Lockerlassen! Eine erfrischende Besinnung von Steve Ayan wider die Tyrannei der Selbstoptimierer

Sei achtsam! Lebe bewusst! Durch Denken kannst Du alles verändern! Gute Gedanken führen zu guten Taten führen zu einer besseren Welt!

Gerade auch der wachsende Bereich pseudo-säkularer Esoterik quillt über vor Ratschlägen, die letztlich auf eine Überschätzung und Überforderung des Individuums hinauslaufen: Wenn es keinen Gott gibt, dann müsse halt jede/r Einzelne die volle Kontrolle über das eigene Ich und Schicksal übernehmen. Also reiß Dich zusammen! Es kommt auf Dich an! Versagen ist Sünde – ähm, unverzeihlich! Kon!-zen!-trier! Dich! Du hast nur ein Leben, also NUTZE ES! JETZT!

Schon in seinem Buch “Hilfe, wir machen uns verrückt” hatte Steve Ayan 2013 mit einiger Resonanz gegen den “Psychokult” angeschrieben, der an die Stelle religiöser Vorschriften eher noch unbarmherzigere Gebote der “Selbstoptimierung” setzte. Mit “Lockerlassen. Warum weniger Denken mehr bringt” entlarvt er nun die eindimensionalen Botschaften, die darauf abzielen, Menschen ständig zu “bewusstem Denken” – als vermeintlichem Erfolgsgeheimnis – zu trainieren. Ayans Einspruch begründet sich dabei nicht auf bildungsbürgerlichen Gefühlen oder diese oder jener “Systemkritik”, sondern auf den empirischen Befunden psychologischer Studien und den Einsichten der Kognitions- und Evolutionsforschung. Er zeigt: Manchmal ist weniger mehr, ist die Monokultur kein Erfolgsrezept.

Warum weniger Denken mehr bringt Klett-Cotta; 244 Seiten; 16,95 Euro. 3608980490

Lockerlassen! Warum weniger Denken mehr bringt
von Steve Ayan. Klett-Cotta; 244 Seiten; 16,95 Euro.
3608980490

Denn ja, bewusstes, rationales Denken hat sich in der Evolution des Menschen bewährt, weil es in manchen Situationen zum Erfolg führt. Damit ist jedoch gerade nicht gemeint, dass es die einzige Form des Denkens sein sollte oder könnte! Denn auch andere Formen der Verarbeitung – wie die schnelle Intuiton, der glückliche, dem Bewusstsein weithin enthobene Flow oder auch das freie Assoziieren – sind keineswegs überholte Atavismen, sondern erfolgreiche, ja überlebensnotwendige Merkmale unserer angeborenen und gelernten Wahrnehmungen. Wer auf “jede” Herausforderung stets mit der gleichen Denkart zu reagieren versuche, überfordere sich nicht nur, sondern handele wie ein Handwerker, der “jedes” Problem mit dem Hammer lösen wolle. So könne ein Ergebnis überzogenen, bewussten Denkens ein Abgleiten in Verschwörungsdenken sein – wenn etwa irgendwann angenommen werde, alles “müsse” doch “irgendwie zusammenhängen”.

Selbstverständlich argumentiert Steve Ayan nicht gegen das Denken, sondern nur gegen eine kognitive Engführung. Stattdessen plädiert er dafür, die Vielfalt unserer Möglichkeiten zuzulassen. Eine besondere Lanze bricht Steve Ayan für die Serendipität: Die Bereitschaft, durch Offenheit (statt engführender Bewusstseinskontrolle) auch mal Zufall, Erfahrung und vermeintlich Nebensächliches wirken zu lassen. Im Embodiment – dem mit Körperfunktionen verknüpftem Fühlen und Denken wie beispielsweise einem zunächst unbestimmten Unbehagen (Warnsignal) oder auch einer Lust – sieht Ayan eben keine grundsätzlich “niedrigere” Denkform, sondern über Abertausende Generationen hinweg angereicherte Erfahrungen, die durchaus nicht zu verachten sei. Die auf schnellen Gehirnsystemen aufbauende Intuition erweist sich auch in vielen Experimenten und Studien einem allzu “bewussten”, langsamen und nach Gründen suchenden Schlussfolgern als überlegen. Im oft als “Chillen” oder “Abhängen” verulkten Default-Mode erprobe das Gehirn neue Vernetzungen und baue gerade dadurch die Grundlagen von Kreativität auf. Und statt nur auf Denksport zu setzen, beruhe erfülltes Leben schließlich auch auf dem Zulassen von Epiphanien, dem Erleben berauschender Momente. Dagegen könne man Glück auch “Zergrübeln” und sich – insbesondere in höherem Alter – in Abwärtsspiralen einer vermeintlich immer hoffnungsloseren Welt verfangen. Die fünf Vorschläge fasst Ayan unter den schönen Begriff der SEIDE, dem Plädoyer für Momente der Serendipität, des Embodiment, der Intutionen, mit Zeiten zum Default und emotional wie sinnlich berauschenden Epiphanien.

Nochmal der Hinweis: Ayan stützt seine Ausführungen nicht einfach auf mehr oder wenige kluge Vermutungen, sondern auf psychologische Studien, die in der Summe ein evolutionär schlüssiges Bild ergeben – unser Denkapparat ist nicht zufällig vielfältig, sondern weil sich Vielfalt tatsächlich bewährt hat. Wer also “bewusstes” mithin auch “rationales” Denken zum einzigen Lebensmodus machen will, arbeitet eher gegen unsere gewachsene Natur und verkündet eher eine bestimmte, vor-evolutionspsychologische und nicht einmal besonders sympathische Weltanschauung.

Als Religionswissenschaftler hätte ich mir zunächst selbstverständlich gewünscht, dass Ayan auch einige bio-kulturell bewährte Beispiele anführte: So stammt zum Beispiel der Begriff der “Gelassenheit” aus der christlichen Mystik und beschreibt eben genau das Locker- und Loslassen von der Ich-Fixierung, das uns heute oft so schwer fällt. Auch vom Buddhismus bis zum Sufismus lassen sich zahlreiche Lehren und Praktiken finden, die ihm inhaltlich völlig Recht geben, teilweise auch in Form lustiger Weisheitsgeschichten oder Redensarten (“Was würdest Du tun, wenn Du wüsstest, dass morgen die Welt untergeht? – Ich würde ein Apfelbäumchen pflanzen.”). Doch ist es vielleicht auch gut so, dass Ayan konsequent bei seinen (psychologisch-empirischen) Leisten bleibt und sich nicht in weltanschaulichen oder religiösen Ausflügen verliert, auch keinen Guru (religiös-spirituellen Lehrer) spielt. Lieber gibt er klugen Forscherinnen und Forschern das Wort, wie zum Beispiel Daniel Kahnemann, dessen brillantes Zitat (auf S. 123) ich hervorheben möchte:

Nichts im Leben ist so wichtig, wie man glaubt, wenn man darüber nachdenkt.

Klar: Gerade auch auf den scilogs werben wir für das Forschen und Mitdenken – aber im Dienst des Lebens, nicht an seiner Stelle. So gesehen ist “Lockerlassen” auch eine tolle Buchempfehlung für digitale Nutzer. Deswegen wollte ich es vor dem Jahreswechsel unbedingt empfehlen – vielleicht bewahrt es die eine oder den anderen vor den üblichen Selbstoptimierungs-Vorsätzen wie am Anfang dieses Posts.

Steve Ayan einen Glückwunsch zum eindrucksvollen Werk

  • und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, gesegnete und besinnliche Weihnachts- bzw. Feiertage voller SEIDE! 😉

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Versagen ist Sünde”

    Der bewußte Versprecher trifft den pseudoreligiösen Charakter des Optimierungsdenkens.
    Die verschiedenen Herangehenswiesen , die hier unter dem Oberbegriff “Lockerlassen” genannt werden , sind auch geeignet , einer nicht unwesentlichen Gefahr unserer Zeit zu begegnen.
    Dieser verkopfte Rationalismus , der schon der Intuition mißtraut , kann jederzeit in sein komplettes Gegenteil kippen , den völligen Irrationalismus.

    Erste Anzeichen gibt es schon , es mehren sich die Stimmen durchaus vernünftiger Leute , mehr auf die “Bauchgefühle” (von Teilen) der Bevölkerung einzugehen , wobei immer die niederen Instinkte gemeint sind und eben nicht die vernünftige Intuition und ihre Verwandten.

  2. Ah, und ich dachte, mit meinem Artikel “Der Preis fürs ‘perfekte Leben'” wäre ich originell gewesen, dabei hinkte ich nur dem guten Steve um Jahre hinterher.

    Ich hatte wohl zu viel Karrierestress, um das früher zur Kenntnis zu nehmen. Hätte ich das Buch besser 2013 schon gelesen…

    Vielen Dank für den Beitrag, der meine Aufmerksamkeit darauf lenkte!

    • Danke für die liebe Rückmeldung, @Stephan! Und Dir bei der Gelegenheit blognachbarliche Wünsche für besinnliche Feiertage!

      Um es mit K. Valentin zu sagen: “Wenn die besinnlichen Tage rum sind, dann wird es auch wieder ruhiger!” 🙂

  3. DH,
    Deutschland fehlt eine Kultur des Savoir Vivre. Die ist durch die beiden Weltkriege abhanden gekommen. Da ist eine Generation von “Häuslesbauer” herangewachsen, die keine Außenseiter duldet. Wer während der Kehrwoche seinen Bürgersteig nicht kehrt, der ist schon ein wenig asozial. Wer in seinem Kleingarten den Rasen nicht mäht, der ist faul.
    Dieser Gruppenzwang hat kulturelle wie religiöse Wurzeln (Calvinismus)

  4. Michael Blume,
    kulturelle Traditionen sind ja eine Grundsäule der Kultur. Mir ging es mehr um die Umsetzung. In Baden Württemberg wurde die Kehrwoche gesetzlich abgeschafft, weil es zu viele Streitigkeiten vor Gericht gab. De facto gibt es die Kehrwoche immer noch. Die Schwaben sind da ganz streng in der Handhabung.
    Traditionen haben wie alles Menschliche auch eine dunkle Seite.
    Beim Weihnachtsfest sind die Menschen schon viel toleranter geworden.
    Es geht ja auch nicht um die Feste und Traditionen, sondern um eine übertriebene Ausübung.
    Herzlicher Gruß
    Laie

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