Denkanstöße – Mario Bunge und Martin Mahner: Über die Natur der Dinge. Das Buch zur Wiederentdeckung des Materialismus

Wird jemand als "Materialist" bezeichnet, so hat dies in Deutschland noch immer einen schlechten Klang. Ein solcher Mensch, so das Klischee, sei nur an Besitz, "am Materiellen" orientiert, gleichgültig bis zynisch gegenüber allen Werten und wolle alles Lebendige und Schöne auf wenige, dürre und tote Naturgesetze reduzieren.

Anknüpfend an das aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammende Lehrgedicht des römischen Philosophen Lukrez "De Rerum Natura – Über die Natur der Dinge", traten der argentinische Physiker und Philosoph Mario Bunge sowie der deutsche Biologe und Philosoph Martin Mahner in 2004 an, um den Materialismus in Wissenschaft und Öffentlichkeit wieder aufzurichten.

Sie betonten dabei, dass es dem Materialisten nicht nur um Hedonismus und Egoismus gehe, sondern vor allem um bessere Zugänge zu Erkenntnis und Wahrheit einschließlich nachvollziehbarer Begründungen von Ethik. Religiöse Weltanschauungen seien dagegen als "Illusionen" im Widerspruch zur Wissenschaft abzulehnen und zu bekämpfen, wo immer sie sich Aussagen zu Ereignissen in der Welt anmaßten. Aber nicht nur die "jesuanische Ethik" oder buddhistische Karma-Lehre, sondern auch wissenschaftlich hergeleitete, konkurrierende Weltbeschreibungen etwa auf Basis der (Quanten-)Physik, der Erkenntnistheorie (Karl Popper) oder auch der Evolutionsbiologie fertigten sie scharfkantig ab. Über die "Memetik" von Richard Dawkins urteilten sie beispielsweise (S. 126):

"In Analogie zu Genen werden Ideen (Meme) als selbstreplizierende Entitäten aufgefasst, die Gehirne gleichsam als geistige Viren parasitieren und so weitergegeben werden. Die Anhänger der Memetik versprechen sich von ihrem Ansatz eine selektionstheoretische Erklärung der Weitergabe und Ausbreitung von Ideen. Die Memetik ist jedoch zum einen konzeptuell so unklar, dass sie an Sinnlosigkeit grenzt, zum anderen ignoriert sie praktisch die gesamte psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung zur menschlichen Kommunikation … Idealistische Fantasien werden nicht dadurch akzeptabler, dass sie in evolutionsbiologischem Gewande daherkommen."

Obgleich sich in diesen Kritiken je prägnante Argumente verbargen, erreichte das Buch auf diesem Wege jedoch nur wenige Andersdenkende: Ob Christ, Anhängerin der Kopenhagener Deutung der Quantenphysik, Memetiker oder Schülerin Poppers – in den stark ge- und damit auch verkürzten Darstellungen ihrer jeweiligen Positionen fanden sich die meisten Addressaten nicht wieder und also auch kaum angesprochen. Auch führte der "ontologische Wertrelativismus" der Autoren – die Leugnung der unabhängigen Existenz verbindlicher Werte – in die Ablehnung der Konzepte von Menschenwürde und Menschenrechten und weitere beklemmende Schlussfolgerungen, sobald er von der wissenschaftlichen Perspektive zum weltanschaulichen Dogma erhoben wurde (S. 175):

"Müssen Menschenrechte durch Personenrechte ersetzt werden, können nicht nur nichtmenschliche Lebewesen in den Genuss solcher Rechte kommen, sondern es wäre auch umgekehrt möglich, dass nicht alle Mitglieder der Spezies Homo sapiens einen Anspruch auf Personenrechte haben, weil ihnen die relevanten Eigenschaften wie etwa Personalität fehlen, weil sie noch keine besitzen, sie nie eine entwickelt haben oder sie sie z.B. durch Krankheit unwiederbringlich verloren haben."

Widerstand gegen diese Schlussfolgerungen werteten Bunge und Mahner als "Traditionalismus", der auch politisch zu überwinden sei. So forderten sie unter anderem die Abschaffung der Theologien – nicht aber der Religionswissenschaft – an staatlichen Universitäten und die Entfernung von christlichen Theologen sowie "anderen Personen mit religiösen Interessen" aus Ethikkommissionen (S. 234). Religiös begründete Ethiken seien widersprüchlich und hätten viel zu oft versagt. Die Verbrechen im Namen auch atheistischer Ideologien wurden von den Autoren dagegen in wenigen, dürren Sätzen abgehandelt (S. 192) – und eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung etwa mit der Geschichte des wissenschaftlich legitimierten Sozialdarwinismus, die lange, vorgeblich wissenschaftlich begründete Herabsetzung von Frauen in der Biologie oder der Eugenik unterblieb völlig. Nein, Bunge und Mahner widerlegten nicht alle gängigen Befürchtungen im Bezug auf manche Utopien heutiger Materialisten und Atheisten – manche bestätigten sie auch.

Bleibende Wirkung: Emergentistischer Materialismus

Aufmerksamkeit und bleibende Wirkung erzielten die Autoren aber erfreulicherweise kaum mit ihren politischen Positionen, sondern mit ihrer scharfsinnigen Begriffsarbeit und der geschickten Integration von reduktionistischem Materialismus und evolutionärer Emergenztheorie. So hielten die beiden Autoren fest, dass im Universum ausschließlich materielle "Dinge" existierten, ergänzten diese Haltung aber durch die Anerkennung von deren "Eigenschaften", die durch die systemische Verbindung von Dingen freigelegt werden könnten (S. 148/149).

"Der emergentistische Materialismus ist zwar ein Substanzmonismus, weil er nur Materielles als Substanz zulässt, aber im Gegensatz zum Physikalismus vertritt er zugleich einen Eigenschaftspluralismus: Er erkennt an, dass die Dinge, die zu supraphysikalischen Systemebenen gehören, nicht nur physikalische Eigenschaften haben können, sondern auch chemische, biotische, soziale und in einigen Fällen eben mentale und phänomenale. Als Eigenschaften materieller Systeme sind alle diese Eigenschaften physische oder materielle, aber keine physikalischen."

Damit boten Bunge und Mahner einen Ausweg aus den gängigen Dilemmata etwa des Gehirn-Geist-Problems: Weder müsse ein Nebeneinander materieller und geistiger "Dinge" angenommen werden, noch eine völlige Identität. Vielmehr sei der Geist eine (weitere) Eigenschaft der zugrunde liegenden Materie des Gehirns, wie die Atmung eine funktionelle Eigenschaft einer Lunge sein könne: Kein unabhängiges "Ding", sondern eine im System realisierte Eigenschaft. Aus diesem dynamischen Potential von Materie gewannen sie sogar eine verblüffend tragfähige Definition realer Existenz: Ein Ding sei nach Bunge und Mahner genau dann materiell vorhanden, wenn der Wert mindestens einer seiner Eigenschaften sich im Lauf der Zeit ändern kann. Sie leisteten damit ein starkes Argument für Heraklit und gegen Platon, für das Konkrete und gegen die Überbetonung des Abstrakten – und zwar auch im so genannten "Reich der Ideen".

Denn auch kulturelle Bedeutungen, Ideen und Werte standen damit bei Bunger und Mahner nicht mehr außerhalb des Naturgeschehens in einer anderen Welt, sondern als Äquivalenzklassen: Als das, was ähnlichen Gedanken, die in verschiedenen Gehirnen gedacht werden können, gemeinsam sei. "Ideen" hätten damit keine unabhängige Existenz außerhalb von Gehirnen, sondern gehörten zu den (verschieden tauglichen) Realisierungsmöglichkeiten der gar nicht mehr toten Materie. Verschiedene Forschungsperspektiven würden damit von Konkurrenten zu Partnern in der Erforschung der Kaskade neuer Emergenzen auf Basis der grundlegenden Materie im universellen Evolutionsprozess (S. 54):

"Während die Biologie sich mit den Transformationen lebender Materie beschäftigt, haben es die Sozialwissenschaften mit den Umbildungen sozialer Materie zu tun. Die Wissenschaften betonen also das Dynamische der Materie sowie deren schier unbegrenzte Fähigkeit, neue ‘Formen’ oder Eigenschaften hervorzubringen."

Emergenzen seien dabei auf allen Ebenen gerade keine trivialen Alleserklärer noch unauflösbare Mysterien, sondern im Grundsatz der wissenschaftlichen Erforschung immer weiter zugänglich. Den ontologischen Reduktionismus (alles geht auf physische Materie zurück) konnten Bunge und Mahner so mit interdisziplinärem Nicht-Reduktionismus verbinden: Sie erkennen an, dass Leben, Gesellschaften etc. sich über eigene Eigenschaften von Materie realisieren, die nicht einfach physikalisch beschrieben werden können.

Findet sich der Materialismus wieder?

So entschieden sich die Autoren bei ihrem Werk auf die antiken Vorläufer des heutigen Materialismus beriefen, so sehr schreckten sie doch vor einigen Schlussfolgerungen zurück. So behandelten sie Religion(en) ausführlich als konkurrierende, wissenschaftliche Hypothesen. Zugleich räumten sie jedoch, erste Studien aufnehmend, ein, dass auch Religiosität evolutionäre und funktionale Wurzeln haben dürfte. Den logischen Schluss aus ihrer eigenen Argumentation wagten sie jedoch (noch) nicht: Auch Religiosität wäre demnach emergente Eigenschaft der "Natur der Dinge", neben die "lebende" und "soziale" würde auch die "religiöse" Eigenschaft der Materie treten, die Fragen von Emergenz und Transzendenz wären neu zu durchdenken. So mutig Bunge und Mahner den Leib-Seele-Dualismus aufsprengten, so sehr beharrten sie noch auf dem Wissen-Glauben-Dualismus – obwohl sie einräumten, dass beispielsweise Mythen durchaus andere Funktionen erfüllen könnten als wissenschaftliche Hypothesen. Ein Brückenschlag ist gelungen, ein zweiter steht noch aus.

Denn es ist zu erinnern: Gerade auch hierbei war der Materialismus schon deutlich weiter – geht doch der Begriff "Materialismus" direkt auf lateinisch "mater" = Mutter zurück. Er verweist auf die bis in die schriftlich fassbare Zeit reichenden Vorstellungen der aus sich selbst gebärenden Ursubstanz, symbolisch-personal (und mutmaßlich seit Jahrzehntausenden) verehrt als "göttliche Mutter".

Klassische Materialisten ehrten bis in die Spätantike hinein den Leben spendenden Mutterstoff, der aus sich selbst immer neue Potentiale gebärt, sogar sich selbst dabei gewahr werden kann. Die Erforschung und Verehrung von Naturprozessen als Selbstoffenbarung des Göttlichen, aber auch die philosophische Religionskritik an flachen und verkürzten Botschaften wirkten bis in unsere Zeit nach. Und so beginnt auch Lukrez sein "Natur der Dinge", auf den sich Bunge und Mahner bezogen, ausdrücklich mit einem "Lobpreis der Venus", die er panentheistisch als Urschöpferin weit über die "Menschen und Götter" stellt:

"Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet."

Obwohl Bunge und Mahner diese Aspekte der vielleicht gar ältesten, religiös-philosophischen Strömung der Menschheit nicht aufnahmen, haben sie mit "Natur der Dinge" auf begrifflich hohem Niveau einen Prozess in Gang gesetzt, der den Materialismus im eigentlichen Sinn wieder wissenschaftlich wie weltanschaulich fruchtbar machen kann. Ihr Werk ist nicht leicht zu lesen, aber jede Seite lohnt, fordert heraus, regt an und auf. Es gelang den Autoren, Leserinnen und Lesern zu verdeutlichen: Die Materie ist nicht tot – und der Materialismus ist es auch nicht.  

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Michael: Gleiches Buch

    Hi Michael,

    ja, ich habe schon mit Lars Fischer darüber gesprochen und diese Doppelrezensionen gehören wohl zum Plan des Bloggewitters.

    Jedenfalls scheint die Wahl von uns beiden als Pärchen ganz gut geklappt zu haben, wenn unsere Rezensionen ergänzen sich recht schön. 😉

    Viele Grüße aus Berkeley
    Elmar

  2. Bunge & Mahner – Blume

    Sehr geehrter Herr Blume,

    vielen Dank dafür, dass Sie das Buch von Bunge & Mahner noch einmal der Aufmerksamkeit für wert befinden. Es beschreibt ja in seinen epistemologischen Teilen eine „pragmatische“ Version des „Materialismus“, die nach entsprechender Ausweitung des Begriffs auch andere als physikalische Beschreibungsebenen anerkennt. Allerdings steht zu bemerken, dass – jedenfalls in meiner Wahrnehmung – der strikte Physikalismus oder der harte Materialismus etwa nach Art des Diamat ohnedies seit langem nicht mehr ernsthaft in der Philosophie zur Diskussion stehen.

    Es ist klar, dass man sich mit der Anerkennung von Emergenz einen Spielraum schafft, der weit über den strikten Physikalismus reicht. Allerdings ist zu fragen, was denn die Rede von den Emergenzen erklärt, trotz der Behauptung, es handle sich nicht um einen Trick zur Alleserklärung. Bekanntlich ist der Begriff der „Erklärung“ per se außerordentlich schwierig und selbst innerhalb des relativ umrissenen Kontextes der Naturwissenschaften nicht durch eine einzige Definition oder argumentative Prozedur abzudecken. Der Begriff der Emergenz ist hilfreich zur Beschreibung, scheint mir aber prima vista nichts zu „erklären“. Dazu muss man offenbar im Einzelfall untersuchen, wie etwa aus vielen Elementen niederen Ordnungsgrades durch relativ einfache Interaktionen unter bestimmten Randbedingungen Phänomene höheren Ordnungsgrades entstehen. Das ist im Prinzip in den Wissenschaften nichts Besonderes; selbst bei einem simplen Gases treten ja makroskopisch fassbare, „neuartige“ Beschreibungsgrößen wie Druck oder Temperatur ab einer bestimmten Menge geradezu zwangsläufig auf. Ein derartiges Phänomen kann man verstehen, indem man es in einem (mathematischen) Modell nachvollzieht. Idealerweise würde man alle Emergenzen „verstehen“, wenn man auf gewaltigen Computern die Interaktionen sehr vieler Basiselemente simulieren und dabei das emergente Phänomen wiederholbar rekonstruieren oder gar entdecken könnte; so etwas ist ja aus Simulationen etwa in der Spieltheorie gut bekannt.

    Auch diese Rückführung wäre allerdings den immanenten Grenzen des Erklärens ausgesetzt. In den Naturwissenschaften bestehen Erklärungen aus in besonderem Sinne kohärenten, hierarchisch organisierten Beschreibungen. Aber eben letztlich Beschreibungen (die ja das Staunen darüber, dass es so ist, wie es ist, nicht verdecken können, jedenfalls nicht bei allen). Zugespitzt könnte man sagen, dass die Charakterisierung eines emergent genannten Phänomens dieses zwar genauer umreißen kann, letztlich aber bei einem „das ergibt sich eben so“ endet. Innerhalb der Naturwissenschaft ist diese Grenze jedoch gerade ihre Stärke.

    Insofern ist es meines Erachtens klar, wenn nicht trivial, dass auch „Religiösität“ als tatsächlich beobachtetes, psychologisch fassbares Phänomen eine emergente Eigenschaft darstellt, und zwar eines komplexen Gehirns eines sozial organisierten Wesens. Inhaltlich bedeutet das nichts, denn auch Schizophrenie oder Paranoia sind emergente Phänomene unter bestimmten Randbedingungen. Und jeder weiß, dass viele „normale“ Menschen unter extremen Bedingungen zumindest in die Nähe solcher Zustände getrieben werden können.

    Ist allerdings mit „Religiosität“ nicht eine bestimmte, psychologisch und vielleicht auch neurologisch beschreibbare und beobachtbare Eigenschaft gemeint, sondern ein im eigentlichen Sinne „Spirituelles“ oder „Transzendentes“, dann erklärt die Emergenz offenbar ganz und gar nichts. Analog könnte man die Wahrnehmung, „jetzt anwesend zu sein“, über das „Bewusstsein“ als emergentes Phänomen „erklären“, allerdings werden viele vermutlich konstatieren, dass dies für die existenzielle Qualität irrelevant ist. Nicht einmal dann, wenn Computer etwas entwickeln sollten, das wir per Analogie als „Bewusstsein“, ja „Religiösität“ interpretieren könnten, dürfte dies für diese spezifische Dimension relevant sein. Analog dürfte für die Religiösität Emergenz nicht das treffen, um das es eigentlich geht. Das gilt meines Erachtens auch für die – wie ich beim Lesen einiger Ihrer Beiträge feststellte – Feststellung, dass „Religiöse“ mehr Nachwuchs in die Welt setzen. Sehen wir von der Tatsache ab, dass es sich von der Genese her um ein sekundäres Phänomen handeln dürfte, denn es scheint mir viel wahrscheinlicher, dass „Religiösität“ physisch als Epiphänomen einer komplexen Gehirnorganisation zustandekam denn auf der Basis eines (Gruppen-)Selektionsprozesses. Sehen wir ferner von der Tatsache ab, dass Assoziationen zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen in Gegenwart vieler sozialer Kofaktoren extrem schwierig in ihrer Kausalstruktur zu erfassen sind und selbst multivariate statistische Modelle hier schnell an methodologische (wenngleich gerne ignorierte) Grenzen stoßen. Die Proliferationsfreude mag die Verbreitung der psychologischen Disposition fördern, für Religiösität im eigentlichen Sinne scheint sie mir ebenso belanglos wie die Konstatierung der Emergenz. Dieser Mangel tritt spiegelt sich in der banalen Feststellung, dass die Inhalte einer spezifischen Religion im Kontext der jeweiligen (historischen) Umwelt plausibel sein mögen, aber damit nichts über ihren „Wahrheitsgehalt“ gesagt ist. Man muss nicht Anhänger von Nietzsche sein, um ihr im Gegenteil im besonderem Maße den Verdacht der nützlichen Fiktionalität anzuhängen, es braucht nur selbstkritische Skepsis dazu.

    Zusammengefasst: Dass „Religiösität“ als psychische Disposition vorhanden und physisch verankert ist, scheint mir trivial. Will man aus ihrer physischen Emergenz etwas über ihre „Berechtigung“, gar spezifische Inhalte, schließen, überschreitet man eine kategoriale Grenze. Wem es um etwas geht, das sozusagen nicht von dieser Welt ist, obwohl es doch in der Welt ist, oder was sozusagen ganz anders als das Vorhandene und dennoch ganz und gar darin ist, der wird als Ergebnis der Emergenz nur konstatieren können, dass das, was er als real erfährt, physisch irgendwie möglich wurde. So what? Den Materialismus quasi-religiös aufzuladen, wie Ihre Ausführungen suggerieren, scheint mir weder der spezifischen Luzidität der naturwissenschaftlichen Analyse noch der existenziellen Eigentümlichkeit von Religiösität bekömmlich. Wohin soll ein erweiterter Materialismus konkret führen? Und Denken, das nicht Schwärmen ist, ist immer konkret. In den Pantheismus, denn in die natürliche Theologie, die Christologie oder den Koran doch wohl nicht? Oder die Grundbaupläne der Organismen, die Feinabstimmung beim Urknall und dergleichen kindische Kapriolen, um irgendwo Gott unterzubringen? Man sollte meines Erachtens bestrebt sein, „Wissen“ und „Glauben“ weit auseinanderzuhalten statt „Übergänge“ zu suchen. Letztere liegen fürs diffuse Denken allzu nahe, das esoterische Allumfassen nach Art von Capra war und ist ja ein Beispiel für den unumgänglichen Niveauverlust. Die üblichen Argumente der „unbewiesenen Voraussetzungen“ der Wissenschaft usw. gehen meines Erachtens an der Sache vorbei; sie verkennen nicht nur den methodologischen, sondern vor allem den qualitativen, dimensionellen Unterschied. Ihnen wird klar sein, dass die Tendenz, diese Grenze zu verwischen, immer den Verdacht einer apologetischen Übung erweckt, gängigerweise in dem Bemühen, tradierte, spezifische Tatsachen-Behauptungen einzelner Religionsgemeinschaften als besser akzeptabel erscheinen zu lassen. Das mag im Sinne organisierter Religionsgemeinschaften sein, die aufs Schlichte und Direkte setzen. In den Augen anderer Menschen spiegelt es einen im genauen Sinne des Wortes oberflächlichen, vagierenden Begriff von „Religiösität“ wider, der fundamental an der Sache vorbeigeht und in dieser Interpretation die Gefahr birgt, eher die Verseichtung als die Vertiefung zu fördern.

    Mit freundlichen Grüßen

    Rudolf A. Jörres

  3. @Rudolf Jörres

    Ganz herzlichen Dank für Ihre ausführliche Erörterung, die ich mit viel Interesse und streckenweise auch viel Zustimmung gelesen habe! Um sinnvoll zu antworten, habe ich mir als Anhaltspunkt zwei m.E. zentrale Sätze Ihrer Argumentation heraus gesucht.

    Sie schrieben: Dass „Religiösität“ als psychische Disposition vorhanden und physisch verankert ist, scheint mir trivial. Will man aus ihrer physischen Emergenz etwas über ihre „Berechtigung“, gar spezifische Inhalte, schließen, überschreitet man eine kategoriale Grenze.

    Beide Sätze scheinen mir interessante Fragen aufzuwerfen. So der erste, in dem sie Religiosität “physisch” verankert sehen – was ja als Grundlage für jede Lebensäußerung gelten dürfte. Aber Religiosität hat ja nicht nur physische Grundlagen, sondern eben auch (mindestens) biologische, psychologische, soziale und kulturelle. Völlig unabhängig von der persönlichen Haltung des Wissenschaftlers ist sie damit ein lohnender Forschungsbereich, an dem wir nicht nur Evolutions- und Emergenzprozesse erforschen, sondern auch über unsere Erkenntnisse und Erkenntnisgrenzen reflektieren können. Gerade auch aus materialistisch-emergentistischer Perspektive erscheint daher (evolutionäre) Religionswissenschaft gerade nicht als trivial, insofern wir Wissenschaft überhaupt als relevant anerkennen!

    Auch die Frage nach der “Berechtigung” stellt sich dann m.E. in neuer Weise. Warum sollte sich Existentes rechtfertigen müssen? Und vor wem? Wie kann ein Materialist eine Eigenschaft von Materie ablehnen wollen? Etwa aus einem Bewusstsein heraus, dass doch auch nur Eigenschaft von Materie ist?

    Der muttergöttliche Bezug des Materialismus ist also ja gerade keine neuzeitliche Erfindung, sondern – soweit wir wissen – urtümlich. Auch wenn wir das Gewesene nicht als verbindlich ansehen wollen, sondern den Blick auf das Werdende richten: So zeigt uns zumindest der Blick auf die gegenwärtige Religionsdemografie, dass die Evolution der Religiosität weiter geht. Wer das Merkmal hat und ausprägt, pflanzt sich im Durchschnitt erfolgreicher fort. Und auch die Inhalte der einzelnen Traditionen befinden sich dabei in einem beständigen Fluss, dem sich nicht einmal orthodoxe Juden oder Old Order Amish völlig entziehen können.

    Ein Dualist mag das ablehnen. Aber ein Materialist, der doch von den Dingen, ihren Eigenschaften und ihrem Werden ausgeht? Mir scheint, hier ist noch viel zu durchdenken – und zu entdecken!

  4. Über die Natur der Dinge

    “… sondern vor allem um bessere Zugänge zu Erkenntnis und Wahrheit einschließlich nachvollziehbarer Begründungen von Ethik. Religiöse Weltanschauungen seien dagegen als “Illusionen” im Widerspruch zur Wissenschaft abzulehnen und zu bekämpfen, …”

    – die “besseren Zugänge” sind illusionäre Umwege, ebenso wie die religiösen Weltanschauungen, die ziemlich deutlich dem Zynismus des zeitgeistlichen der konfusionierenden Unwahrheit in Hierarchie von materialistischer “Absicherung” zugewandt sind – Jesus war Jude und Sozialist, aber am Ende doch wieder nur Jude und Sündenbock, für das teils logisch brutal-egoisierende “Individualbewußtsein”, wo er doch geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein schaffen wollte, mit allen daraus einzig menschenwürdig resultierenden Konsequenzen / Möglichkeiten.

    So bleibt also der geistige Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” (erster / einziger geistige Evolutionssprung) im Schicksal (der “göttlichen Sicherung” vor dem Freien Willen) bis …!?”

    Die Ursache aller Probleme unseres “Zusammenlebens”, ist der nun “freiheitliche” Wettbewerb um …, wo Ethik ein Luxus für alle die ist, die nicht den Sozialismus im “Recht des Stärkeren” leben können – wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehört, so daß “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” absolut keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles wirklich-wahrhaftig ORGANISIERT und gelebt werden.

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