Ängste eines Historikers vor den Neurowissenschaften am Beispiel von Jan Plamper

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Vor Kurzem hatte ich hier auf dem Blog davon berichtet, wie bereits Hoimar von Ditfurth in den 1970er Jahren gegen anti-naturwissenschaftliche Vorurteile hatte ankämpfen müssen – die dann folgende Diskussion mit einem Kommentatoren bildete eine eindrucksvolle Bestätigung. Auch im APuZ-Heft zu “Emotionen und Politik”, das ich als “Sommerfund” empfohlen hatte, findet sich eine solche Abgrenzung – wohl gerade, weil doch das Verständnis von Emotionen und Vergemeinschaftungsformen geradezu nach Erkenntnissen der Evolutions-, Kognitions- und Neuroforschung ruft!

Am Ende eines Artikels über die Geschichtsforschung zu Emotionen “warnt” Jan Plamper, geb. 1970 und Professor für Geschichte an der Goldsmiths University of London sowie assoziierter Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin:

Schließen möchte ich mit einem warnenden Hinweis, in welche Richtung sich die Emoti­onsgeschichte nicht entwickeln sollte. Ich hof­fe, die Geschichtswissenschaft wird nicht wie viele andere Geistes-­ und Sozialwissenschaf­ten vorschnelle Anleihen bei den Neurowis­senschaften machen. Diese Gefahr besteht – und es gibt bereits einige Beispiele für das Eindringen affektiver Neurowissenschaft in die Geschichtswissenschaft.

Daraus ergäben sich zahlreiche Probleme. Vor allem müssen Historiker sich hinreichend in der lebenswis­senschaftlichen Emotionsforschung ausken­nen, um entscheiden zu können, was sich dort als „robust“, als zukunftsfähig erweist, also auch noch in 100 Jahren gilt. Das bedeutet nicht nur die Lektüre popularisierender Bü­cher oder hin und wieder eines Artikels in „Nature“ oder „Science“; es bedeutet auch die Rezeption zahlreicher Meta­Analysen (ver­gleichende Analysen von Einzelaufsätzen) so­ wie der Aufsätze selbst. Und es bedeutet, sich in der Terminologie der Lebenswissenschaf­ten, ihren Versuchsanordnungen und Sample­ Größen auszukennen.

Auf Deutsch: Weil Naturwissenschaften (hier: “Lebenswissenschaften”) so kompliziert sind, solle man doch bitte nicht gar so viel Zeit investieren, um auch sie zu verstehen. Zumal sie sich ja sowieso ständig durch neue Erkenntnisse verändern. Mit so etwas Ordinärem geben sich richtige Kultur- und Geisteswissenschaftler doch besser gar nicht ab!

Die Möglichkeit, mit fähigen Kolleginnen und Kollegen der betreffenden Wissenschaften auch mal einfach interdisziplinär zusammen zu arbeiten und also Kompetenzen zu bündeln und auszutauschen, taucht bei Jan Plamper gar nicht auf. Und es kommt noch dicker:

Lebenswissenschaftler selbst kostet es kei­ne schlaflosen Nächte, wenn sich eine ihrer Erkenntnisse als ungültig erweist – sie leben unter dem Damoklesschwert der Replizier­barkeit (ein Experiment muss bei Wiederho­lung unter denselben Bedingungen zu den­ selben Ergebnissen führen) und mit einer beschleunigten Zeitlichkeit, in der Wahrhei­ten sich rasch ändern und das institutionelle Gedächtnis extrem kurz ist. Es sind vielmehr die Historiker, die in Schwierigkeiten geraten, wenn sie ihre Forschungen auf „ewige“ und „universelle“ Wahrheiten der Lebenswissen­ schaften gründen, die sich später als falsch he­rausstellen.

Im Übrigen ist das Wort „falsch“ hier durchaus zutreffend, denn es ist wich­tig, im Auge zu behalten, dass eine andere Er­kenntnistheorie als die von „richtig/falsch“ in den Lebenswissenschaften undenkbar ist; ein poststrukturalistisches Laisser­faire ist hier fehl am Platz. Das erkenntnistheoretische Terrain, das man betritt, wenn man bei den Neurowissenschaften borgt, besteht aus einer eisernen Binarität von wahr und falsch. Wenn die Emotionsgeschichte sich daraus fern­ hält – oder aber dieses Terrain nur ausgerüstet mit ausgezeichneten Navigationsinstrumen­ten und einem kenntnisreichen, skeptischen Blick auf seine Abgründe und Fallen betritt –, könnte ihre Zukunft ertragreich sein.

Man muss sich diesen Schlussabsatz mal auf der Zunge zergehen lassen: Das Problem der Natur- bzw. Lebenswissenschaften bestehe hier also darin, dass die Hypothesen aufstellen, die sich überprüfen und also auch widerlegen lassen. Auf solches glatte Eis sollten sich, so Plamper, Historiker also besser gar nicht begeben – denn “poststruktualistisches Laisserfaire ist hier fehl am Platz”. Klar, Pseudo-Wissenschaft hat es da viel besser: Geschraubte Sätze und “Thesen”, die sich nicht überprüfen und also auch nicht widerlegen lassen können nicht nach “richtig/falsch” beurteilt werden und stimmen also irgendwie immer…

Da kann und will ich ja nur hoffen, dass das plampersche “Wissenschaftsverständnis” nicht stellvertretend für das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (sic!) in Berlin steht – dachte ich doch bisher, dass dieses auch empirisch haltbare Ergebnisse anstreben würde…

Zugleich will ich aber auch betonen, dass ich Jan Plamper im Feld der deutschsprachigen Kultur- und Geisteswissenschaften nicht für einen Exoten halte; noch immer denken sehr viele bei uns so und “warnen” nicht selten schon ihre Studierenden und Mitarbeitenden vor den “Gefahren” der Naturwissenschaften, empirischen Forschungen und überhaupt interdisziplinärer Zusammenarbeit…

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

22 Kommentare

  1. Jan Plamper

    Einseitiges Denken gab es zu allen Zeiten, deshalb sollte man dessen Vertreter nicht zu ernst nehmen. Jan Plamper würde ich jedoch nicht unbedingt in diese Reihe stellen. Sein Buch “Geschichte und Gefühl – Grundlagen der Emotionsgeschichte” ist kein einseitiges Naturwissenschaftler-Bashing, sondern warnt davor vorschnelle Anleihen bei den Neurowissenschaften machen, da wichtige Fragen noch immer ungeklärt sind.

    Hier eine Rezension des oben erwähnten Buches:
    http://www.dradio.de/…/sendungen/lesart/2012608/

  2. @Mona: Abschottungen

    Klar, wer wäre denn nicht gegen “vorschnelle Anleihen“ bei anderen Fächern? Aber der Erkenntnisse fördernde Weg liegt doch nicht in der Abschottung, sondern in der gegenseitigen Überprüfung und Anregung! Historiker könnten z.B. sehr gut überprüfen, wie weit die Begriffe und Modelle von Neurowissenschaftlerinnen reichen und wo also weiterer Klärungs- und Forschungsbedarf bestünde. Aber mit der “Warnung“ vor möglichen Falsifikationen – die ja immer auch ein Erkenntnisgewinn sind! – sperrt Plamper auch diese Brücke ab. Und mit dieser anti-interdisziplinären Haltung steht er ja leider nicht alleine…

    • Zustimmung zu Mona: Gerade Jan Plamper ist eben kein gutes Beispiel für die hier (nicht ganz fälschlicher-, aber auch nicht ganz richtigerweise) kritisierte „Angst“ der Geistes- vor den Naturwissenschaftlern. Die von Ihnen geforderte interdisziplinäre Zusammenarbeit würde ja voraussetzen, dass auch die Naturwissenschaftler die Texte der Historiker lesen und ernstnehmen, wie hier gerade auch Plampers „Geschichte und Gefühl“, das sich sehr ausführlich mit Ansätzen aus der Hirnforschung auseinandersetzt und in einem zentralen Kapitel mögliche Wege der Zusammenarbeit aufzeigt. Ein winziger, falsch verstandener APuZ-Aufsatz wird da nicht ausreichen…

  3. Stalin-Kult …

    Danke, sicherlich wichtiger Artikel.

    Davon wußte man ja noch gar nichts, daß Historiker überhaupt glauben, sich abgrenzen zu müssen. Bisher ignorierte man doch einfach. Und fühlte sich damit doch NOCH viel besser …

    Welch ein Fortschritt. Mir ist das ein sehr wichtiger Hinweis.

    Zumal wenn man liest, daß Jan Plamper 2010 schon öffentlich mit dem Biologen Franz Wuketits diskutiert hat:

    http://www.dradiowissen.de/…dram:article_id=6947

    Und zumal wenn man Buchveröffentlichungen von Jan Plamper zur Kenntnis nimmt:

    – The Stalin Cult: A Study in the Alchemy of Power (Yale University Press, 2012)

    (Ob darin auch der Stalin-Kult in Großbritannien und USA während der 1930er und 1940er Jahre behandelt ist? Sprich die “pink decade”?)

    – Geschichte und Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte (Siedler, 2012)

    (“partly a synthesis of, partly an intervention in the history of emotions”)

    Ich glaube, Evolutionäre Psychologen würden von seinen Büchern und seiner Fachrichtung sehr profitieren und würden kaum die Notwendigkeit sehen, sich von seinem Fach “abzugrenzen”. Ganz im Gegenteil.

    An leider eine ganz andere Thematik fühlt man sich erinnert, wenn man vom “Max-Planck-Institut für Bildungsforschung” hört. Bezüglich der Geschichte der Emotionen rund um DIESES Institut ist nämlich eine Aufarbeitung längst überfällig.

    Und sie dürfte derzeit in Deutschland mehr unter die Haut gehen, als der Stalin-Kult der 1930er Jahre:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hellmut_Becker

    (Insbesondere der letzte Absatz. Zu der Thematik kann als Einstiegslektüre empfohlen werden: “Sündenfall – Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte” vom TAZ-Journalsten Christian Füller.)

  4. @tk

    Spontan würde ich beispielsweise benennen, wie Split-Brain-Studien unser Verständnis von Identität für immer verändert haben. Oder aus meinem Forschungsfeld die Unterscheidung und je vertiefende Erkundung von Religiosität und Spiritualität. In der Bildungsforschung die ergänzende Überprüfung pädagogischer Thesen, z.B. zur Pubertät. Gehirn & Geist bietet monatlich einen recht guten Überblick sowohl über Detailstudien wie auch Überblicksthemen und kritisch-konstruktive Diskussionen. Und nochmal: In der empirischen Forschung sind auch Widerlegungen Fortschritte. Was empirisch nicht falsch sein kann, kann eben auch nicht richtig sein.

  5. Plampers lives next door to neuroscience

    Jan Plamper wird vom Max Planck Institut für Bildungsforschung als assoziierter Wissenschaftler aufgeführt.
    Seine Angst vor den Kollegen aus der affektiven Neurowissenschaft ist vielleicht unbegründet, es gibt aber am MPI Berlin wo er assozierter Forscher ist neurowissenschaftliche Ansätze in Forschungsbereichen die auf der gleichen Website verlinkt sind, wo auch sein Forschungsgegenstand “Geschichte der Gefühle” aufgeführt ist. So liest man unter dem Register Adaptive Rationalität
    “Wir testen diese Modelle [der adaptiven Rationalität] mittels einer Vielzahl von Methoden, darunter Experimente, Umfragen Computersimulationen und neurowissenschaftliche Methoden wie beispielsweise die Messung von Gehirnströmen (Elektroenzephalografie, kurz EEG), Gehirnstimulationen mithilfe von Magnetfeldern (transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS) und funktionelle Magnetresonanztomografie (kurz fMRT).”

    Heute gibt es überhaupt einen von der Öffenltichkeit noch wenig wahrgenommen Trend, auch tradionell geisteswissenschaftiche und sozialswissenschaftliche Bereiche mit naturwissenschaftlichen Methoden anzugehen. Ein gutes Beispiel ist die Soziologie an der ETH Zürich, wo Dirk Helbling das Projekt Future ICT aufgegleist hat, welches alle sozialen Interaktionen, die auf der Welt überhaupt passieren erfassen, verstehen und daraus Schlussfolgerungen ziehen will. Also eine Art wissenschaftlich reflektiertes “social medium” in Anlehnung an Facebook, welches ein nicht-refletkiertes “social medium” ist.

    Jan Plampers Forschungsgebiet “Die Geschichte der Gefühle” ist allerdings naturgemäss wenig zugänglich für naturwissenschaftliche Methoden, denn Geschichte ist ja bereits vorbei. Naturwissenschaft könnte allenfalls helfen historische Quellen auf neue Art zu analysieren.

  6. @Martin Holzherr

    Genau so ist es. Wobei ich da schon eine Gegenseitigkeit sehe: Nicht nur die Kultur- und Geisteswissenschaften können von den Naturwissenschaften profitieren, sondern auch umgekehrt. So können historische Arbeiten die Genese von Erfahrungen und Begriffen ausleuchten und z.B. erkunden, inwiefern es früher auch “Depressionen“ gab, wie diese gedeutet und bearbeitet wurden usw. Empirische (Lebens-)Wissenschaften stehen ja nie in einem leeren Raum, gerade aus evolutionärer Perspektive ist alles Sein geschichtlich Gewordenes.

  7. Wissen schaft Wissen.

    Nicht nur die Kultur- und Geisteswissenschaften können von den Naturwissenschaften profitieren, sondern auch umgekehrt. Dann würde auch auch der Drepp verstehen, dass Wissenschaft über dem Glauben steht.

    Wissenschaft ist das, was Wissen schaft. Glaube ist Glaube, und demnach einfach einfach infantil.

  8. @Statistiker

    Wissen(schaft) zeichnet sich aber auch durch ein Bewusstsein seiner Grenzen aus. Deshalb eben vermag es Kunst, Musik, Literatur, Religion, Sport usw. zu erkunden, nicht aber im Leben aller zu ersetzen. Deswegen fühlt sich m.E. auch nur der Unverständige von Wissen(schaft) bedroht, die Verständige wird sie begrüßen.

  9. @Michael Blume

    “Deswegen fühlt sich m.E. auch nur der Unverständige von Wissen(schaft) bedroht, die Verständige wird sie begrüßen.”

    Das kann man so pauschal nicht sagen. Schließlich wurden im dritten Reich schreckliche und abartige Experimente im Namen der Wissenschaft durchgeführt. Ist Mengele und Konsorten schon vergessen?

    http://www.spiegel.de/…gel/print/d-39774239.html

  10. @Mona

    Wie geschrieben: (Auch) das Recht geht m.E. nicht allein aus der Wissenschaft hervor, Wissenschaft steht nicht über dem Recht. Genau davor hatte ich ja -freundlich- gewarnt. Ich “glaube“ z.B. an Menschenwürde und Menschenrechte, obwohl völlig klar ist, dass deren “Existenz“ nicht empirisch bewiesen (wenn auch ihre Entstehung empirisch erforscht) werden kann.

  11. @Michael Blume “glaube”

    Darf ich Sie fragen, ob Sie genauso an Gott “glauben” wie Sie an Menschenwürde “glauben”?
    Ich würde gerne verstehen, was Sie damit meinen.
    Persönlich glaube ich weder an Menschenwürde noch “glaube” ich an sie…

  12. @Thomas

    Ich glaube nicht “genau so” an Menschenrechte wie an Gott, aber mache darauf aufmerksam, dass auch nichtreligiöse Menschen ihr Leben mit überempirischen Entitäten möblieren.

    So lässt die “Existenz” von Menschenrechten in keinem Labor oder Experiment der Welt “nachweisen”. Dennoch “existieren” diese Rechte als Ideal oder auch Realität für sehr viele Menschen, die sich auf sie berufen, sie verkünden, bisweilen sogar Güter und Leib für sie einsetzen.

    Wer nur wissenschaftlich “Beweisbares” als “existent” anerkennen wollte, müsste konsequenterweise auch die Menschenrechte ablehnen – was wenige Religionskritiker auch tun.

    Hier ein Blogpost mit ausführlicher Diskussion zum Thema:
    https://scilogs.spektrum.de/…nn-des-lebens-auch-nicht.

    • Selbstverständlich lässt sich die Existenz der Menschenrechte nicht nachweisen, weder empirisch noch logisch. Die Menschenrechte sind lediglich eine Bezeichnung für meine Urteile und für mein Verhalten in bezug zu anderen Menschen, nicht wesentlich anders als Liebe oder Höflichkeit. Die Gründe dafür sind die Erfahrungen des Zusammenlebens. Menschenrechte sind kein Objekt, keine Wesenheit, keine Entität mit beobachtbaren und prüfbaren Eigenschaften.

      Man kann Menschenrechte einhalten oder eben nicht, man kann aber nicht über ihre Existenz diskutieren, außer dass bestimmte zwischenmenschliche Verhaltensweisen unter der Bezeichnung Menschenrechte beschrieben sind. Dagegen wird Gott in der Theologie, zumal in der naiven Theologie, als von Menschen unabhängiges existierendes Wesen gedeutet und behauptet, mit angeblichen Eigenschaften. Der Vergleich von Gott mit Menschenrechten ist völlig absurd. Manchen Religiösen ist jeder Unsinn recht, bloß um ihren Glauben zu verteidigen oder als rational erscheinen zu lassen. Glaubensapologetik hat mit Wissenschaft nichts zu tun, auch dann nicht, wenn pseudowissenschaftlich argumentiert wird.

      • Nein, @Anton Reutlinger – auch wenn Sie die Menschenrechte gerne als bloße “Bezeichnung” abtun wollen, so beanspruchen diese doch auch normative und tatsächliche “Geltung”!

        Das gleiche fordern Sie übrigens für weitere Entitäten wie “Vernunft”, “Logik” und “Rationalität”, die Sie auf Nachfrage nicht einmal schlüssig zu definieren vermögen – an deren Existenz (!) Sie jedoch dennoch glauben (!).

        Dass auch Sie letztlich in einem emotionalen Sinne an solche apersonalen Entitäten gebunden sind, wird an Ihrer wiederkehrenden Wut und Ihren Beschimpfungen (Anders-)Glaubender) deutlich. Ihr Herz hängt nicht an nichts…

        Wir alle sind eben auch geistige und notwendig überempirisch glaubende Wesen, lieber @Anton Reutlinger. Manche streiten (!) das halt ab… 🙂

  13. Zur Verteidigung der “Ignoranz”

    Weil Naturwissenschaften (hier: “Lebenswissenschaften”) so kompliziert sind, solle man doch bitte nicht gar so viel Zeit investieren, um auch sie zu verstehen.

    Naja, der Autor des Textes hat zumindest einen richtigen Punkt klar herausgestellt:
    Geschichtswissenschaftler sind keine Spezialisten für Hirnforschung. Das versetzt sie, wenn sie Ergebnisse der Hirnforschung in ihre Forschungen miteinbeziehen wollen, in eine schlechte Position.
    Das können sie nur ausgleichen, indem sie über den Stand der Forschung auf den Laufenden bleiben, sei es durch Lektüre von Übersichtsartikel oder durch die von einzelnen (hoffentlich richtungsweisenden) Studien.

    Das halte ich für eine vernünftige, aufgeklärte Haltung. Man schöpft sozusagen direkt aus der Quelle, wo auch die Experten ihr Wissen herkriegen (bis auf vielleicht eigene Forschungen, Experimente und Konferenzen…) und ist nicht auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen.

    Selbstredend will kein Historiker seine Arbeit auf Grundlage einer Lehrmeinung durchführen, die vielleicht nur von einer Minderheit von Wissenschaftlern geteilt und in ein paar Jahrzehnten bereits selbst nur noch wissenschaftsgeschichtlich relevant ist. Damit führt er unsichere Voraussetzungen in seine Forschung ein, deren Richtigkeit er selbst gar nicht kontrollieren kann. Keine gute Position.
    Ein Historiker kennt vielleicht auch ein bisschen (obwohl das durchaus nicht den Fokus der Geschichtewissenschaft bilden soll) die Wissenschaftsgeschichte und weiß deshalb, dass es insbesondere in den Wissenschaften vom Menschen schon immer einzelne Hypes und Boom-Zeiten für bestimmte Ideen gegeben hat.
    Man denke hier nur an die heute als widerlegt geltende Schädelmessung. Damals dachte man Gehirnvolumen = Gehirnleistung.
    Dann wurde die Anzahl der Windungen als Indikator für Intelligenz genommen usw.
    Später, in den 60er Jahren, gab es anscheinend einen Hype der “Kybernetik”. Sowohl die Gesellschaft als auch das Verhalten einzelner Lebewesen wurden bisweilen “kybernetisch” beschrieben und erklärt. Es war sozusagen der erste Computerhype.
    Heute hört man nur noch wenig von solchen Ansätzen. Entsprechend sind viele ‘Erkenntnisse’ aus diesen Forschungsrichtungen heute abgehackt. Sie ließt keiner mehr.

    Natürlich kann man jetzt die Position vertreten, ein Wissenschaftler muss dieses Risiko in Kauf nehmen, um sich immer an den aktuellen Stand in anderen Forschungsfeldern zu orientieren.
    Das ist vielleicht eine berechtigte, jedenfalls diskutable Forderung.
    Nur geht man damit eben die Gefahr ein, dass die Ergebnisse der gesamten Forschung falsch werden. Weil die Forscher, angeregt durch die Theorien eines ihnen fremden Fachgebietes, an der falschen Stelle suchen. Offensichtliches nicht mehr erkennen usw.
    Da scheint ein “neutraler” Blick schon angemessener.

    So, jetzt genug, muss weg!

  14. @Wegdenker: Gegenseitigkeit

    So sehr ich mit dieser “Vorsicht” sympathisiere – sie setzt m.E. schon bereits die Einseitigkeit voraus, die ich so bedauerlich finde.

    Denn alle empirischen Wissenschaften unterliegen der Falsifikation und Moden und “Hypes” gibt es in den Kultur- und Geisteswissenschaften nicht weniger (vielleicht sogar: eher mehr) wie in den Naturwissenschaften.

    Gerade deswegen läge m.E. der richtige Weg darin, sich gegenseitig zu befruchten und auch zu überprüfen. Wenn z.B. der Psychologe Julian Jaynes mit Berufung auf Homer behauptet, erst der antike Mensch habe zwischen äußeren und inneren Stimmen unterscheiden können, so wäre es an den Historikern, parallele Fallstudien wie z.B. die Maya heran zu ziehen und seine These damit zu überprüfen. Als der Hirnforscher Newberg behauptete, alle Religionen gingen aus den gleichen Einheitserfahrungen hervor, konnte ich am religionshistorischen Befund aufzeigen, dass es so einfach nicht ist (z.B. der Islam entwickelte seine mystischen Strömungen erst Generationen nach der Gründung). Oder als ein Paradebeispiel für eine m.E. wegweisende These, die aber nur interdisziplinär zu überprüfen war und ist – die Linkesche These zur unterschiedlichen Erfahrungsqualität vokalisierter und vokalarmer Alphabetschriften.

    Kurz: Ich plädiere einfach dafür (und versuche es ja auch selbst umzusetzen), zwischen den beiden Extremen leichtgläubiger Unterwerfung einerseits und ignoranter Abgrenzung andererseits endlich die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu pflegen. Und bin entsprechend betrübt, dass sich sowohl “biologistische” wie “kulturalistische” Verengungen noch immer halten, ja, an Studierende weitervermittelt werden.

  15. Ja diese Angst und Abwehrhaltung gegenüber den MINT-Wissenschaften ist eine sehr verbreitete Sichtweise unter den Geisteswissenschaftlern. Eines der Hauptursachen für dieses Problem liegt aber meiner Erfahrung nach darin, dass durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse die eigenen Überzeugungen hin und wieder in Frage stellt würde und wenige Menschen geben gern ihre Ideologie auf.
    Außerdem haben viele Geisteswissenschaftler Angst vor MINT-Inhalten, da sie diese in der Schule mit negativen Erlebnissen verbinden und keiner macht gern Dinge, mit denen er in der Vergangenheit negativer Erfahrungen gemacht hat

    • @MINTiki

      Da gebe ich Ihnen (leider) völlig Recht – mit einer Ergänzung: Viele Naturwissenschaftler stören ihrerseits den Dialog, indem sie sich provozierend, herablassend und halbgebildet zu Themen wie Willensfreiheit, Religion(en) etc. äußern. Da verdrehen dann wiederum Geisteswissenschaftlerinnen die Augen – nicht immer zu Unrecht…

      Ich hoffe aber, dass die Zukunft mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit und also mehr Niveau erbringt…

  16. Naja, wenn die Bildungswissenschaften sich empirisch begründen würden, dann würden vermutlich die ganzen esotherischen Weltanschauungen der Reformpädagogen (Waldorf – Anthroposophen: Karmagedanken, wie jeder hat sein Schiksal durch Verfehlungen, auch in früheren Leben selbst verantwortet – von Missbrauch bis Krankheit, etc. / Epochenunterricht, … oder Montessori hat ein Idealbild der kosmischen Erziehung, … ) nicht mehr annähernd so populär sein

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