Lügenpresse! – Antimediale Verschwörungsmythen am KIT Karlsruhe (Seminar)

Wieder mal hatte Zehra, meine Frau, Recht. “Karlsruhe musst Du weitermachen!”, hatte sie mir geraten, als ich aus Zeitgründen an eine Unterbrechung meiner Lehrtätigkeit gedacht hatte. “Wenn Du vom KIT nach Hause kommst, bist Du jedes Mal ganz glücklich!”

Daran musste ich heute Morgen denken, als ich mich nach S-Bahn- und Zugfahrt am Karlsruher Hauptbahnhof einfand. Es war noch dunkel und kalt, Termine drängten – und doch spürte ich bereits die Vorfreude auf das jährliche Blockseminar zu Medienethik – den einzigen Lehrauftrag, den ich seit Jahren ununterbrochen wahrnehme.

Karlsruhe, Bahnhof, am Morgen des 11.02.2019, Foto: Michael Blume

Was macht mir ausgerechnet an diesem Seminar so große Freude (abgesehen davon, dass ich Karlsruhe als Stadt mag)? Zum einen liebe ich die Aufgabenstellung der Medienethik, in der sich empirische und philosophische Fragestellungen wunderbar verschränken lassen. Vor allem aber sind es die Studierenden des KIT-Studiengangs “Wissenschaft – Medien – Kommunikation”, die einerseits sehr unterschiedliche Vorstudien, Erfahrungen und Einstellungen mitbringen, sich aber andererseits bereits sehr konkret und praxisorientiert auf Medien- und Kommunikationsberufe einstellen. Entsprechend hoch ist das Erkenntnisinteresse und auch Niveau, wenn man ihnen auch etwas bietet und vor allem zutraut. Ehrlich gesagt lerne ich in diesen Seminaren im direkten Austausch mit diesen Studierenden auch selbst immer wieder Neues – und bleibe durch sie an den Fragen, Themen und auch Technologien der je nächsten Generationen dran.

So geht es im aktuellen Seminar zu Verschwörungsvorwürfen gegenüber Journalistinnen wie Dunja Hayali und der sog. “Lügenpresse” gerade nicht nur um hohle Theorie, sondern um genau das Feld, auf dem sich viele der Studierenden in den kommenden Jahren bewegen werden – oder bereits bewegen! Entsprechend interessiert sind die meisten Seminaristen dabei. Hier mein Einführungsvortrag:

Im Seminaraufbau versuche ich den Studierenden viel Raum zu lassen, ohne mich aber in die bequeme Rolle des Nur-Beobachters zurück zu ziehen. Als ideal erlebe ich den Wechsel aus Präsentation, Diskussionen, Befragungen und ergänzenden Impulsen – inzwischen auch ergänzt durch offene und anonyme Befragungen der Teilnehmenden.

So entsteht in den besten Momenten eine Dynamik, die ich zwar noch mitpräge, aber nicht kontrolliere. Umso spannender, mal auch einfach zu lauschen, zu entdecken und ggf. nachzufragen, wie die Studierenden selbst beispielsweise die digitalen Attacken einiger (auch anonym agierender) Männer auf Greta Thunberg einordnen.


Studierende setzen sich mit digitalen Attacken auf Greta Thunberg und ihre Familie auseinander. Foto: Michael Blume

Andere Fragen greifen die tiefgreifenden Folgen von Medienrevolutionen auf, etwa entlang von Sprache, Schrift und Siegelring im biblischen Buch Esther oder an den Anti-Social-Media-Aufrufen von Jaron Lanier. Immer wieder kehren wir auch zur Grundsatzfrage von Individual- versus Systemethik zurück: Müssen einzelne Journalistinnen, Konsumenten, User ihr Verhalten ändern – oder braucht es Anpassungen der Strukturen und Systeme selbst, beispielsweise durch Gesetze oder bessere Bezahlung von Recherchen?

Eine Gruppe findet ein starkes Zitat von Rudolf Augstein im “Lügenpresse”-Sammelband (aus dem Einführungsvortrag) dazu, der eine Systemanalyse in einen individuellen Vorwurf ummünzte:

“Im Moment herrscht die Haltung vor, man müsse einen Fehler im System beheben – anstatt anzuerkennen, dass man selbst dieser Fehler ist.”

Auf den ersten Seminartag folgte dann noch ein Interview mit einer jungen Kollegin, die – kein Witz – über kommunikatibe Strukturen auf diesem Wissenschaftsblog “Natur des Glaubens” forscht. Wie gerne würde ich jetzt schon lesen, was sie derzeit entdeckt und herausfindet!

Wieder hüllt sich Karlsruhe in die winterliche Decke aus Dunkelheit und Kälte, als ich den KIT-Campus mit einem Hauch von Wehmut bis zum kommenden Morgen verlasse.

Der KIT-Campus ist auch in den Abendstunden noch belebt. Spüre die Freude auf Morgen! Foto: Michael Blume

Trotz niedriger Temperaturen laufe ich die Strecke zum Hotel lieber, als eine der vielen Bahnen zu nehmen. Denn es bleibt vieles zu entdecken und auch zu durchdenken in dieser Stadt, in der für mich Forschung, Lehre und Leben ideal zusammenfallen. Wieder mal hatte Zehra einfach Recht… 🙂

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. Die Idee einer Qualitäts-Anpassung durch bessere Bezahlung von Recherchen – ist ein Witz.
    Denn dies führt dann dazu, dass der Journalismus seine Glaubwürdigkeit komplett verliert – denn es gibt dann Berichte auf Grundlage von sehr guter, von guter bzw. von schlechter Bezahlung
    Es wird niemand gezwungen, Journalist zu werden! – und genau wie man von jedem einfachen Arbeiter verlangt, dass eine bezahlte Arbeit gut ausgeführt wird, sollte man dies auch von Journalisten erwarten können.

    Ein wesentliches Problem von Journalisten ist – dass Berichte veröffentlicht werden ohne überhaupt eine gute Recherche durchzuführen; ein konkretes Beispiel: Ich habe verschiedene Personen/Abteilungen des Bayerischen Rundfunk (BR) im letzten Jahrzehnt über 15x darauf aufmerksam gemacht – dass die ´Nahtod-Erfahrung´(NTE) komplett als Ergebnis eines strukturierten Erinnerungsvorgangs erklärbar ist. Von Seiten des BR kam KEINE EINZIGE Rückfrage zum Thema – aber in allen Berichten des BR wurde weiter suggeriert, dass NTEs unerklärbar sind. Letzter Stand ist (Zitat aus Brief vom 25.6.2018) “… Vorsorglich möchte ich Sie aber darauf aufmerksam machen, dass wir zukünftig keinen weiteren Austausch in dieser Angelegenheit erkennen können.”

    Mein Vorschlag zur Verbesserung des Rufes vom Journalismus wäre – dass man Journalisten überhaupt erst einmal beibringt, was eine Recherche ist!

    (Im Fühjahr soll eine QUARKS-Sendung zum Thema ´Sterben´ gesendet werden. Man darf gespannt sein, ob mein Hinweis an die Readaktion – dass NTEs nichts mit Sterben/Tod zu tun haben – berücksichtigt wird. Rückfragen gab es jedenfalls keine!)

  2. @Blume: off topic
    Ich habe Ihnen die CD mit meinem Erklärungsmodell für die Nahtod-erfahrung zugeschickt.
    Lesen Sie darin den Beitrag S.53-55 Medienschelte, gesellschaftlicher Schaden

    Sie finden darin ein paar konkrete Beispiele, welch großer gesellschaftlicher Schaden durch fragwürdige Berichterstattung zum Thema NTE erzeugt wird:
    10% aller Babys (Frühchen) bekommen keine optimale Förderung
    Jahrelang wurden sinnlose Tierversuche durchgeführt
    Menschen werden psychisch krank – bis zum Selbstmord

    Weil in den Medien ausschließlich immer nur die falsche Behauptung verbreitet wird – dass NTEs unerklärbar sind – getraut sich die seriöse Wissenschaft nicht, dieses Phänomen zu erforschen.

    • @KRichard

      Auch, wenn Sie es wohl nicht gerne lesen werden, möchte ich ehrlich zu Ihnen sein: Ihre Ausarbeitungen erscheinen sowohl wissenschaftlichen wie medialen Kolleginnen und Kollegen als eine spezielle, persönliche Deutung. Ob diese haltbar ist, könnten nur NTE-Spezialisten einschätzen (zu denen auch ich mich nicht zähle). Zudem enthalten sie massive Vorwürfe an etablierte Institutionen.

      Deswegen bleibt es leider unwahrscheinlich, dass Ihre Ausarbeitungen medial und wissenschaftlich breiter aufgegriffen werden. Sie täten sich und allen Angeschriebenen einen Gefallen, sich nicht weiter in das Thema zu verbeißen, andere damit nicht länger zuzuspammen und damit nicht nur als ein weiterer Akteur mit Spleen (wie vermeintlichen Entdeckern kalter Fusion, Widerlegern von Einsteins Relativitätstheorien o.ä.) wahrgenommen zu werden. Es gibt sehr viel schönere und konstruktivere Wege, Zeit und Energie sinnvoll einzusetzen. Und wenn Ihre Ausarbeitungen zu NTEs sachrichtig sind, so werden sich die Argumente im Laufe der Jahre von selbst durchsetzen.

      Ihnen in herzlicher Verbundenheit alles Gute!

  3. 1) Wenn Wissenschaftler auf Fehlverhalten aufmerksam gemacht werden, dann sollten sie diese Hinweise zur Kenntnis nehmen und reagieren. Wenn man sich selbst nicht kompetent fühlt – kann man Fachkollegen darauf aufmerksam machen. Diese Vorgehensweise gehört zur ´Gute wissenschaftliche Praxis´ – Meine Hinweise als ´zuspammen´ zu betrachten, ist die falsche Reaktion.

    2) Die Lehrmeinung ´infantile Amnesie´ gehört mittlerweile zur Allgemeinbildung (= Erlebnisse vor dem 2.-4. Lebensjahr sind dem bewussten Erinnern nicht zugänglich). Ich habe deutlich darauf hingewiesen, dass im Rahmen von NTEs Erlebnisse ab dem 5. Schwangerschaftsmonat erinnerbar sind. D.h. eine wissenschaftliche Lehrmeinung ist nachvollziehbar falsch und Sie haben nichts besseres zu tun als mich als ´Akteur mit Spleen´ zu bezeichnen

    3) Ich habe seit über einem Jahrzehnt ein komplettes Erklärungsmodell für das Phänomen ´Nahtod-Erfahrung´ (NTEs) veröffentlicht. Wenn ein einzelner Journalist die NTEs als unerklärbar beschreibt – kann man dies als persönliches Missgeschick betrachten. Wenn aber
    A) in allen Medien die gleiche falsche Aussage veröffentlicht wird – dann ist hier offenbar überall die gleiche Arbeitsweise üblich, wie sie auch vom SPIEGEL-Journalisten Claas Relotius bekannt ist.
    B) keine einzige Redaktion bzw. kein Journalist, die ich bisher kontaktiert habe – versucht hat, eventuelle Unklarheiten mit einer Rückfrage abzuklären.
    – dann zeigt dies ein grundsätzliches Problem: es wird gar nicht erst versucht, gute journalistische Beiträge zu liefern.

    • @KRichard

      Ich habe schon geahnt, dass ich für die ehrliche Rückmeldung zur Wahrnehmung (!) und zu den Gründen der Nicht-Reaktion keine Dankbarkeit ernten würde. 😉 🙂

      Aber mir war es, aus Respekt vor Ihrer Person, dennoch einfach wichtig. Und sicher werden Sie jetzt auch verstehen, dass ich zu diesem Thema nun keine weiteren Kommentare mehr freischalten möchte. Es ist m.E. alles gesagt – bzw. geschrieben – worden.

      Ihnen herzliche Grüße!

  4. Ich habe mir Deinen Vortrag angehört, der über weite Strecken recht informativ ist. Allerdings stellen nicht nur Verschwörungsgläubige die Berichterstattung mancher Presserzeugnisse in Frage. Meistens ist das bei sogenannten “Meinungsartikeln” der Fall, wo es dem Schreiber darum geht sein eigenes Anliegen zu verbreiten und er deshalb die Neutralität außen vor lässt. Der mehrfach ausgezeichnete Reporter Claas Relotius jubelte dem Spiegel und anderen Medien sogar erfundene Artikel unter, weil er in einigen seiner Reportagen den Eindruck erwecken wollte, selbst vor Ort gewesen zu sein, was sich aber als unrichtig herausstellte. Zudem macht der Fall Relotius deutlich, dass nicht nur die Anhänger von abseitigen Glaubensvorstellungen ihre Weltsicht bestätigt sehen wollen, sondern auch die Auftraggeber von Reportagen oder die Mitglieder jener Jurys, die Claas Relotius mehrfach auszeichneten.

  5. „Meinungsartikel“, vmtl sind Kommentare von Redaktionen damit gemeint, die auch als solche so ausdrücklich gekennzeichnet sind, spiegeln mE eher die, oder eine, Blattlinie wider, bzw präzisieren diese anhand des kommentierten Sachverhalts.

    Der Ruf nach „Neutralität“ unterschlägt dabei mitunter vlt allerdings auch, dass Sachverhalte in einer Weise kommentiert werden können, die nicht unbedingt dem Geschmack von Rezipienten entsprechen (müssen).

    Deutlicher noch wird das bei redaktionell vermittelten Inhalten, die einem nicht ins Weltbild passen (wollen oder können).

    In diesem Zusammenhang wäre ich auf eine Einordnung des gegenwärtig wieder aufgetauchten Topos „Establishment“ durch Sie, lieber Herr Blume, schon iwie gespannt,

  6. Lieber Herr Blume, als eine Ihrer Studentinnen, die an dem im Beitrag genannten Seminar teilnehmen durfte, wollte Ihnen nur sagen, dass wir die Tage mit Ihnen sehr spannend fanden und die Freude ganz auf unserer Seite war! – auch wenn dunkle Augenringe und reihenweise Kaffeebecher in den Morgenstunden den Seminarraum dominierten… 🙂

    Ihre Motivation und Ihr Wissen haben uns richtig begeistert! Schade, dass die Zeit begrenzt war. Wir hätten gerne mehr über Ihr Schaffen erfahren. Besonders spannend war die letzte Sitzung, in der Sie uns ein bisschen über Ihre Zeit in “Krisengebieten” erzählen konnten und über die Gespräche mit den dort lebenden – und vor allem ÜBERlebenden – Menschen. Wir sind schon jetzt ein bisschen neidisch auf die Studierenden, die Sie in Ihrem nächsten Kurs wieder begeistern werden. 🙂

    Alles Gute für Sie und Ihre Familie und besten Dank an Ihre Frau, die uns dieses Seminar gerettet hat! :))

    • @WMK-ler

      Ganz herzlichen Dank für diese wundervolle Rückmeldung! Auch Zehra hat sich über die Grüße gefreut! 🙂

      Mir hat das Seminar mit den interessierten und interessanten WMK-Studierenden wieder sehr große Freude gemacht und ich hätte gerne noch mehr auch von Ihnen gelernt! Denn wirklich spannende Lehre entfaltet sich ja immer im Austausch und Sie sind die Erkunderinnen und Erkunder einer neuen (Medien-)Welt.

      Bitte grüßen Sie alle Teilnehmenden dieser wunderbaren Gruppe, die Sie sehen – Ihr fehlt mir jetzt schon! 🙂

      #Karlsruhe #KIT #WMK #WasBesonderes 🙂

  7. @donald mueller

    Ich meinte keine “Kommentare von Redaktionen”, sondern Artikel, die durch ein hinzu fantasiertes Lokalkolorit (wie in den Reportagen von Claas Relotius) oder durch geschicktes weglassen von Fakten in eine bestimmte Richtung weisen sollen. Beispiele dafür gibt es genug und man sollte nicht hinter jedem kritischen Leser gleich einen Kritiker des „Establishment“ vermuten.

    Ein andere Problem sind Klischees, die sich nur schwer ausrotten lassen. Selbst seriöse Reporter werden schon mal zu Küchenpsychologen, wenn es beispielsweise um Rollenbilder aus der Steinzeit geht (Mann geht auf die Jagd, Frau hockt in der Höhle), die gerne herangezogen werden, um Geschlechterrollen zu zementieren.

    Problematisch finde ich die Aussage: “Der Ruf nach „Neutralität“ unterschlägt dabei mitunter vlt allerdings auch, dass Sachverhalte in einer Weise kommentiert werden können, die nicht unbedingt dem Geschmack von Rezipienten entsprechen (müssen). Deutlicher noch wird das bei redaktionell vermittelten Inhalten, die einem nicht ins Weltbild passen (wollen oder können).”
    Es geht hier doch nicht um “Geschmack”, sondern darum, den “Rezipienten” nicht zu manipulieren oder ihm gar Fake-News unterzujubeln, wenn es der Sache dienlich erscheint. Die Nachrichten-Plattform „Breitbart News“ dürfte in diesem Zusammenhang wohl jedem ein Begriff sein. Allerdings sollte man jetzt nicht gleich “Zensur” rufen, denn auch deutsche Qualitätsmedien sind nicht immer ohne Fehl und Tadel.

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