Religionen & deutsche Medien im Fediversum – Die Jüdische Allgemeine wird 80 Jahre jung!

Auch gestern wurde ich auf Mastodon wieder mit einem Satz zitiert, den ich bereits im Mai 2022 gegenüber der Jüdischen Allgemeine getätigt hatte:

»Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.«

Der Grund, dass dieser Satz auch nach vier Jahren noch „lebendig“ geblieben ist, liegt auch am Ort seines Geschehens: Die Jüdische Allgemeine ist zwar von der Auflage her mit um die 10.000 Exemplaren eher klein, aber ihre Ausgaben werden intensiv gelesen und weitergereicht, die Haupttexte zudem konsequent und barrierefrei ins Fediversum gestellt und von dort aus auch fröhlich geteilt und diskutiert.

Auf Twitter postete @MatthiasMeisner 2022: "Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab", sagte mir der Beauftragte gegen Antisemitismus Baden-Württemberg, @BlumeEvolution, in einem Interview für @JuedischeOnline zur wachsenden Rolle von Parallelmedien.

Weil die Jüdische Allgemeine ihre Texte konsequent ins konzernfreie Internet – das Fediversum – stellt, können sie dort immer wieder gefunden, geteilt und diskutiert werden. Screenshot von 2022 auf dem damaligen Twitter-Account @MatthiasMeisner: Michael Blume

Entsprechend intensiv lese und nutze ich die Papierausgabe der „Jüdischen Allgemeine“ bereits seit Jahrzehnten: Wenn mir ein Artikel zusagt, lege ich ihn zur Seite und freue mich darauf, ihn jederzeit etwa für Recherchen, Zitate und diesen Blog wieder fruchtbar machen zu können.

So konnte ich erst neulich in der katholischen Akademie München vor Angehörigen der Bundeswehr und dann auch in einem Blog-Artikel zum Thema Dialog einen Artikel zur „Chawruta“-Freundschaft von 2013 (!) des geschätzten Freundes, Gemeinde- und Militärrabbiners Avraham Radbil hervorholen, zitieren und verlinken! Die wertvolle Arbeit von Avraham ist eben nicht in einem Konzernsilo oder auf einer unsicheren Webpage vergraben, sondern bleibt verlässlich, les-, zitier- und verlinkbar zugänglich.

Mit Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links) und Dr. Astrid Schilling (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern

Mit Gemeinde- und Militärrabbiner Avraham Radbil (links) und Dr. Astrid Schilling (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern

Historisch geht die „Jüdische Allgemeine“ auf die 1837 in Leipzig gegründete „Allgemeine Zeitung des Judentums“ zurück. Die Nationalsozialisten wollten deutsch-jüdische Medien restlos vernichten und verboten ihr Erscheinen mit der Reichspogromnacht vom 10. November 1938. Doch das Chanukka-ähnliche Wunder gelang: Schon 1946 erschien wieder eine Ausgabe der Neugründung „Jüdisches Gemeindeblatt“, so dass wir treuen Leserinnen und Leser derzeit mit den Herausgebern das 80. Jubiläum feiern!

Foto der zusammengefalteten Frontseite der 80. Jubiläumsausgabe der Jüdischen Allgemeinen vom 7. Mai 2026.

Vorderansicht der Ausgabe zum 80. Jubiläum der „Jüdischen Allgemeine“. Foto: Michael Blume

Und wer meinen Blog kennt, weiß: das 40., 80. und das 120. Lebensjahr haben in der jüdischen Bibelauslegung besondere Bedeutungen! Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie es doch auch gerne in der „Jüdischen Allgemeinen“ nach! 🙂 

Auch das häufigste antijüdische und antizionistische Vorurteil („Deutsche dürfen israelische Politik ja nicht kritisieren!“) wird in der Jüdischen Allgemeinen nahezu wöchentlich widerlegt: Gerade weil die Jüdische Allgemeine ohne Wenn und Aber zum Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels steht, finden sich darin seit Jahren die breite Vielfalt israelisch-demokratischer Debatten, darunter auch kritische Artikel etwa zur regierungsseitig genehmigten fossilen Katar-Hamas-Finanzierung, zu einem neuen Oppositionsbündnis um die früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett und Yair Lapid oder zu den Vorwürfen charedischer („ultraorthodoxer“) Parteien gegenüber Benjamin Netanjahu.

Wer behauptet, es gäbe in deutschen Medien eine irgendwie vorgegebene Likud-Linie und keine Möglichkeit, sich ein vielseitigeres Bild zur israelischen Politik zu machen, hat entweder keine Ahnung oder lügt bewusst. Positiv formuliert: Wenn Sie sich über die Vielfalt deutsch-jüdischer und auch israelischer Debatten in deutscher Sprache einlesen wollen – dann können Sie das über die „Jüdische Allgemeine“ jederzeit tun! Das Redaktionsteam der J.A. um Chefredakteur Philipp Peymann Engel ist vielfältig und verdient ehrliches Interesse und Vertrauen.

Zudem fällt immer wieder auf: Jüdische wie auch nichtjüdische Journalistinnen und Journalisten, die für die „Jüdische Allgemeine“ schreiben, werden auch erstaunlich oft von den gleichen Leuten attackiert wie ich: die einen Hater werfen ihnen dabei vor, „zu links“ und „nicht jüdisch genug“ zu schreiben, die anderen, „zu rechts“ und „deutsch-zionistisch“ zu sein. Ich meine, das ist ein gutes Zeichen, dass der Kompass Richtung Menschenwürde-Mitte insgesamt stimmt!

Zukunft von Textarbeit in Zeiten der KI

Genau heute ist auch der 78. Jahrestag der israelischen Staatsgründung am 14. Mai 1948. Die „Jüdische Allgemeine“ ist also zwei Jahre älter als die Republik Israel.

Und ich sehe die Zeitung auch deswegen als unverzichtbare Botin in die Zukunft, weil ihre journalistisch sorgfältigen und vielfältigen Texte im Fediversum stehen und daher auch von täglich mehr KI-Suchen erfasst werden. Das ist auch ein Grund warum ich – neben allem Podcasten & Videocasten – auch als Wissenschaftsblogger ehrenamtlich aktiv bleibe: In diesen Jahren entscheidet sich wegweisend, welche Inhalte die KI-Anwendungen trainieren, füttern, prägen. Warum wohl attackiert der Hitlergrüßer Elon Musk die Wikipedia?

Ich kann daher nur allen Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften immer wieder dringend empfehlen, es wie der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der „Jüdischen Allgemeinen“ erfolgreich vormacht: Vielfältig schreiben statt sich online be-schreiben zu lassen.

Denn meine eingangs zitierte Warnung läßt sich ja auch ins Positive wenden:

Wenn ein Mediensystem vielfältig und dialogisch ist, dann stützt und belebt es die Demokratie.

Masel tov zum Jubiläum, liebe „Jüdische Allgemeine“! Auf die nächsten 120 Jahre!

Allen, die es feiern, wünsche ich (als evangelischer Christ & Solarpunk) heute ein gesegnetes Christi Himmelfahrt, einen gesegneten Israeltag, einen frohen Vatertag, einen schönen und friedvollen Feiertag!

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

20 Kommentare

  1. Danke für Ihre Würdigung!
    Ich kaufte mir schon vor Jahren immer mal ein Papierexemplar.
    Die Online-Ausgabe lese ich täglich.
    Es ist sehr wichtig, dran zu bleiben.
    Was ich allein gestern an Antisemitismus erlebte und ihm widersprechen musste!
    Aber: am letzten Sonntag gab es ein glückliches Mädchen, deren Urgroßmutter 1939 mit einem Kindertransport nach England fuhr, dessen Glück auf meine Arbeit zurück ging.
    Manchmal zerreißt es mir das Herz.

  2. Der Höhepunkt gestern:
    Die Juden waren die größten Profiteure des 2. Weltkrieges.
    Ich natürlich:
    Waaas, bei 6 Millionen getöteten Menschen?
    Kam zurück: Du bist naiv und kennst die richtigen Sachen nicht.

    • Vielen lieben Dank für Ihr Interesse und Engagement, @Eckehard Erben – Ihre kritische Nachfrage zum Döpfner-Text hatte diesen Blogpost mit angestoßen. ☺️📰🙌

      Ihre Beobachtungen zur Täter-Opfer-Umkehr sogar beim Holocaust muss ich leider bestätigen: Während Antisemiten früher den Holocaust leugneten, gehen sie seit Jahren zunehmend dazu über, der angeblichen, jüdischen Weltverschwörung daran die Schuld zu geben!

      Hatte bereits früh auch im Verschwörungsfragen-Podcast genau davor gewarnt:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-9-adolf-hitler-als-rothschild-verschwoerer-der-libertaere-antisemitismus/

      Auch weiterhin gilt es, bei aller Freude über die Resilienz jüdischen Lebens den antisemitischen Verschwörungsmythen durch Leute wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann, Elon Musk, Hoss & Hopf sowie „Kollegah“ entgegen zu treten. Ich bleibe dran, versprochen! 🙏🙌👍

      • Ja, diese Erzählung, dass die Juden und Amerikaner Hitler benutzt haben, kam auch in diesem Gespräch. Dazu Hakennasen, die Protokolle der Weisen von Zion….

        • @Eckehard Erben

          Ein beliebter, argumentativer Trick heutiger Antisemiten besteht darin, zu beteuern, ihre Verschwörungsmythen richteten sich ja nicht gegen alle Jüdinnen und Juden. So hetzen Linksdualisten gerne gegen die vermeintliche Weltverschwörung von „Zionisten“, Rechtsdualisten wie Elon Musk und Viktor Orban gegen Liberale wie den Holocaust-Überlebenden George Soros.

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-42-antisemitismus-gegen-george-soros-die-ambivalenz-von-ki-kokons/

          Und hätte Mathias Döpfner gegenüber dem WJC und der Jüdischen Allgemeinen auch nur einen Funken Anstand zur Selbstkritik gefunden, dann hätte er sich mutig zu dieser Form des Antisemitismus geäußert, statt als neustolzer Deutscher doch wieder nur die eigene Republik zu schmähen und die einstigen Siegermächte Frankreich und Großbritannien über Antisemitismus zu belehren…

          Bei Tilman Knechtel richtet sich der verschwörungsmythologische Hass bereits gegen Chassidim und Chabad & auch bei Felix Blume aka „Kollegah“ heißt es im Hetzsong „Killuminati“ unter anderem:

          Komm ma‘ ran, Donald Trump, du kannst mir hier viel erzähl’n
          Aber mach mir nicht auf Boss, du Handpuppe Israels
          So rückgratlos, dass du bei ’nem Windzug kollabierst
          Was für 5D-Schach? Du hast die Impfung propagiert
          Schickst Soldaten in den Tod, machst dir die Hände dreckig
          Für ’ne verblendete, messianische Endzeitsekte
          Tze, ich werd‘ euch eure Taten vergelten
          Wenn der Adler wieder fliegt, kann euch auch Baal nicht mehr helfen
          Auf Wiederhör’n!

          https://genius.com/Felix-blume-killuminati-lyrics

          Im Musikvideo selbst tritt dabei Kollegah mit Seitenscheitel und Maschinenpistole zu einer letzten Rachefantasie, einer Erschießung, ins Bild.

          Behaupte niemand, all das habe doch niemand wahrnehmen können…

          Immerhin konnte ich heute zu einer aktuellen Meldung der Jüdischen Allgemeine posten:

          Wer im plumpen, jüdisch-muslimischen und israelisch-arabischen #Dualismus denkt, wird diese Nachricht nicht mögen:

          Während Benjamin #Netanjahu wegen eines internationalen Haftbefehls derzeit nicht die #EU besuchen kann, konnte er während des Krieges gegen das massen-mörderische Fossilregime des Iran dennoch heimlich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) besuchen.

          So komplex ist die reale Welt, Leute!

          https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116571752946167845

          Feindbilder geben dem Tag eine dualistische Struktur, Verschwörungsmythen reduzieren scheinbar die Komplexität der Wirklichkeit. Doch in Wirklichkeit führen sie zu einer verzerrten Weltwahrnehmung, zu falschen Entscheidungen und immer wieder auch in Abgründe.

          • Genau das kam auch. So retten sie sich ihren Trump. Das ist alles die Schuld vom Netanjahu.
            Dass das was 2 Minuten vorher kam, zu dem gerade Erzählten überhaupt nicht passt, spielt dann auch keine Rolle mehr.
            Und: sie verorten sich in der Mitte.
            Da ich auch die aus meiner Sicht guten Seiten der Kollegen achte und das auch regelmäßig ausspreche, kommt dann von der anderen Seite die Polarisierung. „Du willst doch nicht sagen, dass ich Antisemit bin.“
            Ich antworte: „Das habe ich nicht gesagt, ich habe gesagt, dass das was Du erzählst, antisemitisch ist.“
            Es ist schwierig und, wenn man parallel „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ liest, unerträglich….

          • Vielen herzlichen Dank & ja, @Eckehard Erben 🙏👍

            Dürfte ich heute auch einmal umgekehrt eine ehrlich interessierte Frage an Sie stellen?

            Sehr oft werde ich gefragt, was ich von den Umfrage-Erfolgen der AfD in Sachsen-Anhalt hielte.

            Auch deswegen denke ich derzeit intensiv über dieses MDR-Interview mit dem Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Universität Halle nach:

            https://www.youtube.com/watch?v=fDGg6mgOKQY

            Mich würde Ihre, gerne auch vertiefte, Einschätzung zu den dort vorgetragenen Beobachtungen und Thesen sehr interessieren! 🙌

          • Das wird bis Ende nächster Woche dauern. Ich habe bewusst nur 5 GB Datenvolumen und auch keinen Festnetzanschluss mehr. Ich kann nächste Woche mal ein W-Lan nutzen, im das Video anzuschauen.
            Ich bin, was Reaktionen angeht, nur in Ihrem Blog aktiv.
            Sonst außer SMS und Mail nix.
            Ich hatte mal eine Computerfirma und habe viel programmiert im Leben. Auch eines der ersten Computernetze mit generiert mit vom KGB geklauter Software von DEC.
            Ab ca. 2003 hatte ich das Gefühl, dass die Branche nun parasitär wird.

          • Vielen Dank, @Eckehard Erben – nehmen Sie sich gerne alle Zeit! Ich bin dann umso mehr auf Ihre Einschätzung gespannt.

            Inhaltlich erlebe ich einen Niedergang auch internationaler Computerkonzerne durch KI-Anwendungen. Und ich freue mich, dass immer mehr auch deutsche Behörden die Potentiale von FOSS und die Gefahren durch US-Anwendungen wie Palantir begreifen:

            Ähnliches soll das französische Programm leisten können: ChapsVision bietet eine entsprechende Datenanalyseplattform namens ArgonOS an, mit der ähnlich wie mit Palantir große Datenmengen schneller durchsucht werden können. Ebenfalls soll damit die Recherche in frei zugänglichen Internetquellen möglich sein (Osint).

            Die Software gehört dem französischen Techunternehmer Olivier Dellenbach. In Frankreich ist sie schon in mehreren Behörden im Einsatz, darunter auch im Inlandsgeheimdienst. Laut dem Bericht von WDR, NDR und SZ arbeitet Dellenbachs Unternehmen in Deutschland mit der Firma rola Security Solutions zusammen. Sie soll demnach bei Terrorismusbekämpfung und Gefahrenabwehr helfen.

            https://taz.de/Deutscher-Geheimdienst-setzt-zur-Terrorabwehr-auf-eine-Palantir-Alternative-aus-Frankreich/!6178800/

            Einfach wird das alles nicht und vor allem eine kritische Öffentlichkeit sowie eine funktionierende Gewaltenteilung benötigen. Aber auch genau deswegen sorge nicht nur ich mich wegen der kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt…

          • Was ist das, dass der DLF heute so den Flaggenmarsch in Jerusalem präsentiert? Wo bleibt die Information über die Situation in Berlin?
            Was meinen Sie dazu?

          • @Eckehard Erben

            Das überrascht mich nicht, zumal auch die Übergriffe israelischer Rechtsdualisten gegen Christen eskalieren und digitale Hetzer wie Benjamin Weinthal immer wieder auch deutsch-israelische Gesellschaften (DIGen) attackieren.

            Habe dagegen gestern ein YouTube-Short gedreht, das die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen mit mutigen Brückenbauern wie David Ben-Gurion (Israel) und Konrad Adenauer (Deutschland) würdigt:

            https://youtube.com/shorts/0OCTdF2UB1M

            Auch in den USA erstarkt übrigens der verschwörungsgläubige und anti-israelische (Ex-)MAGA – Flügel um Leute wie Tucker Carlson und Nick Fuentes. Auch hier zeigt sich: Rechtsmimesis funktioniert auf Dauer nicht, nie.

  3. Ich lese die Jüdische Allgemeine seit mindestens 20 Jahren Online. Ich bin damals eher zufällig bei einer Recherche darauf gestossen und hatte noch nie davon gehört. Es lohnt sich wirklich sehr mit dem Blickwinkel unserer jüdischen Mitbürger sein Weltbild zu erweitern! Auf weitere 80 Jahre…

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, @Dave Lister 🙏

      Ich begann die Jüdische Allgemeine als Jugendlicher während meines Engagements im Dialog der Religionen zu lesen – bis heute am liebsten auf Papier.

      Ich denke, auch dadurch hatte ich schon im Studium eine stärkere Wahrnehmung des heutigen Judentums und der Vielfalt jüdischen Lebens. Und dies hat wiederum meine Perspektive auch auf die anderen Weltreligionen wie Islam und Hinduismus, aber auch etwa auf die orthodoxen Kirchen verändert. Auch deswegen war es mir so wichtig, dazu einmal dankbar zu bloggen.

  4. Medien fallen unter Inflation – der Mensch bevorzugt leichte Kost, die seine Triebe befriedigt, und gratis ist ihm lieber als teuer. Und so verdient Qualitätsjournalismus weniger als McBullshit, der Gerüchteburger aus Zucker und Fett verkauft, deren Herstellung nix kostet, weil man die Fakten-Soße voneinander abschreiben kann. Presse muss essen. Was nicht gefüttert wird, stirbt. Was kaum gefüttert wird, leistet wenig. Was überfüttert wird, leistet zu wenig für seinen Lohn.

    Wie Evolution funktioniert, habe ich geschrieben: Das Leben setzt Mindest-Qualitätsstandards, der Mensch versucht, durch Versuch und Irrtum die faulste Art zu finden, sie gerade noch so zu erfüllen. Freier Wettbewerb führt zu Evolution in beide Richtungen – wir bauen Neues auf, um den Anforderungen gerecht zu werden, dann wetteifern wir darin, es mit möglichst wenig Ressourcen-, Kalorien- und Zeitverbrauch zu tun.

    [Wegen Überlänge und unangemessener Sprache gekürzt, M.B.]

    • Nun, @Paul S. – alle Evolution und also auch alles Leben findet im selben, linearen Zeitstrahl statt. Deswegen widerspricht sich der Satz: „Das Leben setzt Mindest-Qualitätsstandards, der Mensch versucht, durch Versuch und Irrtum die faulste Art zu finden, sie gerade noch so zu erfüllen.“

      Auch wir Menschen „sind“ Leben – und noch immer viele von uns bemühen sich, über „Mindest-Qualitätsstandards“ hinaus zu wachsen.

      So schrieb der geschätzte Freund Daniel Neumann aus Hessen in ebenjener „Jüdischen Allgemeinen“ vom 17.04.2026:

      Und dieses Israel, also Ergebnis und Hort des Zionismus, ist der einzige und einzigartige Ort auf diesem Planeten, der verschiedene Phänomene bündelt, die nicht nur das Überleben des jüdischen Staates sichern, sondern über die Zukunft unserer westlichen Zivilisation entscheiden werden. Die unsere westlichen Demokratien also unbedingt adaptieren sollten, wenn sie nicht sterben, sondern weiter existieren und florieren wollen.

      Erstens ist Israel fruchtbar. Nicht im landwirtschaftlichen Sinn. Sondern mit Blick auf die Geburtenrate. Und damit nimmt es eine absolute Sonderstellung im Vergleich zu den USA oder Europa ein. Die Geburtenrate in Israel liegt bei circa 3 Kindern pro Familie, während sonst kein einziges westliches Land die Reproduktionsrate von 2,1 erreicht, die eine stabile Bevölkerung versprechen würde. Von Bevölkerungswachstum ganz zu schweigen.

      Mit anderen Worten: In keinem einzigen westlichen Land außer Israel wächst die Bevölkerung. Schlimmer noch: Sie sinkt! Und das mitunter rasant. Nur Israel wächst und gedeiht. Und zwar nicht nur durch die religiöse jüdische Bevölkerung. Und nicht nur die muslimisch-arabische. Sondern auch durch säkulare!

      Warum? Weil man daran glaubt, dass die Kinder eine gute Zukunft haben werden. Weil man Zutrauen hat. Und Hoffnung! Die Hoffnung, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat, sondern überwunden werden kann.

      Zweitens: Israel ist bereit, für sein Überleben zu kämpfen. Bedingungslos.

      https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/zeit-zionist-zu-sein/

      Ich erwarte auch von Ihnen ja nicht, dass Sie allem zustimmen. Aber vor den eigenen Textfluten erst einmal mehr zu lesen – das möchte ich Ihnen doch empfehlen…

  5. Gelegentlich werfe ich einen Blick in die Online-Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

    Dass diese Zeitung bereits vor 80 Jahren neu gegründet wurde, betrachte ich als ein Wunder der Geschichte. Denn Antisemitismus hörte in Deutschland nicht mit dem Ende des 3. Reiches auf.

    So war bereits der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer mit der antisemitischen Schändung der Kölner Synagoge an Heiligabend 1959 konfrontiert.

    Die Allgemeinheit weiß vermutlich kaum etwas über Angriffe oder Drohungen gegen die Jüdische Allgemeine. Denn ich bin sicher, dass so etwas keine Seltenheit ist. Eine Schande nach allem, was vor allem zwischen 1933 und 1945 geschehen ist.

    In einem Ihrer Kommentare beziehen Sie sich auf Äußerungen von Herrn Döpfner. Ich kann Ihnen leider nicht zustimmen, wenn Sie davon ausgehen, dass die Macht des Axel-Springer-Verlags nachlässt. Dieser breitet sich nach wie vor durch Akquisitionen im Ausland aus.
    WELT und BILD sind zusätzlich als TV Sender und im Internet präsent. Die Podcasts „Politico Berlin Playbook“ und von „The Pioneer“ sind ua auf Youtube.

    Der CEO der Axel Springer SE ist übrigens Mitglied im Vorstand der Margot Friedländer Stiftung, was dem Wunsch der Stifterin entspricht.

    Der „Jüdischen Allgemeinen“ also einen herzlichen Glückwunsch und auf noch viele weitere Jahre.

    • Lieben Dank für den dialogischen Kommentar, @Marie H. 🙏

      Gleichwohl interpretieren Sie mich nicht richtig, wenn Sie schreiben, ich würde „davon ausgehen, dass die Macht des Axel-Springer-Verlags nachlässt“. Das war nicht meine These, sondern ich hatte auf den Verlust der demokratischen Glaubwürdigkeit auch von Matthias Döpfner nach dem AfD-Wahlaufruf mit Elon Musk verwiesen. Ich war ja selbst schon vor Jahren in der WELT & zuletzt auch via NIUS angegriffen worden – was hier in Süddeutschland inzwischen eher als Auszeichnung gilt.

      Ob es den verbleibenden Demokratinnen und Demokraten noch gelingt, gegen die fossile Rechtsmimesis wieder ein vielfältiges und funktionierendes Mediensystem aufzubauen, wird sich zeigen. Ich blogge, poste, pod- und videocaste bewusst im Fediversum genau dafür.

      • Danke für die Erklärung.

        Ich bin keine Medien-Expertin, betrachte aber den stabilen politischen Einfluss des Axel-Springer-Verlags mit Sorge.

        Uns allen kann ich nur den Erfolg Ihres vielseitigen Engagements auf dem Blog etc wünschen.

        Sie schreiben:

        „Ich kann daher nur allen Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften immer wieder dringend empfehlen, es wie der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der „Jüdischen Allgemeinen“ erfolgreich vormacht: Vielfältig schreiben statt sich online be-schreiben zu lassen.“

        Das ist mir etwas zu pauschal: „allen“. Es gibt schließlich auch Religions- oder Glaubensgemeinschaften, die sich zwar als solche bezeichnen, aber eigentlich finanzstarke Konzerne sind.

        „Inhaltlich erlebe ich einen Niedergang auch internationaler Computerkonzerne durch KI-Anwendungen.“

        Des einen Freud, des andern Leid. Es mag egoistisch klingen, aber für mich ist das nur sehr eingeschränkt eine gute Nachricht. Für die Betriebsrentner/innen internationaler Computerkonzerne hört sich das wenig hoffnungsvoll an.

        Keine Kritik. Sie sind „nur“ der Überbringer der Botschaft.

  6. Hallo @Michael,

    mal wieder ein zeitlich versetzter Kommentar aus aktuellem Anlass.

    Ich bin gerade mehr als irritiert von dem Interview mit Ben Berndt in der „Jüdischen Allgemeinen“.

    Wenn man das so liest, könnte man denken: „Jo, der Höcke ist doch eigentlich ein ganz netter Typ, warum mögen manche Leute ihn nicht?“ und „Warum nicht AFD? Finden doch so viele toll“. So naiv wie Ben Berndt sich im Interview gibt, denke ich: Wie geschichtsvergessen kann man nur sein!

    Und mit Elon Musk will er am liebsten auch noch sprechen (der arme, EM, hat ja sonst kein Podium … bitte verzeihe mir den Sarkasmus an dieser Stelle).

    Im Interview wird dann auch nur sehr behutsam kritisch nachgefragt.
    Das ist m.E. Normalisierung wie aus dem Bilderbuch. In der „Jüdischen Allgemeinen“!

    Ich lese sonst immer gern in der „Jüdischen Allgemeinen“. Aber heute hatte ich keine Freude daran.

    Aber ich musste das an dieser Stelle und heute mal loswerden.

    • Vielen Dank, lieber Peter

      Ich habe das Interview nun auch gelesen und bin ebenfalls bedrückt. Zwar wird deutlich, wo Ben Berndt politisch steht – aber ansonsten wirkt das Geplauder wie eine Kapitulation vor der medialen Rechtsmimesis.

      Nichts zur historischen Verantwortung, zu Demokratie und Menschenwürde, zu den schlimmen und oft gezielten Entgleisungen Höckes.

      Ich kann mich nicht erinnern, dass wir für unseren seit Jahren aufklärenden und erfolgreichen Podcast „Verschwörungsfragen“ jemals so eine Bühne bekommen hätten.

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