. Die Menschen sind verschieden, und auch verschieden spirituell unterwegs. Das ist keinesfalls ein Nachteil. Was die Zukunft unseres Zusammenlebens betrifft, da müssen wir schon die Realität des Individuums respektieren. Was eigentlich einfach ist.

    Die ökologischen und ökonomischen Verhältnisse sind vernünftig zu gestalten, darauf kommt es doch an. Hierfür brauchen wir gesicherte Erkenntnisse, aus denen wir die richtigen Konsequenzen ziehen können, um unser Miteinander vernünftig zu organisieren.

    Die Motivation, überhaupt Gemeinsinn zu suchen, mag persönlich auch eine Glaubensfrage sein, aber auch das kann man letztlich nicht vorschreiben, sondern muss mit dem leben, was da ist.

  14. @ Michael Blume und (auch) zum Folgenden:

    Gerne möchte ich noch viele Jahre für die Auseinandersetzung mit dem reflektierten Liberalen Popper eintreten und damit Begeisterung für Wissenschaft und pragmatischen Rationalismus wecken sowie Verschwörungsgläubigen & Historizist:innen aller Art entgegenwirken. (Zitatende)

    Schön dass Sie das äußerst gefährliche Fettnäpfchen der aufgrund falscher Definitionen fast schon hysterisierten Antisemitismusdetektion diesmal etwas beiseite gelassen haben. Ich glaube , ich habe Ihnen in einem Kommentar mal (eigentlich wohlwollend) “prophezeit” , dass Sie deswegen eines Tages eventuell mal gewaltig ins Stolpern kommen könnten.
    Auch deswegen ein Vorschlag:
    Wie wärs mit einem Nachruf für Herrn Verleger? Es würde ja schon reichen, wenn er die Problematik etwas “blumiger” darstellen würde wie der aktuelle Nachruf aus den “Nachdenkseiten”.
    Daraus ein kleiner Textauszug mit einem Zitat des überzeugt bekennenden deutschen Juden:
    “…An die Juden in Deutschland richtete er einen flammenden, aber auch warnenden Apell: „Juden in Deutschland, die ihre jüdische Identität auf diese Weise definieren, als Bekenntnis zur aktuellen Politik des jüdischen Staates, setzen Kritik an Israels Politik gleich mit Verrat am Judentum, denn gemäß dieser Identitätsproblematik gibt es kein Judentum außerhalb der Unterstützung der Politik Israels. Das ist Nationalismus als Identitätsersatz. Das ist nicht gut, denn übersteigerter Nationalismus hat schon andere Länder in den Abgrund geführt, und so könnte es auch Israel gehen.“ (Ende Zitat aus dem folgendend verlinkten NDS- Artikel)

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=77843

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