Menschenwürde, Mitte, Freiheit, Zeit – Jeanne Herschs philosophische Begründung der Menschenwürde

Am Sonntag vor einer Woche – nacj jüdsichem Kalender also noch im letzten Jahr – nahm ich im Namen unserer Landesregierung an der Vervollständigung einer neuen Torarolle (einem feierlichen Sijum) in zwei Synagogen zu Konstanz teil. Eine große Ehre: Auch ich wurde bei meinem Namen nach vorne gerufen und der rabbinische Schreiber (ein Rabbi & Sofer) bot mir an, seinen Arm zu berühren, damit der Segen eines der letzten Buchstaben – es war ein Aleph – mir zufließe.

Denn eine Torarolle ist dann als Buch des Friedens & des Lebens für den Einsatz im jüdisch-rabbinischen Gottesdienst geeignet, wenn jeder ihrer 304.805 hebräischen Buchstaben von Hand und am richtigen Platz mit der Feder eines koscheren Vogels vollendet wurde. In christlichen Bibeln entspricht die Tora den fünf Büchern Mose.

Ein Mann präsentiert eine neu fertig gestellte und ausgerollte Torarolle jubelnden Männern und Frauen in einer Synagoge zu Konstanz am 6. September 2026. Links ist Landes- und Polizeirabbiner Mosche Flomenmann zu sehen.

Mit Jubel und Freude wurde die fertig gestellte Torarolle am 6. September 2026, jüdisch dem 24. Elul 5786 in Konstanz gezeigt und dann in die Gemeindesynagoge getragen. Links mit Hut ist der badische Landes- und Polizeirabbiner Moshe Flomenmann (Lörrach) zu sehen. Foto: Michael Blume

Noch eine größere Ehre: Beim feierlichen Überbringen der Tora in die Hauptsynagoge mit Jubel und Musik wurde sie mir eine Strecke lang anvertraut, so dass auch ich sie unter dem Baldachin mit-tragen durfte. Und dann entschieden die anwesenden Rabbiner und Vorstände auch noch spontan, mir als „treuem Freund der Gemeinde, auf den wir uns immer verlassen können“ den Gänsekiel zu übereignen, mit dem die Rolle vollendet worden war.

Dr. Michael Blume hält vorsichtig den Gänsekiel in der Hand, mit dem die Torarolle von Konstanz am 6. September 2026 vollendet worden war.

Mit Überraschung, Demut und Dankbarkeit nahm ich den Gänsekiel entgegen, mit dem die Torarolle zu Konstanz vollendet worden war. Foto: Michael Blume

Die bewegende Sijum-Feier war einer Enkelin der Stifterfamilie Nissenbaum gewidmet – denn das religiöse Judentum beantwortet die Anthropodizee-Frage mit dem ersten aller biblischen Gebote („Seid fruchtbar und mehret euch!“, 1. Mose 1, 28 & 1. Mose 9,1) und ist entsprechend kinderreich.

Entsprechend dachte ich an diesem Tag – auch noch auf der Rückfahrt – viel über die Menschenwürde nach, die biblisch aus 1. Mose 1, 27 abgeleitet wurde: „G’tt erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild G’ttes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“

Entsprechend heißt es in der jüdisch-dialogischen Bibelauslegung der Mischna (Sanhedrin 4:5), dass jedes Menschenleben so unersetzbar sei (wie auch jeder Buchstabe der Tora): Wer eine Menschenseele zerstöre, zerstöre die ganze Welt – wer eine rette, rette die ganze Welt.

Über Gelehrte wie Mosche ben Maimon (Maimonides, 1135 – 1204) floss die entsprechende Auslegung auch in die christliche Theologie und spätere Religionsphilosophie, so dass heute (im Deutschen) gerne ein Jüdisches & Christliches Menschenbild als Grundlage auch des philosophischen Humanismus beschworen wird.

Es entwickelte sich jedoch auch eine zweite, philosophische Begründung der Menschenwürde durch die Zeit über den Neuplatonismus und die interreligiöse Mystik (Spiritualität), die auch für anders- und nichtreligiöse Menschen existentiell zugänglich ist:

Demnach vermittele der Mensch als zur Entscheidung und damit Freiheit befähigtes Wesen zwischen der Ewigkeit und säkularen Geschichte – Saeculum ist ein Zeitbegriff und steht im Lateinischen nicht etwa für die Verdrängung von Religion, sondern für das Jahrhundert (französisch siècle, spanisch siglo), die Lebenszeit der Menschen.

Diese Haltung ist psychologisch stärker im Medium der Alphabetschrift als in spezifischen, religiösen Offenbarungsschriften verwurzelt: Das sequentielle Lesen von Alphabetschriften (wie auch dieses Blogposts) setzt die Vorstellung einer linear fließenden Zeit durch, wodurch erst und nur alphabetisierte Religionen, Kulturen und Weltanschauungen auch lineare Kalender hervorbringen. Damit aber wird jeder Moment und erst Recht jeder Mensch unwiederholbar – unsere Entscheidungen (beispielsweise für oder gegen den dialogischen Monismus, für oder gegen Drogen, für fossile Gewaltenergien oder erneuerbare Friedensenergien usw.) fließen in die Ewigkeit ein.

Entsprechend berief sich der italienische Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandolla (1463 – 1494) in seiner berühmten Schrift „Über die Würde des Menschen / De Hominis Dignitate“ (1496) einleitend darauf, er habe den „Sarazene Abdala“ gelesen – wahrscheinlich den persischen Gelehrten Abdallah ibn al-Muqaffaʿ (721–757).

Dann griff als bereits bekanntes Argument für die Besonderheit des Menschen auf, dieser sei

„…stabilis aevi et fluxi temporis interstitium, et (quod Persae dicunt) mundi copulam, immo hymenaeum, ab angelis, teste Davide, paulo deminutum.“ 

Auf Deutsch:

„…er sei der Zwischenraum zwischen dauernder Ewigkeit und fließender Zeit und (wie die Perser sagen) das Bindeglied der Welt, ja mehr noch ihr Hochzeitslied, nach dem Zeugnis des David nur wenig geringer als die Engel.“

Links liegt ein weißes Exemplar des Buches "Im Schnittpunkt der Zeit" von Jeanne Hersch, rechts eine Übersetzung des Textes "Über die Würde der Menschen" in rot von Pico della Mirandola.

Die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch (1910 – 2000) begründete, wie es auch Neuplatoniker wie Pico della Mirandola (1463 – 1494) taten, die Menschenwürde aus dem einzigartigen Verhältnis des Menschen zur Zeit. Foto: Michael Blume

So sprach Jeanne Hersch am 17. April 1989 auf einem Kolloquium des Europarates in Straßburg über „Die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte“ und erinnerte sich:

„Als 1966 der zwanzigste Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorbereitet wurde, versuchten so manche Ideologen die These zu verbreiten, die Allgemeingültigkeit dieser Erklärung sei weiter nichts als ein neuerlicher imperialistischer Versuch des Westens, der ganzen Welt seine Philosophie und seine Werte aufzuzwingen, ohne dabei Rücksicht auf die Verschiedenheit der Kulturen zu nehmen.

Ich leitete damals die neu geschaffene Abteilung für Philosophie der UNESCO – eine ganz gewöhnliche Abteilung innerhalb des Systems der Vereinten Nationen -, und ich sollte gemäß einem von der Vollversammlung verabschiedeten Programm einen Band mit verschiedenen Texten zusammenstellen, die in irgendeiner Beziehung zum Thema Menschenrechte standen.“

Diese Textsammlung erschien dann 1968 als „Le droit d’être un homme. Recueil de textes préparé sous la direction de Jeanne Hersch“. Er enthielt, so Hersch, „Erzählungen, Sprichwörter, Lieder, religiöse Schriften und so weiter. Und da die Menschenrechte gerade auf der Ebene des Erlebten weit öfter durch eine Erniedrigung, einen Schmerz oder einen Aufstand – wenn sie verletzt werden – zum Ausdruck kommen als durch einen Sieg über Ungerechtigkeit und Kränkung, überrascht es nicht, daß wir aus den nichtwestlichen Kulturen mehr Klagen als Triumphmeldungen erhielten.

Daß jedoch Menschen, wo immer sie auch leben, ihren Widerstand zum Ausdruck bringen, wenn etwas Grundsätzliches in ihnen mit Füßen getreten wird, ist ein ausreichender Beweis dafür, daß diese Menschen ein Gefühl dafür haben, was ihnen als menschlichen Wesen zusteht.“

Von dieser weltweit in allen Kulturen anzutreffenden, existentiellen Erfahrung schloss Hersch auf „diese innere, potentielle Kraft, die keinem Menschen abgesprochen werden kann, ohne daß er entmenschlicht und auf ein Objekt reduziert würde.

Sie ist es, die der Erklärung ihre weltweite Bedeutung verleiht.

Es geht nicht um eine Bestätigung, um einzuleitende Maßnahmen zu rechtfertigen oder zu verallgemeinern, sondern um einen Akt der Überzeugung, durch den jeder Mensch jeden anderen als Menschen anerkennt – aus eben dieser Möglichkeit und Bestimmung, sich selbst zu einem freien und verantwortlichen Wesen zu machen, fähig, Entscheidungen zu treffen, sie zu vertreten und für ihre Folgen einzustehen.

Diese Möglichkeit und Bestimmung läßt sich durch keine empirische Gegebenheit ausschließen, niemand kann darauf verzichten, solange in ihm noch ein Hauch von Leben ist, und ohne sie ist der Mensch kein lebendiger Mensch mehr.

Sie liegt dort, wo die Vergangenheit, an der sich nichts mehr ändern läßt, in der Gegenwart der Entscheidung an die Möglichkeiten der Zukunft anknüpft, an der Schnittstelle zwischen Körper und Geist, zwischen dem Gegebenen und der Freiheit.

Dort bildet sich die Einheit des menschlichen ‚Ich‘.„

Zitiert aus Hersch, Jeanne (1992): Im Schnittpunkt der Zeit, Benziger, S. 52 – 56

Ich halte diese Begründung der Menschenwürde aus dem menschlichen Verhältnis zur Zeit für existentiell und philosophisch überzeugend.

So stand es für die Landesregierung Baden-Württemberg, mein Sonderkontingent-Team und mich fest, dass alle Terror-Opfer des sog. Islamischen Staates (IS) die volle Menschenwürde besitzen – völlig unabhängig von ihrer jeweiligen religiösen, ethnischen, kulturellen Identität.

Nadia Murad und Dr. Michael Blume vor einer Justitia-Bronze einer ezidischen Mutter mit Kind in der Staatsgalerie Stuttgart.

Mit der ezidischen Überlebenden, UN-Sonderbotschafterin und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad vor einer Justitia-Bronze in Stuttgart. Foto: Nadia’s Initiative

Die Herschsche entspricht auch den Erkenntnissen zum physikalischen Zeitstrahl in unserem Universum: Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.

Sie entspricht zudem medienpsychologisch der sequentiellen Erfahrung beim Lesen von Alphabetschriften – weswegen der derzeitige Verlust von Lesefähigkeiten durch algorithmische Konzernmedien (der sog. „Brain Rot„) auch die Freiheits- und Zukunftspotentiale von Menschen bedroht.

Ich habe auch bei mir selbst nach dem Verlassen von Facebook & Co. einen deutlichen Zugewinn an Lesezeit und Lebensqualität feststellen können.

Aus der Menschenwürde-Zeit-Herleitung lässt sich nach meiner Einschätzung auch die Mitte der parlamentarischen Republik philosophisch herleiten:

Die Linksmimesis will die völlige Gleichheit der Menschen durchsetzen, die Rechtsmimesis die völlige Ungleichheit. Die liberale Mitte-Mimesis betont, dass alle Menschen verschieden, aber gleichwertig seien – und sein dürften.

Der Liberalismus – dem es um die Würde und Freiheit aller Menschen geht – wird damit auch abgrenzbar zum Libertarismus, der die Würde armer Menschen nicht aktiv verteidigen will. Damit wird auch klar, warum in den angelsächsischen Republiken der Begriff „liberal“ als „links = sozialliberal“ verstanden wird, wogegen noch immer manche deutsche Linke (historisch & inhaltlich schlampig) gegen den rechtslibertären „Neoliberalismus“ wettern.

Wie auch beim sachlich falschen Begriff der „Verschwörungstheorie“ gegenüber dem besseren Verschwörungsmythos schlage ich hier vor, auf die eigene Sprache zu achten und nicht Rechtslibertäre als vermeintliche Liberale zu adeln.

Entsprechend halte ich auch jedes politische Verständnis für verkürzt, dass die demokratische Mitte nur über Pragmatismus und Kompromiss definiert und also leicht in Karrierismus und Korruption abgleiten kann. Nach meiner Auffassung definiert sich die politische Mitte in jeder parlamentarischen Demokratie und Republik inhaltlich über die Menschenwürde.

Menschen, die Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes nie verinnerlicht haben oder gar bekämpfen, haben daher nach meiner Auffassung nichts in demokratischen Parteien oder gar gewählten Parlamenten (Legislative), in Regierungen und Behörden (Exekutive), in Gerichten (Judikative), Medienhäusern (Publikative) und wissenschaftlichen Einrichtungen (Scientikative) zu suchen. Es gibt kein republikanisches „Recht“ auf feindseligen Dualismus, also auf Antisemitsmus, Rassismus, Sexismus, Ableismus, Hass und Hetze.

Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heißt:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Daher befürwortete ich bereits im Januar 2024 vor Tausenden bei „Stuttgart hält zusammen“ eine Verfahren vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht für ein AfD-Parteiverbot.

Schließlich ergibt sich aus dem Herschschen Menschenwürde-Zeit-Verständnis auch die Ablehnung eines „Rechtes auf Rausch“ und anderer – etwa fossiller & medialer – Abhängigkeiten, mit denen sich Menschen um ihre eigenen Freiheits- und Zukunftspotentiale bringen. Nach Drogen, „Social Media“-Empörung oder fossilen Gewaltenergien Süchtige verlieren zwar ihre Menschenwürde nicht, werden jedoch ihrer Verantwortung gegenüber der gemeinsamen Zukunft und also gegenüber sich selbst, der Menschheit und Mitwelt nicht gerecht. Aus einem philosophischen Menschenwürde – Verständnis erwachsen nicht nur Rechte, sondern auch Verantwortung, also Pflichten.

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

20 Kommentare

  1. Guten Morgen, @Michael,

    Auch nach mehrmaligem Lesen Deines inspirierenden Textes bin ich mir sicher, längst nicht alle der vielen reichhaltigen Verbindungen und Bezüge nachvollzogen zu haben.

    Du übersetzt Pico della Mirandola folgendermaßen:

    Der Mensch sei

    „der Zwischenraum zwischen dauernder Ewigkeit und fließender Zeit und (wie die Perser sagen) das Bindeglied der Welt, ja mehr noch ihr Hochzeitslied, nach dem Zeugnis des David nur wenig geringer als die Engel“

    Du zitierst Jeanne Hersch so:

    Die „Möglichkeit und Bestimmung, sich selbst zu einem freien und verantwortlichen Wesen zu machen“ liege „dort, wo die Vergangenheit, an der sich nichts mehr ändern läßt, in der Gegenwart der Entscheidung an die Möglichkeiten der Zukunft anknüpft, an der Schnittstelle zwischen Körper und Geist, zwischen dem Gegebenen und der Freiheit“

    Wenn ich es für mich in Worte fasse, definiert Pico della Mirandola den Menschen als Vermittler zwischen dem Ewigen und der fließenden, vergänglichen Zeit. Seine Würde, so könnte man sagen, liegt darin, diesen Zwischenraum auszufüllen und zwischen beiden Dimensionen zu vermitteln.

    Jeanne Hersch sieht – ergänzend dazu – das Potenzial des Menschen darin, dass er zwar das Produkt seiner Vergangenheit ist, jedoch in die offene Zukunft hinein „angelegt“ ist und daher einen freien Willen hat. Jeder Mensch ist frei und findet darin seine Würde.

    Nachdem ich mich auf Deine Anregung (aus vielen früheren Blogposts) hin mit Hans Blumenbergs „Lebenszeit und Weltzeit“ auseinandergesetzt habe, musste mir die bei ihm so genannte „Schere“ zwischen den beiden im Titel von Blumenbergs Buch genannten Zeitdimensionen in den Sinn kommen.

    Zwar meint Blumenberg mit Weltzeit nicht die Ewigkeit, jedoch ist diese im Vergleich zur Lebenszeit – der Zeit, die dem einzelnen Menschen zur Verfügung steht – unermesslich, ja, gewissermaßen „ewig“ lang.

    Spannend bei Blumenberg ist ja, dass er in seinen Texten herausarbeitet, wie ein „pathologisches“ Verhältnis des Menschen zu seiner Lebenszeit einerseits und zur Weltzeit andererseits entstehen kann.

    Ich habe es für mich kürzlich mal so aufgeschrieben:

    Aus der „Schere“ zwischen Lebenszeit und Weltzeit erwächst nach Blumenberg ein „Weltmißbefinden“, ein Bewusstsein von einem „‘Rückstand’ versäumter Lebensmöglichkeiten“. Dieses Unbehagen kann nach Blumenberg in den Zwang umschlagen, die Konvergenz von Lebenszeit und Weltzeit erzwingen zu wollen, was pathologische Entwicklungen wie die Verführbarkeit durch falsche Heilsversprechen oder den Faschismus begünstigt.

    Blumenberg:

    „Ganze Völkerschaften sind durch die Worte eines einzigen Predigers in Bewegung versetzt worden, wenn er nur zu beschwören vermochte, die gerade Lebenden würden noch erleben, was überhaupt zu erleben sei. Doch sind alle Arten und Abarten von Apokalypsen nicht nur Mitteilungen, dass ihre Hörer und Leser Zeugen des Endes bestehender Dinge und Nutznießer einer daraus emporsteigenden neuen Welt sein würden, sondern darin zugleich Versprechungen, sie brauchten sich nicht von einer gleichgültigen Welt überleben zu lassen. Sie, die Günstlinge des Heilsbringers und seine apokalyptischen Mitvollstrecker, würden um sich herum noch alles versinken sehen. Überlebt zu werden, überlebt zu sein, gehört als metaphorische Beschreibung einer Ängstlichkeit derer, die sich auf jugendlichen Gleichgang mit dem Zeitgeist und Selbstbestätigung durch diesen festgelegt haben, zu den akuten Erfahrungen beschleunigter Geschichtsabläufe. “
    (Blumenberg, H., 2016. Lebenszeit und Weltzeit, 5. Auflage. ed, Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 77 und 78)

    Man könnte es dann so sagen – aber vielleicht ist diese These auch etwas gewagt:

    Während Pico della Mirandola und Jeanne Hersch auf den Wert des „Zwischenraums“, der „Schnittstelle“ von Ewigkeit/Weltzeit und vergänglicher Zeit/Lebenszeit hinweisen (auf den Wert als Quelle der Würde des Menschen), weist Blumenberg auf die Gefahr hin, die dieser Zwischenraum für die Menschenwürde birgt.

    Man könnte sagen – um ein anderes Wort in die Diskussion hineinzubringen: Nur wenn wir mit Demut die Begrenztheit unserer Lebenszeit erkennen und akzeptieren, können wir solche pathologischen Entwicklungen verhindern.

    Ist das zu weit gedacht?

    Wenn nicht, so könnte man ja auch noch einen Schritt weitergehen und – wenn man Blumenbergs „Weltzeit“ mit der geologischen Tiefenzeit in Beziehung setzt (wie ich es in einem Artikel neulich getan habe), dann sehen wir in dem Agieren der fossilen Faschisten des 21. Jahrhunderts direkt diese Pathologie:

    Fossilisten bemächtigen sich in diesem Jahrzehnt – in ihrer begrenzten Lebenszeit – noch, ohne jede Scham und Demut, der letzten fossilen Brennstoffe, führen den Kohlenstoff, der sich auf Skalen der geologischen Tiefenzeit dort abgelagert hat, wieder der Atmosphäre zu (wo er für Jahrtausende verbleiben wird und das Erdklima möglicherweise für Hunderttausende von Jahren verändern wird). Dadurch schränken sie die Lebensoptionen und mithin die Freiheit zukünftiger Generationen ein, und zwar weit in die die zeitliche Tiefe der Zukunft hinein.

    Darin sehe ich das bei Blumenberg beschriebene pathologische Verhältnis zu den beiden Zeitdimensionen exemplarisch ausgedrückt.

    Das ist gerade sehr aktuell zu „bewundern“, nachdem gestern die Trump-Regierung die Emissionsgrenzen für Kraftwerke aufgehoben hat.

    Wir können übrigens auch sehen, dass ein unklares Verhältnis des Menschen zur Weltzeit oder (Tiefen)zeit die Gefahr birgt, Entwicklungen in Gang zu setzen, die unsere Gesellschaften in stürmisches Fahrwasser bringen können. Konkret denke ich hier an bestimmte Ausprägungen der Philosophie des Langzeitismus (Longtermism) und des Transhumanismus und an Visionen von Tech-Milliardären, die bereits die sehr ferne Zukunft des Planeten im Blick zu haben scheinen und über die Kolonisierung des Mars nachdenken, die es aber an Empathie gegenüber der heute oder in naher Zukunft lebenden Menschen mangeln lassen.
    Du hattest in einem Deiner früheren Blogposts bereits auf den Zusammenhang von (bestimmten Ausprägungen des) Langzeitismus und Faschismus hingewiesen.

    • Vielen herzlichen Dank für Deinen tiefen, zutreffenden und dialogischen Kommentar zur Zeit, @Peter 🙏⏱️👍

      In einem eigenen Text definierte Jeanne Hersch das menschliche Leben als Schnittpunkt zwischen Geschichte und Transzendenz: Erst die bewusste Erinnerung schafft Geschichte und im Begriff der Transzendenz fallen die philosophische Ewigkeit & die Weltzeit zusammen.

      Das finde ich auch deswegen gelungen, weil wir erst im 20. Jahrhundert mit der quantenphysikalischen Raumzeit nach Albert Einstein und dem Urknall nach Prälat Georges Edouard Lemaître ein lineares Verständnis von „Weltzeit“ wie bei Hans Blumenberg erwarten dürfen, das dem Neuplatonismus der Renaissance noch nicht zur Verfügung stand.

      Dass es Jeanne Hersch gelang, diese Zeit-Verständnisse philosophisch in der existentiellen Trias von Vergangenheit („Geschichte“), Gegenwart und Zukunft zusammen zu fassen und daraus eine überzeugende Herleitung der Menschenwürde und Menschenrechte herzuleiten, macht sie selbst zu einer Großen der Philosophiegeschichte!

      Deiner dialogischen Kommentierung der Zeit- Ansätze von Hersch & Blumenberg möchte ich daher zustimmen, jedoch auf zwei Aspekte verweisen:

      1. Der eher konservative Blumenberg verweist mit seinen genialischen Formulierungen zur “Enge der Zeit“ & Apokalyptik noch auf psychologische Aspekte der Beschleunigung und Hetze, wogegen sich die Sozialdemokratin Hersch kritisch mit Zukunftserwartungen & Drogenkonsum der 68er auseinandersetzte. Ich werde gerne einmal schauen, ob sich dazu Brücken finden lassen.

      2. Sowohl Blumenberg wie Hersch konnten noch die sequenziell-lineare Leseerfahrung von Alphabetschrift voraussetzen, die ja erst die linearen Kalender hervorbrachte. Die Erschütterung des Zeitenpfindens durch die digitale Thymotisierung, demografischen Vereinsamung und sogar „Brain Rot“-Verdummung in algorithmischen Konzernmedien bleibt eine Aufgabe für unsere Generation.

      Dass wir ausgerechnet dann Verantwortung für die Klimafolgen der fossilen Verbrennung übernehmen sollen, wenn sich große Teile der Menschheit aus dem linearen Lesen weitgehend oder gar völlig verabschieden, ist nicht trivial. Im auch politischen Begriff des „Mitnehmens“ schwingt ja bereits die Frage mit, wie eine linear gedachte Verantwortung (für das Klima, die Wirtschaft und Sozialsysteme, die Demokratie usw.) Menschen vermittelt werden könnte, die sich auf Reaktanz zurückgezogen haben…

      • Guten Morgen, @Michael,

        vielen Dank für die Bemerkungen und anregenden Gedanken!

        Zu:
        „weil wir erst im 20. Jahrhundert mit der quantenphysikalischen Raumzeit nach Albert Einstein und dem Urknall nach Prälat Georges Edouard Lemaître ein lineares Verständnis von „Weltzeit“ wie bei Hans Blumenberg erwarten dürfen, das dem Neuplatonismus der Renaissance noch nicht zur Verfügung stand “

        Beim Begriff der Raumzeit würde ich nicht von quantenphysikalischer Raumzeit sprechen, sondern mich ausschließlich auf die Relativitätstheorie beziehen. Die Raumzeit ist ein Konzept, das von Hermann Minkowski formalisiert wurde und die drei räumlichen Dimensionen mit der Zeit zu einer vierdimensionalen Struktur verbindet. Eine „quantenphysikalische Raumzeit“ im Sinne einer vereinheitlichten Theorie von Quantenmechanik und Gravitation existiert meines Wissens bis heute nicht.

        Aber wie Du denke auch ich, dass mit der modernen „Schöpfungsgeschichte“ des Urknalls von Lemaître für uns heute ein lineares Weltzeit-Verständnis verfügbar ist, das es vorher so nicht gab.

        Gleichwohl denke ich, dass bereits früher in der Wissenschaftsgeschichte (vor dem 20. Jahrhundert) Ansätze zu einem solchen Denken existierten – und sich mühsam bei den Naturphilosophen durchsetzten, die sich mit der Erde befassten, den Vorläufern der Geologen. Schon die Vorstellung, dass die Erde vielleicht nicht nur ein paar wenige Jahrtausende alt sein könnte, wie es sich aus den biblischen Chronologien schließen ließ, war zunächst ungeheuerlich. Sie setzte sich aber allmählich durch, als man versuchte, die Entstehung der Sedimentschichten und die Herkunft der Fossilien zu erklären.

        Das dürfte nach meinem Verständnis bereits mit einer Zeitvorstellung einhergegangen sein, für die Blumenbergs Begriff der „Weltzeit“ durchaus angemessen war.

        Übrigens ist es im weiteren Verlauf dieser Geschichte wiederum interessant, dass es im 19. Jahrhundert die Physiker waren, die sich aus rein thermodynamischen Überlegungen heraus auf ein eher niedriges Erdalter von wenigen Millionen Jahren festlegten. Diese Überlegungen waren in sich stimmig – z.B. die Abkühlung eines vorher heißen Körpers, aus der Lord Kelvin das Erdalter herleitete –, führten aber zu einem falschen Ergebnis, da man die Radioaktivität als neuartige Energiequelle noch nicht kannte. In jener Zeit waren es die Geologen (und auch Charles Darwin), die sich auf Basis ihrer Beobachtungen für ein deutlich höheres Erdalter (von mehreren Hundert Millionen bis zu wenigen Milliarden Jahren) aussprachen, was durch die Physiker des 20. Jahrhunderts dann (nach der Entdeckung der Radioaktivität) letztlich bestätigt wurde.

        Die Aussage

        „Dass wir ausgerechnet dann Verantwortung für die Klimafolgen der fossilen Verbrennung übernehmen sollen, wenn sich große Teile der Menschheit aus dem linearen Lesen weitgehend oder gar völlig verabschieden, ist nicht trivial“

        teile ich, und je mehr ich mir klarmache, was das bedeutet, umso beklemmender fühlt es sich an.

        Ja, ich bin in Wahrheit geschockt. Es ist eine dystopische Vorstellung, auf einem Planeten zu leben, auf dem immer mehr Menschen auf eine kulturelle Errungenschaft wie das Lesen verzichten – während die Antwort auf die aktuellen Krisen das Durchschauen immer komplexerer Zusammenhänge erfordert.

        • Vielen Dank, lieber @Peter – wir sind da wirklich gemeinsam dialogisch an den interdisziplinären Sprach- und Denkgrenzen angelangt! 😊🖖

          Du schriebst:

          „Die Raumzeit ist ein Konzept, das von Hermann Minkowski formalisiert wurde und die drei räumlichen Dimensionen mit der Zeit zu einer vierdimensionalen Struktur verbindet. Eine „quantenphysikalische Raumzeit“ im Sinne einer vereinheitlichten Theorie von Quantenmechanik und Gravitation existiert meines Wissens bis heute nicht.“

          Genau darum geht es mir: Mit der Quantenphysik, den Relativitätstheorien und dem Urknall haben sich gleich mehrere, physikalische Theorien und Sprachbilder entfaltet, die seitdem in unser Denken und Sprechen über „Zeit“ und „Ewigkeit“ einsickern. Ich verstehe, dass es sich für Physikerinnen und Physiker frustrierend anfühlen mag, dass sich diese Theorien noch nicht in eine „vereinheitlichte Theorie von Quantenmechanik und Gravitation“ integrieren ließen, aber das ist ja bei allen Wissenschaftsdisziplinen späterer Emergenz nicht anders.

          So lese ich bewusst und begeistert jeden Monat u.a. die „Spektrum der Wissenschaft“ und bin sehr fasziniert darüber, dass neuere Erkenntnisse aus der Physik immer stärker darauf hindeuten, dass der Zeitstrahl unseres Universums nicht fundamental, sondern emergent sein könnte. Bewusst habe ich das aber nur für unser Universum benannt als: Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.

          Für unser dialogisches Thema – die Zeit-Konzepte in der Renaissance, von Blumenberg & Hersch – bleibt jedoch m.E. unverzichtbar, genau zwischen den jeweiligen Vorstellungen von „Zeit“ und „Ewigkeit“ zu unterscheiden. Es wäre m.E. überaus verführerisch und ebenso falsch, unsere Sprachbilder des 21. Jahrhunderts in 20. oder sogar 15. Jahrhundert zurück zu projizieren. Naturphilosophische und dann naturwissenschaftliche Erkenntnis schreitet ja voran und bleibt gleichzeitig offen, so dass sich unsere hier diskutierten Begriffe wahrscheinlich in 50 Jahren (Zeitstrahl!) wieder anders darstellen werden, als wir sie sprechen und schreiben, wahr-nehmen und auch fühlen.

          „Aber wie Du denke auch ich, dass mit der modernen „Schöpfungsgeschichte“ des Urknalls von Lemaître für uns heute ein lineares Weltzeit-Verständnis verfügbar ist, das es vorher so nicht gab.“

          Ja, bis dahin dominierte ja noch vielerorts die Vorstellung eines „Steady-State“-Universums. Aber auch das ist schon eine entpersonalisierte Variante gegenüber dem Begriff der „Ewigkeit“ bei Giovanni Pico della Mirandolla (1463 – 1494), der wiederum eine Gottheit und Engel einschloss.

          „Gleichwohl denke ich, dass bereits früher in der Wissenschaftsgeschichte (vor dem 20. Jahrhundert) Ansätze zu einem solchen Denken existierten – und sich mühsam bei den Naturphilosophen durchsetzten, die sich mit der Erde befassten, den Vorläufern der Geologen. Schon die Vorstellung, dass die Erde vielleicht nicht nur ein paar wenige Jahrtausende alt sein könnte, wie es sich aus den biblischen Chronologien schließen ließ, war zunächst ungeheuerlich. Sie setzte sich aber allmählich durch, als man versuchte, die Entstehung der Sedimentschichten und die Herkunft der Fossilien zu erklären.“

          Ja, diese Auseinandersetzung hatte ja auch einen großen Anteil an der Transmutationslehre von Charles Darwin (1809 – 1882), der seinen einzigen Studienabschluss in anglikanischer Theologie erworben hatte, vgl.:

          https://www.herder.de/theologie-pastoral/shop/p2/46233-evolution-und-gottesfrage-ebook-epub/

          „Das dürfte nach meinem Verständnis bereits mit einer Zeitvorstellung einhergegangen sein, für die Blumenbergs Begriff der „Weltzeit“ durchaus angemessen war.

          Übrigens ist es im weiteren Verlauf dieser Geschichte wiederum interessant, dass es im 19. Jahrhundert die Physiker waren, die sich aus rein thermodynamischen Überlegungen heraus auf ein eher niedriges Erdalter von wenigen Millionen Jahren festlegten. Diese Überlegungen waren in sich stimmig – z.B. die Abkühlung eines vorher heißen Körpers, aus der Lord Kelvin das Erdalter herleitete –, führten aber zu einem falschen Ergebnis, da man die Radioaktivität als neuartige Energiequelle noch nicht kannte. In jener Zeit waren es die Geologen (und auch Charles Darwin), die sich auf Basis ihrer Beobachtungen für ein deutlich höheres Erdalter (von mehreren Hundert Millionen bis zu wenigen Milliarden Jahren) aussprachen, was durch die Physiker des 20. Jahrhunderts dann (nach der Entdeckung der Radioaktivität) letztlich bestätigt wurde.“

          Da bin ich bei Dir und würde es so formulieren, dass sich der Begriff der Ewigkeit in eine säkulare „Weltzeit“ und ein religiöses „Jenseits“ aufspaltete. Die Gänsefüßchen setze ich hier jedoch, weil schon diese Begriffe heute andere Ausprägungen angenommen haben als im 18. und 19. Jahrhundert.

          „Die Aussage

          „Dass wir ausgerechnet dann Verantwortung für die Klimafolgen der fossilen Verbrennung übernehmen sollen, wenn sich große Teile der Menschheit aus dem linearen Lesen weitgehend oder gar völlig verabschieden, ist nicht trivial“

          teile ich, und je mehr ich mir klarmache, was das bedeutet, umso beklemmender fühlt es sich an.

          Ja, ich bin in Wahrheit geschockt. Es ist eine dystopische Vorstellung, auf einem Planeten zu leben, auf dem immer mehr Menschen auf eine kulturelle Errungenschaft wie das Lesen verzichten – während die Antwort auf die aktuellen Krisen das Durchschauen immer komplexerer Zusammenhänge erfordert.“

          Danke & volle Zustimmung, lieber @Peter 👍

          Dazu prägte ich bereits im Februar 2025 den Begriff der KI-digitalen Thymokratie als einer neuen Herrschaftsform auf Basis von Algorithmen und feindselig-dualistischer Emotionalisierung:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsklaerung-thymos-oligarchische-timokratie-ki-digitale-thymokratie/

          Dagegen empfahl ich auch damals bereits „lesenden Widerstand“ – und sehe die Beobachtungen von damals inzwischen bestätigt.

          Erst gestern las ich auch in der Stuttgarter Zeitung auf Seite 4 ein Interview mit dem Medienwissenschaftler Martin Andree.

          Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn wir im Jahr 2035 zurückblicken – woran würden Sie erkennen, dass wir die digitale Öffentlichkeit zurückgewonnen haben?

          Wir werden es daran erkennen, ob Deutschland noch ein demokratischer Staat ist. Denn demokratische Souveränität ist langfristig nur mit digitaler Souveränität auf dem Feld der Medien möglich. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es im Grundgesetz. Aber das Volk informiert sich in Medien. Die digitalen Medien werden von außen, aus dem Silicon Valley, beherrscht. Das heißt: Die demokratische Gemeinschaft hat die eigene Stimme bei der Gestaltung ihres demokratischen Forums längst verloren. In einer fremdbestimmten Öffentlichkeit kollabiert aber auch die demokratische Souveränität.

          Hier ist das gleiche Interview auch online verfügbar:

          https://www.nordsee-zeitung.de/meinung/martin-andree-die-macht-von-google-co-ist-ein-demokratieproblem-408373.html

          Ein Buch des Kollegen habe ich bereits bestellt, zumal mich dieser Prozess der digitalen Thymotisierung weg vom Logos ja schon seit Jahren beschäftigt und auch zunehmend besorgt. Hatte ja sogar mal einen Hashtag #derlesendeWiderstand dagegen eingebracht und überlege, ihn bei Gelegenheit wieder zu beleben.

          Es zeigt sich: Vom Alphabet-Lesen hängt nicht nur unser zukunftsorientierte Gefühlswelt, sondern auch das Schicksal unserer demokratischen Republiken ab… Wer hätte das gedacht?

  2. Nachsatz zum vorherigen Kommentar (habe ich vergessen):

    Und dadurch, dass wir (Fossilisten, aus dem besagten pathologischen Verhältnis zur Zeit heraus handelnd) unzähligen künftigen Menschen-Generationen ihrer Lebens-Optionen und (Entscheidungs-)Freiheit berauben, tasten wir ihre Würde an.

    Damit sind wir wieder beim Leitthema Deines Blogposts.

    • Ja, @Peter – durch die fossile Verbrennung beschränken wir Freiheiten & Würde zukünftiger Generationen! Denn die Mitwelt, die wir heute ausbeuten und zerstören, wird heutigen und zukünftigen Generationen nicht mehr die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten bieten, die es in der Vergangenheit noch gab.

      Für meine Frau & mich steht dafür u.a. symbolisch der Schlitten: Weil es in unserer Kindheit Anfang der 80er Jahre in Filderstadt noch reichliche Schneefälle gab, genossen wir lustige Schnee-Schlittenfahrten und wollten diese Möglichkeit auch unseren Kindern anbieten. Zumal sich geeignete Schlittenhügel in Laufweite unseres Hauses befinden.

      Doch mit ein, zwei frühen Ausnahmen verblieben die für unsere Kinder erworbenen Geräte in ihrer bisherigen Lebenszeit im Schuppen. Es gab kaum noch weißen Schnee, der ausreichend liegenblieb! Wie schnell die fossile Zerstörung unserer Mitwelt bereits verläuft, können wir so sogar schon in unserer eigenen Lebenszeit beobachten und erfassen!

      Dass viele Menschen – wie etwa der hier auf dem Blog schwankend kommentierende @Realo – sich angesichts dieser Drastik lieber in ängstliche Reaktanz, aggressive Externalisierung gegen Grüne und sogar in fossile Tyrannophilie flüchten, kann ich daher als Flucht vor der Verantwortung psychologisch und biografisch nachvollziehen.

      Wir haben es hier schon mit Abgründen an existentiellem Schrecken zu tun, die nicht zufällig von Fossilisten, Putinisten & Trumpisten medial gegen Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechte gewendet werden…

  3. Mich spricht die Ausrichtung auf gute Begriffe im Blogpost besonders an.
    Also z.B. wie kann der Begriff ,Liberal‘ gut gefüllt werden.
    Diese Vergewisserung zur genutzten Sprache ist ja eine wesentliche Grundlage für jeden guten Austausch.
    Im Kampf um Deutehoheiten werden immer wieder solche Klärungen nötig und vermutlich wird der eine oder die andere der Lesenden dieses Blogs dankbar auf Anregungen zur Begriffsklärung zurückgreifen.
    Denn mittelfristig bestimmen die Begriffe ja die erlebte Wirklichkeit.

    Im persönlichen Umfeld merke ich dann, wie der Versuch, Begriffsnutzung zu problematisieren und andere Begriffe anzuregen, oft nicht die Resonanz findet, die ich mir erhoffen würde. Insofern beobachte ich mit Interesse, ob und wenn wie sich passende Begriffe, u.a. solche die bestimmte Probleme nicht mehr so verschleiern, durchsetzen können…

    • Herzlichen Dank für das Interesse und die Rückmeldung, @HG Unckell 🙏📗🖖

      Und, ja, auch auf Mastodon ergaben sich gestern weitere Dialoge zur m.E. wichtigen Unterscheidung von „Liberal“ (Freiheitsrechte für alle) und „Libertär“ (Freiheitsrechte nur für Reiche).

      In einem Post argumentierte ich dazu noch einmal ausführlicher:

      1. Im Englischen wird „liberal“ als „sozialliberal“ und also eher links verstanden, unter deutschen Linken als „rechts“. Das macht wissenschaftliche Debatten sehr schwer, sobald sie über Deutschland hinausgehen.

      2. Der Begriff „Neoliberalismus“ bezeichnet historisch eigentlich eine bestimmte Denkschule („Freiburger Schule“), die sich GEGEN eine ausschließliche Marktradikalisierung wandten. So habe ich selbst miterlebt, wie auch F.A. von Hayek von Marktradikalen als Sozialdemokrat „geschmäht“ wurde.

      3. Beide Verwirrungen lassen sich m.E. vermeiden, sobald wir auch im Deutschen zwischen „liberal“ (Freiheitsrechte für alle) und „libertär“ (Freiheitsrechte nur für Reiche) unterscheiden.

      Bei anderer Begriffen (Conspiracy Myths vs. Conspiracy Theories) wandte ich mich ja auch schon gegen die Übernahme englischer Begriffe.

      https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117274103930679374

      Ich verstehe auch aus eigener Erfahrung, dass Begriffsarbeit mühsam ist. Ich halte sie jedoch für dringend notwendig und bin wirklich dankbar für alle, die sich interessieren und konstruktiv beteiligen.

  4. Betreff : Verbot der AfD

    Die feinsinnigen Überlegungen und Gedanken zur Würde des Menschen sollen/müssen eine Entsprechung in der Politik finden.
    HerrBlume sie schreiben zu Recht:“ Menschen, die Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes nie verinnerlicht haben oder gar bekämpfen, haben daher nach meiner Auffassung nichts in demokratischen Parteien oder gar gewählten Parlamenten (Legislative), in Regierungen und Behörden (Exekutive), in Gerichten (Judikative), Medienhäusern (Publikative) und wissenschaftlichen Einrichtungen (Scientikative) zu suchen.“

    Und das bedeutet konkret, man muss die Parteivorsitzenden und Personen die öffentlich auftreten, ausschließen.
    Ein Parteiverbot ist nicht möglich, das hat schon das Beispiel NPD gezeigt, möglich und sinnvoll dagegen ist ein Prozess gegen Menschendie öffentlich gegen unser Grundgesetz verstoßen.

    • Lieben Dank, @NI – doch ich beziehe mich hier (wie auch bereits in meiner Rede vor Tausenden bei „Stuttgart hält zusammen“ 2024) bewusst auf das deutsche Grundgesetz.

      Dort heißt es in GG-Artikel 21:

      (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.
      (2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig.
      (3) Parteien, die nach ihren Zielen oder dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind von staatlicher Finanzierung ausgeschlossen. Wird der Ausschluss festgestellt, so entfällt auch eine steuerliche Begünstigung dieser Parteien und von Zuwendungen an diese Parteien.
      (4) Über die Frage der Verfassungswidrigkeit nach Absatz 2 sowie über den Ausschluss von staatlicher Finanzierung nach Absatz 3 entscheidet das Bundesverfassungsgericht.
      (5) Das Nähere regeln Bundesgesetze.

      https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html

      Dass Staaten, Religionsgemeinschaften, Vereine, Unternehmen, Parteien usw. als juristische Personen Zusammenschlüsse von Menschen bezeichnen ist mir bekannt und war auch den Vätern und Müttern des Grundgesetzes bereits präsent.

      • Michael Blume, Thema Grundgesetz
        Die Formulierungen des Grundgesetzes sind gut .
        Wann eine Partei ausgeschlossen werden kann ist auch formuliert.

        Das war nicht mein Hauptanliegen. Ich wollte darauf hinaus, dass man nicht nur die Partei in den Fokus nimmt, sondern auch die Personen.
        Bei Herrn Höcke hat das funktioniert, er ist vorbestraft. bei der AfD in Sachsen-Anhalt fehlen Beweise. Die Einstufung des Verfassungsschutzes als „gesichert rechtsradikal“ ist keine juristische Einstufung.
        Ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht, das kein Verbot garantiert, das wird den bürgerlichen Parteien mehr schaden als nützen.

        • Vielen Dank für die Klarstellung, @NI

          Doch ich verstehe die Verteidigung des deutschen Grundgesetzes einschließlich der Menschenwürde (Artikel 1) nicht unter der Perspektive von Parteitaktik. Mir scheint, dass das Übermaß an Parteipolitik vielmehr immer mehr Menschen abstößt, die sich einen sozialen und wehrhaften Rechtsstaat wünschen.

          Auch bin ich persönlich zwar schon als Jugendlicher (aus einer Arbeiterfamilie) einer christdemokratischen Partei beigetreten – nicht aber einer nur bürgerlichen, konservativen, fossilen, Konzern-libertären oder rechten Partei.

          Und ich kann auch nicht erkennen, dass solche Parteifamilien in Deutschland, international und digital überzeugender als eine glaubwürdig integrative Christdemokratie wären.

  5. @Hauptartikel

    „Sie liegt dort, wo die Vergangenheit, an der sich nichts mehr ändern läßt, in der Gegenwart der Entscheidung an die Möglichkeiten der Zukunft anknüpft, an der Schnittstelle zwischen Körper und Geist, zwischen dem Gegebenen und der Freiheit. Dort bildet sich die Einheit des menschlichen ‚Ich‘“

    Die Frage nach der Natur der allgemeinen erlebbaren Gegenwart ist hier interessant. Es kommt uns stets so vor, als wenn wir alle gleichzeitig unterwegs wären. Zumindest unser Gehirn konstruiert uns stets unsere aktuelle Gegenwart, und das offenbar synchron zu allen Mitmenschen und sonstige biologischen oder inzwischen auch technischen Existenzen.

    Als Bewusstsein wird dieses markant, wir erleben mit und sind zugleich aktive Mitspieler.

    Vermutlich ist diese Gleichzeitigkeit auch ein Symptom eines allgemeinen kosmischen Bewusstseins, das alles umfasst und auch die substanzielle Existenz alles biologisch-pschologischen Geschehens überhaupt erst richtig ermöglicht.

    Der Panpsychismus mag das schon ganz gut zu beschreiben. Ich vermute, wir sind auch Teil von Geisteswelten, die sich absolut gemeinsam durch die Zeiten bewegen. Und entsprechend sind wir überhaupt nicht einsam und alleine unterwegs.

    Jedenfalls wird da so noch mehr draus, als nur ein selbstgesteuertes höheres Säugetier.

    Die Bezüge zum Kosmischen eben. Und diese Bezüge beschäftigen uns doch schon seit der Steinzeit, nicht erst seit den alphabetischen Religionen.

    Aber so oder so, in unserer grundlegenden Konstitution liegt auch eine Verantwortung gegenüber den möglichen Zukünften, die wir selbst verursachen und auch zu verantworten haben.

    Letztlich haben wir umfangreiche Wissenschaften, die offenbar auch zur Gestaltung der Zukünfte taugen. Über die bloße Neugier hinaus machen wir sowas ja auch, um im Leben besser klar zu kommen. Und uns eine Welt einzurichten, die funktioniert, und nicht mehr oder weniger komplett den Bach runter geht.

  6. Ihr ganz besonderer Tag in Konstanz mit den sehr bewegenden Ereignissen zeigt, wie viel Wertschätzung und Zuneigung Ihnen entgegengebracht wird.

    Philosophisch-literarisch nähert sich Friedrich Schiller den genannten Themen an. Seine „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ beschäftigen sich nicht nur mit der Menschenwürde.

    Seine Formulierungen und die Vorliebe für Schachtelsätze sind eine echte Herausforderung für mich.

    Faszinierend finde ich, was er über die Entwicklung des Individuums schreibt. In uns allen ist die Vernunft angelegt, aber wir müssen den bewussten Umgang mit ihr lernen.

    Moral, Charakter, Freiheit, Zeit, Menschenwürde.

    Schiller kannte unsere Social Media Plattformen noch nicht. „…der natürliche Charakter des Menschen, der selbstsüchtig und gewalttätig, vielmehr auf Zerstörung als auf Erhaltung der Gesellschaft zielt…“

    Interpretiere ich ihn richtig, so habe ich den Eindruck, dass es nicht um das christlich-jüdische Menschenbild geht. Menschenwürde hat offenbar bei Schiller eine materielle Seite.

    Andererseits brachte er in seinem Gedicht „Die Worte des Glaubens“ folgenden Vers zu Papier.

    Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
    Wie auch der menschliche wanke,
    Hoch über der Zeit und dem Raume webt
    Lebendig der höchste Gedanke,
    Und ob alles in ewigem Wechsel kreist,
    Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

    Wechsel, Veränderung gehören zum Leben dazu. Manchmal reicht ein Augenblick, um das Leben und die Existenz eines Menschen radikal zu verändern.

    Unser „Politik-Betrieb“ ist dagegen in den seit Jahren eingeübten Ritualen erstarrt. Nur sehr wenige Politiker suchen für sich Wege aus der Lähmung, den Floskeln und dem immer größer werdenden Abstand zwischen den Repräsentanten der Politik und den Menschen.

    Ich kenne die Argumente für Social Media. Dass bestimmte Gruppen hauptsächlich über diese Plattformen erreicht werden können.

    Einer, der für sich beschlossen hat, direkt mit den Menschen zu sprechen und zwar in der ihnen vertrauten Umgebung ist der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir. Dazu braucht es Mut. Echtes Interesse an den Menschen, dass sie sich gehört fühlen.

    Ich bin überzeugt, dass wir mehr solche Politiker brauchen. Parteien sollten darauf achten. Stattdessen haben die Kandidaten die besten Chancen auf eine Karriere in ihren Parteien, die am wenigsten anecken! Warum opfern manche ihre Menschenwürde für eine politische Karriere?

    Und Talkshows sind kein Ersatz für echten Dialog.

    • Vielen Dank, @Marie H. – Ihre Bezugnahme auf Friedrich Schiller (1759 – 1805) finde ich sehr überzeugend!

      Denn, ja, im Kontext der sprachmächtigen Entfaltung des Drama sowohl in seiner frühen Sturm & Drang-Phase (z.B. „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“) wie auch in der späteren Weimarer Klassik (z.B. „Maria Stuart“, „Wilhelm Tell“) hat er doch die Bedeutung auch politischer Emotionen (des Thymos) um Dimensionen deutlicher herausgearbeitet, als die spätere, bürgerlich-esoterische Autosuggestion vom „Homo oeconomicus“. Wer den Menschen als von Geburt an vernünftiges Wesen (im Logos) definiert, hat weder die Evolution, noch die menschliche Kultur und nicht einmal die eigene Biografie verstanden!

      Medien verändern – und zwar mit zunehmender Bevölkerungsgröße – die gesamte, politische Kommunikation. Wie Sie wissen, beschreibe ich die m.E. existentielle Gefahr von digitaler Thymotisierung durch Algorithmen und Konzernmedien seit Jahren, hier beispielsweise bereits 2024 nach Gesprächen & Texten jüdischer Betroffener in den USA:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verlieren-lernen-um-zu-ueberleben-digitale-thymotisierung-die-saekulare-enge-der-zeit/

      Etwas Partei-übergreifender als Sie sehe ich dialogisch-mediale Glaubwürdigkeit aber nicht nur bei Angehörigen einer demokratischen Partei wahr, sondern etwa unter den Ministerpräsidenten in Deutschland von Cem Özdemir (Grüne) über Daniel Günther & Hendryk Wüst (beide CDU) bis zu Manuela Schwesig (SPD). Gleichzeitig habe ich aber auch schon früh vor der Tendenz zu einer Überpersonalisierung von Politik auf Kosten der Parlamente (Legislative) gewarnt. Die parlamentarisch-demokratische Republik unseres Grundgesetzes war und ist bewusst als dialogische Konsensdemokratie angelegt.

      Felo.ai vermag meine Beobachtungen und auch Sorgen bereits präzise zusammen zu fassen:

      Digitale Thymotisierung kann demokratische parlamentarische Republiken gefährden, indem sie politische Kommunikation auf Empörung, Feindbilder, persönliche Loyalitäten und unmittelbare affektive Mobilisierung zuspitzt. Dadurch werden jene Voraussetzungen geschwächt, auf denen parlamentarische Demokratie beruht: ein gemeinsamer öffentlicher Tatsachenraum, Vertrauen in Verfahren und Institutionen, Kompromissfähigkeit sowie die Anerkennung politischer Gegner als legitime Mitbürger.

      Im Verständnis Michael Blumes bezeichnet der Begriff eine digital verstärkte Emotionalisierung, insbesondere eine auf Status, Kränkung, Wut und Dominanz bezogene Mobilisierung. Blume ordnet dies auch als Gefahr eines „digitalen Neurohackings“ ein: Plattform- und Medienlogiken können psychologische Aufmerksamkeits- und Reaktionsmuster gezielt ausnutzen.[1] Seine Diagnose lautet, Digitalisierung bewirke Thymotisierung und damit Personalisierung politischer und medialer Kommunikation.[5]

      ## Angriff auf die deliberative Meinungsbildung

      Parlamentarische Republiken benötigen mehr als Mehrheitsentscheidungen: Bürgerinnen und Bürger müssen Informationen prüfen, unterschiedliche Interessen abwägen und politische Repräsentanten an Programmen, Entscheidungen und Verantwortung messen können. Digitale Thymotisierung verschiebt Aufmerksamkeit dagegen oft von Sachfragen zu moralischer Empörung, skandalisierenden Konflikten und personalisierten Gegnerschaften.

      Das begünstigt eine Logik, in der die Frage nicht mehr lautet: *Welche Regelung ist im Gemeinwohl vertretbar?* Sondern: *Wer gehört zu uns, wer bedroht uns, und wer zeigt am sichtbarsten Härte?* Politische Akteure erhalten dann Anreize, zugespitzte Botschaften zu senden, weil diese häufiger Aufmerksamkeit und Interaktion erzeugen als differenzierte Begründungen.

      ## Polarisierung statt pluralistischer Konkurrenz

      Politischer Streit ist in einer Demokratie normal und notwendig. Gefährlich wird er, wenn aus Konkurrenz zwischen Parteien eine Wahrnehmung existenzieller Feindschaft wird. Digitale Plattformen können diese Entwicklung verstärken, indem emotionalisierende Inhalte, homogene Netzwerke und reaktive Kommunikation die affektive Polarisierung erhöhen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Umordnung von Feed-Inhalten die affektive Polarisierung signifikant beeinflussen kann.[25]

      Der entscheidende Schaden liegt nicht allein in unterschiedlichen politischen Positionen. Er entsteht, wenn Menschen Anhänger anderer Parteien zunehmend als unmoralisch, gefährlich oder grundsätzlich illegitim ansehen. Dann sinkt die Bereitschaft, Wahlergebnisse zu akzeptieren, Minderheitenrechte zu achten oder mit politischen Gegnern Kompromisse auszuhandeln.

      ## Personalisierung und Entparlamentarisierung

      Parlamentarische Systeme sind auf Repräsentation, Fraktionen, Ausschüsse, Verfahren und kollektive Verantwortlichkeit angelegt. Die thymotische Digitallogik bevorzugt dagegen einzelne Personen, spontane Erregungswellen und dauernde Kampagnen. Damit kann sie die Wahrnehmung erzeugen, parlamentarische Beratung sei bloß Verzögerung, Kompromiss sei Verrat und institutionelle Kontrolle sei ein Hindernis für den vermeintlich unmittelbaren „Volkswillen“.

      Diese Dynamik stärkt populistische Führungsstile: Eine Person oder Bewegung kann behaupten, unmittelbar für das „wahre Volk“ zu sprechen, während Medien, Gerichte, Opposition und Parlament als Teil eines feindlichen Establishments erscheinen. Personalisierung ist deshalb nicht nur ein Stilmittel, sondern kann die Legitimität institutioneller Vermittlung untergraben.[5]

      ## Desinformation, Verschwörungsdenken und externe Einflussnahme

      Affektiv aufgeladene Umgebungen erleichtern die Verbreitung von Desinformation. Inhalte müssen nicht vollständig geglaubt werden, um wirksam zu sein; oft genügt es, Zweifel an Wahlen, Medien, Wissenschaft, Gerichten oder staatlichen Stellen zu säen. Wiederholte emotionalisierte Behauptungen können so die gemeinsame Grundlage für politische Urteilsbildung beschädigen.

      Besonders anfällig sind solche Öffentlichkeiten für koordinierte Manipulation. Ausländische Einflussnahme und Desinformation zielen nach Einschätzung des Europäischen Parlaments auf den Kern des europäischen Projekts.[24] Akteure können Spaltungen nutzen, Konflikte auf beiden Seiten befeuern und emotionale Inhalte verbreiten, statt eine bestimmte sachpolitische Position durchzusetzen.[8]

      ## Risiken für Institutionen und politische Gewalt

      Die Gefährdung verläuft typischerweise schrittweise:

      1. Aufmerksamkeit wird auf empörungsfähige und personalisierte Inhalte gelenkt.
      2. Gegenseitige Abwertung erhöht die affektive Distanz zwischen politischen Lagern.
      3. Vertrauen in neutrale Vermittler und rechtsstaatliche Institutionen sinkt.
      4. Kompromisse und parlamentarische Verfahren wirken als Schwäche oder Verrat.
      5. Antidemokratische Lösungen, Einschüchterung oder im Extremfall Gewalt erscheinen Teilen des Publikums eher legitim.

      Das bedeutet nicht, dass digitale Kommunikation zwangsläufig in Autoritarismus führt. Digitale Medien erweitern auch Zugang zu Information, Beteiligung und Gegenöffentlichkeiten.[14] Das Risiko entsteht vor allem dort, wo Geschäftsmodelle und Empfehlungslogiken systematisch emotionale Zuspitzung belohnen, politische Akteure diese Logik strategisch bedienen und demokratische Schutzmechanismen zu schwach bleiben.

      ## Demokratische Gegenmittel

      Wirksame Antworten müssen Meinungsfreiheit und politische Pluralität schützen, statt legitimen Streit zu unterdrücken. Dazu gehören:

      – **Transparente und überprüfbare Plattformregeln**, insbesondere zu Empfehlungsalgorithmen, politischer Werbung und koordinierter Manipulation.
      – **Reichweitenbegrenzung für nachweislich antidemokratische, gewaltverherrlichende oder gezielt täuschende Inhalte**, verbunden mit unabhängiger Kontrolle und Rechtsbehelfen. Ein Stanford-Ansatz verringerte Polarisierung auf X durch das Herabstufen hochparteiischer und antidemokratischer Beiträge.[22]
      – **Stärkung unabhängigen Journalismus und Medienkompetenz**, damit Quellen, Emotionstechniken und manipulative Kommunikationsformen besser erkannt werden.
      – **Schutz demokratischer Institutionen**, etwa Wahlverwaltung, Parlamente, Gerichte und öffentlich-rechtliche Informationsstrukturen, gegen delegitimierende Kampagnen.
      – **Politische Kommunikationsformen, die Konflikte nicht leugnen, aber Gegner nicht entmenschlichen.** Blume betont in diesem Zusammenhang ein gemeinsames Eintreten gegen digitale Polarisierung und feindseligen Dualismus.[2]

      Die zentrale Gefahr digitaler Thymotisierung besteht somit nicht in digitalen Medien an sich. Sie liegt in einer dauerhaft emotionalisierten politischen Öffentlichkeit, in der Reichweite und Erregung die überprüfbare Information, parlamentarische Vermittlung und demokratische Selbstbegrenzung verdrängen.

      [1] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-europaeische-medienrecht-zwischen-demokratie-und-thymokratie/
      [2] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-schritt-in-die-digitale-thymokratie-mein-heutiger-tag-mit-zwei-parlamenten/
      [3] https://www.politikum.org/blog/digitalisierung-gefahr-fuer-die-demokratie
      [4] https://www.uni-erfurt.de/forschung/aktuelles/forschungsblog-wortmelder/wird-demokratie-bedroht-durch-digitale-plattformen
      [5] https://sueden.social/@BlumeEvolution/113514666483458638
      [6] https://journal.igiinsight.com/index.php/Veritas/article/view/187
      [7] https://www.brookings.edu/articles/how-tech-platforms-fuel-u-s-political-polarization-and-what-government-can-do-about-it/
      [8] https://www.populismstudies.org/dr-papageorgiou-russia-china-play-both-sides-on-social-media-to-deepen-political-polarization/
      [9] https://www.mpg.de/24519852/digitale-medien-bedrohen-demokratie
      [10] https://www.researchgate.net/publication/392946214_EXAMINING_THE_INFLUENCE_OF_SOCIAL_MEDIA_ALGORITHMS_ON_POLITICAL_POLARIZATION_IN_DEMOCRACIES
      [11] https://digitaltag.eu/aktion/das-internet-als-gefahr-fuer-die-demokratie
      [12] https://papers.ssrn.com/sol3/Delivery.cfm/SSRN_ID4459453_code1530516.pdf?abstractid=4429558&mirid=1
      [13] https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/
      [14] https://wissenschaft.de/artikel/wie-digitale-medien-die-demokratie-bedrohen
      [15] https://www.dw.com/de/digitale-plattformen-als-gefahr-f%C3%BCr-die-demokratie-was-tun/a-74663127
      [16] https://www.boell-bw.de/de/2022/12/05/dr-michael-blume-gegenstrategien-von-seiten-der-politik-und-den-institutionen
      [17] https://www.deutschlandfunkkultur.de/religionswissenschaftler-michael-blume-antisemitismus-100.html
      [18] https://material.rpi-virtuell.de/autor/michael-blume/
      [19] https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116319206017559073
      [20] https://www.humanrightsresearch.org/post/the-role-of-social-media-algorithms-in-shaping-political-polarisation-in-the-united-states
      [21] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/durch-mimesis-medien-verstehen-ki-zwischen-biedermeier-kreativitaet/
      [22] https://news.stanford.edu/stories/2025/11/social-media-tool-polarization-user-control-research
      [23] https://fundamentals.weizenbaum-institut.de/digitale-demokratie/
      [24] https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260911IPR47453/parlament-will-demokratie-besser-vor-auslandischer-einflussnahme-schutzen
      [25] https://english.elpais.com/technology/2025-11-27/algorithms-do-widen-the-divide-social-media-feeds-shape-political-polarization.html
      [26] https://dr.lib.iastate.edu/server/api/core/bitstreams/679463ea-22c2-4102-8ebf-cc15b04f76c9/content

      • Vielen Dank!

        Mir kamen folgende Gedanken:

        Die Komplexität der aktuell brennendsten Themen stellt die Politiker der demokratischen Parteien vor Probleme. Das Erklären eines Themas und der eigenen Lösungsvorschläge funktioniert momentan nicht.

        Zu umfangreiche Darstellung führt dazu, dass der Zuhörer oder die Zuschauerin mental abschalten bzw in einen anderen Sender umschalten.

        Auch fehlt mE oft – auch bei Politikern – das Wissen. Ein Beispiel dafür ist KI.

        Um hier nicht in Erklärungsnot zu geraten, bespricht man ein so wichtiges Thema besser nicht.

        Über die vorhandenen, völlig verständlichen Wissenslücken bei Politikern den Mantel des Schweigens zu breiten, ist eine Reaktion, die nicht weiterhilft und leider auch dazu beiträgt, politisch-gesellschaftliche Ablenkungsmanöver zu starten.

        Politiker aller demokratischen Parteien, die den Menschen zuhören und sie ernstnehmen, sind in unserer Parteienlandschaft vor allem deshalb selten, weil sie häufig nicht dem Mainstream in ihren Parteien entsprechen.

        Außerdem kommen mir auch die jungen Menschen und ihre Anliegen zu kurz. Arbeit, Rente, Umwelt, Familie, Finanzen etc sind in den Parteien als Themen unterschiedlich gewichtet. Ich sehe daher eine gewisse Verhärtung und Frustration auch bei den Nachwuchspolitikern. Die Reaktion besteht in einer manchmal massiven Abgrenzung von, ja Abschottung gegenüber jungen Politikern anderer Parteien.

        Der Hinweis auf das Scheitern der Weimarer Republik, den ich vor kurzem von Herrn Söder gehört habe, dass sich zu wenige Demokraten für sie eingesetzt hätten, ist nicht falsch. Daraus folgert er, dass die heutigen demokratischen Politiker sozusagen gegen die AfD zusammenhalten müssten. Da hat er durchaus recht. Doch bleibt unklar, welche Parteien er meint. Die SPD bestimmt, aber auch die Grünen? Mein Misstrauen ist zwar begründet, gefällt mir aber angesichts der Herausforderungen nicht.

        Gestern wurde mir auf Youtube ein Ausschnitt aus der Sendung „Die phoenix Runde“ vorgeschlagen, in welchem der Politologe Albrecht von Lucke ganz direkt davon sprach, dass der Axel-Springer-Verlag am Sturz von Bundeskanzler Friedrich Merz arbeiten würde. Kurz darauf gab es einen Bericht über den Besuch des Bundeskanzlers einer Veranstaltung, bei der er von einem Journalisten befragt wurde. Die „Fragen“ nach seiner Person und einem „Was-wäre-wenn-Szenario“ nervten Herrn Merz völlig verständlich irgendwann. Wie sich herausstellte, ist der Journalist beim o.g. Medienhaus tätig.

        Ganz gleich, was ich persönlich vom Bundeskanzler und seiner Politik halte, finde ich die Art und Weise, wie dort mit ihm umgegangen wurde falsch. Ja, ich empfinde manche seiner Äußerungen als problematisch, gerade was die Menschenwürde angeht. Die Menschenwürde ist unantastbar. Das gilt damit auch für den Bundeskanzler. Imho.

        • Herzlichen Dank für Ihren zugleich dialogischen und inhaltlich herausragenden Kommentar, @Marie H., auf den ich daher gleich heute Morgen ausführlicher und würdigend antworten möchte. 🙏

          Sie schrieben:

          „Die Komplexität der aktuell brennendsten Themen stellt die Politiker der demokratischen Parteien vor Probleme. Das Erklären eines Themas und der eigenen Lösungsvorschläge funktioniert momentan nicht.“

          Genau so erlebe ich das auch. Die digitale Thymotisierung & Verdummung durch algorithmische Konzernmedien betrifft uns alle – zumindest, so lange wir uns diesen gefährlichen Medienanbietern aussetzen. Aus dem EU-Mitgliedsland Österreich, konkret der schönen Steiermark erreicht uns gerade eine weitere, verstörende Nachricht über die gefährlichen Abhängigkeiten:

          Kein Facebook, kein Instagram und auch kein WhatsApp: Der Bürgermeister von Tieschen, Martin Weber (SPÖ), ist auf allen drei Meta-Plattformen dauerhaft gesperrt. In einem Facebook-Posting verglich Weber zuvor Donald Trump mit der AfD.

          https://steiermark.orf.at/stories/3370884/

          „Zu umfangreiche Darstellung führt dazu, dass der Zuhörer oder die Zuschauerin mental abschalten bzw in einen anderen Sender umschalten.“

          So ist es. Ein schnelles Video kann niemals die gleiche Thementiefe erzielen wie ein kluger Text. Ich arbeite ja bewusst mit all diesen Medien und kann das auch aus meiner täglichen Erfahrung bestätigen. Entsprechend setze ich große Hoffnungen in den Blog-Wagenheber-Effekt und erlebe mit Freude, wie Menschen auch unabhängig von akademischer Vorbildung über den Blog in Themen wie den politikwissenschaftlichen Ressourcenfluch & erneuerbare Friedensenergien eintauchen.

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hoffnung-fuer-die-wissenschaft-der-dialogische-blog-wagenheber-effekt-im-fediversum/

          „Auch fehlt mE oft – auch bei Politikern – das Wissen. Ein Beispiel dafür ist KI.“

          Ja, demokratische Politik ist mit enormen Stress verbunden, oft beschränkt auf die je eigene Medien- und Parteiblase. Das halte ich für eine massive, psychologische Überforderung, die gerade auch gute Leute geradezu fehlleitet und ausbrennt. Viele fallen etwa nach dem Verlust eines Mandates in ein tiefes, biografisches Loch. Und sowohl für Überbeschleunigung wie für Ängste gilt: „Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.“ (Blumenberg)

          „Um hier nicht in Erklärungsnot zu geraten, bespricht man ein so wichtiges Thema besser nicht.“

          Ja, so ist es: Durch das Internet kann auch ein kleiner Irrtum oder gar Versprecher sofort digital verbreitet und verewigt werden. Das Ergebnis sind – leider – zu viele Politikerinnen und Politiker, die sich in vermeintlich sichere Sprechblasen flüchten und damit dialogisch verstummen.

          „Über die vorhandenen, völlig verständlichen Wissenslücken bei Politikern den Mantel des Schweigens zu breiten, ist eine Reaktion, die nicht weiterhilft und leider auch dazu beiträgt, politisch-gesellschaftliche Ablenkungsmanöver zu starten.“

          Ja, so ist es. Noch dominiert die mediale Inszenierung der vermeintlich allwissenden und allzuständigen Parteipolitik – die doch gleichzeitig kaum noch jemand glaubt. Auch deswegen versuche ich es bewusst, die Loyalität zu (m)einer demokratischen Partei mit Dialogbereitschaft und also kritischer Offenheit zu verbinden.

          „Politiker aller demokratischen Parteien, die den Menschen zuhören und sie ernstnehmen, sind in unserer Parteienlandschaft vor allem deshalb selten, weil sie häufig nicht dem Mainstream in ihren Parteien entsprechen.“

          Exakt das – denn wie der Begriff „Mainstream“ (deutsch: Hauptstrom) schon zeigt, wird noch immer ein besinnungsloses Mitschwimmen erwartet. Aber warum wählen wir beispielsweise Hunderte Abgeordnete der verschiedenen Parteien, wenn diese danach nur noch abzunicken und wiederzugeben haben, was eine Handvoll Parteivorsitzende in nichtöffentlichen Runden beschlossen haben? Ich denke wirklich, dass unsere Bundesrepublik hier ab 1961 einen mimetischen und medialen Abweg vom Grundgesetz genommen hat, den wir alle dringend korrigieren sollten.

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/

          „Außerdem kommen mir auch die jungen Menschen und ihre Anliegen zu kurz. Arbeit, Rente, Umwelt, Familie, Finanzen etc sind in den Parteien als Themen unterschiedlich gewichtet. Ich sehe daher eine gewisse Verhärtung und Frustration auch bei den Nachwuchspolitikern. Die Reaktion besteht in einer manchmal massiven Abgrenzung von, ja Abschottung gegenüber jungen Politikern anderer Parteien.“

          Auch hier stimme ich zu – und kann das aus meiner Zeit als junger, zeitweise sogar jüngster Gemeinderat in Filderstadt auch bestätigen: Wenn eine kritische Masse jüngerer Gewählter im Gremium ist, dann lohnen sich auch gemeinsame Initiativen für die Anliegen von jungen Menschen und Familien. Wo dagegen eine erdrückende Mehrheit „Das haben wir aber früher auch so gemacht“-Älterer die Gremien dominiert, wächst natürlich der Frust.

          Auch ich selbst stand übrigens vor der Gewissensentscheidung zwischen der Zeit für meine Familie und damals kleinen Kinder und der Kommunalpolitik. Als ich mich schließlich für meine Familie entschied, rückte für mich ein Ruheständler nach…

          „Der Hinweis auf das Scheitern der Weimarer Republik, den ich vor kurzem von Herrn Söder gehört habe, dass sich zu wenige Demokraten für sie eingesetzt hätten, ist nicht falsch. Daraus folgert er, dass die heutigen demokratischen Politiker sozusagen gegen die AfD zusammenhalten müssten. Da hat er durchaus recht. Doch bleibt unklar, welche Parteien er meint. Die SPD bestimmt, aber auch die Grünen? Mein Misstrauen ist zwar begründet, gefällt mir aber angesichts der Herausforderungen nicht.“

          Gerade auch Markus Söder (CSU) hat leider viel antigrüne Parteipolitik und thymotische Foodfluencer-Überinszenierung verschuldet. Dass er inzwischen bemerkt zu haben scheint, dass von Rechtsmimesis doch nur rechtsdualistische Parteien profitieren, ehrt ihn.

          Erst heute hatte ich auf Mastodon auch wieder die SPD gegen den bizarren Vorwurf zu verteidigen, eine „rechte = böse“ Partei zu sein. Ich verwies dabei auf die Podcast-Folge zum tragischen Kampf und Schicksal von Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) in der später so genannten Weimarer Republik:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/

          „Gestern wurde mir auf Youtube ein Ausschnitt aus der Sendung „Die phoenix Runde“ vorgeschlagen, in welchem der Politologe Albrecht von Lucke ganz direkt davon sprach, dass der Axel-Springer-Verlag am Sturz von Bundeskanzler Friedrich Merz arbeiten würde. Kurz darauf gab es einen Bericht über den Besuch des Bundeskanzlers einer Veranstaltung, bei der er von einem Journalisten befragt wurde. Die „Fragen“ nach seiner Person und einem „Was-wäre-wenn-Szenario“ nervten Herrn Merz völlig verständlich irgendwann. Wie sich herausstellte, ist der Journalist beim o.g. Medienhaus tätig.“

          Das wundert mich leider nicht. Ich habe ja auch selbst schon unfaire Übergriffe durch dieses Berliner Medienhaus um den rechtslibertären Matthias Döpfner erfahren, der nach dem Abdruck einer AfD-Wahlempfehlung von Elon Musk nun auch noch den rechtsdualistischen Apokalyptiker Peter Thiel auszeichnen will. Ich hatte vor dessen bizarrer Verschwörungsmythologie bereits öffentlich gewarnt:

          Nicht nur in der katholischen Theologie werden die Gedanken Thiels mit Sorge gesehen. „Ich beobachte die Arbeiten, Aussagen und Texte von Peter Thiel bereits seit Längerem und halte ihn für einen gefährlichen, verschwörungsgläubigen Apokalyptiker“, sagt der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung in Baden-Württemberg, Michael Blume, auf katholisch.de-Anfrage.

          „Thiel versucht in einer bizarren Mischung aus Begriffen der Theologie, Philosophie und Medienpsychologie wie Katechon, Frieden und Mimesis eine Identifizierung der Mächte des Antichristen mit einzelnen Menschen“, so der Religions- und Politikwissenschaftler. Deutlich werde das unter anderem daran, dass er Papst Leo XIV. vorwarf, für die chinesischen Kommunisten zu arbeiten.

          Die apokalyptischen Verschwörungsmythen Thiels sind für Blume eine dringende Warnung an Europa, sich nicht von US-Konzernen und Milliardären abhängig zu machen. „Wer europäische Daten und europäisches Geld an verschwörungsgläubige Techbros wie Thiel oder Musk verausgabt, untergräbt die Sicherheit der Europäischen Union samt ihren Kirchen und Religionen sowie ihrer noch demokratischen Parlamente“, so Blume.

          https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird

          „Ganz gleich, was ich persönlich vom Bundeskanzler und seiner Politik halte, finde ich die Art und Weise, wie dort mit ihm umgegangen wurde falsch. Ja, ich empfinde manche seiner Äußerungen als problematisch, gerade was die Menschenwürde angeht. Die Menschenwürde ist unantastbar. Das gilt damit auch für den Bundeskanzler. Imho.“

          Auch da bin ich ganz Ihrer Meinung. Schon als ich im Februar den rechtsmimetischen Schwenk zur AfD von Friedrich Merz (CDU) & auch Christian Lindner (FDP) kritisierte, achtete ich auf eine differenzierte und trotz allem wertschätzende Sprache.

          Blume forderte seine Partei dazu auf, das Zusammenwirken mit der AfD im Bundestag nach der Wahl aufzuarbeiten. Es sei klar, dass man dem eigenen Spitzenkandidaten – dies ist Parteichef Friedrich Merz – im Wahlkampf nicht in den Rücken falle. Aber Blume sagte auch: „Die CDU sollte sich wieder darauf besinnen, ihre Flügel zu integrieren und nicht bedingungslose Gefolgschaft zu erwarten.“ Aus seiner Sicht hat Merz die CDU mit seinem Manöver im Bundestag gespalten. „Es gibt viele in der CDU, die leiden.“

          https://www.stuttgarter-zeitung.de/lokales/baden-wuerttemberg/michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden-79121377.html

          Entsprechend habe ich bisher auch bewusst auf Rücktrittsforderungen verzichtet. Ich würde mir wünschen, dass Merz am Sonntag nach den Landtags- bzw. Senatswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vor dem CDU-Präsidium selbst die notwendigen Konsequenzen zieht – in Anstand und Würde.

  7. @Michael 17.09. 08:47

    „Entsprechend habe ich bisher auch bewusst auf Rücktrittsforderungen verzichtet.“

    Als Merz Kanzler wurde, fand ich das erst mal gut, weil ich es ihm am ehesten zugetraut hätte, das er es schafft, Trump in der Nato zu halten.

    Inzwischen scheint das leider gelaufen zu sein. Und zugleich braucht es sowieso eine völlig neue Waffengattung, derweil die US-Armee anscheinend längst veraltet ist.

    Da können und müssen wir jetzt gleich einsteigen. Also Entwicklungs- und Herstellungskapazitäten wirklich massiv aufbauen, und unsere Massenproduktion von Drohnen aller Art in der Ukraine im Realeinsatz testen, uns Vorräte von diesen Drohnen anlegen und zugleich alles an die Ukraine liefern, was innerhalb von Jahren oder sogar Monaten sowieso auch wieder veraltet wäre.

    Das hilft gleich der Ukraine, und trägt zum Verschleiß von Putins Truppe bei.

    Und derweil dann gleich mit immer weiter entwickelter Drohnentechnik weitermachen. Das Modernste hätten wir dann selber, und können das bei Bedarf noch akut in der Menge aufstocken.

    Offenbar kann Trump bleiben wo er will. Mit so viel Chaos kann man nicht zusammenarbeiten, das geht überhaupt nicht. Dass sich Kanada da jetzt der EU zuwendet, ist echt nachvollziehbar. Und eine europäische IT-Autonomie ist eine sehr gute Idee. Praktischerweise in Opensource und in Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt, die da auch gerne dran teilhaben würden. Das wäre mal wirklich wirksame Entwicklungshilfe, die uns nicht mal zusätzlich was kostet. Im Gegenteil, die könnte da sogar wichtige Beiträge leisten.

    IT-Konzerne in China und den USA sind nicht die Welt. Angesichts von immer mehr KI, die auch gut programmieren kann, würde genau so ein Projekt jetzt mal Zeit.

    Die Unwesen mit den derzeitigen algorithmischen Plattformen kann dann hoffentlich auch mal verebben.

    • Ja, lieber @Tobias – gerade WEIL ich die Rechtsmimesis unter Friedrich Merz (CDU) schon sehr früh öffentlich kritisierte, beteilige ich mich jetzt NICHT an den menschenverachtenden Kampagnen der fossilen Rechts- und Konzernmedien. Auch Merz ist ein Mensch mit Menschenwürde und ich hoffe, dass er selbst rechtzeitig die notwendigen Konsequenzen aus seinen offensichtlichen Fehlern und den Wahlergebnissen zieht. Ich respektiere vieles an ihm und verweigere mich jedem feindseligen Dualismus, auch ihm gegenüber.

      Wenn wir verstehen, dass die digitale Thymotisierung durch algorithmische Konzernmedien auch uns selbst bedroht, verstehen wir auch die Dynamiken in Medien, Politik und Wirtschaft sofort besser, die ja auch immer mehr junge Deutsche erfasst haben:

      Wer diese Dreiteilung der menschlichen Psyche verstanden hat, begreift auch, warum 3.500 digital thymotisierte „Drachenlord“-Hater (meist jüngere Männer) sich am ehemaligen Wohnort des Angefeindeten zu einem menschenfeindlichen und teilweise gewaltbereiten Mob versammelten.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychologie-der-drachenlord-hater-feindseliger-dualismus-digitaler-thymos-mimesis/

      Schließlich möchte ich auch noch Deinen Beobachtungen zustimmen, wonach der Fossilismus die Ausbeutung von Menschen und Mitwelt weitertreiben will, wogegen die post-fossile Kreislaufwirtschaft einschließlich kluger Bildung und Integration den Wohlstand auch demografisch schrumpfender Populationen erhalten kann.

      Entsprechend freue ich mich sehr über die heutige Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes (DeStatis) gefreut, die u.a. vermeldet:

      Baugenehmigungen im Neubau von Januar bis Juli 2026 zum Vorjahreszeitraum:

      +13,5 % bei Wohnungen in Wohngebäuden insgesamt
      +9,7 % bei Einfamilienhäusern
      +25,0 % bei Zweifamilienhäusern
      +15,1 % bei Wohnungen in Mehrfamilienhäusern

      https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/09/PD26_330_3111.html

      Auch das durch Katherina Reiche (CDU) leider noch einmal verkomplizierte und verschlechterte Heizungsgesetz – das erst am 29. Juli 2026 in Kraft trat – kann das starke Wachstum post-fossiler Wärmepumpen in Neubauten nicht mehr verhindern. Und da die Gaskonzerne sich geweigert haben, ihre Speicher für den Winter ausreichend zu füllen, sollte dafür sogar die Ministerin selbst dankbar sein…

  8. @ Tobias Jeckenburger 17.09.2026, 22:50 Uhr

    Zitat: „Als Merz Kanzler wurde, fand ich das erst mal gut, weil ich es ihm am ehesten zugetraut hätte, das er es schafft, Trump in der Nato zu halten.“

    Ein Kanzler sollte halt auch in anderen Angelegenheiten möglichst flexibel sein und realistisch denken.

    Ähnlich wie Frau Merkel, ein anderer, eigentlich gegensätzlicher Typ, verglichen mit Merz, die sich 16 Jahre an der Macht halten konnte.

    Frau Merkel konnte, höchst Instinktsicher, mit allen Menschen bestens kommunizieren. Sie ist, vermutlich auch wegen des Berufs Ihres Vaters, der in der DDR eine Anstalt für „auffällige Menschen“ geleitet hat, frühzeitig mit „unterschiedlichsten Sichtweisen“ in Kontakt gekommen und hat gelernt, damit angemessen umzugehen. Sie soll sogar als Bardame gejobt haben…. War in Mathematik, als auch in Sprachen bestens….

    Mich würde es nicht wundern, wenn der im „aufrechten CDU Milieu“ aufgewachsene Merz, in der Grundschule, mit „Maxi“, einen Arbeiterkind, nicht einmal reden durfte….

    Für die CDU, anders als für, die SPD, ist es ein Problem, wenn sie ausgerechnet das Pensionsalter in Frage stellt und Änderungen wünscht. Man glaubt und will uns einreden, die Arbeit der Rentner könnte nicht mehr geleistet werden, gleichzeitig verlieren viele Menschen ihre Jobs und fürchten, auch noch, durch Roboter und KI ihre Arbeit zu verlieren…..

    Die Rente ist existentiell wichtig für die allermeisten Menschen im Land, die kann man nicht zum „Spielball“ der politischen Auseinandersetzung machen. Natürlich droht ein „Renten Wahlkampf“…. Dann wäre es egal, ob Merz oder Wüst diesen Wahlkampf verlieren….

    Das Renteneintrittsalter könnte allenfalls erhöht werden, wenn die zur Rente anstehenden Menschen von den Unternehmern und Kollegen händeringend gebeten werden weiter zu machen, weil sonst die Güterversorgung einbricht.

    Meine Arbeitskumpel und auch ich, wurden damals, nach 2001 in den „Vorruhestand entsorgt“, um endlich unsere guten Arbeitsplätze für die „Jungen“ frei zu machen.

    Ein „Alter“ kostete für den Arbeitgeber rund 3 mal (heute 2,4 mal) so viel wie ein Junger….. 5,2 mal so viele Rentner kosten so viel wie nur 1 alter Arbeitender. Natürlich sind Arbeitgeber deswegen nicht an „Alten“ interessiert und wollen sie loswerden….

    Man will die „Alten“ loswerden, gleichzeitig will man sie zwingen nicht in Rente zu gehen……

    Das ist doch zum „verrückt“ werden…..

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