Religion im Ohr – Udo Tworuschka’s Plädoyer für die Religionswissenschaft des Hörens

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Die Religionswissenschaft entstand während des 19. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung der westlichen Welt mit der Evolutionsgeschichte einerseits und vor allem den Schriften nichtchristlicher Religionen andererseits. Es war einfach nicht länger zu leugnen, dass es vor und neben der christlichen Theologie und Erfahrungswelt andere, eigenständige Religionsgeschichte(n) gab, die es kennen zu lernen und zu erforschen galt.

Freilich brachte diese bis heute nachwirkende Konzentration auf religiöse Schriften auch eine Verengung des Blickfeldes mit sich – vor allem, nachdem insbesondere die deutschsprachige Religionswissenschaft ihre evolutionsgeschichtlichen Wurzeln weitgehend verlor. Langsam erst öffnet sich die Perspektive wieder – und dazu trägt Prof. Udo Tworuschka nun auch mit einem lesenswerten Plädoyer für eine „akustisch-auditive Religionsphänomenologie“ bei: Einer Religionswissenschaft des Hörens.

 

Tworuschkas Ausgangspunkt ist dabei eine Schilderung des evangelischen Theologen und Religionsphänomenologen Rudolf Otto (1869 – 1937), der sein später ausgearbeitetes Konzept des „Heiligen“ und „Numinosen“ einem Hörerlebnis zuschrieb. So berichtete er vom Besuch einer alten Synagoge in Marokko:

„Es ist Sabbat, und schon im dunkeln, unbegreiflich schmutzigen Hausflur hören wir das ‘Bemschen’ der Gebete und Schriftverlesungen, jenes halbsingende halbsprechende nasale Cantillieren, das die Synagoge an die Kirche wie an die Moschee vererbt hat. Der Klang ist wohllautend und bald unterscheidet man bestimmte regelmäßige Modulationen und Tonfälle, die wie Leitmotive sich abwechseln und folgen. Die Worte zu trennen und zu fassen bemüht sich das Ohr zunächst vergeblich und will die Mühe schon aufgeben, da plötzlich löst sich die Stimmenverwirrung und – ein feierlicher Schreck fährt durch die Glieder – einheitlich, klar und unmissverständlich hebt es an:

 

Kadosch Kadosch Kadosch Elohim Adonai Zebaoth

Male’u haschamajim wahaarez kebodo!

 

Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter, und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale des Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabensten Worte, die je von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer des Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft“.

 

Verschiedenste Arbeiten von Kultur-, Musik- aber auch ersten entsprechend forschenden Religionswissenschaftlern aufgreifend schlägt Tworuschka vor, dieses Hören in seinen Wechselwirkungen mit den Umgebungen forschend in den Blick zu nehmen. Dabei setzt er gerade nicht voraus, dass es ein eigenständiges „religiöses Hören“ gebe, sondern das Höreindrücke religiös gedeutet, normiert, geprägt werden:

„Klangliches religiöses Handeln ist ein symbolhaftes Geschehen: Ob Menschen beten, Bekenntnisse sprechen, Lieder singen, kultisch oder ethisch handeln – immer lässt sich solches Tun im Sinne Gustav Menschings als „antwortendes Handeln“ auf eine „Begegnung mit heiliger Wirklichkeit“ begreifen, ist „Aneignung des Heiligen und des Heils durch den Menschen als raum-zeitliches Ereignis“. […]Religiös-klangliches Handeln, ob verbal oder non-verbal, greift durchweg auf die üblichen Klänge zurück, bedient sich der üblicherweise zur Verfügung stehenden Klangerzeuger, um daraus religiös geprägte Symbole zu formen.“

So kann Tworuschka bereits empirische Studien benennen, nach denen katholische und evangelische Kirchen der Schweiz tatsächlich akustisch so unterschiedlich gestaltet wurden, dass sie unterschiedliche Nachhallzeiten erreichten.

Empirisches Fundament durch Evolutionsforschung

Aus meiner Sicht besonders erfreulich und wegweisend ist dabei, dass Tworuschka nicht in die Falle läuft, beispielsweise eine empirisch nicht einholbare „absolute Musik“ oder „Sphärenharmonie“ zu konstruieren, sondern abschließend dafür plädiert, im Austausch mit der Evolutionsforschung Entstehung, Wirkung und Funktion von Musik & Hören in den Blick zu nehmen:

„Wie eine 2008 in einer Höhle der Schwäbischen Alb gefundene gut erhaltene steinzeitliche Flöte (Alter: ca. 35000 Jahre) nahe legt, hat bereits der Steinzeitmensch musiziert – Jahrtausende, bevor er den Ackerbau erfand. Singen konnte er vermutlich „bereits einige zigtausend Jahre früher, da sein Kehlkopf und Vokaltrakt sich schon damals kaum von den Organen heutiger Artgenossen unterscheiden“. Musik scheint „ein naturgegebener, offenbar weitgehend angeborener, kulturübergreifender Bestandteil des menschlichen Verhaltensrepertoires als Modus menschlicher Kommunikation“ zu sein. Die Wirkung von Klangereignissen zeigt sich darin, dass Menschen „nicht nur rhythmisch-melodische, sondern auch emotionale Geschlossenheit [erleben], die sich wiederum nach außen mitteilt“. Die Leistung ist als „Verhaltensanpassung des Menschen zu begreifen, als Repertoire kommunikativer Strategien, um bestimmte Probleme zu lösen: Bindungen herzustellen, Vertrauen bilden, Kooperation verbessern, Aggression kontrollieren.“

Per Klick zum Volltext:

Udo Tworuschka (2012): „Einige Überlegungen zur akustisch-auditiven Religionsphänomenologie“

Und ein Beispiel zum Schauen und Hören…

Um jetzt nicht aber selbst wiederum nur per Schrift zu argumentieren, habe ich mir überlegt, die Möglichkeiten eines Blogs zu nutzen und ein kleines, vielleicht überraschendes Hörerlebnis einzustellen. Nach „Gerardus van der Leeuw ist der „heilige Raum“ eine „Stätte“, die aus der „großen Ausgedehntheit der Welt […] herausgenommen“ ist. Die Stätte offenbart Macht oder Mächte, sie ist oft geheimnisvoll gelegen und ihr „schaudervoller Charakter“ wird aus der Umgebung hervorgehoben.“

Da wir auf dem Blog gerade Weltraumwoche und Debatten um die Faszinationen des Sternenhimmels haben, fiel mir dazu spontan diese Übertragung von Apollo 8 während der Umrundung des Mondes ein…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

5 Kommentare

  1. versteh ich nicht

    “So kann Tworuschka bereits empirische Studien benennen, nach denen katholische und evangelische Kirchen der Schweiz tatsächlich akustisch so unterschiedlich gestaltet wurden, dass sie unterschiedliche Nachhallzeiten erreichten.”

    das Wasser in der Schweiz soll auch abwärts fliessen… echt jetzt!

    oder was sollen diese Studien genau aussagen?

  2. Musik als höchste Offenbarung

    Was meinte wohl Ludwig van Beethoven mit dem Satz, Musik sei “höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie”? Vielleicht, dass das “Heilige” durch Worte und Begriffe nie so stark vermittelt werden kann wie durch Töne, Klänge und Melodien? Schön, dass Religionswissenschaft solche künstlerischen Aspekte (Ton, Aura, Atmosphäre, Stimmung) jetzt auch mit einbezieht, auch die Klangräume von Stille, Natur, Landschaft etc. Dadurch wird Wissenschaft endlich etwas sinnlicher und findet Anschluss an Erfahrungen, die auch nicht religiös sozialisierte Menschen kennen. Der Kultstatus des Didgeridoo bei neopaganen und naturreligiösen Gruppen, der CD-Verkaufserfolg von Gregorianischen Gesängen und die heilsame Wirkung von Stille in Meditationsgruppen zeigen z.B., wie verbreitet die akustische Erfahrung des “Heiligen” auch ausserhalb von Kirchen, Synagogen und Moscheen sein kann.

  3. schwacher Punkt

    “… nach denen katholische und evangelische Kirchen der Schweiz tatsächlich akustisch so unterschiedlich gestaltet wurden, dass sie unterschiedliche Nachhallzeiten erreichten.”
    Ob da nicht andere Faktoren viel massgeblicher sind? Ich denke etwa an die hohen Kosten für Baugrund,Steine und Arbeitskraft, die von evangelischer und katholischer Seite vermutlich unterschiedlich gewichtet werden. Wie will man diese Einflüsse trennen? Der verlinkte Artikel hat viel interessanteres zu bieten!

  4. @Thomas & @HF & Rüdiger

    Thomas, da waren Sie schneller als ich. 🙂 Ja, Tworuschka hat die Studie selbstverständlich verlinkt.

    @HF Klar – alles menschliche Handeln ist mehrdimensional. Deswegen wird es für gesicherte Aussagen auch mehrere Studien brauchen, die z.B. Akustik bei Neu- und Umbauten, Äußerungen von Auftraggebern und Architekten, Erfahrungen von Predigern und Gottesdienstbesucherinnen etc. abgleichen. Wenn das schon alles ausgeforscht wäre, hätte Tworuschka ja nicht dazu aufrufen müssen…

    @Rüdiger

    Guter Punkt, danke! Du hast m.E. völlig Recht: Bestimmte Instrumente und Klangteppiche evozieren gerade auch postmodernen Menschen geradezu religiöse Räume und Erfahrungen – bis in die sonst konsumistischen Fußgängerzonen hinein.

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