Leib und Seele oder mind and brain? von Marcus Knaup

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Bereits vor über zwei Jahren hatte ich auf Natur des Glaubens einen Artikel über den aristotelischen Hylemorphismus von Marcus Knaup vorgestellt, der mich bereits seinerzeit sehr beeindruckt hatte. Bereits Aristoteles, so konnte ich dort erfahren, hatte sich mit dem so modern scheinenden Problem von Leib und Seele befasst und sich gefragt, wie und durch was Materie belebt, ja (selbst-)bewußt sein könnte. Er wandte sich dabei sowohl gegen den derzeit wieder gängigen Monismus, nach dem nur eine Existenzform (Materie oder Geist) “wirklich” sei, wie auch gegen den nicht nur in der Volkspsychologie tief verankerten Dualismus, nach dem Materie und Geist durch einen Graben getrennt seien. Stattdessen suchte er einen mittleren Weg und ging davon aus, dass physische Prozesse, die Materie (Hyle), und die Formkraft der Seele (morphe) komplementär zueinander gehören. Wenn Aristoteles von der “Materie” spricht, meint er damit das Zugrundeliegende, das sich dadurch auszeichne, dass es zu Leib “und” Seele werden könne. Diese bildeten also nach Knaup keine Gegensätze, sondern eine Ganzheit, die sich (schon nach Aristoteles!) in einer “Kette des Lebens” aus formloser Materie über Pflanzen und Tiere bis zum beseelten Menschen entfaltet.

Nachdem mich dieser Ansatz sehr fasziniert hatte, hatte ich entdeckt, dass Knaup zum Thema promovierte – und zwar bei der von mir inhaltlich sehr geschätzten Regine Kather. Entsprechend hatte ich mir seine 2012 erschienene Doktorarbeit schließlich besorgt, angesichts des beeindruckenden Umfangs von über 600 Seiten aber auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Nachdem mein neulicher Blogpost über die psychologisch beobachtbaren Auswirkungen des (Nicht-)Glaubens an Willensfreiheit eine größere Debatte mit bereits über 120 Kommentaren ausgelöst hatte, habe ich den Band nun also durchgearbeitet – und er hat mich überzeugt.

"Leib und Seele oder mind and brain?" von Marcus Knaup, 2013
Credit: Verlag Karl Alber “Leib und Seele oder mind and brain?” von Marcus Knaup, 2012

Knaup beginnt mit einer ausführlichen Darstellung des Dualismus nach Descartes (Cartesianismus), wie ich sie so dicht und prägnant noch nicht gelesen habe. Daran schließt sich die Diskussion auch moderner Versionen dieses Dualismus an, wie auch die Argumente prominenter Kritiker von Karl R. Popper bis Antonio Damasio.

Es folgen 150 (!) präzise Seiten über monistische Konzeptionen von Spinoza (Substanzmonismus), Berkeley (mentaler Monismus) und Julian Offray de La Mettrie (Materalistischer Monismus) bis zu den heutigen Varianten des Epiphänomenalismus, der Emergenz- und Supervenienztheorien, des Funktionalismus sowie – besonders populär – des eliminativen Materialismus.

Diesen dualistischen oder eben monistischen Versuchen stellt Knaup dann Aristoteles Hylemorphismus entgegen, der die Widersprüche und Schwachstellen aufzuheben vermöge.

Dies erprobt der Autor sodann an konkreten Themen wie “Der Mensch und sein Gehirn”, in dem er die Geschichte der Hirnforscher, die eigentlich uralten Sprachspiele der Hirnforscher (“Sie sind nur Ihr Gehirn!”), aber auch aktuelle Befunde der Neurowissenschaften aufnimmt und schließlich am Gehirn & Geist-“Manifest der Hirnforscher” kritisch-konstruktiv diskutiert.

Dann wendet sich Knaup der “Wiederentdeckung des Leibes” zu, ohne den auch sein Folgethema “Wege zum Bewußtsein” gar nicht denkbar sei. Entsprechend gewappnet stellt er sich dann dem der “Hirnforschung und der Frage nach der Freiheit des Menschen”. Dabei kann Knaup durch die Darstellung sowohl antiker wie heutiger Stimmen aufzeigen, dass die gängigen Positionen und Diskussionen immer wieder in die Fallen entweder des Monismus oder Dualismus tappen und sich dort dann hoffnungslos verstricken.

So ist Knaups Dissertation eigentlich kein Buch, sondern eine philosophische Bibliothek, die die wesentlichen Argumente der Monisten, Dualisten und Hylemorphisten Thema für Thema zusammen fasst. Ich habe oft mehrere Seiten verschlungen und bin dann erst einmal gelaufen, um die Fülle an Informationen, Zitaten und starken Argumenten sacken zu lassen. Und das hervorragende Buch enthält einen Ehrenplatz im Bücherschrank, da es nicht nur zum Durcharbeiten, sondern vor allem auch zum Nachschlagen taugt. Ohne “den Knaup” gehe ich in keine philosophische Debatte mehr! 🙂

Und falls Sie auf die Buchlieferung nicht warten wollen, habe ich hier einen Vortrag Knaups mit einigen wesentlichen Argumenten des Hylemorphismus für Sie gefunden:

Marcus Knaup: Der Mensch als leib-seelische Ganzheit – Was wir von Aristoteles lernen können.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Spannend, lieber Michael, und dass du die Zeit hast, eine 600-seitige philosophische Dissertation durchzulesen, das stimmt mich schon etwas neidisch.

    Was ist denn aber die Antwort des Autors auf die Titelfrage, Leib und Seele oder Geist und Gehirn? Was macht den Paradigmenwechsel aus und was sind seine Folgen für das Menschenbild?

    Der versprochene Link am Ende des Artikels scheint allerdings zu fehlen. Vielleicht hätte sich die Frage dann erübrigt.

    Ich bin gespannt!

    P.S. Nur eine kritische Anmerkung anbei: Der eliminative Materialismus wurde zwar mit viel Sensationslust vertreten; ich glaube aber kaum, dass ihm viele anhängen, selbst unter den Hirnforschern.

  2. Es dürfte bekannt sein, dass christliche Theologen auch Gedankengut der antiken Philosophen übernommen haben. Aristoteles durfte, per päpstlichen Erlass, jedoch nicht unterrichtet werden, weil er sowohl die Schöpfung als auch die Unsterblichkeit der Seele verneinte. Es gab jedoch auch einen Austausch zwischen der klassischen griechischen Kultur und dem Buddhismus, wo es weniger Berührungsängste gab. Im Mahayana-Buddhismus wird Buddha sogar oft nach den Regeln der griechischen Kunst dargestellt:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:StandingBuddha.jpg

    Nagarjuna, ein Vertreter des Mahayana-Buddhismus, propagierte (vielleicht in Anlehnung an Aristoteles) “Den mittleren Weg”, der durch ihn zur hauptsächlichen Lehre des Buddhismus geworden ist. “Sie besagt, dass vier extreme Positionen vermieden werden sollen, nach denen die Dinge eine Substanz haben oder nur subjektiv existieren sollen oder beides oder keines von Beidem. Stattdessen sollen sie abhängig sein.” (Zitat: Wikipedia).

    Siehe dazu auch:
    http://www.fr-online.de/literatur/nagarjunas–lehre-von-der-mitte–aristoteles-in-indien,1472266,4477576.html

  3. @Mona:

    »Aristoteles durfte, per päpstlichen Erlass, jedoch nicht unterrichtet werden, weil er sowohl die Schöpfung als auch die Unsterblichkeit der Seele verneinte.«

    Über die Sterblichkeit der aristotelischen Seele hat Marcus Knaup in dem verlinkten Vortrag, glaube ich, nicht gesprochen.

    Aber es war schon irgendwie witzig, Knaup zuzuhören, wie er den aristotelischen Seelenbegriff nach und nach entwickelte. Mir war, als spräche Knaup bzw. Aristoteles über geregelte biochemische Prozesse und genetischer Information. Und tatsächlich, etwa ab Minute 18‘40‘‘ versucht Knaup, Aristoteles Vorstellungen in den heutigen Sprachgebrauch zu übertragen. Da kommen dann die Begriffe „Organisation“ und „Information“ als naheliegende Übertragungen zur Sprache. Allerdings müsse man aufpassen, sagt Knaup, da die Seele nicht einfach mit unseren Gensequenzen verwechselt werden darf, weil man sich dann das Problem zuzöge, „dass die Seele letztlich materiell wäre, beziehungsweise eine hinreichende Bedingung für unseren mentalen Lebensäußerungen vorliegen würde.“

    Ich habe den starken Verdacht, dass Aristoteles aber genau das gemeint haben könnte, obwohl er von Biochemie und Molekularbiologie nichts wissen konnte.

  4. Er wandte sich dabei sowohl gegen den derzeit wieder gängigen Monismus, nach dem nur eine Existenzform (Materie oder Geist) “wirklich” sei, wie auch gegen den nicht nur in der Volkspsychologie tief verankerten Dualismus, nach dem Materie und Geist durch einen Graben getrennt seien.

    Nur um mal etwas zu lernen angefragt: Was wäre denn jemand, der den Graben zwischen Welt und Geist annimmt, aber dem Geist als Welt die Möglichkeit zugesteht ebenfalls Geist zu gebären?

    MFG
    Dr. W

    • @ Webbaer

      Das Zitat spricht von einem Graben zwischen “Materie und Geist”, Sie schreiben “Welt und Geist”. Ist in Ihrer Frage Materie = Welt? 

      Wenn die folglich hieße: “Was wäre denn jemand, der den Graben zwischen Materie und Geist annimmt, aber dem Geist als Materie die Möglichkeit zugesteht ebenfalls Geist zu gebären?” 

      …würde ich nochmal nachhaken und fragen: was genau meinen Sie dann mit Geist als Materie? Dieses “als” würde doch bedeuten, dass der Geist die Fähigkeit besitzt als Materie in Erscheinung zu treten. Und umgekehrt? Ginge das? Wie kann Geist gleichzeitig Materie sein. Ich lese aus diesem “als” auch, dass Geist und Materie grundlegend verschieden sind. Denn sonst würden Sie ja sagen können: Geist ist Materie. Wozu aber bräuchte man dann zwei Begriffe für ein und dasselbe….. hm, na ja,….. Welle, Teilchen sollen ja auch ein und dasselbe meinen.

      Ich hake deshalb hier ein, weil dieses Geist “als” Materie einem Teil meiner Forschungsergebnisse recht nahe kommt. Vielleicht haben Sie ja ganz was Anderes gemeint. Aber meine Ergebnisse besagen in Bezug auf Geist und Materie Folgendes:

      1.) Geist und Materie sind zwei völlig verschiedene Realitäten, komplexe Wirklichkeitssysteme, Wahrnehmungswelten, Universen.
      2.) Geist und Materie treten immer unzertrennlich gemeinsam auf. Auch in Gottes ‘Universum’ gibt es Materie und auch in unserem Universum gibt es Geist.
      3.) der große Unterschied zwischen dem scheinbar nur geistigen Jenseits und unserer scheinbar nur materiellen Lebenswelt, der uns seit Menschengedenken solches Kopfzerbrechen macht, ist, anders als bisher immer gesehen, NICHT die völlige Andersartigkeit zwischen Geist und Materie, sondern ‘nur’ die völlige Andersartigkeit des Verhältnisses zwischen dem stets gemeinsam auftretenden Pärchen: Geist und Materie, wie es sich hier bei uns und dort im Jenseits zeigt. Dieses Verhältnis ist das einer Inversion und deshalb so sehr anders, dass zumindest von unserer Seite aus eine unmittelbare Wahrnehmung nicht normal, nicht ohne weiteres, möglich ist und nur Geburt und Tod einen Übergang ermöglichen können.

      In uns berühren sich diese beiden konträren Verhältnisse aber in intimer Parallelität in jeder unserer Körperzellen. Ermöglicht wird dies durch ein noch unerkanntes körperweites Organ auf DNA-Ebene. Ich nenne es unser zweites körperweites Gehirn, wenngleich es völlig anders arbeitet als der “Zellenhimmel unter unserer Schädeldecke”, während es aber folglich auch in unserem kleineren Kopfhirn/Verstandeshirn auf dieser primären DNA-Ebene aktiv ist.

      • Das Zitat spricht von einem Graben zwischen “Materie und Geist”, Sie schreiben “Welt und Geist”. Ist in Ihrer Frage Materie = Welt?

        Die Materie soll hier ein theoretisierter Mutterstoff sein, ein Begriff, der hier nicht weiter bemüht wird.

        (…) was genau meinen Sie dann mit Geist als Materie?

        Die Welt im Sinne einer ToE, wie beispielsweise im Sinne dieser: -> http://en.wikipedia.org/wiki/Mathematical_universe_hypothesis

        Zur Begrifflichkeit vielleicht noch: Die Realität wird von Konstruktivisten (die nicht Relativisten sein müssen) als anthropogen verstanden, als Sachlichkeit. Der Schreiber dieser Zeilen arbeitet im Sinne seiner Nachrichten also mit ‘Welt’ und ‘Geist’, die nicht klar getrennt werden können.

        MFG
        Dr. W

  5. Aristoteles beschreibt ja die Seele als Form des Lebendigen, im Grunde sehe ich nicht wo der Unterschied zu Mionisten ist.

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