Machen Pornofilme Religiöse (un-)glücklich?

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Sie können sich meine Überraschung vielleicht vorstellen, als ich in der aktuellen Ausgabe des renommierten Journal for the Scientific Study of Religion auf eine Studie zur Frage stieß, ob Pornografie die Lebenszufriedenheit Religiöser besonders beeinflusse. Oder nehme ich Sie nur auf den Arm, weil heute der 1. April ist? Lesen und urteilen Sie selbst, Auflösung am Schluss.

Also: Richard Patterson von der Cornell University und Joseph Price von der (mormonisch geprägten) Brigham Young University stellten sich die empirische Frage, wie (eingestandener) Pornofilmkonsum und die Lebenszufriedenheit in den USA wohl miteinander korrelierten – und zwar sowohl bei Nichtreligiösen wie bei regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. Als Datengrundlage diente ihnen der General Social Survey, der von 1973 bis 2006 auch die Frage enthalten hatte, ob der bzw. die Befragte im letzten Jahr einen nur für Erwachsene frei gegebenen Pornofilm (X-Rated Movie) angeschaut habe. Insgesamt erhielten sie so 29.424 Datensätze von Befragten, von denen 6.669 angaben, im letzten Jahr einen entsprechenden Film gesehen zu haben. Mit einer Salve von Regressionsanalysen erkundeten die Kollegen dann die Korrelationen.

Wer schaut? (Oder: Wer gibt es zu?)

Zu ihrer Überraschung stellen die Wissenschaftler fest, dass trotz leichterer Verfügbarkeit und wachsender, gesellschaftlicher Akzeptanz der Anteil der (eingestandenen) Pornofilmnutzer von 1973 bis 2006 nur wenig angestiegen ist und sich über die Jahre in einem recht stabilen Korridor von 25 bis 35 Prozent bei Männern und 15 bis 20 Prozent bei Frauen bewegte.

Dabei zeigten sich durchaus konfessionelle Unterschiede: Am seltensten bekannten sich weiße Evangelikale zu Pornofilmen, gefolgt von gemäßigten Evangelischen und schwarzen Protestanten (Mainline & Black Protestant). Anhänger anderer Religionen (Islam, Buddhismus etc.) folgten, sodann die Konfessionslosen. Katholische Christen und Juden vermeldeten die höchsten Anteile an Pornofilmnutzenden. Bildung wirkte sich interessanterweise bei den Geschlechtern unterschiedlich aus: Bei Männern stieg mit jedem Schul- und Studienjahr der Anteil der Hingucker leicht, bei Frauen sank er mit wachsenden Bildungsjahren dagegen geringfügig ab.

Die Verführung von Adam und Eva an der Kirche Notre Dame in Paris. Man beachte, dass die Schlange hier mit verführerischem Frauenoberkörper – als Lilith – dargestellt wird. Foto: Jebulon auf Wikimedia Commons.

Pornofilmnutzer sind durchschnittlich weniger glücklich, Gottesdienstbesucher durchschnittlich glücklicher als der gesellschaftliche Durchschnitt

Empirisch bestätigten sich aber Befunde früherer Studien: Pornofilmnutzer sind im Durchschnitt weniger glücklich, religiös aktive Menschen im Durchschnitt glücklicher als der gesellschaftliche Durchschnitt. Männer, die (nach eigenen Angaben) mehr als einmal im Monat den Gottesdienst besuchten, aber im letzten Jahr (nach eigenen Angaben) keinen X-rated Movie genossen hatten, wiesen den höchsten Anteil an (nach eigenen Angaben) “sehr glücklichen” Befragten auf: Unschlagbare 42,2 Prozent! Jene Männer aber, die seltener oder nie den Höchsten in Gemeinschaft verehrten und sich stattdessen an Pornofilmen gelabt hatten, waren die am seltensten “sehr glücklichste” Gruppe: Nur 23,9 Prozent bezeichneten sich als “very happy”.

Und regelmäßiger Gottesdienstbesuch geht also nicht nur mit einer durchschnittlich höheren Lebenszufriedenheit einher, sondern senkt auch den Anteil der bekennenden Pornokonsumenten: Um 56 Prozent bei Männern und um 49 Prozent bei Frauen.

Freilich räumen die Forscher auch ein, dass ein Großteil dieser Wirkungen über dritte Faktoren laufe – vor allem die Ehe. Wie Leserinnen und Leser z.B. von “Homo religiosus” längst wissen, geht die Beteiligung in Religionsgemeinschaften mit einer durchschnittlich deutlich höheren Rate an (stabileren) Ehen und (mehr) Kindern einher. Verheiratete – vor allem verheiratete Männer – sind aber durchschnittlich glücklicher als Unverheiratete. Und auch nach den Daten von Patterson & Price nutzen Verheiratete seltener die (härteren) Pornofilme. Sprich: Ein großer Teil des durchschnittlich höheren Glücks und geringeren Pornokonsums von Religiösen geht auf das Leben in Ehe und Famile zurück. Bedarf und Gelegenheiten für X-rated Movies dürften wohl einfach seltener sein.

Pornofilme – besser nicht für Evangelische

Schon die obige Grafik zeigt aber auch an, dass diejenigen, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen und im letzten Jahr einen X-rated Movie verkostet haben fast so selten glücklich sind wie Nichtgottesdienstbesucher. Hier steckt ein höherer Anteil religiöser Unverheirateter drinnen – und offenbar auch Menschen mit schlechtem Gewissen. In einer konfessionellen Unterscheidung ergeben sich die massivsten Glückseinbussen bei evangelischen und evangelikalen Christen. Bei katholischen Christen schwindet der Effekt bereits, bei “anderen Religionen” ist er ganz weg – und bei Juden und Konfessionslosen gab es sogar eine geringfügige (statistisch nicht signifikante), positive Korrelation. Leider erfahren wir nicht, ob es hier z.B. gelang, die Filme ins Eheleben zu integrieren.

Fazit: Pornofilme werden von glücklich Verheirateten seltener angeschaut und machen auch nicht wirklich glücklich. Aber massiv beeinträchtigen sie das Lebensglück (nur) jener, die glauben, dass solche Filme zu verdammen seien – und sie dennoch anschauen. Nicht wirklich überraschend, oder?

Aber manchmal ist das Überraschende an empirischen Studien ja, dass es sie überhaupt gibt. Und das ist hier der Fall – die hier vorgestellte Studie ist kein Aprilscherz! Die Autoren finden ihre Ausgangsvermutung bestätigt, dass es sich mit “kognitiver Dissonanz” – gelebten Widersprüchen zwischen Denken und Handeln – nicht gar so glücklich lebt. Daher seien sowohl Kirchen wie Kirchenmitglieder gut beraten, “strenge Ansichten zur Pornografie” dann auch einzuhalten. Tja, was Wissenschaftler so alles heraus finden…

Aber die faszinierenden Zusammenhänge von Religion & Sexualität hat Lars Fischer schon seit der Steinzeit im Blick. Wenn Sie wollen, greife ich das Thema auch hin und wieder auf. Denn Scilogs-Lesen macht ganz sicher ein bißchen glücklich. 😉

Online-Literatur:

* Richard Patterson & Joseph Price: Pornography, Religion, and the Happiness Gap: Does Pornography Impact the Actively Religious Differently? Journal for the Scientific Study of Religion, Vol. 51 / 1, p. 79–89, March 2012 (kostenpflichtig)

* Michael Blume: Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion und Glück, Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 32, 2011 (kostenfrei)

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Pornographische Ausnahmeerscheinungen

    @ Michael Blume

    Ich vermute, dass diejenigen wenigen langristig glücklich Verheirateten einfach weniger Interesse oder Gelegenheit haben, sich Pornofilme anzusehen.

    Aber wir sollten nicht den Fehler begehen, diese Ausnahmeerscheinungen zur ethisch-moralischen Regel hochzustilisieren.

  2. @Geoman

    Da sind wir wohl einfach mal einer Meinung. Ich schrieb oben in fast den gleichen Worten wie Sie: “Bedarf und Gelegenheit für X-rated Movies dürften wohl einfach seltener sein.” Studien haben ja sogar durchschnittlich sinkende Testosteron-Spiegel und ein oft entspannteres Sexualverhalten unter Langzeit-Verheirateten aufgezeigt. Und religiös aktive Menschen sind eben häufiger lange verheiratet. Im echten Leben interagieren nun einmal die verschiedensten Faktoren miteinander. Wäre ja auch schlimm für die Religion(en), wenn nicht. 😉

  3. @Zitatereligion

    Nun, das evolutionäre Potential von Religiosität besteht ja wesentlich im Stiften von kooperativen Gemeinschaften… Kann mir schon vorstellen, dass da mancher auch im Hinblick auf Erotikstreifen von träumt – aber in Sachen Dauerhaftigkeit hätte sich wohl selbst Berlusconi doch lieber am klassischen Katholizismus orientieren sollen, würde ich meinen… 😉

  4. @Zitatereligion

    Na, Gott sei Dank 😉 ist die real existierende Auswahl ja auch etwas größer.

    Auf Ihrer Zitatesammlung habe ich gleich zwei sehr schöne Aussagen gefunden. Von Novalis:

    “Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion.”

    Und von Friedrich dem Großen:

    “Die Religionen müssen alle tolerirt werden, denn hier muss ein jeder nach seiner Façon selig werden.” (22.6.1740)

    Eine nette Seite haben Sie da geschaffen, Kompliment!

  5. Sehr vielseitiges Phänomen

    Pornokonsum ist ein sehr vielseitiges Phänomen, das möglicherweise auch nichtsexuelle Ursachen hat (siehe Mario Brocallo´s PSratgeber). Sehr differenziert hat es unlängst auch Peter Redvoort in “Pornos machen traurig” beschrieben. Kann beide Büchlein empfehlen!

    Heiko

  6. @Heiko

    Vielen Dank! Eigentlich war ich ja nur über die Studie passend zum 1. April gestossen – aber Religion, Sex & Glück sind doch ganz spannende Themen. Ich denke, ich werde an diesem Thema dran bleiben und dann gerne auch mal die Buchtips aufnehmen. In diesem Sinne – Danke!

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