Neues Jahr, neues Spektrum der Wissenschaft

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als ich mein Abo-Heft von Spektrum der Wissenschaft aus dem Briefkasten holte, fiel mir ein zweites in die Hand. Ein Rezensionsexemplar zum "Relaunch" – überarbeiteten Neustart – der Reihe. Ob ich – völlig frei und gerne auch kritisch – einen Blog-Blick darauf werfen könne?

Ich nahm die Hefte an mich, durchaus gespannt. (Mein Abo-Exemplar habe ich inzwischen lieben Nachbarn vermacht und werde dort dann auch mal nachfragen, ob und wie es gefallen hat.) Seit zwei Jahrzehnten bin ich ein Magazin-Vielleser und habe schon als Jugendlicher einen Gutteil meines damaligen Sonntagszeitungsausträgergehaltes in die Bandbreite populärwissenschaftlicher und (zunehmend) wissenschaftlicher Magazine gesteckt. Offen gesagt: Lange vor der Einführung von "Bio"- und "Loha"-Labels hielt ich es für sinnvoll, anregend unterhalten zu werden und zugleich durch Nachfrage Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus zu fördern. Doch gerade im Hinblick auf die sehr seriösen Zeitschriften – und dazu ist Spektrum der Wissenschaft im deutschsprachigen Raum führend zu zählen – verspürte ich die vergangenen Jahre ein leise wachsendes Unbehagen. Würde der Relaunch daran etwas ändern?

Von Salat und Schokolade

Lassen Sie mich meine Befürchtungen mit einem Vergleich erklären: In den Kindergärten meiner Heimatstadt läuft gerade eine Diskussion. Vielerorts wurden die Räume so umgestaltet, dass sich Kinder jeweils den Tätigkeiten – wie Musizieren, Basteln, Lesen o.ä. – widmen können, auf die sie Lust haben. So lange und so oft sie wollen. Großartig, oder!? Nun, einige von uns Eltern sahen da ein Problem: Würden sich die Kinder nicht zunehmend auf die Tätigkeiten beschränken, die ihnen ohnehin leicht fielen? Würden sie, so ganz ohne Anleitung, auch mal Neues entdecken und die Freude erfahren, die es macht, eine schwierige Etappe zu meistern? Ein Elternbeirat formulierte: "Wenn ich meinem Kind Salat oder Schokolade anbiete, wird es doch immer die Schokolade wählen."

Meine Beobachtung und Befürchtung der vergangenen Jahre war, dass Wissenschaftszeitschriften zunehmend die gleiche Richtung einschlugen. Sie spezialisierten sich je zunehmend auf bestimmte Zielgruppen – z.B. die Liebhaber knalliger Überschriften über wenig Text, physikalischer Großtheorien, Psychologie mit Ratgeberanteil, Naturbeschreibungen o.ä. – und bedienten diese immer ausgefeilter. Jede Gruppe bekam – sozusagen – ihr Spielzimmer, ihre Schokolade zum Verbleib, der schwerer verdauliche Salat wurde dagegen zunehmend eingespart. Klar: Mündige Leserinnen und Leser haben ein Anrecht darauf, das geboten zu bekommen, was sie wollen. Aber geht ihnen und uns allen nicht doch etwas verloren, wenn wissenschaftlich Interessierte und Wissenschaftler selbst nur noch immer kleinere Ausschnitte der großen und verwobenen Wirklichkeit wahrnehmen? Würde mich das künftige SdW noch heraus- oder, weiter spezialisiert, nur noch überfordern?

Der erste Eindruck…

…war durchaus gemischt: Das Titelbild in Schwarz mit Würfel, Sternen und mit gediegenem Kosmologisch ("Super-WIMPS") signalisierte – Achtung, Nerdfaktor hoch, Lesezulassung erst ab Physik-Leistungskurs II. Aber die kleineren Titel (Erde 3.0, Mikrobiologie, Nanobilder und ein Streitgespräch über personalisierte Medizin) signalisierten dann doch auch: Hier geht es nach wie vor um ein breites Spektrum der Wissenschaft.

Also, dann mal rein!

Sehr schön: Das Doppel-Editorial des scheidenden Chefredakteurs Reinhard Breuer und des Neuen, Carsten Könneker. Respekt, Erfahrung, Aufbruch. Einmal gut, daran zu erinnern, dass auch Wissenschaftsjournalismus von – oft nicht nur interessierten, sondern auch interessanten – Menschen gestaltet wird.

Die Aufmachung hat sich nicht revolutionär geändert – und das ist gut so. SdW-Kundige brauchen keine große Umorientierung. Die Schrift ist etwas klarer, Grafiken und Fotos bestechen durch hohe Qualität, sonst bleibt die grafische Gestaltung zurück genommen. Mein Eindruck: Hier haben sich Profis an den neuen Lesegewohnheiten der Internetnutzer orientiert. Wir (wenn Sie erlauben) haben inzwischen meist genug von schreienden und blinkenden Farben, sofern diese nur auf Banalitäten hinlenken sollen. Wir wollen eine klare, leicht aufnehmbare Präsentation, die vor allem Inhalte vermittelt und Effekte (nur) dort anbringt, wo es für Leserinnen und Leser auch informierenden oder unterhaltenden Nutzen hat. Das ist hier gelungen, Pluspunkt.

Gehen wir es durch

Die Zusammensetzung hat sich nicht eingeengt, ich finde weiterhin Artikel zu Physik und Mathematik (wo ich quasi interessierter Gast bin), aber auch zu Hirnforschung und Biologie. Mein Lieblingsartikel diesmal ist jener über die frühen Vögel aus dem Reiche der Saurier von Gareth Dyke. Allein für diesen hat sich der Preis schon gelohnt. Bei den Science-Shop-Seiten stört mich nur, dass meine Bücher dort noch nie vorkamen (nur Spaß, und ich bin auch nicht der mit Akrobatik 😉 ). Aber ernsthaft: Seitdem Amazon Wikileaks die Server gestrichen hat, ist mir der unabhängige und zuverlässige Anbieter noch stärker ans Herz gewachsen. Bitte bald auch Kreditkarten akzeptieren! Und jene Bücher aktiv anbieten, die Michael Springer in "Springer’s Entwürfe" erwähnt – ich bin bestimmt nicht der einzige Fan, der sich von ihm verschiedentlich zu Leseabenteuern motivieren lässt. (Durch ihn entdeckte ich z.B. Sarah Blaffer Hrdys "Mütter und Andere" – danke dafür!!!)

Nun also die Super-WIMPs, Dunkle Materie, Dunkle Energie, das Ganze eingeleitet mit einem stimmungsvollen Einführungsbild. Verständliche Schreibe, präzise Grafiken. Einige Sätze muss ich zweimal lesen und dann – juchhu, habe ich einen Kosmologie-Artikel verstanden! Und richtig gut gefunden! (Holla, Salat kann ja SO lecker sein!)

Das Heiz-Paradoxon von Joachim Schlichthing "lockt" mit Entropie und Thermodynamik. Normalerweise nichts, dass mich gleich fesseln würde, aber mit dem originellen Alltags-Einstieg (Warum wird ein Zimmer durch Heizen wärmer?) kriegt mich der Autor doch. Der Autorenvorstellung entnehme ich, dass er einen Didaktik-Preis bekommen hat. Also, bei mir hat’s funktioniert! 🙂

Die Artikel über Lasertechnik, Nanowelt, Datenspeicher und Geometrie sind jeweils lang, aber bieten dafür auch knackig-viel Inhalt. Und: Zu diesen Themen finden sich Text- und Video-Links, was ich sehr gut finde. Denn wenn ein Thema schon vertieft wird, sollte es Zusatzangebote für die "richtigen" Fans geben, die an den aufgeworfenen Fragen weitermachen wollen. Das ist hier der Fall.

Erde 3.0 gefällt mir als Querdenker-Reihe zu einem wichtigen Anliegen. Allerdings fehlen hier diesmal überraschenderweise Links, Clips und Foren, wie sie gerade bei Umweltthemen angebracht wären. Die Lehrerin, die hier Material für ihren Kurs sucht, kommt nicht viel weiter. Der Aktivist oder Kritiker auch nur, falls sich ein Blogger erbarmt. Minus.

Die Buchrezensionen gehören stets zu meiner ersten Lektüre und sie profitieren auch von der hellen, entspannten Aufmachung und der diesmal vergleichsweise stabilen Platzgestaltung. So wird auch die Biographie des Physik-Großmeisters Gustav Robert Kirchhoff interessant. Sehr schön, gerne noch ein, zwei Seiten mehr davon!

"Wissenschaft im Überblick" bleibt erhalten (danke *uff*) und nun, Trommelwirbel, der Ausblick: Wird SdW die in diesem Heft gelungene Verbindung aus Konzentration und Weite halten? Die schwere Geburt der Sterne – klar -, Mikrochips und Steinschlag – aha, spannend – und: Ein Artikel über die Symbolik von Steinzeit-Höhlenmalereien. Ja, aber hallo! SO muss es sein! Der 25.01. ist im Kalender notiert! 

Fazit: Erleichterung, es geht voran! 

Aus meiner Sicht ist der Relaunch geglückt. Die gewachsenen Stärken des SdW-Heftes (z.B. inhaltliche Tiefe und Konzentration, gewachsene Rubriken) wurden erhalten, einige Verbesserungen (besseres Schriftbild, interdisziplinäre Breite) wirken sich aus. Die Themenauswahl wurde (trotz oder wegen der Kundenbefragung?) NICHT eingeschränkt, allerdings stehen die erfreulich vielseitigen Themenbereiche nun manchmal recht unverbunden nebeneinander.

Meine Anregungen wären a) die unverzichtbare Themenvielfalt auch etwas stärker im Titelbild sichtbar zu machen, b) öfter Brückenthemen aufzunehmen, die Spezialgebiete verbinden – zum Beispiel Spieltheorie zwischen Ökonomie und Psychologie, Demografie zwischen Mathematik, Gesellschaft und Evolution, ein Fussballdetail zwischen Physik und Sportmedizin o.ä. und c) "Auf einen Blick", Autorenvorstellung und Quellen sind bereits guter Standard – auch Weblinks sollten es sein.

Wissenschaft ist es wert, auch am Frühstückstisch und auf Parties diskutiert zu werden. Wenn Spektren funkeln, schmeckt auch der Salat. Dieser hier mundete – entgegen meinen geheimen Befürchtungen – dann doch vorzüglich und frisch!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Bewusstseinserweiterung

    Neben dem Design-Relaunch hat das Spektrum der Wissenschaft auch schrittweise – über mehrere Ausgaben hinweg – seine Fokus leicht verschoben und versucht den Leserkreis auszuweiten. Es gibt zwar immer noch Artikel zu bahnbrechenden Themen von Autoren, die später vielleicht den Nobelpreis erhalten, jedoch viel weniger. Neu dazugekommen sind Rubriken, die Alltagstechnologien erklären und seit einiger Zeit und immer öfters gibt es auch Interviews -etwas was früher dem “Bild der Wissenschaft” vorbehalten war. Auch Themen, die über mehrere Hefte laufen, wie Erde 3.0 gab es in den frühen SdW’s noch nicht. Das Spektrum hat sich also ausgeweitet.

    Es stellt sich natürlich immer wieder die zentrale Frage: Warum soll man das Spektrum der Wissenschaft überhaupt lesen? Findet sich nicht mehr und besseres in den Online-Wissenschafts-Websites?
    Zum Glück für das SdW öffnen sich mir doch immer wieder neue Welten. Der Artikel über die dunkle Materie im Spektrum 1/11 beispielsweise hat die wunderschöne Spekulation einer Gegenwelt ganz aus dunkler Materie vorgestellt, wo es nicht nur Wimps als Repräsentanten der dunklen Materie sondern eine ganze Schar von dunklen Teilchen und dunklen Wechselwirkungen gibt, die zusammen eine reiche Welt bilden könnten, so reich wie unsere sichtbare Welt, nur eben isoliert von uns – nicht räumlich isoliert sondern gewissermassen kontaktscheu und Kontakte nur zu seinesgleichen suchend. Solche Spekulationen nehme ich als Erweiterung des Möglichkeitsraumes wahr und sehe sie nicht nur als Aussagen über die physikalische Beschaffenheit der Welt sondern über Objekt- und Ideensysteme überhaupt. Das Spektrum der Wissenschaft also als Mittel der Bewsusstseinserweiterung, die uns einen Teil der Welt zeigt, den wir noch nicht kennen.

  2. Lieber Michael,
    mit diesem Satz bringst Du etwas ganz Wichtiges auf den Punkt:
    „Wir … haben inzwischen meist genug von schreienden und blinkenden Farben, sofern diese nur auf Banalitäten hinlenken sollen. Wir wollen eine klare, leicht aufnehmbare Präsentation, die vor allem Inhalte vermittelt und Effekte (nur) dort anbringt, wo es für Leserinnen und Leser auch informierenden oder unterhaltenden Nutzen hat.“

    Genau das war ein wesentliches Leitmotiv unserer Arbeit am neuen Heft: Die Stärken des Mediums Zeitschrift wieder neu für wissenschaftliche Themen zum Glänzen bringen: nicht nur EIN wichtiges Thema auszuloten, was Sachbuch besser können, sondern viele wichtige Themen; und diese einer entschleunigten, tief gehenden Lektüre durch unsere Leserinnen und Leser zuführen – anstelle von flüchtigen bunten Info-Happen, wie sie das Netz an etlichen Stellen feil bietet. Erindringen in neue wichtige Themen, Erkenntnisgewinn, Horizonterweiterung.

    Im Frühjahr werden wir unsere redaktionellen Onlineseiten grundlegend überarbeiten. Bin gespannt, wie Dir diese dann schmecken werden, Michael.

    Danke nochmal für die ehrlichen Worte und Deine Kritik!
    Carsten

  3. @Martin Holzherr

    Vielen Dank für die Einschätzung. Und ja, auch ich schätze an Spektrum der Wissenschaft, dass ich dort wissenschaftliche Themen finde, nach denen ich online kaum gesucht hätte. Zudem möchte ich nicht nur am Bildschirm, sondern auch auf dem Sofa, in der S-Bahn etc. Wissenschaft schmökern können. Und idealerweise geben mir wissenschaftliche Artikel nicht nur Denk-, sondern auch Gesprächs- und Anwendungsstoff an die Hand. Das Ganze jedoch fachlich vertieft und nicht auf knallige Überschriften verkürzt. Da sehe ich SdW insgesamt auf einem guten Weg.

  4. @Carsten

    Na, das freut mich aber zu lesen, dass offenkundig einiges vom Konzept tatsächlich auch so “ankommt”. Vom direkten Austausch wie hier abgesehen – schaut Ihr zum Beispiel auch, welche Themen von den Scilogs-Leserinnen und -Lesern stark nachgefragt und kommentiert werden? Ich fände es gut, wenn es da Rückkoppelungen zwischen der interaktiven Scilogs-Welt einerseits und den Printausgaben von Spektrum der Wissenschaft, Epoc, Gehirn & Geist sowie Sterne & Weltraum gäbe. Wäre nicht zum Beispiel auch denkbar, hin und wieder im Heft (z.B. im Editorial) auf Anregungen oder Links aus den Scilogs zu verweisen? Autoren wirken ja teilweise schon auf beiden Seiten mit – was ich gut und spannend finde!

  5. Verweise SciLogs – Hefte

    Hi Michael,

    ja, das ist eine gute Anregung, die ich bestimmt bald einmal umsetzen kann. Denn in der Tat registrieren wir schon, welche Themen in den SciLogs “gut kommen”, ebenso wie bei spektrumdirekt.de natürlich. Allerdings ist es nicht so, dass wir da ständig über den Zahlen hängen. Nur wenn irgendwo plötzlich die Post abgeht, ist das natürlich immer spannend und mitunter auch inspirierend.
    Liebe Grüße
    Carsten

  6. Pingback:Das neue Spektrum der Wissenschaft - wie ein Mathematiker vor einem falschen Verständnis von Altruismus warnt » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs

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