Papst Franziskus – Wenn Petrus auf Jakobus den Gerechten schaut

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Nachdem ich auf Facebook erwähnt hatte, dass ich auf die Lektüre von “Evangelii Gaudium”, des ersten Apostolischen Schreibens des neuen Papstes Franziskus gespannt sei, kam die gleich mehrfache Bitte herein, darüber doch einen Blogpost zu verfassen. Und da mir die Rückmeldungen und Wünsche von Leserinnen und Lesern wichtig sind – hier ist sie!

Papst mit revolutionärem Potential

Kurz geschrieben halte ich den Ansatz dieses Papstes nicht nur für interessant, sondern für buchstäblich “revolutionär” – und zwar im ganz ursprünglichen Wortsinne von lat. revolutio = Umwälzen, Zurückdrehen. Jene, die bei Franziskus nur ein bisschen weniger Traditionalismus, etwas Kapitalismuskritik und interessante Wortschöpfungen wie das der “verbeulten Kirche” entdeckt haben, haben m.E. noch eine tiefere, biblische Dimension übersehen. Denn hier wendet sich der Inhaber des “Petrusamtes” (auf diesen Apostelvorstand beruft sich das Papsttum) einer fast vergessenen Lesart des Christentums zu: Jakobus dem Gerechten.

FranziskusApostolischesSchreiben

Sollten Sie jetzt fragend die Stirn runzeln, sind Sie in bester Gesellschaft: Kaum eine Führungsfigur der entstehenden Kirche wurde in den katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirchen (bislang) so wenig rezipiert wie Jakobus, ein Bruder des Jesus (traditionell auch “Herrenbruder” genannt). (Auch mir wurde seine Bedeutung eigentlich erst bei den Arbeiten zu den Haredim, den ultraorthodoxen Juden, bewusst, denen Jakobus seinerzeit nahe stand.)

Denn während sich Petrus und Paulus nach dem Tod Jesu daran machten, die jüdische Sekte durch die Mission von “Heidenchristen” zu einer aufstrebenden Weltreligion zu erweitern, stand Jakobus – als Leiter der hebräischsprachigen “Urgemeinde” in Jerusalem – für das “Judenchristentum”. Er entstammte ja nicht nur der gleichen Familie wie Jesus – was darauf verwies, dass Maria und Joseph als frommes, jüdisches Paar eben auch kinderreich gewesen waren – sondern hielt wie dieser auch Fülle der jüdischen Gebote ein. Vor allem aber wandte er sich entschieden dem Dienst an den Armen zu und prangerte Korruption auch im Umfeld des damaligen Tempels an. Als ihn ein sadduzäischer Hohepriester daraufhin in einem Schauprozess anklagen ließ, protestierten auch die Pharisäer (Perushim = die sich Absondernden) für ihn, konnten aber seine Verurteilung und Hinrichtung nicht verhindern. Jakobus galt als gerecht nicht nur unter den frühen (Juden-)Christen, sondern auch unter jenen frommen Juden in Jerusalem, die Jesus nicht als Messias anerkannt und die Kunde von seiner Auferstehung nicht angenommen hatten.

Jakobus_der_Gerechte
Christlich-orthodoxe Ikone des Jakobus. Credit: Wikimedia Commons

Mit dem Tod des Jakobus um 62 n. Chr. riss sozusagen das letzte, starke Band zwischen Juden- und Christentum: Die meisten Mitglieder der Urgemeinde verließen nun Jerusalem, das bald darauf mitsamt dem Tempel von den römischen Truppen zerstört wurde. Juden- und Christentum entwickelten sich fortan zu je eigenständigen Religionen weiter, die es erst seit dem 20. Jahrhundert wieder allgemeiner wagen, die gemeinsamen Wurzeln zu erkunden.

Lange noch blieb Jakobus der Gerechte unter den frühen Christen überaus populär, so dass die entstehenden Kirchenhierarchien den “Brief des Jakobus” in den biblischen Kanon aufnehmen mussten. Doch aufgrund seiner Radikalität gerade auch gegen Dogmen- und Ritenfrömmigkeit wird der Jakobusbrief bis heute ungern aufgegriffen; auch Martin Luther versuchte ihn klein zu schreiben und vermerkte: “Ich erachte ihn für keines Apostels Schrift.”

Denn dieser Jakobus wandte sich scharf gegen Reichtum und das Streben nach Herrschaft, aber auch gegen eine “Rechtfertigung nur aus Glauben”, wie sie Luther später lehren würde. Stattdessen heißt es in Jakobus 2, 24 & 26:

“Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. […] Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke.”

Papst Franziskus…

…zitiert diesen so lange vernachlässigten Jakobus ausführlich und nicht nur häufiger als Petrus; er lässt auch diesen dem Jakobus recht geben. So schreibt er in EG 193, 194:

Der Apostel Jakobus lehrt, dass die Barmherzigkeit den anderen gegenüber uns erlaubt, siegreich aus dem göttlichen Gericht hervorzugehen: » Redet und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht « (2,12-13). In diesem Text erweist Jakobus sich als Erbe des größten Reichtums der nachexilischen jüdischen Spiritualität, die der Barmherzigkeit einen speziellen Heilswert zuschrieb: » Lösch deine Sünden aus durch rechtes Tun, tilge deine Vergehen, indem du Erbarmen hast mit den Armen. Dann mag dein Glück vielleicht von Dauer sein « (Dan 4,24). Aus derselben Perspektive spricht die Weisheitsliteratur vom Almosen als einer konkreten Übung der Barmherzigkeit gegenüber den Notleidenden: » Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde « (Tob 12,9). In noch plastischerer Weise wird das im Buch Jesus Sirach ausgedrückt: » Wie Wasser loderndes Feuer löscht, so sühnt Mildtätigkeit Sünde « (3,30). Zum gleichen Schluss kommt auch das Neue Testament: » Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander; denn die Liebe deckt viele Sünden zu « (1 Petr 4,8). Diese Wahrheit drang tief in das Denken der Kirchenväter ein und leistete als kulturelle Alternative einen prophetischen Widerstand gegen den hedonistischen heidnischen Individualismus. Wir erwähnen nur ein Beispiel: » Wie wir in der Gefahr eines Brandes eilen, um Löschwasser zu suchen […] so ist es auch, wenn aus unserem Stroh die Flamme der Sünde aufsteigen würde und wir darüber verstört wären: Wird uns dann die Gelegenheit zu einem Werk der Barmherzigkeit gegeben, freuen wir uns über dieses Werk, als sei es eine Quelle, die uns angeboten wird, damit wir den Brand löschen können. «

Das ist eine so klare, so direkte, so einfache und viel sagende Botschaft, dass keine kirchliche Hermeneutik das Recht hat, sie zu relativieren. Die Reflexion der Kirche über diese Texte dürfte deren ermahnende Bedeutung nicht verdunkeln oder schwächen, sondern vielmehr helfen, sie sich mutig und eifrig zu Eigen zu machen. Warum komplizieren, was so einfach ist?

Nein, dieser Papst will offensichtlich nicht nur einige kosmetische Korrekturen an seiner Kirche vornehmen, sondern er greift auf eine frühe und lange fast vergessene Variante des Kircheseins zurück. Kein Wunder also auch, dass ihm der Dialog mit dem Judentum besonders am Herzen liegt, dass er islamische Lehren der Barmherzigkeit betont – und dass er im Mai das Heilige Land besuchen und mit Juden, Christen und Muslimen zusammenkommen möchte. Habe ich schon erwähnt, dass der katholische Heiligenkalender am 3. Mai des Jakobus gedenkt?

Papst Franziskus

An der Kirchenspitze weniger Petrus, mehr Jakobus der Gerechte? Kann das gehen? Papst Franziskus. Credit: Wikimedia Commons

Fazit

Evangelii Gaudium umschreibt ein Reformprogramm, das bis an die Wurzeln des Christentums zurück greift und nicht mehr die rechten Rituale oder den rechten Glauben, sondern die gerechte Tat (v.a. für die Armen) an die Spitze stellt. Ob es überhaupt gelingen kann, eine Weltkirche so tiefgreifend zu reformieren?

Wer weiß. Aber wenn Sie wirklich wissen wollen, wie “revolutionär” dieser Franziskus denkt, brauchen Sie nicht den ganzen Lehrbrief “Evangelii Gaudium” lesen. Schlagen Sie in der Bibel einfach den fast versteckten “Brief des Jakobus” auf – und staunen Sie mit…

Nachtrag: Wie ich soeben feststellen durfte, war dies der 400te Blogpost auf “Natur des Glaubens”. Na, dann darf ich ihn auch Papst Franziskus und allen katholischen Freundinnen und Freunden widmen.

🙂

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

33 Kommentare

  1. Jakobus ist übrigens der einzige neben Jesus im Umkreis der Urchristen welcher auch von einer nichtbiblischen Quelle erwähnt wird nämlich Josephus.

    Wenn wir schon bei den Katholiken sind da gilt er ja “nur” als Vetter oder Halbbruder von Jesus (damit man die Jungfräuligkeit Marias auch nach Jesus retten kann). Wobei ich Bruder sowohl väter wie mütterlicherseits für die wahrscheinlichere Variante finde.

    • Wenn wir schon bei den Katholiken sind da gilt er ja “nur” als Vetter oder Halbbruder von Jesus (damit man die Jungfräuligkeit Marias auch nach Jesus retten kann). Wobei ich Bruder sowohl väter wie mütterlicherseits für die wahrscheinlichere Variante finde.

      Interessant. Hab mich damit zwar noch nicht so genau auseinander gesetzt, aber ich denke auch, dass es nach der Geburt von Jesus mit der Jungfräulichkeit Mariens vorbei war. In jedem Fall im biologischen Sinne. Die Sache mit dem Halbbruder könnte man deshalb annehmen, weil der biologische Vater des Jakobus halt Josef war, während es bei Jesus keinen biologischen Vater gibt. Aber wie gesagt, genaues weis ich da auch nicht.

      Aber es ist allemal Interessant dass der neue Papst anscheinend doch so einiges mehr in Bewegung zu setzen scheint als beispielsweise Johannes XXIII. dem wir das Zweite Vatikanische Konzil zu verdanken haben, was ja auch schon einiges in Bewegung gesetzt hat.

      • So ist die Lehre der katholischen und anderer Kirche. Für mich ist relativ klar Jesus und Jakobus haben den gleichen biologoischen Vater und das ist Joseph. Nun ist die Frage ob Jakobus möglicherweise ein Halbbruder ist wie im um das Jahr 150 entstandenen Jakobus Evangelium (was nicht in der Bibel drin ist) geschildert und es die Frühchristen.

        Was die Familie von Jesus angeht ist eine Rekonstruktion der genauen Verwandschaft sehr schwierig denn die Namen wiederholen sich andauernd und sind nicht klar zuzuordnen.

        • In ökumenischen (Kon-)Texten räumen längst auch katholische Theologinnen und Theologen ein, dass die (gerade auch biblischen) Befunde für eine Bruderschaft des Jakobus sprechen. Und es ist ja umso faszinierender, dass Franziskus sich auf dieses knifflige Feld begibt – was m.E. tatsächlich am Besten damit erklärt werden kann, dass ihm der Brief des Jakobus viel bedeutet. Man beachte auch, wie er über Jakobus die direkte Linie zum Judentum schlägt – so schreibt niemand, der sich nur oberflächlich mit dem Mann auseinander gesetzt hat…

          • Ich vermute auch, dass es wegen der sich wiederholenden Namen schwierig sein dürfte Jakobus in ein Verwandtschaftsverhältnis einzuordnen.
            http://de.wikipedia.org/wiki/Jakobus,_Sohn_des_Alph%C3%A4us

            Mancherorts wird auch die Authentizität des Jakobusbriefes angezweifelt. “Zum einen schreibt der Autor ein gutes Griechisch und besitzt eine gewisse rhetorische Bildung, was bei Jakobus nicht unbedingt zu erwarten ist. Zum anderen – und dieser Grund ist gewichtiger – setzt der Brief eine Gemeindesituation voraus, die in die Zeit nach dem Tod des Jakobus im Jahr 62 weist. Da der Briefschreiber einem weisheitlich geprägten Judenchristentum zuzurechnen ist, hat er bewusst an die Autorität des Jakobus angeknüpft, denn dieser genoss vor allem im Judenchristentum hohes Ansehen.”
            Von hier:
            http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/katholische-briefe/jakobusbrief/

          • Ja, @Mona – diese religionsgeschichtlichen Debatten haben wir natürlich zu allen biblischen Texten bis zurück zu den “Büchern Moses”. Freut mich sehr, dass der Blogpost Dich anspornt, in die Thematiken einzutauchen!

            Und da Du Wikipedia anführtest, hier aus dem Beitrag zu Jakobus dem Gerechten:
            “Die Entscheidung, ob mit „Brüdern“ leibliche Brüder oder nahe Verwandte gemeint sind, wurde in der Exegese lange diskutiert. Die traditionelle katholische (und orthodoxe) Exegese verwies auf die doppelte Bedeutung des aramäischen bzw. griechischen Ursprungswortes sowie auf die in Mk 15,40.47 ELB; Mk 16,1 ELB genannte Maria, die definitiv nicht die Mutter Jesu war und deren in Mk 15,40 ELB genannte Söhne Jakobus und Joses mit den zwei ersten „Brüdern“ aus Mk 6,3 ELB im Namen übereinstimmen. Daher sah sie in den Herrenbrüdern entweder Stiefbrüder aus einer früheren Ehe Josefs oder Vettern Jesu.

            Der Großteil der Forschung ist mittlerweile bereit, in Jakobus einen leiblichen Bruder Jesu zu sehen. Daher ist der Herrenbruder wohl weder mit Jakobus, dem Sohn des Alphäus, (auch Jakobus der Jüngere genannt) noch mit Jakobus dem Kleinen, der in den Evangelien nur dem Namen nach erwähnt wird, identisch.”
            http://de.wikipedia.org/wiki/Jakobus_der_Gerechte

            Finde nur ich das spannend? 😉

      • Grenzgängerin@ Hans

        nun ja, das zweite Vatikanische Konzil, das Johannes XXIII. gestemmt hat, war eine ganze Menge. Das ist selbst heute noch nicht bis in alle Winkel vorgedrungen. Die Umsetzung guter Pläne und Vorsätze ist ja immer und allüberall der eigentliche Knackpunkt. Der Faktor Mensch wird oft nicht genügend berücksichtigt.

        Eine Chemiestudentin hat mir mal einen Satz/Regel, aus der Chemie genannt, der auch hier sehr treffend ist und entprechend in meinen kleinen Grauen hängen geblieben ist:
        sinngemäß: Bei komplexen chemischen Reaktionen bestimmt der langsamste Teilschritt das Tempo des Gesamten. 🙂

        Ich antworte hier auch auf deine anderen Posts, weil Michael die Kommentarmöglichkeit im anderen Blog deaktiviert hat. 😐

        “Sehr interessant. Haben Sie das hier in den SciLogs oder anderswo schon mal näher dargelegt? Ein link dahin würde mir schon genügen.”

        Nein, das nicht, aber jetzt können Sie bei diesem Link mit mir persönlich per Kontaktformular oder öffentlich per Kommentar Kontakt aufnehmen. Es ist ein Anfang des angekündigten Blogs, der aber insgesamt noch im Aufbau begriffen ist. (das “öffentlich” ist deshalb noch eingeschränkt, d.h. kein Suchmaschinenzugriff, eben erst mal nur für Scilogsleser).

        Ob Sie das dort angelegte erste Thema zu Geist und Materie unter dem Titel:” ein evolutionsbedingter Irrtum?” in Anbindung an einen Scilogskommentar von Ludwig Trepl interessiert, weiß ich nicht. Aber schauen Sie halt mal.

        “ist es vielleicht möglich, dass Sie mir diese Ausführungen bzw. Annahmen dahin gehend kommentieren, wo ich richtig und wo ich daneben liege? – Und wenn es geht, was Ihnen sonst noch dazu einfällt.

        “was mir sonst noch dazu einfällt”, ist in Michaels Blog leider auch nicht mehr möglich, weil ich nun mal nicht zur selben Zeit da er diskutieren kann, Zeit habe, zu reagieren. Wäre schon besser, er würde den Blog für Nachzügler offen halten und nicht mitten drin abschneiden. Aber er wird wohl einen berechtigten Grund haben. Inhaltlich wäre das ohnehin zu viel geworden. Ist besser demnächst auf meinem Blog.

        “Danke für die Antwort. Das ist ‘ne Menge Stoff zum nachdenken, da brauch ich ‘ne Weile für, bis ich dazu was schreibe. (..)Feststellen kann ich aber auf jeden Fall schon mal, das ich das sehr interessant finde, was Sie zu sagen haben.”

        Das können Sie auch dort machen.

        “Nun ja, das finde ich hier auf den SciLogs eigentlich noch recht angenehm,….. “

        Ja klar, ich auch, deshalb schreibe ich ja hier. Die Diskussionen haben auch Niveau. Aber in dem besagten Punkt, also dass mancher in Sachen christlicher Glaube eigentlich nicht mitreden könnte, fehlt es dennoch bei einigen.

  2. Lieber Michael,
    es mag ja sein, dass das Lehrschreiben den Jakobus-Brief mehrfach zitiert, aber definitiv geht es dem Papst nicht um eine Renaissance des Herrenbruders Jakobus, sondern um Barmherzigkeit oder die “Option für die Armen”. Das ganze Schreiben ist eine ziemlich massive Aufforderung und eine starke Motivation zur Evangelisierung, d.h. zur Verkündigung der Botschaft Jesu; jede kirchliche Struktur und Praxis hat sich an diesem Maßstab zu orientieren.

    Mich spricht das Schreiben sehr an, weil für mich universale Geschwisterlichkeit die Summe des Christentums und der Inbegriff der Nachfolge und Nachahmung Jesu ist – aber mir ist sehr bewusst, dass Nichtchristen (an die sich dieser Text auch gar nicht richtet) von der Lektüre sehr irritiert sein könnten, weil hier Missionierung extrem betont wird und es doch wohl längst nicht jede/r so sieht, dass uns erst der Glaube (an Wahrheit) zu unserem wahren Selbst befreit (statt von uns selbst entfremdet).

    • Lieber Christian,

      klar, gerade Jakobus der Gerechte stand ja für diese “Option für die Armen” bzw. ein “Evangelium der Tat”, das in der kirchlich-menschlichen Realität oft unter die Räder kam (und kommt).

      Insofern kann ich nicht sehen, dass Papst Franziskus irgendwen schonen würde: Seine Worte gegenüber kirchlichen Strukturen, Theologen, Bürokraten und Traditionalisten sind deutlich bis schroff und auch andere Religionen packt er bei allem Respekt nicht in Watte. Gerade auch in obigem Zitat kritisiert er ja auch “den hedonistischen heidnischen Individualismus” – und damit doch eher aktuelle, gesellschaftliche Trends als Außenseiterpositionen. Hinzu kommt seine Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem er sich zwar nicht – wie einige US-Evangelikale verkündeten – zum Sozialismus bekennt, aber klar bekundet, dass auch eine allzu zügellose Marktwirtschaft “töten” kann.

      Man kann (und wird) sicher auch diesem Papst vieles vorwerfen. Aber einen profillosen Kuschelkurs wohl eher nicht…

      • Hinzu kommt seine Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem er sich zwar nicht – wie einige US-Evangelikale verkündeten – zum Sozialismus bekennt, aber klar bekundet, dass auch eine allzu zügellose Marktwirtschaft “töten” kann.

        Papst Franziskus stellt sich hier übrigens in die Tradition von Papst Johannes Paul II. – der vor ca. 30 Jahren eine bemerkenswerte Wutrede (das einstmals auf Youtube verfügbare Video konnte leider nicht mehr gefunden werden) gegen den Imperialismus vom Stapel ließ:
        -> http://www.nytimes.com/1984/09/18/world/the-pope-condemns-imperialistic-monopoly.html

        MFG
        Dr. W

  3. “Ob es überhaupt gelingen kann, eine Weltkirche so tiefgreifend zu reformieren?”

    Die Frage wäre eher, ob Papst Franziskus das überhaupt will, denn wenn man ihn nicht nur an Worten, sondern an Taten misst, dann lässt sich da kaum was erkennen. Er setzt doch die konservative Politik seines Vorgängers unbeirrt fort. Viele Katholiken waren beispielsweise zutiefst entsetzt, dass er den umstrittenen Hardliner Bischof Müller, der seit 2012 auch Präfekt der Glaubenskongregation in Rom ist, nun zum Kardinal ernannte.
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-papst-ernennt-bischof-mueller-zum-kardinal-1.1860997

    Der Auftritt eines Kirchenreformers in den USA wurde hingegen blockiert:
    http://derstandard.at/1371170697890/Papst-Berater-verbietet-Kirchenreformer-Schueller-Auftritt-in-Boston

    Man sollte auch nicht vergessen, dass Papst Franziskus kurz nach seiner Ernennung den “gläubigen Katholiken und christlichen Wahrheitsfanatiker” (Wikipedia) Léon Bloy zitierte: “Wer nicht zu Gott betet, betet zum Teufel!” Das klingt mir nicht nach Erneuerung!
    http://www.vatican.va/holy_father/francesco/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130314_omelia-cardinali_ge.html

      • Jeder Papst hat das Recht, Kardinäle nach eigenem Ermessen zu ernennen. Ich habe auch nie bestritten, dass Papst Franziskus einige Umgestaltungen in der Kirche vornehmen möchte. Meines Erachtens sind diese jedoch keineswegs “”ziemlich “revolutionär”” (im üblichen Wortsinn), sondern bestenfalls “programmatisch”, im Sinne von dienlich, zu nennen. Eine wirkliche Abweichung vom Kurs kann und wird es in der römisch-katholischen Kirche nicht geben, weil diese sich in einer kontinuierlichen Glaubenstradition sieht, die überall auf der Welt gültig ist und die durch das kirchliche Lehramt garantiert wird. Im Sinne Deiner “revolutio” kann der Papst zwar einiges “Umwälzen”, jedoch nichts “Zurückdrehen”, denn in der katholischen Kirche bevorzugt man klassisches Latein. 🙂

  4. Na ja, wenn jemand die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften als “anthropologischen Rückschritt” bezeichnet, nennen wir ihn dann einen mutigen Reformer oder gar Revolutionär? Oder folgt er in mit seinen den Ohren schmeichelnden Tönen nicht vielmehr dem alten Jesuiten-Grundsatz: Fortiter in re, suaviter in modo!

    Die Methodik ist doch allzu leicht durchschaubar 😉

  5. ein Reformprogramm, das bis an die Wurzeln des Christentums zurück greift und nicht mehr die rechten Rituale oder den rechten Glauben, sondern die gerechte Tat (v.a. für die Armen) an die Spitze stellt. Ob es überhaupt gelingen kann, eine Weltkirche so tiefgreifend zu reformieren?

    Äh, ich dachte eben dies unterscheidet die Katholiken von den Protestanten: Sie setzen auf Werkgerechtigkeit, während Luther allein auf den Glauben baute. Was soll also so revolutionär daran sein?

    • @Emil Gerstenroth

      Das “Revolutionäre” besteht darin, was Franziskus als “Werke” definiert – nämlich den Dienst an den Armen. Insofern steht er Luthers Kritik beispielsweise am Ablaßhandel für den Petersdom sogar nahe!

      Sowohl an jene, die sich allein durch einen intellektualisierten Glauben meinen retten zu können wie auch gegen in Rituale eingeschlossene Traditionalisten wendet er sich scharf:

      http://www.vatican.va/holy_father/francesco/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium_ge.html#Nein_zur_spirituellen_Weltlichkeit

      “Diese Weltlichkeit kann besonders aus zwei zutiefst miteinander verbundenen Quellen gespeist werden. Die eine ist die Faszination des Gnostizismus, eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt. Die andere ist der selbstbezogene und prometheische Neu-Pelagianismus derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind. Es ist eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht. In beiden Fällen existiert weder für Jesus Christus noch für die Menschen ein wirkliches Interesse.”

      Zugespitzt formuliert: Laut diesem (sich dabei auf Jakobus berufenden) Papst könnten Sie oder ich der gelehrteste und dogmentreueste Theologe oder auch der lebenslang alle Sakramante achtende und Rituale praktizierende Frömmste sein; solange sich unser Christsein nicht auch im konkreten Dienst für Ärmere ausdrücken würde, ist es nicht “echt”, sondern “weltlich”.

      Und das ist – wenn es denn nicht gezielt ignoriert wird – schon “revolutionär”…

    • Unumstritten ist in allen christlichen Denominationen die Liebe Frucht des Glaubens – allerdings ist sie damit auch das Erkennungszeichen dieses Glaubens (“An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen”). Der Glaube selbst – und damit letztlich auch die Liebe – verdanken sich der Gnade; das sucht man sich nicht einfach aus, das widerfährt einem.

      • @Christian Danke für das Bekenntnis! Womit wir dann interessanterweise auch wieder direkt bei der Frage der Willensfreiheit wären! Manche meinen ja, Ihr Theologen hättet sie uns mit den Debatten um Erlösung und Gnade, menschlicher Freiheit und Prädestination überhaupt erst eingebrockt! Was meinst Du?

      • @ C.Hoppe

        ” (…) Der Glaube selbst – und damit letztlich auch die Liebe – verdanken sich der Gnade; das sucht man sich nicht einfach aus, das widerfährt einem.”

        So sehr dieser Satz stimmt, so wird er doch zu oft so solo ausgesprochen und stimmt dann deshalb nicht mehr, weil er so für sich empfindlich missverstanden werden kann. Speziell wenn er von kirchlichen Autoritätspersonen ausgesprochen wird, ist das riskant. So mancher junger Mensch wird dann locker sagen: “na dann lass ich mal die Gnade auf mich zukommen”…

        Es braucht sehr wohl auf Seiten des Menschen eine Aktivität, nämlich ein Minimum an Sehnsucht, an innerer Disposition, sich von Gott anrühren zu lassen. Und auch ein Bemühen, seine Gnade zu registrieren.

        Der Begriff Gnade hat eben leider auch etwas von herablassendem Gnädig sein, weshalb er schnell als Machtinstrumnet missinterpretiert werden kann.

        Man kann es doch so ähnlich sagen: Gottes Sehnsucht nach dem Menschen, nach der freiwilligen Rückkehr des Menschen in das Geschehen gegenseitiger Liebe, wie sie in Gott ist, ist omnipräsent in jedem Menschen und von Anbeginn an und für alle Zeiten. Aber der Mensch muss sich berühren lassen. Dann erweckt Gottes Sehnsucht im Menschen die Sehnsucht nach Gott und der gemeinsame Weg kann beginnen.

  6. @Mona & @Reinhild Wegner

    Da nutze ich die Mittagspause doch gerne, um ein weit verbreitetes Mißverständnis direkt anzusprechen.

    “Reform” und “Revolution” werden im individualistischen Fortschrittsparadigma tatsächlich häufig als Synonyme (Wortgleiche) für “Liberalisierung” und “Aufweichung” gebraucht. Das ist aber weder die ursprüngliche und schon gar nicht die kirchliche Wortbedeutung! Re-Form und Re-Volution zielten ursprünglich auf eine “Wiederherstellung” und auch z.B. die evangelischen “Reformatoren” verstanden sich ja gerade nicht als tolerante Liberalisierer, sondern forderten einen (immer idealisierten) Urzustand zurück!

    Wie oben geschrieben stand Jakobus den jüdischen Frommen sehr nahe – und lehnte u.a. gerade Aufweichungen der jüdischen Gebote im entstehenden Christentum ab! Mit einer anything goes-Liberalisierung kann man ihn – und auch den auf ihn verweisenden Franziskus – also gerade nicht identifizieren!

    Ob das nun (für wen?) eher gut oder schlecht sei, ist natürlich eine andere Frage. Der Kommentator @Zoran Jovic hat das Dilemma hier neulich gut auf den Punkt gebracht. Er schrieb:

    Ich weiß nicht was mir befremdlicher ist die katholisch und orthodoxe Kirche mit ihren Konservativen oder die Protestanten welche sich selber nicht ernst nehmen kann.

    Ein gute Laune Verein.

    Über dieses Wie-man’s-macht-Paradoxon plane ich mal extra zu bloggen…

    • @Michael Blume

      Über dieses Wie-man’s-macht-Paradoxon plane ich mal extra zu bloggen…

      die Lösung ist trivial. Man wirft die Leiter weg, wenn man über der Mauer ist.

      • Trivial wäre es erst dann, wenn liberale bzw. säkulare Strömungen bereits empirisch und demografisch vorweisen könnten, dass sie ohne die weggeworfene Leiter weiterkommen. Das ist bislang, wie Du weißt, einfach nicht der Fall.

        Kollege Ara Norenzayan brachte ja neulich genau dieses Bild der Leiter auf. Auch er räumte aber ein, dass die Demografie die “Achillesferse” der Säkularisierungstheorie sei. Die Lektüre ist sehr empfehlenswert!
        https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/big-gods-von-ara-norenzayan-evolutionsforschung-zur-religion-und-zur-s-kularisierung/

        • @Michael Blume

          Trivial wäre es erst dann, wenn liberale bzw. säkulare Strömungen bereits empirisch und demografisch vorweisen könnten, dass sie ohne die weggeworfene Leiter weiterkommen. Das ist bislang, wie Du weißt, einfach nicht der Fall.

          was Strömungen können, weiß ich nicht. Ich weiß, was Individuen können.

          Demografie ist nicht alles. Ich lege keinen Wert darauf, meine Gene in die nächste Generation zu bringen, ad majorem wes auch immer gloriam. Aussterben tut nicht weh, und wenn die Gruppen, die aktuell die erfolgreichste Demografie aufweisen, unser Gemeinwesen bestimmen, bleibt mir nur Auswanderung oder der Freitod.

  7. @Michael Blume

    ok, wenn sie die Begrifflichkeit in diesem Zusammenhang verwenden, haben sie recht, gar keine Frage. Nur meint vermutlich die “Öffentlichkeit” was anderes, wenn sie Reform bzw. Revolution sagt, meinen sie nicht?

    Die Hoffnung vieler in Franziskus beruhte ja eher in Modernisierung als in Herstellung von Urzuständen. Sicher möglich, dass ihn da viele missverstanden haben … oder missverstehen sollten.

    • @Reinhild Wegner

      Ja, dem stimme ich so zu. Und auch ich würde Franziskus tatsächlich nicht als “Modernisierer” bezeichnen, da er in dieses Schema – auch nach seinem eigenen Verständnis – gerade nicht reinpasst. Das unterschiedliche Zeit- und Fortschrittsverständnis in “Öffentlichkeit” und Kirchen sowie vielen Religionsgemeinschaften ist m.E. ein sehr spannendes und wichtiges Thema! Danke also für die Hinweise dazu!

  8. Lieber Michael,

    Dein Umgang mit dem Begriff “Revolution” und “Reform” begeistert mich mehr und mehr. (hatte ja schon einen Kurzkommentar auf fb geschrieben). Tatsächlich denke ich, dass es dem Papst sehr wichtig ist, zu den Wurzeln zurückzukommen – schwer genug bei einer Kirche, die inzwischen 1.2 Mrd Mitglieder zählt, aber er traut dem Hl. Geist und uns halt einiges zu! Und Du nennst einen Punkt direkt im Blog: die “Option für die Armen”, in Deinen Kommentaren einen zweiten: Nein zu Bürokratisierung, starrem Erfüllungsdenken, und im Verweis auf Petrus, Paulus und Jakobus einen dritten: Jesus Christus bekennend hinauszugehen. Und damit ist wohl das Reformprogramm schon umschrieben: es sind wir Christen, jeder einzelne von uns.

    Und danke auch an dieser Stelle für Deine frische Aussen/Innenansicht, und Deinen ausgezeichneten 400. Blog. Dass Du gerade diesen Deinen katholischen Freunden widmest, ist eine Ehre!

    • Und danke auch an dieser Stelle für Deine frische Aussen/Innenansicht, und Deinen ausgezeichneten 400. Blog.

      Aja, hier schließt sich der Webbaer natürlich gerne an, ein gelungener Post! Nett die Spracharbeit mit der ‘Revolution’, auch die Kommentarik überzeugt; erinnert an frühere Zeiten.

      MFG
      Dr. W

  9. Zoran Jovic hat geschrieben

    „Für mich ist relativ klar Jesus und Jakobus haben den gleichen biologoischen Vater und das ist Joseph.“

    Bei http://diebibel.de/ (Einheitsübersetzung Matthäus 1) finde ich folgende Stelle:

    „18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.“

    Wenn ich „zusammenkommen“ mit „Geschlechtsverkehr vollziehen“ übersetze, dann war wohl Jakobus eher ein Halbbruder von Jesus.

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