Mythen ergänzen die Vernunft. Kulturelle Evolution bei Karl Popper und Hans Blumenberg

Es gibt sie auch in der Philosophie – jene unerwarteten Entdeckungen, bei denen sich Puzzleteile plötzlich ineinander fügen, neuen Sinn ergeben und das Herz höher schlägt. So hatte ich mich nach der Erstabgabe meines neuen Christentum-zwischen-Rückzug-und-Kreuzzug-Buches (erscheint September) eigentlich mit vertiefender Lektüre von Hans Blumenberg (1920 – 1996) eigentlich “nur” vom Schreibdruck erholen und “belohnen” wollen. Nie hätte ich zu hoffen gewagt, dass sich dieser tanzende Meister der Phänomenologie mit dem liberalen Erkenntnistheoretiker Karl Popper (1902 – 1994) ausgerechnet bei den Grenzen der Vernunft berühren würde. Und sinnigerweise fielen die Fundstücke passend nach einem schönen Gespräch mit dem Mit-Filderstädter Dr. Inan Ince über die Güte und Gefahren des Mythos zusammen! Was für ein Sonntag!

Mit dem Blumenberg-Portrait von Jürgen Goldstein wagte ich mich an eine Neu-Lektüre von Hans Blumenberg “Arbeit am Mythos”. Und plötzlich überkreuzte sich dieser mit Popper! Foto: Michael Blume

Evolutionäre Erkenntnistheorie und der pragmatische Rationalismus bei Karl Popper

Worin bestand der Kreuzungspunkt? In seinem monumentalen Grundwerk des Liberalismus “Die offene Gesellschaft” von 1944/45 hatte Karl Popper aus der Perspektive der evolutionären Erkenntnistheorie argumentiert, dass Freiheit und Vielfalt notwendig wären, um immer wieder neue, unerwartete Entdeckungen machen zu können. Entsprechend entfaltete er – auf Seite 482 des zweiten Bandes über Marx und Hegel – seine Position eines “pragmatischen Rationalismus”. Er bekannte: “Die Welt ist nicht rational. Es ist aber die Aufgabe der Wissenschaft, sie zu rationalisieren. […] Der pragmatische Rationalismus verhält sich zu einem unkritischen Rationalismus und zum Irrationalismus ähnlich wie der kritische Rationalismus. Denn ein unkritischer Rationalismus kann behaupten, dass die Welt rational sei und dass es die Aufgabe der Wissenschaft sei, diese Rationalität zu entdecken, während ein Irrationalist geltend machen wird, dass die Welt, die im Kern irrational ist, erfahren und ausgeschöpft werden sollte durch unsere Gefühle und Leidenschaften (oder durch unsere intellektuelle Intuition), nicht aber durch wissenschaftliche Methoden.” Zur Verdeutlichung seiner pragmatischen, mittleren Position zitierte Popper aus “Der logische Aufbau der Welt” von Paul Rudolf Carnap (1891 – 1970): “Es ist die Gesinnung, die überall auf Klarheit geht und doch dabei die nie durchschaubare Verflechtung des Lebens anerkennt.”

Mythos als Ergänzung der Vernunft und kulturelle Evolution bei Hans Blumenberg

Auf seinen völlig eigenständigen Denkwegen kam Hans Blumenberg in seinem großen “Arbeit am Mythos” von 1979 zu identischen Befunden. Weder Wissenschaft noch Kunst könnten aus dem Nichts erschaffen, was Jahrzehntausende kultureller Evolution hervorgebracht hätten. “Der Glaube, die Phantasie müsse in einem Wurf leisten können, was die Selektion der langen Nächte einmal und einmalig geleistet hatte, ist eine Illusion.”, genau genommen sogar “eine von der Vernunft erzeugte Illusion.” Entsprechend gelte leider: “Jeder historischen Formation von Aufklärung ist der Mythos daher eher als eine Last denn als ein Schatz erschienen.” Doch tatsächlich gelte: “Es kann vernünftig sein, nicht bis zum Letzten vernünftig zu sein.” So habe Rene Descartes (1596 – 1650) Unrecht gehabt, als er behauptet habe, “man könne Städte am besten rational bauen, wenn man die Alt-Städte erst einmal niederlegte. Nicht einmal der Zweite Weltkrieg hat Nachweise für diese Chance der Rationalität geliefert.” Denn es gelte zu bedenken: “Rationalität ist nur allzu leicht zerstörungswillig, wenn sie die Rationalität des Unbegründeten verkennt und sich Begründungseuphorie leisten zu können glaubt.” Deswegen überfordere die rationalistische Anweisung zum schrankenlosen Selbst-Bedenken von Allem schlichtweg die Menschen. Diese Forderung stünde “im unauflöslichen Widerspruch zur schmalen Endlichkeit des Einzellebens, das der Selbstdenker für sich selbst hat.” (Und kaum ein Mensch hinterließ mehr selbstgedachte Texte zu mehr Themen als Hans Blumenberg selbst, der dennoch nie auch nur annähernd “fertig” wurde.) Als Gewährsmann für seine These, dass also in bewährten Mythen vieles mehr gespeichert und denkmöglich geworden ist, als je vernünftig von Einzelnen gedacht werden konnte, zitierte Blumenberg Ernst Cassirer (1874 – 1945): “Die Vergangenheit selbst hat kein >Warum< mehr: sie ist das Warum der Dinge. Das eben unterscheidet die Zeitbetrachtung des Mythos von der der Geschichte, daß für sie eine absolute Vergangenheit besteht, die als solche der weitergehenden Erklärung weder fähig noch bedürftig ist.” (Alle Zitate aus der suhrkamp-Ausgabe 2005 von “Arbeit am Mythos” (1979), S. 178 – 181)

Die Mythos-Definition von David Atwood (Basel) und “Verschwörungsmythen”

Leserinnen und Leser von “Verschwörungsmythen” (Patmos 2020) werden sich ggf. erinnern, dass ich genau so mit Mythen arbeite, jedoch die Begeisterung für kulturelle Evolution um einen eher popperschen Punkt ergänze: Mythen haben sich nicht schon dadurch als “gut” erwiesen, dass sie über Generationen hinweg tradiert wurden. Gerade auch antisemitische Verschwörungsmythen mögen nichtjüdischen Menschen für einfache Freund-Feind-Dualismen und sogar als Rechtfertigungen für Raubzüge gedient haben – doch das macht sie ebensowenig “vernünftig” wie Vergewaltigungen durch evolutionäre “Reproduktionserfolge” zu rechtfertigen wären. Nützlich und erfolgreich sind – wie gerade auch Karl Popper betont – keinesfalls schon gleichzusetzen mit “wahr” und “gut”. Vielmehr gehört es zu unserer Aufgabe als vernünftige Menschen, zwar die Funktionen von Mythen und Verschwörungsmythen anzuerkennen – aber doch vernünftig zwischen ihnen zu unterscheiden, sie zu prüfen und nur die guten Mythen weiter zu tragen. Kulturelle Evolution wird von uns mit-verantwortet!

Als Definition von Mythen verwende ich dabei auch weiterhin den Vorschlag von Dr. David Atwood (Universität Basel):

“Unter einem Mythos werden diejenigen Erzählungen verstanden, die durch die Imagination einer paradigmatischen, d.h. bedeutsamen Geschichte die Welt raumzeitlich ordnen und damit Handlungsanweisungen für Individuen wie für Kollektive anbieten.” (David Atwood, “Schwellenzeiten“, Ergon 2019, S. 26)

Und wie es der sogenannte Zufall wollte, durfte ich just am 15. Juni 2021 an einer digitalen Podiumsdiskussion des Kantons Basel (Schweiz) mit dem besagten David Atwood, mit Laila Knotek und Dr. Michael Wilke teilnehmen. Mit der YouTube-Aufzeichnung dieser Veranstaltung möchte ich schließen – und Ihnen zurufen, dass Sie sich für heute einen philosophisch durchglückten Blogger vorstellen dürfen. 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

32 Kommentare

  1. Ja, ich kenne auch so Aha-Momente, wie den, als ich erkannt habe, dass es allein vom Standpunkt des Betrachters abhängt, ob wir ein Objekt als Masse oder „masselos“ sehen – wir nehmen dasselbe Verhalten als Gravitation oder Impuls wahr, je nachdem, ob wir mit dem Auto mitfahren, oder es an uns vorbeifahren sehen. Dann verflucht man sich, weil man Ewigkeiten gebraucht hat, zu erkennen, was eigentlich eine Frage von „einfach mal hingucken und fünf Minuten darüber nachdenken“ hätte sein sollen, versucht, mit Leuten darüber zu reden, stellt fest, dass es entweder keinen interessiert, oder sie unbedingt streiten wollen, und beschränkt sich darauf, Andeutungen in Texten unterzubringen, wo sie nicht so richtig hingehören, aber irgendwie dann doch.

    Es geht um Standpunkte – jeder Mensch ist eine Sonde, ein Sensor, die Facette eines riesigen Insektenauges, das einen winzigen Teil der Welt um sich beobachtet. Je mehr davon, desto wahrscheinlicher, dass man etwas Interessantes sieht. Aber dazu müssen sie erst mal hingucken.

    DNA ist nur eine Art von Gencode – alle Information kämpft frei nach Darwin ums Überleben. Deswegen kann man kulturelle Evolution in einem Abwasch mit aller anderen behandeln.

    Zwei Arten unermesslicher Blödheit ergeben zusammen Intelligenz. Bei der einen sind wir Corona hoffnungslos unterlegen. Sie setzt auf Masse, man mehrt die Schachbretter, macht auf jedem einen zufälligen Zug, dann mehrt man die Schachbretter, auf denen man noch nicht verloren hat. Unter allen möglichen Schachzügen sind auch die richtigen, unter allen Partien auch die Partien der Großmeister – je schlauer der Gegner, je effektiver er die Fehler aussortiert, desto klüger erscheint man. Wenn er richtig gut ist, bleibt am Ende nur die geniale Strategie übrig, mit der man ihn geschlagen hat.

    Diese Intelligenz erfordert also eine hohe Anzahl von debilen Versuchskaninchen, die nach dem Jackass-Prinzip das Dümmste tun, was ihnen gerade in die Hohlschädel plumpst. Da die Menschheit nur acht Milliarden solcher lebenden Petrischalen hat, und jedes Exemplar zu einem Virenlabor mit Abermillionen Petrischalen umfunktioniert werden kann, haben wir bislang nur dem Virus gedient und seine Evolution angekurbelt: Indem es uns gerade so aufscheuchte, dass wir dagegen kämpfen, aber nicht so sehr, dass wir es ernst meinen, hat es sich gegen uns geimpft, eine schwache Immunreaktion provoziert, bei der wir jedes Mal, wenn es schien, als würden wir gewinnen, das Schlachtfeld räumten, sodass es einen neuen, besser angepassten Prototypen testen konnte. Selbst unsere Vorteile – wir können lichtschnell kommunizieren und müssen nicht warten, bis sich die Versuchskaninchen gemehrt haben, weil wir einfach nur den mutierten Gencode in alle Köpfe kopieren können – können den Vorteil seiner Masse nicht aufwiegen. Unsere Dummheit fordert das Virus zwar kaum heraus, macht es nicht schlauer, doch sie lässt ihm alle Zeit der Welt, zu spielen, zu lernen, erwachsen zu werden. Wir bieten ihm alle Vielfalt und Freiheit, die es braucht.

    Zum Großmeister wurden wir erst, als die zweite Stufe der Intelligenz ins Spiel kam: Die Verblödung. Man versucht gar nicht erst die Dinge, die immer falsch sind, sondern speichert die Algorithmen ab, die immer funktionieren. Man probiert erst gar nicht, wie viel 2+2 ist, man nimmt einfach an, dass Diamant, Mond und zwei Kiesel zusammen immer 4 Steine sind. Dadurch kommt man viel schneller zum Ergebnis, und braucht deutlich weniger Versuchskaninchen. Wenige Wissenschaftler mit viel Wissen, wenige Computer, die sehr schnell mit langen Strängen Daten-Gencodes hantieren konnten, brachten in kürzester Zeit einen Impfstoff hervor – eine Mutation, die Corona zumindest theoretisch ernsthaft in Bedrängnis bringen könnte. Auch wenn die Menschheit sich derzeit an allen Fronten müht, daraus einen Evolutions-Booster für das Virus zu bauen.

    Der Preis ist Überspezialisierung: Auch mit allen Spielzügen aller Schachgroßmeister aller Zeiten auf der Festplatte kommt man nicht weiter, wenn die Umwelt sich ändert und plötzlich Dame spielt. Dann macht man, was die Menschheit derzeit macht: Mehr vom Gleichen. Der Fisch auf dem Trockenen macht immer eifriger Schwimmbewegungen und atmet mit Kiemen, einfach, weil er nicht fähig ist, etwas anderes zu tun. Die Einzige und Allein Seligmachende Wahrheit, das klare Licht der Vernunft, das ihm den Weg gewiesen hat, ist zur Lüge geworden.

    An dem Punkt kommt die Macht der Masse zu tragen – weil wir selbst beim Dumm sein Fehler machen, macht irgendwann irgend jemand etwas Kluges. Viele Standpunkte, Sichtweisen, Irrtümer, falsche Spielzüge, um den einen richtigen herauszufinden – die falschen schaffen Dünger, Futter für die Sieger, räumen sich selbst aus dem Weg, die Biomasse wird vom Störfaktor zur Ressource, wird umgeformt vom Versager zum neuen Erfolgsmodell. Wenn wir schneller dumm sind, machen wir auch mehr Fehler, das heißt, es steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Lösung finden wird, die uns unsere Kristallkugel, das Wissen der Vergangenheit, nicht mehr bieten kann. Mehr Blödeln, mehr Irrwege, mehr Extremismus, mehr Wahn, mehr QAnon und Verschwörungstheorien – in dem wir uns panisch an eine Norm klammern, die auf einen anderen Planeten gehört, tasten wir blind und widerwillig auf dem vor, auf den uns der Zeitenwandel teleportiert hat. Mit vielen kleinen Jackass-Experimenten passen wir uns an die neue Welt an.

    Weil jeder seinen eigenen Soll-Wert schützt, seine eigene Normalität, und immer auf Kosten der anderen, geraten wir in Konflikt und zerstören die Reste der Welt, die wir bewahren wollen. Das zwingt die Überlebenden zu neuer Anpassung, neuen Risiken, neuen Experimenten. Wir sind so programmiert, dass wir uns zur Evolution prügeln, ob wir wollen oder nicht. Je weniger wir wollen, desto mehr Blut und Schwund.

    Eigentlich würden die Datenstränge, Gencodes, Versatzstücke in unserer Kristallkugel reichen, um uns schmerzfrei anzupassen. Doch wir sind schon zu überspezialisiert, zu perfekt an die Vergangenheit angepasst, um das Wissen zu nützen, um Neues zu basteln. Stattdessen sehen wir überall Regression: Territorialverhalten, Nationalismus und Führerkult von Schimpansen. Wenn das Menschenhirn nichts mehr nützt, löschen wir es und fangen wieder mit dem an, das darunter war.

    Vermutlich sind unsere Hirnzellen allesamt Versuchskaninchen, Petrischalen: Jede für sich schrecklich dumm und nur an sich selbst interessiert, doch zusammen ergeben sie ein Auge, das sich sowohl in der Kristallkugel, wie auch in der Realität umsehen kann. Das Datenstränge prüft, vergleicht, nach Mustern sucht, ohne sich um das scheren zu müssen, was die derzeit amtierende Allein Seligmachende Wahrheit sagt. Ein Versuchslabor, in dem wir den ganzen Anpassungs-Quatsch durchlaufen können, ohne deswegen in der Realität den dritten Weltkrieg vom Zaun zu reißen. Das nennt man dann Phantasie.

    Weil unser Hirn nicht mit Buchstaben arbeitet, sondern mit Bilderschrift, schreibt die Kristallkugel Mythen: Die Zombie-Apokalypse oder der Babelturm sind physikalische Formeln, sie zeigen ein tieferes Verständnis von Mechanismen der Entropie, als die Wissenschaft bisher hat. Dabei unterscheidet sie aber nicht zwischen Mythen, die noch der Erfahrungswelt eines Schimpansen entstammen, und solchen, die bereits der Mensch erstellt hat. Es ist eine Bibliothek, nur so gut, wie das, was man daraus macht.

    Wenn Sie genau überlegen, sind beide Systeme das gleiche, in verschiedenem Maßstab – jedes im Innern noch so überangepasste System ist nach Außen, innerhalb eines größeren Systems, nur eines von vielen blödelnden Versuchskaninchen. Wir kombinieren hier die Vor- und Nachteile verschiedener Fraktal-Ebenen in Relation zur unseren.

    Welches Weltbild, welches Betriebssystem sich am Ende herauskristallisieren mag – es muss nicht wahr sein, nur gut genug, um zu überleben. Eine Physik, in der zwischen Masse und masselos unterschieden wird, funktioniert ja auch recht gut seit hundert Jahren, auch wenn sie sich da nur reale Phänomene mit Hexerei erklärt. Wir können alle Löcher mit Fudge Factors kitten, alle unbeantworteten Fragen mit Gott, Zufall, Schicksal, okkulten Mächten. Solange wir nahe genug an der Realität bleiben, um Essen auf den Tisch zu bekommen, ist es der Evolution egal.

    Kurzum, die menschliche Vernunft scheitert daran, dass wir Idioten sind. Oft genug ist es schlauer, die Klappe zu halten, der Realität zu rauschen, und darauf zu vertrauen, dass man in all dem Chaos irgendwann die höhere Vernunft erkennt – die rationalen Zusammenhänge, die sie zusammen bilden. Wissen macht dumm, wissen wollen macht weise.

    • Danke, @Paul S.

      In Ihren Ausführungen zur vermeintlich fehlenden Vernunft anderer Menschen fehlt mir ein wesentlicher Aspekt: Die Frage nach dem Sinn. Denn es stimmt einfach nicht, dass „die Evolution“ nur auf das „Essen auf dem Tisch“ ziele. Evolutionäre Fitness definiert sich über die Nachkommenschaften, die Zukunft. Deutschland ist ein hervorragendes Beispiel für ein gleichzeitig wohlhabendes wie kinderarmes Land.

      Eine rationalistische Gnosis, die sich an der vermeintlichen „Dummheit“ engagierter Eltern ergötzt, scheint mir auch evolutionär-erkenntnistheoretisch längst überholt zu sein.
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dennoch-liberale-anthropodizee-nach-karl-popper/

      Ihnen aber Dank für das Aufzeigen gedanklicher Alternativen!

      • Evolutionäre Fitness definiert sich über die Nachkommenschaften, die Zukunft. Deutschland ist ein hervorragendes Beispiel für ein gleichzeitig wohlhabendes wie kinderarmes Land.

        Schließt das Eine denn das Andere automatisch aus? Es ist doch weltweit (über alle Kultur- und Religionsgrenzen hinweg, soweit ich weiß) zu beobachten, dass höher gebildete Menschen weniger Nachkommen produzieren als weniger gebildete (immer als Durchschnittswert zu verstehen, natürlich). Ich denke nicht, dass dieser Umstand kontra-evolutionär ist, denn daraus ließe sich doch ableiten, dass Bildung und Wissen kontra-evolutionär wären, was mir sehr unwahrscheinlich scheint.

        Stattdessen denke ich, dass Kinderarmut eine Folge von Wissen ist: Anstatt 2 Kinder nur zu je 50% oder 4 Kinder nur zu je 25% fördern zu können, kann ein Paar ein einziges Kind zu 100% fördern und damit dessen Chancen deutlich erhöhen. Zudem ist es gerade in bevölkerungsreichen Ländern auch oft so, dass viele, noch dazu schlecht gebildete Menschen sich auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig Konkurrenz machen und so ihre eigene Armut zementieren. Mit der Reduzierung der Kinderzahl erreichen Eltern also für das eine Kind dann bessere Lebenschancen. Auch im Hinblick auf den Klimawandel kann es durchaus evolutionär richtig sein, pro Paar (also pro ZWEI Erwachsene) nur EIN Kind zu haben, um Ressourcen zu sparen, weniger Fläche zu verbrauchen oder dergleichen.

        Kinderarmut wäre dann die (richtige und kluge) Antwort gebildeter Menschen auf die Probleme unserer Zeit, um eben jene zu lösen und dennoch ihre Gene weitergeben zu können (im Gegensatz zu Leuten, die gar keine Kinder haben). Die Kinderarmut könnte also gerade der Garant für die Zukunft sein, denn die geringere Gesamtanzahl könnte die Zukunft der neuen Generation absichern.

        Das würde sich freilich mit dem Generationenvertrag unseres Rentensystems und ähnlichen Konstrukten beißen, aber dadurch allein wird der Gedankengang ja nicht falsch – möglicherweise ist ja eher unser Rentensystem veraltet und nicht mehr zeitgemäß.

        Dessen ungeachtet treibt freilich auch die Kinderarmut ihre Blüten, indem das einzige Kind dann allein die Last der Träume und Erwartungen der Eltern tragen muss (ganz abgesehen von ihrer Altersversorgung), und das Fehlen von Geschwistern hat ja auch soziale Effekte auf die Kinder usw. usf. – all das heißt aber dennoch nicht, dass die These von der “evolutionär richtigen” Kinderarmut deswegen automatisch falsch sein muss.

        • Vielen Dank, @tranquebar. Nach meiner Einschätzung zielen Evolutionsprozesse auf Selbstorganisation, nicht auf „wahr“ oder gar „gut“. Evolutionäre Fitness hilft uns daher bei ethischen Betrachtungen menschlichen Verhaltens für sich alleine noch nicht weiter.

  2. Hm.

    Ich habe überlegt, aber jemand sollte es Ihnen doch sagen. Keine Sorge, nur eine kleine Kritik – Nicht einmal Kritik, nein, mehr so ein … Verbesserungsvorschlag? Und da ich bei Ihnen ohnehin derzeit nicht so gut angesehen bin (ja ja, ich weiß, aus Gründen), dachte ich, könnte ich gut derjenige sein, der ohnehin nicht mehr viel zu verlieren –

    Kurzum: Als Sie in der Videokonferenz kurz hinausgingen, um Ihren sicherlich reizenden WaffWaff zu beruhigen, war hinter Ihrem nun nicht mehr sichtbaren Gesicht ein Computer-Monitor zu sehen. Nehmen Sie doch einmal für Videokonferenzen diesen in Betrieb und fixieren Sie doch einfach mal an diesem eine externe Webcam, schon ab 30€ (bis natürlich sehr viel teurer) zu haben!

    Sie blicken dann nicht mehr auf eine Laptop-Cam, und damit auf uns, herab, sondern in die knapp über den Monitor, und damit uns geradewegs auf Augenhöhe in dieselbe. Schon sprachlich spüren Sie: Auf uns herab – Auf Augenhöhe. Sehen Sie sich noch einmal in diese Webkonferenz hinein: Das ist, was Ihre Gesprächspartner machen, und diese gleich viel sympathischer, vor allem auch: Die Situation gleich viel weniger gekünstelt wirken läßt. (Finde ich auch einen Aspekt, vor allem für Zuschauer, die Bewegtbilder noch mehr vom Fernseher kennen als aus Computerperspektive.)

    Zudem Sie nun auch die Mitte 40 erreicht haben (ach ja, Glückwunsch nachträglich!) und sicherlich auch, aber ich denke doch, gar nicht mal so sehr, die vorzügliche Küche Ihrer Frau, vor allem aber doch jene fatal geneigte Kopfhaltung Sie ein Doppelkinn andeuten läßt, das Sie in Wirklichkeit, ich bin da sicher, noch gar nicht haben! 😳😉😁

    Extra-Servicetipp: Ein Monitor läßt sich auch unter Windows für gewöhnlich sehr einfach als Zweitmonitor einrichten. Auf diesen könnten Sie abbilden, was Sie auf dem Laptop-Screen zu erwarten sähen, dann hätten Sie letzteren wiederum frei als Kontrollbildschirm. Auf dem Sie etwa das Endergebnis, den fertigen Livestream sehen könnten (ACHTUNG! UNBEDINGT TON AUSSCHALTEN! Ein solches Verfahren hat für gewöhnlich eine gewisse Latenz; Sie sehen das Endergebnis erst einige Millisekunden später. Aber Sie könnten mit einem kurzen Blick nach unten selber kontrollieren, etwa ob sich, wie erwünscht und erwartet, zum Beispiel wirklich eine PowerPoint-Folie im Endergebnis wiederfindet.)

    Nix für ungut, bittegerne 😉

    Ihr

    Alubehüteter

  3. Zitat:
    “….Gerade auch antisemitische Verschwörungsmythen mögen nichtjüdischen Menschen für einfache Freund-Feind-Dualismen und sogar als Rechtfertigungen für Raubzüge gedient haben – doch das macht sie ebensowenig “vernünftig” wie Vergewaltigungen durch evolutionäre “Reproduktionserfolge” zu rechtfertigen wären. Nützlich und erfolgreich sind – wie gerade auch Karl Popper betont – keinesfalls schon gleichzusetzen mit “wahr” und “gut”. Vielmehr gehört es zu unserer Aufgabe als vernünftige Menschen, zwar die Funktionen von Mythen und Verschwörungsmythen anzuerkennen – aber doch vernünftig zwischen ihnen zu unterscheiden, sie zu prüfen und nur die guten Mythen weiter zu tragen. Kulturelle Evolution wird von uns mit-verantwortet!…..”
    (Zitatende)

    1.
    Es gibt Zweckrationalität und humanistische Ethik. Sozialdarwinistische Zweckrationalisten halten jegliches Handeln, das dem Zweck der (darwinistischen) Arterhaltung und evolutionären Verbesserung der Art dient nicht nur für vernünftig, sondern auch für in hohem Maße ethisch.

    Popper allerdings meinte bzw. versuchte zu begründen, dass sich Ethik grund- sätzlich nicht aus zugrundeliegenden wisssenschaftlichen bzw. wissenschaftstheoretischen Überlegungen (vernünftig bzw. rational) ABLEITEN liese. Man könne einfach nur entscheiden oder besser FÜHLEN, (humanitisch- ) handeln zu wollen. Als mögliches Beispiel (wenn man denn unbedingt eines brauche) nannte er den (entmythologisierten) protestantischen Theologen Albert Schweitzer.
    2.
    Zur Bedeutung des “Mythos” hat der Wisssenschaftsphilosoph Paul K. Feyerabend zeitlebens vermutlich schon sehr Wesentliches beigetragen.
    Vertieft nachzulesen z.B. in seinem 2009 postmum erschienenen Skript “Naturphilosophie” (Suhrkamp, 384 Seiten)

    • Popper allerdings meinte bzw. versuchte zu begründen, dass sich Ethik grund- sätzlich nicht aus zugrundeliegenden wisssenschaftlichen bzw. wissenschaftstheoretischen Überlegungen (vernünftig bzw. rational) ABLEITEN liese. Man könne einfach nur entscheiden oder besser FÜHLEN, (humanitisch- ) handeln zu wollen. Als mögliches Beispiel (wenn man denn unbedingt eines brauche) nannte er den (entmythologisierten) protestantischen Theologen Albert Schweitzer.

      Meint er den gefeierten entmythologisierenden Jahrhunderttheologen? Oder nicht doch eher den (meines Erachtens unterschätzten) Ethiker Albert Schweitzer? Und beruft der sich nur auf ein Gefühl?

      In Kultur und Ethik legt Schweitzer dar, daß alle bisherige Ethik eingebettet sei in eine Metaphysik, in ein von Gott her gedeutetes Weltganzes, von wo aus die Menschheit wie davon abgeleitet der Einzelne Sinn, Bedeutung, Stellung, Aufgabe erhalte. Das sei bis auf weiteres nicht mehr möglich. Auf eine solche gemeinsame Deutung des Weltganzen werden wir uns kaum mehr einigen können, und damit auch nicht auf eine von dieser Weltdeutung abgeleiteten gemeinsame, verbindliche Ethik.

      „Gefühl“ ist in der Tat ein Schlüsselerlebnis Schweitzers. Aber er macht es zur Grunderfahrung, zur Ausgangserfahrung eines jeden, daß er wahrnehme „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Von da aus, nicht mehr von einem Weltganzen müsse sich Ethik begründen.

      Es ist übrigens interessant, sich mit der Familiengeschichte der Schweitzers zu befassen: Denn Sartre war auch einer. Und aus der Perspektive protestantischer Theologie nach dem Tode Gottes liest sich Sartre noch einmal ganz neu. Eigentlich treibt er in der Sache das Anliegen seines Großonkels (den er nur wenig gelesen hat, nicht persönlich begegnet ist) weiter.

      Und ja – Heidegger ist für diese Zeit zu nennen als der unerwartete Antipode. Noch einmal. Heidegger ist der faszinierende Versuch, diese Rückbindung des Menschen an ein Größeres doch noch einmal wieder herzustellen – Bzw. ganz neu zu begründen. Das macht ihn zum so großen Bildungs- wie Ausgangserlebnis für katholische Phänomenologen, die Wege jenseits der Neuscholastik der pianischen Epoche suchen wie Karl Rahner, Bernhard Welte, wie eben auch Hans Blumenberg (wie der große Kurt Flasch ja in seiner wegweisenden Blumenberg-Forschung aufzeigt). Wenn Blumenberg seinen Aufbruch auch irgendwann abbricht (haben sich aber noch ganz Andere die Zähne dran ausgebissen: Thomas und Buenoventura mit Heidegger neu zu lesen und gegen Heidegger zu verteidigen), das Grundthema bleibt ihm: Daß ich Mensch eben doch nicht nur bin aus cartesianischer Selbstsetzung (wieder: Sartre!), sondern aus einem mir nicht Verfügbaren.

  4. “Mythen ergänzen die Vernunft”
    Eine naheliegende Frage hier ist, um was es sich bei Vernunft handeln soll.
    Sind Mythen und Vernunft überhaupt von einer Art, dass diese sich ergänzen könnten, oder ist Vernunft an sich schon ein eigener Mythos?

    Vernunft?

    Erkenntnisfähigkeit? Das stünde ja in keiner Weise irgendwie gegen Mythen, ergo könnten die da nicht ergänzen.

    Als ordnendes Prinzip? Mmh das scheint eher religiös zu sein .. als Vermittlungshilfe von dieser Vernunft kann man sich Mythen gut vorstellen, aber als Ergänzung?

    Sicher gibt es noch viele weitere mögliche Bedeutungen von Vernunft, aber welche ist hier gemeint?

    • Lieber @einer,

      sowohl Popper wie Blumenberg definieren Vernunft als das Erkennen von regelhaften Zusammenhängen, zuletzt v.a. durch die wissenschaftliche Methode (Theorie). Dass aus Vernunft alleine jedoch noch keine ausreichende Motivation etwa zu zielgerichtetem Handeln abgeleitet werden kann, würden sie bestätigen. Auch deshalb wäre es nach beider Auffassung auch immer notwendig, die Vernunft auch dadurch zu ehren, dass man ihre Grenzen anerkennt.

      Mit freundlichen Grüßen

  5. Mythen nicht schlecht sein müssen, (unfalsifizierbare) Mythen, die erkennbar Schlechtes wollen, schon.
    Schön auch die beigebrachten Definitionen im Artikeltext.
    In diesem Zusammenhang bleibt auch zu beachten, dass die Naturwissenschaften Vieles nicht erklären können, nur sogenannte Szientisten glauben dass dies ginge, sie setzen dann auf zukünftig zu erwartende wissenschaftliche Erkenntnis, was unvernünftig sein muss, insofern kann so eine “dicke fette Erzählung” helfen und Grundlage und Stand geben.
    Wobei bei Mythen nie vergessen werden darf, dass sie Mythen sind.

    MFG
    WB

    • Danke, @Webbaer. Tatsächlich bekomme ich ja einigen Gegenwind dafür, dass ich gegen platonische, romantisierende und esoterische Traditionen feststelle, dass Mythen ebenso anfällig für Missbrauch sind wie Sprachen, Religiosität, Wissenschaften. Wir dürfen uns der vernünftigen Unterscheidung zwischen konstruktiven Mythologien und Verschwörungsmythen ebenso wenig verweigern wie der ethischen Reflexion anderer Lebensbereiche.

      • Die Idee des Sapere-Aude ist ein Mythos, insofern gibt es eine Art Grundbegründung (die Redundanz ist beabsichtigt), für bestimmte Axiomatiken, die auch Mythen genannt werden dürfen, das gesellschaftliche wie irdische Sein meinend,
        Auch der Wahn kann mythisch sein.
        >:->

        Q: Wie unterscheiden wir?
        A: Durch sinnhafte Axiomatik.

        Axiomatik zH nehmend :
        -> https://www.etymonline.com/word/axiom#etymonline_v_19028

        Das eine und das andere auf einen zum Vergleich geeigneten Apparat ist gemeint, das eine kann schwerer sein als das andere, die Achse meinend, dann ist es sozusagen für alle Zeiten gesetzt wahr.

        MFG
        WB

  6. “Mythen ergänzen die Vernunft.”…

    tatsächlich?

    ist es nicht eher so, dass man sich aus Vernunftverzicht auf zusehends brüchiger wirkende Mythen verlassen möchte, weil “das Leben ist ja auch sonst recht schwer”?

    • Ich kann zwischen beiden Thesen keinen ernsthaften Widerspruch erkennen, @donald mueller – auch Sie verweisen ja m.E. implizit auf eine Bewältigungs-Funktion von Mythen.

      • Wobei man – sozusagen aus Gründen – mit Popper, Marx bis zurück zu Hegel akzeptieren sollte, dass es zu jeder These auch eine Antithese und damit den Widerspruch als Triebfeder jedweder Entwicklung gibt, ja sogar geben soll und dies erkannt werden muss, um nicht in einen ebenso befremdlichen wie größenwahnsinnigen Dogmatismus – egal welchen Vorzeichens – zu verfallen… .

        Und da bin ich auch schon wieder bei der Frage, die ich als philosophische Laiin – entsprechend in diesem Forum bereits verhöhnt – leider bislang von keinem der hier so kommunikationsfreudig vertretenen “wise men” beantwortet bekommen habe, und die da lautet:
        Wo ist das wirklich Neue in der Popperschen Philosophie? Was unterscheidet sein Falisfikationsprinzip von der Dialektik als philosophischer Theorie und zugleich als dialektischer Denkweise und Methode?

        Zitiert sei insoweit nur (ich weiß, es tut weh) Karl Marx (aus womöglich nachzuliefernden 😉 Gründen – ich hatte mich hierzu ja bereits ansatzweise offenbart):
        “In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie den (…) doktrinierten Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.” (Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. In: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23, S. 27 f.)

        Popper und Blumenberg greifen diesen Gedanken offenbar auch auf, indem sie die Vernunft, wie Sie, Michael Blume schreiben, als “Erkennen von regelhaften Zusammenhängen”, definieren.
        Denn der dialektische Materialismus will – wenn diese Bemerkung ohne weitergehende Konsequenzen erlaubt ist – nichts anderes als die allgemeinen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aller Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Denken untersuchen und erkennen. Sie untersucht – anders als die theologisch-religiösen oder die metaphysischen Ansätze – die allgemeine Natur der Entwicklung, die allgemeinen Entwicklungsgesetze und versteht sich daher als Entwicklungstheorie und eben nicht – wie so häufig unterstellt – als starres Dogma.

        Und wenn Popper also (in diesem Forum wiederholt diskutiert) feststellt:
        “Die Welt ist nicht rational. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, sie zu rationalisieren” (Michael Blume, oben a.a.O.), so bleibt die von mir schon einmal aufgeworfene, leider – womöglich aus Gründen zu primitiver und nicht replizierwürdiger weiblicher Naivität – nach wie vor unbeantwortete Frage, was denn genau Popper mit der “Welt” meint (etwa die vom Bewusstsein unabhängige objektive Realität oder aber auch schon mehr oder weniger richtige oder unzutreffende Widerspiegelungen im Bewusstsein des Menschen), nach wie vor unbeantwortet, obwohl sie m.E. eine entscheidende Frage ist. Etwa, um sich von David Hume oder Immanuel Kant abzugrenzen, wobei Letzterer immerhin an einer strengen Geltung der (Natur-)Gesetze festhielt, diese aber nur gewährleistet sah, indem er sie in den Verstand verlagerte, nach dem Motto:
        “Die Ordnung und Regelmässigkeit also in den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht (…) ursprünglich hineingelegt.”
        (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Leipzig 1979, S. 216)

        Eine solche Auffassung ignoriert m.E. abwegig den Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein und die Erkenntnis, dass (Natur-)Gesetze unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existieren und wir uns diesen mit den Methoden der Wissenschaft, letztlich mit dem “Verstand”, nur erkennend annähern können und mit dieser “Erkenntnis” uns und die Welt ökologisch nachhaltig und sozial gerecht (wobei das Eine conditio sine qua non für das Andere ist) erhalten können.

        Und nun noch, bevor ich mich mangels ausreichender philosophischer und (meiner bildungsfernen und indoktrinierten Ossi-Sozialisation geschuldet) religionswissenschaftlicher Kenntnisse, überdies als hier eher unterrepräsentierte Frau, die hier gerne auch mal in ihre eigentliche Destination, namentlich die Küche, delegiert wird, aus diesem Forum verabschiede, noch eine letzte Bitte:

        Unter dem Motto: “Das könnte Sie auch interessieren” erscheint hier gehäuft eine “Anzeige” mit der Headline “Vanessa Mai zieht beim Tanzen unfreiwillig blank.” Dieser Beitrag stammt eigentlich aus 2/21, taucht gleichwohl mit einer gewissen Hartnäckigkeit immer wieder auf, obwohl er einem “Scilog” wie diesem doch eigentlich unwürdig sein sollte. Falls dem jeweiligen Blogger also ein Einfluss hierauf möglich sein sollte, bitte ich höflichst, diesen womöglich auszuüben und aus Gründen der Seriosität und des Anstandes, solche Wiederholungen zu vermeiden und den Fokus dringend auf andere Themen zu richten, die die Würde der Menschen, ja tatsächlich auch der Frauen, nicht ausblenden.
        Vielen Dank für Ihre Bemühungen und alles erdenklich Gute!

        • Vielen Dank, @Sandy. Wie Sie wissen, schätze ich Ihre Kommentare sehr und hoffe, dass Sie sich niemals und von niemandem zum Verstummen bringen lassen.

          Zu Ihrer Frage: In der Dialektik stellen wir uns mit der Annahme von These, Antithese, Synthese gewissermaßen über den Erkenntnisvorgang, schreiben ihm einen Entwicklungsprozess, einen Pfeil zu.

          Karl Popper ist dagegen und gegen sich selbst strenger. Ob auf These A und These B Synthese C folgt, ist für ihn völlig offen. Die Thesen wären zu überprüfen (falsifizieren) und im Falle der Widerlegung auch aufzugeben. Es gäbe also keinen Anspruch auf eine Synthese mit widerlegten Thesen oder auch nur ein bestimmtes Entwicklungsgesetz. Auch bereits mehrfach bestätigte Thesen müssen sich nicht nur wiederholter Prüfungen, sondern auch der Herausforderung durch potentiell bessere Thesen zu stellen. Und dies im Bewusstsein, dass die Annäherung an die komplexe Wirklichkeit immer nur eine Annäherung sein kann, es also immer auch Unerforschtes geben wird.

          Auf einen plumpen Reduktionismus läuft dies schon deswegen nicht heraus, weil Popper dabei 3 Welten unterscheidet: 1. Die materielle Welt. 2. Subjektive Überzeugungen und 3. etabliertes, allgemeines Wissen von mathematischen Formeln bis zu Menschenrechten. Popper würde gleich zugeben, dass Letztere nicht wissenschaftlich überprüfbar sind, sondern durch Beschlüsse in Welt 3 eingetragen werden. Die Realität ist bei ihm emergent, die Zukunft offen.

          Das mit den unangenehmen Werbungen werde ich gerne einmal ansprechen.

          Ihnen herzlichen Dank und alles Gute! 🖖

        • @ Kommentatorenfreundin ‘Sandy’

          Und wenn Popper also (in diesem Forum wiederholt diskutiert) feststellt:
          “Die Welt ist nicht rational. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, sie zu rationalisieren” (Michael Blume, oben a.a.O.), so bleibt die von mir schon einmal aufgeworfene, leider – womöglich aus Gründen zu primitiver und nicht replizierwürdiger weiblicher Naivität – nach wie vor unbeantwortete Frage, was denn genau Popper mit der “Welt” meint (etwa die vom Bewusstsein unabhängige objektive Realität oder aber auch schon mehr oder weniger richtige oder unzutreffende Widerspiegelungen im Bewusstsein des Menschen), nach wie vor unbeantwortet, obwohl sie m.E. eine entscheidende Frage ist.

          Die Welt ist nach oft verbreiteter, herkömmlicher Definition, das, was ist und wirkt.

          >:->

          Insofern gibt es, auf das, was geschieht und passiert, unterschiedliche Sichten (“Theorien”, es gibt also Theorien über die(se) Welt), es gibt z.B. die realistische Sicht (die Sachlichkeit meinend), die Wirklichkeit (das, was nicht sachlich sein muss, aber wirken kann), die Physikalität, die theoretisierende Naturwissenschaftlichkeit meinend, die Physik, und die informatorische Sicht, so etwas z. B. :

          -> https://en.wikipedia.org/wiki/Mathematical_universe_hypothesis (“MUH”, lol)

          So etwas könnte idT “Bull” sein :

          -> https://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Welten-Lehre

          HTH (“hope this helps”)
          Dr. Webbaer (der genau derjenige ist, der zu “besonderen” Fragen, die Welt, diese Welt betreffend, auszusagen weiß, manchmal, nur gelegentlich, dem hiesigen werten Inhaltegeber vorgreifend)

  7. @Michael 06.07. 00:37

    „Auf einen plumpen Reduktionismus läuft dies schon deswegen nicht heraus, weil Popper dabei 3 Welten unterscheidet: 1. Die materielle Welt. 2. Subjektive Überzeugungen und 3. etabliertes, allgemeines Wissen von mathematischen Formeln bis zu Menschenrechten. Popper würde gleich zugeben, dass Letztere nicht wissenschaftlich überprüfbar sind, sondern durch Beschlüsse in Welt 3 eingetragen werden. Die Realität ist bei ihm emergent, die Zukunft offen.“

    Das ist zunächst mal schon ganz gut, finde ich. Um jetzt aber religiösen Mythen, spirituellen Erfahrungen und esoterischen Ansichten gerecht zu werden, ist dieses 3-Welten-Modell aber doch noch etwas zu klein.

    Ich würde also zur Welt „1. Die materielle Welt“ noch eine Erweiterung hinzunehmen, nämlich geistige Aktivitäten, die erstens in der materiellen Welt wirksam werden können, und zweitens auch eine eigenen Unterabteilung im ganzen Kosmos ausmachen. Dies würde dann auf Welt „2. Subjektive Überzeugungen“ einwirken, dass wir uns dessen mehr oder weniger bewusst sein können, und auch in Welt „3. etabliertes, allgemeines Wissen“ könnte dieses zukünftig allgemein bzw. schon jetzt persönlich Eingang finden.

    Reduktionismus ist dieses also schon mal gar nicht mehr, und die Realität ist dann immer noch emergent, die Zukunft immer noch offen, kann aber aufgrund von spezifischer Geistesinitiative dann auch noch planvolle Anteile haben.

    Innerhalb dieses Horizontes kann man viel besser zwischen fundamentalistischem und weltoffenem religiösen Glauben unterscheiden: Der Weltoffene hält sich an das Regime des Regelmäßigem, das die Wissenschaft in der Welt sicher festgestellt hat, bleibt aber darüber hinaus bei Geisteswelten, soweit sie noch nicht von gesichertem Wissen verdrängt wurden. Der Fundamentalist dagegen ignoriert die Evidenz wie es ihm passt.

    Und der fundamentalistische Naturalismus ignoriert einen Teil der subjektiven Wirklichkeit, was ebenfalls ins Nichts führt. Hier werden auch schnell mal Innenwelten ganz zum Epiphänomen degradiert, wenn man anders nicht mehr weiter kommt.

  8. Hallo Sandy

    Ihre (gespielte ?) unterwürfige Schüchternheit angesicht so monumentaler Geistesgrößen wie meine Großartigkeit ,Michael Blume , und (mit gebührendem Abstand) alle anderer gelegentlichen oder dauerhaften Forenten provoziert mich zu dieser Ansprache:

    Sollten Sie wirlich so kleinlaut sein und denken , wie Sie tun, habe ich ein paar das Selbstbewusstsein stützende Thesen für Sie. Quasi vom Aluhut- Amateurphilosoph zur ostdeutschen Underdog- Philosophin mit Marx- Schuldkomplex:

    1. Es ist Bundesbürgern durchaus erlaubt, Marx als Philosophen zu zitieren.
    Der Über- Philosoph Popper hat das ausschweifend getan und sogar explizit darauf hingewiesen, dass das Marx`sche Werk (auch) Aspekte enthält die durchaus der (wohlwollenden) Beachtung wert sind.
    Zudem gab es in den 1960er Jahren einen ausführlichen Disput zwischen Popper (ianern) und der “Frankfurter Schule”, in dem es um all die Fragen ging, die auch Sie aufgeworfen haben.
    Soviel sehr verkürzt zu ihrer obigen Bemerkung:
    …Wo ist das wirklich Neue in der Popperschen Philosophie? Was unterscheidet sein Falisfikationsprinzip von der Dialektik als philosophischer Theorie und zugleich als dialektischer Denkweise und Methode?…”

    2.
    Zur Frage Popper- Hume – Kant und “Ist die Welt rational” kann ich ihnen nur raten, mal etwas von P.Feyerabend oder wenigstens von Th. Kuhn zu lesen.
    Selbst die heutigen (selbsternannten)Hardcore- Naturwissenschaftler im Umkreis des Vereins der “Skeptiker” haben angesichts der neueren naturwissenschaftlichen Empirie keine einheitliche Position mehr. Inzwischen wird sogar der generationenlang als esoterische Spinnerei verlachte “Lamarck-ismus” wieder als “Neue Synthese” in “Die Evolutionstheorie” integriert. (es ging nicht mehr anders wegen der neueren Erkenntnisse zu Epigenetik)

    In einer Buchrezension zum Buch “Wissenschaft und Aberglaube” aktuellen”Skeptiker” (Printausgabe) lese ich, dass der Physiker (und Blog-Aktivist)
    Paul Eigner eine äußerst orthodoxe Popper -Interpretation vertritt (Gute Theorien werden nie widerlegt, sondern nur ((durch “Erweiterungen)) präzisiert), während der (gemäßigte) Naturalist Martin Mahner(Biologe und Wissenschaftsphilosoph) mit dem späten Popper und seinen Kritikern feststellt , dass die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und “Pseudowissenschaft” “….wohl immer unscharf bleiben muss….” ! (Skeptiker 2/2021, S.108)

    Weiter zum Folgenden von Ihnen:

    “…Und nun noch, bevor ich mich mangels ausreichender philosophischer und (meiner bildungsfernen und indoktrinierten Ossi-Sozialisation geschuldet) religionswissenschaftlicher Kenntnisse, überdies als hier eher unterrepräsentierte Frau, die hier gerne auch mal in ihre eigentliche Destination, namentlich die Küche, delegiert wird, aus diesem Forum verabschiede, …”

    noch

    3.
    eine weitere Provokation: Ältere Ossis haben wenigstens mal einiges zum “Dialektischen Materialismus” gelesen und vielleicht sogar diskutiert. Die allermeisten zeitgenössischen Wessis haben nur davon gehört, dass das etwas aus dem Giftschrank der verbotetn Schriften sein soll.

    4. Als “wesentlich”gilt immer noch die Fundierung, Klarheit und Überzeugungskraft der Argumente und nicht deren geografische Lokalisation in der Küche oder im Seminarraum. Und merke: Auch der Laienmund tut gelegentlich Wahrheit kund. Wobei Expertenmund manchmal sein Wort an den verkauft, der ihn füttert.

    5.
    Ich halte die “Destination Küche” für seeeehr wesentlich in meinem Leben.
    Immerhin halte ich mich dort weit häufiger auf, als in diesem Forum, vor dem Sie so gewaltigen Respekt zu haben scheinen.
    6.
    Das musste mal gesagt werden, auch wenns jetzt kaum noch einer liest.

  9. @ Tobias jeckenburger und zum Folgenden:

    …Innerhalb dieses Horizontes kann man viel besser zwischen fundamentalistischem und weltoffenem religiösen Glauben unterscheiden: Der Weltoffene hält sich an das Regime des Regelmäßigem, das die Wissenschaft in der Welt sicher festgestellt hat, bleibt aber darüber hinaus bei Geisteswelten, soweit sie noch nicht von gesichertem Wissen verdrängt wurden. Der Fundamentalist dagegen ignoriert die Evidenz wie es ihm passt.

    Und der fundamentalistische Naturalismus ignoriert einen Teil der subjektiven Wirklichkeit, was ebenfalls ins Nichts führt. Hier werden auch schnell mal Innenwelten ganz zum Epiphänomen degradiert, wenn man anders nicht mehr weiter kommt….” (Zitatende)

    In Absatz eins (des obigen Zitats) könnte man zudem für “religiösen Glauben ” auch “Wissenschaft ” oder “Wissenschaftler” einfügen. Da läufts nämlich sehr oft ähnlich. Auch wenn das immer wieder als “Verschwörungsschwurbelei von Wissenschaftsfeinden” abgetan und diffamiert wird.

  10. Daß der bildungsferne Pöbel hier auf die belächelte Philosophenkarikatur Popper abfährt, liegt in der Natur der Sache.

    • Danke, dass Sie uns daran erinnern, dass brillante Philosophen wie Karl Popper auch Hass auf sich gezogen haben & ziehen. Nett auch, dass Sie Ihre Menschenverachtung gleich mit ausdrücken.

      Und, nein, ein „Antifaschist“ sind Sie nicht. Im Gegensatz zum NS-verfolgten Ehepaar Popper.

      Ihre Trollerei hat übrigens gerade zu meiner Antwort & damit dem 36.000ten Kommentar geführt! 🤩

      Ihnen gute Besserung, vor allem im Herzen.

  11. @little Louis 08.07. 14:58

    „In Absatz eins (des obigen Zitats) könnte man zudem für “religiösen Glauben ” auch “Wissenschaft ” oder “Wissenschaftler” einfügen.“

    In der Tat kann man beobachten, das Wissenschaftler ihren eigenen Spekulationen ein höheres Gewicht einräumen. Was sie sicher wissen, darum geht es mir nicht. Das ist meistens tatsächlich richtig. Aber was noch unsicher und spekulativ ist, da meine ich, dass hier die Experten auch nicht so viel besser in ihren Einschätzungen sind als etwa Fachfremde oder Laien.

    Insbesondere ist es der Kern aller Weltoffenheit, dass man sich der Spekulation bzw. dem Mythencharakter von Spekulationen stets bewusst ist. Nutzen darf man die Mythen aber doch, schließlich müssen wir mit dem Nichtwissen irgendwie umgehen, und oft kommt man einfach nicht da dran vorbei, irgendetwas zu glauben. Genau deswegen gibt es auch keine Alternative zur Religionsfreiheit.

    Was aber nicht impliziert, dass man für die Kirchen Steuern erhebt, und ihnen andere Sonderrechte und Vergünstigungen gewährt. Auch kann man keine Straftaten akzeptieren, die aus Glaubensgründen begangen werden. Das gilt nicht nur für islamistische Anschläge und für Ehrenmorde, sondern auch für die Vertuschung von Kindesmissbrauch in den großen christlichen Kirchen.

  12. @little Louis, 08.07., 14.43 Uhr; @Michael Blume, 06.07.,00.37

    Nachdem ich mich ja aus Gründen verabschiedet hatte, musste ich lange mit mir ringen; doch bin ich es “olle Kalle” und allen, die auch heute der Meinung sind, dass es zur Lösung der dringenden globalen Fragen der Menschheit einer neuen Gesellschaftsidee bedarf, wohl schuldig, hier noch einmal zu replizieren.
    Zumal man sich aus derart erlaucht-göttlichen Höhen herablässt, eine (jedenfalls in der Wirkung mehr oder weniger) “provokante Ansprache” an eine(n) von Schuldkomplexen gebeutelten Ossi(e) zu halten. Einer solchen Größe (und allein Ihr Nickname, lieber @little Louis, lässt da ja geradezu Beeindruckendes erahnen) kann man/frau natürlich kaum widerstehen 😉 … Selbstverständlich entäußerte ich mich hier stets völlig authentisch – nicht, nein wirklich gar nicht (oops…. 😉 ) war hier irgendetwas “gespielt”.
    Und selbstverständlich halte ich es nicht für einen “Zufall”, dass v.a. die theologisch-religiöse Weltanschauung den Entwicklungsgedanken nicht ganz so “fresh” findet, denn der Nachweis, dass die Materie sich in einem ständigen Entwicklungsprozess befindet, dass die heutige Flora und Fauna und letztlich auch der Mensch auf natürliche Weise aus diesem Entwicklungsprozess hervorgegangen ist, widerlegt den religiösen Schöpfungsglauben.
    Denn keine(r) möchte wohl heute noch ernsthaft die überzeugenden wissenschaftlichen Beweise für den entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang der anorganischen und organischen Materie, der biologischen Arten untereinander und auch des Menschen mit dem Tierreich leugnen wollen. Immerhin gibt angesichts dieser Erkenntnisse die theologisch-religiöse Weltanschauung inzwischen mehr oder weniger freiwillig zu, dass sich der Körper des Menschen auf natürliche Weise aus tierischen Vorfahren entwickelt hat, bleibt aber noch immer in der (in meinen Augen doch wissenschaftlich wenigstens unschlüssigen) Vorstellung verhaftet, dass, um aus dem bloßen Körper einen richtigem Menschen zu kreieren, irgendein Gott die menschliche Seele habe erschaffen und mit dem Körper des Menschen quasi (mehr oder weniger erfolg- und hilfreich) “matchen” müssen.
    Die materialistische Dialektik, die mir – bei aller (danke, @little Louis, für den treffenden Begriff) ossi-liken “Unterwürfigkeit” – mangels Überzeugungskraft noch keiner so recht zu vermiesen vermochte, versteht Entwicklung als eine Bewegung in aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstehen und ein irreversibler Übergang von niederen zu höheren, von einfacheren zu komplizierteren Qualitäten vonstatten geht. Und ebendiese Entwicklung der materiellen Welt wird danach eben nicht durch äußere Manipulation – etwa durch einen göttlichen Beweger – verursacht oder verhindert, sondern sie geht gesetzmäßig aus dem Wirken der inneren Widersprüche hervor.
    Und auch Marx und Engels geben der Entwicklung mit dem Entwicklungsgesetz der Negation der Negation nicht eine straighte Linie ohne Rückschläge vor. Sie begriffen den unendlichen Entwicklungsprozess der Materie auch im Kosmos als eine dialektische Einheit von “aufsteigenden” und “absteigenden” Linien. Genannt sei beispielhaft nur die Entstehung neuer Sterne und Sternensysteme. Diese durchlaufen über einen Zeitraum von mehreren Milliarden Jahren eine “aufsteigende” Linie, in der sie durch die thermonukleare Umsetzung von Wasserstoff in Helium gewaltige Energiemassen freisetzen. Sobald dann die Wasserstoffvorräte aufgebraucht sind, dient das Helium als Energiequelle. Dieses wird sodann in Kohlenstoff umgesetzt, um Energie zu erzeugen. Und somit gerät der Stern dann auf seine “absteigende” Linie. Er verwandelt sich in einen “roten Riesen” mit weitaus geringerer Leuchtkraft und nach Aufbrauchen der Heliumvorräte in einen “weißen Zwerg”, der mit extremer Dichte kontrahiert und kaum noch Energie abzugeben vermag.
    Ach ja, und, lieber Michael Blume, nochmal zur Dialektik: Natürlich gilt dort eine Synthese erneut als These, die mit einer Antithese mit Fortschreiten des Erkenntnisprozesses erneut widerlegt/ falsifiziert werden kann. Insoweit sehe ich das herausfordernde “Neue” bei Popper noch immer nicht so ganz deutlich …. .

    • Vielen Dank, liebe @Sandy!

      Die Evolutionstheorie selbst ist m.E. ein wunderbares Beispiel für den empirischen Erkenntnisprozess: Sie wurde nicht akzeptiert, weil sie einer mittleren Synthese in einem dialektischen Prozess entsprochen hätte, sondern weil sie sich empirisch Millionenfach überprüfen und bestätigen ließ.

      Dazu gehört übrigens auch die – bereits von Charles Darwin vermutete – Evolution von Religiosität und Religionen:
      https://www.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw

      In herzlicher (auch Wossi-)Verbundenheit! 🙂

  13. @alle
    Marx halte ich- tut mir leid für alle seine Bewunderer – für einen schwarzen Gnostiker ( so Eric Voegelin) oder einen psychisch kranken Menschen (ähnlich wie Nietzsche) .
    Als Wirtschaftswissenschaftler taugt er gar nichts, wie schon Boehm-Bawerk zeigte https://www.marxists.org/deutsch/referenz/boehm/1896/xx/3-widerspruch.htm
    Zu den verbotenen Büchern: Ich erinnere daran, dass in der DDR (eigentlich sollte ich das zweite D hier in Klammern setzen, denn die DDR war so demokratisch, wie sich das eine blaue Partei vorstellt) Immanuel Kants Erkenntnistheorie im Giftschrank stand.

    • Danke, @j, da erinnere ich mich doch prompt an Ihren Kommentar vom 10.10.20 in der Burschenschaft-Folge. Ich darf Sie zitieren: “Ich bin ja auch so (wie Bernd Höcke, Andreas Kalbitz – Klammerzusatz durch die aktuell Kommentierende -) in den Osten gekommen: ich wollte dort das bessere, nationalere Deutschland der Kaiserzeit suchen”.
      Eine solche Ansage strotzt selbstredend vor demokratischer Sozialisation. Dagegen hat natürlich Karl Marx, dessen Vision eine “Assoziation, in der die freie Entwicklung des Einzelnen Voraussetzung für die freie Entwicklung aller ist, keine Chance. Da klingt Ihr Traum doch wohl eher feucht-blau (tut mir meinerseits leid für alle Bewunderer der kolonialistisch-rassistischen Monarchie). Deswegen ätzen ja auch “blau”-blütige (Gott, man/ frau sehnt sich angesichts einer solchen Diskussion geradezu einen solchen farbigen Zustand herbei, um eine derart polemisch-tendenziöse Diskussion zu ertragen 😉 ) Vorbilder wie Beatrix von Storch auch immer wieder gerne gegen die aufkommende Gefahr eines jüdischen Kulturmarxismus.
      Marx hatte nichts mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR zu tun. Auch er unterlag naturgemäß zeitbedingten Irrtümern und Fehleinschätzungen. Aber er hat als erster (im Gegensatz zu Locke und Smith, die von einer Harmonie des Kapitalismus mit dem Naturrecht ausgingen) die reine Marktfixierung der Neoliberalen als gefährliches Dogma erkannt und entlarvt. Er hat vor der Monopolisierung und dem aus ihr folgenden Preisdiktat und der wiederum hieraus resultierenden Macht gewarnt, die sich inzwischen bestätigt und zur Einführung von Kartellämtern geführt hat. Mit Recht hat er das Monopol als “Fessel der Produktivkräfte” erkannt. Sehen wir uns nur an, wie die großen Energiekonzerne eine umwelt- und menschenfreundliche Energiewende lange Zeit verhindert haben, wie Autokonzerne ökologische Mobilität lediglich mit einer Betrugssoftware vorgaukelten.
      Aber ich habe meine Müdigkeit, hier weiter mitzukommentieren bereits angedeutet und möchte mein Abschiedsversprechen nicht erneut brechen. Ihnen allen, verehrte Herren, alles erdenklich Gute, mir ist das Level hier wohl doch zu hoch. So viel Schlüssigkeit lässt mich schlichtweg nur noch kapitulieren. Danke.

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