Jung, jüdisch, Lehrerin – Ruth Bostedt aus Baden-Württemberg

Über die Anfrage von Marina Weisband und Eliyah Havemann, ein Vorwort zu ihrem neuen Buch “Frag uns doch! Eine Jüdin und ein Jude erzählen aus ihrem Leben” beim S. Fischer-Verlag zu schreiben, hatte ich mich sehr gefreut. Denn weder als Religionswissenschaftler noch als Beauftragter BW gegen Antisemitismus sehe ich meine Aufgabe darin, “anstelle” von Jüdinnen und Juden zu sprechen. Stattdessen verstehe ich es als meine Aufgabe, direkte Begegnungen und Dialoge zu fördern, etwa durch den Abbau von Verschwörungsmythen und Vorurteilen, durch das Schaffen sicherer Räume, das Fördern sinnvoller Projekte (deswegen kämpfe ich auch um mehr Etat) und auch durch wissenschaftlich informierten, textlichen Brückenbau.

Was das Judentum sei – und wer Jüdin und Jude sei – kann Religionswissenschaft bestenfalls nachvollziehen und beschreiben. Im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft entscheiden und gestalten können es jedoch immer nur – und das gilt für jede lebendige ethnische, kulturelle und religiöse Tradition – die Betroffenen selbst.

Und wenn ich also wieder und wieder davon erzähle und schreibe, dass der Noahsohn Sem laut der jüdischen Auslegung der Thora gerade kein Begründer einer “Rasse” oder Sprachgruppe, sondern der erste Gründer eines Lehrhauses in Alphabetschrift gewesen sei, ja dass auch der Begriff der “Bildung” direkt aus dem ersten Buch Mose abgeleitet worden ist – dann denke ich dabei auch selbst nicht nur an alte Texte, sondern an lebendige Menschen.

So denke ich zum Beispiel bei starken Jüdinnen nicht nur an die biblische Esther, sondern konkret auch an die Freiburgerin Ruth Bostedt, Mitglied meines Expertenrates bei der Landesregierung, die selbstbewusst auch bereits beim WDR zu “1700 Jahre jüdischem Leben in Deutschland” über ihre Biografie und Identitätsentwicklung gesprochen hat. Ruth ist auch nicht nur Präsidentin des Bundes jüdischer Studierender in Baden, sondern arbeitet in buchstäblich bester semitischer (und also ausdrücklich nicht-rassistischer!) Weise auf den Lehrberuf hin. Dazu habe ich sie hier gefragt:

Ruths Kollegin im Bund jüdischer Studierender in Baden ist Hanna Veiler, die auch im Filmprojekt “Jung und jüdisch in Baden-Württemberg” u.a. zum Einsatz in Schulen mitwirkte. Die Digitalisierung, die für soviel Hass und Hetze missbraucht wird, kann eben auch ein Medium des Dialoges und, ja, der Begegnung sein. Genau wie es Marina und Eliyah zunächst via Twitter praktiziert und dann in Buchform gegossen haben: “Frag uns doch!”

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Sie vergaßen, zu erwähnen, daß #FragEinenJuden von Weisband/Havemann zuerst eine YouTube-Aktion war, die durchaus ein niederschwelligeres Angebot sein mag für den, der das nicht gleich als Buch vertieft lesen möchte. (Wie in Ihrem Link angeführt.)

  2. “1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland…”
    Kann wohl nicht der Wahrheit entsprechen denn Deutschland als Nation besteht erst seit 1871. Zuvor gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation was 962 entstand, aber mit dem heutigen Nationalbegriff nichts gemein hatte .Diesem Satz folgend müssten bereits im dritten Jahrhundert in “Deutschland” Juden gelebt haben, was angezweifelt werden muss da diese Territorien von germanischen Stämmen besiedelt waren die den Begriff “Deutsch” nicht gebrauchten bzw. Stammesbezeichnungen trugen ( Goten/Langobarden/Bayern etc.). Große Gebiete südlich des Limes gehörten auch zum Römischen Reich. Dieser Satz ist also historisch gesehen nicht richtig .

    • Klar, @Golzower. Keine Rede dazu und kein Text, die nicht genau darauf verweisen würden, dass es das heutige Deutschland so vor 1700 Jahren noch gar nicht gab. Die deutsche und jüdische Identität entwickelten sich also gemeinsam – und lange bevor von „Deutsch“ die Rede war, wurden die Regionen nördlich der Alpen dem Japhet-Enkel Aschkenas zugeordnet.

      Danke, dass Sie mitdenken und gedanklich mitgehen.

    • Ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin von 321 erwähnt die Kölner jüdische Gemeinde. Es gilt als ältester Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen.

      Googlen ist so einfach …

  3. Die Zwei-Minuten-Lektionen hat Dr. Webbaer gerne zK genommen, bei der längeren Sitzung, 40 Minuten und so, konnte und wollte Dr. W nicht umfänglich folgen, nun kommentarisch so ergänzend :

    -> http://www.youtube.com/watch?v=ipUX20jlC4o (“Was ist Antisemitismus?”)


    1.) Antisemitismus ist gegen Juden gerichtet, nur gegen Juden, dieser Begriff ist sicherlich problematisch, denn Hass und Verachtung auf oder von Juden meint Juden und nicht sog. Semiten.
    Denkbarerweise ist hier ungünstig von Nationalsozialisten (“Warum wir Antisemiten sind”, der “Führer” und so, ein Text ist gemeint) übernommen worden, begrifflich.

    2.) Rassismus war mal in der bekannten Online-Enzyklopädie wie folgt definiert :
    ‘Racism is usually defined as views, practices and actions reflecting the belief that humanity is divided into distinct biological groups called races and that members of a certain race share certain attributes which make that group as a whole less desirable, more desirable, inferior or superior.’

    3.) Sogenannter Antisemitismus ist nicht nur Rassismus, sondern auch gegen Juden gewendete kulturelle Abneigung bis Hass, Dr. Webbaer vermag insofern auch nicht eine sozusagen abschließende Definition von Judenhass / Antisemitismus beizubringen (noch nicht!, lol), es geht hier gegen jüdische Kultur (zu der Dr. W einiges schreiben könnte, auch kritisieren könnte, auch nicht der Meinung ist, dass im Judentum die Frau angemessen, zeitgenössische Maßstäbe anlegend, bearbeitet wird).
    Derartige Kritik muss dann nicht antisemitisch sein, auch sog. Antizionismus, auch von Juden geübt, vgl. bspw. mit dem wundervollen Medium mit dem Namen “Haaretz”, auch bundesdeutsch vielleicht mit Herrn Rolf Verleger, geht irgendwie, auch wenn er nicht selten antisemitisch wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der mit schlechten Definitionen, das Thema meinend, unsere jüdischen Freunde, die idR das Gefühl und unterstellte Absicht des Anderen meinen, nicht happy geworden ist)

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