Pascal Boyer im Workshop Evolution der Religionen, Frankfurt

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als Pascal Boyers “Der Mensch schuf Gott” nach dem französischen Original 2004 auch in Englisch (“Religion explained”) und Deutsch erschien ging ein Rauschen durch den Blätterwald und ein neuer Schub durch die Evolutionsforschung zur Religiosität. Boyer hatte, verwurzelt in französisch-laizistischer Tradition, die “mentalen Rezepte” beschrieben, nach denen das einzelne, menschliche Gehirn mythologische Erzählungen konstruiere und übernehme. Gestützt durch die Kombination von Befunden anderer Disziplinen und origineller, dem Leser nachvollziehbarer Textexperimente zeigte er auf, dass religiöse Mythen keinesfalls durch “Verschwörungen” entstanden, sondern durch die natürliche Aktivität menschlicher Gehirne gebildet wurden.

Beiprodukt-Theorie – gestern und heute

Pascal BoyerIn sozialer und biologischer Hinsicht beschrieb Boyer Religionen als “neutrales” Beiprodukt ohne besondere Wirkung. Als Hauptredner der mehrwöchigen Templeton Research Lectures und eines Workshops gestern aber verblüffte Boyer gerade auch seine treuen Fans und Leser (zu denen ich mich zähle). Denn inzwischen in den USA forschend und lehrend und dort mit einigen wegweisenden Evolution-Religionsforschern wie Richard Sosis arbeitend – hatte er seine Thesen längst merklich weiterentwickelt.

Zur individuellen Mythologie traten nun “Gilden”, also die religiösen Institutionen, wenn ihnen Boyer auch weiter keine (biologisch) wirksame Rolle zuerkennt und einen allzu scharfen Kontrast zwischen Laien und Klerikern zieht. Religion(en) bildeten sich nach Boyer nun aus “einem Bündel von Fähigkeiten”, auch “Module” genannt – ein Ansatz, den in Deutschland z.B. bereits Eckart Voland und Caspar Söling gegangen waren. Und für die menschliche Frühgeschichte schloss er auch eine Adaptivität “einzelner Aspekte” nicht mehr aus, wohl aber für die institutionalisierten Religionen der Neuzeit.

Von Religion, Reproduktion und (m)einem Blackout

An dieser Stelle hatten die Organisatoren, Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt und Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Achtner, (auch) meinen Part – den Nachweis des reproduktiven Erfolgs heutiger Religionsgemeinschaften – vorgesehen. Und Boyer – lächelte zur entstehenden Debatte, wie wir sie ja auch in den Wissenslogs schon mehrfach hatten. Und kam in der Pause direkt auf mich zu: “So you are Michael Blume.” Er und Sosis hätten die Thesen und Daten schon mit großem Interesse gelesen und diskutiert – ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert sei? Abgesehen davon, dass sich mein Beitrag zu diesem “Gespräch” wesentlich auf eine ungläubig heruntergeklappte Kinnlade, ein “Äääh” (oder so) und ein “Of course!” beschränkt hat – es war der Moment, ab dem ich endgültig sicher war, dass trotz aller vorherigen Warnungen die Wissenschaftskommunikation über Blogs und Homepage die richtige Entscheidung gewesen war. Es ist ja noch nicht mal das erste Buch erschienen und auch erst ein internationaler Artikel im Druck – ohne das Netz hätte dieser thematische Kontakt über Forschungsdisziplinen und Kontinente so nicht entstehen können! Leute, lasst Euch von keinem mehr einreden, Wissenschaftsbloggen sei für die Katz! Es ist eine Chance, gerade auch für jüngere Forscher (wenn man keine Angst vor berechtigter wie auch fieser Kritik hat)!

Niels Gregersen – ein christlicher Darwinismus

Aber weg von meinem überrascht-peinlichen Stammeln und zurück zum Hauptgeschehen. Beeindruckend waren die Beiträge des dänischen, systematischen Theologen Niels Gregersen, der im Workshop als Boyer-Kontrahent antrat. Wer vermutet (bzw. gewöhnt ist), dass sich Theologen im Hinblick auf Evolutionsforscher in Antinaturalismus oder defensive Begriffsklauberei verschanzen würden, kennt Prof. Gräb-Schmidt und Dr. Achtner (Gießen) – sowie Niels Gregersen nicht! Seine Kritik an Boyer war präzise, konstruktiv und nahm die Prämissen der Naturwissenschaften ernst (was ihm prompt typisch deutsche Kritik eintrug, er solle sich auf den “Reduktionismus” von Biologen doch gar nicht einlassen). Gregersens Antwort darauf: “Ich bin ein christlicher Darwinist!” Tja, Dänen dürfen so was! 🙂

Und Pascal Boyer? Lauschte. Diskutierte. Und nahm einzelne “Treffer” Gregersens aus dem Workshop direkt in den Abendvortrag. Offen gesagt hat mich das am meisten beeindruckt: Boyer bleibt nicht stehen, seine Thesen sind in Bewegung, im Austausch mit Sosis, Irons, Bering und anderen. Da hat einer nicht nur einen Hit gelandet, sondern sich auch die geistige Beweglichkeit bewahrt, noch viel mehr zu erreichen. Tres admirable, un modele – da wird noch einiges kommen!

Ausblick: Das Netzwerken

Unvergessen aber auch die Begegnungen mit weiteren, hoch interessanten Leuten, die von ganz unterschiedlichen Perspektiven am Thema arbeiten: Der Religionspädagoge Hans-Ferdinand Angel, der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel (Leseprobe “Warum wir glauben müssen”), die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn (empfehlenswert! “Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit”), ein die Blogs begleitender Pfarrer, die Mitblogger Edgar Dahl und Ingo Bading – die Liste hoch interessanter Gesprächs- und (ggf.) Kooperationspartner ließe sich fortsetzen. Und wieder einmal wurde deutlich, dass es der entstehenden deutschsprachigen Forscherszene zur Evolution der Religiosität eigentlich nur noch an einer Vernetzung und intensiven Austauschmöglichkeiten fehlt, die vor allem aus den USA heraus bereits intensiv betrieben wird. Noch wird zuviel im je eigenen Saft geschmort, gibt es in Deutschland daher noch immer ein Übergewicht normativer Diskussionen und “Es könnte doch sein…”-Thesen, wird zu wenig auf harte, empirische Daten, ethnologische Vergleiche und archäologische Befunde gesetzt. Aber fest steht: die deutsche Forschungslandschaft ist zu diesem Thema inzwischen in Bewegung. Und die Bloggerszene und Ihr Interesse (auch in den Wissenslogs) haben m.E. wichtigen Anteil daran!

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie.
Weitere Texte zum Workshop “Evolution der Religionen”:

Hans-Ferdinand Angel: Beten im Tomographen

Helmut Wicht: Esel mit heißen Hufeisen auf dünnem Eis

Ingo Bading: “Bedenke das Ende!” – Ist Religion die treibende Kraft der Evolution?

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

14 Kommentare

  1. Oh Mann…

    …es gibt sie doch: die immer noch verrücktere Theorie…

    Was ich bei dieser “Green-Beard”-Theorie so verblüffend finde, ist, dass sie auf einer Computersimulation beruht – statt auf der Beobachtung realen Verhaltens!

    Danke für den fröhlichen Hinweis, Lars!
    🙂

  2. Es könnte doch sein

    “Es könnte doch sein” – ich dachte bisher, dass man vor einer wissenschaftlichen Untersuchung oder auch vor einer Bewertung von wissenschaftlichen Untersuchungen sich generell diese Frage stellen sollte, was vielleicht dem Ergebnis der jeweiligen Untersuchung im Wege stehen könnte. “Harte Fakten” ohne kritische Bewertung???

  3. Herkunft von Religionen

    Also meine These zur Herkunft von Religionen kommt mit der Aussage von Boyer nicht in Konflikt. Ich betrachte Religionen nicht nur als Erlösungsreligionen. Ich denke, Religionen können auch einfach nur deshalb entstehen, weil Menschen sich irgendwas nicht erklären können und eben als Erklärung einen Gott einsetzen. Ebenso ist es für mich denkbar, dass es Religionen geben könnte, die mal irgendjemand erfunden hat, um zielgerichtet Menschen auszunutzen.
    Nun bin ich aber gespannt, wie Pascal Boyer diese speziellen Religionen beschrieben hat.

  4. Könnte es sein? Religion als Spiel …
    … als Spiel des Lebens?
    Vermutungen “Es könnte doch sein” sind als heuristische Fragen sicher sinnvoll – wenn sie denn an Fakten überprüft werden können und sollen. Aber es ist nicht so gut, wenn Thesen einfach so ins Blaue hinein aufgestellt werden; und man sieht ihnen schon auf Entfernung ein erkenntisleitendes Interesse an, das sich von Tatsachen nicht beeindrucken lassen will. Das kritisiert Michael Blume, zu Recht.
    Dazu dürfte z.B. die These einer bewussten und hinterhältigen Erfindung von Religion gehören. Religionswissenschaftlich wird sie nirgendwo mehr ernsthaft erörtert. Aber in Diskussionen kommt sie dennoch so leichtfüßig daher. In einem andern Thread hat Michael schon eines der wichtigsten Argumente dagegen gebracht: dann hätten, weil Religion mit adaptiven Vorteilen verknüpft ist, die Betrüger das zur Religion überredete Volk zu dessen eigenem Vorteil betrogen. Man kann sich auch schwer vorstellen, wie in relativ egalitären Jäger-Sammler-Gruppen der vorgeschichtlichen Zeit solche betrügerische Hinterhältigkeit nachhaltig wirksam werden, sich durchsetzen könnte.
    Das schließt allerdings nicht aus, dass später, in geschichteten Gesellschaften, sich bestimmte Lügen auch religiös etablieren und zur gezielten Unterdrückung eingesetzt werden können. Und schließt übrigens auch nicht aus, dass in Religionen der Protest gegen solche Hinterhältigkeit sehr deutlich artikuliert wird. Steht z.B. einiges dazu in der Bibel.

    Wie wäre es? Folgendes Denkmodell – “könnte doch sein”:
    Religion ist mit Spiel zu vergleichen. Spiel hat niemand erfunden. Spiel gibt es auch außerhalb des menschlichen Bereichs, insbesondere bei höheren Säugern; aber doch wohl auch bei Vögeln. Hat also biologische Wurzeln, wie die Religion.
    Manche spielen besser, manche nicht so gut. Das trägt dann zu entsprechender Selektion bei. Es ist nicht auszuschließen, dass es auch Falschspieler gibt, Täuschungsmanöver. Aber es ist nicht so gut, von solchen Beobachtungen her das Spielen insgesamt zu definieren und abzuqualifizieren.

    Mein Vorschlag: Religion relativ wertneutral als “Spiel des Lebens” zu definieren: als Versuch, die Spielregeln des Lebens zu entdecken, auszutesten – gemeinsame Regeln, Leitbilder… zu entwickeln und darzustellen. Insgesamt: Das Leben (miteinander) gestalten, besprechen, feiern und auch beklagen.
    So, und das gelingt manchmal gut und manchmal nicht so gut. Es gibt sicher verschiedene Wege; und auch kriminell schlechte. Aber man sollte aufmerksam wahrnehmen, wo überall Beiträge zum gelingenden Lebensspiel gefunden und aufgegriffen werden können. Was sich in den Religionen seit etwa 100 000 Jahren entwickelt und durchgehalten hat, ist nicht die schlechteste Fundgrube.

    Damit möchte ich auch der These gegensteuern, die meint, Religionen seien als Versuche zur Erklärung merkwürdiger Vorkommnisse und Zusammenhänge zu verstehen. Das kommt alles auch mal mit hinein. Aber so hoch ist der theoretische Anspruch der Religionen zunächst (!) nicht. Da hat Pascal Boyer einiges zu Recht betont: Es gibt Religionen ohne Erklärungsversuche zu Weltentstehung oder Jenseits.
    Von mir aus, ohne Boyer gesagt: Ontologische Aussagen sind gewissermaßen auf einer sekundären Ebene entstanden, nachdem es Religionen schon Jahrtausende gegeben hat. Wenn heute eben über solche Aussagen gestritten wird oder man sich an solchen Fragen die Zähne ausbeißt: Gibt es oder gibt es nicht, z.B. Gott… Jenseits… unsterbliche Seele…? (Und wenn man a la Pascalscher Wette daran die Seligkeit knüpft) — ja , dann hat man u.U. schon die eigentlichen Fragestellungen im Spiel des Lebens verfehlt. Ist ein bisschen so wie wenn Tanzschritte von Walking-Experten begutachtet werden; oder eine Hochzeitskutsche abgelehnt wird, weil der Transport auf einem Unimog effektiver organisiert werden kann; oder Picassos Malereien von einem Gerichtsmediziner als nicht verwertbar ausgeschieden werden.

    Kurz und gut: Man sollte, auch wenn dieser Fehler innerhalb der Religion selbst zu oft passiert, Religion nicht auf Aufgaben festnageln, für die sie nicht geeignet ist, also als Ersatz-Physik…Biologie…, als Welterklärung. Sondern ihr als “Spiel des Lebens” ihr eigenes Recht und ihre eigene Würde (wieder zukommen) lassen.

    Daran möchte ich weiter denken.
    Basty

  5. @ Beate: Es könnte doch sein…

    Liebe Beate,

    Du hast selbstverständlich Recht: Wissenschaft besteht aus dem Wechselspiel von Beobachtungen, Hypothesenbildung und dem Testen dieser Hypothesen.

    Aber gerade bei dem Thema “Religion(en)” scheinen sich sehr viele Menschen zu Beobachtungen und Hypothesen berufen zu fühlen – nicht aber dazu, diese dann auch “harten” Tests zu unterziehen. Und nur dann kann man doch sehen, was es gebracht hat. Sonst bleibt es Kaffeeklatsch, nett – aber keine Wissenschaft.

  6. @Michael:

    Das ist natürlich richtig. Sollte denn dieser Blog auch dafür da sein, dass man Vorschläge machen kann bzw. zusammen überlegt, was eine Studie zu einem bestimmten Thema alles enthalten sollte, um auch wirklich harte Fakten zu liefern?

    Ich hätte zum Thema Glück und Religiosität z.B. den Vorschlag, die Menschen neben anderen Dingen auch danach zu befragen, ob sie Angst vor Gottes Strafen haben und wie groß diese Angst ist. Entweder enthielten die zitierten Studien diesen Aspekt nicht oder er ist eben hier nicht zur Sprache gekommen …

    (Mein Beitrag von gestern 00:34 Uhr war eigentlich eine Antwort zum neuen Thema von Edgar Dahl. Vielleicht läßt sich das ja verschieben?)

  7. @ Beate: Gute Frage!

    Liebe Beate,

    Du fragtest: “Sollte denn dieser Blog auch dafür da sein, dass man Vorschläge machen kann bzw. zusammen überlegt, was eine Studie zu einem bestimmten Thema alles enthalten sollte, um auch wirklich harte Fakten zu liefern?”

    Ja, absolut! Sehr viele Thesen (z.B. die von Basty angesprochene Priesterbetrugshypothese oder die These, die Religiosität sei als Antwort auf Todesängste evolviert) lassen sich sehr schnell widerlegen, andere sind noch zu testen und zu diskutieren und wo Befunde vorliegen, lassen sich diese durch Hinweise vertiefen. Genau auf diese Weise entsteht ein wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt!

    Klar ist das schmerzhaft, jeder hängt schließlich an seinen Thesen und Meinungen. Aber Edgars neuer Beitrag, in dem er reflektiert, wie ihm liebe Thesen widerlegt wurden, ist ein m.E. sehr gutes Beispiel dafür, dass durch die Bereitschaft zur Aufgabe falsifizierter (d.h. widerlegter) Thesen neue Erkenntnischancen entstehen.

  8. Green Beard …

    Soweit ich mich erinnere stammt die Green Beard-Hypothese ursprünglich von Rushton.

    Es gibt aber auch schon Arbeiten, die behaupten, ein “Green Beard”-Gen bei AMEISEN entdeckt zu haben.

  9. @ Beate: Religionsthesen

    Zitat “Ich denke, Religionen können auch einfach nur deshalb entstehen, weil Menschen sich irgendwas nicht erklären können und eben als Erklärung einen Gott einsetzen. Ebenso ist es für mich denkbar, dass es Religionen geben könnte, die mal irgendjemand erfunden hat, um zielgerichtet Menschen auszunutzen.”

    Was ich daran sehr gut finde ist, dass Du nicht mehr eine monokausale Religionsform und -ursache im Blick hast, sondern verschiedene Möglichkeiten. Und, ja, (auch) die von Dir genannten Fälle traten und treten sicher auf bzw. spielen in der Formation von Religionen eine wichtige Rolle. Und dann halten sich über Generationen hinweg nur jene, die (auch) reproduktiv erfolgreich sind.

  10. Der Boyer HAT etwas zu sagen!

    Michael,

    ich habe ja den Boyer noch ein drittes mal in Gießen gehört. Und erst dort gingen mir so manche Lichter auf.

    Vor allem begann es mir zu dämmern, daß ich den bislang doch immer noch unterschätzt hatte. Denn: Immerhin LEGT er eine zusammenhängendere Theorie vor und irgendwo muß man ja anfangen.

    Ich glaube, es käme darauf an, einmal gründlich die Potentiale und Grenzen seines Denkens über Religion herauszuarbeiten.

    Zum Beispiel der Gedanke, daß Weltreligionen, die alle Menschen als gleich betrachten, einen “ewigen Kampf” führen gegen die Tatsache, daß Menschen – schon unterbewußt – andere Menschen kategorisieren und unterscheiden, dabei auch bewerten, sie also nicht alle als “gleich” betrachten, schon dieser Gedanke zeigt mir, daß in seinem Ansatz doch recht viel Potential drin steckt.

    Er läßt sich nämlich tatsächlich auf vieles übertragen und erweitern.

    Liegt es an der Vortragsweise von Boyer, an der englischen Sprache oder woran, daß man sich erst alles noch einmal neu für sich selbst zurecht legen muß, bis man merkt: Hey, der Kerl HAT tatsächlich etwas zu sagen.

    NATÜRLICH gibt es an und in Religionen Elemente, die sicherlich nur “Nebenprodukt” der Evolution sind. Andererseits – und das hat Boyer vielleicht noch nicht genügend klar herausgearbeitet – gibt es viele Hinweise darauf, daß Religiosität an sich eben NICHT nur “Nebenprodukt” der Evolution sein kann.

    Auch will ich mir noch einmal anschauen, wie gut es ihm gelingt, alle “Module” auseinanderzuhalten. Wenn der Mensch angeborene Ontologien hat, dann KANN ich einfach nicht glauben, daß diese völlig getrennt von andere menschlichen Eigenschaften (Moral, Rituale etc.) evoluiert sind.

    Überhaupt ist die “Schweizer Messer”-Psychologie der Evolutionären Psychologen vielleicht auch nicht mehr der “letzte Schrei”, nachdem die Humangenetik immer mehr die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Genen und Phänotypen aufdeckt.

    Uns präsentiert sich das Weltall und die Welt (ebenso wie die eigene Psyche) als EINHEIT. Wir nehmen ein Konitnuum wahr. Und schon diese einheitliche Wahrnehmung, dieses Kontinuum ist für mich ein Hinweis auf eine angeborene Ontologie, die auch aller Religiosität zugrunde liegen muß, nämlich daß man praktisch allem und jedem, was man kennt (Welt, Menschen, Fetisch, Ritualen, Gedanken, Phantasien etc. pp.) auch göttliche, heilige, “übermenschliche” Bedeutung zusprechen kann.

    Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mir seine Veröffentlichungen noch einmal erneut sehr gründlich anzusehen und dabei das Weiterführende von dem weniger Weiterführenden genauer zu trennen.

    Erst wenn Boyer derartiges erreicht bei Leuten in Deutschland, kann sich sein Besuch hier ja gelohnt haben … 😉

    Es wäre doch Käse, wenn alle sagen würden: Schön, daß wir mal drüber gesprochen haben …

  11. @ Ingo: Boyers bleibende Verdienste

    Lieber Ingo,

    ja, auch m.E. ist Boyer ein sehr, sehr interessanter Forscher, der eine frische Perspektive in die Evolutionsforschung der Religiosität eingeführt hat.

    Zitat: “Zum Beispiel der Gedanke, daß Weltreligionen, die alle Menschen als gleich betrachten, einen “ewigen Kampf” führen gegen die Tatsache, daß Menschen – schon unterbewußt – andere Menschen kategorisieren und unterscheiden, dabei auch bewerten, sie also nicht alle als “gleich” betrachten, schon dieser Gedanke zeigt mir, daß in seinem Ansatz doch recht viel Potential drin steckt.”

    Ja, wobei dieser Gedanke schon explizit bei Hayek thematisiert wird. Der Mensch sei auf kleine Sozialverbände evolviert und erst Tradition(en) und Religion(en) erlaubten ihm auch das Leben in “erweiterten Ordnungen” (also komplexen Sozialverbänden). Unseren inneren Widerstreit gegen die “kalten” Regeln großer Sozialverbände nannte Hayek “Atavismen”. Hier gibt es also eine starke Konvergenz zwischen den Denkern!

    Zitat: “NATÜRLICH gibt es an und in Religionen Elemente, die sicherlich nur “Nebenprodukt” der Evolution sind. Andererseits – und das hat Boyer vielleicht noch nicht genügend klar herausgearbeitet – gibt es viele Hinweise darauf, daß Religiosität an sich eben NICHT nur “Nebenprodukt” der Evolution sein kann.”

    Meine Haltung dazu kennst Du: Ich gehe klassisch vom Nacheinander von einem Bündel von Epiphänomenen und deren Exaptation zur (adaptiven) Religiosität aus. Zu Boyer passt das wunderbar, ja.

    Zitat “Auch will ich mir noch einmal anschauen, wie gut es ihm gelingt, alle “Module” auseinanderzuhalten. Wenn der Mensch angeborene Ontologien hat, dann KANN ich einfach nicht glauben, daß diese völlig getrennt von andere menschlichen Eigenschaften (Moral, Rituale etc.) evoluiert sind.”

    Sei nicht enttäuscht, aber Boyer hat diesen Aspekt aus guten Gründen nicht mehr extra thematisiert. So anregend sein Religion explained auch war, enthielt es z.B. noch kaum etwas zu rituellem Verhalten. Mein Eindruck ist, dass Boyer dazu noch Neues schreiben wird.

    Zitat: “Überhaupt ist die “Schweizer Messer”-Psychologie der Evolutionären Psychologen vielleicht auch nicht mehr der “letzte Schrei”, nachdem die Humangenetik immer mehr die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Genen und Phänotypen aufdeckt.”

    Genau. Siehe oben.

    Zitat: “Uns präsentiert sich das Weltall und die Welt (ebenso wie die eigene Psyche) als EINHEIT. Wir nehmen ein Konitnuum wahr. Und schon diese einheitliche Wahrnehmung, dieses Kontinuum ist für mich ein Hinweis auf eine angeborene Ontologie, die auch aller Religiosität zugrunde liegen muß, nämlich daß man praktisch allem und jedem, was man kennt (Welt, Menschen, Fetisch, Ritualen, Gedanken, Phantasien etc. pp.) auch göttliche, heilige, “übermenschliche” Bedeutung zusprechen kann.”

    Hmmm… Ich glaube, für Dich dürfte Teilhard de Chardin sehr interessant sein, vor allem die Auswahl, die Günther Schiwy getroffen hat. Schau mal rein, das geht recht genau in die Richtung, in die Du (empirisch und religiös) tastest.

    Zitat “Es wäre doch Käse, wenn alle sagen würden: Schön, daß wir mal drüber gesprochen haben …”

    Ja, ich denke auch, dass Boyers Arbeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind. Gerade, weil er sehr lernoffen und un-arrogant geblieben ist, glaube ich, dass wir von ihm noch viel erwarten dürfen!

  12. Liebe – nur ein

    Ich habe eine sehr schöne kleine Schrift (60 Seiten) des Schweizer Biologen Adolf Portmann, den ich sehr schätze, über Teilhard de Chardin, in der er ihm sehr wohlwollend begegnet, zugleich aber auch die Punkte aufzeigt, wo er als Naturwissenschaftler nicht mehr mit ihm mitgehen kann. (“Der Pfeil des Humanen – Über T. d. Ch.”)

    Einige Auszüge: “T.d. Ch. ist überzeugt, daß im Weltstoff eine verborgene kosmische Macht am Werke ist, die immer das Kompliziertere begünstigt und deren Ziel die Entstehung von Gestalten mit gesteigerter Innerlichkeit ist.” (S. 26)

    “Die Vorstellung eines solchen lenkenden und bevorzugenden Prinzips hat sich ihm aufgedrängt, wie er selbst sagt, weil es gilt, die ganze Grösse der Lebenstatsachen für unsere wissenschaftliche Sicht zu retten – zu retten, das ist sein eigenes Wort.” (S. 41)

    “T.d.C. ist von der geistigen Überlegenheit des Christentums überzeugt – ein ungeheures Problem.” (S. 57)

    Portmann spricht auch von: “… die gespenstische Schau einer determinierten Evolution, eines zwangsläufigen Geschehens” (S. 60).

    Conway Morris bspw. ist ja viel zurückhaltender in den Deutungen. Er gibt ja gar keine “großartigen” Hypothesen, sondern führt über hunderte von Seiten immer nur wieder Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen an.

    *****

    Übrigens, dieses Zitat:
    “Ich gehe klassisch vom Nacheinander von einem Bündel von Epiphänomenen und deren Exaptation zur (adaptiven) Religiosität aus.”
    solltest Du noch einmal irgendwann erläutern.

    Ist denn die Beziehung zum Artgenossen und zur Gruppe insgesamt – die Liebe, das “belonging” – wirklich nur ein “Epiphänomen”, aus der heraus dann das “Phänomen”, nämlich die Religiosität des Menschen evolvierte? Der Gedanke stammt ja unter anderem von der amerikanischen Primatologin Barbara King und passt auch gut zu Robin Dunbar und insgesamt zur “Social Brain”-Hypothese.

    So viele Zugeständnisse bin ich gar nicht bereit zu machen. In meinem Leben ist Liebe nicht nur ein “Epiphänomen” …

  13. @ Ingo: Ganz klar…

    …Teilhard de Chardin war beides – Naturwissenschaftler und Theologe – und natürlich ist zu unterscheiden, in welcher Rolle er je schreibt (wissenschaftlich beschreibt oder theologisch deutet).

    Mir ist aber aufgefallen, dass viele Deiner normativen Überlegungen gut zu ihm passen dürften – ich kann mir vorstellen, dass ihn zu lesen Dir Freude machen könnte.

    In Sachen empirische Forschung halten wir beide uns ja lieber an rezentere Wissenschaftler! 😉

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