Ostereier, Osterhasen – eine Verniedlichung des christlichen Hauptfestes?

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Über die neue Themenstellung von Zweiaufeins auf RBBeins mit Sven Oswald und Daniel Finger habe ich mich sehr gefreut: Ostereier und Osterhasen. Warum verstecken in diesen Tagen Menschen bunt bemalte Eier in Gärten und Wiesen und erzählen ihren Kindern, diese wären vom Osterhasen gebracht worden?

Fangen wir von vorne an: Das christliche Osterfest geht auf das hebräische Pessach zurück und wird daher im Lateinischen und vielen Sprachen auch als Pascha- oder Passafest bezeichnet. Über die Wortherkunft des deutsch-englischen Easter bzw. Ostern wird noch immer gerätselt – es könnte auf ein vorchristliches Fest der Frühlingsgöttin Eostra (griechisch Eos, römisch Aurora) zurück gehen oder auf germanische Traditionen der Wasserweihen – ausa vatni -: An Ostern wurden im Frühchristentum Erwachsene getauft.

Ostern steht damit in der breiten Tradition agrarischer Frühlingsfeste, in denen Tod und Leben aufeinander treffen und die mächtige Symbole ausprägen: Das Opfertier (z.B. Lamm), das stirbt und Leben schenkt, das Getreide, das durch seinen Tod zum “Brot des Lebens” wird – und das Ei, in dem sich Lebenskraft verkörpert und verschenkt. Auf dem jüdischen Pessachteller finden sich entsprechend diese (und weitere) Zutaten ebenso, wie wir auch bereits bemalte Eier in vorchristlichen, römischen Gräbern auch im Rheinland finden. Und es ist nicht die Wildnis und auch nicht die Stadt, in der sich diese Umwandlungen von Tod und Leben vollziehen, sondern das bewirtschaftete und ergrünende Feld: die Wiese, der Garten.

Klassische Frühlingstiere treten hinzu: Der Hase, der Schmetterling, in Thüringen der Storch und in Australien – mit dem Wunsch, für eine vom Aussterben bedrohte Tierart zu werben – der Bilby. So nahm und nimmt das Christentum alte und neue Frühlingstraditionen auf und verwandelt sie einen Teil unserer (und zunehmend globaler) Alltagskultur. Auch meine Frau liebt die Ostertraditionen und so war heute bei uns einiges los, als unsere und Nachbarskinder Eier färbten und schmückten, auf dass sie am Ostersonntag gesucht und gefunden werden können.

Hier das Radiointerview

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Pessach und Ostern – mehr als erbauliche Frühlingsfeste?

So werden also die Ostertraditionen als Fortschreibung jahrtausendealter Überlieferungen erkennbar. Aber bieten die “modernen” Hochfeste auch etwas Neues? Durchaus.

Einerseits griffen die monotheistischen Traditionen des Juden- und später Christentums die agrarischen Frühlingsfesttraditionen auf, erweiterten und vertieften jedoch ihre Botschaft: Es galt, den Ablauf von Tod und Leben nicht mehr nur zu beobachten und zu sichern, sondern als Hoffnung für die gesamte Welt zu begreifen. Der Zeitstrahl bekam eine Richtung, auf den Tod der alten sollte eine neue, bessere Lebensordnung folgen. So wurde das jüdische Pessach zum Erinnerungsfest der Befreiung aus der pharaonischen Sklaverei – nicht mehr nur leben (“vegetieren”) sollte der Mensch im Angesicht Gottes, sondern sich seiner Freiheit und Verantwortung bewusst werden. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und damit auch das Ende der dort vollzogenen Tieropfer um 70 n.Chr. prägten die neue Ritualtradition.

Im christlichen Osterfest wurden Tod und Leben des Jesus als “Rebellen Gottes” (so der heutige Spiegel-Titel) zu Anklage an Unrecht und zum Versprechen von Erlösung aufgefasst: Erwachsene wurden (und werden) in ein religiös neu verstandenes Leben getauft und zunehmend wird auch die Tradition wieder aufgegriffen, die Ostergottesdienste auf dem Friedhof zu begehen. In Ostermärschen werden Forderungen nach Frieden und Achtung allen Lebens vertreten. Und selbst in der akademischen Theologie rührt sich wieder ein Jesus, der nah bei den Opfern von Unrecht ist, wie Blognachbar Hermann Aichele beschreibt.

Dass die Osterbotschaft nicht bei Schokohasen endet, durch diese gar verhöhnt werden kann, war in diesen Tagen Thema bei uns im Freundes- und Familienkreis. Auslöser war eine mutige, investigative Reportage des NDR-Journalisten Miki Mistrati, die im Oktober 2010 unter dem Titel “Schmutzige Schokolade” ausgestrahlt wurde und dank des Internet immer weitere Kreise zieht. Wir haben nun beschlossen, unsere Kaufgewohnheiten zu ändern. Wenn Sie Ostern nur niedlich, süß, frühlingshaft und schokoladig finden wollen, schauen Sie die Reportage besser “nicht” an…

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

2 Kommentare

  1. Heische-Bräuche

    In vielen Gegenden war es zu Ostern früher üblich, dass Arme, Kinder bzw. Unverheiratete (je nach Gegend) zum Heischen/Betteln umherzogen.
    Es wurde Osterwünsche ausgesprochen und als Gegenleistung gabs gefärbte Eier oder andere Speisen.
    Damit war dieses Fest ein wichtiger Teil des Sozialsystems, da damit zwischenmenschliche Kontakte gepflegt wurden

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