Religionen und religiöse Erfahrungen – Ein empirischer Vergleich

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Nun ist er also wieder da, der heilige Advent, die Vorweihnachtszeit. Auch Menschen, die sonst wenig oder nichts mit Religion zu tun haben, werden nun wieder in religiöse Symbolik und Mythen eingehüllt. Kirchenkonzerte und Weihnachtsmärkte locken Besucherscharen, Zeitschriften und andere Medien greifen die erhöhte Nachfrage mit Spezialtiteln auf, Spendenaufrufe für Arme und Benachteiligte finden erheblich mehr Gehör. Manche werden wieder versuchen, sich gegen solche religiösen Erfahrungen abzugrenzen – und andere werden sich umgekehrt darüber ärgern, dass die heilige Zeit auch kommerzialisiert wird.

Wie ist das eigentlich mit den religiösen Erfahrungen?

Aber wie ist das eigentlich mit den religionsbezogenen Erfahrungen – sind diese innerhalb der Weltreligionen sehr ähnlich? Aus evolutionärer Sicht läge dies nahe, da sich ja in jeder Generationen überspannenden Tradition jene Varianten durchsetzen sollten, die allgemein-menschliche Bedürfnisse erreichen. Aber alternativ wäre ja auch denkbar, dass es riesige Unterschiede gibt und beispielsweise eine Jüdin ein anderes Gottesbild erführe als eine Muslimin oder ein Christ sich mehr mit Schuld und Liebe auseinander setzte als ein Hindu, der eher Dankbarkeit empfände.

Wissenschaftlern steht es gut an, auch gängige Annahmen hin und wieder zu hinterfragen. Als ich also neulich einen Artikel über die Glücksforschung zu Religiosität und Religionen schrieb, entschied ich mich, einmal zu überprüfen, ob sich die religiösen Erfahrungen verschiedener religiöser Kulturen stark unterschieden.

Als Datenmaterial wählte ich den Religionsmonitor 2008, der parallel in mehreren Ländern konkrete “Erfahrungen mit Gott bzw. dem Göttlichen” wie Liebe oder Angst erfragt hatte. Ich wählte acht Länderdatensätze, die bewusst sehr verschiedene, religiöse Kulturen repräsentieren: Deutschland, Indien, Israel, Marokko, Russland, Südkorea, Türkei und die USA.

Und dort verglich ich die Angaben zur Häufigkeit von drei positiven Erfahrungen – Befreiung von Schuld, Liebe & Dankbarkeit, zusammengefasst zu Wohlbefinden (W) – und drei negativen Erfahrungen – Schuld, Angst & Verzweiflung zu Unwohlsein (U).

Der erste Befund ergab schon deutliche Unterschiede: Je nach Intensität der gelebten Religiosität in den jeweiligen Ländern schwankte auch die Frequenz religiöser Erfahrungen – wo seltener gebetet und Gottesdienste besucht werden, finden sich auch seltener religiöser Erfahrungen. Soweit, so wenig überraschend.

Interessant aber auch: Quer durch alle untersuchten Länder überwogen deutlich die positiven über die negativen religiösen Erfahrungen. Unterschiede gab es dabei, sie waren jedoch sehr gering: In den drei Ländern, die die höchsten Frequenzen religiöser Erfahrung verzeichnen (Marokko, Türkei, Indien), wird als häufigste Erfahrung mit Gott oder dem Göttlichen „Liebe“ benannt, in den anderen fünf steht „Dankbarkeit“ an der Spitze. In der Türkei, in Indien, den USA und Südkorea wird häufiger „Befreiung von Schuld“ als „Schuld“ selbst erfahren, in Deutschland gleich häufig. Die seltenste, religiöse Erfahrung ist in sechs Ländern Verzweiflung, in Indien Schuld und in Russland Angst.

Quer durch die religiösen Kulturen sind die gemachten Erfahrungen also nicht völlig identisch, aber überlappen doch sehr weitgehend.

Noch massiver wurden die Übereinstimmungen, wenn die religiösen Erfahrungen jener Befragten verglichen wurden, die als “hochreligiös” galten, da in ihrem Leben und Verhalten Religion einen zentralen Stellenwert annahm (regelmäßiges Gebet, Gottesdienstteilnahme, Zustimmung zu Glaubensaussagen etc.). Hier wurde deutlich: Der “Anteil” von Hochreligiösen schrumpfte in wohlhabend-sicheren Ländern wie Deutschland – jene Befragten, die jedoch hochreligiös blieben, wiesen sehr ähnliche Erfahrungsmuster auf wie die Hochreligiösen aller anderen Länder.

Auch hier zeigten sich die religionsbezogen schon “klassischen” Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die jedoch ebenfalls mit der religiösen Praxis korrelierten: In weniger religiösen Gesellschaften wandten sich stärker Männer als Frauen von der jeweiligen Glaubenspraxis ab und wiesen entsprechend seltener entsprechende religiöse Erfahrungen auf.

Annahmen (leider?) bestätigt

Letztlich also bewahrheiteten sich die Annahmen, die evolutionär zu erwarten waren – was einerseits erfreulich war, andererseits aber natürlich auch ein bißchen ernüchternd: Stunden von Arbeit, aus denen sich nichts eigentlich Neues ergab. Aber so ist das nun einmal regelmäßig in der Wissenschaft – es kann nicht ständig Überraschungen geben.

Dann werde ich jetzt wohl doch einmal wieder einfach die Adventsstimmung genießen und mich darüber freuen, dass auch Menschen anderer Religionen und Kulturen zu ihren Zeiten ganz ähnliche Erfahrungen machen.

Smile

Für an Glücksforschung Interessierte, der besprochene Artikel zum Download:

Blume, M. (2011): Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion & Glück.
In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 32, 2011

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

14 Kommentare

  1. @Michael Blume

    Ich finde besonders den Schluss des von Ihnen geschriebenen und verlinkten Artikels zum komplexen Zusammenhang von Religion und Glück sehr gelungen, weil Sie die positive Entwicklung in Richtung Dialog und praktischem Austausch mit Andersdenkenden und -glaubenden betonen. Ich möchte noch zu bedenken geben, dass das sinnstiftende Potenzial, das Religionen früher automatisch zugesprochen wurde für viele Menschen in unseren Gesellschaften nicht mehr greifbar und auch begreifbar ist. Für viele Menschen(inklusive mir selber) ist die Behauptung, Religionen seien sinnstiftend auch nach längerem Nachdenken nicht nachvollziehbar.
    Sicher sind Religionen in vielen Gemeinschaften ein wichtiges Bindemittel: einen “Sinn” scheint mir das Ganze aber dennoch nicht zu ergeben.
    Es hat Folgen, klar, positive wie negative, allerdings scheint mir das Wort “Sinn” zu hoch gegriffen.
    Es könnte auch hier eine Diskussion über die Definition von “Sinn” nützlich sein.
    Wenn Menschen mir aber sagen, dass ihr Leben ohne Religion seinen Sinn verliert, sowie ich dann im Gegenzug gefragt werde, wie ich ohne Gott einen Sinn im Leben sehen kann, bleibe ich immer etwas ratlos zurück.
    Inwiefern ein nicht genau definiertes Wesen kombiniert mit sehr vielen unbelegten Behauptungen zur Sinnstiftung beitragen könnte hat sich mir, wie gesagt, noch nicht erschlossen.

  2. @Francois

    Zwischen “(objektiv?) Sinn ergeben” und “Sinn stiften” ist ja schon ein Unterschied, oder?

    Sinn stiftend kann für ein Individuum doch alles sein, auch ohne Abbild in der Realität.

    Ob die Tatsache, dass der subjektiv Sinn stiftende Glaube an “überempirische Akteure” Sinn ergibt… Herr Blume würde da wohl evolutionär mit ja antworten.

  3. @Francois Pütz & @Thomas

    Vielen Dank für die durchdacht-konstruktiven Kommentare!

    In der Tat gibt es einige erste Forschungen zu diesen Fragen in den Bereichen von Psychologie, Identitätsbildung und Salutogenese. Dabei wird “Sinn” als stets narrativ (erzählend) konstruiert gefasst, der (wie Poesie und Literatur) als subjektiv (!) stimmig erfahren (!) werden kann. Wie kohärent die Sinnzusammenhänge sein müssen ist dabei wohl individuell sehr verschieden und kann sich auch in Lebensläufen verändern (Stichwort: “Sinnkrise”!).

    Bezüge auf geglaubte überempirische Akteure weisen dabei eigenständige Potentiale für Sinnstiftung auf, weil sie individuelle Lebenserzählungen in größere Kosmologien (Metaerzählungen) einfügen, spezifische Erfahrungen (s. oben) bereitstellen und nicht zuletzt gemeinschaftliche Unterstützung und Anerkennung (etwa für verschiedene “Berufungen”) organisieren können. Religiös aktive Menschen sehen daher empirisch häufiger einen kohärenten Sinn in ihrem Leben, ohne dass diese Einschätzung selbst wissenschaftlich überprüft werden könnte (vgl. wiederum Literatur und Poesie, für die das Gleiche gilt).

    Ein eindrucksvolles Beispiel ist z.B. die Geistertanzbewegung (Ghost Dance Movement) der amerikanischen Indianer (Native Americans). Obwohl die Beschwörung der Ahnen und Geister keinen politischen Erfolg zeitigte, führte sie zu einer Re-Formation gemeinschaftlicher und individueller Identitäten und wird bis heute als Quelle von Gemeinschafts- und Sinnstiftung erfahren:
    https://scilogs.spektrum.de/…-ihr-evolution-rer-erfolg

    Ich stimme @Francois Pütz dabei zu, dass die jeweiligen, identitäts- und sinnstiftenden Narrative für Außenstehende nicht stimmig oder auch nur nachvollziehbar sein müssen – wie dies ja auch für Musik, Literatur, Poesie etc. gilt. Individuelle und soziale Wirkungen sind zugleich empirisch beobachtbar.

  4. @Thomas & Michael Blume

    Ich sollte etwas präziser sein:
    Das sinnstiftende Potenzial im Umfeld des überempirischen Glaubens bezweifle ich natürlich nicht. Es ist der Inhalt des Glaubens selbst, der mir eine solche Sinnstiftung nicht herzugeben scheint.
    Der Vergleich mit Poesie und Literatur hinkt, selbst wenn er immer noch oft gebracht wird. Wenn ich Freude an einem Gedicht von Paul Celan empfinde oder mir bei der Lektüre Spinozas wohlige Schauer den Rücken herunterlaufen, dann ist das immer wieder eine ganz wunderbare Erfahrung. Nur komme ich nicht auf die Idee, das den Texten innewohnende als “göttlich” zu bezeichnen.
    Das eigenständige Potenzial zur Sinnstiftung des geglaubten empirischen Akteurs hingegen scheint mir kaum belegbar. Alles Beschriebene lässt sich auf zutiefst menschliche Bedürfnisse und Gefühle zurückführen, und ist deswegen auch nicht weniger wert(diese Wertung schwingt oft implizit mit, wenn ich mit Gläubigen über diese Erfahrungen spreche).
    Ich möchte einfach verstehen, wieso es Menschen gibt, die den Sinn direkt am überempirischen Akteur festmachen, und mir, selbst wenn ich ihr Wohlgefühl, ihre Euphorie aus eigener Erfahrung durchaus nachvollziehen kann, unterstellen, meine Reaktionen seien sehr anders einzuschätzen, weil Gott für mich keine Rolle spielt.
    Meine Hypothese ist, dass man ihnen erzählt hat, dass Gott das Entscheidende ist, und sie sich nicht in der Lage sehen, diese Verknüpfung der eigenen Person, der eigenen Gefühle, mit diesem lediglich postulierten überempirischen Wesen in Frage zu stellen. Es würde Ihnen nichts fehlen, wenn sie das Postulat entfernten. Es ist eine rein symbolische Beschreibung, die zur Erkenntnis nichts beiträgt.
    Warum ich darauf herumreite, habe ich weiter oben schon angeführt. Bemerkungen wie: “Wie kann dein Leben einen Sinn haben, wennn du nicht an Gott glaubst?”
    scheinen mir nur dann entstehen zu können, wenn unsere reiche menschliche Innenwelt gehörig unterschätzt wird, und die Äußernden sich ihrer eigenen Fähigkeiten nicht bewusst sind.
    Ich treffe mich hier übrigens mit Max Weber, bitte dies aber jetzt nicht als Autoritätsargument misszuverstehen.

  5. Diagramme

    Michael, wie sind denn die Diagramme genau zu lesen? Was bedeuten die Zahlen auf der horizontalen Achse?

    Kai

  6. @Francois Pütz

    Sie beobachteten: Das sinnstiftende Potenzial im Umfeld des überempirischen Glaubens bezweifle ich natürlich nicht. Es ist der Inhalt des Glaubens selbst, der mir eine solche Sinnstiftung nicht herzugeben scheint.

    Da würde ich nicht einmal widersprechen: Religiöse Überlieferungen haben m.E. ebenso wenig Sinnstiftung wie (z.B.) Kinderreichtum per se – sie haben “nur” das Potential, diese Funktionen zu erschließen. Und jene religiösen Überlieferungen, die diese (und weitere) Funktionen im spezifischen Kontext zu erfüllen vermögen werden eher weiter gegeben und setzen sich so eher durch.

    Der Vergleich mit Poesie und Literatur hinkt, selbst wenn er immer noch oft gebracht wird. Wenn ich Freude an einem Gedicht von Paul Celan empfinde oder mir bei der Lektüre Spinozas wohlige Schauer den Rücken herunterlaufen, dann ist das immer wieder eine ganz wunderbare Erfahrung. Nur komme ich nicht auf die Idee, das den Texten innewohnende als “göttlich” zu bezeichnen.

    Aber wenn Sie zu der Auffassung kämen, könnte der gleiche Text für Sie noch sehr viel höhere Relevanz und weitere, interpretative Dimensionen erhalten. Die literarische Qualität Heiliger Texte mag man kontrovers diskutieren – ihre weite Verbreitung und oft intensive Lektüre dagegen nicht. Nicht zufällig haben z.B. die Bibelübersetzungen nach Luther bzw. King James die deutsche und englische Sprache geprägt und auch vereinheitlicht, selbst im allgemeinen Wortschatz stecken sie tief drinnen.

    Es würde Ihnen nichts fehlen, wenn sie das Postulat entfernten. Es ist eine rein symbolische Beschreibung, die zur Erkenntnis nichts beiträgt.

    Zur wissenschaftlichen Erkenntnis sicher nicht. Aber religiöse Lesarten erschließen ja die Welt religiöser Erfahrungen (z.B. im Gebet, das als Interaktion mit der Gottheit erfahren werden kann) und der Gemeinschaft (z.B., indem Mitglaubende die Relevanz des Textes unterstreichen).

    “Wie kann dein Leben einen Sinn haben, wennn du nicht an Gott glaubst?”
    scheinen mir nur dann entstehen zu können, wenn unsere reiche menschliche Innenwelt gehörig unterschätzt wird, und die Äußernden sich ihrer eigenen Fähigkeiten nicht bewusst sind.

    Hier habe ich eine mittlere Position: Es ist ja empirisch offenkundig, dass auch nichtglaubende Personen dennoch einen Sinn in ihrem Leben konstruieren (“haben”) können. Zugleich ist es aber auch nicht nur eine Behauptung, sondern eine empirische Beobachtung, dass religiösen Menschen dies durchschnittlich häufiger gelingt.

    Mir scheint, wir Menschen können unsere individuellen Fähigkeiten nicht nur unter-, sondern auch überschätzten. Letztlich sind wir als zutiefst gemeinschaftliche Lebewesen evolviert.

  7. @Kai

    Im verlinkten Artikel hatte ich mehr dazu geschrieben, wollte es auf dem Blogbeitrag nur nicht noch weiter auswalzen.

    Der Religionsmonitor erfasste die religionsbezogenen Erfahrungen auf einer Skala von 1 bis 5. Die Antwortoptionen umfassten:

    1. Nie
    2. Selten
    3. Gelegentlich
    4. Oft
    5. Sehr oft

    Oben sind die Durchschnittswerte dieser Skalierung angegeben.

    Weitere Infos im verlinkten Text bzw. über den Link zum Religionsmonitor, bei dem man spaßeshalber auch selbst teilnehmen kann.

  8. @Michael Blume

    Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort, Herr Blume!
    Ich bezweifle auch nicht, dass ein Text höhere Relevanz für einen selbst erhält, wenn man ihm eine Art Göttlichkeit zuspricht. Allerdings kann ich nicht erkennen, was der Vorteil einer derartig erhöhten Relevanz sein sollte.Die Gefahr, dass der Text dann kaum noch einer halbwegs objektiven Interpretation zugänglich wird, wächst, und die Gefahr, dass sich Menschen dann im Besitz der Wahrheit wähnen, und die Wahrnehmung anderer inhaltsreicher Texte leidet, wächst ebenfalls.
    Ob es religiösen Menschen wirklich häufiger gelingt einen “Sinn” zu konstruieren, bezweifle ich. Ich vermute eher, dass sie sich schneller mit etwas zufrieden geben, was sie dann als “Sinn” bezeichnen.Intensive Nachfragen meinerseits lösten meistens Verwirrung aus, weil die befragten Menschen nicht verstanden, wieso man ihren “Sinn” genauer beschrieben haben wollte. In dem Falle scheint das religiöse Umfeld das Nachdenken über diesen Sinn zuweilen recht effektiv zu unterbinden.
    Beim Überschätzen stimme ich Ihnen zu…wahrscheinlich denke ich aber an etwas anderes als Sie. Dass Menschen sich z.B. zutrauen, Genaueres über das überempirische Wesen sagen zu können, und auch noch sicher sind, dass es stimmt, ist schon recht unbescheiden.

  9. @Francois Pütz

    Der Kreis beginnt sich zu schließen – was ja nicht schlecht sein muss! 🙂

    Sie schrieben: Ich bezweifle auch nicht, dass ein Text höhere Relevanz für einen selbst erhält, wenn man ihm eine Art Göttlichkeit zuspricht. Allerdings kann ich nicht erkennen, was der Vorteil einer derartig erhöhten Relevanz sein sollte.

    Nun – aus evolutionärer Sicht bleibt es dabei: Der einzige “Vorteil”, der zählt(e), liegt in der evolutionären Fitness, dem über mehrere Generationen reichenden Reproduktionsvorteil:
    https://scilogs.spektrum.de/…-fitness-und-religiosit-t

    Und wer also z.B. die religiös-biblische Überlieferung, in der Gottes erste Worte an den Menschen “Seid fruchtbar und mehret euch!” lauten, für relevant(er) hält, hat eine höhere Chance, sich in kooperativen und kinderreichen Gemeinschaften zu finden, die dann wiederum diese Überlieferungen an kommende Generationen weitergeben etc. pp.

    Ob wir das rational begründbar, nachvollziehbar finden oder nicht spielt aus evolutionärer Sicht keine Rolle – es war und ist schlicht erfolgreich. Warum sollten sich Evolutionsprozesse auch auf rational nachvollziehbare Merkmale beschränken?

  10. @Michael Blume

    “Stoßseufzer”…..Dass der Kreis sich schließt, mögen Sie so sehen. Für mich drehen wir uns im Kreis.
    Wenn Sie bei jeder Gelegenheit die Diskussion unterbrechen mit “..aber Religion macht Menschen evolutionär erfolgreicher!”, dann wird es schwierig, eine argumentativ einigermaßen saubere Diskussion bis zum Ende durchzuziehen.
    Gut, ich gebs zu, was Sie nicht wundern dürfte: Das Argument mit der höheren Reproduktion ist für mich nicht sehr sauber, und zwar aus mehreren Gründen. Ich habe versucht immer mal wieder einige naheliegende Einwände einzuflechten, was aber an der von mir Teflonstruktur genannten Form Ihrer Argumentation abprallt. Ich habe die Daten, soweit sie mir zugänglich waren, nicht nur überflogen, sondern versucht, sie so neutral wie möglich intensiv zu betrachten, und dennoch komme ich zu anderen Schlüssen als Sie, werter Herr Blume.
    Könnten wir uns nicht darauf einigen, dass Sie bei einer fortlaufenden Argumentation auf die Religion-ist-nun-mal-die-erfolgreichere-Strategie-Keule verzichten?
    Ich weiß, dass das ihre Position ist. Ich halte sie trotzdem für nicht haltbar, schreibe aber heute abend sicher keine schlüssige Widerlegung mehr.Mein Sohn hat morgen Geburtstag, und ich möchte den Kuchen noch fertigbacken. Ansonsten danke ich Ihnen für jede Ihrer guten Antworten, die nicht mit der Keule einhergehen.
    Schönes Wochenende für sie und Ihre Familie, und auf ein Neues bis uns die Keule wieder trennt.

  11. @Francois Pütz

    Der Verweis auf die evolutionären Wurzeln und die entsprechende Erforschbarkeit auch von Religiosität ist weder Rückzug noch “Teflon”, sondern schlicht die (nicht nur von mir) eingenommene Forschungsperspektive. Und die Belege für den reproduktiven Erfolg sind so zahlreich und auf so vielen wissenschaftlichen Konferenzen und Debatten erprobt, dass es m.E. schon fast etwas langweilig geworden ist. Wer es noch nicht wahrhaben möchte, den werden auch weitere Argumente kaum mehr erreichen.

    Gönnen Sie sich und Ihrem Sohn lieber einen schönen Feier-Tag! Und wenn Sie wieder Lust & Zeit finden, sind Sie hier natürlich auch wieder jederzeit herzlich willkommen. 🙂

  12. Sinn und Gott, Sinn und Sinngefühl

    “Wie kann dein Leben einen Sinn haben, wenn du nicht an Gott glaubst?”
    Wie wär’s denn damit:
    Wenn du glaubst, daß dein Leben einen Sinn hat, dann glaubst du an Gott. Ob du von Gott sprichst oder nicht, ist ein terminologischer Unterschied, keiner in der Sache.
    Das sieht man in den Kreisen empirischer Religionsforscher sicher selten so, aber in der Geschichte des Denkens insgesamt dürfte das nicht nur eine unter vielen Auffassungen sein, sondern mindestens zu den sehr prominenten gehören.

    Etwas erfüllt einen Zweck für etwas anderes, dieses wieder für etwas anderes usw. Das alles hat aber keinen Sinn, wenn es nicht letzten Endes einen hat, wenn es keinen Endzweck gibt. Dafür hat man in machen Kulturen, z. B. in unserer, den Begriff „Gott“ gebraucht. (Im Einzelnen ist’s etwas komplizierter, man müßte hier insb. über das Verhältnis von „Gott“ und „Höchstem Gut“ sprechen.) Die Aufklärung hat den Sinn im Menschen selbst gesehen; nichts hat Sinn, dem er nicht einen verleiht (die liberale Aufklärung hat gar Sinn durch Nutzen – für den Einzelnen – ersetzt). Die Gegenaufklärung aber hat gefragt: Was ist, wenn der Mensch – ein Stäubchen im Weltall – selbst keinen Sinn hat? Dann gibt es nämlich keinen Sinn, der Mensch mag sich Endzwecke setzen so viel er mag.

    Das zur Frage, was Sinn ist und was der Zusammenhang mit „Gott“ ist. Eine völlig, noch mal: völlig andere Frage ist es, was den Menschen ein Gefühl von Sinn gibt. Da kann selbstverständlich z. B. eine feste Überzeugtheit von einer atheistischen kommunistischen Lehre oder die Konzentration auf eine bestimmte geliebte Person unter Ausblendung von allem, was drum herum geschieht, ein viel stärkeres Sinngefühl vermitteln als ein lauer Glaube an eine offizielle religiöse Lehre oder ein vager „esoterischer“ Zeitgeist-Glaube.
    Weil man sich solche einfachen Gedanken nicht vorher macht, sondern gleich munter mit Befragungen loslegt, sind all diese Ergebnisse empirischer Sozialforschung zur Glück-Sinn-Religion-Frage völlig, noch mal: völlig für die Katz. Man muß kein Wissenschaftler sein, um die aus den Befragungsergebnissen der Tabellen gezogenen Behauptungen im Artikel mühelos zerlegen zu können, da reicht der normale Alltagsverstand. Mich wundert, daß das hier keiner macht.

  13. Sinn, Unsinn und so weiter

    @Francois Pütz
    Zwei Gebiete gibt es, auf der die Kriterien von “Objektivität” und “Wissenschaftlichkeit” nur sehr bedingt greifen: Die Kontigenz des menschlichen Lebens und die Frage nach der grundlegenden Anthropologie, dem innersten Wesen des Menschen. Das erstere bedeutet, dass wir das, was uns zustoßen wird, nicht berechnen und nicht voraussagen können. Wir können Wahrscheinlichkeiten berechnen, um unser Verhalten möglichst rational zu gestalten, das letztliche Endergebnis aber nicht. Ein grundlegendes Merkmal zur Verifikation wissenschaftlicher Theorien entfällt also grundsätzlich, nämlich die erfolgreiche Prognose.

    Die Anthropologie, die Frage nach dem Wesen des Menschen, lässt sich deshalb nicht objektiv beantworten, weil der Mensch und vor allem der menschliche Geist eine ad-hoc-Konstruktion der Evolution ist. Im Gehirn spielen eine Vielfalt von Mechanismen zusammen, die ich zwar im Einzelnen beschreiben kann, aus denen sich aber keine objektive Summe ziehen lässt nach dem Motto: So und so ist der Mensch. Und, was uns am meisten interessieren sollte: Deshalb sollte er so und so leben, um seiner Natur zu entsprechen. Verschiedene Lehrer haben geniale und unterschiedliche Antworten gefunden, harte, “objektive” Kriterien für eine von ihnen haben wir nicht.

    @Ludwig Trepel
    Ja, die Diskussion in Sachen “Sinn” ist hier etwas unklar. Ich würde sagen, gemeint ist in diesem Zusammenhang immer das “Gefühl für Sinn”, also kein irgendwie objektiver Sinn in der Art einer Zweckgerichtetheit der Welt o.ä. Sie haben recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass sowohl ein klassischer Kommunist als auch ein schwer verliebter Mensch ganz ähnliche Gefühle haben kann. Die Gemeinsamkeit mit der religiösen Sinnstiftung ist hier die Erzählung. Religionen und umfassende Ideologien betten die Einzelteile unserer unsicheren Welt in eine zusammenhängende Erzählung ein, in der mich selbst an einem sinnvollen Platz wieder finde. Das gilt wohl auch für den Verliebten, dessen ganzes Leben sich plötzlich auf diesen einen wunderbaren Höhepunkt hin orientiert – und dementsprechend schmerzlich wieder in seine sinnlosen Bestandteile auseinander fallen kann, wenn die Beziehung missglückt.

  14. “objektiv”

    @ Erik Djeba
    “…die Frage nach dem Wesen des Menschen, lässt sich deshalb nicht objektiv beantworten, weil der Mensch und vor allem der menschliche Geist eine ad-hoc-Konstruktion der Evolution ist. Im Gehirn spielen eine Vielfalt von Mechanismen zusammen,…”

    Es mag sein, daß sie sich nicht objektiv beantworten läßt, aber die Begründung ist falsch: Nicht weil die Naturwissenschaft dies oder jenes herausgefunden hätte, etwa über die Komplexität des Gehirns, sondern weil die Naturwissenschaft Fragen nach dem Wesen von irgendetwas nicht stellt und konstitutiv nicht stellen kann.

    “Und, was uns am meisten interessieren sollte: Deshalb sollte er so und so leben, um seiner Natur zu entsprechen. Verschiedene Lehrer haben geniale und unterschiedliche Antworten gefunden, harte, “objektive” Kriterien für eine von ihnen haben wir nicht. “
    Die Frage wäre erst einmal, ob er überhaupt leben sollte, “um seiner Natur zu entsprechen.” In der Geschichte des Denkens hat man ja auch ganz andere Antworten gegeben. Und was soll es bedeuten, daß wir für eine Antwort auf die Frage nach dem Sollen keine “objektiven” – was offenbar etwas ähnliches ist wie “harte” – Kriterien haben? Viele, vielleicht die meisten Ethiker sind der Meinung, daß sich jene Frage im Prinzip beantworten läßt (daß man also eine “wahre” Antwort finden könnte, das scheint mir hier mit “objektiv” gemeint). Daß andere nicht dieser Meinung sind, ist kein Argument dafür, daß diese Meinung falsch ist.

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