Machen wir uns zu Medien-Opfern? Von Twitterfasten und Attila Hildmann

Auch wenn ich als Wissenschaftler & Medienethiker seit vielen Jahren über über die Macht und Wirkung auch neuer Medien nachsinne, stoße ich doch immer wieder auf Äußerungen, die erstaunen. So räsonierte der prominenteste Medienwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Marshall McLuhan (1911 – 1980), schon in einem Vortrag von 1959 darüber, ob “die Nazis Opfer des Radio” gewesen wären, “in dem Sinne, dass das Radio die Macht zur Re-Tribalisierung hatte”. McLuhan schrieb Medienformen eine dominante Rolle gegenüber den Inhalten zu, was er in seiner wohl bekanntesten Aussage verdichtete: “The Medium is the Message. – Das Medium ist die Botschaft.” Seine Nazi-Radio-These unterstrich der zum Katholizismus konvertierte Kanadier mit Berufung auf die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. “Admiral Speer [Albert Speer?, Blume] sagte in den Nürnberger Prozessen, dass die Ursache des Nazismus der Teletyp, das Telefon, das Radio gewesen sei. Er sagte, sie hätten es möglich gemacht, alle formalen sozialen Strukturen zu umgehen, all die formalen Verordnungen, die von verantwortlichen Leuten geschrieben worden waren.”

  • McLuhan, Marshall (1959): Communication Media: Makers of the Modern World. – Neu publiziert in: “The Medium and the Light. Reflections on Religion” von 1999, S. 33 – 44, Zitate S. 43

Zwar gebe ich McLuhan Recht darin, dass Medienformate eine große, noch immer krass unterschätzte Macht auf uns alle ausüben. Doch halte ich daran fest, dass sich Menschen auch gegenüber Verstrickungen frei machen und auch für ihr Medienverhalten Verantwortung übernehmen können. Auch der von McLuhan wohl gemeinte NS-Rüstungsminister und Architekt Albert Speer kam mit seiner Opfererzählung nicht weit, sondern wurde in Nürnberg wegen “Kriegsverbrechen” zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Zwar kann ich die angeführte, massive Wirkung elektronischer und digitaler Medien auf Gefühls- und Gruppenprozesse bestätigen. Doch können wir, so meine ich, beispielsweise die Emotionalisierungen und Verrohungen auch durch sogenannte “soziale Medien” durchaus reflektieren und daraus verschiedene Schlüsse ziehen.

Immerhin war die neue Auseinandersetzung mit McLuhan eine gute Gelegenheit, mich auch selbst an die Praxis des “Digitalen Fastens” zu erinnern. Und die nicht nur religionsgeschichtlich enge Verbindung des jüdischen Pessach und christlichen Ostern (ital. Pasqua) unterstrich in diesem Jahr 2021 – “1700 Jahre jüdisches Leben in deutschen Landen” auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und der Verein 2021-JLID mit ihrer feinen, vor allem digitalen Aktion “beziehungsweise”. Die Befreiung von Sklaverei und von Angst – eine starke, mythologische Verbindung, die sich gerade auch medienethisch aufgreifen lässt.

Frei teilbare Kachel von EKD, DBK & 2021JLID: Jüdisch-beziehungsweise-Christlich, hier: Pessach beziehungsweise Ostern. Link zur Homepage

Also entschied ich, über Pessach und Ostern ein längeres Twitterfasten einzulegen und meinen täglich bespielten, privaten Account “BlumeEvolution” bis zum 11.04. mal stillzulegen.

Pessach beziehungsweise Ostern auf dem beruflichen Instagram-Account @Beauftragt.gg.AntisemitismusBW. Screenshot: Michael Blume

Sinnigerweise nutzte der inzwischen von der Justiz gesuchte und in die Türkei geflohene Attila Hildmann den letzten Tag vor dem Twitterfasten noch einmal für einen wütenden Tweet, in der er über die Zahl der verkauften Verschwörungsmythen-“Expemplare” sinnierte (es sind tatsächlich bereits einige Tausend).

Attila Hildmann am 26.03.2021 gegen mich in einem Tweet, durch den ich mich “ausgezeichnet” fühlte. 😉 Screenshot: Michael Blume

Damit wiederholte Hildmann interessanterweise seinen Fehler vom Februar zu meinem PunktSieben-Vortrag in Walldorf: Indem er darüber schimpfte, dass ich dort seine Siegfried-Taler-Abzocke gegenüber der eigenen Anhängerschaft thematisierte – bescherte er dem Vortrag erst Recht Tausende von Klicks.

Ist Attila Hildmann also doch ein Opfer seiner exzessiven Internet-Aktivitäten von Facebook über Twitter bis Telegram? Oder hätte er früher die Kraft finden müssen, wie beispielsweise der Tübinger OB Boris Palmer zur Facebook-Nutzung auch mal selbst-kritisch nachzudenken, wie uns alle Medien verändern?

Zumal ich es auch in der Generation unserer Kinder erlebe, wage ich die These: Digitales Fasten wird in religiösen und philosophischen Traditionen weiter an Bedeutung gewinnen.

Ich wünsche allen, die es feier(te)n, Pessach Sameach und frohe Ostern!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

56 Kommentare

  1. Eine Bitte:
    könnten Sie einmal wetwas zum “identitären Christentum” einstellen?
    Für mich ist das völlig unübersichtlich.

  2. Und sie glauben, das eine Woche Fasten das Problem lösst?
    Also, wenn man einmal im Jahr eine Woche fastet, den Rest des Jahres trotzdem tut, was getan werden muß (etwa essen), dann wird daraus auch nichts weiter folgen, als das man eine Woche ein anderes Leben führt.

    Aus dieser Betrachtung, die hiermit nachgreicht wurde, folgt, das religiöses Fasten nicht mit Internetfasten vergleichbar ist. Und das ihre grobe Gleichsetzung nur Hohn und Spot darüber ist, das Menschen in bestimmten Lebenssituationen nicht anders können, als zu tun, worin sie hinein gesogen wurden, oder ganz aufgeben, woran sie glauben.

    Oh, plötzlich wird mir bewusts, das es doch vergleichbar ist. Es geht immerhin um den Glauben. Um den “rechten Glauben”.
    Und naja, wenn Gott allmächtig ist und man das auch durch das Fasten zur selbstauferlegten Demut bringend im Sinn hat, und weil ansonsten bei Nichtbeachtung Tendenzen entstehen, die in jedem Falle zum Schaden des “Gläubigen” führen…dann können sie die ganze Sache auch abkürzen und sagen, das alle sich dem Gotte (oder sonstwas… der Anordnung, keine !Querdenke” mehr zu praktizieren) zu unterwerfen, da ja sonst die Strafe sowieso folgt. Denn Gott ist allmächtig und sieht alles.

    Als Religionswissenschaftler wissen sie ja sicher, das Religion zum Einen dazu da ist, Demut zu üben, und zum anderen dazu, wirksam Herrschaft zu organisieren.

    Ihr digitales Fasten ist also unausgesprochen Aufforderung dazu, nie wieder digital aktiv zu werden.
    Also ist es ein Diktat, das ultimativ erzwungen wird, wenn das Subjekt sich nicht von allein dazu entscheidet. Und zwar über die Kreuzigung, die dem Subjekt sehr wohl bewusst ist, da die Symptome eindeutig sind, obwohl sie medizinisch gar nicht als existent anerkannt sind und verleugnet werden.

    Was dann noch bliebe? Vielleicht die heile Schlagerwelt. die ja praktisch selbst eine Blase ist, in der “nur Gutes” und Gottgefälliges vorkommt, sodass man zu keiner Sünde verleitet werden kann.

    Ultimativ wirksame Unterdrückung. Weil ein Widersetzen nur dann mäglich ist, wenn man Gott auf seiner Seite hat. Aber der wurde ja in den vergangenen Jahren getötet und ein neuer ist dabei anstelle zu treten.

    • Lieber @ChrisGo,

      Danke für Ihr – auch spekulatives – Interesse am religiösen Fasten.

      Selbstverständlich gibt es dazu enorm vielfältige Ausprägungen. Ihre Vermutung, es ginge jedoch um ein grundsätzliches Untersagen, geht jedoch fehl. Muslim:innen freuen sich beispielsweise auf das allabendliche, gemeinschaftliche Fastenbrechen (Iftar) mit Wasser und Speise. Auch das englische Breakfast (wörtlich: Fastenbrechen, Frühstück) zelebriert das Ende der Entsagung.

      Religiöses Fasten dient gemeinhin nicht Verbotsorgien, sondern ganz umgekehrt dem Bewusstswerden. So können Menschen ihr Verhältnis zu Speis & Trank, zum Rauchen, Internet usw. durch Zeiten der Enthaltsamkeit neu bewerten und ordnen.

      Ihnen alles Gute und schöne Feiertage! 🖖

    • Vielen Dank, „Wendler Fanclub“, dass Sie uns in einem Blogpost zu #AttilaHildmann Einblicke in Ihren Covid19-Verschwörungsglauben gewähren. Sogar wenn Ihnen der demokratische Rechtsstaat Recht gibt, merken Sie nicht, dass er funktioniert – und sich Ihre digitale Verschwörungsblase verrannt & radikalisiert hat… 💁‍♂️🤦‍♂️🙃

      • Der Rechtstaat funktioniert in der Tat. Das hat Ihnen ja die Stuttgarter Staatsanwaltschaft letztens gezeigt. Sind Sie mittlerweile drüber hinweggekommen oder spielen Sie noch Opfer? 🙂 🙂 🙂

  3. Zitat aus obigem Beitrag:

    So räsonierte der prominenteste Medienwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Marshall McLuhan (1911 – 1980), schon in einem Vortrag von 1959 darüber, ob “die Nazis Opfer des Radio” gewesen wären, “in dem Sinne, dass das Radio die Macht zur Re-Tribalisierung hatte”.

    Marshall McLuhan ist in dieser Sicht der Bedeutung des Radios für die Nazis keinesfalls allein. Joseph Goebbels sah das genauso wie man auch im IEEE-Artikel Inside the Third Reich’s Radio erfährt. Dort liest man:

    Das Radio half, die Nazis an die Macht zu bringen und sie dort zu halten.

    Am 18. August 1933 eröffnete Goebbels die 10. Internationale Funkausstellung in Berlin mit einer Rede, in der er “Das Radio als achte Großmacht” erklärte – eine Anspielung auf Napoleons Vorstellung, dass die Presse die siebte Großmacht sei. Goebbels argumentierte, dass “das Radio für das zwanzigste Jahrhundert das sein wird, was die Presse für das neunzehnte Jahrhundert war”. Er wies auf das Versagen der Weimarer Republik hin, das Radio zu übernehmen und behauptete, dass die Nationalsozialisten ohne es nicht in der Lage gewesen wären, die Macht zu übernehmen.

    Insgesamt 28 deutsche Hersteller produzierten die Radios nach strengen Vorgaben.

    “Wir wollen ein Radio, das das Volk erreicht, ein Radio, das für das Volk arbeitet, ein Radio, das ein Vermittler zwischen Regierung und Volk ist, ein Radio, das auch über unsere Grenzen hinausreicht, um der Welt ein Bild von unserem Charakter, unserem Leben und unserer Arbeit zu geben”, verkündete Goebbels.

    Um dies zu verwirklichen, hatte Goebbels die Kontrolle über die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft übernommen, ein nationales Netzwerk regionaler Rundfunkanstalten. Nachdem er die Kontrolle über die Rundfunkinfrastruktur gefestigt hatte, erließ er Regeln für zulässige Inhalte. Seine letzte Aufgabe war es, sicherzustellen, dass jeder Zugang zu einem erschwinglichen Radioempfänger hatte. Doch Radios waren im Deutschland der frühen 1930er Jahre teuer und überstiegen leicht einen Monatslohn für einfache Arbeiter.

    Goebbels wandte sich an den Elektroingenieur Otto Griessing, um ein Radio zu entwerfen, das technisch einfach, leicht in Serie zu produzieren und preiswert war. Das Ergebnis war der Volksempfänger, den Goebbels auf der Berliner Messe vorstellte. Mit einem subventionierten Preis von 76 Reichsmark (etwa 250 US-Dollar) war er etwa halb so teuer wie die billigsten Radios, die damals auf dem Markt waren. In den ersten beiden Tagen der Ausstellung wurden mehr als 100.000 Geräte verkauft. Das Radio konnte auch auf Ratenzahlung gekauft werden. Bis 1941 besaßen fast zwei Drittel der deutschen Haushalte einen Volksempfänger, und Goebbels war es gelungen, Hitler über den Äther einen direkten Draht in die Wohnungen der Menschen zu verschaffen.

    Und ja, auch Luther wäre ohne die damalige Presse, die begierig seine Flugblätter nachdruckte (begierig, weil sie sich prima verkaufen liessen), nie zum unangreifbaren Religionsgründer geworden. Erst durch die Prominenz die er mit seinen Flugblättern und Pamphleten schuf wurde Luther und seine Lehre zum Politikum und letztlich nur darum gewann Luther die Unterstützung einiger damaliger Fürsten, die ihn vor der Verfolgung durch den Papst schützten. Nur deshalb unterschied sich Luthers Werdegang von demjenigen eines Jan Hus (der auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde) und anderer Reformer.

    • Danke, @Martin Holzherr – so ist es. Seit wirklich schon Jahren weise ich in Büchern (wie „Islam in der Krise“) und Blogposts auf die überragende Bedeutung von Medien hin, aber es spricht sich leider nur langsam herum… Umso mehr freut & ermutigt Ihr Kommentar!

      • Es ist ja nicht nur das Radio. In das Ende der Weimarer Republik erfolgt auch der Epochenbruch des Tonfilms. Was das für ein Epochenbruch war, mag man daran ermessen, daß von den Schauspielern nur Stan Laurel & Oliver Hardy und Charlie Chaplin ihn überstanden hatten. Und die Einführung erster halbwegs tauglicher Mikrophon-Verstärkeranlagen, die weitaus weiter reichten als die menschliche Stimme.

        Man sehe daraufhin noch einmal hinein in Leni Riefenstahls Film über den Nürnberger Parteitag: Nicht nur den Film hätte es zehn Jahre zuvor nicht geben können – Auch die Reden hätten nicht vor so viel Menschen gehalten werden können. Ohne irgend etwas zu entschuldigen, die Menschen wurden im Kino überwältigt von neuen Medien – Wie von den Inhalten. Hitler hatte sein Inszenierungshandwerk sowohl gelernt von der Pieke, von der Strasse auf – als Redner in verrauchten, stickigen Bierkellern –, wie im Großen durch die Wagner-Inszenierungen, die er in Wien besucht hat.

        Elvis Presley, The Beatles, Michael Jackson: Der erste massenmediale King of Pop war Adolf Hitler.

        Im ganz Kleinen hatte ich das erlebt bei den ersten und letzten Volkskammerwahlen in der DDR. Den damals zum Star erst aufsteigenden Gregor Gysi hatte ich gehört auf dem Alexanderplatz. Dort waren für solche Zwecke fest installierte kleine Lautsprecherreihen, wie ich sie aus Kirchen kenne. Auf dem „Platz vor der Oper“, wie die CDU den Karl-Marx-Platz in Leipzig plakatierte, habe ich dann Helmut Kohl gesehen mit zwei an Baukränen aufgehängten Batterien von damals neuen digitalen Lautsprecherboxen, wie sie auch in Westdeutschland noch nicht oft zu sehen waren. Ein Klang, eine Brillianz in der Tonbeschallung, wie ihn nur ganz wenige enthusiastische DDR-Bürger aus heimischen HiFi-Anlagen gekannt haben werden. Eindringlicher konnte sich „Westen“, Fortschritt, neue Zeit nicht inszenieren; zumal ja gerade so etwas unterhalb der bewußten Wahrnehmungsschwelle stattfindet, unterhalb einer aufwändige Light-Bühnenshow. (Nun. Honecker mit seinem fiepsigen Stimmchen wäre diesem Epochenwandel aber auch nicht gewachsen gewesen; Kohl war dafür mit einem ganz anderem Organ gesegnet.)

        Man stelle sich vor, wie Michael Jackson gewirkt haben muß auf ein auf so etwas völlig unvorbereitetes Publikum, als er als Einziger der damaligen Größen (Rolling Stones, Pink Floyd) (nämlich auf eigene Kosten) in Rumänien tourte.

  4. Oh (?!), Albert Speer als einer der Haupttäter des NS-Regimes und verantwortlich für die Judenverfolgung und an den Verbrechen in den KZ und an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ist natürlich absolut “angemessen” bestraft worden.
    Ich zitiere nachfolgend einen lesenswerten Artikel zu Albert Speer und einer Ausstellung, die ich im vergangenen Sommer in Peenemünde selbst besucht habe:
    “Seine Selbstrechtfertigung und Entschuldigung begann schon bei seiner Verteidigung im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, in der er sich verführt von der Aura Hitlers und der modernen Gestaltungsdynamik des Nationalsozialismus darstellte. Vom systematischen Mord an den europäischen Juden habe er – wie die überwiegende Mehrheit der Deutschen – keine Kenntnis gehabt. Diese Darstellung war seinen Landsleuten ein willkommenes Argument, um mit der eigenen Verantwortung zurechtzukommen. So war er in der Bundesrepublik nicht etwa als verurteilter Kriegs- und Menschheitsverbrecher geächtet, sondern wurde nach seiner Entlassung aus der Haft 1966 zum Kronzeugen der Geschichte des Nationalsozialismus und zum regelrechten Medienstar. Seine Bücher waren Bestseller, er trat in unzähligen Fernsehsendern auf und selbst professionelle Historiker folgten seiner Darstellung. Seine Erzählung war lange maßgeblich für das westdeutsche Geschichtsverständnis.”

    https://museum-peenemuende.de/porfolio-project/albert-speer-in-der-bundesrepublik-vom-umgang-mit-deutscher-vergangenheit/

    Ansonsten verstehe ich das digitale Fasten absolut. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie es ist, wenn man von neolibertären und rechten Hatern – selbst aus dem (besonders schmerzhaft) persönlichen Umfeld -. in Neid und Missgunst für seine Erfolge verhöhnt wird und habe die Erfahrung gemacht, dass man niemandem, aber auch wirklich niemandem (zuweilen ist man doch sehr naiv) vertrauen darf, den man lediglich digital (er-)kennt (oder besser: zu [er-]kennen glaubt).
    Und wenn in Zeiten wie diesen – auch unabhängig von Corona – immer wieder “Freiheit” proklamiert wird, so hat dies nichts mit der (jedenfalls digitalen) Realität zu tun.
    “Jemand mußte Joseph K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” (so der Beginn des Romanfragments “Der Prozeß” von Franz Kafka 🙁 ).
    Josef K. wird nicht wirklich eingesperrt, er wird in einer Orwellschen Welt verfolgt und beobachtet, ohne je zu erfahren, was eigentlich seine Schuld ist. Unbestimmt bestimmt weiß er aber, er hat sich – und sei es nur aufgrund einer einzigen, längst verjährten sentimentalen Verirrung – “schuldig “gemacht”.
    Und deswegen endet dies, ohne dass er je die Gelegenheit einer immer wieder proklamierten rechtsstaatlichen Verteidigung erhalten hätte, in nichts Gutem. 🙁
    Aber, lassen wir uns nicht unterkriegen, glauben wir – auch in diesen dunklen Zeiten an das Gute und Liebenswerte im Menschen und feiern in diesem Sinne das Fest der Auferstehung. Frohe Ostern allen Mitlesenden!

  5. Er sagte, sie hätten es möglich gemacht, alle formalen sozialen Strukturen zu umgehen, all die formalen Verordnungen, die von verantwortlichen Leuten geschrieben worden waren.

    Klingt für mich wie eine Mahnung, entschieden gegen Hass und Hetze im Internet einzuschreiten, mit allen Mitteln des Rechtsstaats.

    Herr Blume, ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

    • Danke, @2^x 🙏

      Habe heute das Osterwochenende für ein WDR-Interview unterbrochen – genau zum Thema „Digitale Gewalt“. Die Sendung liefe am 8.4.

      Auch Ihnen frohe Ostern! 🖖

  6. @ Michael Blume
    31.03.2021, 17:30 Uhr

    Angesichts Martin Holzherr 01.04.2021, 07:51 Uhr muß man fragen, ob es üblich ist, den Provokateur/Anstifter zur Versuchung für das Problem verantwortlich zu machen? Also weils hier angebracht wäre: damals zum religiösen Dogmar etwa, und warum sollte es heute anders sein?

    Aber Blume fordert die Rezipienten dazu auf, zu verzichten. Und versteht nicht, das auch der selbstauferlegte Verzicht (wenn er durch subtile Manipulationen erzwungen wurde) Unterdrückung ist. Vor allem, wenn die Aufforderung so scheinheilig daherkommt.

    Hetzer und Provokateure dürfen freiweg weiter tun, was Menschen radikalisiert. Ihre Strategie ist widersprüchlich.
    Er weiß sicher, wieso das so sein soll. Wer sich zur Sünde verleiten lässt, ist eben “schwach” und wird ausselektiert. Und weil sich nur Alphas radikalisieren, rücken die Betas auf, wenn die Radikalisierten abtreten, weil sie Schaden nehmen. Sie sind Profiteur und also Kolaborateur dieses Missstandes, wenn sie derart scheinheilig argumentieren.

    Über die Missstände im Internet wird ja viel geklagt. Aber es bleibt schlicht dabei, weil man es gar nicht anders haben will. Es soll weiterhin radikalisiert werden.

    • Aha, @Chris2Go. Wenn ich Sie richtig verstehe, lehnen Sie religiöse Gebote auch auf freiwilliger Basis ab und glauben dann wiederum, hinter fehlender Regulierung im Internet stecke eine Verschwörung.

      Da kann ich Ihnen nur von Herzen gute Besserung wünschen. Und Ihnen zusagen, durch noch konsequenteres Regulieren die Selbst-Radikalisierung mancher immerhin zu bremsen…

      • Nein, ich gebe nur zu bedenken, das daraus eben der Vorwurf der Scheinheiligkeit hervorging. Denn sie können nichts als freiwillig und im besseren Wissen und in höherer Ethik darstellen, was letztlich doch aus ultimativer Zwangslage entsteht.

        Die Erkenntnis solcher Falschheit in der Welterklärung ist dann auch Teil der von ihnen beklagten (Alters-)Radikalisierung, die deswegen unausweichlich entstehen muß, weil ein leben in der Falschheit natürlich irgendwie absurd und anmaßend ist.

        Das Problem ist die Kinderliebe. Sie führt ins Extrem geführt, dazu, das der tatsächlich zu Kenntnis und Erfahrung gelangter erwachsene Mensch automatisch aus der Gesellschaft ausgestoßen wird, weil er die brutalität der Wirklichkeit als das benennt, was sie wirklich ist. Und damit wird sein verfall dann auch noch beschleunigt.

        Sie können aber keine moderne Technologiegesellschaft für ein Leben in der natürlichen Unmöglichkeit auf Märchen aufbauen.

        • Ja, @ChrisGo – wenn Sie gegen Menschen und vor allem gegen Familien mit Kindern viel einzuwenden haben, dann stehen Sie quer zur Ethik der meisten großen, gewachsenen Religionen. Denn die biologische wie auch die kulturelle Evolution entfaltet sich auch über die Bejahung von Kindern.
          https://m.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw

          Sie haben sich persönlich gegen Kinder entschieden? 💁‍♂️

          • Allerdings @Michael Blume war Jesus wohl eher ein Gegner der Familie. (Vor Jahren hörte ich übrigens eine exzellente Fastenpredigt eines orthodoxen Priesters: “Jesus war kein Gewinner: er hatte kein Haus, kein Auto und keine Familie.”)
            Der Sinn des Fastens ist m.E.:
            – sich besinnen auf das, was einem selber wichtig ist(Das hat man in der Coronaepedemie nutzen können)
            – Reduktion der knappen Ressourcen, damit es für alle reicht. (Deshalb wurde in Byzanz in der Fastenzeit auf die knappe und lebenswichtige Ressource tierisches Eiweiß verzichtet, damit es für alle reicht. Soja, Reis und Tomaten waren damals noch nicht verfügbar)

          • Sie reden von der Bejahung von Kindern und reden gleichzeitig der Klimasekte das Wort, die den Menschen als Krebsgeschwür für Mutter Gaya betrachtet. @ChrisGo hat Recht, was Ihre Scheinheiligkeit angeht. Ich hoffe, Sie haben wenigstens schön Ostern geheuchelt … mit Gesichtswindel natürlich. 😉

          • Lieber @Lars,

            ich rede eben nicht nur von Kindern, sondern ziehe mit meiner Frau welche groß. Und, nein, das ist gerade auch in Corona-Zeiten nicht einfach, wir wollten es aber so.

            Mit „Klimasekte“ verhöhnen Sie wohl ernsthaft die Klimaforschung und Umweltschutzbewegungen wie „Fridays for Future“. Und mit „Gesichtswindel“ wohl die Masken zum Schutz anderer Menschen vor Covid19. Leugnen Sie neben der Klimakrise also auch die Schwere dieser Pandemie? Alles nur Verschwörung? Auch aus der Wahlniederlage von Donald Trump nichts dazugelernt?

            Sicher waren Sie doch auch einmal ein freundlicher, vernünftiger und anständiger Mensch. Wollen Sie uns erzählen, was dann geschah, wie Sie in den Verschwörungsglauben abgestürzt sind? 💁‍♂️ Obwohl ich mich ja schon länger damit befasse, erstaunt mich vor allem die hohe Standardisierung von Hass und Verschwörungsmythen. Da ist kaum noch individuelle Vielfalt, sondern nur noch Versatzstücke “von der Stange”. Wie konnte das mit Ihnen nur passieren?

          • Und mit „Gesichtswindel“ wohl die Masken zum Schutz anderer Menschen vor Covid19. Leugnen Sie neben der Klimakrise also auch die Schwere dieser Pandemie?

            Das würde ich nie und nimmer tun, Herr Blume. Erst letzte Nacht hab ich wieder Leichenberge weggeräumt. Es war schlimmer als in Albert Camus’ Roman. Also fallen Sie bitte nicht auf Stanford-Schwurbler wie diesen Ioannidis herein, die die unsichtbare Gefahr verharmlosen und Lockdowns infage stellen. Corona ist viel schlimmer als Ebola. Das weiß ich jetzt. Und alles ist Trump’s Schuld. Ohne ihn gäbe es keine Toten.

            [Schnipp – Schluss]

            Vielen Dank, @Lars, für diesen hier letzten Einblick in den Verschwörungsglauben samt Verhöhnung leidender und verstorbener Menschen sowie Trump-Tyrannophilie. Sie sind längst da angekommen, wo auch Ihr sozialistisches Pendant @hto sich befindet: Nur noch Menschenverachtung und Bitterkeit, kein Dialog mehr. Die Entwicklung Ihrer Kommentare (und nur der freigeschalteten) über Monate spricht ja für sich.

            Ich möchte Ihnen hier keinen Raum mehr für die eigene Radikalisierung bieten. Sie sind selbstverständlich frei, woanders das Netz voll zu schmieren. Melden Sie sich hier erst wieder, wenn Sie gemerkt haben, dass Sie in eine Sackgasse rannten. Oder lassen Sie es. Sie sind alt genug, für Ihr eigenes Denken und Hassen Verantwortung zu übernehmen – oder eben nicht. Your choice.

            Ihnen von Herzen alles Gute & Tschüss! ✅🖖 – M.B.

          • Wahrscheinlich wird hier doch zu viel moderiert. Man möchte sich über den Meinungsstand doch selbst ein eigenes Bild machen dürfen. Und aushalten kann man (frau) – sollte man selbst vom “hating” (egal aus welcher Richtung) betroffen sein – inzwischen viel.
            What does`nt kill you makes you stronger … 😉 .
            Bleiben Sie alle gesund!

          • @Lars Ein einzelner Mensch muß eben nicht raffen wie ein Motor funktioniert, um zu fahren. Er kann aber ohne Menschen die es kapieren und können nicht fahren.
            Wie die Stoffkreisläufe funktionieren muß der Mensch nicht wissen, damit sie passieren.
            Die Menschen müssen nicht an das Atmen denken, damit der Atem wirkt!

            Eine Antwort ob Sie, Lars ein bezahlter Heartland- Schreiber o.ä. sind, oder nur freiwillig deren Propaganda zum weiter unbehelligt Milliarden scheffeln mittels Energie aus Zerstörungs- Lawinen und Verstärkung von Ungleichheit auf Kosten der Mehrheit und Minderheiten verbreiten, kann ich wohl nicht erwarten, dennoch haben Sie so geschrieben.

    • @ChrisGo

      So, wie ich Fasten verstehe, geht es nicht darum, wenigstens für eine Woche oder einen Monat das heiligmäßige Leben zu führen, das zu leben man den Rest des Jahres zu schwach ist.

      Es geht darum, zu verstehen und zu leben, daß Leben nicht einförmig, gleichförmig, identisch ist. Es gibt Jahreszeiten. Es gibt Phasen. Phasen der Aktion, des sich-Aussetzens, sich-Auseinandersetzens, und es gibt Phasen, Zeiten des in-sich-Gehens, der Kontemplation.

      In den alten bäuerlichen Zeiten im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt. Und ist dann tagsüber mit der gesamten Familie und ggf. Gesindschaft bis zur Ernte überwiegend draußen auf den Feldern. Feld bestellen, Unkraut jäten, düngen. Im Winter zieht man sich zurück ins Haus, bessert das Dach aus, macht Handarbeiten, schnitzt, wirft das Spinnrad an. Darum ist Weihnachten ein in sich gekehrtes, introvertiertes Fest der Familie, der Kernfamilie zumeist; Ostern mit seinen Bräuchen, seinen Feuerrädern, den Spaziergängen durch die Nachbarschaft, und erst Recht das auf Ostern bezogene Karneval sind extrovertierte, öffentliche Feste.

      Ohne Warten des heimischen Werkzeugs und ohne Erstellen von Kleidung im Winter kein Sommer. Ohne Aussaat und Ernte kein Überleben im Winter. Die Chinesen assoziieren den in sich gekehrten Winter mit Yin, den Sommer mit dem aktiven Yang. Das Eine nicht ohne das Andere.

      Fastenzeit ist insofern keine Ausnahmezeit. Es ist die Zeit, wo Herr Blume mal wieder Twitter beiseitelegt und ein gutes, mutmachendes Buch liest – Nicht, weil er meint, eigentlich sei es richtig, auf Twitter zu verzichten, aber die meiste Zeit des Jahres könne er der Versuchung, der Sünde der digitalen Völlerei nicht widerstehen. Nö, sich mit einem Hirse-Hitler auch unmittelbar zu balgen mag durchaus sogar vergnüglich sein – So man Internet und so nicht soo arg zu nehmen und daraus seine Identität abzuleiten weiß wie dieser. Wozu digitales Fasten durchaus verhelfen mag. Gibt auch andere Dinge im Leben.

      Und insofern ist Fasten, so wie ich Herrn Blume verstehe, auch keine moralische Forderung, sondern ein Angebot. Ihm tut das gut, und jeder mag für sich herausfinden, ob das auch was für ihn sein könne.

      Herr Blume fordert nicht dazu auf, zu verzichten. Er lädt dazu ein. Weniger eine Frage der Moral, sondern des … hm, sagt man heute lifestyle? – Eigentlich auch noch nicht einmal. Er legt nahe, in ritualisierten Auszeiten auch noch andere Ressourcen für sich (wieder-) zu entdecken. Mal auszusteigen aus dem Hamsterrad, aus Gewohnheiten; digitak: auch aus reflexhaft gelernten Streitritualen. Mal wieder gute Musik zu hören, mal wieder wandern gehen.

      Vermute ich. Vielleicht erklärt er es ja noch anders. So jedenfalls würde ich „Fasten“ erklären. Nicht als verzichtvolle Entsagung, sondern Entdeckung anderer Ressourcen, die das Leben bereichern.

      Für einen religiösen Menschen wird, um auch das nicht unausgesprochen zu lassen, auch eine Intensivierung einer Gebetsbeziehung eine Option sein.

      • Bei allen Differenzen zwischen uns, finde ich Ihre Gedankengänge sehr sympathisch und kann sie gut nachvollziehen. Trotzdem, denke ich, sollte man nicht versuchen, Intentionen und Gedankengänge bis ins letzte Detail zu erforschen, da sie letztlich etwas ganz Persönliches und Privates sind und auch nur in diesen Sphären erörtert werden sollten. Alles andere widerspricht dem, wofür wir doch eigentlich einstehen und was wir immer wieder proklamieren: Individualität und Gedankenfreiheit, das Zugestehen einer Privatsphäre, deren Verletzung letztlich – egal auf welcher Ebene – nichts anderes als Gewalt bedeutet.

  7. Früher:

    “Aber sie lagen ihm an mit großem Geschrei und forderten, daß er gekreuziget würde. Und ihr und der Hohenpriester Geschrei nahm überhand.” – Lukas 23

    Heute:

    Sh*tstorm auf Twitter

    Scheint ein ewiges Thema zu sein, das “Die Mächtigen” von “Den Lauten” getrieben werden.

    Was hier nicht verstanden wird, ist das es sich bei sozialen Netzwerken um eine Aufmerksamkeitsökonomie handelt. Daher ist die Betrachtung Opfer und Täter aus meiner Sicht nicht richtig. Sowohl Herr Blume, als auch Herr Hildmann geht es um Aufmerksamkeit für ihre Themen. Und die Nutzer der sozialen Netzwerke werden sowohl von von Herrn Hildmann auf Herrn Blume aufmerksam gemacht, aber auch anders herum. Die Nutzer zahlen hier mit Zeit ein, ihre Daten (über Interessen) werden abgegriffen und an Werbekunden verkauft. Damit werden aber auch die Themenerzeuger (Hildmann/Blume) als Werbeträger interessanter (und weiteren Nutzern vorgeschlagen). Man kann das außerhalb der Politik in der Yellow Press betrachten, wie viele gibt es da, die berühmt sind, weil sie berühmt sind und man vergessen, wie das überhaupt passieren konnte.

    Zum Thema Fasten: ich würde das mal Boot Camp für Körper, Geist und Seele nennen. Entfernen von allem, was zum Leben nicht gebraucht wird und zeitweise sogar mehr (Wasser und Nahrung). Niemand wird dadurch ein besserer Mensch: “Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt.”

        • Ja, vielen Dank, @Graf Cagliostro. Auch evolutionspsychologisch spricht doch sehr vieles dazu, dass digitaler „Beef“ (öffentlicher Streit) wiederum erhöhte Aufmerksamkeit generiert. Ob nun Oliver Pocher gegen Michael Wendler, Rezo gegen die CDU oder Donald Trump gegen die CNN. Für leisere und freundlichere Stimmen ist das wohl eine medial ungute Nachricht…

    • @Graf Cagliostro

      „Zum Thema Fasten: ich würde das mal Boot Camp für Körper, Geist und Seele nennen. Entfernen von allem, was zum Leben nicht gebraucht wird und zeitweise sogar mehr (Wasser und Nahrung). Niemand wird dadurch ein besserer Mensch…“

      Allein durch Fasten vielleicht nicht! Allerdings darf man nicht vergessen, dass auch das Geben von Almosen zum Fastenbrauchtum gehört. Ich selbst bin in einer katholischen Gegend aufgewachsen und da spielte das Fastenopfer noch eine große Rolle. Letzteres geht wohl auf das jüdische Gebot „Zedaka“ zurück, das die Gläubigen dazu verpflichtet mit ihren Mitmenschen zu teilen.

    • @ Graf Cagliostro
      06.04.2021, 17:40 Uhr

      Sowohl Herr Blume, als auch Herr Hildmann geht es um Aufmerksamkeit für ihre Themen. Und die Nutzer der sozialen Netzwerke werden sowohl von von Herrn Hildmann auf Herrn Blume aufmerksam gemacht, aber auch anders herum.

      Wobei ja die angenehme Überraschung des vergangenen Jahres war, daß nicht nur schrille, krawallige Inhalte mehr gefragt waren, sondern auch Qualitätsinhalte überraschend nachgefragt wurden. Herr Blume ist ein Beispiel dafür. Für die größte Verblüffung dürfte Christian Drostens Coronavirus-Update gesorgt haben: Anfänglich täglich über eine Stunde, bis zu drei Stunden nur zwei Menschen, die sich unterhalten, einer davon hochkomplexer Fachwissenschaftler, und das Ding ging durch die Decke! Im Radio ging man bislang selbstverständlich davon aus, daß man die Aufmerksamkeit der Hörer kaum mehr als drei Minuten an sich binden könnte.

      Der Comedian Florian Schröder stellte letzten Sommer fest sowohl von sich als Konsument wie als Teilnehmer von Talkshows, die Stimmung in Talkshows habe sich grundlegend gedreht: Man unterhält sich miteinander in Talkshows, hört einander zu, ist bereit, voneinander zu lernen – schlicht, weil der Virus neu ist, wir alle noch nichts wissen –, sogar, sich gegebenenfalls zu korrigieren. Waren Polit-Talkshows bislang eher Arenen zum verbalen Schlagabtausch, wurde Markus Lanz auf einmal zu einem Format, das die bisherigen Platzhirschen in Bedrängnis brachte. Schlicht, weil sich da jedem Gast an die 10 Minuten an einem Stück gewidmet wird. Karl Lauterbach kam dort inflationär zu Wort, aber eben auch ein Hendrick Streeck.

      Auch Qualität ist nachgefragt. Was Rezo ja schon antizipiert hatte. Daß aus solch einem Quatschmilieu plötzlich Inhalte kommen, und die auch noch durch die Decke gehen.

      Mai Thi Nguyen-Kim wäre noch zu nennen.

      • Danke & eine ganz ernsthafte Rückfrage an Sie beide, @Graf Cagliostro & @Alubehüteter: Gelten die „Gesetze“ der Aufmerksamkeitsökonomie nicht auf für Blog-Kommentare? Zielt nicht eigentlich „jede“ öffentliche Äußerung auch auf die Aufmerksamkeit Anderer? Und ist das denn nicht richtig so? 🤔💁‍♂️☺️

        • Hmmm … Nö.

          Also ganz ganz allgemein natürlich ja, aber das ist dann banal und ohne Aussagekraft. Selbstverständlich, hätte ich den Eindruck, mich liest hier gar keiner, oder niemand versteht nicht, es ist egal, was ich schreibe, dann würde ich das natürlich irgendwann lassen.

          Ich habe hier den Vergleich gemacht zwischen Polit-Talk-Shows, die Arenen sind, wo es nicht um Meinungsaustausch geht, sondern um Schlagabtausch, darum, sich zu profilieren, anderen eins mitzugeben, und auf der anderen Seite den eher gesellschaftlichen Unterhaltungssendungen, wo es darum geht, den Gesprächspartnern Zeit zu geben: Du hast eine neue CD herausgebracht, Sie haben eine schwere Krebserkrankung hinter sich. Und dabei angeführt, daß sich auf einmal mit Markus Lanz letzteres Format als gewichtiger erweist, um relevant über Corona … eben nicht sich zu profilieren, sondern zu sprechen. Auch zuzuhören, zu lernen. Ich würde zumindest diese Seite hier mit letzterem vergleichen, anders als in vieler Hinsicht Twitter. Beginnt damit: Meinen „Erfolg“ hier kann ich nicht ablesen in Likes/Retweets, Reichweite.

          Aber wir sind hier auch sehr divers, was Dialoge zwar auch sehr schwierig macht. Ihre Leser hier kommen aus sehr verschiedenen Ecken und Horizonten. Es verhindert aber auch Rudelbildung, wechselseitige Bestätigung, und eben auch diese Art von „Erfolg“. Frei von Narzismus ist wohl niemand. Und ich bemerke, daß ich immer noch wehrlos bin, wenn wieder mal jemand Sprachfertigkeiten bei mir lobt. Aber dennoch habe ich hier mehr das Anliegen, in irgendwelchen Sachfragen weiter zu kommen – Ja, manche Sachen formuliert man allerdings leider auch vor allem, um sie selber besser zu verstehen –, konstruktiven Widerspruch zu finden, als irgendwie mein Ego bestätigt zu kriegen.

          • Danke, @Alubehüteter. Bin mir nicht ganz sicher, ob wir hier nicht vorschnell Beschreibung und Wertung vermischen. „Aufmerksamkeitsökonomie“ lese ich erst einmal neutral, denn sie kann ja sowohl zur Selbstdarstellung wie aber auch zur wissenschaftlichen Information, dem politischen Angebot, dem Werben für Menschen- und Tierrechte, dem Verkauf etc. dienen. Ich sehe da also weniger die Frage, ob wir alle auch Egos haben (was mir offensichtlich scheint), sondern mit was wir diese verbinden… 💁‍♂️🤔📚✅

  8. Wie wichtig die digitalen Medien sind, das zeigt sich jetzt in der Krise.
    Jemand, der kein eigenes Haus hat oder keine Familie, was soll der bei einem lock-down machen?
    Solange man den Medienkonsum nicht als Abhängigkeit sieht, solange ist er positiv.

  9. Ganz aktuell hat Rezo ja wieder ein PolitTube veröffentlicht “zerstört die Corona-Politik“. Es ist das bisher lauteste und wütendste – Und wird allgemein als sein bislang schlechtestes angesehen. Aus genau diesem Grund. Wir teilen seine Empfindungen, hätten es aber gerne mit mehr Expertise, Recherche, Gründen vorgetragen gehört – Rezo setzt hier zu viel Wissen voraus. Zahlreiche Twitterstimmen sagen: Prima, Rezo, Du sprichst mir voll aus dem Herzen – Aber das bitte noch einmal in seriös, damit es auch die anderen verstehen und wir es ihnen zeigen können. Mai Thi Nguyeun-Kims Verteidigung auf der Linie “Die Covidioten schreien lauter als die Wissenschaft, darum hört Politik auf sie statt auf uns!” ist, soweit ich das sehe, solitair.

    Was augenscheinlich daran liegt, daß es eben kein aufwendig recherchiertes PolitTube ist, wie wir es sonst kennen von Rezo, sondern einen Zusammenschnitt seiner zwar vage vorbereiteten, aber spontan vorgetragenen Rants in einem Live-Chat. So spannend es wäre. Ich hoffe, uns bleibt erspart, daß ein solideres „Rezo zerstört Armin Laschet“-Video erscheinen muß. (Sage ich als einer, der bei den letzten Landtags- und Bundestagswahlen CDU gewählt hat. Es geht mir nicht um Parteipolitik.) Ich bin überzeugt, daß in Rezos Zielgruppe die Lautstärke nicht überwiegt.

    Insofern ist Rezo eines der interessantesten Neue-Medien-Phänomene derzeit.

    Wobei ich argwöhne, daß Rezo Recht hat in der Sache. Politik hört nicht auf die Wissenschaftler, sondern auf die Lockerungsfanatiker, nicht, weil diese lauter wären. Es hat sich in der Corona-Pandemie herausgestellt, daß viele Politiker zutiefst, wie Rezo aufzeigt, wissenschaftsfeindlich eingestellt sind.

    • …so wissenschaftsfeindlich, wie die immer noch von Einstiegsdroge Fabulierenden.
      -ein Punkt für Rezo:
      Dank Laschets CDU/FDP dürfen die WaidMÄNNER in NRW Kriegsgerät wie Nachtsichtgerät und Schallschutzdämpfer nutzen, mit Zustimmung der AfD, da ganz in der Tradition der obersten Hegejäger Kaiser Wilhelm und Hermann Göring. Die wissenschaftlich begündeten naturschutzfachlichen Bestimmungungen aus der Regierungzeit von SPD/Grüne, wurden als Gängelei diskrediert gestrichen.

      Warum dieses traditionelle WaidMANNs Heil?
      Angler grüßen mit Petri Heil, so müßte es doch auch Hubertus Heil lauten.
      Aber nach der Lektüre von “Die Warheit über Eva” sind mir die Zusammenhänge etwas klarer.
      Ein Hegejäger – als Beherrscher der Natur an der obersten Spitze der Nahrungskette zur Trophäenschau verpflichtet – braucht einen Großen Harem. Bei Schäfern heißt das Herde.

  10. Lieber Alubehüteter, ich glaube nicht, das ein Video mit dem Titel “Die Covidioten…” hilfreich ist, wenn man kommunizieren möchte. Es ist eher ein Beispiel für die provozierende, beschimpfende und aufmerksamkeitsheischende Form der Kommunikation. Ich möchte hier ausdrücklich Inhalt von Form (Art und Weise) trennen.

    Die Formal der Aufmerksamkeitsmaximierung lautet: erreiche maximale Zustimmung bei der Gruppe, die dem Sender der Botschaft zustimmen + maximale Provokation der Gruppe die anderer Meinung ist. Damit bekomme ich maximale Klickzahlen. Aus dieser Perspektive gibt es keinen Unterschied zu Rezos Video.

    Erreicht oder überzeugt man damit? Kommt man mit dieser Vorgehensweise überhaupt zu einem Verständnis des vermeintlichen Gegners?

    Soweit meine Erfahrungen reichen, kann es hilfreich sein, sich in schwierigen Kommunikationssituationen auf die Grundbedürfnisse und Gefühle des Partners zu konzentrieren.

    Gruß, Graf Cagliostro

    • Lieber Graf,

      Dank dafür, daß Sie mich verleitet haben, das Video noch einmal zu sehen 🙂

      Der Unterschied zum aktuellen Video ist schon sehr auffallend. Rezo könnte es wesentlich besser. Hoffentlich wird er nicht dazu genötigt … oder doch, wenn man eine grüne Kanzlerschaft will.

      Aber Ihre Kritik zu dem Idioten-Video trifft nicht zu. Rezo versucht nicht, wie Sie annehmen, mit den, wie er sie nennt, „Verschwörungs-Dullies“ zu reden. Es wird nur über sie gesprochen, in der dritten Person. Rezos Kritik richtet sich an / gegen die Politik bzw. Polizei, die diese Leute machen, gewähren läßt. Einige seiner Argumente:

      Rezo zeigt zunächst auf, daß es sich hier um einen Politikwechsel handelt. Am Anfang ist man durchaus noch anders vorgegangen, hat nämlich konsequent Demos aufgelöst, wenn Bestimmungen nicht eingehalten wurden, Recht durchgesetzt, und zwar gleiches Recht für alle. Er zeigt dazu Bilder, wie der Avocadolf polizeilich abgeführt wurde.

      Indem man ihnen nun aber ihr Verhalten durchgehen läßt, signalisiert man ihnen, daß das geht; so werden sie ermuntert, beim nächsten Mal weiter die Grenzen auszutesten, zu verschieben, und es zeigt sich, daß auch das geht. Inzwischen sind Bilder von laut singenden, Polonaise tanzenden Demonstranten völlige Normalität, vor denen Rezo zum damaligen Zeitpunkt noch warnte.

      Er problematisiert, daß diese Demonstranten eine Sonderbehandlung erfahren. Und zwar selbst dann, wenn von ihnen Gewalt ausgeht. Wenn sie Polizeiketten zurückdrängen, Feuerwerkskörper gezielt in die Polizei werfen. Als krassesten Vergleich hat er Bilder von einer Gegendemonstration, die mit Wasserwerfern geräumt wurde, obwohl sie sich an alle Auflagen gehalten haben außer der, daß sie da stehen, wo sie stehen. Wohingegen Dullie-Demos offiziell aufgelöst wurden, sogar von der Bühne verkündet wurde, daß sie aufgelöst wurden, zugleich aber wurde von der Bühne durchgesagt, man bleibe erst einmal sitzen und warte ab, was passiert, und es passiert – Nichts.

      Rezo gibt zum Einem zu bedenken, daß dies ganz real Superspreader-Events sind. Diese Demos fordern Menschenleben ein. Ich war lange Zeit auf Seiten derer, die sagten: Nix, guckt Euch die Black-life-matter-Demos an, da ist auch nichts passiert; unter freiem Himmel ist offenkundig sehr viel mehr möglich als gedacht. Inzwischen aber hat die Politik diese Demonstrationen Grenzen derart verschieben lassen, daß ich das nicht mehr aufrecht halten kann. Darauf, daß wir es inzwischen mit einem neuen, weitaus gefährlicheren Virus zu tun haben, der vieles nicht mehr zuläßt, was vergangenes Jahr noch ging, mag ich gar nicht eingehen. Des weiteren moniert Rezo, daß es einfach schlicht die Durchhaltemoral der Restgesellschaft untergräbt, wenn Menschen mit tausenden von Euros dafür bestraft werden, wenn sie unter freiem Himmel im Park mit Personen aus mehr als einem Haushalt zusammenstehen, gleichzeitig aber solche Events gestattet bleiben, oder zumindest folgenlos.

      Schöne ungewollte Pointe im Rückblick am Rande fand ich: Rezo zeigt Videos einer Demotruppe, die maskenfrei mit der Bahn fährt und schwer die Mitfahrenden nötigt, ihrerseits die Masken abzuziehen. Und moniert: Auch das bleibt ohne Folgen. Nun, das tat es nicht. Einer Demonstrantin ist ein Bußgeld verhängt worden von 1000€, und ein einjähriges Fahrverbot. Nicht vom Staat. Von der Deutschen Bahn. Es geht. Wenn man will. Wenigstens die Menschen im Nachhinein zu identifizieren und Konsequenzen durchzuführen, wenn das schon vor Ort und zeitnahe nicht ginge. Der Staat will nicht.

      Rezo ist der Falsche, um solchen Menschen einen Dialog anzubieten. Er ist Informatiker. Ihn geht nicht in den Kopf, wie man so tatsachenleugnend, wissenschaftsfeindlich sein kann wie diese Menschen. Dazu hat er nicht die Empathie, dazu wäre ein Herr Blume schon geeigneter. Er problematisiert, wie Politik und Polizei mit ihnen umgeht.

      Was nun aber nicht nur ihn in seinem neusten Video fassungslos macht, was viele von uns umtreibt: Daß Politik die Seiten gewechselt hat und „wissenschaftsfeindlich“ geworden sei. Christian Drosten rückt in seinem letzten Podcast nicht namentlich benannt, aber eindeutig identifizierbar, Armin Laschets rasputinesken Haus- und Hofvirologen in die Nähe von Wissenschaftsleugnern. Nicht irgendwen. Drostens Nachfolger an der Universität Bonn. (Was die anderen Kritker übersehen. Daß Laschets Unsinn, man habe erwartet, daß der Virus wie im vergangenen Frühjahr von alleine wieder gehe, wissenschaftlich flankiert wird. Das verkündet Laschet nicht als sein persönliches Bauchgefühl, dafür kann er wissenschaftliche Expertise anführen.) Sascha Lobo attestiert in seiner aktuellen Kolumne den Umgang Laschets mit der Wirklichkeit das „Konzept Aberglaube“. Ich denke, das Wort, nach dem wir alle ringen, hat Mai Thi Nguyen-Kim gefunden: Wir finden in der Politik auf breiter Ebene eine Wissenschaftsverweigerung vor.

      Ich denke, Michael Blume macht es sich und nimmt es zu leicht, wenn er „Rezo vs. Union“ in eine Krawallschachtel-Ecke stellt mit „Pocher vs. Wendler“ und schon gar „Trump vs. CNN“. Damit ist er in der Union zwar nicht alleine. Was eines der massivsten Probleme der Union ist. Sie verliert eine ganze Generation, weil sie sie einfach nicht versteht.

      • Aktuell heute hat die Wissenschaft einen Notruf gesendet aufgrund ihrer aktuellen Modellierungen. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Montag öffnen die Schulen wieder. Jeder weiß, was passieren wird, passieren muß.

        • Ich bin einigermaßen positiv überrascht: In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen machen die Schulen nicht am Montag auf. Die Kultusministerinnen Gebauer und Eisenmann trendeten auf Twitter etliche Wochen abwechselnd.

          Es wird zwar nichts helfen. Damit sind wir auf dem Stand der Maßnahmen vom Januar, die, wie wir wissen, nicht gereicht haben, um die Ausbreitung der britischen Variante B 1.1.7. zu verhindern. Aber mal sehen, vielleicht ist das ein vorsichtiges erstes Anzeichen, daß es doch bei einigen „Klick“ gemacht haben könnte.

          Wir sind in einer völlig neuen, ungewohnten Situation: Mit kalter, wissenschaftlicher Genauigkeit läßt sich messen, ob Politik richtig oder falsch ist. Das kann man sonst nicht. War es richtig, Griechenland in der Eurozone zu behalten? War es richtig, die Grenzen für Flüchtlinge 2014/15 nicht zu schließen? Man wird immer ein einerseits – andererseits finden und ein „Hätte, hätte, Fahrradkette“. Hartz IV, Fluch oder notwendige Erneuerung der Sozialsysteme? Hier aber gilt das nicht. Politik ist objektiv meßbar falsch.

          • Vielleicht ist das ein vorsichtiges erstes Anzeichen, daß es doch bei einigen „Klick“ gemacht haben könnte.

            Hat es dann doch nicht. Nächsten Montag machen die Schulen wieder auf in NRW. Zwar nur im Wechselunterricht, aber sie machen auf.

      • Danke, @Alubehüteter – mit einer Korrektur: Ich setze nicht gleich, sondern zähle auf. Bei allem Respekt vor Michael Wendler, er ist ebensowenig CNN wie Rezo Donald Trump ist. Es wäre nett auch von Ihnen, bei mir nicht zu viel Parteilichkeit in die Blogposts hinein zu lesen. Demokratisches Engagement finde ich unverzichtbar, aber die deutsche Parteienlandschaft steht m.E. zu Recht vor Umbrüchen. Auch, weil sie sich aus Tradition zu wichtig nimmt.

        Ihnen alles Gute! 🍀

        • Die deutsche Parteienlandschaft steht m.E. zu Recht vor Umbrüchen. Auch, weil sie sich aus Tradition zu wichtig nimmt.

          Aus berechtigter Tradition. Aber heute zu Unrecht. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn nicht die ganze Demokratie dadurch im Umbruch stünde. Das führt zu weit, wäre schön, wenn wir dafür mal Ort&Zeit fänden.

          Die deutsche Demokratie ist eine Parteiendemokratie, eine in Parteien organisierte. Parteien aber sterben weg, wie Kirchen, wie Gewerkschaften. Nicht, daß die Menschen heute weniger politisiert wären, aber sie sind anders politisiert. Projektgebunden und auf Zeit, wie in der Flüchtlingshilfe oder bei FridaysForFuture.

          Vor allem aber: Früher war man in einer Partei qua Milieu. Im Ruhrgebiet war man in der Gewerkschaft und in der SPD, man war als Arbeiter in der Arbeiterschaft und in den Organisationen derselben. Am Linken Niederrhein, wo ich geboren bin, war man unabhängig von der sozialen Herkunft katholisch, also wählte man CDU. Die waren bei uns nie unter 60+%. Diese Milieus aber gibt es heute nicht mehr. Vielleicht gibt es vage noch so etwas bei den Grünen, aber das sehe ich auch als Generationen-Ding. Ich glaube nicht, daß die jungen Leute heute noch so gebunden sind an die Grünen, wie es Menschen meiner Generation waren (Bj. 1967). (O.k., Bayern, da gibt es das natürlich auch noch.)

          Das hieß aber auch, daß Parteien eine Basis repräsentierten, einen Teil der Bevölkerung. Von der man erfahren konnte, wie so die Stimmung vor Ort ist, die Stimmung in der Bevölkerung. Aktuell hat sich ja Corona-Politik weitest entfernt sowohl von der Wissenschaft wie von der Bevölkerung, scheinbar getragen von der veröffentlichten Meinung, die aber eben nicht identisch ist mit der öffentlichen. Harte, viel weitreichendere Maßnahmen für einen kurzen, übersichtlichen Zeitraum würden von der Mehrheit des Volkes akzeptiert, eine Minderheit wünscht dies sogar. Alle Zeichen aber stehen auf Lockerung. Ich denke nicht, daß das unter Helmut Kohl in diesem Ausmaß möglich gewesen wäre, als Parteien noch funktionierten.

          Es muß dringend diskutiert werden, wie sich politische Willensbildung organisiert in einem Nach-Parteien-Zeitalter. Fündig werden dürfte man unter anderem übrigens bei Karl Jaspers, der diese Bildung der Parteiendemokratie in der Bundesrepublik von Anfang an kritisierte.

          • Ja, @Alubehüteter – das sind die Denkpfade (ergänzt noch um die komplexen Wirkungen neuer Medien), auf denen wir uns treffen können. Ein früher-war-alles-besser-Romantiker war ich nicht mal zu JU-Zeiten. 🙂

  11. Nun ja, Herr Blume. Sie schreiben:

    Ob nun Oliver Pocher gegen Michael Wendler, Rezo gegen die CDU oder Donald Trump gegen die CNN. Für leisere und freundlichere Stimmen ist das wohl eine medial ungute Nachricht…

    Rezo gehört in diese Reihe überhaupt nicht hinein, weil er keine Krawallschachtel ist. Seine kraftvolle, drastische Sprache entstammt eben nicht der Internet-Pöbel-Kultur, sondern der Informatiker-Kultur. Ich verfolge regelmäßig Fefes Blog. Der hat eine Sprache am Leib, wie man sie sonst von Gerüstbauarbeitern kennt. Walter Isaakson führt das in seiner Steve-Jobs-Biographie zurück auf die binäre Logik der Informatiker: Ein Code taugt, oder er funktioniert nicht. Bei funktionierendem Code changiert das noch zwischen „Awesome! It’s a hack!“ und „Kann man so machen. Wird dann halt Kacke.“ Wenn andere Programmierer auf einen Code sehen und sagen „Das ist Mist“, dann ist er halt Mist. Dann zieht man ihn besser zurück. Versucht man, objektiv für schlecht befundenen Code auch noch zu verteidigen, gerät man sehr schnell ins Aus. Was in der Wissenschaft die Bhakti- oder Wodarg-Ecke ist. Der ist doof, mit dem spielen wirnicht mehr.

    Christian Drosten hatte sich letztes Jahr um diese Zeit dürftige Zahlen angesehen zur Corona-Verbreitung bei Kindern, hat da miese Statistiken drüber geworfen und gesagt: Wenn wir mit diesen miesen Statistiken schon sehen würden, Kinder sind nicht sonderlich infektiös, dann sind sie es nicht. Tatsächlich aber war mit diesen miesen Statistiken, einem ersten, oberflächlichen Blick nicht auszuschließen, daß sie es sind. (Was noch nicht hieß, daß sie es sind, sondern nur, daß das nicht auszuschließen sei. Konjunktiv: Sie könnten infektiös sein, they might be, schrieb Drosten.) Monierte ein angesehener Statistiker im Preprint-Internet im gewohnt rüpelhaften Ton: Na, das sind aber wirklich grottenolmgräßlich schlechte Statistiken, die Du da drübergeworfen hast. Kassierte von Drosten ein Dann komm doch her und mach es besser, wenn Du so schlau bist! Was für dumme BILD-Redakteure, die ohnehin nur in Indikativen schreiben und denken können, ein schroffer Ton schien, begriff der Statistiker als Einladung. Er kam her, machte es besser und wurde Mitverfasser der Studie.

    Es ist äußerst problematisch, wenn Informatiker mit dieser Attitüde der binären Logik an Politik herangehen wollen. Wer sich dafür interessiert, hier ist ein Link in eine Diskussion. Zusatzproblem ist, daß sie einsteigen, politisiert werden in aller Regel in eigener Sache, in Digitalpolitik. Und da sind wir allerdings noch im Bereich wissenschaftlich feststellbarer Dummheiten. Rezo stieg ein mit einer maßgeblich von der deutschen CDU vorangetriebenen EU-Urheberrechtsreform, und die ist für YouTuber eine totale Katastrophe, entzieht ihnen die Grundlage für ihre Geschäftsmodelle. Von solchen Punkten aus extrapolieren Informatiker fälschlich oft auf die gesamte Politik.

    Die Politik aber – wie aber auch die meisten Rezo-Fans – kriegt noch überhaupt nicht mit, woher der Blauschopf kommt, und warum er so erfolgreich ist. Dramatisch hatte das ja CSYou dokumentiert, wie oberflächlich man Rezo rezipiert. Das sind dieselben, die auch nie verstehen werden, warum eine andere Ikone dieser Szene, auf die Rezo häufig hinweist, Tilo Jung ist. Die augenscheinlich so oberflächlichen Rezo-Fans geben sich auch mal dreistündige Interviews mit nur drei Kameras nonstop.

    Wie anders Rezos Flegeleien funktionieren, sieht man gelegentlich, wenn er sich wieder mit wem bei Twitter in der Wolle hat. Rezo kann sehr schnell sehr heftig werden: Warum lügst Du!? Du lügst! Wenn der Betreffende dann aber einräumt, o.k., hast Recht, da liege ich falsch, dann ist er nicht zerstört, lost, ist kein loser, im Gegenteil. Schwamm drüber, vergeben und vergessen kassiert er sich von Rezo. Und das ist nicht, was man erwarten würde. Einen Fehler zugeben ist in weiten Teilen des Internets eine Schwäche, die man nicht zeigen darf. Nicht aber in der Wissenschafts- und Informatikerkultur, aus der Rezo kommt. Es ist eben nicht, das Schrille, Bunte, die schnellen Schnitte, die große Lautstärke, die Aufregung, die Rezo so stark machen. Es ist die Wucht seiner Argumente.

    • Wenn ich meinen Beitrag pointierter zusammenfassen darf:

      Es gibt im Internet einen rüden, rüpelhaften, drastischen Umgangston, der dem Internet schon seit den Tagen des Usenet inhärent ist, und der ausgeht von einer Informatiker- und Wissenschaftlerkultur. Da sind Fehler Fehler, die werden gnadenlos so benannt, dann sieht man ihn ein, und sagt das offen. Die Betreffenden finden das gut, wenn sie – für einen Fehler! nicht als Person! – vernichtend in Grund und Boden kritisiert werden, weil sie so daraus lernen können. Mehr noch: Sie fühlen sich respektiert und wertgeschätzt, wenn sich jemand die Mühe macht, sich in deren Arbeit hineinzufinden und die Fehler aufzuzeigen.

      Und es gibt einen Ton gemischt aus Boulevard und Hetze, der von außen in das Internet hineingetragen wurde. Hier geht es wirklich um mediale und soziale Vernichtung von Menschen. Alles, was wir im Netz kritisieren, hat längst die BILD-Zeitung in analogen Zeiten schon gemacht. Telefonnummern veröffentlichen der Titanic-Redaktion oder vom GdL-Gewerkschaftsführer, verbunden mit der Aufforderung: Ruft ihn mal an und sagt ihm Eure Meinung.

      Rezo wird falsch verortet. Der kommt aus der YouTuber-, Influencer-, man meint also: Boulevard-Ecke. Nein, kommt er nicht. Da ist er groß geworden, aber nicht sozialisiert worden.

      Fun fact: Rezos Wahlheimatstadt ist Aachen. Die Heimatstadt von Armin Laschet.

  12. @alubehüteter,
    wenn ich Ihren Beitrag weiterführen darf:
    in der Kirchengeschichte (nur da kann ich gut mitreden) beobachte ich auch: immer wenn ein neues Medium entdeckt wurde, wurde auch zunächst die Sprache roher:
    siehe die Reformation, siehe aber auch die Sprache des Apostels Paulus, die evtl. mit dem Übergang von der Rolle zum Kodex einherging.
    Ich sehe das eher entwicklungspsychologisch: da ist ein neues Medium, das will man ausprobieren. Es erinnert mich an den vierjährigen Jungen ,( der ich war) der zu seiner Mutter ganz liebevoll sagt: “Du Mama, darf ich Drecksau zu dir sagen?” ich hatte das Wort im Kindergarten neu gehört.

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