Robert Bellah wird zum Evolutionären Religionswissenschaftler

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Eigentlich hatte ich vorgehabt, einmal wieder einen eigenen Text zu Evolution & Religion vorzustellen – doch einem Großmeister der Religionswissenschaft lasse ich gerne den Vortritt. Der 1927 geborene Soziologe Robert Bellah prägte unter anderem das heute unverzichtbare Konzept der “Zivilreligion”, wie der Komplex aus Mythen, Symbolen und Ritualen beschrieben wird, den sich Gesellschaften zulegen, um sich politisch-emotional zu organisieren.

Doch nun, im bereits hohen Alter, überraschte Bellah vieler seiner kultur- und geisteswissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen mit einem gewichtigen Buch “The Evolution of Religion”. Auf den Spuren Emile Durkheims ordnete auch er dabei Religiosität und Religionen in die Evolutionsgeschichte ein. Und begeisterte Reaktionen anderer Geistesgrößen wie Jürgen Habermas, Hans Joas und Charles Taylor signalisierten vor allem eines: Auch unter den klugen Älteren bröckelt die viel zu lange gepflegte Abneigung gegen die interdisziplinäre Evolutionsforschung!

Für das Online-Magazin Evolution – This View of Life gewann nun der Evolutionsbiologe David Sloan Wilson Robert N. Bellah für ein Interview. Goldig dabei ist auch, wie oft der große Soziologe deutsche Begriffe wie “Naturwissenschaft” und “Geisteswissenschaft” verwendet – Erinnerungen an frühe, längst verflossene Zeiten, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch Deutsch lernten, um auf den Feldern der Philosophien, Theologien und Religionswissenschaft mitreden zu können.

 

Per Klick hier oder auf das Bild kommen Sie zur ETVOL-Aufnahme des biologisch-religionssoziologischen Gespräches zwischen David S. Wilson und Robert N. Bellah.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

2 Kommentare

  1. Dummheit und Weisheit

    Was unterscheidet den kurzsichtigen Dummen vom weitsichtigen Weisen?

    Der Dumme glaubt, die Welt des Menschen sei “Gott gewollt” und will “Gott spielen”, d. h. einen unverdienten Gewinn (“Frucht vom Baum der Erkenntnis”) auf Kosten der Mehrarbeit anderer erzielen, damit er in den Himmel der wenigen Zinsgewinner kommt, um nicht in der Hölle der vielen Zinsverlierer zu landen. Nimmt man dem Dummen diese Hoffnung, sieht er darin einen “Verlust”, denn eine dritte Möglichkeit ist in “dieser Welt” nicht vorgesehen.

    (NHC II,2,113) Seine Jünger sagten zu ihm: “Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?” Jesus sagte: “Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: “Siehe hier oder siehe dort”, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.”

    Der Weise kommt gar nicht erst auf den Gedanken, die Welt wäre “Gott gewollt”, und erkennt in dem Verzicht auf Machtausübung einen unendlichen Gewinn.

    “Wer reich geworden ist, möge herrschen; und wer Macht hat, möge darauf verzichten.”

    Jesus von Nazareth (NHC II,2,81)

    “Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.

    Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist.”

    Silvio Gesell (Vorwort zur 3. Auflage der NWO)

    In diesem Sinne: http://www.juengstes-gericht.net

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