Religionen wirken demografisch: Geburtenraten aus den USA, Turkiye, Israel & Thailand

Während des Dialoges über die bedeutende KI-Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. insistierte @Tobias Jeckenburger per Kommentaren zu Recht auf die Bedeutung von Kindern für Staaten, Volkswirtschaften, Renten, Religionen.
Also recherchierte ich einige neue Daten – und stellte verblüfft fest, daß eine Hypothese des geschätzten Kollegen Hans Rosling (1948 – 2017) nicht mehr zutrifft.
Dieser hatte in seinem legendären TED-Talk „Religion & Babies“ (2012) anerkannt, daß religionsdemografische Unterschiede „innerhalb“ von Staaten (wie der Schweiz) aufträten, aber „zwischen“ ihnen demografische Effekte verschiedener, religiöser Prägung nicht nachweisbar seien.
Ich hatte Rosling damals auch hier auf dem Blog zugestimmt.

Doch zwölf Jahre später, 2026, muss ich hiermit feststellen: Die demografischen Unterschiede der Geburtenraten (TFR = Total Fertility Rates) pro Frau sind auch zwischen den Staaten verschiedener, religiöser Prägung auf ein unübersehbar unterschiedliches Niveau angewachsen!
So ist das vom gemäßigt antinatalen Buddhismus geprägte Thailand inzwischen (neben dem deutlich reicheren Südkorea) auf eine TFR von unter 1,0 abgestürzt!
Es hat damit die Geburtenraten pro Frau sowohl der christlich geprägten USA (1,6) wie auch der islamisch geprägten Türkei (1,4) deutlich unterschritten. Beide Weltreligionen sind meist gemäßigt pronatal orientiert – sie befürworten Kinderreichtum, schreiben ihn jedoch nicht vor. Sogar Indonesien fällt damit derzeit unter die sog. Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Kindern pro Frau (TFR).
Als derzeit einzige Weltreligion schreibt das Judentum eine höhere Kinderzahl religiös vor. Stadt- und Militärrabbiner Avraham Radbil, den ich erst letzte Woche zu Schawuot in Konstanz besucht hatte, erläuterte dazu schon 2015 in der „Jüdische Allgemeine“:
Die Mizwa Pru Urwu – »Seid fruchtbar und mehret euch!« (1. Buch Mose 1,22) – ist das allererste Gebot der Tora. Es wurde der ganzen Menschheit am Anfang gegeben, um die Erde zu füllen. Doch nach den meisten Meinungen hat sich der Kern dieser Mizwa nach der Annahme der Tora und der Gebote am Berg Sinai verändert: Seitdem sind dieser Mizwa nur Juden, genauer genommen jüdische Männer, verpflichtet. Demnach muss also jeder männliche Jude seinen Beitrag zur Vergrößerung des jüdischen Volkes leisten.
MIZWA Im Talmud (Jewamot 61b) wird darüber diskutiert, wann, also nach wie vielen Kindern, diese Mizwa als erfüllt gilt. Nach der Meinung von Beit Schamai, so wie die Gemara ihn erklärt, ist die Mizwa erfüllt, wenn man vier Kinder – zwei Jungen und zwei Mädchen – in die Welt gesetzt hat. Nach Beit Hillel genügen ein Mädchen und ein Junge.

Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links), Dr. Michael Blume (mittig) und Dr. Astrid Schilling (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern
Entsprechend dazu bildet Israel heute die einzige Demokratie außerhalb Afrikas mit einer Geburtenrate von nahezu drei Kindern pro Frau, vor allem wegen des Wachstums haredischer, nationalreligiöser und teilweise auch noch israelisch-arabischer Milieus.
Hier habe ich nun also vergleichend die Geburtenraten der vier je christlich, islamisch, jüdisch und buddhistisch geprägten Nationen von 1965 bis 2025 dargestellt.

Die Entwicklung der Geburtenraten (TFR) in Türkiye & Israel, den USA und Thailand von 1965 bis 2025. Dr. Michael Blume mit ChatGPT Pro
Drei Faktoren-These: Religiöse Lehren, Institutionen & Mimesis
Nach meiner Auffassung bestätigen die Daten nun auch zwischenstaatlich, was sich bereits in den 2000er Jahren innerhalb von Nationalstaaten abzeichnete: Religionsgemeinschaften wirken durch 1. ihre mehr oder weniger pronatalen Lehren und 2. ihre Familien fördernden Institutionen nachweisbar auch auf menschliches Sozial-, Familien- und Fortpflanzungsverhalten.
Als dritten Faktor benenne ich jedoch inzwischen auch die Psychologie der Mimesis – die Nachahmung von Zielen. Wo andere Menschen im Alltag und in den Medien je kinderarm oder kinderreich erscheinen, hat dies auch erhebliche Auswirkungen auf das je eigene Empfinden und Verhalten: Die Vorstellung einer „normalen“ Kinderzahl ist uns Menschen nicht angeboren, sondern wird im gesellschaftlichen und medialen Alltag mimetisch geprägt.
Kein Wirtschaftswachstum ohne Kinderreichtum
Die Berücksichtigung der Religionsdemografie schützt zudem vor ökonomistischen (= auf Wirtschaft beschränkten) Fehlschlüssen. Kinder sind und bleiben ein Wert für sich und bestimmen wiederum den wirtschaftlichen Erfolg jeder Gesellschaft.
Als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) von „Demografie und Mathematik“ sprach, um weiteren Sozialabbau als „Einsparungen“ zu rechtfertigen, konnte ich sowohl als Wissenschaftler wie auch als Christ, Demokrat, CDU- und CDA-Mitglied nur noch den Kopf schütteln.
Denn gerade auch technologisch weit entwickelte Volkswirtschaften wie Japan und Südkorea belegen, dass es bei Unterjüngung aufgrund nachlassender Binnen-Nachfrage und regionalem Investitionsschwund kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mehr geben kann. Auch China subventioniert seine Exportwirtschaft auch aufgrund demografischer Verzweiflung und forciert damit die Deindustrialisierung auch der Europäischen Union (EU).
Die eigentlichen „Leistungsträger“ menschlicher Gesellschaften sind keine rechtslibertären Abzocker, sondern engagierte Eltern, Ehrenamtliche, Wissenschaftlerinnen, Vorbilder, Spender und Demokratinnen. Ohne ihren Einsatz für die gemeinsame Zukunft erkaltet, vereinsamt und, ja, verarmt jede Gesellschaft.
Und wer – wie ich – noch einen wirklichen Frieden anstrebt, sollte realistisch anerkennen: Die Fossilregime in Iran & Katar sowie die von ihnen fossil finanzierten Terrororganisationen Hamas, Hisbollah & Huthi haben unzählige Tode und fatales Leid verursacht, wogegen Israel aufgrund seines Kinderreichtums auch wirtschaftlich und militärisch expandiert. Auf buchstäblich alt-kluge Ratschläge aus dem vielfach verebbenden Europa wird da wenig gegeben. Immerhin: Auch das EU-Mitglied Spanien wächst derzeit demografisch und wirtschaftlich, weil es gezielt auf die Akzeptanz und Integration von arbeitswilligen Zuwandernden setzt.

Mein Zwischenfazit-eBooklet „Religion & Demografie“ von 2014 befindet sich hier zum kostenfreien Download. Alle Rechte: Dr. Michael Blume
Demografische Prognose: Säkulare Geburtenimplosion vor religiösem Rebounce
Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erwarte ich eine weitere, globale Eskalation der säkularen Geburtenimplosion, zumal die Zahl der jungen Menschen bereits weltweit absackt („Peak Child“ ab etwa 2012). Für unsere Mitwelt kann das durchaus ein Segen sein, zumal immer mehr Gebiete unseres Planeten überhitzen und in Wasserkrisen stürzen. Erst danach werden die kinderreichen Religionsgemeinschaften (wie etwa die christlichen Old Order Amish und die jüdischen Haredim) groß und vielfältig genug gewachsen sein, um den säkularen Schwung auszubalancieren.
Selbstverständlich könnte eine wissenschaftlich informierte und also kluge Solarpunk- und also Sozial-, Wirtschafts-, Friedens-, Familien-, Bildungs- und Dialogpolitik schon heute die Entwicklungen konstruktiv auffangen und damit extreme Erschütterungen vermeiden. Allerdings ist noch unklar, ob unterjüngende Parteien-Konkurrrenzdemokratien mit schwachen Parlamenten dazu in der Lage sind, oder ob sie erst nach Systemabstürzen wieder zur Vernunft kommen. Behaupte dann aber bitte niemand, man(n) habe ja nicht wissen können…
Guten Morgen,
das Thema ‚Demografie‘ finde ich so spannend und verfolge es hier auf dem Blog und auf Mastodon schon seit geraumer Zeit.
Die Zahlen und Statistiken geben ein so klares Bild, was mir in vielen Diskussionen hilft, falsche Glaubenssätze über die angeblich hohe Kinderzahl der Migranten und damit der angeblichen Überfremdung zu entkräften.
Als alter Mensch empfinde ich die Diskussion über die angebliche Überalterung, die ich ab jetzt konsequent Unterjüngung nennen werde, durchaus als belastend.
Viele Menschen im Alter von 70+ haben zwei oder drei Kinder, aber sehr wenige Enkelkinder oder gar keine.
Eine private Anmerkung:
Gestern war ich zum Spendenlauf der Grundschule meiner jüngsten Enkeltochter. Alle Kinder mit blonden, braunen, schwarzen, glatten, lockigen Haaren und den unterschiedlichsten Haut-Tönungen liefen gemeinsam im Stadion voller Freude. Es war ein wunderschöner Anblick und es war ein ganz glücklicher Moment.
Genau so würde ich es auch formulieren und
ebensolche Eindrücke aus
Spenden-Veranstaltungen unserer Kita/Schule sind von mir zu bestätigen.
Kinder, ein kleines, nicht mehr selbstverständliches Glück.
Und Gesundheit muss mittlerweile für das familiäre Glück immer etwas mitspielen!
LG
Ralf H.
@Ralf Haetzer 30.5.26 8:41 Uhr
„Kinder, ein kleines, nicht mehr selbstverständliches Glück.
Und Gesundheit muss mittlerweile für das familiäre Glück immer etwas mitspielen!“
Das ist sehr schön formuliert! 🙏🙌
Und ich würde dazu auch umgekehrt formuliert: Wer andere Menschen, sogar Kinder mit feindseligen Perspektiven anschaut, schädigt auch die eigene, gezöistige Gesundheit.
Hinter den Ideologien des Malthusianismus, Sozialdarwinismus, Fossilismus können wir die Wertschätzung füreinander wiederfinden.
Hoffe ich.
Vielen herzlichen Dank für den wunderschönen und konstruktiven Druko, @Elisabeth K. 🙏🙌
Und, ja, im Kern sollte es auch in Fragen der Demografie immer um die Wertschätzung jedes Menschen und also auch von Vielfalt gehen.
Leider trägt der Fossilismus aber auch noch das schlimme Erbe des Malthusianismus und Sozialdarwinismus mit sich, der in rechtsmimetischen Begriffen wie „Überfremdung“ und „Überalterung“ fortlebt.
Ich bin daher wirklich dankbar, wann immer meine religionsdemografischen Arbeiten mit ehrlichem Interesse und der Achtung aller Generationen verbunden werden. Zumal auch nach meiner Auffassung lebenswerte Solarpunk-Arche-Regionen Orte der ethnischen, religiösen, interkulturellen Vielfalt sein werden.
Das scheint mir unterkomplex zu sein. Ähnlich wie die USA christlich geprägte Länder wie Italien oder Polen haben eine mit Thailand vergleichbare TFR, während es säkulare Länder wie Australien und Neuseeland gibt, die oberhalb der USA liegen.
Israel scheint mir aufgrund der regionalen Lage ein Sonderfall zu sein. Bei einer permanenten existenziellen Bedrohung würde es in anderen Ländern vermutlich auch höhere Fruchtbarkeitsziffern geben, flankiert durch entsprechende Signale von Politik und religiösen Institutionen.
Ich verstehe Ihre emotionale Abwehr, @Bernd – aber sowohl Polen 🇵🇱🇪🇺 wie Italien 🇮🇹🇪🇺 haben trotz längerem Wohlstand und demografischer Traditionalismusfalle gegenüber Thailand um 10 bis 20 Prozent erhöhte Geburtenraten (TFR).
Und würde Ihre Ad hoc-Hypothese von Kinderreichtum durch Konflikte stimmen, so sollten wir beispielsweise in den Staaten des Balkan eine massive Zunahme der Kinderzahlen sehen – was nicht der Fall ist, im Gegenteil.
Bei ehrlichem Interesse finden Sie hier auch weitere Daten zur Religiobsdemogrsfie in Israel 🇮🇱:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/daten-aus-israel-zu-religion-demografie-anthropodizee-und-saekularisierung/
Dass gerade auch Demografie mit heftigen Emotionen verbunden ist und also viel erkenntnistheoretischen Mut erfordert, ist mir sehr bewusst…
Ich bezog mich auf die aktuellsten UN-Zshlen: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_total_fertility_rate
Thailand 1,20, Italien 1,20 Polen 1,31. Das sind keine 10-20%.
Ich halte es durchaus für plausibel, dass es den von Ihnen angeführten Effekt gibt. Allerdings denke ich, dass das Gesamtbild deutlich komplexer ist. Ich fand da dieses Interview mit einem Demographen recht interessant: https://www.theatlantic.com/ideas/2026/05/global-birthrate-decline/687297/
Danach liegt das vor allem an Geschlechterrollen und den damit verbundenen Erwartungen (das meinen sie vermutlich mit Traditionalismusfalle). Da spielen natürlich auch religiöse Aspekte eine Rolle, aber das scheint mir eher indirekter Natur zu sein.
Aus philosophischer Sicht finde ich auch interessant, dass das Konzept „do one thing and do it well“, das ursprünglich aus einer ganz anderen Ecke kommt, zunehmend aufs Kinderkriegen angewendet wird.
Ok, @Bernd – Sie berufen sich also auf Wikipedia-Daten von 2024, während ich doch genau darüber staunte, wie sich die Daten in den letzten Jahren entwickelt haben. Und dann bezeichnen Sie die Demografie als „komplexer“ – müssen aber einräumen, dass ich diese Komplexität in keiner Sekunde bestritten, sondern einen wichtigen Faktor erforscht habe.
Es ist klar erkennbar und m.E. auch emotional gut verständlich, dass Ihnen die Befunde emotional nicht passen. Und nach meiner doch schon reichlichen Erfahrung mit Religionswissenschaft & Demografie ist das auch gar keine seltene Einstellung.
Kann ich Ihnen also noch irgendwie weiterhelfen? Vielleicht wollen Sie ja doch einen ehrlichen Blick auf die überaus eindeutige Religionsdemografie von Israel wagen? Oder es vielleicht einfach nochmal in ein paar Jahren versuchen, wenn auch die Wikipedia-Daten aktualisiert wurden?
Keine Sorge: Auch die langen, älteren Blog-Dialoge und Kommentare zum Thema Religion & Demografie stehen weiterhin alle noch online. 😌📚🙌
Darf ich Sie noch daran erinnern, Ihre Quelle für die Zahlen von 2025 nachzuliefern? Wie gesagt, unter dem in Ihrer Grafik angegebenen Indikator finden sich bei der Weltbank unter https://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN nur Daten bis 2024.
Schade, dass Sie derzeit wieder in destruktives Verhalten (sog. Sealioning) zurückfallen, @Bernd. Dabei sind die Quellen doch selbstverständlich angegeben und habe ich mehrere Ihrer Fragen und gegen die TFR von Israel gerichteten ad-hoc-Hypothesen freundlich beantwortet. Sie waren jedoch bisher nicht mal in der Lage, das fair anzuerkennen.
Wenn Sie sich also lieber selbst über Wikipedia hinaus demografisch betätigen wollen, empfehle ich Ihnen die Demografie-Datenbanken der UN, die auch die Weltbank-Daten bis 2100 fortschreiben:
https://population.un.org/wpp/
Hier können Sie verschiedene, immer wieder aktualisierte Datensätze herunterladen und abgleichen. Und wenn Sie manches nicht glauben wollen, dann können Sie es einfach in ein paar Jahren noch einmal checken. Wie gebloggt: Einiges war zuletzt durchaus überraschend.
Zudem empfehle ich, bei Demografie-Arbeiten immer wieder auch nationale Studien zu berücksichtigen, wie ich sie bereits zu Israel, Thailand, den USA usw. verlinkt habe. Denn nationale Erhebungen können unterschiedlich, ungenau oder auch politisch verfälscht (Russland, China) sein.
Sollten Sie es jedoch – wie ich – wagen, hin und wieder auch mal zu Demografie zu bloggen, müssen Sie mit wilden Emotionen und Vorhaltungen rechnen. Denn bei diesem Thema sind offensichtlich bei vielen allzu starke Emotionen im Spiel…
Das ist doch kein Sealioning, wenn man auf einem Blog mit einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch darauf hinweist, dass die genannten Zahlen nicht nachvollziehbar sind. Das sind ja wohl absolute Basics.
Mal abgesehen davon, dass Sie die Weltbank und nicht die UN als Quelle angegeben haben, findet sich unter dem von Ihnen angegebenen Link für Thailand im Jahr 2025 ein Wert von 1,19. Woher kommen die 1,0?
Wie bereits mehrfach geschrieben, @Bernd – eine nationale Studie aus Thailand zur Aktualisierung („Revision“) der Weltbank-Daten wird seit Wochen international diskutiert:
https://youtube.com/shorts/NDEqwljfKlY
Und jetzt wissen Sie ggf. auch gleich, warum ich hier nicht China oder Russland als Vergleich herangezogen habe, deren nationale Daten nicht mehr als verlässlich gelten…
Und sogar Deutschland muss nach jedem Mikrozensus immer wieder seine offiziellen Angaben korrigieren.
Drei Schritte zum demografischen Ländervergleich:
1. Weltbank-Daten möglichst verlässlicher Staaten heranziehen ✅
2. Nach nationalen Aktualisierungen der letzten Datenpunkte schauen ✅
3. Deutlich machen, dass demografische Daten ständig (national & später international) aktualisiert werden ✅
Fertig.
Bitteschön. 😌
Danke, jetzt ist das immerhin nachvollziehbar, auch wenn im Quellenverweis in der Grafik keine nationalen Erhebungen genannt werden.
Ich halte es aber für methodisch fragwürdig, für die TFR verschiedene Datenquellen direkt miteinander zu vergleichen. Dadurch kann es ja zu einem Abfall der TFR kommen obwohl sich lediglich die Datenquelle geändert hat.
Klar, @Bernd – genau um diesen gegenüber den älteren Prognosen immer wieder drastischen „Abfall“ bzw. Einbruch geht es doch. Die demografischen Prognosen waren und sind praktisch immer zu hoch – und nicht alle Nationen gehen offen damit um. Auch die nächsten Jahre werden noch wild!
Und da wir ja nun ausführlich über die Entwicklung und Verläßlichkeit internationaler und nationaler Daten diskutiert haben, könnte es Sie interessieren, dass gerade auch wieder China beim Statistik-Schummeln erwischt wurde!
China implodiert demografisch, bekommt deswegen seine Binnen-Nachfrage nicht mehr in Gang und setzt also massiv auf Exporte. Und ob die offiziellen Daten zur schrumpfenden Bevölkerung noch stimmen, ist unklar.
Nun wurde bekannt, dass die KP-Regierung auch ihre CO2-Angaben plötzlich & willkürlich massiv reduzierte.
Wie ich u.a. 2019 dringend davor warnte, dass sich Europa und insbesondere Deutschland von Russland abhängig machte, so plädiere ich auch seit Jahren dafür, nicht den gleichen Fehler gegenüber der KP-Diktatur zu wiederholen. Ich fand es verstörend, dass Bundesministerin Reiche aus Gesundheitsgründen nicht die Landes-Energieministerkonferenz EnMK, dann aber mehrtägig die KP besuchte.
Das derzeitige China ist m.E. kein fairer Partner, sondern betreibt eine gezielte Strategie der Export – Subventionierung, Technologie – Vereinnahmung & Deindustrialisierung gegenüber Europa.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116672746220386297
Hier der Artikel von Amy Walker dazu:
https://www.t-online.de/finanzen/energie/id_101273096/china-laesst-700-millionen-tonnen-co2-verschwinden-wirtschaft-statt-klima.html
Auch hier führte der kritisch-dialogische Längsschnitt-Vergleich internationaler und nationaler Daten zur (bitteren) Erkenntnis…
Im Libanon hatte es 2015 eine Geburtenrate von 19.56 auf 1000, 2025 waren das noch 15.78 auf 1000. Ich bezweifel, dass sich in der Zeit die Religiösität und Religionszugehörigkeit der Menschen groß geändert hat.
https://www.macrotrends.net/global-metrics/countries/lbn/lebanon/birth-rate
Nur die Mehrheitsreligion ausgewählter Staaten zu betrachten, statt die Korrelation verschiedener Faktoren auf die Geburtenrate zu ermitteln, ist imho Cherrypicking.
Danke, dass Sie sich auf das schmerzhafte Ringen mit Demografie einlassen, @Jan Ruffing
Die von Ihnen angeführte Geburtenrate pro tausend Frauen wird in der Forschung auch Crude Birth Rate (CBR) genannt, weil sie sehr viel schneller schwankt als die Total Fertility Rate (TFR) pro Frau.
Das sollten Sie wissen und beachten, bevor Sie anderen „Cherrypicking“ vorwerfen…
Ohne jetzt Ihre CBR-Daten zum Libanon geprüft zu haben, möchte ich darauf hinweisen, dass die Altersverteilung und auch etwa Emigration bzw. Flucht (noch) kinderloser Frauen sehr schnelle Veränderungen der CBR auslöst.
Zudem möchte ich freundlich darauf hinweisen, dass ich die auch religiöse Vielfalt der Republik Israel ausdrücklich thematisiert und nichtjüdische, arabische Israelis benannt hatte. Warum Ihnen dies wohl entging?
Hier eine kurze Darstellung via Claude.ai zur TFR des Libanon von 1965 bis 2025, die der o.g. These voll entspricht:
Hier ist die Entwicklung der libanesischen TFR von 1965 bis 2025 im Überblick:
**Phase 1: Hohe Geburtenrate mit erstem Rückgang (1965–1975)**
1965 lag die TFR bei 5,77 Kindern pro Frau — ein bereits einsetzender Rückgang vom Höchststand um 1963 (ca. 5,91). Bis 1975 fiel sie auf rund 4,52, obwohl der libanesische Bürgerkrieg (1975–1990) diesen Trend zwischenzeitlich verlangsamte.
**Phase 2: Dramatischer Rückgang trotz Bürgerkrieg (1975–1990)**
Trotz des verheerenden Bürgerkrieges setzte sich der demographische Übergang fort. Bis 1990 sank die TFR auf etwa 3,12 — ein Rückgang um fast ein Drittel innerhalb von 15 Jahren. Urbanisierung, wachsende Frauenbildung und Emigration trieben diesen Wandel an.
**Phase 3: Beschleunigter Übergang zur Bestanderhaltung (1990–2010)**
In den Jahren nach dem Krieg sank die TFR rasch von 3,12 (1990) auf rund 2,18 (2010) und näherte sich damit dem Bestanderhaltungsniveau von 2,1.
**Phase 4: Unterschreiten der Bestanderhaltungsrate (2010–2025)**
2025 liegt die TFR bei 1,99 — ein Rückgang von ca. 0,6 % gegenüber 2024. Damit ist der Libanon in die „Sub-Replacement-Fertilität“ eingetreten.
**Fazit:** Seit den 1950ern hat der Libanon einen Gesamtrückgang der TFR von über 61 % erlebt. Dieser negative Trend soll sich laut UN-Projektionen bis 2100 weiter fortsetzen, mit einem Rückgang auf durchschnittlich etwa 1,75. Der Libanon hat damit einen der schnellsten demographischen Übergänge der arabischen Welt vollzogen.
(Schlussbemerkung M.B.: Ich gehe übrigens davon aus, dass die UN-Prognose auch hier wieder zu hoch greift, aber möchte hier nicht noch ein Extra-Thema eröffnen.)
Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
My friends all drive Porsches, I must make amend…
Solange wir Kinder sagen und Sklaven meinen, bleiben sie besser ungeboren.
Wenn Sie Hosen wollen, brauchen Sie Baumwollpflücker, und die möchten Sie für lau. Also suchen Sie Doofe, die sich mit Versprechen vom Paradies nach dem Tode kaufen lassen, die im Kapitalismus so Formen annehmen wie „Die Renten sind sicher“. Dieses Paradies wirkt aber irgendwie wie morsche Holzkiste mit Madenbefall, also zurück auf Anfang, zu der Weisheit der Vorfahren, das Rentenalter bis zum Tod hinausschieben, damit man nix beweisen muss. Lay back and think of England, Soldaten für den Führer, sowohl die alten Religionen wie auch das neue Heidentum mit der Nationalreligion Nation kennen das schon.
[Wegen Überlänge und unangemessener Sprache gekürzt, M.B.]
Ach, @Paul S. – ich verstehe ja, dass Demografie starke Emotionen weckt. Auf die Wertschätzung von Kindern über jede Verzweckung hinaus, auf die Menschenwürde aller Menschen hätten wir uns einigen können. Aber muss es denn wirklich immer die gleiche Leier sein?
Ich arbeite über Jahre & Jahrzehnte sorgfältig von der Soziologie über Fallstudien und Einwände, bemerke schließlich, dass sich die Daten neuerdings auch auf Ebene von Staaten von Thailand 🇹🇭 bis Israel 🇮🇱 aggregieren – und Sie kommen doch wieder nur mit NS-Gleichsetzungen um die Ecke. Schade.
Nun ja, mache ich halt etwas Konstruktives daraus & greife mit Claude.ai den Anfangsvergleich aus “Religion und Demografie“ auf:
## Johann Peter Süßmilch vs. Robert Malthus – Demografische Deutungen im Vergleich
### Grundlegende Weltanschauung
**Süßmilch** (1707–1767) betrachtete Bevölkerungswachstum als göttliche Ordnung. In seinem Hauptwerk *Die Göttliche Ordnung* (1741) sah er in den Gesetzmäßigkeiten von Geburt, Tod und Ehe den Fingerabdruck der Providenz – Bevölkerungswachstum ist demnach ein Zeichen des göttlichen Segens und des gesellschaftlichen Fortschritts.
**Malthus** (1766–1834) hingegen formulierte in seinem *Essay on the Principle of Population* (1798) eine säkulare, pessimistische Gegenthese: Bevölkerungswachstum ist keine Wohltat, sondern eine strukturelle Bedrohung für den menschlichen Wohlstand.
—
### Kernthesen im Vergleich
| Dimension | Süßmilch | Malthus |
|—|—|—|
| **Grundton** | Optimistisch, providenziell | Pessimistisch, analytisch |
| **Wachstum** | Wünschenswert, gottgewollt | Tendenziell gefährlich |
| **Bevölkerung & Ressourcen** | Harmonie durch göttliche Fürsorge | Strukturelles Missverhältnis |
| **Methode** | Empirisch-statistisch + theologisch | Empirisch-deduktiv |
| **Normatives Ziel** | Bevölkerungsvermehrung fördern | Wachstum begrenzen |
—
### Süßmilchs Hauptargumente
– **Statistische Pionierarbeit:** Er wertete systematisch Kirchenbücher und Sterbelisten aus – einer der ersten „Bevölkerungsstatistiker“ Europas.
– **Proportionalität als Beweis Gottes:** Konstante Verhältnisse zwischen Geburten, Todesfällen und Heiraten deutete er als Zeichen einer höheren Ordnung.
– **Bevölkerung als Reichtum:** Eine große, wachsende Bevölkerung stärkt Staat, Wirtschaft und Kirche – merkantilistisches Denken im theologischen Gewand.
– **Selbstregulierung durch Vorsehung:** Kriege, Seuchen und Hungersnöte sind zwar Störungen, werden aber von der göttlichen Ordnung langfristig ausgeglichen.
—
### Malthus‘ Hauptargumente
– **Das Wachstumsdilemma:** Die Bevölkerung wächst geometrisch (1 → 2 → 4 → 8), die Nahrungsmittelproduktion nur arithmetisch (1 → 2 → 3 → 4). Die Lücke ist unausweichlich.
– **Preventive checks** (vorausschauende Hemmungen): späte Heiraten, Enthaltsamkeit – moralisch vertretbare Mittel zur Geburtenkontrolle.
– **Positive checks** (nachträgliche Korrekturen): Hunger, Seuchen, Kriege – brutale, aber systeminterne Regulatoren.
– **Strukturelle Armut:** Lohnerhöhungen führen lediglich zu mehr Geburten und damit wieder zu Verelendung – eine frühe Formulierung der *„Armutsfalle“*.
– **Kritik am Utopismus:** Gegen Godwin und Condorcet wandte Malthus ein, dass keine gesellschaftliche Umgestaltung das Bevölkerungsgesetz außer Kraft setzen kann.
—
### Historische Einordnung und Wirkung
Süßmilch steht am Beginn der **wissenschaftlichen Demografie** und verknüpft sie mit aufklärerischer Staatsräson. Sein Werk beeinflusste u. a. Kant und die preußische Bevölkerungspolitik.
Malthus wirkte weit über die Demografie hinaus: Er prägte die **klassische Nationalökonomie** (Ricardo), lieferte Darwin einen Impuls für die natürliche Selektion, und sein Name wurde – oft verkürzt – zum Synonym für bevölkerungspolitischen Konservatismus. Die moderne Debatte über **Tragfähigkeit der Erde** und nachhaltige Entwicklung schließt bis heute an Malthus an.
—
### Fazit
Beide Denker beobachten dieselbe Realität – Bevölkerungsdynamiken im 18. Jahrhundert –, deuten sie aber fundamental verschieden: Süßmilch sieht in ihr Gottes Plan und Grund zur Freude, Malthus ein eisernes Naturgesetz und Grund zur Nüchternheit. Ihr Gegensatz spiegelt den Übergang von einer theologisch fundierten zu einer säkular-ökonomischen Sozialwissenschaft.
Wenn die Geburtenrate in Thailand so niedrig ist, könnte es sein, dass der Buddhismus (zumindest dort) langfristig gesehen verschwindet?
Danke für die konstruktive Nachfrage, @Tilmann Schneider 🙏☸️
Ja, die Geburtenrate ist ein sehr starker Faktor für das Schicksal religiöser Traditionen, zumal unterjüngende Religionsgemeinschaften auch schnell wachsende Schwierigkeiten haben, neue Mitglieder zu gewinnen bzw. die eigene Mitgliedschaft zu halten.
Die – durch kulturelle Evolution immer wieder gemilderte – Antinatalität des Buddhismus dürfte m.E. auch eine Rolle bei der zeitweisen Resorption dieser bedeutenden Weltreligion im früheren Indien gespielt haben.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-buddhismus-als-gl-cksfall-f-r-die-evolutionsforschung-zur-religion/
Da ich auch den Buddhismus sehr schätze, gehört dieser religionsdemografische Befund übrigens zu den Erkenntnissen, die auch mir selbst emotional nicht zusagen. Aber wissenschaftliche Erkenntnissuche richtet sich leider nicht unbedingt nach unseren eigenen Vorlieben und Wünschen… 🙏📚🤔
Man kann zu diesem Thema zwei grundsätzlich unterschiedliche Fragen stellen:
Welche Gefahren werden durch den Kindermangel verursacht?
Welche Gefahren werden durch die Religionen verursacht?
Lieben Dank, @Karl Bednarik 🙏🤔
Nun wäre mein Leben mutmaßlich anders und emotional ärmer verlaufen, wenn ich in Kindern und Religionen zunächst nur „Gefahren“ gesehen hätte.
Diese gibt es, klar – aber ich meine schon, dass wir das Leben nur nachhaltig befördern können, wenn wir es auch wertschätzend betrachten.
Ich spreche niemandem das Recht ab, ohne Nachwuchs aus der Welt zu scheiden und bin der klaren Auffassung, dass jeder Zwang zu Kindern die Menschenwürde mehrfach verletzen würde.
Gleichwohl wünsche ich mir umgekehrt auch als Familienvater in einer interreligiösen Familie denselben Respekt für uns. Wir sind Mitmenschen und nicht als „Gefahr“ zu codieren.
Kinder zu haben, ist eine Bereicherung. Sie fordern uns, und sie bedeuten nicht selten Verzicht. Vielleicht liegt der Grund für den Kinderreichtum streng religiöser Gemeinschaften aber auch daran, dass es neben Arbeit und Religion nichts gibt, was Verzicht bedeuten könnte. Bete und arbeite. Für meine pietistischen Vorfahren waren Musik und Tanz noch „Teufelszeug“.
Ich bin dankbar für meine zwei Kinder. Wenn ich aber sehe, wie wenig wir drei heutzutage als Menschen betrachtet werden, dann schmerzt das sehr. Die politische Lage in Deutschland ist eben momentan so, dass sich der Wert eines Menschen nach seinem Bankkonto richtet.
Manchmal wünsche ich mir, Enkel zu haben. Aber ich bin andererseits froh darüber, dass ich noch keine habe.
Grundsätzlich stimme ich zu, dass Kinder für die Zukunft von Staaten, Religionsgemeinschaften etc wichtig sind. Doch überfordert die Politik derzeit gerade die Menschen zwischen 20 und 50. Arbeit, Pflege, Kindererziehung, Ehrenamt und das alles auch noch bei bester Gesundheit. Hinzu kommt noch, dass Kinderlose mehr in die Pflegeversicherung einzahlen sollen als Leute mit Kindern.
Wie tief muss man moralisch sinken, so etwas vorzuschlagen, sich aber als Staat seiner Verpflichtung zu entziehen, die für mehr Kinder notwendige Infrastruktur zu schaffen? Für Kitas, Schulen, Unis usw ist angeblich kein Geld vorhanden. Ein Trauerspiel auf Kosten der Schwächsten in unserer Gesellschaft.
Haben Sie herzlichen Dank, @Marie H.
Leider hat auch dieser Blogpost wieder – neben viel Interesse – zahlreiche Anwürfe und destruktive Drukos hervorgerufen. Es ist in Deutschland leider noch immer schwer, wertschätzend über Demografie und konkret über Kinder und Religionen zu informieren. Deswegen hatte ich ja 2014 auch eine Zwischenbilanz gezogen und das Thema dann pausiert.
Habe vorhin zum auch von Ihnen beklagten, oft menschenverachtenden Klima der Debatten gepostet:
Ich finde ja eigentlich, dass niemand mehr einen schwarzen Gürtel in #Politikwissenschaft benötigt, um zu begreifen:
Wenn die politische & mediale Strategie der #Rechtsmimesis (der Abwertung von Menschengruppen & Zerspaltung der Gesellschaft) irgendwo funktionieren würde, dann…
– hätte die DNVP die Nazis in den 1930er Jahren „entzaubert“,
– wären Tories & Labour in UK 🇬🇧 heute stark,
– wäre die Merz-CDU mit über 30% & die FDP überhaupt noch in den Bundestag gewählt worden, 🇩🇪🇪🇺
– wäre NIUS profitabel und Putin befriedet 🔥💸
– und die AfD „halbiert“.
Rechtsmimesis hat nie funktioniert und wird nicht funktionieren.
Wer also immer noch behauptet, durch die Nachahmung rechtsmimetischer, fossilistischer & verschwörungsmythologischer Narrative Demokratien stabilisieren zu können, ist entweder unsagbar blöd oder versucht Dich zu täuschen.
Meine ich pro #Menschenwürde.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116663521082261149
Aufgeben werde ich nicht. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten könnte, es mache immer nur Freude…
Politik ist das eine. Natürlich sehr wichtig, weil dort Entscheidungen getroffen werden, die uns alle betreffen.
Ich finde aber auch, dass jeder Mensch die freie Wahl hat zwischen Kooperation und Konfrontation mit seinen Mitmenschen.
Viele in unserem Land wählen oder würden eine Partei wählen, die viele Gruppen in Deutschland loswerden wollen. Ob ein Kollege mit Migrationsgeschichte aus Deutschland hinausgeworfen wird oder Menschen mit Behinderung das Recht zu leben abgesprochen wird – sie würden es ohne Zögern mittragen, nicht wenige vermutlich aktiv mitmachen.
Wer Kinder hat oder haben möchte, braucht ohne jeden Zweifel Vertrauen in die Menschen in seiner/ihrer Umgebung.
Ich habe das Vertrauen in die Menschen verloren. Es ist mir eine große Erleichterung, dass ich wegen meines Alters keine Kinder mehr bekommen kann.
Niemand muss den Rattenfängern und ihren Imitatoren folgen.
Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Kommentare, @Marie H. 🙏
Mir fällt in der Tat auf, dass auch noch so differenzierte Posts zu Religion & Demografie immer wieder starke, dabei sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Oft lese ich Wut oder Trauer, manchmal werde ich auch angegriffen. Insbesondere die nachweisbar erhöhten Geburtenraten etwa in Israel scheinen viele – wie hier auch @Bernd – hart zu triggern.
Aus meiner Sicht sind dies deutliche Hinweise darauf, dass wir Menschen viel emotionaler und weniger rational sind, als wir uns das selbst zugestehen wollen. Und gerade auch der oben gewürdigte Hans Rosling wies unermüdlich darauf hin, dass wir angesichts unseres evolutionären Negativity Bias dazu tendieren, die Welt und Mitmenschen schlechter wahrzunehmen, als sie sind.
So tragen gerade auch Ihre dialogischen Drukos dazu bei, dass ich das Vertrauen in die Menschen „nicht“ verliere, @Marie H.
Danke dafür! 🙏🙌
@Kindermangel
Die Frage warum, wieso und will man es überhaupt, ist vielleicht wenig interessant. Wie viele Kinder wollen wir haben, und wie kommen wir dahin, mag aber wirklich weiterführend sein.
Kinder machen Arbeit, erfordern Investitionen und schaffen Nachfrage. Wenn man das will, dann soll man die Familien auch fördern. Sonst wird das nämlich nix damit.
Und Kinder halten auch uns Ältere jünger, haben auch persönliche Wirkung, und bereichern wohl das Leben.
Überhaupt stellt sich mir die Frage: Wo sollen wir denn mit aller weitersteigenden Produktivität durch KI und Roboter denn überhaupt noch hin?
Die Energiewende, mit ihrer Unabhängigkeit und einem Ende der Finanzierung von Russland und Iran, ist sicher sinnvoll für sich. Beantwortet aber die Frage, wohin mit weiterer Produktivität, nur zum Teil. Sind wir damit mal fertig, fragt sich dann: Wie geht es denn jetzt weiter?
Wenig Erwerbsarbeit, mehr Naturerfahrung, wunderschöne Städte. Und eben stabilen Nachwuchs mit genug zu Essen für alle. Auf einem ganz schön erhitzten Planet, der aber vermutlich immer noch ein Wunderbarer ist. Trotz Verschiebung von Klimazonen und messbarem Massenaussterben.
Lieben Dank für den konstruktiven Druko zum Blohpost, @Tobias – den Du ja mit ausgelöst hattest! 🙂
Gerne gehe ich auf Deine Bemerkungen ein:
„Die Frage warum, wieso und will man es überhaupt, ist vielleicht wenig interessant. Wie viele Kinder wollen wir haben, und wie kommen wir dahin, mag aber wirklich weiterführend sein.“
Ich halte die Frage nach dem Warum, Wieso und dem (Nicht-)Willen für sehr interessant, aber nicht für allgemein beantwortbar. Denn schon jeder Mensch ist individuell und erst Recht jede Familie, Gemeinschaft und Beziehung. Ob, wann und mit wem eine Person Kinder haben möchte, ist nicht abstrakt zu beantworten und unterliegt auch biografisch starken Schwankungen. Und dann ist ja auch noch nicht ausgemacht, dass sich jeder Kinderwunsch auch erfüllt!
Habe vorher genau zu dieser Frage (und in der Diskussion dieses Blogposts) zu einer je spirituell und rationalistisch argumentierenden Person gepostet:
Wie wäre es, die menschliche Vielfalt anzuerkennen, in der die einen Menschen Gemeinschaft & Geborgenheit empfinden, wo andere Druck & Unfreiheit erleben?
Die richtige Balance zwischen Individualismus und Kollektivismus zu finden ist m.E. nicht nur eine neue Aufgabe für jede Generation, sondern auch für jeden Menschen…
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116663978266672111
„Kinder machen Arbeit, erfordern Investitionen und schaffen Nachfrage. Wenn man das will, dann soll man die Familien auch fördern. Sonst wird das nämlich nix damit.“
Und mehr noch: Sicher ist, dass jedes Kind auch leiden und schließlich sterben wird. Insofern ist jedes Kind auch ein existentielles Risiko für vernünftige Eltern. Religionsgemeinschaften können da Spiritualität, Trost und Sinn im Angesicht der Anthropodizee bieten.
Doch ganz unabhängig davon hast Du m.E. Recht: Wer der Auffassung ist, dass es wieder mehr Kinder geben sollte, sollte Familien real unterstützen. Wer es dagegen mit Rechtsmimesis, Druck oder gar Zwang versucht, wird die Menschenwürde vieler verletzen und eher das Gegenteil – Furcht, Leid, Abwanderung & Tod – erreichen.
„Und Kinder halten auch uns Ältere jünger, haben auch persönliche Wirkung, und bereichern wohl das Leben.“
Ja, ein dialogisches Familienleben bindet auch uns Ältere an die Gegenwart und Zukunft. Kinder sind ein natürliches Gegenmittel gegen Reaktanz. Und wer beispielsweise selbst Kinder in Schulen, Ausbildungsberufen oder Hochschulen hat, wird über das Internet und KI ganz anders und viel differenzierter denken.
„Überhaupt stellt sich mir die Frage: Wo sollen wir denn mit aller weitersteigenden Produktivität durch KI und Roboter denn überhaupt noch hin?“
Genau so ist es. Autos kaufen keine Autos und KI-Roboter beziehen keine Wohnungen. Wo Regionen unterjüngen, erlahmen daher unweigerlich auch Nachfrage, Investitionen und schließlich das Wirtschaftsleben. Deswegen kann ich über Versuche, durch Rechtsmimesis und Einsparungen als Sozialabbau zu mehr auch wirtschaftlicher Dynamik zu finden, nur den Kopf schütteln. Nachhaltige Wirtschaft dient dem Leben und wird gegen das Leben widersinnig.
„Die Energiewende, mit ihrer Unabhängigkeit und einem Ende der Finanzierung von Russland und Iran, ist sicher sinnvoll für sich. Beantwortet aber die Frage, wohin mit weiterer Produktivität, nur zum Teil. Sind wir damit mal fertig, fragt sich dann: Wie geht es denn jetzt weiter?“
Genau so ist es. Umso mehr erneuerbare Heimatenergien wir in der EU mit eigenen Arbeitskräften und eigener Wertschöpfung produzieren, umso weniger finanzieren wir feindselige Regime und Terrorgrupppen (Friedensenergien) und umso nachhaltiger wird auch unsere Recycling- und Kreislaufwirtschaft (Wohlstandsenergien). Führen aber keine kommenden Generationen diese Werke weiter, dann haben wir keine Zukunftsregionen gestaltet, sondern bestenfalls schöne Sackgassen.
Wichtig ist mir hier jedoch der Hinweis, dass wir auch ohne eigene Nachkommen sowohl eine Vorbildwirkung entfalten wie auch Zuwandernde aufnehmen und integrieren können. Solarpunk-Arche-Regionen sind nicht ethnisch oder religiös geschlossen, sondern demokratische, freiheitliche und also vielfältige Zukunftsentwürfe. Leibliche Kinder sind „ein“, aber nicht der einzige Weg zu einem sinnerfüllten, gerechten und nachhaltigen Leben.
„Wenig Erwerbsarbeit, mehr Naturerfahrung, wunderschöne Städte. Und eben stabilen Nachwuchs mit genug zu Essen für alle. Auf einem ganz schön erhitzten Planet, der aber vermutlich immer noch ein Wunderbarer ist. Trotz Verschiebung von Klimazonen und messbarem Massenaussterben.“
Ja, so sehe ich das als Christ, Demokrat, Wissenschaftler & Solarpunk auch – insofern wir die Gegenwart und Vergangenheit eher hören bzw. lesen und die Zukunft eher in Bildern sehen. Klar ist es denkbar, dass die Menschheit an sich selbst scheitert – sei es durch die fossile Ausbeutung und Zerstörung unserer Mitwelt, durch ABC-Waffen, demografisches Verebben oder außer Kontrolle geratene KI-Robotik. Doch ich finde nicht, dass wir uns in wohlige, säkulare oder religiöse Apokalyptik zurückziehen, sondern unsere jeweilige Verantwortung im Hier und Jetzt annehmen sollten.
Daher möchte ich Dir herzlich danken, dass gerade auch Du dazu beigetragen hast, dass ich mich nochmal neu auf die Thematik der zwischenstaatlichen Religionsdemografie eingelassen habe. Ich war und bin immer noch von der Schnelligkeit der demografischen Entwicklungen überrascht und hätte sie ohne unsere Dialoge womöglich erst sehr viel später oder gar nicht mehr wahrgenommen.
@Tobias Jeckenburger 30.05., 15.36 Uhr
Zwei Kinder habe ich. Beide Ende 20. Beide noch ohne Kinder. Eines gerade beruflich am Anfang, eines hat die letzten Semester des Studiums vor sich.
Beide arbeiten neben dem Studium. Beide haben vor dem Studium ein FSJ abgeleistet.
Kinder zu erziehen, sie zu unterstützen, Ihnen Halt und Liebe zu geben, Interesse zu wecken usw verlangt von den Eltern viel Kraft. Und das über viele Jahre.
Heute wird von Eltern und Kindern sehr viel erwartet. Es kann beide überfordern.
Finanzielle Sicherheit ist nicht bei allen von Dauer.
Mit Romantik hat es nichts zu tun.
Ich habe auf viele Dinge zugunsten meiner Kinder verzichtet und würde es jederzeit wieder tun.
Auch das gehört zur Wahrheit.
@Michael 30.05. 16:52
„Wichtig ist mir hier jedoch der Hinweis, dass wir auch ohne eigene Nachkommen sowohl eine Vorbildwirkung entfalten wie auch Zuwandernde aufnehmen und integrieren können.“
Ich bin mir da unschlüssig. So schlecht wie hier in Dortmund die Integration läuft, ist das sicher kein Vorbild. Wenn Europa weiter demografisch schrumpft, dann ist das eben so. Das Kinderdefizit konsequent mit Zuwanderern komplett auszugleichen, kann ich mir für weitere Jahrzehnte nicht vorstellen. Die müssten dann wohl vor allem aus Afrika kommen, überall woanders verebben die Populationen ja auch.
Man wird dann aber sowieso recht kurzfristig und auch noch recht lokal entscheiden, wie viele neue Einwanderer man haben will.
Wie schon gesagt, für Dortmund kann ich mir die nächsten vielleicht 5 Jahre gut vorstellen, nur noch wenige neue Zuwanderer aufzunehmen. Bis dahin sieht der Wohnungsmarkt durch entsprechende Schrumpfung wieder gut aus. Verfall und Leerstände will ich aber natürlich auch nicht. Und wäre dann vermutlich auch wieder für neue Zuwanderer, auch wenn die dann nur noch aus Afrika kommen können.
Wenn es eben mit dem Kindermangel auch in 5 Jahren nicht besser wird.
Oder wir finden doch noch eine Art kreatives Schrumpfen. Wir sind ja auch mitten in einer KI- und Roboterrevolution, in der demnächst wenig Nachfrage eventuell sowieso ganz egal wird, weil es eh kaum noch Erwerbsarbeit gibt. Das muss ja keine Apokalypse werden, sondern nur der endgültige Zusammenbruch der Leistungsgesellschaft.
Vielleicht kommen ja dann die Menschen weltweit vor lauter Langeweile sowieso auf die Idee, sich mit eigenen Kindern die dann reichlich vorhandenen Zeit zu vertreiben.
„Leibliche Kinder sind „ein“, aber nicht der einzige Weg zu einem sinnerfüllten, gerechten und nachhaltigen Leben.“
Leben ist Leben, und für sich lebenswert, vollkommen unabhängig von biologischer Fortpflanzung. Wobei dann die Kinder eben aber nötig sind, wenn es weiteres menschliches Leben geben soll. Und das menschliche Leben lohnt sich. Bei allem Leiden, dass damit verbunden sein kann, bleibt es meistens echt lebenswert.
Und wir Menschen können auch zum Gärtner der Erde werden, und den Planeten pflegen und beschützen, mit aller Technik die wir haben und noch entwickeln werden.
Und selbst kosmische Perspektiven kann ich mir gut vorstellen, die nur mit intelligentem Leben in diesem Kosmos Wirklichkeit werden können.
Und dass auch die Götter uns unterstützen, halte ich für ganz real.
@Tobias
Ja, der Hinweis war individuell gemeint: Niemand soll sich gegen den eigenen Willen oder die eigenen Möglichkeiten zu Kindern gezwungen erleben. Es gab immer auch einen Anteil von Kinderlosen in jeder Gesellschaft, die früher durch mehr kinderreiche Familien auch demografisch ausgeglichen wurden.
Dass bei einer höheren Zahl je inländischer Kinder auch die Integration von Zugewanderten leichter fallen kann, hatten wir ja bereits verschiedentlich diskutiert. Es geht (auch) mit hier also darum, dass nicht Familien gegen Zuwandernde ausgespielt werden, sondern erkannt wird: Lebendige Gesellschaften werden mehr Kinder und Zu- sowie Abwanderung erleben. Dabei gehe ich bei humanitären Aufnahmen von einer stärkeren Mitentscheidung kommunal Gewählter aus und kann dazu auf positive Erfahrungen als Teamleiter eines humanitären Sonderkontingentes verweisen, vgl.:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf
Die religiöse Vielfalt nimmt schon heute in nahezu allen demokratisch-freiheitlichen Regionen der Erde zu – und auch, aber nicht nur durch Zuwanderung.
Schönen Sonntag Michael 🙂
Der Blog Post hat wieder einmal einige Gedanken aufgewirbelt, ich schreibe mal was mir so hängen geblieben ist. 🙂
Habe vor kurzem gelesen das in Japan innerhalb der letzten 5 Jahre die Bevölkerung um mehr als 3 Millionen Menschen geschrumpft ist. Was eigentlich ein Paukenschlag sein müsste, schließlich sind das 2,5% Prozent der Bevölkerung eines der größten Länder der Erde. Selbst wenn der Bevölkerungsrückgang schon stärker besprochen wird, er scheint nicht ansatzweise durchzukommen.
Bei einer Epidemie/Pandemie wären solche Zahlen dramatisch, oder wenn es Drogentote wären. So aber wird das schon fast achselzuckend zur Kenntnis genommen.
Was sehr spannend war, der Großraum Tokio ist trotzdem weitergewachsen, auch eine riesige Diskrepanz. Vielleicht ist die Menschheit schon in ein paar Jahrzehnten eine Art, deren Hauptmasse an einigen wenigen Supermetropolen sich wirkmächtig zeigt.
Wie wird es dann sein, wenn Große Städte die Demografisch nicht wachsen würden, sich um die zuziehenden streiten würden? So müssten ja Städte wie Wien, München, Bern, Berlin, Düsseldorf/Köln (wenn ich mich nicht täusche ist das die größte Metropolregion Deutschlands) sich gegenseitig massiv konkurrieren. Ganz abgesehen im Internationalen Bereich.
In Neuseeland gibt es die Tendenz, das die Jugend eher nach Australien auswandert, in erster Linie aus Wirtschaftlichen Gründen. Je stärker der Nachwuchs ausbleibt, desto heftiger müssten ja die Länder unter den wenigen Nachkommenden buhlen und sie für sich begeistern.
Säkular geprägte Städte, die den mehrheitlich religiös geprägten Nachkommen ein würdiges/spannendes Leben anbieten müssen.
Kann man das so beschreiben, ohne das es nicht zu vereinfacht ist?
Zu den Religionen selbst: Vielleicht werden unsere Atheistischen und Agnostischen Schwestern genau diese in Erinnerung bewahren. Ein Haredim und Amisch wird vielleicht nicht sich viel damit beschäftigen wollen oder es auf den Schirm haben. Doch im Wissenschaftsbereich kann es gut sein das diese Formen des Religiösen Glaubens allein durch das Erinnern erhalten bleiben und gegeben falls neu aufflammen.
Eine Letzte Frage: Wie geht ein Land wie Thailand, mit stark Nationalistischen Zügen und einem global gesehen jetzt nicht großen Wohlstand damit um? Industrieländer sind vielerorts mit genug gesegnet um auch ohne Wachstum keinen Mangel zu erleiden. Bei Thailand kann ich mir das schwer vorstellen.
Vielen herzlichen Dank für den starken und dialogischen Kommentar, @Berthold 🙏
Auch ich erlebe, was Du schreibst: Viele Menschen – gefühlt vor allem viele ältere Männer – blocken demografische Daten und Texte massiv ab. Und wenn es gar nicht mehr geht, fliehen sie oft in die Traditionalismusfalle: „Die Frauen sollen sich gefälligst wieder unterordnen! Israel sei ein „Sonderfall“ und habe nichts zu bedeuten! „Überalterung“ sei doch ein etablierter und nicht zu hinterfragender Begriff! Und überhaupt besage die Demografie doch eigentlich gar nichts!“ usw.
Ich vermute, dies hängt mit der langen malthusianischen Prägung des demografischen Sprechens und Denkens zusammen, die auch Teil der Selbstdeutung vieler Menschen geworden ist. Ein japanischer oder auch deutscher Nationalist, aber auch etwa eine französische Kommunistin oder ein tschechischer Buddhist werden damit konfrontiert, dass ihre jeweiligen Wachstums- und Fortschrittserzählungen durch die Demografie falsifiziert werden.
Ich verstehe, dass das für viele schwer ist und ringe ja auch gelegentlich damit. Schon bei der religionsdemografischen Auswertung der Schweizer Volkszählung haben mir einige Ergebisse so gar nicht gepasst und ich habe damals ein paar Mal über einen Abbruch der Arbeiten nachgedacht!
Die ehrliche Auseinandersetzung mit Demografie löst nicht nur Erkenntnisse, sondern auch kognitive Dissonanzen und also Schmerzen aus!
Und, ja, auch ich sehe wie Du weltweit starke Trebds zur Urbanisierung, die wiederum Individualisierung, Säkularisierung und den Geburtenrückgang beschleunigen. In den wachsenden Metropolen eskalieren die Preise für Wohnraum, wogegen in ländlichen Regionen Leerstände um sich greifen und Erbvermögen schwindet. (Dazu gab es hier auch mal einen kurzen, gelungenen Dialog mit @Realo.)
Nach meiner vorsichtigen Einschätzung könnte die beste Zukunft also nicht in einem schroffen Dualismus aus Metropole versus Land bestehen, sondern aus einem Netzwerk größerer, mittlerer und kleiner Städte, wie es sich auch im EUSALP-Alpenraum entwickelt. Daher schreibe ich bewusst von Solarpunk – Arche – Regionen (!). Ich meine, viele noch heute wachsende Metropolen werden sich in den kommenden Jahrzehnten immer schwerer tun, wenn der auch von Dir erwartete Wettbewerb um immer weniger Zuwandernde entfacht ist…
Danke für Deine Gedanken! 😌🙏✅
Servus @Michael 🙂
Danke für die lange Antwort 🙂
Eigentlich eine schlimme Erkenntnis, wie sehr Gedanken und Gespräche uns doch soweit prägen, das wir uns damit Erkenntnis und Weiterentwicklung verbauen. Aber andererseits kommt es ja durch den Zusammenprall von Weltbildern erst zu kreativen Prozessen und neuen Formen. Man muss wohl nur wollen :/
Ich finde es sehr bewundernswert das du eine doch sehr persönliche Versuchung sehr öffentlich machst. Schließlich hättest du ja einfach dem drang nachgeben können und damals wirklich einige kleine Religiöse Gemeinschaften auszuschließen um dem ursprünglichen Grundgedanken recht zu geben.
Was ich sehr nachvollziehen kann. Das du trotzdem der Wahrheit treu geblieben bist, trotz schmerzhaften durchwaten, bringt dir meines Erachtens viel Ehre ein.
Vielleicht wird es ja viel mehr kooperativ. Metropolen die sich gegenseitig ergänzen und eine ständige Durchmischung ermöglichen. Von einer Stadt zur anderen, immer wieder ins Ländliche, gerade auch mit Kulturgruppen die sich eher um ihre Traditionen kümmern. Da gebe es viele Möglichkeiten für wunderschöne Symbiosen aller art.
Als kleiner Abschluss. Habe gestern Bugonia gesehen, wo die Menschheit wieder einmal in einem ehr schlechten Licht dargestellt wird. Mir kam dabei der Gedanke der glaub ich in diesem Blog angestoßen wurde, das der Mensch zu den kooperativsten und Fremdenfreundlichsten Lebewesen gehört. Also auch die Aufnahme anderer arten, die Toleranz gegenüber anderen Lebewesen. Das wir uns selbst Filmtechnisch so schlecht darstellen, liegt zwar wohl einfach an dem Frust was wir alles für schwach Sinn fabrizieren, überlagert aber auch all das glorreiche was den Menschen so spektakulär macht.
Vielen Dank für Deine dialogische und auch ermutigende Haltung, lieber @Berthold
Und, ja, ich sehe es ganz genau so: Wenn wir nicht den Mut haben, uns auch dann mit Wissenschaft auseinander zu setzen, wenn ihre Ergebnisse uns nicht passen, sogar schmerzen – dann betreiben wir eigentlich keine Wissenschaft, sondern nur Selbstbestätigung. Der von mir sehr geschätzte Humanist & Erkenntnistheoretiker Karl Popper verwendete für diesen oft schmerzhaften Prozess der Falsifikation sogar das Sprachbild des Kreuztragens!
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-schrumpfen-der-freiheit-poppers-kreuz-der-wahrheit-im-hossa-talk-184/
Seit vielen Jahren mache ich jetzt die Erfahrung, dass eher Progressive, Linke und Säkulare jubeln, wenn ich zu Klima- und Wasserkrise, erneuerbaren Friedensenergien und Solarpunk arbeite – aber häufiger abblocken, wenn ich zu Religion & Demografie Daten präsentieren. Bei Konservativen, Rechten und Religiösen ist es oft anders herum: Naserümpfen zu Klima- und Friedensthemen, aber hohes Interesse und Zustimmung zur Religionsdemografie.
Wir alle lieben unsere Confirmation Bias, unsere Bestätigungsfehler. Und tendieren daher, wenn wir uns nicht mehr selbst in Frage stellen, zu abgeschotteten Blasen.
Was sehr neu ist und die Wissenskommunikation gerade bereits zu verändern beginnt, sind KI-Anwendungen. Mehr und mehr Menschen trauen sich, auch mal Prompts im Bereich Religion & Demografie zu stellen und sich mit den Antworten auseinander zu setzen.
So habe ich heute zu Demonstrationszwecken mal die japanische KI Felo.ai ergebnisoffen gepromptet:
Erkläre, wie unterschiedlich die Weltreligionen die durchschnittliche Fertilität beeinflussen.
Die Textantwort hat bereits ein fachlich brillant hohes Niveau:
Weltweit lässt sich beobachten, dass religiöse Menschen tendenziell mehr Kinder haben als nicht-religiöse Menschen [2][7]. Die Stärke dieses Einflusses hängt stark von der Intensität der religiösen Praxis (wie dem regelmäßigen Gottesdienstbesuch) und der Bedeutung der Religion im Alltag ab [2][12]. Die verschiedenen Weltreligionen und deren Strömungen beeinflussen die Fertilität jedoch auf unterschiedliche Weise.
## Die abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam, Judentum)
In den abrahamitischen Religionen ist der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs und dem Wunsch nach einer größeren Familie besonders stark ausgeprägt [2].
**Christentum**
Innerhalb des Christentums gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Konfessionen und Gruppierungen. In Subsahara-Afrika weisen beispielsweise Anhänger der Apostolischen Kirche die höchste Fertilität unter den christlichen Gruppen auf [1]. Allgemein haben Katholiken oft eine geringfügig höhere Fertilitätsrate als Protestanten [1].
Dies liegt unter anderem an pronatalistischen Ideologien und Verboten von Verhütungsmitteln. So betrachtet die römisch-katholische Kirche künstliche Verhütungsmethoden als inhärent schlecht und verbietet diese seit 1968 [7]. Zudem wird die Mutterschaft im christlichen Glauben oft als fundamentale Lebensaufgabe und Quelle der Erlösung dargestellt [7].
**Islam**
Im Islam werden Kinder als Geschenke Gottes angesehen [7]. In vielen Regionen, wie beispielsweise in Subsahara-Afrika, weisen Muslime im Durchschnitt eine höhere Fertilitätsrate auf als Christen [1][4].
Dennoch ist die Fertilität in mehrheitlich muslimischen Ländern nicht einheitlich hoch. Während afrikanische Staaten wie Niger, Somalia, Mali und Tschad sehr hohe Fertilitätsraten von sechs und mehr Kindern pro Frau aufweisen, sinken die Raten in anderen muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Indonesien deutlich [9]. Dies verdeutlicht, dass neben der Religion auch regionale, wirtschaftliche und soziale Faktoren eine entscheidende Rolle spielen [1][9].
## Andere Weltreligionen (Hinduismus, Buddhismus, Sikhismus)
Im Vergleich zu den abrahamitischen Religionen hat die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs bei Frauen in der Gruppe der Hindus, Sikhs und Buddhisten einen weniger stark ausgeprägten Effekt auf den Wunsch nach einer großen Familie [2].
**Hinduismus**
Auch im Hinduismus existieren starke pronatalistische Traditionen [7]. Hindus weisen in bestimmten Lebensphasen eine sehr hohe Fertilität auf; so haben beispielsweise rund 80 % der Hindus in ihren frühen 40ern Kinder [11].
## Mechanismen des religiösen Einflusses
Die Unterschiede in der Fertilität zwischen den Religionen und gegenüber säkularen Bevölkerungsgruppen lassen sich durch verschiedene soziale und psychologische Mechanismen erklären:
* **Ehe und Familienwerte:** Religiöse Frauen sind in jedem Alter eher verheiratet, was ein starker Prädiktor für eine höhere Fertilität ist [2][17]. Zudem vermitteln Religionen moralische Werte, die die Familie und Kindererziehung in den Vordergrund stellen [2][7].
* **Soziale Unterstützung:** Der regelmäßige Besuch von Gottesdiensten bietet praktische Unterstützung wie Kinderbetreuung und ein stabiles Gemeinschaftsnetzwerk, was die Entscheidung für Kinder erleichtert [2].
* **Umgang mit Stress:** Religiöse Überzeugungen können Frauen psychologische Bewältigungsstrategien bieten, um Lebensstressoren und Ängste im Zusammenhang mit der Familienplanung besser zu bewältigen [2].
* **Rolle religiöser Führer und Verhütung:** In vielen traditionellen Gemeinschaften beeinflussen religiöse Führer die Einstellung zur Familienplanung stark [1]. Religiöse Überzeugungen und Verbote wirken oft als Barriere für die Nutzung moderner Verhütungsmittel [1][7].
## Einfluss des gesellschaftlichen Umfelds
Es zeigt sich zudem, dass das gesellschaftliche Umfeld die Fertilität der Religiösen stark beeinflusst. In hochgradig säkularen Ländern haben selbst sehr religiöse Menschen deutlich weniger Kinder – etwa halb so viele – als wenn sie in einem sehr religiösen Land leben würden [5]. Dies liegt unter anderem daran, dass säkulare Gesellschaften Frauen mehr Karrierechancen bieten und den Zugang zu Verhütungsmitteln erleichtern [5].
[1] https://ideas.repec.org/p/osf/thesis/sezdq.html
[2] https://www.cardus.ca/research/religion-and-fertility-in-canada/
[3] https://www.reddit.com/r/AskSocialScience/comments/t4pzne/how_does_fertility_differ_between_religions_and/
[4] https://www.ajrh.info/index.php/ajrh/article/view/3686
[5] https://news.cornell.edu/stories/2021/07/religious-have-fewer-children-secular-countries
[6] https://ifstudies.org/blog/americas-growing-religious-secular-fertility-divide
[7] https://populationconnection.org/article/religion-and-fertility-a-connection-rooted-in-patriarchy/
[8] https://link.springer.com/article/10.1007/s10680-023-09693-0
[9] https://fowid.de/meldung/mythos-hoher-muslimischer-geburtenraten
[10] https://ourworldindata.org/grapher/fertility-rate-vs-share-that-are-religious
[11] https://religionunplugged.com/news/2021/10/4/the-future-of-american-religion-birth-rates-show-whos-having-more-kids
[12] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2723861/
[13] https://overpopulation-project.com/religion-affects-birth-rates/
[14] https://www.facebook.com/groups/2208130372/posts/10162610095880373/
[15] https://www.demografische-forschung.org/artikel/2008/1/2
[16] https://www.pewresearch.org/religion/2025/02/26/religion-fertility-and-child-rearing/
[17] https://www.researchgate.net/publication/321738029_Religiositat_und_Fertilitat_Eine_empirische_Untersuchung_des_Einflusses_von_Religiositat_auf_Elternschaft_und_Kinderzahl
@Michael 31.05. 14:48
„sondern aus einem Netzwerk größerer, mittlerer und kleiner Städte, wie es sich auch im EUSALP-Alpenraum entwickelt“
Interessant an den Städten sind ja die Arbeitsplätze und die kurzen Wege. Mit einem Sammeltaxisystem auf Basis von selbstfahrenden E-Fahrzeugen könnte sich das wandeln. So sind dann auch weitere Arbeitswege viel billiger und teils noch schneller. Und insbesondere Alte und Kinder sind so uneingeschränkt mobil.
Das dürfte dazu führen, das weniger Leute in die Stadt ziehen, und womöglich sogar eine Rückbewegung aufs Land einsetzt. Schließlich sind da die Wohnkosten viel günstiger und grüner ist es da auch noch.
„wenn der auch von Dir erwartete Wettbewerb um immer weniger Zuwandernde entfacht ist…“
So viel Zuwanderung könnte da eventuell bald gar nicht mehr drin sein. Wir werden sehen.
Dann steht jedenfalls Schrumpfen auf dem Programm. Was aber auch z.B. die Energiewende befördert. Und günstiger macht, so braucht man dann eventuell kaum einen Stromnetzausbau, wenn die Gesamtbevölkerung sinkt. Und so den grünen Mehrbedarf z.T. ausgleicht.
Auch Schäden und Belastungen durch die eskalierende Klima- und Wasserkrise werden so ausgeglichen. Wenn alles schrumpft, kann man hochwassergefährdete Siedlungen eher einfach aufgeben. Und braucht man deutlich weniger Lebensmittel, machen auch Klimaschäden in der Landwirtschaft keine Probleme mehr.
Aber gucken, wie das menschliche Leben doch weitergetragen wird, steht uns jederzeit weiterhin frei. Das fördern von Nachwuchs wäre ja eine echte Option, die derzeit aber kaum einer anfasst. Das kann man ja ändern.
Ganz genau, @Tobias – ein ehrlich dialogischer Umgang mit den immer vorläufigen Befunden der (Religions-)Demografie eröffnet neue Solarpunk-Perspektiven auf die Zukunft. 👍 Ich finde, das ist den Preis der Falsifikationen alter Vorstellungen wert. Auch, wenn das leider vielen schwer fällt und einigen gar nicht gelingen mag.
So bin ich schon heute sehr gespannt darauf, was die demografischen Daten in zwei oder gar zehn Jahren aussagen werden. Ich vermute, dass sich die säkulare Geburtenimplosion weltweit beschleunigt fortsetzt – aber sicheres Wissen dazu gibt es noch nicht. Auch etwa Technologien wie die von Dir erhofften Elektro-KI-Sammeltaxis könnten sich auf das Wohn-, Migrations- und Sozialverhalten mittelfristig auswirken. Vielleicht gilt die Fahrr in solchen Fahrzeugen sogar mal als erstrebenswerte Freizeit? Oder wird sie in verschiedenen Preisklassen angeboten werden?
Wenn es ein gemeinsames Schlüsselthema der Erkenntnistheorie und also Philosophie, der Religions- und Politikwissenschaft mit der Wirtschaftswissenschaft und Demografie gibt, dann ist dies sicher – die Zeit.
Dazu arbeitet ja auch immer wieder dialogisch der @Peter Gutsche 🙏🤔✅
@Michael 31.05. 16:09
Vielleicht gilt die Fahrt in solchen Fahrzeugen sogar mal als erstrebenswerte Freizeit? Oder wird sie in verschiedenen Preisklassen angeboten werden?
Man wird sicher die Wahl haben, alleine im Sammeltaxi zu fahren. Selbst das dürfte deutlich billiger sein als das eigene E-Auto. Insbesondere wenn die Selbstfahr-KI deutlich weniger Unfälle verursacht, und damit auch Versicherungskosten einspart.
So richtig billig ist es natürlich, wenn die Fahrzeuge ausgelastet sind mit 3 bis 10 Mitfahrern. Und dann werden auch die Straßen frei, und es geht ohne Stau flott überall hin.
Und auf Fernstrecken können die Fahrzeuge auf der Autobahn bei Tempo 150 in Kolonnen mit 1 Meter Abstand im Windschatten fahren. Das spart nochmal Strom und macht die Bahn noch mehr frei.
Ich kann mir auch vorstellen, dass die Organisations-KI guckt, welche Fahrgäste gut zueinander passen, und man so stets mit Mitfahrern unterwegs ist, die einem sympathisch sind.
Und es freuen sich dann auch die Radfahrer in den Städten. Neben deutlich weniger Fahrzeugen im Verkehr, die auch noch seltener Radfahrer übersehen, werden riesige Parkplatzflächen frei, die dann auch endlich mal ein richtig gutes Radwegenetz möglich machen.
Ich selber würde dennoch meistens weiter Fahrradfahren, aus sportlichen Gründen und weil es mir sehr angenehm ist. Ich würde dann aber auch öfter mal das Sammeltaxi nehmen.
Um die Diskussion von oben mal hier fortzusetzen: Die TFR des Libanon sank von 2.38 in 2015 auf 1.99 in 2025. Keiner von uns beiden hat dafür eine religiöse Erklärung. Und wir sind uns glaub auch einig, dass das ne statistisch signifikante Entwicklung ist. Vergleiche der Geburtenrate müssten also erstmal um solche Faktoren bereinigt werden.
Dies aufzuzeigen war mir wichtig.
Ich mag es auch Sachen stringent durchzugehen, und nicht vom hundertsten ins tausende zu springen. Daher hab ich das etwas komplexere Israel-Beispiel erstmal aussen vor gelassen.
Das Argument eines Geburtenwachstums durch Religiösität sollte sich auch so machen lassen, oder? Aber warum hat der Iran dann eine ähnliche Geburtenrate wie Frankreich?
https://georank.org/birth-rate/france/iran
Was Israel angeht, so liest sich dieser Blogpost wie eine direkte Antwort auf deinen Einwurf:
[Israelfeindlicher Schwachsinn, Link gelöscht, M.B.]
Die These von moderner Familiengrösse als etwas mimetischem scheint mir etwas, für das du offen sein könntest.
Sorry, @Jan Ruffing – ich kann Ihrer etwas wirren Argumentation nicht folgen.
Möchten Sie etwa bestreiten, dass Charedim und Old Order Amish viele Kinder haben? Oder die oben verlinkten, deutschen und globalen Daten schon aus „Homo religiosus“?
Was hat es mit Ihrer Gleichsetzung von Iran und Frankreich sowie mit der Abwertung von Israel auf sich? Warum erkennen Sie die Bestätigung der These auch im Libanon nicht an? 🤷♂️
Den Link zum bizarr israelfeindlichen Artikel habe ich gelöscht. Das „Argument“, dass die Menschen des Iran ebenso religiös wären wie die Israelis, weil der Iran ja eine Theokratie sei, würde kein Semester Religionswissenschaft überstehen. Staatsreligionen führen regelmäßig zu Säkularisierung, auch im Iran…
Und dann steigert sich Ihr Blogger in einen Verschwörungsmythos, nachdem Israel seine Bürgerinnen und Bürger zwingen würde, die hohen Geburtenraten der Charedim nachzuahmen (die damit also doch anerkannt, aber zugleich als irrelevant abgetan werden).
Was für ein raunender Bullshit…
Ich darf doch sehr bitten: Dies ist ein Wissenschaftsblog und keine Abwurfstelle für Ressentiments…
Ich habe Frankreich und Iran nicht gleichgesetzt, sondern verglichen. Und zwar die Metrik TFR, 1,66 im laizistischen Frankreich, 1,7 im theokratischen Iran. Empirie und so. „Religiösität“ zu messen ist immer so ne Sache, aber dass der Iran da deutlich vor Frankreich liegt sind wir uns einig? Aber warum spiegelt sich das dann nicht in der Fruchtbarkeitsrate?
Aber an der Stelle bin ich dann auch wieder raus und zurück ins Fediverse.
Weder habe ich Iran und Israel verglichen. Noch behauptet der verlinkte Blogpost (anscheinend von nem Israeli geschrieben), Israel würde irgendwen zu hohen Geburtenraten zwingen.
Die These des Autors ist ja auch viel simpler: Bei der Kinderzahl gebe es einen Nachahmeffekt (Mimesis). Ist die Zahl der Kinder im sozialen Umfeld gering – auch temporär durch Krisen wie Covid – wird sich an diese Normalität einer geringen Kinderzahl angepasst. Ist die Zahl der Kinder im sozialen Umfeld hingegen höher, dann werden mehr Kinder als normal angesehen und die Wahrscheinlichkeit selbst mehr Kinder zu haben steige. Mit den Charedim, bei denen eine hohe Kinderzahl Teil des kulturellen Ideals sei, habe Israel schlicht ne Gruppe die ne hohe Kinderzahl vorlebt und von anderen mehr oder weniger direkt nachgeahmt werde und so auch gesamtgesellschaftlich den Schnitt hebe.
Ist dem so? Kann ich nicht endgültig beurteilen. Aber ich find die These interessant, und plausibler als vieles.
Ja, @Jan Ruffling – von einer Mimesis-Wirkung auf die Demografie gehe auch ich aus.
Nur wäre dann doch logisch anzuerkennen, dass 1. die Haredim aus religiösen (und nicht nur: kulturellen) Gründen viele Kimder haben und
2. auf antisemitische Verschwörungsmythen gegen die Chassidim und den Staat Israel zu verzichten. Zumal der Kinderreichtum doch ganz ebenso z.B. auf die christlichen Old Order Amish in Nordamerika zutrifft.
Und die Religiosität wird auch hier im Blogpost u.a. an der Häufigkeit von Gebeten und Gottesdienst-Besuchen gemessen. Und keine Fachperson bestreitet, dass es im Iran in den vergangenen Jahrzehnten der Theokratie eine massive Säkularisierung gegeben hat!
Also: Weiterhin herzliche Einladung zum wissenschaftlich informierenden Dialog. Aber bitte ernsthaft und ohne Verschwörungsmythen. Okay? 😊📚✅
Ist der religiöse Aspekt der, der den Unterschied macht?
Wenn Religion allein den Ausschlag geben würde, warum ist die Geburtenrate bei anderen Juden geringer? Warum ist die Geburtenrate von Juden in Amerika niedriger als in Israel? Gerade dem Fehlschluss „orthodoxer/fundamentalistischer = gläubiger“ sollten wir hier doch nicht erliegen.
Und dann bleibt gerade bei Betrachtung von Charidim und Amish eben der Aspekt einer patriarchalen, vom Rest der Gesellschaft entkoppelten Parallelkultur. Mit Abgrenzung und entsprechendem sozialen Druck und Abhänigkeiten. Dagegen ist der Tradwife-Trend noch milde. Und ja, das ist ein Punkt von dem ich mir wünschen würde, dass du den mal aufgreifst.
Was den Iran angeht: Wie ist denn die Religiösität im Iran nach dieser „Säkularisierung“? Wie vergleicht sie mit Frankreich und Israel? (Und Säkularisierung in Anführungszeichen, denn der Iran ist ja auch „erst“ seit den 80ern ne Theokratie.)
@Jan Ruffing
Auch in Israel besteht der gleiche Fertilitäts-Unterschied zwischen säkularen und religiös praktizierenden Jüdinnen & Juden wie in den USA.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/daten-aus-israel-zu-religion-demografie-anthropodizee-und-saekularisierung/
Bei anderen theistischen Religionen gilt das analog, deswegen auch der Hinweis auf die Old Order Amish. Dass deren patriarchaler Lebensstil auch mir nicht zusagt, bedeutet doch nicht, dass ich die Befunde ignorieren oder gar verfälschen sollte! Wissenschaftliche Erkenntnissuche bedeutete und bedeutet auch für mich, eigene Annahmen zu falsifizieren – gerade auch, wenn dies schmerzhaft ist.
Über die Säkularisierung in der islamischen Welt, auch im Iran, hatte ich gar einen SPIEGEL – Bestseller publiziert: „Islam in der Krise“.
Der Niedergang der Geburtenraten sowohl im Iran wie auch in Turkiye und im Libanon bestätigt die darin entwickelten Thesen.
Und noch ein Nachtrag: Wie gesagt, mit dem Messen von Religiosität tu ich mich schwer. Aber wenn man sich die von dir angegebenen Metriken anschaut (Häufigkeit der Gebete, Gottesdienstbesuche, Selbsteinschätzung), dann liegt der Iran deutlich vor Israel und beide deutlich vor Frankreich.
https://www.pewresearch.org/religion/2018/06/13/how-religious-commitment-varies-by-country-among-people-of-all-ages/
Zahlen von 2018, aber ich nehm an, du hast auch keine Zahlen die hier für ne deutliche Änderung sprechen?
(Deinen unkonkretisierten Vorwurf, ich würde antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten nehm ich zur Kenntnis, weise ihn aber von mir. Sowas nimmt schon etwas die Lust am diskutieren. Du bist hier derjenige, der hier Israel und die Charidim als Beispiel einbringt und berücksichtigt sehen will. Ich käme auch bequem ohne diese Beispiele aus.)
Ja, @Jan Ruffing – ich hatte schon geahnt, dass sich manche mit demografischen Fakten aus dem Judentum und Israel besonders schwer tun würden. Aber ich sehe meine Aufgabe sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Wissenschaftskommunikation eben auch im Überprüfen und ggf. Widerlegen von Vorurteilen und Verschwörungsmythen.
Und das gilt auch für den Islam, zu dem ich – wie erwähnt – einen auch von Musliminnen & Muslimen sehr geschätzten Bestseller geschrieben habe:
https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html
Und dass die Menschen im Iran mehrfach unter Einsatz ihres Lebens gegen die Theokratie auf die Straße gingen, ist doch evident.
Hier aber auch eine Zusammenstellung von Felo.ai:
Die Säkularisierung im Iran hat sich in den letzten zwanzig Jahren rasant und tiefgreifend beschleunigt. Dieser Prozess unterscheidet sich grundlegend von der allmählichen Säkularisierung in Westeuropa; er ist vielmehr turbulent und von einer emotionalen Ablehnung des Islams geprägt, der zunehmend als fremd, fanatisch und mit Unterdrückung assoziiert wird[1].Treiber der SäkularisierungMehrere Faktoren haben diesen Wandel vorangetrieben:Bildung und Globalisierung: Die Islamische Republik investierte trotz ihres repressiven Charakters konsequent in Bildung auf allen Ebenen. Gleichzeitig ermöglichte der Zugang zum Internet und zu Satellitenfernsehen (das zwar formal verboten war, aber geduldet wurde) der Bevölkerung den Kontakt zu globalen Trends. Dies förderte neue Lebensstile und Ansprüche, was zu zusätzlichen Spannungen und einer rapiden Säkularisierung führte[1].Systemische Misserfolge des Regimes: Wirtschaftliche Ineffizienz, Korruption und die Auswirkungen internationaler Sanktionen haben die Legitimität des theokratischen Systems untergraben[1]. Die Bevölkerung verbindet den Islam zunehmend mit den Misserfolgen des Regimes[23].Wandel der religiösen Praxis: Unabhängige Umfragen zeigen einen dramatischen Rückgang der Religiosität. Der Anteil der Iraner, die „immer oder oft“ beten, fiel von 78% im Jahr 2015 auf 55% im Jahr 2023[26]. Während sich die meisten Iraner auf dem Papier noch als Muslime registrieren lassen, bricht die tatsächliche religiöse Bindung ein[12].Empirische Belege für den WandelDie Säkularisierung zeigt sich in konkreten gesellschaftlichen Veränderungen:Unterstützung für Säkularismus: Die Unterstützung für eine Trennung von Religion und Staat hat sich mehr als verdoppelt. Im Jahr 2024 sprachen sich 73% der Befragten dafür aus, verglichen mit nur 31% im Jahr 2015[25][3].Rückgang religiöser Vornamen: In den letzten zwanzig Jahren wurden religiös geprägte Vornamen wie Muhammad, Ali oder Amir immer seltener vergeben[29].Leere Moscheen: Studien belegen, dass die Moscheen zunehmend leer bleiben[31].Charakter und Paradoxien der SäkularisierungDie iranische Säkularisierung ist von einer starken emotionalen Aufladung begleitet. Der Islam wird nicht nur abgelehnt, sondern oft als etwas der persischen Kultur Fremdes und Aufgezwungenes betrachtet[1]. Dies schafft einen fruchtbaren Boden für neue politische Mythologien, wie den „Pahlavismus“, der eine Rückkehr zur Monarchie propagiert und dabei selbst tief in der schiitischen Psychologie verwurzelt ist. So wird Reza Pahlavi als eine Art messianischer Retter stilisiert, und Protestbewegungen übernehmen religiöse Rituale wie die Trauerfeierlichkeiten 40 Tage nach dem Tod von „Märtyrern“[1].Trotz der vehementen Säkularisierung bleibt die politische Kultur paradoxerweise von schiitischen Denkmustern durchdrungen. Religiöse Inhalte werden zunehmend durch persischen Nationalismus ersetzt, wobei die Anhänger Pahlavis die nationale Identität über die religiöse stellen und teilweise auf eine überlegene „arische“ Abstammung verweisen[1].FazitZusammenfassend lässt sich sagen, dass der Iran in den letzten zwanzig Jahren eine stille, aber tiefgreifende Revolution der Säkularisierung durchlebt hat. Die Bevölkerung hat sich in ihrer Mehrheit vom staatlich verordneten Islam abgewandt, was sich in sinkender Religiosität, steigender Unterstützung für Säkularismus und einem Wandel kultureller Symbole manifestiert. Dieser Prozess ist jedoch nicht linear und birgt das Paradox, dass die entstehenden säkularen Bewegungen oft selbst die psychologischen und rituellen Formen des schiitischen Islams übernehmen[1].
Zu dem Thema der Wohnorte und des Transportes von Menschen.
Büroarbeiten lassen sich von zu Hause aus als Homeoffice erledigen.
Körperliche Arbeiten lassen sich durch Telepräsenz erledigen.
Man identifiziert sich sensorisch und motorisch mit irgendeinem Roboter irgendwo auf der Welt.
Es ist sogar schon die Telechirurgie realisiert worden.
Man hat dann für nur 20 Watt eine menschliche Intelligenz in diesem Roboter.
Nebenbei kann dann eine KI etwas aus dem menschlichen Verhalten lernen.
Natürlich kann die Bauweise dieses Roboters an die Art seiner Arbeit angepasst werden.
Belastende Arbeitsbedingungen und auch Arbeitsunfälle treffen dann nur den Roboter.
Menschen zu transportieren ist nicht notwendig, und die Wohnorte sind beliebig.
Lieben Dank, @Karl Bednarik
Für Sie und weitere an Urbanisierung, Technologie und Solarpunk Interessierte könnte der berühmte „Dear Alice“-Clip interessant sein, der eine Vorstadt-Landwirtin mit KI-Roboter-Unterstützung, Flugbus zur Schule des Kindes und jeder Menge Solarenergie zeigt:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-hoffnung-statt-cyberpunk-verzweiflung-geburtenrueckgang-arche-regionen-und-dear-alice/
Post-fossile Zukunft kann gelingen.
Hallo Herr Blume.
Dear Alice ist erfreulich optimistisch.
Für eventuelle Notfälle empfehle ich noch einen Bunker für alle Menschen,
und darin eine Anlage zur Produktion von Einzeller-Protein.
Den Bunker und die Protein-Anlage muss man ja nicht im Video zeigen.
Zum Beispiel werden die phlegräischen Felder irgendwann ausbrechen,
was für die Landwirtschaft eine schwere Bedrohung ist.
Nachtrag.
Ein Roboter mit Vogel, ein Overwatch Animated Short.
https://www.youtube.com/watch?v=to8yh83jlXg
viel zu spät nachts Gedanke (den du hoffentlich erst nach Sonnenaufgang siehst):
Gottesdienstbesuch ist nicht nur Proxy für Gläubigkeit, sondern auch für Verwurzelung in der Gemeinschaft.
Soweit ich mitbekommen habe, suchen seit Oktober 2023 auch säkulare Juden wieder mehr Kontakt zu jüdischen Gemeinschaften (weil sie mehr angegriffen werden).
Zur Unterscheidung Gläubigkeit und Gemeinschaft: wenn Säkulare Juden nach 2023, die säkular blieben, einen Geburtenanstieg zeigen, Haredim aber nicht (oder deutlich schwächer), ist das ein Hinweis auf Gemeinschaft.
Abgesehen davon, dass das von Fachleuten (z.B. Dir) im Detail betrachtet werden sollte, nicht nur von mir Zahlen ohne genug Kontext und Hintergrundwissen verglichen werden.
Vielen Dank für Dein intensives Ringen mit der Religionsdemografie und Deine klugen Beobachtungen dazu, @Arne Babenhauser 🙏👍
Und inhaltlich, evolutionspsychologisch, stimmt Deine Vermutung auch: Wir sprechen von der Teilnahme an Gemeinschaftsritualen gerade auch in Kriegs- und Krisenzeiten als CREDs (Credibility Enhancing Displays, Glaubwürdigkeit steigernde Signale). Diese können auch dann hilfreich wirken, wenn sich die Teilnehmenden als nicht oder nicht mehr religiös verstehen. Ein populäres Sprichwort dazu besagt: „Not lehrt beten.“
Dazu (und zum Zusammenhang mit Wohlbefinden, Glück) habe ich auch bereits früher publiziert, hier:
https://studylibde.com/doc/1540437/lehrt-nur-not-beten%3F-zum-komplexen-zusammenhang-von-religion
Habe Felo.ai gerade einmal gepromptet, diesen gut erforschten Zusammenhang zu erläutern:
Die Teilnahme an religiösen Gemeinschaftsritualen kann als sogenannte **CREDs** (*Credibility Enhancing Displays* – glaubwürdigkeitsfördernde Signale) verstanden werden. In der evolutionären Anthropologie und Psychologie bezeichnen CREDs kostspielige Verhaltensweisen (wie das Investieren von Zeit, Energie oder Ressourcen in Rituale), die anderen Gruppenmitgliedern die Ernsthaftigkeit der eigenen Kooperationsbereitschaft und Gruppenzugehörigkeit signalisieren.
Obwohl diese Mechanismen ihren Ursprung in religiösen Kontexten haben, zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass die Teilnahme an solchen Ritualen – oder deren säkularen Entsprechungen – auch für nicht-religiöse Menschen erhebliche emotionale, kooperative und evolutionäre (reproduktive) Vorteile bietet.
## Emotionale Vorteile
Rituale wirken als psychologische Puffer gegen die Unwägbarkeiten des Lebens. Auch ohne den Glauben an eine übernatürliche Macht profitieren säkulare Teilnehmer von den direkten emotionalen Effekten strukturierter Handlungen.
* **Reduzierung von Angst und Stress:** Ritueller Praktiken vermitteln dem Gehirn ein Gefühl von Konstanz, Ordnung und Vorhersehbarkeit [1]. Dies hilft, Ängste in unsicheren Zeiten abzubauen und gibt den Teilnehmern ein Gefühl der Kontrolle zurück [1].
* **Förderung positiver Emotionen:** Studien zeigen, dass die Teilnahme an gemeinschaftlichen Ritualen – sowohl religiösen als auch säkularen – den positiven Affekt (Freude, Begeisterung) signifikant steigert und negative Emotionen dämpft [5].
* **Emotionale Resilienz:** Die Einbindung in ritualisierte Abläufe stärkt die psychische Stabilität und hilft Individuen, persönliche Krisen, Trauer oder die Herausforderungen des Alterns besser zu bewältigen [1][2][7].
## Kooperative Vorteile und soziale Signalisierung
Auf sozialer Ebene fungieren Rituale als mächtige Werkzeuge zur Gruppenkohäsion. Indem Individuen Zeit und Energie in ein gemeinsames Ritual investieren, senden sie ein CRED an die Gemeinschaft.
* **Soziale Signalisierung (Social Signaling):** Die öffentliche Teilnahme an einem Ritual signalisiert den anderen Mitgliedern Vertrauenswürdigkeit und Kooperationsbereitschaft [3]. Dies reduziert das Risiko von Trittbrettfahrertum innerhalb der Gruppe, da nur ernsthaft engagierte Personen die „Kosten“ des Rituals auf sich nehmen.
* **Stärkung sozialer Bindungen:** Kollektive Rituale fördern das soziale Bonding und schaffen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl sowie eine kollektive Identität [1][2]. Untersuchungen an säkularen Gemeinschaften (wie den *Sunday Assemblies*) zeigen, dass dieser Effekt der sozialen Bindung bei säkularen Ritualen ebenso stark ausgeprägt ist wie bei traditionell religiösen Feiern [5].
* **Aufbau von Unterstützungsnetzwerken:** Die durch Rituale gefestigten Gemeinschaften bieten ein stabiles soziales Sicherheitsnetz [2][7]. Dies schützt vor sozialer Isolation und Einsamkeit, was sich direkt auf das allgemeine Wohlbefinden auswirkt [7].
## Reproduktive und evolutionäre Vorteile
Aus evolutionärer Sicht tragen emotionale Stabilität und starke kooperative Netzwerke direkt zur biologischen Fitness und damit zu reproduktiven Vorteilen bei.
* **Erhöhte physische Gesundheit und Langlebigkeit:** Die regelmäßige Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten und die damit verbundene soziale Unterstützung senken nachweislich physiologische Stressmarker, reduzieren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und stärken das Immunsystem [7]. Ein gesünderer, langlebigerer Organismus besitzt eine höhere biologische Fitness.
* **Stärkung familiärer Strukturen:** Gemeinsame Rituale festigen familiäre Bindungen, verbessern die Kommunikation und fördern Werte wie Vergebung und Mitgefühl [2]. Dies schafft ein stabiles und harmonisches Umfeld für die Partnerschaft und die Aufzucht von Nachkommen [2].
* **Unterstützung bei der Kindererziehung (Alloparenting):** In hochgradig kooperativen Gruppen, die durch CREDs geeint sind, ist die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Ressourcenverteilung deutlich höher. Dies erhöht die Überlebenschancen der Nachkommen und sichert den langfristigen evolutionären Erfolg der Gruppenmitglieder.
[1] https://www.bbc.com/future/article/20210914-how-rituals-help-us-to-deal-with-uncertainty-and-stress
[2] https://linaz.ch/universalizing-religion-nurturing-family-bonds-emotional-resilience-and-holistic-wellbeing/
[3] https://cordis.europa.eu/article/id/183109-the-social-aspects-of-religiosity/de
[4] https://fowid.de/meldung/religioese-aktivitaet-und-zentrale-lebensaspekte
[5] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7840012/
[6] https://www.die-bibel.de/ressourcen/wirelex/3-methoden-und-medien/rituale
[7] https://psychologybenefits.org/2018/11/28/4-ways-religious-involvement-can-help-you-age-well/
[8] https://www.pewresearch.org/religion/2019/01/31/religions-relationship-to-happiness-civic-engagement-and-health-around-the-world/
[9] https://www.praxis-psychologie-berlin.de/wikiblog/articles/religion-und-kindheitstrauma-05-einschluss-und-ausschluss
[10] https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=2842529
[11] https://www.rpi-loccum.de/material/pelikan/pel3-17/3-17_peters
[12] https://medium.com/@mindandculture/how-do-rituals-build-social-cohesion-3873b9d8870b
[13] https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-religion-und-glaube/feste-zeichen-und-rituale-so-entsteht-gemeinschaft
[14] https://www.kirchenzeitung.at/site/themen/bewusstleben/rituale-als-botschaften-an-die-seele
[15] https://www.wisdomlib.org/de/concept/religi%C3%B6se-zeremonien
[16] https://karthik-suresh.com/2020/11/12/how-do-rituals-help-bring-a-community-together/
[17] https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3753315
[18] https://ijab.de/forschung-und-fachwissen/toolbox-religion/glaubenspraxis-religioese-regeln-und-rituale/religioese-rituale-alltagsrituale-und-feste
[19] https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/a/aufnahme-in-die-glaubensgemeinschaften
[20] https://digitalcommons.law.byu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=3463&context=lawreview
Das ist spannend, Danke!
Das sieht für mich danach aus, dass unabhängig vom Glauben gemeinschaftliche Rituale diese Rolle übernehmen können, so dass eine zusammenhaltende Gesellschaft auch mit Leuten mit unterschiedlichem Glauben und nicht-Glauben möglich sein sollte — was aber organisiert werden muss, damit es funktionieren kann.
Ich sehe da auch einen Überlapp zu den Kriterien für nachhaltige Gemeingüter, die The Morpheus¹ in seiner Aufarbeitung der aktuellen Gefahren und Lösungsmöglichkeiten für Open Source besprochen hat:
https://youtu.be/yi1QiqlB1Q4?t=1762
⇒ https://en.wikipedia.org/wiki/Elinor_Ostrom#%22Design_principles_illustrated_by_long-enduring_CPR_(Common_Pool_Resource)_institutions%22
Die CREDs liefern das minimale Rüstzeug, um in beliebigen Konstellationen Zugehörigkeit festzulegen — das erste der Kriterien:
– Grenzen, wer dazugehört ⇒ einfachstes: CREDs ⇒ bei Freier Software: wer die Entwicklungsrichtung beeinflussen kann
¹ ich werde hoffentlich niemals aufhören, es zu feiern, wenn soziokulturell erkennbare Aliasnamen in komplexen Diskussionen genutzt werden 🙂
Ja, @Arne Babenhauserheide – der intensive Charakter mimetischer CRED-Rituale lässt sich u.a. bei jedem Fußballspiel beobachten!
Und gleichzeitig macht es dann aber eben doch einen riesigen Unterschied, ob ein CRED-Ritual nur zwischen säkular gedachten Wesen (wie bei einem Parteitag einer nichtreligiösen Partei) oder unter den geglaubten Augen einer Gottheit (wie auf einem Kirchentag) vollzogen wird. Hier kickt dann also genau die mythologische Theorie of Mind (ToM), die die CRED-Rituale, Symbole und Gemeinschaften ins Überzeitliche transzendiert.
So beruft sich beispielsweise die Kinderreichtum ausdrücklich bejahende, evangelikale Quiverfull-Bewegung auf Psalm 127, 3-5:
Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.
Wie die Pfeile in der Hand eines Starken, also geraten die jungen Knaben.
Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll (his quiver full) hat! Sie werden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden handeln im Tor.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-religion-und-fundamentalismus-shall-the-religious-inherit-the-earth-von-eric-kaufmann/
Hier bekommen also Kinder zusätzlich einen religiösen Story-Wert und werden als Vorzeichen eines Sieges gegenüber „Feinden“ gedeutet.
Auch aus meiner Sicht durchaus problematisch, aber beobachtbar wirksam.
Gegenthese: „Hier-und-Jetzt“-Denken wirkt heute antinatalistisch, „Transzendentes“-Denken wirkt oft pronatalistisch
Feststellung: In Israel und Palästina explodieren die Geburtenzahlen nicht allein aus religiösen Gründen, sondern auch wegen dem Israel-Palästina-Konflikt, denn Israeli und Palästinenser glauben den „Krieg“ zwischen Israel und Palästina mittels Geburtenüberschuss entscheiden zu können.
Für mich gibt es „transzendente“ Motivationen für Nachwuchs und „immanente“ Motivationen für Nachwuchs. Transzendent ist eine Motivation, wenn sie über den Nutzen für die eigene Familie hinausgeht, immanent ist die Motivation, wenn sie primär am Eigenwohl der Familie orientiert ist.
Kürzlich sah ich Videos zum Thema „fehlender Nachwuchs“ etwa Südkorea (aber auch Taiwan und China) betreffend. Dort kann sich eine Familie gar nicht zwei Kinder leisten, weil die Kosten für Bildung inklusive (obligatorische) Nachhilfe bereits für ein Kind so hoch sind, dass ein zweites Kind die Familie in die Armut führen würde. Generell gilt: Das westliche Lebensmodell macht Familien mit Bildungsambitionen für ihre Kinder („mein Kind soll es besser haben“) automatisch zu 1-Kinder Familien, weil bereits zwei Kinder jedes realistische Budget sprengen. Es gibt aber noch weitere „Hier-und-Jetzt“-Motivationen im Westen, die gegen Kinder sprechen. So etwa, dass Kinder im Westen immer mehr zu Konsumenten mit Erwachsenen-Ansprüchen werden. Dies kommt noch hinzu zu den Bildungskosten.
Fazit: In einem westlichen Umfeld spricht das „Hier-und-Jetzt“ gegen Kinder. Da es im Westen und im westlich gewordenen Asien aber kaum noch „transzendente“ Motivationen gibt, gibt es dort auch kaum noch Kinder.
Vielen Dank, @Martin Holzherr – an Ihren Vermutungen ist sehr vieles dran, wenn auch nicht als „Gegenthese“. Und ich will Sie daher auch gar nicht korrigieren, nur ergänzen.
Auch etwa auf dem europäischen Balkan gab es erbitterte und teilweise blutige Nationalitätenkonflikte, die etwa im Konflikt um das Kosovo auch demografisch als „Krieg der Bäuche“ bezeichnet wurden. Dennoch ist der gesamte Balkan heute durch niedrige Geburtenraten und Abwanderung geprägt, wie es hier auch Felo.ai darstellt:
Die zusammenfassende Geburtenrate (Total Fertility Rate, TFR) gibt die durchschnittliche Anzahl der Kinder an, die eine Frau in ihrem Leben gebiert. Für den Erhalt der Bevölkerung ohne Migration ist eine TFR von etwa 2,1 bis 2,4 erforderlich [9]. Fast alle Balkanstaaten liegen deutlich unter diesem Wert und sind von einem starken demografischen Wandel und Bevölkerungsrückgang betroffen [11][12].
Hier sind die TFR-Geburtenraten der Staaten, die geografisch oder politisch zur Balkanhalbinsel gezählt werden [1][2][3]:
## TFR-Geburtenraten der Balkanstaaten
* **Albanien**: ca. 1,2 bis 1,3 Kinder pro Frau. Albanien verzeichnet seit Jahren einen der stärksten Rückgänge der Geburtenrate in der Region.
* **Bosnien und Herzegowina**: ca. 1,5 Kinder pro Frau (laut aktuellen UN-Berichten) [20].
* **Bulgarien**: ca. 1,6 Kinder pro Frau. Trotz eines leichten Anstiegs in den letzten Jahren bleibt die Rate weit unter dem Erhaltungsniveau.
* **Griechenland**: ca. 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau. Griechenland leidet unter einer der am schnellsten alternden Bevölkerungen Europas.
* **Kosovo**: ca. 1,5 bis 1,6 Kinder pro Frau. Obwohl der Kosovo historisch die höchste Geburtenrate der Region hatte, ist sie in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken.
* **Kroatien**: ca. 1,4 bis 1,5 Kinder pro Frau.
* **Montenegro**: ca. 1,7 bis 1,8 Kinder pro Frau. Montenegro hat im regionalen Vergleich eine der geringfügig höheren Raten, liegt aber dennoch unter dem Erhaltungsniveau.
* **Nordmazedonien**: ca. 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau.
* **Rumänien**: ca. 1,6 bis 1,7 Kinder pro Frau.
* **Serbien**: ca. 1,5 bis 1,6 Kinder pro Frau. Serbien ist stark von Überalterung und einem kontinuierlichen Rückgang der Geburtenbasis betroffen [9].
* **Slowenien**: ca. 1,5 bis 1,6 Kinder pro Frau.
* **Türkei** (ostthrakischer Teil auf dem Balkan): ca. 1,4 Kinder pro Frau (Gesamtwert für die Türkei). Auch in der Türkei ist die Geburtenrate in den letzten Jahren unter das Erhaltungsniveau gefallen.
## Demografischer Hintergrund
Der gesamte Balkanraum gilt als eine der am stärksten von Depopulation betroffenen Regionen weltweit [12]. Dies liegt an einer Kombination aus:
* Anhaltend niedrigen Geburtenraten (TFR) weit unter dem Erhaltungsniveau von 2,1 [9][20].
* Starker Abwanderung (Emigration) vor allem jüngerer Menschen in wohlhabendere EU-Staaten aufgrund von wirtschaftlichen Perspektiven und Arbeitslosigkeit [11][13].
* Einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft, was die sozialen Sicherungssysteme und den Arbeitsmarkt vor enorme Herausforderungen stellt [9].
[1] http://en.euabc.com/word/77
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Balkanhalbinsel
[3] https://www.swr.de/swrkultur/wissen/reisewissen-balkan-102.html
[4] https://fairaway.de/welche-lander-gehoren-zum-balkan
[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Balkans
[6] https://www.wordreference.com/deen/Balkanstaaten
[7] https://sh.wikipedia.org/wiki/Balkan
[8] https://en.wiktionary.org/wiki/Balkanstaaten
[9] https://www.bbc.com/serbian/lat/svet-69038363
[10] https://totalenergies.com/
[11] https://doiserbia.nb.rs/ft.aspx?id=0025-85551704423V
[12] https://www.facebook.com/TRTBalkanBHSC/posts/%C4%8Detiri-balkanske-zemlje-nalaze-se-me%C4%91u-20-zemalja-svijeta-s-najve%C4%87im-padom-stano/1033225472315090/
[13] https://www.helles-koepfchen.de/?suche=balkanstaaten
[14] https://www.totalwireless.com/
[15] https://www.radiolaktasi.com/blog/blagi-rast-fertiliteta-ali-republika-srpska-i-dalje-biljezi-pad-broja-stanovnika
[16] https://www.totalwine.com/?srsltid=AfmBOooD-6WBFVQN2PWSdmlEtxqf0wo8tXikeVM9SlKXoJcAPFXoUfuU
[17] https://play.google.com/store/apps/details?id=com.tracfone.total.myaccount&hl=en_US
[18] https://www.totalwireless.com/login
[19] https://open.spotify.com/artist/1urjDGTd4iBze91Z1W1gu7
[20] https://euronews.ba/bosna-i-hercegovina/drustvo/59312/demografski-alarm-za-bih-iz-un-stopa-fertiliteta-pala-na-15-daleko-ispod-nivoa-reprodukcije
[21] https://en.wikipedia.org/wiki/TotalEnergies
[22] https://totaltool.com/
[23] https://www.reddit.com/r/TotalWireless/
[24] https://balkans.aljazeera.net/teme/2024/4/4/zasto-ce-nizak-natalitet-u-evropi-izazvati-zapanjujucu-drustvenu-promjenu
[25] https://www.astronomija.org.rs/ivot/15986-20-zemlja-sa-najbrizim-padom-broja-stanovnika
Auch etwa die von Russland angegriffene Ukraine verzeichnet weiterhin niedrige Geburtenraten – das angreifende Fossilreich sogar einen so schnellen Verlust der Bevölkerung, dass den offiziellen Statistiken nicht mehr zu trauen ist.
Dass kriegerische Konflikte also grundsätzlich mit höheren Geburtenraten zusammenhingen, lässt sich für das 20. und 21. Jahrhundert also nicht behaupten. Zudem würde ich ergänzend zum Faktor Bildung auch die Urbanisierung berücksichtigen: Auf dem Land sind Kinder mitunter sogar noch Einkommensquellen, in Städten kosten sie Wohnraum, Schulgeld usw. Genau dies gilt als der Hauptfaktor für den schnellen Geburtenrückgang in Thailand.
Dies ist übrigens auch ein Grund für die überaus starken, inner-israelischen Konflikte: Nationalreligiöse fordern von der Regierung weitere Genehmigungen, Zuschüsse und Truppen zur Errichtung und Verteidigung von Siedlungen im Westjordanland, also günstigem Wohnraum. Ultraorthodoxe fordern vom Staat Kindergeld, Sozialleistungen und auch Zuschüsse für ihre Bildungseinrichtungen, weigern sich jedoch umgekehrt, etwa Wehrdienst zu leisten. Nichtjüdische, etwa arabische Israelis sind dagegen meist von der Wehrpflicht freigestellt.
Ob und wie eine rechtsstaatliche Republik diese Spannungen aushalten, ja überbrücken kann, werden wir alle in den nächsten Jahren sehen…
Ihrer Beobachtung, wonach transzendente Motivationen auch den gefühlten Wert von Kindern (Value of Children, VOC) erhöhen können, stimme ich dabei ausdrücklich zu. Der Begriff „säkular“ stammt ja direkt vom lateinischen saeculum für das Jahrhundert, die Lebenszeit – und entspricht damit sehr genau Ihrem „Hier-und-Jetzt“-Ansatz.
In Summe danke ich Ihnen also für den tiefen und dialogischen Kommentar!