Kurze Geschichte fossiler Konzernmedien – und ihr Schicksal in der Polykrise

Ein lieber Freund noch aus Bundeswehrtagen fragte mich neulich, was genau ich mit „fossilen Konzernmedien“ meinte. Und die Antwort interessierte ihn so, dass ich entschied, bei nächster Gelegenheit darüber zu bloggen.
Knapp gesagt dominierte von der Erfindung des alphabetisierten Buchdrucks durch den Mainzer Johannes Gutenberg (1400 – 1468) bis ins 19. Jahrhundert noch das Autoren-Verleger-Modell: Überwiegend männliche Autoren schrieben Texte und boten diese fast ausschließlich männlichen Verlegern an, die sie erwarben, druckten und verkauften.
Doch mit der fossilen Industrialisierung entstanden große Konzerne und Nationalstaaten mit neuen Städten und Verkehrswegen wie Dampfschiffen, Eisenbahnen und später Kraftfahrzeugen auf Basis von Kohle und Erdöl. Immer bessere Druckmaschinen fertigten immer größere Auflagen zu immer günstigeren Preisen, die ersten Werbeanzeigen erschienen. Nun wurden etwa Texte für Zeitungen und Zeitschriften immer seltener von freien Autoren, sondern zunehmend von Lohnschreibern verfasst, die wiederum von Chefredakteuren eingestellt und kontrolliert wurden.
Diese Entwicklung von Medien zu Konzernmedien beobachtete und kritisierte schon Heinrich Heine (1797 – 1856) in Frankreich. Auch der Mitbegründer der deutschen Arbeiterbewegung, Ferdinand Lasalle (1825 – 1864) geißelte in seiner Rede „Die Feste, Die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag. Drei Symptome des öffentlichen Geistes“ von 1863 das Übergreifen des fossilen Kapitals auf die gedruckte Berichterstattung und damit die veröffentlichte Meinung.
Ein Nachdruck der ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946 lag 80 Jahre später der aktuellen ZEIT-Ausgabe bei. Die Wochenzeitschrift wurde zu einem der letzten, bis heute stabil liberal-demokratischen Konzernmedien in deutscher Sprache. Foto: Michael Blume
Doch der Vormarsch der zunehmend autoritären Medienkonzerne bis zum europäischen Faschismus war nicht mehr aufzuhalten, zumal am 13. Oktober 1883 in der „Leipziger Illustrirte Zeitung“ die erste Fotografie auf Basis von Autotypie gedruckt wurde. Noch Walter Benjamin (1892 – 1940) reflektierte über die Wucht gerade auch dieses Mediums wie auch des Films in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von 1936. Darin erkannte er auch schon deren mimetische Wirkungen:
„Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“ (Suhrkamp 1963 / 2018, S. 36)
In ihrer wichtigen Studie zum mimetischen Durchbruch des Antisemitismus, „Dialektik der Aufklärung“ von 1944, folgten auch Theodor W. Adorno (1903 – 1969) und Max Horkheimer (1895 – 1973) unter entscheidender Mitarbeit von Gretel Adorno (1902 – 1993) dieser Kritik an Konzernmedien. Sie verwiesen auf deren fossile Finanzierung – direkt oder durch Werbung – und prägten den Begriff der „Kulturindustrie“ mit beißender Schärfe:
„Wenn die objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter sich in den subjektiven dunklen Absichten der Generaldirektoren inkarniert, so sind es originär die der mächtigsten Sektoren der Industrie, Stahl, Petroleum, Elektrizität, Chemie. […]
Alle sind frei, zu tanzen und sich zu vergnügen, wie sie, seit der geschichtlichen Neutralisierung der Religion, frei sind, in eine der zahllosen Sekten einzutreten. […]
Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ – Zitiert nach: Adorno & Horkheimer, „Kulturindustrie“ (1944), Reclam 2025, S. 10 & 73
Sie nannten darin sogar vier Namen von Medienunternehmern (S. 14): Léon Gaumont (1864 – 1946) und Charles Morand Pathé (1863 – 1957) aus Frankreich und Leopold Ullstein (1826 – 1899) sowie Alfred Hugenberg (1865 – 1951) aus Deutschland.
Erst in jüngerer Zeit wird wieder erkannt, dass ohne die Beihilfe des Medienmoguls Hugenberg die NSDAP nicht an die Macht gekommen wäre. Der Blick auf Peter Thiel, Elon Musk und den Berliner AxelSpringer-Konzern liegt nahe. So hatte ich zur Analyse der Bundestagswahl 2025 aus der Perspektive von „Medien & Mimesis“ bereits geschrieben:
„Angesichts dieser langen und breiten Erfahrungen war auch ich als Verfechter des deutschen, gemischten Mediensystems im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 negativ überrascht vom Zusammenbruch der Medienethik bis in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) hinein. Da die Wahl wegen des Zerfalls der Ampel-Koalition vorgezogen werden musste, waren die Emotionalisierung und die Angst vor einem Staatsversagen ohnehin bereits verstärkt.
Nicht zuletzt hatte die „Welt am Sonntag“ am 28. Dezember 2024 einen Wahlaufruf des US-Rechtslibertären und „X“-Besitzers Elon Musk zugunsten der rechtsdualistischen AfD abgedruckt. Die Leiterin des Ressorts „Meinung“ der Zeitung, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin – medienethisch völlig zu Recht – ihre Kündigung eingereicht.“
Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich: Die Parteivorsitzenden-Konzernexekutive
Tatsächlich hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und im Angesicht der Gegnerschaft der Sowjetunion ein Politik-Mediensystem herausgebildet, in dem sich wenige demokratische Partei- und Regierungschefs mit wenigen Chefredakteuren und „Generaldirektoren“ zur rechtsstaatlich abgesicherten, liberalen Demokratie verbündet hatten. Konzernmedien und Gewerkschaften gaben sich gerne liberal und Mitte-Links, fossile Konzernchefs Mitte-Rechts, aber es gab dennoch einen gewissen Konsens über die Gesellschaftsform. Redaktionen funktionierten dabei als „Gatekeeper“, die auf einem recht hohen Standard der Medienethik darüber wachten, welcher Meinungskorridor in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen zulässig war.
In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte die mimetische Abkehr von der kurzen Phase parlamentarischer Offenheit bereits mit dem ersten Koalitionsvertrag und Koalitionsausschuss von 1961, der das freie Mandat der gewählten Abgeordneten nach Artikel 38 Grundgesetz durch eine überzogene Fraktionsdisziplin ablöste und der Parteivorsitzenden-Exekutive auch zunehmend die Gesetzgebung (Legislative) übertrug. Faktisch wurde seitdem die politische Macht in Deutschland zwischen einer kleinen Zahl von möglichst integrativen Parteivorsitzenden und bürgerlichen Chefredakteuren (je fast durchweg Männer) verwaltet, ein politisch-medialer „Meinungskorridor“ definiert, aber auch eigenständige und kritische Abgeordnete als „Abweichler“ ausgegrenzt und abgestraft. In Zeiten der Zeitungs- und vor allem Fernsehdemokratie klappte das noch erstaunlich gut.
Schon der erste zwischen den Vorsitzenden von CDU, CSU und FDP im Oktober 1961 (kurz nach dem Berliner Mauerbau) geschlossene Koalitionsvertrag unterwarf die gewählten Abgeordneten einer strengen Fraktionsdisziplin und die gesamte Regierung einem im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsausschuss. Neuere Koalitionsverträge und Koalitionsausschüsse legen sogar Details der Gesetzgebung fest, die dann in Eilverfahren durch den Bundestag gepeitscht und „umgesetzt“ werden sollen. Selbst zentrale Gesetzgebungen zu Rente, Haushalt und Steuern werden nun in nichtöffentlichen Parteikommissionen beraten und „beschlossen“. Foto: Michael Blume
Die digitale Zerblasung und Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus
Mit der Internet-Digitalisierung insbesondere seit der Einführung von YouTube (ab 2005), des Smartphones (ab 2007) und von KI-Chatbots (ChatGPT ab November 2022) brachen die Reichweiten und Werbeeinnahmen der fossilen Zeitungs- und Fernsehmedien zusammen. In der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie verdrängen Videos, Podcasts und sprechende KI-Bots zunehmend die Alphabetschriften.
Ein massives Redaktions- und Zeitungssterben hat eingesetzt, wogegen Internet-Konzernmedien sowie semi-politische Verschwörungsunternehmer wachsende Anteile der menschlichen Aufmerksamkeit durch algorithmische Thymotisierung (Angst- und Empörungsschleifen, Rechtsmimesis) für Macht-, Werbe- und Propagandazwecke bewirtschaften.
Immer wieder wird diskutiert, ob algorithmische, „soziale Konzernmedien“ nicht eigentlich antisozial wirken, zumal auf selbstorganisierten Fediversum-Medien wie Mastodon sehr viel mehr und bessere Dialoge gelingen.
Anstelle des liberal-demokratischen Meinungskorridors ist daher eine digitale Zerblasung getreten, in der sich Menschen unter Gleichgesinnten in ihren jeweiligen Freund-Feind-Wahrnehmungen (feindseliger Dualismus) gegenseitig bestätigen – und oft noch durch Algorithmen verstärken lassen.
So tendieren weltweit Männer, Ältere und Menschen in ländlichen Regionen zunehmend häufiger nach rechts, Frauen, Jüngere und Menschen in Stadtregionen häufiger nach links. Die demokratische Mitte wird (wiederum: weltweit) zerrieben.
Mein eigentlich für den Sammelband „Fehlender Mindestabstand“ zur Querdenken-Bewegung verfasste Artikel zur „libertären Verschwörungsmythologie des Geldes“ und den Gold-, Krypto-, Esoterik- und Querschenken-Abzocken durch Verschwörungsunternehmer wirkt bis heute über die ZEIT. Screenshot: Michael Blume
Verstärkt wird dieser Zerfall der Medienwelt noch durch die Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus: Weil aufgrund der Treibhausgase und globalen Erhitzung die meisten Öl- und Gasmengen in der Erde bleiben müssten, attackieren fossil finanzierte Konzernmedien Wissenschaftlerinnen, Politiker und junge Menschen, die sich für die post-fossile Transformation einsetzen. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die Klima- und Wasserkrise geleugnet, Desinformationen über angebliche Kosten und Gefahren von Batterien und Windrädern verbreitet, sogar antisemitische Verschwörungsmythen algorithmisch verstärkt. Weitere beliebte Tricks, um möglichst lange Profite aus der Karbonblase (Carbon Bubble) zu ziehen, bestehen in
- Greenwashing, dem Vortäuschen ökologischer Technologien wie dem zeitweisen Rebranding des Fossilkonzerns BP als „Beyond Petrol“
- Timewashing, dem Ankündigen ehrgeiziger Klimaziele für spätere Jahre, die dann aber vor Erreichen wieder als „unrealistisch“ attackiert, abgeschwächt und verschoben werden sowie
- Krieg & Terror, um die je eigene Fossilherrschaft möglichst lange aufrecht zu erhalten und weitere Fossilressourcen entweder zu übernehmen oder zu blockieren
Schließlich verschärft auch noch die säkulare Geburtenimplosion die mediale Zerblasung, indem sie mangels jüngerer Menschen in eine Traditionalismusfalle gerade auch in Familienfragen führen kann: Immer mehr Männer bestehen auf „traditionellen“ Familienrollen, immer mehr Frauen verweigern sich diesen – und die Geburtenraten insbesondere in Asien brechen immer weiter ein.
Immer größere, vor allem ländliche Regionen rutschen demografisch in den Bevölkerungs-, Nachfrage- und Investitionsrückgang, wogegen wenige, vor allem städtische Regionen durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland demografisch, kulturell, aber leider auch wohnungspreislich wachsen – das Leben in Großstädten ist bunt, dynamisch, aber wiederum für Familien mit vielen Kindern oft viel zu teuer.
Schon jetzt subventioniert China seine massiven Exporte auch, weil mangels Kindern die Binnennachfrage niedergeht! Aber Autos kaufen keine Autos, Maschinen brauchen keine Wohnungen, KI-Rechenzentren blähen sich zu Spekulationsblasen und kaum jemand investiert noch nachhaltig in Regionen, in denen es kaum noch Nachwuchs gibt.
Andererseits kann eine schnell schrumpfende Bevölkerung auch den Fossilismus schneller überwinden und den gefährlichen Treibhausgas-Effekt zumindest noch abbremsen. Und immer mehr Daten sprechen dafür, dass wir Menschen schon bis zur Mitte des Jahrhunderts in eine weltweite Bevölkerungsschrumpfung übergehen werden.
Selbst nach den staats-offiziellen und also wahrscheinlich deutlich aufgeblähten Zahlen der UN wurde um 2012 der „Peak Child“, Kindergipfel unterschritten, sinkt seitdem bereits die Zahl der jungen Menschen. Damit aber schrumpfen die kommenden Elterngenerationen, so dass sich der Bevölkerungsrückgang wie früher das Bevölkerungswachstum exponentiell verstärkt.
Hoffnungen: Die redaktionelle Gesellschaft in Solarpunk-Arche-Regionen
In Summe komme ich also zu dem klaren Ergebnis, dass die fossilen Konzernmedien mitsamt der nationalstaatlichen Parteiexekutiven untergehen, aber damit nicht die ganze Menschheit. Ich rechne damit, dass immer mehr Regionen rechtsmimetisch, demografisch und wirtschaftlich schrumpfen, aber auch weiterhin einige Solarpunk-Arche-Regionen demokratisch, vielfältig und postfossil blühen.
In einem Gastbeitrag beim Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE-BW) plädierte ich für ein Anerkennen der Probleme und Aufklären der Verschwörungsmythen, aber dennoch auch für eine Haltung der Solarpunk-Hoffnung. Screenshot: Michael Blume
Die Polykrise sehe ich im Kontext eines durch Selbstzerstörung beschleunigten Zerfalls des Fossilismus, der leider noch viele Gesellschaften, ganze Staaten und Völker mit sich reißt. Zugleich hat aber auch bereits Ungarn gezeigt, dass sich nach langen Jahren sogar eine (zahlenmäßig kleine) Nation wieder gegen die Vorherrschaft eines korrupten Konzern-Autokraten wenden konnte, obwohl dieser sowohl die Konzern- wie auch Staatsmedien kontrolliert hatte. Neben einem intensiven Redemarathon des jetzigen Ministerpräsidenten Péter Magyar (TISZA, EVP) trugen vor allem neue und Konzern-unabhängige Internetmedien zu diesem Erfolg bei.
Ich bin kein Optimist mehr, aber habe noch Hoffnung.
Ein persönlicher Dank geht raus an @Trance Odyssey für diesen auf meine Bitte kreierten Solarpunk-Relax-Track „Solarpunk Trance 2026 pt2“ zum Bedenken und dialogischen Kommentieren:





Moderner Rechtspopulismus speist sich u.a. daraus, dass die Medien auch mal die Wahrheit sagen.
Von der Kanzel kam noch nie die Wahrheit. Die Leute erwarten das gar nicht. Das ist verwirrend. Der Pfarrer verkündet den Klimawandel und der Klimawandel kommt trotzdem. Der Pfarrer lügt, das ist eine geschichtliche Konstante. Das Wetter ist Wahrheit, das ist eine andere Konstante. Und jetzt sagen sie beide das Gleiche. Wenn wir aber in einer Schrödinger-Welt leben, in der der Pfarrer gleichzeitig lügen und die Wahrheit sagen kann, ist die Wahrheit K.O.
[Wegen Überlänge und unangemessener Sprache gekürzt, M.B.]
Das ist leider wieder wirrer Quatsch, @Paul S.
Sie überspringen hier die funktionalen Unterschiede zwischen Nachrichtenmedien, Politik, Religion und Wirtschaft, insbesondere Werbung. Wer pauschal allen Journalistinnen, Politikern, Pfarrern oder Sprecherinnen „Lüge“ unterstellt, befeuert nur plumpen Freund-Feind-Dualismus.
Gleichwohl möchte ich Ihnen zugestehen, dass Sie einen Punkt unabsichtlich beleuchten: Säkulare Rechtspopulisten sehen sich in einer Konkurrenz zu religiösen Predigern. Denn der Populismus hat ja keine wirklichen Sachlösungen zu bieten, sondern nur dualistische Verschwörungsmythen.
So wurde in diesen Tagen der britische Rechtspopulist Nigel Farage der Annahme von Millionen-„Geschenken“ von Krypto-Betrügern überführt, Donald Trump der massiven Krypto-Abzocke durch $TRUMP & Co. und es fiel ein weiteres Gerichtsurteil wegen des Missbrauchs von Steuergeldern gegen Marine LePen. Über all diese realen Vorgänge berichteten seriöse Medien.
Dass die Genannten dennoch von ihrer politischen und vor allem digitalen Abhängerschaft weiter vergöttert werden, lässt sich nicht mehr durch Vernunft erklären, sondern nur noch durch Rechtsmimesis.
„Dass die Genannten dennoch von ihrer politischen und vor allem digitalen Abhängerschaft weiter vergöttert werden, lässt sich nicht mehr durch Vernunft erklären, sondern nur noch durch Rechtsmimesis.“
Ist das noch Rechtsmimesis oder nicht schon ideologische Verblendung und ein Verrennen im Kaninchenbau? Die Leute können nicht mehr zurück, ohne vor sich selbst das Gesicht zu verlieren.
Ganz genau sehe ich das auch, @Paul Stefan – wenn eben auch in evolutions- und religionspsychologischen Begriffen.
Habe daher gerade mal Feloo.ai für uns gepromptet:
Erkläre, wie Rechtsmimesis, kognitive Dissonanz und Bestätigungsfehler Menschen in der Tyrannophilie beispielsweise der MAGA-Bewegung festhalten.
Die Antwort ist nach meiner Einschätzung ebenso deutlich wie überzeugend:
Die Anziehungskraft autoritärer Führer und das Phänomen der „Tyrannophilie“ – der Liebe zum Tyrannen oder der bedingungslosen Loyalität gegenüber einer starken Führungsfigur – lassen sich psychologisch und soziologisch tiefgehend analysieren. Am Beispiel der US-amerikanischen MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) [1] wird deutlich, wie das Zusammenspiel aus **Rechtsmimesis**, **kognitiver Dissonanz** und dem **Bestätigungsfehler** eine psychologische und soziale Dynamik erzeugt, die Anhänger fest an die Bewegung und ihren Anführer Donald Trump bindet [1][8].
## Rechtsmimesis: Identitätsfusion und Statussuche
Unter Rechtsmimesis versteht man die Nachahmung (Mimesis) der Verhaltensweisen, der Rhetorik und des Habitus einer autoritären Führungsfigur sowie der etablierten Codes innerhalb einer rechtsgerichteten Gruppe. In der MAGA-Bewegung äußert sich dies auf verschiedenen Ebenen:
* **Identitätsfusion (Identity Fusion):** Anhänger verschmelzen ihre persönliche Identität mit der Gruppenidentität und der Person Donald Trumps [8]. Die Nachahmung von Symbolen (wie den roten MAGA-Kappen) und Slogans schafft ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und des gemeinsamen Ziels [1][6]. Diese Fusion führt dazu, dass Angriffe auf den Anführer als persönliche Angriffe auf das eigene Selbst gewertet werden, was die Bereitschaft erhöht, extreme Handlungen zu verteidigen oder selbst auszuführen [8].
* **Kompensation von Statusverlust:** Viele Aktivisten der Bewegung empfinden einen Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung, Respekt und traditionellem Status [4]. Indem sie die dominante, aggressive und politisch inkorrekte Haltung ihres Anführers imitieren, kompensieren sie dieses Gefühl der Ohnmacht [4][8]. Die mimetische Aneignung von Trumps „Stärke“ vermittelt den Anhängern das Gefühl, wieder die Kontrolle und das Recht zur Dominanz über andere gesellschaftliche Gruppen zu besitzen [8].
## Kognitive Dissonanz: Die Rationalisierung von Widersprüchen
Kognitive Dissonanz entsteht, wenn Menschen mit Informationen oder Ereignissen konfrontiert werden, die im Widerspruch zu ihren bestehenden Überzeugungen, Werten oder ihrem Selbstbild stehen [45]. Für Anhänger einer autoritären Bewegung ist dies ein häufiger Zustand, da das Verhalten des Anführers oft im Widerspruch zu traditionellen moralischen Werten (z. B. christlichen Prinzipien) oder früheren Versprechungen steht [14][42][43].
Anstatt jedoch die Loyalität zum Anführer infrage zu stellen – was schmerzhaft wäre und die eigene Identität bedrohen würde –, wird die Dissonanz durch verschiedene psychologische Schutzmechanismen abgebaut [23][43]:
* **Umdeutung und Entschuldigung:** Wenn der Anführer moralisch fragwürdig handelt oder rechtlich belangt wird, greift das Prinzip der Rationalisierung. Anhänger behaupten, seine Aussagen seien „nicht so gemeint“ gewesen [15], oder sie deuten die Vorwürfe als politisch motivierte Kampagnen eines korrupten Establishments („Deep State“) um [9][43].
* **Täter-Opfer-Umkehr:** Widersprüche werden aufgelöst, indem der Anführer als das eigentliche Opfer dargestellt wird, das sich für seine Anhänger aufopfert [9]. Dies stärkt die emotionale Bindung und verwandelt kognitiven Schmerz in noch tiefere Loyalität [23][43]. Ein Beispiel hierfür ist die Aufarbeitung des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar 2021, der innerhalb der Bewegung nachträglich oft verharmlost oder als Inszenierung von Gegnern umgedeutet wurde [9].
## Bestätigungsfehler: Die informationelle Festung
Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) beschreibt die menschliche Tendenz, Informationen so auszuwählen, zu interpretieren und zu erinnern, dass sie die eigenen bestehenden Überzeugungen bestätigen, während widersprechende Fakten ignoriert oder abgewertet werden [29][34][35]. In der MAGA-Bewegung wird dieser psychologische Effekt durch ein geschlossenes Medien- und Informationsökosystem institutionalisiert:
* **Ablehnung von Mainstream-Medien:** Die Bewegung pflegt ein extrem antagonistisches Verhältnis zu etablierten Medien, die pauschal als voreingenommen oder lügnerisch („Fake News“) deklariert werden [6][9]. Dies immunisiert die Anhänger gegen jegliche Kritik von außen [31].
* **Alternative Informationsquellen:** Informationen werden fast ausschließlich aus Plattformen bezogen, die das eigene Weltbild spiegeln (z. B. Newsmax, One America News Network oder alternative soziale Netzwerke wie Parler) [1]. Innerhalb dieser Echokammern werden Verschwörungserzählungen und Narrative des Anführers ungefiltert multipliziert [1][31]. Widersprüchliche Beweise dringen gar nicht erst zu den Individuen durch oder werden sofort als feindliche Propaganda deklassiert [29][33].
## Fazit: Der selbsterhaltende Kreislauf
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese drei Mechanismen wie ein selbsterhaltendes System wirken. Die **Rechtsmimesis** bindet das Individuum emotional und sozial an die Gruppe und den Führer [4][8]. Tritt ein Widerspruch auf, der diese Bindung gefährden könnte, verhindert die **kognitive Dissonanz** den Bruch, indem sie Ausreden und Rechtfertigungen generiert [23][43]. Der **Bestätigungsfehler** sorgt schließlich dafür, dass nur noch Informationen aufgenommen werden, die diese Rechtfertigungen stützen, während kritische Stimmen ausgeblendet werden [29][31]. Auf diese Weise entsteht eine psychologische Festung, die Menschen dauerhaft in der Loyalität zu einer autoritären Bewegung gefangen hält [8][46].
[1] https://en.wikipedia.org/wiki/MAGA_movement
[2] https://www.facebook.com/nytimes/posts/from-the-new-york-times-opinion-section-there-is-nothing-new-about-the-maga-righ/1401459515169841/
[3] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/donald-trump-warum-seine-anhaenger-ihm-treu-bleiben-trotz-gebrochener-versprechen-a-b1bd6569-6a38-46c9-a6ae-20f70e54e480
[4] https://www.cambridge.org/core/journals/perspectives-on-politics/article/symbolic-politics-of-status-in-the-maga-movement/A22AC624B4D1FF7367D9912F23875F4B
[5] https://www.researchgate.net/publication/395615879_The_MAGA_Agenda_and_Right-Wing_Christian_Supports_A_Threat_to_American_Secularism
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Make_America_Great_Again
[7] https://www.joyn.de/bts/serien/galileo/was-steckt-hinter-maga-galileo-analysiert-die-hintergruende-der-trump-bewegung-11932
[8] https://theconversation.com/maga-explained-how-personality-and-context-shape-radical-movements-270191
[9] https://www.britannica.com/topic/MAGA-movement
[10] https://collaborate.princeton.edu/en/publications/the-symbolic-politics-of-status-in-the-maga-movement-2/
[11] https://www.zeitschrift-luxemburg.de/artikel/maga-trump
[12] https://en.wikipedia.org/wiki/Make_America_Great_Again
[13] https://www.dw.com/de/usa-donald-trump-maga-bewegung-ice-nationalgarde-lgbtq-project-2025-abtreibung-christen-gaza/a-75137262
[14] https://www.zeit.de/politik/2026-03/maga-bewegung-donald-trump-spaltung-nachrichtenpodcast
[15] https://www.facebook.com/groups/OurColdwater/posts/3873710102924201/
[16] https://www.facebook.com/humanrightscampaign/posts/donald-trump-and-his-maga-movement-use-offensive-language-in-an-attempt-to-divid/1097898561705223/
[17] https://www.handelsblatt.com/politik/international/250-jahre-usa-maga-arbeitet-mit-faschistischen-elementen-01/100231297.html
[18] https://internationalepolitik.de/de/mission-maga
[19] https://www.reddit.com/r/FoxBrain/comments/1otrzqc/maga_cognitive_dissonance_and_no_critical_thinking/
[20] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/maga-2025/561890/make-the-donald-great-again/
[21] https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-07/fall-jeffrey-epstein-donald-trump-brief-verschwoerungstheorie/seite-2
[22] https://www.dw.com/en/the-powers-driving-trumps-maga-movement/a-75190840
[23] https://jspp.psychopen.eu/index.php/jspp/article/view/16085
[24] https://www.zeit.de/politik/2025-12/maga-bewegung-krise-australien-terroranschlag-nachrichtenpodcast
[25] https://monthlyreview.org/articles/the-maga-ideology-and-the-trump-regime/
[26] https://en.wikipedia.org/wiki/Trumpism
[27] https://www.milwaukeeindependent.com/syndicated/understanding-maga-means-political-movement-reshaped-american-society/
[28] https://www.reddit.com/r/Askpolitics/comments/1kn7dl7/what_are_recent_examples_of_cognitive_dissonance/?tl=de
[29] https://www.facebook.com/groups/1749814981940531/posts/4218186895103315/
[30] https://www.welt.de/politik/ausland/plus255554788/Rechte-Wende-Kognitive-Dissonanz-ist-eine-starke-Macht.html
[31] https://www.reddit.com/r/FoxBrain/comments/1j9ueqb/why_is_it_so_hard_to_change_maga_beliefs/
[32] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5536309/
[33] https://papers.ssrn.com/sol3/Delivery.cfm/dp15428.pdf?abstractid=4163305&mirid=1&type=2
[34] https://en.wikipedia.org/wiki/Confirmation_bias
[35] https://www.democratsabroad.org/341101/delving_into_the_minds_of_trump_supporters
[36] https://www.tagesspiegel.de/internationales/die-krise-bahnt-sich-bereits-an-wie-trumps-schocktherapie-seine-maga-bewegung-spalten-wird-14298710.html
[37] https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/wie-sich-donald-trumps-maga-bewegung-gerade-zerstreitet-accg-110815575.html
[38] https://www.philomag.de/artikel/laura-k-field-die-maga-bewegung-ist-kein-unvermeidlicher-auswuchs-des-amerikanischen
[39] https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/usa-die-maga-bewegung-verspricht-etwas-das-sie-nie-und-nimmer-einloesen-kann
[40] https://www.yakimaherald.com/opinion/commentary-why-the-cognitive-dissonance-of-maga-republicans-is-so-difficult-to-combat/article_553bd44a-2f1e-11ed-9f07-8f57bf181ece.html
[41] https://ctnewsjunkie.com/2025/04/07/opinion-trump-loyalists-are-a-case-study-in-cognitive-dissonance/
[42] https://elizawritesthings.substack.com/p/christian-maga-cognitive-dissonance
[43] https://www.psypost.org/cognitive-dissonance-helps-explain-why-trump-supporters-remain-loyal-new-research-suggests/
[44] https://www.facebook.com/OccupyDemocrats/posts/you-really-cant-make-this-up-trumps-maga-cult-is-suffering-serious-cognitive-dis/1227748889456683/
[45] https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz
[46] https://www.fr.de/politik/schluss-mit-trump-und-maga-es-gibt-eine-selbsthilfegruppe-dafuer-zr-94249260.html
Die Perspektive, das bestimmte Weisen unseres Miteinanders insbesondere mancher kulturellen Muster keine Zukunft haben, teile ich unbedingt.
Für mich hat es der Autor Brian McLaren gut in seinem Buch LIFE after DOOM herausgearbeitet. Ausbeutung als Maxime kommt in einem endlichen System an klare Grenzen. Gerade die Akteure, die über fossile Rohstoffe für sich Werte erzielen, werden das merken.
Selbst wenn sie bewährte Strategien wie Teile und Herrsche nutzen, indem sie Misstrauen säen, Feindbilder aufbauen, und vieles mehr, was sie ja aufführen.
Auch die stärker regionale Ausrichtung, Sie nutzen die Begrifflichkeit Arche-Region, von zukunftsfähigen Alternativen wird durch viele Überlegungen anderer Autoren bestärkt.
Gleichzeitig frage ich mich beim Lesen der Gedanken, was wirklich die zukunftsfähigen kulturellen Muster prägen kann / sollte.
– Thematik Männer / Frauen ist etwas, was sie anbieten.
– Aktivisten wie Brian McLaren weist auf Indigene Kulturen hin, die schon längere Lebenszeiten haben, also Muster kennen, die gegen manche Verfallstendenzen wirksam sind.
Als stärker naturwissenschaftlich geprägter Mensch finde ich Beiträge wie https://www.dailygood.org/story/873/the-compassionate-instinct-dacher-keltner/ inspirierend, da sie nahelegen, dass in uns Menschen manches angelegt und kultiviert werden kann, was zukunftsfähig ist.
Als Theologe finde ich spannend, dass Mitgefühl in Religionen wie dem Christentum oder dem Buddhismus sehr positiv verankert ist. Die gemeinsame Ausrichtung von Menschen also eine kulturelle Erneuerung in Richtung Zukunftsfähigkeit unterstützen kann.
Brian McLaren weist dann in seinem Buch darauf hin, dass es schon darauf ankommt, mit welchem Grundverständnis man z.B. die Bibel als Grundlage des christlichen Glaubens liest. Ein Thema, welches ja aktuell auch den Wahlkampf in den USA stärker bestimmt. Wird u.a. hier mehr ausgeführt https://perspective-daily.de/article/5006-mit-religion-gegen-trump-in-texas-tobt-der-kampf-um-die-seele-der-usa/uVSb21lm?pk_campaign=link-user
Da das Buch LIFE after DOOM noch nicht in Deutsch erschienen ist, habe ich u.a. das Kapitel zum Bibelverständnis übersetzt und um es für solche Diskurse verfügbar zu machen: https://hgu2read.de/interessen/interessen/lebensspur/ladkap9/
Ganz herzlichen Dank, @HG Unckell – auch für die Hinweise auf Brian McLaren und „LIFE after DOOM“.
Auch ich halte sehr viel davon, mythologische und also auch biblische Hoffnungsbilder aufzugreifen. So berichtete heute die Stuttgarter Zeitung aus der Stadtregion auf Seite 17 von der Arbeit von FexBW, der Fachstelle Extremismusdistanzierung, unter anderem auch mit einem Fallbeispiel:
„Boah, ne Regenbogenflagge, gar kein Bock auf diese schwule Scheiße!“ Diesen Aufruf eines 13jährigen hat Mandy Richters, wie sie hier heißen soll, noch genau im Ohr. […]
Der 13jährige, der den Spruch hat fallen lassen, sei mehrfach negativ aufgefallen. Er sei schnell aggressiv geworden, berichtet Mandy Richters, habe andere als „schwul“ beleidigt. Im Team hätten sie klargestellt: „Schwulsein ist keine Beleidigung.“
Sie glaubt, dass der Junge sich mit dem Regenbogen-Spruch eindeutig als männlich und „auf jeden Fall nicht schwul“ in der neuen Gruppe definieren wollte.
In der konkreten Situation in der Kirche habe sie den Jugendlichen darauf hingewiesen, dass der Regenbogen zur Arche-Noah-Geschichte dazugehöre und ihm die Bibelstelle genannt: „Lies nach!“
Dann sei sie zum eigentlichen Thema übergegangen: Gerechtigkeit.“
Die Fachstelle, mit der ich unter anderem das dialogische Kartenspiel „Dualismo“ vorstellte, hat ihre Page hier:
Wie fühlt es sich an, wenn es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt? Was passiert, wenn wir Widersprüche nicht auflösen, sondern aushalten müssen? Dualismo ist ein niedrigschwelliges Kartenspiel, das genau hier ansetzt – und dabei politische Bildung in die Hosentasche packt.
Ziel ist es, Diskussionen über moralische Bewertungen anzustoßen, ohne dass eine „richtige“ Lösung vorgegeben wird. Die Spieler:innen schlüpfen in die Perspektive fiktiver Charaktere aus Film, Literatur oder Computerspielen – und diskutieren anhand dieser Figuren über Gut und Böse, über Ziele und Mittel, über Grauzonen und Dilemmata.
Dualismo eignet sich für Workshops, offene Jugendarbeit, Schulklassen, Peer-to-Peer-Settings und Freizeitgruppen. Dank verschiedener Varianten kann das Spiel sowohl in festen Gruppen als auch spontan im Rahmen von Streetwork oder Tür-und-Angel-Gesprächen eingesetzt werden.
Das Kartenspiel wurde entwickelt von der Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg (FEX) und wird inhaltlich begleitet von Dr. Michael Blume, dem Beauftragten des Landes gegen Antisemitismus.
https://fexbw.de/angebote/
Über den Regenbogen und Noahbund hatte ich ja vielfach gebloggt und überlege derzeit, ob ich nicht eine kleine Reihe zu „Symbole der Bibel“ starten sollte. Denn sowohl für jüdische, christliche wie auch einfach interessierte Menschen können die Schriften auch Quellen der Hoffnung sein.
Als ein für mich hilfreiches Buch lese ich derzeit den letzten Teil der Kingsbridge-Saga von Ken Follet, „Die Waffen des Lichts“ am Beginn der Industrialisierung und der empirischen Wissenschaften.
Vielen Dank für Ihren Hinweis auf das Kartenspiel – werde ich mir mal schicken lassen und vermutlich in dem einen oder anderen Kontext nutzen können.
Dass das Symbol des Regenbogens in unserer Zeit oft nur noch mit einem Anliegen verbunden wird, auch wenn es vielfältigere ,,Nutzung“ hat, ist echt bedauerlich und begegnet mir in manchen Gottesdienstkontexten auch von ,,Insidern“, die es eigentlich besser wissen müssten.
Da kann so eine Reihe sicher bestärken und auch sensibilisieren.
Die Frage, die mir beim Lesen Ihres Zitats aus der Stuttgarter Zeitung kommt, ist der Umgang mit Abgrenzung und der Respekt vor einem anderen Ausdruck / Lebensgefühl. Das ist sehr herausfordernd – gerade im Umgang mit gesundheitlichen Fragen, wenn Menschen sich im Umfeld der Gesundheitsindustrie (ein hier bewusst gewählter Begriff, der die monetäre Seite unseres Systems stärker sichtbar werden lässt) nicht gut behandelt erleben…
Die Herausforderungen der Pandemie haben da bis heute einige Nachwirkungen, die mich manchmal ratlos sein lassen, wie eine angemessene Kommunikation sein kann, die eher Brücken baut als abgrenzt.
Herzlichen Dank für das Interesse, die Rückmeldung und die Nachfrage, @HG Unckell
„Die Frage, die mir beim Lesen Ihres Zitats aus der Stuttgarter Zeitung kommt, ist der Umgang mit Abgrenzung und der Respekt vor einem anderen Ausdruck / Lebensgefühl. Das ist sehr herausfordernd – gerade im Umgang mit gesundheitlichen Fragen, wenn Menschen sich im Umfeld der Gesundheitsindustrie (ein hier bewusst gewählter Begriff, der die monetäre Seite unseres Systems stärker sichtbar werden lässt) nicht gut behandelt erleben…“
Ja, genau so ist es! Eine moderne, medizinische Behandlung ist für unsere Evolutionspsychologie sehr kontraintuitiv, mit Ängsten besetzt – und dann passieren auch noch wirklich strukturelle und individuelle Fehler! Da ist Reaktanz nicht nur verständlich, sondern auch ernstzunehmen.
Wo es jedoch wirklich menschenfeindlich wird, plädiere ich – auch als evangelischer Christ – dafür, klare Ansage zu machen – wie es ja auch Rabbi Jehoschua / Jesus wiederholt getan hat!
In einem aktuellen Aufklärungsvideo (YouTube-Short) über Wissenschaftsleugnung bei Hitzewellen habe ich das so formuliert:
Verstehen bedeutet nicht Verständnis!
https://www.youtube.com/shorts/EGJ2yHQ3WgM
Angesichts der Klima- und Hitzekrise eskalieren wieder viele Flachdenker & Querschenker, wie früher auch gegenüber Covid19 und der Gurtpflicht.
Die psychologischen Mechanismen sind dabei immer wieder die gleichen drei Stufen:
1. Reaktanz – Menschen lehnen Freiheitsbeschränkungen instinktiv ab, vgl. die Wut auch gegen die Einführung der Gurtpflicht.
2. Kognitive Dissonanz – Menschen empfinden Schmerzen, wenn neue Fakten ihre früheren Wahr-Nehmungen bedrohen.
3. Verschwörungsglauben – Anstatt sich unangenehmen Erkenntnissen zu stellen, greifen manche Menschen lieber auf Verschwörungsmythen zurück und externalisieren damit ihre eigenen Gefühle.
Wichtig: Verstehen bedeutet nicht Verständnis. Dass wir die Psychologie verstehen bedeutet nicht, dass wir erwachsene Menschen von ihrer Verantwortung freisprechen sollten. Denn die meisten Menschen schaffen es ja durchaus, vernünftig zu bleiben.
Gestern via Mastodon und heute via YouTube wurde mir dabei das Podcast-Interview „Lage der Nation“ 468 mit der Psychologie-Professorin Eva-Lotta Brakemeier, Universität Greifswald empfohlen, in dem Reaktanz und weitere, psychologische Funktionen thematisiert werden.
https://lagedernation.org/podcast/ldn486-psychologie-und-politik-wie-wir-mit-afd-waehlern-reden-muessen-prof-eva-lotta-brakemeier-psychologin-teil-1/
Ich bin gerade noch dabei, diese Folge zu hören – aber bin schon jetzt inhaltlich und kommunikativ sehr angetan!
Guten Tag @Michael,
danke für diesen ausführlichen Blogpost!
Zum Thema Internetmedien und neue Formate wie Podcasts: Zu einem früheren Blogpost hatte ich ja bereits im Nachhinein angemerkt und kritisch beleuchtet, dass die „Jüdische Allgemeine“ – eine von mir durchaus geschätzte Zeitung – kürzlich ein Interview mit dem Podcaster Ben Berndt veröffentlichte. Berndt hatte zuvor Björn Höcke Stunden lang eine Plattform geboten.
Die Entscheidung, Rechtsextremen eine Bühne zu geben, halte ich bereits für problematisch – die historische Parallele zu Alfred Hugenberg liegt nahe. Zudem empfand ich das Interview (in der „Jüdischen Allgemeinen“, das ich hier nicht nochmal verlinken will) als nicht ausreichend kritisch geführt, weshalb ich einen Leserbrief an die Redaktion verfasst habe.
Besonders bemerkenswert an den Aussagen von Herrn Berndt ist m.E. jedoch, dass er nicht einmal mehr den Anspruch erhebt, journalistische Standards zu wahren. Er räumt offen ein, hierin keine entsprechende Expertise zu besitzen, und bemüht sich auch nicht einmal mehr, den Anschein zu erwecken, dass ihm das wichtig sei. Sein erklärtes Ziel ist es, angeblich unterrepräsentierten Meinungen Gehör zu verschaffen – obwohl Persönlichkeiten wie Höcke oder Elon Musk bereits über erhebliche Reichweiten verfügen.
Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem: Zahlreiche reichweitenstarke Medienschaffende wenden sich zunehmend offen von journalistischen Standards ab. Diese Standards sind eine historische Errungenschaft, da sie durch kritisches Hinterfragen und Einordnen eine umfassende Information der Öffentlichkeit ermöglichen sollen.
Dieser Trend korrespondiert mit einer Entwicklung im rechtsextremen Spektrum, wo Akteure offen mit ihrer Missachtung moralischer Normen und Regeln kokettieren – und damit politisch Erfolg haben. Ähnliches ist für Marine Le Pen zu erwarten: Ihre ethisch fragwürdige Haltung wird ihr vermutlich eher nützen als schaden.
Insgesamt ist der beobachtbare Niedergang journalistischer Standards eng mit einem allgemeinen Bedeutungsverlust von Werten wie Anstand und Integrität in der Gesellschaft verbunden.
Vielen Dank, lieber @Peter
Ich kann Dir sagen, dass Du mit dem Ärger über das handzahme Ben Berndt-Interview in der „Jüdische Allgemeine“ nicht alleine bist – und dass das auch nicht nur in Baden-Württemberg aufgefallen ist.
Bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion im Landesarchiv Karlsruhe hatte ich dem meinerseits sehr geschätzten Chefredakteur Philipp Peyman Engel noch gutmütig zugerufen: „Geh mit der ZEIT, aber nicht mit der WELT!“
Auch hatte ich ihn gegen Anfeindungen in Schutz genommen, zumal wir beide teilweise von den gleichen Hatern und Trollen attackiert werden:
https://www.youtube.com/shorts/0Qvj3R7E8Fs
Auch deswegen hätte ich mir andere, medienethische Weichenstellungen gewünscht. Mein Team und ich produzieren seit dem März 2020 den Podcast „Verschwörungsfragen“ mit inzwischen 69 Folgen, der inzwischen größte, deutschsprachige Podcast zur Aufklärung von Antisemitismus und Verschwörungsmythen.
https://verschwoerungsfragen.podigee.io/
Auf die Idee zu einem Interview dazu kam die „Jüdische Allgemeine“ leider bisher nicht.
Wie im Blogpost oben geschrieben, sehe ich durch die Digitalisierung einen weltweiten Zusammenbruch des bisherigen Meinungskorridors, vor allem durch Rechtsmimesis. Und ich erwarte von Verantwortlichen nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien, dass sie diesem fatalen Trend nicht nachlaufen, sondern Haltung bewahren!
https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2025/10-2025/medien-und-mimesis-journalismus-in-zeiten-digitaler-aufmerksamkeitsoekonomie/
Zumal ich befürchte, dass wir auch angesichts der eskalierenden Hitzekrise in den kommenden Monaten und Jahren noch viel Externalisierung und Verschwörungsgeschwurbel erleben. Als kleinen Prä-Test hatte ich heute mal unter ein FOCUS(!)-Video zur nächsten, drohenden Hitzekrise und den vielen reaktanten Kommentaren dort geschrieben:
Der auch hier zu lesende, emotionale Widerstand gegen die Klimakrise (und früher auch z.B. gegen Covid19-Schutzmaßnahmen) erklärt sich übrigens aus drei psychologischen Faktoren:
1. Reaktanz – Menschen lehnen Freiheitsbeschränkungen instinktiv ab, vgl. die Wut auch gegen die Einführung der Gurtpflicht.
2. Kognitive Dissonanz – Menschen empfinden Schmerzen, wenn neue Fakten ihre früheren Wahr-Nehmungen bedrohen. Und
3. Verschwörungsglauben – Anstatt sich unangenehmen Erkenntnissen zu stellen, greifen schwache Menschen lieber auf Verschwörungsmythen zurück und externalisieren damit ihre eigenen Gefühle.
Wer sich interessiert & mutig ist, kann ja mal die bisher schon auch feindseligen Drukos darunter lesen…
https://www.youtube.com/watch?v=DDRhbazuQmo&lc=UgzsPFK9K35w-ksVhhh4AaABAg
Die Ängste, die dabei dualistisch und teilweise verschwörungsgläubig externalisiert – sowie auch durch gezielte Medienkampagnen manipuliert – werden, verstehe ich dabei sogar:
Die Hitzewelle bis Ende Juni hat nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) 5.120 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Allein in der Woche mit den besonders heißen Tagen vom 22. bis 28. Juni habe es 4.310 hitzebedingte Todesfälle gegeben, heißt es in einem aktuellen RKI-Bericht.
https://www.tagesschau.de/wissen/klima/robert-koch-institut-hitzetote-deutschland-100.html
Ich meine, dass wir den Verängstigten eine wissenschaftlich klare, eindeutige und dann auf Wunsch auch dialogisch-erklärende Haltung schulden. Im Angesicht existentieller Krisen rechtsdualistischen Akteuren in Medien, Politik und Religionen sowie Verschwörungsunternehmern nachzulaufen bringt nach meiner Einschätzung niemanden weiter.
@Relaxvideo
Ich höre das gerade im Hintergrund, und denke an Welten, in denen alles funktioniert.
Könnte das dann am Ende maßgeblich sein? Wenn die Energiewende in den vernünftigen Städten funktioniert, mögen die Landkreise dann doch auch ein Einsehen haben?
Gerade PV im Stadtgebiet mit hinreichend Kurzfristspeichern vor Ort wäre doch recht autark. Die Windräder wären eher was fürs Umland, und aufgrund nötiger eigener Netzanschlüsse nicht unbedingt die erste Wahl. Der Windstrom selbst mag günstiger sein und mehr Energie gerade im Winter liefern, aber auch dieses nur Wochenweise und eben eher fern des Verbrauchers.
Dann muss man eben mit deutlich mehr PV auch mehr Saisonalen Speicher realisieren. Und vielleicht tatsächlich zusätzlichen Wasserstoff per Pipeline aus den PV-Überschüssen Südeuropas beziehen. Ergänzt mit französischem Atomstrom.
Wenn die Franzosen tatsächlich neue AKWs mit viel staatlicher Subventionierung neubauen, dann ist das das Problem der französischen Steuerzahler, nicht unseres.
Die Landkreise hätten dann immer noch das Potential, neben eigener PV jede Menge Windräder beizusteuern, und damit selber auch gutes Geld zu verdienen. Die potenziellen Standorte bleiben erhalten, und überdauern jede Reaktanz. Insbesondere im Umfeld florierender Städte in Süddeutschland.
Die Küstenregionen sind mit Windenergie längst schon ganz gut versorgt. Neue Hochspannungsleitungen von Nord nach Süd könnten deutlich teurer sein, als weitere Windräder gleich näher am Verbraucher insbesondere im Süden aufzubauen.
Wenn man die bestehenden Windräder gleich mit integriertem Speicher ausstattet, dann kann man in der Nähe gleich einiges an Leistung dazubauen, ohne neue Anschlüsse zu legen. Das könnte dann schon bald wirklich reichen.
Was ist das für eine Musik? Das hört sich gut an.
Vielen herzlichen Dank, @Tobias – auch für Dein Interesse am Track „Solarpunk – Trance pt 2“, der mir auch sehr zusagt!
Nach einem dialogischen YouTube-Kommentar hatte @Trance Odyssey einen ersten Solarpunk-Track entworfen, der für meinen Geschmack sehr fein, aber noch etwas zu schnell war.
https://youtu.be/v6mGYdlsrDA
Die hier eingebundene, zweite Version („pt 2“) sagt mir sehr zu, da sie auch ent-hetzt, die Weite der Zeit anspricht. 🙂
Große Zustimmung auch zu Deiner Betonung der Landkreise – sehr bewusst habe ich ja immer wieder auf die manchmal als „Wunder“ bezeichnete „Wasserstoff-Hoffnung“ Wunsiedel in Bayern hingewiesen.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/
Entsprechend sehen wir schon jetzt, dass in Norddeutschland mehr Wind- und in Süddeutschland mehr Sonnenenergie gewonnen wird. Anstatt diesen Fortschritt abzuwürgen, sollten dringend Kommunen an den Einnahmen größerer Anlagen beteiligt und damit weitere Anreize für eine kluge, dezentrale, energiedemokratische Struktur erneuerbarer Friedens- und Wohlstandsenergien geschaffen werden.
Leider habe ich auch nicht in den Medien, sondern erst auf der Homepage des Bundes-Umweltministeriums erfahren, dass Umweltminister Carsten Schneider (SPD) in einer bemerkenswerten Rede dazu von erneuerbaren Sicherheitsenergien gesprochen hat:
https://www.bundesumweltministerium.de/rede/carsten-schneider-die-erneuerbaren-energien-sind-sicherheitsenergien
Hatte dazu auf Mastodon gepostet:
Gerade entdeckt, dass Umweltminister Carsten Schneider (SPD) Erneuerbare Energien in einer Rede vom Januar zwar nicht als Friedens-, aber immerhin als Sicherheitsenergien bezeichnet hat. Respekt!
Hoffen wir nun, dass der #Bundestag seiner Verantwortung als Gesetzgeber nachkommt & nicht zulässt, dass fossiler Lobbyismus das #EEG zum Jahresende „auslaufen“ lässt!
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116856845431840583
Ich fürchte, die meisten fossil geprägte Konzernmedien werden diese wichtigen Diskurse und Begriffe noch sehr lange nicht aufgreifen…
Bei diesem Blogpost musste ich erst einmal nach mehr Informationen suchen. Es war mir aus verschiedenen Gründen nicht klar, was er meinte.
Historische Zeitungen sind heute zahlreich digitalisiert und online abrufbar. Bei der Württembergischen Landesbibliothek findet man u.a. die, die in Stuttgart erschienen.
Zu diesen gehört der „Schwäbische Merkur“, dessen erste Ausgabe auf den 03.10.1785 datiert ist. Da sich diese Zeitung bis ins 20. Jahrhundert durchgehend in den Händen der Familie Elben befand, würde ich nicht von einem Konzernmedium sprechen.
Seit 1907 gab es die „Württemberger Zeitung“. Die drei beteiligten Verleger waren alle keine Stuttgarter. Außerdem erschienen in ihren jeweils eigenen Verlagen weitere Tageszeitungen und/oder Zeitschriften. Im Gegensatz zum „Schwäbischen Merkur“ passt die Bezeichnung Konzernmedium, und Werbung umfasste mehrere Seiten.
Horkheimer und Adorno sind für mich als Nicht-Akademikerin schwer zu verstehen.
Die Kunst wird zur (Massen)-Ware und ist damit keine Kunst mehr. Der Künstler ist demnach auch keiner.
Das ist mir doch etwas übertrieben. Ich verlinke den Artikel über Bernhard Pankok im Stadtlexikon Stuttgart. Er entwarf u.a. Gebrauchsgegenstände. Künstlerisches Design, Kunsthandwerk und tägliche praktische Nutzung sollten sich nicht ausschließen.
https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/
Gebrauchsgegenstände werden meist in hoher Stückzahl hergestellt, beworben und verkauft. Kapitalismus. Aber ist eine künstlerisch gestaltete Kaffeekanne deshalb „nur“ ein Gebrauchsgegenstand?
Im übrigen empfinde ich manches, was Horkheimer und Adorno schreiben als die Arroganz des Bildungsbürgertums.
Natürlich waren und sind Spielfilme ein Produkt der Unterhaltung. Das Kino bot lange Zeit eine der wenigen Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung für die kleinen Leute. Theater und Oper waren den Großbürgern vorbehalten.
Medien können und werden missbraucht. Ich verstehe Horkheimer und Adorno nicht.
Wer seine Lieblingsmusik hört oder einen Film schaut, der vergisst für kurze Zeit den Hass und den Streit!
Wenn ich das auf einen Nenner bringen soll, dann sind Filme, CDs, usw fossile Konzernmedien, die nur Schaden anrichten?
Geht es vielleicht etwas differenzierter?
Vielen Dank für Ihr kritisch-konstruktives Ringen mit dem Blogpost, @Marie H. 🙏👍
Daher gehe ich gerne wiederum dialogisch auf Ihren Kommentar ein.
„Bei diesem Blogpost musste ich erst einmal nach mehr Informationen suchen. Es war mir aus verschiedenen Gründen nicht klar, was er meinte.“
Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben. Denn im Kern ging und geht es um den Begriff der (fossilen) Konzernmedien im Unterschied zum allgemeinen Medienbegriff.
„Historische Zeitungen sind heute zahlreich digitalisiert und online abrufbar. Bei der Württembergischen Landesbibliothek findet man u.a. die, die in Stuttgart erschienen.
Zu diesen gehört der „Schwäbische Merkur“, dessen erste Ausgabe auf den 03.10.1785 datiert ist. Da sich diese Zeitung bis ins 20. Jahrhundert durchgehend in den Händen der Familie Elben befand, würde ich nicht von einem Konzernmedium sprechen.“
Das stimmt, hier haben wir eine ebenso regionale wie wertvolle Tradition einer klassischen Zeitung.
Der Begriff Zeitung tauchte als zidunge aus dem Mittelniederdeutschen tidinge („Botschaft“) mit der Bedeutung „Kunde“ oder „Nachricht“ im Raum Köln bereits am Anfang des 14. Jahrhunderts auf. Er wurde im Deutschen auch für mündliche oder schriftliche Botschaften noch bis ins 19. Jahrhundert gebraucht, bis sich dann unter dem Eindruck von großen Druckmaschinen in Medienkonzernen das Verständnis von „Zeitung“ als Druckwerk durchsetzte.
„Seit 1907 gab es die „Württemberger Zeitung“. Die drei beteiligten Verleger waren alle keine Stuttgarter. Außerdem erschienen in ihren jeweils eigenen Verlagen weitere Tageszeitungen und/oder Zeitschriften. Im Gegensatz zum „Schwäbischen Merkur“ passt die Bezeichnung Konzernmedium, und Werbung umfasste mehrere Seiten.“
Ja, Sie haben es m.E. doch durchaus erfasst!
„Horkheimer und Adorno sind für mich als Nicht-Akademikerin schwer zu verstehen.“
Das ging mir auch so und dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass es die „Dialektik der Aufklärung“ nie ins allgemeine Bewusstsein geschafft hat. Mit Rede und Verschriftung hier versuche ich einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass einige ihrer wertvollen Erkenntnisse wie die Bedeutung der Mimesis ins digitale 21. Jahrhundert übersetzt werden.
„Die Kunst wird zur (Massen)-Ware und ist damit keine Kunst mehr. Der Künstler ist demnach auch keiner.“
Ja, so hätten es die beiden auch formulieren können. Ich gebe diese – nach meiner Auffassung: überspitzte – Aussage wieder, ohne sie zu teilen. Deswegen habe ich diesen Blogpost etwa mit der ZEIT bebildert, die zwar ebenfalls ein Konzernmedium ist, aber die ich bis heute gerne und mit Respekt lese.
„Das ist mir doch etwas übertrieben. Ich verlinke den Artikel über Bernhard Pankok im Stadtlexikon Stuttgart. Er entwarf u.a. Gebrauchsgegenstände. Künstlerisches Design, Kunsthandwerk und tägliche praktische Nutzung sollten sich nicht ausschließen.
https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/
Gebrauchsgegenstände werden meist in hoher Stückzahl hergestellt, beworben und verkauft. Kapitalismus. Aber ist eine künstlerisch gestaltete Kaffeekanne deshalb „nur“ ein Gebrauchsgegenstand?“
Auch das stimme ich Ihnen zu – und erinnere daran, dass sich Adorno auch mit seiner Abwertung des Jazz, mit durchaus rassistischen Anklängen, für alle Zeiten blamiert hat.
Schon in den 1930er Jahren prägte der marxistische Theoretiker Georg Lukács (1885–1971) den schönen Begriff „Grand Hotel Abgrund“ für bildungsbürgerliche Salonmarxisten, die es sich in Untergangsfantasien fein eingerichtet hatten, statt sich wirklich in den Sozialismus zu begehen. Auch Adorno und Horkheimer lebten auch nach ihrer Flucht aus NS-Deutschland lieber im westlichen Kapitalismus, den sie so sprachmächtig kritisierten.
Entsprechend kann ich das Buch „Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit“ (Klett 2019) von Stuart Jeffries wirklich sehr empfehlen!
„Im übrigen empfinde ich manches, was Horkheimer und Adorno schreiben als die Arroganz des Bildungsbürgertums.“
So empfinde ich das auch. Und habe hier auch in meiner Antwort an @Peter Gutsche genau diesen Aspekt gerne ausgeführt.
„Natürlich waren und sind Spielfilme ein Produkt der Unterhaltung. Das Kino bot lange Zeit eine der wenigen Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung für die kleinen Leute. Theater und Oper waren den Großbürgern vorbehalten.
Medien können und werden missbraucht. Ich verstehe Horkheimer und Adorno nicht.“
Aus meiner Sicht waren es klassische, linksautoritäre Bildungsbürger, die „den Kapitalismus“ laut kritisierten, aber selbst ein großbürgerliches und durchaus patriarchales Leben führten. Kein Wunder, dass spätere Studenten und vor allem Studentinnen der 68er Bewegung die Frankfurter Schule und auch Adorno selbst so massiv herausforderten, dass dieser die „kapitalistische“ Polizei rief und die Flucht ergriff…
Hier eine Wikipedia-Schilderung der Ereignisse am 22. April 1969 im Hörsaal VI der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main:
„Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten“ hatte ein Student zu Beginn der Vorlesung des Philosophieprofessors Theodor W. Adorno Einführung in dialektisches Denken an die Tafel geschrieben.
Ein anderer Kommilitone rief Adorno zur Selbstkritik auf und bezog sich dabei auf die von Adorno mit Hilfe der Polizei veranlasste Räumung seines Instituts für Sozialforschung, das einige Wochen vorher von Studenten unter Führung von Hans-Jürgen Krahl besetzt worden war.
Die Basisgruppe Soziologie verteilte Flugblätter mit der Aufschrift „Adorno als Institution ist tot!“.
Der Professor wiederum reagierte auf den Tumult, indem er dem Auditorium das Ultimatum stellte, innerhalb der nächsten fünf Minuten zu entscheiden, ob die Vorlesung stattfinden solle oder nicht.
Drei Studentinnen kamen nach vorne und umringten den Professor, wobei sie ihre Brüste entblößten und dabei versuchten, Rosen- und Tulpenblüten auf sein Haupt zu streuen.
Adorno verließ in der Folge unter allgemeiner Heiterkeit mit erhobener Aktentasche den Hörsaal.
Es war Adornos letzter öffentlicher Auftritt vor seinem überraschenden Tod einige Monate später, als er am 6. August 1969 während eines Urlaubs in der Schweiz verstarb.
https://de.wikipedia.org/wiki/Busenattentat
„Wer seine Lieblingsmusik hört oder einen Film schaut, der vergisst für kurze Zeit den Hass und den Streit!
Wenn ich das auf einen Nenner bringen soll, dann sind Filme, CDs, usw fossile Konzernmedien, die nur Schaden anrichten?“
So hätten es Adorno und Horkheimer wohl zumindest eine Zeitlang gesehen – wobei wir aber doch auch so fair sein sollten, anzuerkennen, dass sie diesen Eindruck als Verfolgte des NS-Regimes und heftiger Konflikte auch in den USA bekamen.
Ich teile den größten Teil Ihrer Kritik, @Marie H. – doch sollten wir nach meiner Einschätzung nicht umgekehrt den Fehler machen, unsere heutigen Verhältnisse in die 1940er Jahre der „Dialektik der Aufklärung“ zurück zu datieren. Die linksdualistische Kritik an der „Kulturindustrie“ war sicher überzogen, aber in Teilen auch von bleibendem Erkenntniswert – und vor allem vor dem Hintergrund ihrer Zeit und Lebensbahnen mehr als verständlich.
„Geht es vielleicht etwas differenzierter?“
Ich finde, Sie haben genau das geschafft! Und ich hoffe, es ist auch deutlich geworden, dass ich (als Popper-Anhänger, der von einem Linksdualisten hier auch schon als „Solarpopper“ verspottet wurde) Adorno und Horkheimer weder dualistisch verdamme noch als Helden anbete, sondern fair und dialogisch, also kritisch-konstruktiv aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und darzustellen versuche. So schildere ich, wie Hugenbergs fossile Konzernmedien tatsächlich eine verhängnisvolle Rolle bei der Machtergreifung Hitlers gespielt haben, würdige aber auch die Jahrzehnte der bundesrepublikanischen Stabilität und mache deutlich, dass auch heute ein enormer Unterschied zwischen der Medienethik in ZEIT und WELT besteht.
Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich auf dieses m.E. wichtige Kapitel der Mediengeschichte eingelassen haben und meine, dass wir zu ziemlich ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt sind. Und genau für solche Dialoge blogge ich so gerne! 🙏📗