Mein Grußwort zum Gedenkmarsch für den Genozid im Shingal und Kurdistan-Irak

Leider fand die Demonstration türkisch-nationalistischer Erdoganisten in Köln weit mehr Beachtung als der – vor allem von deutschen Yezidinnen und Yeziden organisierte – Gedenkmarsch für die IS-Opfer im Shingal und in Kurdistan-Irak. Am 3.8.2014 hatten Truppen des selbsternannten “Islamischen Staates” (Daesh) yezidische, christliche und auch muslimische Siedlungsgebiete überrannt und an den religiösen und ethnischen Minderheiten grauenvolle Verbrechen begangen. Immer noch befinden sich über 3.000 Menschen – vor allem Frauen und Kinder – in den Händen der Extremisten, in den befreiten Gebieten werden immer wieder neue Massengräber entdeckt.

GenozidBannerJesiden072016Credit: Kemal Hür

Die Berliner Morgenpost berichtete immerhin nicht nur per Print, sondern auch per Video:

Da ich ein humanitäres Sonderkontingent für insgesamt 1.100 besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak – vor allem Yezidinnen und Christinnen mit ihren Kindern – hatte leiten dürfen, hatten mich die Mit-Veranstalter des Gedenkmarsches von Eziden Weltweit e.V. kurzfristig um ein Grußwort gebeten. Da mir eine Berlinreise so kurzfristig nicht möglich war, baten sie um ein schriftliches Grußwort, das sie gerne verlesen und teilen wollten.

Hier ist es also auch für Sie:

Liebe Freundinnen und Freunde,

sehr gerne wäre ich heute bei Ihnen in Berlin; doch bin ich durch berufliche Pflichten in Baden-Württemberg gebunden. Und, ja, es geht auch weiterhin um die Menschen in Kurdistan-Irak, denen unser Land nach Kräften helfen möchte. Wir haben 1.000 Frauen und Kindern, die sich in den Händen von Daesh befunden haben, eine neue Zukunft in Baden-Württemberg geben können – und weiteren 100 in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Und wir hoffen immer noch, dass sich noch mehr Länder innerhalb und außerhalb von Deutschland dazu bewegen lassen, zu helfen!

Denn was ich im Irak gesehen und gehört habe, lässt für mich als Religionswissenschaftler nur einen Schluss zu: Daesh begeht einen systematischen Genozid an den Yeziden, den Christen und an anderen religiösen und ethnischen Minderheiten in der Region. Ich war in Shingal und habe die gesprengte Kirche gesehen und die Hauswände, an denen die Schergen von Daesh die Konfession ihrer Bewohner für die spätere Versklavung und Ermordung markiert hatten. Auch in ihren Publikationen schreiben sie ganz offen darüber, dass sie keine religiöse und ethnische Vielfalt in ihrem so genannten „Kalifat“ dulden und Andersgläubige vernichten wollen.

Dank der Zustimmung aller demokratischen Fraktionen des baden-württembergischen Landtages konnten wir 1.100 Frauen und Kinder, Yezidinnen und auch einige Christinnen, in Sicherheit bringen, die zuvor aus den Händen von Daesh entkommen waren. Und ich bin dem Baba Sheikh von Herzen dankbar, dass er sich bereit erklärt hat, alle yezidischen Frauen und Kinder vor ihrer Abreise in Lalish zu segnen und ihnen Kraft zu geben. Er hat gesagt, was auch ich heute sagen möchte: Niemand hat in Irak oder in Syrien die Ehre verloren als alleine nur die Täter! Niemand anderes ist beschmutzt worden als die Gesichter und Namen von Daesh, über deren Verbrechen sich auch noch zukünftige Generationen entsetzen werden.

„74 Mal“, so erklärte der Baba Sheikh an der heiligen Stätte, „ist unser Volk vom Genozid bedroht worden. Doch zum ersten Mal in unserer Geschichte kam ein anderes Volk, um uns zu helfen.“ Lalish ist zu einem Ort geworden, der uns für immer verbinden wird.

Viele von Euch, liebe Freundinnen und Freunde, haben gefragt, wie sie sich bedanken oder was sie selbst für die Frauen und Kinder tun können. Und es gibt eine Sache und diese ist mir wichtig:

Auch vielen von Euch sind Frauen und Kinder yezidischer Herkunft anvertraut. Und wir alle wissen, wie schwer der Übergang ist von einer Welt, in der die Yeziden inmitten ihrer Traditionen in eigenen Dörfern und Kasten lebten, zur neuen Heimat in großen, bunten Städten. Einigen Familien gelingt dieser Übergang besser als anderen.

Daher will ich Euch aus ganzem Herzen bitten: Nehmt die Verantwortung für jene Frauen und Kinder an, die Euch anvertraut sind; in der eigenen Familie, im Freundeskreis, wo auch immer. Helft ihnen und seid die besten Vorbilder, wenn es darum geht, zügig Deutsch zu lernen, Bildung zu erwerben, zu lernen und zu arbeiten.

Das Yezidentum ist längst ein Teil von Deutschland geworden und es liegt auch an Euch, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen wird.

Wer eine Frau oder ein Kind in Verzweiflung stürzt, oder gar Gewalt gegen sie anwendet, der handelt in die gleiche, finstere Richtung wie Daesh. Wer aber Frauen und Kindern Freude und Freiheit und Wissen und Lachen eröffnet, der bringt auch die Engel zum Lachen und beschenkt unsere gemeinsame Welt.

Daesh verbreitet Hass und Finsternis. Lasst uns die Freiheiten in Deutschland nutzen, um Liebe und Licht auszubreiten, beginnend in unseren eigenen Familien. Denn jedes einzelne Menschenleben ist vor Gottes Angesicht unendlich kostbar. Das ist die Antwort, die wir auf den Genozid im Shingal geben sollen; jeder und jede Einzelne von uns.

Vielen Dank!

Dr. Michael Blume, Filderstadt

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

2 Kommentare

  1. Pingback:Nadia Murad - Eine yezidische Überlebende prangert die Verbrechen des IS an » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs

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