Noahs Kinder. Die Glaubensbewegung der Noachiden in der Gegenwart von Birgit Vollmar

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Alle Religionen sind intolerant und beanspruchen Gottes Wohlgefallen nur für die eigenen Anhänger. Und die biblische Geschichte von Noah ist allenfalls noch etwas für Kinder – sonst wissenschaftlich unhaltbar und irrelevant. Wenigen Vorurteilen begegne ich so häufig wie diesen beiden. In diesen Tagen, da sich das christliche Ostern und das jüdische Pessach begegnen, ist es Zeit für einen Widerspruch.


Das Judentum war nie heilsexklusiv – Alle Menschen seien Kinder Noahs

Fangen wir das Aufarbeiten von Vorurteilen damit an, dass schon die älteste, abrahamische Religion – das Judentum – nie heilsexklusiv war. Schon zu Zeiten der Tempel gab es Bereiche, in denen “Gottesfürchtige” – an Gott glaubende Nichtjuden – beten und opfern konnten. Nach jüdischer Überlieferung galt der göttliche Bund mit Noah, versinnbildlicht im Regenbogen, grundsätzlich allen Menschen. Später entwickelten sich so Lehren zu den Noachidischen Geboten, in deren Rahmen auch Nichtjuden “Anteil an der kommenden Welt” erhalten konnten. Deswegen mussten Juden auch nicht Nichtjuden “erretten”, im Gegenteil: Übertrittswillige werden auch heute noch darauf hingewiesen, dass es nicht notwendig sei, Jude zu werden, um Gottes Wohlgefallen zu finden. Es reiche, ein Kind Noahs zu sein.

Auf dem Blog hatte ich ja schon verschiedentlich zu diesem Thema geschrieben – nun liegt aber eine neue Arbeit dazu vor.

Die Dissertation von Birgit Vollmar

Am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg (die und deren forschend und lehrend Aktive mir auch längst ans Herz gewachsen sind) promovierte Birgit Vollmar nun über dieses Thema. Ihre außerordentlich lesenswerte Arbeit wurde im Tectum-Verlag veröffentlicht.

Einleitend bietet Vollmar einen Überblick über die frührabbinische Entwicklung der Noahlehren, die während des Mittelalters immerhin noch von großen Lehrern wie Maimonides weiter ausgearbeitet wurde. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts fand sie jedoch über den Dialog des französischen Christen Aimé Pallière (1868-1949) und dem marrokanisch-italienischen Rabbiner Eliyahu Benamozegh (1822-1900). 1927 verfasste Leo Baeck das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Pallières “Das unbekannte Heiligtum”. Es breitete sich eine “liberale” Lesart des Noahbundes aus, nachdem die Noachidischen Gebote eine Art gemeinsames Weltethos für Menschen aller (und keiner) Religion sein würde. Diese Lesart wurde schließlich sogar von US-Präsidenten, Senat und Kongress übernommen (dazu schreibe ich dann extra etwas mehr).

Gerne hätte ich dazu noch viel mehr gelesen, doch Vollmar wendet sich dem seit den 90er Jahren entstehenden, “orthodoxen” Zweig der Noahtraditionen zu: Demnach müssten Noachiden ihre vorherigen Religionen aufgeben und sich orthodoxen Rabbinern und deren religiöser Gerichtsbarkeit unterstellen. Vor allem in den USA entstanden so schnell gar eigene Gemeinden von Noachiden, die vor allem aus früheren Christen bestanden, sich aber betont vom Christentum abgrenzten.

Mit einer Kombination von Fragebögen, Interviews und viel historischer Recherche (alles vor allem über das Internet, dem Forschungsinstrument unserer Tage) fördert Vollmar viel Wissenswertes zutage, das so in der deutschen Religionswissenschaft und den Theologien noch nicht zu lesen war. Ihre Arbeit zeigt auf, dass die Noahgeschichte auch heute für viele Menschen inner- und außerhalb des Judentums eine ganz neue Relevanz gewinnt – und wie verschiedene Lesarten und Strukturen um diese Idee herum entstanden.

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder Gelegenheit, mich v.a. mit Rabbinern über dieses in der Öffentlichkeit noch immer weitgehend unbekannte Thema auszutauschen. Vollmars hervorragende Arbeit verbindet Bekanntes und Neues und regt dazu an, wieder mehr Zeit in die Erkundung der Thematik zu investieren. Auf dem Blog habe ich eine eigene Kategorie dazu angelegt.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

8 Kommentare

  1. Noahs Leben – und Heute

    „Die Rettung Noahs und seiner Familie vor der Sintflut zählt zu den bekanntesten Geschichten der Bibel.“ Das Thema ist noch unerschöpflich. In der Einführung heißt es: „…die biblische Geschichte von Noah ist allenfalls noch etwas für Kinder – sonst wissenschaftlich unhaltbar und irrelevant.“ Hier kann ich mich dem Widerspruch von Michael Blume anschließen. Die sumerischen Epen bringen eine Menge Informationen, die so noch nicht allgemein bekannt sind.

    In der Bibel steht: 1Mo 9,28 „Noah aber lebte nach der Sintflut dreihundertundfünfzig Jahre…“ Im Atra+asis-Epos http://www.nmohr.ch/html/atrahasis-epos.html rettete Ziusudra http://de.wikipedia.org/wiki/Ziusudra die Menschheit im Verlauf der großen Flut vor der Vernichtung, im Gilgamesch Epos heißt er Utnapischtim/Uta-napischti und in der Bibel Noah. Die Sintflutgeschichte im Atra+asis-Epos fand Eingang in das Gilgamesch-Epos.
    Ziusudra war in der sumerischen Königsliste [HB] der Name des letzten göttlichen Königs von Šuruppak. Ob er mit Noah identisch ist – ist nach dem Gilgamesch Epos nicht der Fall, denn er wird erst hier unsterblich. Seine Regierungszeit betrug gemäß WB 62 zehn göttliche SAR (36.000 Erdenjahre). Ein SAR/Schar entspricht dem Umlauf des Planeten X = Nibiru – im Enuma Elisch Marduk – mit 3600 Erdenjahren um die Sonne. Von diesem Planeten kamen die Götter, die als Handelnde in den sumerischen Epen aufgeführt sind.

    Die zwei führenden Gottheiten Enlil und Ea/Enki finden sich in allen Epen wieder. Sie sind teilweise Kontrahenten. Während Enlil die Menschheit mit der von ihnen vorausberechneten Naturerscheinung Flut (sie konnten sie nicht beeinflussen) vernichten wollte, organisierte Ea/Enki die Aktion Arche. Mit dem Überleben der Besatzung der Arche war Enlil zunächst erzürnt, sah dann aber die Zweckmäßigkeit ein und segnete Noah und seine Frau. Das war vor 13.000 Jahren.
    Im Blogpost heißt es: „Ihre Arbeit zeigt auf, dass die Noahgeschichte auch heute für viele Menschen inner- und außerhalb des Judentums eine ganz neue Relevanz gewinnt – und wie verschiedene Lesarten und Strukturen um diese Idee herum entstanden.“
    Als Gilgamesch http://en.wikipedia.org/wiki/Sumerian_King_List bei Utnapischtim war, erzählte er ihm die ganze Geschichte – das waren rund 8.500 Jahre nach der Sintflut. Enlil stand zwischen ihm und seinem Weibe, berührte ihre Stirn und gab ihnen seinen Segen. Prof. Maul hat die Segnung im Gilgamesch Epos [MS] so formuliert: „Bisher (zählte) Uta-napischti zum Menschengeschlecht. Nun aber sei Uta-napischti samt seinem Weibe geworden wie wir, die Götter!“ Zum ewigen Leben s. Kap. 22 in [DK].

    [HG] HASEL, G. F.: THE GENEALOGIES OF GEN 5 AND 11 AND THEIR ALLEGED BABYLONIAN BACKGROUND
    http://faculty.gordon.edu/…n5Babylonian_AUSS.pdf
    [MS] Maul, St.: Das Gilgamesch-Epos. C. H. Beck, München 2005
    [DK] Deistung, K.: Die Himmelsschlacht. Argo, Marktoberdorf 2011

  2. Beschneidung der Männer bei Noachiden.

    Es gibt verschiedene Gruppen von Noachiden.
    Vor allem Noachiden mit Orientalisch-Muslimischem Hintergrund, die sich als Nachkommen des Ismail, Söhne der Keturah sowie Esau bezeichnen.
    Diese Gruppe der Noachiden,hält an der Beschneidung der Knaben fest,sowie an die Obligatorische Gebetswaschung vor dem Rituellen Gebet sowie an Speisevorschriften.
    Auch das Gebet wird oft noch in Form des Muslimischen Gebetes verrichtet, jedoch mit Noachiden Gebeten udn Verwendung des Namens Hashem,

  3. @ Timucin, Beschneidung

    Zu diesem Thema führte ich mal ein Gespräch mit meinen Urologen. Er unterstützte voll die Beschneidung der Männer aus hygienischen Gründen, da er davon ausging, welcher Schaden bei Frauen entstehen kann, wenn die Hygiene nicht stimmt – auch heute noch.
    Eine Beschneidung der Frauen lehnte er kategorisch ab.

  4. Beschneidung bei Noachiden

    Ich habe von Rabbis über dieses Thema folgende Antworten und auch links erhalten, es ist in Englisch geschrieben.

    http://www.asknoah.org/…d.php?tid=228&page=2

    Für die Orientalischen Männer die als Söhne der Keturah betrachtet werden, ist die Beschneidung ein Muß, somit auch als Noachide, für einen Nicht Orientalen eine erwünschte Maßnahme.

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