Lehrt nur Not beten? Religion, Glück, Lebenssinn und die Wiederkehr des Glaubens

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Kaum ein Buch hat mich mehr geprägt und bewegt als “Sacred and Secular” (2004) von Pippa Norris und Ronald Inglehart. Hier wurde über die Entwicklung von Religion(en) nicht nur assoziativ spekuliert, sondern auf Basis des World Value Surveys (WVS) und anderer Datenbasen empirisch geforscht. Den massiven Zusammenhang von Religion & Demografie fand ich hier erstmals überzeugend (auf Ebene von Nationalstaaten) beschrieben. Auch der Nachfolgeband “Modernization, cultural change, and democracy: the human development sequence” von Ronald Inglehart und Christian Welzel hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck. Nun endlich ergab sich die Chance, einmal wieder an einigen der dort aufgeworfenen Fragen aus der Perspektive (evolutionärer) Religionswissenschaft anzuknüpfen, in:

Blume, M.(2011): Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion und Glück, Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 32, 2011

Sind Menschen in Not (durchschnittlich) religiöser?

Bereits Inglehart & Norris konnten aufzeigen, dass ein überaus starker Zusammenhang zwischen existentieller (Un-)Sicherheit und Religiosität besteht: In Gesellschaften mit hoher Sicherheit (Einkommensgleichheit, Sozialstaat, medizinische Versorgung, Bildung etc.) bröckelt die Religiosität stark ab – und mit ihr die Geburtenraten.

Diese Befunde haben sich bestätigt und werden durch neuere Studien zu Säkularisierungsprozessen (etwa zum Einfluss von Konsummöglichkeiten) ergänzt.

Welche (Koping-)Funktionen erfüllt (nur) Religion?

Bereits Inglehart & Norris und noch stärker Inglehart & Welzel fanden Anzeichen dafür, dass religiöse Überzeugungen gerade auch in postindustriellen Gesellschaften Lebenssinn zu stiften verstehen. Aufbauend auf den bisherigen Säkularisierungsstudien und den während der Delmenhorst-Konferenz von Wulf Schiefenhövel vorgestellten Beobachtungen zur Funktion von Religiosität bei den steinzeitlichen Eipo (Kapitel 10 in TERMB) schlage ich eine konkretere Differenzierung der kognitiven Bewältigungs-(Koping-)aufgaben von Religiosität vor.

Sind religiöse Erfahrungen interkulturell vergleichbar?

Während sowohl Politikwissenschaftler wie empirische Glücksforscher häufig sehr schnell “religiöse Erfahrungen” etwa unter Hindus, Juden, Muslimen, Christen, Shintoisten etc. gleich setzen, überprüfte ich an einem interkulturellen Vergleich von Daten des Religionsmonitors 2008, ob tatsächlich ähnliche Erfahrungen (wie Liebe oder Dankbarkeit, Schuld oder Angst) in der Begegnung mit dem Göttlichen berichtet wurden. Die Ähnlichkeiten waren und sind in der Tat überraschend stark.

Macht Religiosität (im Durchschnitt) glücklich? 

Forschungen nach „Glück“ oder – wissenschaftlicher – subjektivem Wohlbefinden (SWB) sind zu einem großen Thema der Anthropologie geworden. Das steigende Interesse daran, was Menschen glücklich macht und wie sich empfundenes Glück oder Unglück wiederum auf ihre Lebensführung auswirkt, steht dabei im größeren Kontext der Diskussion um Gesellschafts- und Zukunftsentwürfe.

Sehr lesenswert ist dabei z.B. “Das Wohlstandsparadox” von Edgar Dahl (2008), in dem dieser auch feststellt: “Menschen, die ihrem Leben einen Sinn zu verleihen verstehen, sind in der Tat glücklicher als solche, die lediglich von einer Zerstreuung zur nächsten eilen. Religiöse Menschen sind daher im Schnitt auch etwas glücklicher als areligiöse.”

Neuere Befunde der empirischen Glücksforschung (so Diener et al. 2011) haben diese Befunde insgesamt bestätigt, aber auch differenziert.Auch die “Glückswirkung” religiöser Überzeugung hängt von Wohlstand und Sozialstaat ab – nur die Stiftung von Lebenssinn (und entsprechende demografische Auswirkungen) lassen sich nach bisherigen Befunden nicht völlig säkular kompensieren.

Was bedeutet die viel beschworene “Wiederkehr der Religion(en)”?

Kaum ein Begriff ist ja in den letzten Jahren so oft benutzt und zugleich so unterschiedlich verstanden worden: Von einer nur medial gesteigerten Neugier über ein racheartiges Aufbäumen von Fundamentalismen bis zu Krisenszenarien a la Thilo Sarrazin: Wir Deutschen sterben aus, Deutschland werde islamisch.

Die Befunde sind komplex und wiesen zum Beispiel schon bei Inglehart & Norris viele gegenläufige Tendenzen auf, die sich wesentlich so bestätigt haben – beispielsweise eine fortschreitende Säkularisierung in Mittel- und Unterschichten, bei stabiler oder gar leicht steigender Religiosität unter Frauen, akademisch Gebildeten und Inhabern leitender Berufe.

Hier stimme ich wesentlich der später darauf aufbauenden These von Inglehart & Wetzel (2005) zu: „Spirituelle Sorgen über den Platz des Menschen im Universum gewinnen Bedeutung zurück. Dies bedeutet keine Rückkehr zu dogmatischer Frömmigkeit, aber die Emergenz neuer Formen von Spiritualität und nichtmateriellen Zielen. […] Ihre Funktion hat gewechselt – von der Bereitstellung absoluter Verhaltensregeln zur Bereitstellung von Erfahrungen des Lebenssinns.“ 

Der Artikel ist inhaltlich sicher keine ganz leichte Kost und als Einführungslektüre in die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen möchte ich auch weiterhin “Homo religiosus” empfehlen. Wer aber vertieft einsteigen möchte und ggf. “Gott, Gene und Gehirn” schon gelesen hat, dem hoffe ich mit der neuen Publikation auch Neues und Weiterführendes bieten zu können.

* Blume, M.(2011): Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion und Glück, Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 32, 2011

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. Danke!

    Die anspruchsvolle Publikation ist nach meiner Meinung sehr gut gelungen. Vor allem die Verbindung variiender Wissenschaften fand ich gelungen. Zu Religion & Demografie hätten Sie etwas mehr ausführen können. Und warum zitieren und loben Sie Edgar Dahl, der doch Sie und Ihre Forschung schon unfair attackiert hat?

  2. Gottesbild

    Hm, das ist eine interessante Frage und ein tatsächlich komplexes Ergebnis!
    Ich könnte mir vorstellen, dass der Zusammenhang von Religion und Glück noch deutlicher wird, wenn man ihn unter dem Gesichtspunkt “Gottesbild” betrachtet, auch wenn sich dieses sinnvollerweise nur(/hauptsächlich) für Juden, Christen und Muslime formulieren lässt. Also ich würde die Behauptung aufstellen, dass die W-Erfahrungen signifikant häufiger von Personen mit einem positiven Gottesbild (liebender/gütiger Gott) gemacht werden als von Personen, die z.B. an einen strafenden “Stasi-Gott” glauben.
    Dass das Gottesbild durchaus wichtig ist, hat sich schließlich auch schon bei anderen Experimenten gezeigt, auch wenn mir gerade entfallen ist, welches es war (Persingers Motorradhelm?).

  3. @Kasslerin

    Vielen Dank für die ermutigende Rückmeldung!

    Zu Religion & Demografie hätten Sie etwas mehr ausführen können.

    Darüber hatten andere & ich in den vergangenen Jahren so viel geschrieben und publiziert, dass es sich durchgesetzt hat und ich eher Wiederholungseffekte befürchtet habe. Hier eine ganze Artikel- und Datensammlung:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/….html

    Und warum zitieren und loben Sie Edgar Dahl, der doch Sie und Ihre Forschung schon unfair attackiert hat?

    Auge um Auge läßt die Welt erblinden. – Mahatma Ghandi

    Auch wenn Edgar manchmal etwas impulsiv und dann auch mal unfair sein mag, so achte ich doch seine Person, seine Arbeit(en) und seine Argumente.

  4. @Sebastian: Gottesbild

    Ja, für Deine Vermutung sprechen viele Befunde. Wobei aber auch zu gelten scheint: Ein nur “lieber Gott” scheint auch an verbindlicher Wirkung zu verlieren, ein allzu strafender Gott kann Ängste und Bedrängungen verstärken. Es scheint also stets auf die Lebenssituationen und dazu passenden “Mischungsverhältnisse” anzukommen…

  5. Meine Erfahrung spricht tatächlich dafür, dass Not beten lehrt. Ich habe in einer Phase, als ich mich deutlicher als heute als Atheist bezeichnet hätte, plötzlich Stoßgebete zum Himmel geschickt, als bei der Geburt meiner Tochter Komplikationen aufgetreten sind, die auch für meine Frau gefährlich waren. Mich hat das selbst überrascht.
    Ich kenne auch eine Frau, die mit 14 aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten ist. Als sie bei der Geburt eines ihrer Kinder fast verblutet ist, hat sie im Stillen gelobt, das Kind taufen zu lassen, wenn sie beide das überleben. Sie hat das dann auch getan, ist selbst aber außerhalb der Kirche geblieben.
    Ich denke, in solchen Momenten bricht eine tiefere seelische Schicht durch, die häufig noch viel stärker mit religiösen Bildern besetzt ist, als einem selbst bewusst ist. Und das, obwohl z.B. meine Eltern praktisch nie mit uns in die Kirche gegangen sind, es ist also nicht einfach nur eine Frage der Erziehung.

  6. Religion Glück & Co.

    Religion ist halt primär eine psychologisches Artefakt, um mit Angst umzugehen.

    Das hat dann natürlich auch postive und negative Nebenwirkungen.

    Ist Religion dann nicht eigentlich nichts anderes als ein ggf. selbinduzierter Placebo?

  7. @Wiebe

    Danke für den eindrucksvollen Kommentar. Und ja, genau – das ist bildmächtig ausgedrückt und wird ja auch in vielen Sprichwörtern so vertreten: Not lehrt beten, Im Schützengraben gibt es keine Atheisten, Auf dem Sterbebett hat noch mancher bereut etc.

    Allerdings belegen die Daten eben auch, dass der Umgang mit existentieller Sicherheit nicht der einzige Faktor religiöser Erfahrung war und ist. Der Aufbau von Gemeinschaft und das Finden von Lebenssinn können auch in wohlhabenden und sicheren Kontexten als religiös motivierend empfunden werden.

  8. @einer: Ängste oder Anomien

    Die Fokussierung auf “psychologisch” und “Ängste” scheint mir etwas zu eng, da es ja a) nicht nur um individuelle, sondern auch um soziale Zusammenhänge geht und b) die Stiftung von Gemeinschaft und Lebenssinn auch bei nicht-verängstigten Menschen zum Bedürfnis und (in positiven wie negativen Auswirkungen beobachtbaren) Verhaltensmotivans werden kann.

    Ggf. schiene mir statt “Ängste” der Ausdruck “Anomien” besser, da weiter.

  9. Sehr interessanter Artikel, der das Suchen des Lebenssinns aus einer wissenschaftlich differenzierten Perspektive betrachtet, deren Objektivität im sonst subjektiven Erfahrungsfeld für mich persönlich sehr spannend ist.

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