Kleine Presseschau: Die WELT zur Evolution der Religion und Spektrum zu Altamerika

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Derzeit leben wir zwischen Umzugskartons und ich kann daher nur sporadisch online sein. Weil auch Netz und sogar Fernseher nicht laufen, genieße ich das Lesen in den frühen Morgen- und späten Abendstunden gerade umso mehr. Eine sehr erfreuliche Überraschung boten WELT am Sonntag und ihre Kompakt-Ausgabe, die ausführlich über die Evolutionsforschung zur Religiosität berichteten. Meines Erachtens nach ist es der Neurowissenschaftlerin und Wissenschaftsjournalistin Fanny Jimenez dabei sehr gut gelungen, auf knappem Raum wesentliche Erkenntnisse und Debatten zusammen zu fassen. Die schon rege Diskussion unter dem WELT-Artikel lässt zudem hoffen, dass weitere Interessierte tiefer in das Thema einsteigen werden.

Sehr große Freude bereitete mir auch die Freitag eingetroffene Spektrum der Wissenschaft-Spezial zu “Amerika vor Kolumbus”.

Heather Pringle bietet dort einen hervorragenden Einstieg in den Forschungsstand zu der Frage, wann und welche Menschen das heutige Amerika auf welcher Route erreicht haben. Francois Gedron schildert die (eigenständige!) Entwicklung der Landwirtschaft in den Amerikas. Rene Dehnhart lässt uns als Religionsarchäologe beim Denken und Abwägen geradezu zuschauen – hervorragend! Klaus-Dieter Linsmeyer befasst sich mit der Entwicklung der Schriften in den altamerikanischen Kulturen und Christoph Marty ergänzt durch die aztekische Mathematik. Weitere Artikel befassen sich mit der Frage nach “verschwundenen” Hochkulturen im Amazonasgebiet sowie Klimastudien und Simulationsberechnungen.

In dem Heft wird meines Erachtens nicht nur ein sehr guter Forschungsüberblick geboten – samt kritischer Einwände z.B. von Nikolai Grube und Hanns Prem. Es wird vor allem auch deutlich, welche Chancen in der Altamerikanistik liegen!

Hier haben wir eine Vielzahl von Kulturen, die sich nach der Einwanderung aus Ostasien über Jahrtausende hinweg völlig eigenständig von Afrika und Eurasien entwickelten – ein “natürliches Experiment” größtmöglichen Ausmasses! Alles, was wir über die Natur- und Kulturgeschichte des Menschen aussagen, kann hier also noch einmal an Fällen überprüft werden. Konkret zum Beispiel in meinem Forschungsbereich: Auch in Nord-, Mittel- und Südamerika entfaltet sich der von Natur aus religiös musikalische Mensch, der Homo religiosus, entlang sehr gut vergleichbarer Entwicklungsschritte wie in Afrika und Eurasien (bis hin z.B. zu eigenen Pyramidenbauweisen).

Und: Gerade der Mangel an Schriftzeugnissen fördert eine sehr interdisziplinäre Forschung, die zum Beispiel mit Gen-, Pollen-, Klima- und Sedimentanalysen arbeitet. Auch davon kann die europäische Kultur- und Geisteswissenschaft enorm profitieren. Dieses Spektrum Spezial verdeutlicht m.E. überzeugend: Die Altamerikanistik ist eine Chance für das Verstehen des Menschen und seiner Geschichte. Danke dafür!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

4 Kommentare

  1. @Kai

    Nein, nur in ein Haus in der gleichen Stadt. Die deutschen Standard-Wohnungen sind auf drei Kinder leider nicht (mehr) angelegt – eines dieser Probleme, die man als so genannte “kinderreiche Familie” in D. so hat…

Schreibe einen Kommentar