Persönlicher Jahresrückblick 2018 – Antisemitismus, Friedensnobelpreis, (Religions-)Freiheit & Fliege

Was war das wieder für ein Jahr!

Gestern Abend hatte ich noch eine Veranstaltung zum Antisemitismus bei der Abendakademie Mannheim und als ich nach Mitternacht daheim ins Bett sank, war die innere Batterie leer und hatte auch schon die Stimme versagt. Ich schlief erschöpft, traumlos, dankbar…

Als mich im Januar die Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg bei Ministerpräsident Kretschmann für das Amt des Beauftragten der Landesregierung vorschlugen, begann ich zu ahnen, dass auch 2018 kein “ruhiges Jahr” werden würden. Nach einem positiven Entscheid des MP und des Ministerrates und einem starken, unterstützenden Antrag “Antisemitismus entschlossen bekämpfen” von Grünen, CDU, SPD und FDP im Landtag (bei Enthaltung AfD) trat ich im März als bundesweit erster Antisemitismusbeauftragter das neue Amt an – und wurde vom ersten Tag an mit Einladungen und Anschreiben geradezu geflutet!

Gemeinsam mit meinem überaus engagierten Team gelang es, im ersten Dreivierteljahr fast 100 Termine und vor allem öffentliche Veranstaltungen zum Thema zu absolvieren – vor allem in Baden-Württemberg, aber auch in Berlin und Schleswig-Holstein. Oft ging ich zeitlich und zuletzt auch körperlich bis an die Grenzen, aber das hohe Interesse motiviert mich nach wie vor.

Meine Antrittsrede an der Hochschule für jüdische Studien & der Universität Heidelberg, 25.04.2018

Inhaltlich konnte ich dabei von Anfang an davon zehren, dass ich bereits viel zu Verschwörungsmythen und Antisemitismus geforscht, vorgetragen und publiziert und Ende letzten Jahres (2017) auch ein Buchprojekt dazu bei Patmos aufgesetzt hatte. Wegen der starken, beruflichen Belastungen konnte ich es nur über die Sommerferien schreiben – und meine Familie diesmal nicht in den Urlaub begleiten – und hoffe, es nun in den Weihnachtsferien vollenden zu können. Idealerweise wird es ab Frühjahr 2019 erhältlich sein.

Die Verlagsankündigung zu “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht”, Patmos, Frühjahr 2019. Foto: Michael Blume

Deutsche Islamkonferenz (DIK)

Andere Aufgaben lagen aber neben der Bekämpfung des #Antisemitismus nicht brach – beispielsweise war ich zur Deutschen Islamkonferenz (DIK) eingeladen und erlebte, innermuslimischen Konflikte um Leibwächter, Blutwurst, Facebook und manchmal sogar Inhalte mit. Unter anderem freute ich mich über das persönliche Kennenlernen von Aladin El-Mafaalani, dessen “Integrationsparadox” ich für den bildungsbürgerlichen Weihnachtsbaum sehr empfehle!

Da aber sonst zur DIK bereits so viel geschrieben wurde, habe ich uns einen eigenen Rückblick erst einmal erspart…

Friedensnobelpreis für Nadia Murad & Denis Mukwege

Die Nachricht, dass die frisch verlobte Nadia Murad den Friedensnobelpreis 2018 erhalten würde, traf auch mein Team und mich unvorbereitet. Wieder gab es viel zu tun, doch kam ich schließlich zu der unerwarteten Ehre, gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten, zwei Kolleginnen, Amal Clooney & Team und insbesondere fünf weiteren, überlebenden Frauen des IS-Genozids aus dem Sonderkontingent Gast bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo sowie beim anschließenden Bankett der norwegischen Königsfamilie zu sein.

Credit: Dr. Michael Blume Nadia Murad und Dr. Denis Mukwege erhalten den Friedensnobelpreis 2018, Oslo

Nadias bemerkenswerte Nobelpreisrede mit englischen Untertiteln ließ auch mich nicht unberührt…

Wechsel zur Fliege

Mit Krawatte hatte ich mich schon zu Zeiten meiner Banklehre nicht wirklich wohl gefühlt – und diesmal meinte meine liebe Frau Zehra, mit 42 Jahren dürfte ich den Schritt tun. Und so trug ich in Oslo zum ersten Mal seit meiner Hochzeit eine Fliege.

Vorgestern schloss sich damit auch ein Kreis: Bei meinem letzten, öffentlich relevanten Termin im Staatsministerium 2018 zur Einsetzung “meines” Expertenrates Antisemitismus mit 18 großartigen Leuten trug ich keine Krawatte mehr…

Einsetzung des Expertenrates Antisemitismus Baden-Württemberg am 17.12.2018.
Foto: Tweet Michael Blume / Staatsministerium Baden-Württemberg

Bloggen konnte ich dieses Jahr nahezu wöchentlich und bin immer noch begeistert und dankbar für die vielen Zugriffe und auch interessanten Kommentare! Auch in 2019 möchte ich weiterbloggen und dabei nicht nur lehren, sondern auch weiterlernen.

Als “roten Faden” im endenden Jahr nehme ich die Arbeit für Religionsfreiheit wahr – den Einsatz für eine Welt, in der Menschen ohne Angst jüdisch, yezidisch, christlich, islamisch, buddhistisch, aber eben auch agnostisch, atheistisch, humanistisch, nichtreligiös sein können. Obwohl ich die Bedrängungen und auch Verfolgungen von Ex-Muslimen weltweit in “Islam in der Krise” ausführlich thematisiert habe, sehe ich dazu noch wenig Fortschritte. Dazu möchte ich in 2019 noch mehr tun.

Und damit schließe ich also für dieses Jahr und wünsche Euch allen von Herzen frohe Weihnachten oder einfach gesegnete Feiertage und einen guten Rosch ins neue Jahr!

Statt irgendwelcher eigener Worte gebe ich Euch gerne die “Botschaft an die (noch nicht geborenen) Enkelkinder” von Alexander Gerst aus der Raumstation ISS mit, die den philosophischen #OverviewEffect (deutsch: #Übersichtseffekt) auf Terra wunderbar zum Ausdruck bringt! Wieviel schöner wäre eine Welt mit weniger Waffen und Krieg und dafür mehr Bildung, Forschung und Raumfahrt!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Blume,
    jeder Mensch kann etwas bewegen, wenn er davon überzeugt ist.
    Ein gesegnetes Weihnachtsfest und neuen “Drive” für 2019 !

    • Vielen Dank, lieber @Christ!

      Ja, ich freue mich schon sehr auf 2019 und möchte bis dahin noch das Buch fertigstellen sowie Zeit mit der Familie und für Besinnung.

      Und dann darf 2019 wieder gerne kommen! 🤗👍

      Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!

  2. Nadia Murads bewegende Rede über das Schicksal der Yesiden hat letzlich einen gemeinsamen Hintergrund mit scheinbar ganz anderen Dingen wie dem Antisemitismus. Greueltaten, Hass, Gewalt und Verschwörungstheorien geschehen nicht einfach so, sondern sie werden befeuert von demagogischen Ideengebäuden, die die Gewalt der Täter für die Täter scheinbar rechtfertigt und die auch Anhänger und neue Täter schafft.
    Eine friedlichere Welt ist also eine Welt in der demagogische Irrlehren als solche erkannt werden und wo immer weniger Menschen sich davon verführen lassen. Wenn sie Michel Blume dazu beitragen eine solche Welt zu schaffen, tun sie etwas wirklich Sinnvolles.

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